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Dhyana Samadhi, Mani Avastha und Befreiung

Rezitation des 1. Verses des 4. Kapitels als Anrufung von Guru und Shiva, um somit göttlichen Segen anzurufen für alle Verse des 4. Kapitels, die ich in dieser Reihe kommentieren werde.

Öffne dich für die Kraft und Wirkung des Mantras

* OM OM  OM 

* OM Namah Shivaya Guraveh Nada Bindu kalatmane Niranjana padam yati nityam tatra parayanah

* Om Namah Shivaya Guraveh Sat chidananda murtaje Nishprapanjaya shantaya Shri Sivanandaya te namah Shri Vishnu-devanandaya te namah

 

Konzentrations – und Meditationstechniken

Das 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika (HYP) ist das Abschlusskapitel. Das letzte Kapitel. Hier will uns Svatmarama, der Autor der Hatha Yoga Pradipika, zu Samadhi führen. Er beschreibt verschiedene Konzentration – und Meditationstechniken der Hatha Yoga Pradipika. Insbesondere die Shambhavi Mudra Meditation. Er beschreibt die Nada Yoga Meditation, die dann übergeht in Laya Meditation. Schließlich spricht Svatmarama über die Konsequenzen, wenn ein Yogi in Samadhi kommt. Er beschreibt auch Unmani Avasta, den Zustand der Befreiung jenseits des Geistes, Moksha.

 

Am 4. Kapitel wird noch mal deutlich, dass Hatha Yoga eben weit über Übungen für Therapie, Gesundheit, Wohlbefinden, für mehr Energie, für Gelassenheit des Geistes hinausgeht. Als solches wird Hatha Yoga ja auch im Ayurveda gelehrt. Hatha Yoga ist ein Teil des Ayurvedas.

Aber Hatha Yoga geht eben auch darüber hinaus. Es dient insbesondere dazu, Prana zu harmonisieren. Die Energie aus den anderen Nadis in die Sushumna, in die feinstoffliche Wirbelsäule zu bringen. Dann die Energie durch die Sushumna nach oben zu bringen, dabei die Chakras zu öffnen. Dann ist tiefe Mediation möglich. Ist die Energie in der Sushumna, dann entsteht Dhyana, die Meditation.

Fließt die Energie weiter nach oben,  kommt es zu Samadhi. Wenn die Kundalini vollständig erwacht ist, und sich im Sahasrara Chakra befindet, dann ist Nirwikalpa Samadhi erreicht. Oder wie es Svatmamara im 4. Kapitel bezeichnet Nishpatti Avastha, der unbedingte Zustand jenseits von allem Vorstellungsvermögen. Samadhi. Dann ist das Ziel des Lebens erreicht.

  1. Kapitel als Erfüllung des Hatha Yoga

Techniken über Mudras

So ist dieses 4. Kapitel der HYP praktisch die Erfüllung des Hatha Yoga. Hier geht es tatsächlich um Meditationstechniken. Die Techniken, die Svatmarama vorschlägt, sind insbesondere  Shambavi Mudra. Was eine gewisse Konzentration auf die Chakras in Verbindung mit besonderen Augenhaltungen bedeutet.

Als zweites Nada Yoga, die Konzentration auf den inneren Klang. Svatmarama beschreibt auch die verschiedenen Stadien des inneren Klanges. Er macht es zum einen sehr fortgeschritten, aber dann gibt er auch ein paar praktische Übungen, die man selbst üben kann. Letztlich werden diese Hatha Yoga Pradipika Meditationstechniken erreicht über Mudras.

Mudras für das Zur-Ruhe-kommen des Geistes

Mudras wie Shambavi Mudra, Yonih Mudra und Ketchari Mudra verhelfen dazu, dass der Geist ruhig wird. Ist der Geist ruhig, dann kann er in die tiefe Meditation gehen und dann auch in die Stadien von Dhyana und Samadhi kommen. Svatmarama beschreibt dann die verschiedenen Samadhi Stufen von Alamba Avastha bis zum höchsten Zustand, Nishpatti Avastha.

Übersicht über die Kapitel der Hatha Yoga Pradipika

So kannst du also gespannt sein auf die ganzen Verse des 4. Kapitels. Interessanter hat es sehr viele Verse, 114 insgesamt. Damit ist es das zweitlängste Kapitel. Das längste Kapitel ist das 3. Kapitel, wo es um Mudras und Kundalini Erweckung geht. Danach folgt noch das zweite Kapitel, wo es um Pranayama, Prana geht und Kryas geht. Im 1. Kapitel geht es um Asanas und um Hatha Yoga, Yama und Niyama. Es ist das kürzeste Kapitel.

So kann man sehen, in der Hatha Yoga Pradipika geht es im Hatha Yoga auch um Spiritualität und darum, die Gottverwirklichung, die Erleuchtung zu erreichen.

 

Die gesamte HYP findest du auch auf unseren Internetseiten: www.schriften.yoga-vidya.de

Dort findest du alle Verse der Hatha Yoga Pradipika auf Devanagari, in der Transliteration, in der Übersetzung, mehrere Kommentare von Brahmananda sowie verschiedene Kommentare von mir und von anderen.

OM Namah Shivaya Guraveh Nada Bindu kalatmane Niranjana padam yati nityam tatra parayanah

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Mudras und Raja Yoga – Kommentar zu den Versen 126 bis 130 der Hatha Yoga Pradipika, 3. Kapitel

  1. Vers: Svatmarama sagt: „Ohne Raja Yoga gibt es keine Erde, ohne Raja Yoga keine Nacht und ohne Raja Yoga scheinen sogar die vielfältigen Mudras nicht.“

Hier bezieht er sich so ein bisschen auf einen Vers der Upanishaden, wo er auch sagt: „Ohne Brahman strahlen nicht der Mond, nicht die Sonne, nicht die Sterne und auch das Agni usw. nicht. Sondern letztlich hat alles sein Licht von Brahman.“. Hier sagt er auch: „Alle Praktiken, die wir im Hatha Yoga üben, ohne dabei auch Raja Yoga (Kontrolle des Geistes) zu üben, wirkt nichts.“ „Keine Erde“: Mit „Erde“ kann man sagen, ist eine gewisse Festigkeit und letztlich auch Verbindung mit allem auf dieser Erde gemeint. „Ohne Raja Yoga keine Nacht“, Nacht heißt Ruhe des Geistes, Samadhi. Ohne dass du bewusst Raja Yoga übst, kommst du auch nicht in Samadhi hinein. Und ohne Raja Yoga wirken die Mudras nicht. Es ist also wichtig, dass du bei allen Hatha Yoga Techniken konzentriert bist.

  1. Vers: „Alle Verfahren, die den Atem und das Prana betreffen, sollen mit einem auf das Subjekt konzentriertem Geist ausgeführt werden. Der Weise sollte seinen Geist nicht erlauben, während der spirituelles Praxis zu wandern.“

Hier sagt er: „Wann immer du Hatha Yoga übst, sei konzentriert.“ Ich kann mich erinnern, ich habe öfters Swami V. technische Sachen gefragt. Ich wollte wissen, wie setzt man die Zunge hin, wie geht Vajroli Mudra, wie geht Shakti Chalini, wie macht man Nauli genau und vieles andere. Manchmal sagte er es mir. Wenn ich aber viel zu technisch war, hat er immer gesagt: „Don’t worry about details. Concentration is more important.“ Mache dir nicht so viele Gedanken über die Details. Es ist die Konzentration, die besonders wichtig ist. Also, konzentrieren soll man sich. Wann immer du Pranayama, Asanas, Mudras übst, versuche es so konzentriert wie möglich zu machen. Patanjali sagt ja auch: „Konzentriere dich so, wie es dir liegt.“ Wir haben bei Yoga Vidya ja auch viele Techniken, wie man sich konzentrieren kann. Du kannst dich auf den Atem konzentrieren. Du kannst dich auf das konzentrieren, was du fühlst und spürst. Wiederhole ein Mantra und mache eine Visualisierung. Du kannst Bewusstseinswanderungen machen. Letztlich sind die Beschreibungen, die Svatmarama für die Wirkungen der Stellungen gibt, auch Konzentrationstechniken. Wenn er sagt, da ist die schlafende Witwe unten im Muladhara Chakra oder über dem Kanda Punkt, dann kannst du dir auch eine Knolle vorstellen. Da kannst du dir Flüsse oder eine Yogini, die dort meditiert, vorstellen. Oder wenn er von der aufgerollten Schlange spricht, kannst du sie dir auch vorstellen. Oder arbeite einfach mit Mantra, Lichtvisualisierung, Yantra usw. Aber sei konzentriert.

  1. Vers: „So wurden die zehn Mudras von Adinath (Shiva) beschrieben. Jemand, der Selbstzucht besitzt, kann durch irgendeines von ihnen große Vollkommenheit erreichen.“

Zehn Mudras wurden beschreiben. Im nächsten Kapitel wird insbesondere noch Shambhavi Mudra beschrieben. Aber zehn Mudras beschreibt er. Diese zehn Mudras verleihen Siddhi (Vollkommenheit, außergewöhnliche Kräfte und Fähigkeiten). Diese wurden von Adinatha (Shiva) weitergegeben. Und damit auch von śambhunā, also von Shambhu. Wobei Shambu auch Wohlwollen heißt. Das ganz ist Wohlwollen. So sollten wir diese mit Ehrerbietung behandeln. Wann immer wir Yoga praktizieren. Letztlich heißt es, sie sind uns von Gott offenbart worden. Das soll heißen, wir wollen mit Demut und Ehrerbietung praktizieren. Wir sollten Respekt vor diesen Praktiken haben. Diese Techniken sollten wir mit Selbstzucht praktizieren. Wir sollten selbst daran arbeiten, dass wir unseren Geist beherrschen, tugendhaft sind, unsere Ernährung beherrschen und so weiter.

  1. Vers: „Derjenige, welcher das Geheimnis, wie sie von Guru (Lehrer) zu Guru weitergegeben wurde, lehrt, ist der wahre Guru. Er kann Ishvara in menschlicher Gestalt genannt werden.“

Wenn du fortgeschrittene Hatha Yoga Techniken lernst, ist zunächst einmal wichtig, dass du prüfst. Derjenige, der sie dich lehrt, hat er eine gute Anweisung bekommen? Von wem hat er sie gelernt? Alles, was man sich selbst beibringt, ist schwierig. Du kannst zwar mit unseren, ich habe ja einen 5-wöchigen Pranayama Kurs ins Internet gestellt. Damit kannst du einiges üben. Aber es reicht nicht aus, um es weiterzugeben. Für dich selbst kannst du üben. Aber, um es weiterzugeben, musst du dafür autorisiert sein. Du brauchst dafür eine spirituelle Kraft, um es weiterzugeben. Das Geheimnis der Mudras ist nicht nur Technik, sondern da fließt auch spirituelle Kraft mit. Wenn du praktizierst, dann öffne dich auch für die spirituelle Kraft, die in dich hineinfließt. Wenn du einen Lehrer hast, der dich das gut lehrt, selbst praktiziert, es selbst gelernt hat, dann habe Respekt für ihn. So kann die Energie zu dir weitergehen.

  1. Vers: „Derjenige, der sorgfältig den Worten des Gurus folgt und die Mudras aufmerksam übt, erlangt Siddhi (die Vollkommenheit), verschiedene außergewöhnliche Fähigkeiten und auch die Kunst, über die Zeit hinauszuwachsen.“

Erst hat er den Guru gelobt, aber hier lobt er den Schüler. Der Guru ist Gott selbst, aber wer intensiv praktiziert, wird auch die Vollkommenheit erlangen. So schließt das dritte Kapitel der Hatha Yoga Pradipika zum Thema Mudras.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Voraussetzungen für die Erweckung der Kundalini – Kommentar zu den Versen 121 bis 125, 3. Kapitel, Hatha Yoga Pradipika

  1. Vers: „Nur ein Yoga, der das Leben eines Brahmacharyas führt, eine gemäßigte und nahrhafte Diät befolgt erlangt Vollkommenheit in der Handhabung der Kundalini innerhalb von 40 Tagen.“

Gerade dieser Vers wird auf unterschiedliche Weisen übersetzt. Zunächst gilt es Brahmacharya zu üben. Brahmacharya heißt zum einen sexuelle Enthaltsamkeit. Allerdings hat er ein paar Verse vorher gesagt, wie man Geschlechtsverkehr spiritualisieren kann. So kann man Brahmacharya auch jemanden bezeichnen, der sein Leben auf Gott ausrichtet. Wenn man die Kundalini erwecken will, sollte man auch sonst all sein Tun auf Gott ausrichten. Zweitens gilt es „hita“ (heilsame Nahrung) zu sich zu nehmen. Wobei „hita“ allgemein „heilsam“ ist. Das heißt, man sollte allgemein Heilsames zu sich nehmen. Heilsames ist natürlich zum einen das Essen. Man sollte eine gemäßigte und nahrhafte Diät befolgen. Aber auch sonst darauf achten, dass man seinen Geist nur mit Sattvigem füttert. Wer also eine sattvige Ernährung hat, aber eine rajasige oder tamasige Musik hört, im Internet oder sozialen Medien jedem Skandal nachgeht, sich alle möglichen komischen Dinge anhört und Klatschgeschichten verbreitet, das ist auch nicht gut. Also, erfreue dich am Leben des spirituellen Schülers. Sei also ein spiritueller Schüler, ausgerichtet an Brahman. Nimm Gutes zu dir und dann übe Kundalini Praxis. Dann wirst du „innerhalb von 40 Tagen“ sagt er hier die Selbstverwirklichung erreichen. Wobei da „maṇḍalāt“ steht. „Maṇḍalāt“ heißt eigentlich „nach 40 Tagen“. Es kann aber auch heißen: Praktiziere den Kreis von spirituellen Praktiken. Also, vieles ist dort doppeldeutig. Übe also den Kreis der spirituellen Praktiken des Kundalini Yoga. So wirst du Siddhi (Vollkommenheit) erreichen. Meist wird „Siddhi“ als „übernatürliche Kräfte“ übersetzt, Aber hier steht eigentlich „siddhiḥ“. Das kann man auch als Erfolg, Vollkommenheit, Verwirklichung deuten.

  1. Vers: „Praktiziere im Besonderen Bhastrika, um die Kundalini in Bewegung zu versetzen. Jemand, der in Yama gefestigt ist und das praktiziert, braucht den Tod nie zu fürchten.“

Das heißt zum einen: Übe Bhastrika. Mit Bhastrika kannst du die Kundalini in Bewegung setzen. Dann gilt es auch, in „Yama“ gefestigt zu sein, also die zehn Yamas, die Svatmarama vorher beschrieben hat. Vielleicht erinnerst du dich, bei Patanjali gibt es die fünf Yamas Ahimsa, Satya, Asteya, Aparigraha und Brahmacharya. Svatmarama kennt zehn Yamas. Die sollte man üben. Es reicht nicht aus, nur physisch zu praktizieren. Sondern es ist auch wichtig, die Ethik gefestigt zu halten. Ansonsten wird man zum Dämonen. Wer viel Prana hat, aber nicht ethisch ist und dann das Prana, das er vielleicht durch intensive Atemübungen und Kundalini Yoga bekommt, für Macht, Einfluss, Charisma, Vergnügen und Reichtum nutzt, der ist letztlich ein Asura. Im alten Indien gibt es immer wieder Beschreibungen von Asuras, die intensive spirituelle Praktiken gemacht haben. Atemübungen, gefastet, auf einem Bein gestanden, andere Asanas, viel meditiert, Mantras rezitiert und so weiter. Und die nachher ihre Kräfte für Macht, Vergnügen usw. missbraucht haben. Da musste sich irgendwann Gott inkarnieren, um sie wieder zu beseitigen. Also sei nicht egoistisch, sondern praktiziere zusammen mit Kundalini Yoga die Yamas.

  1. Vers: „Um die Unreinheiten der 72 000 Nadis zu beseitigen, gibt es nichts Besseres als die Praxis von Kundalini.“

Natürlich heißt, erst einmal sollte man alles tun, um die Nadis zu reinigen. Aber du brauchst nicht zu warten bis du vollständig gereinigt bist. Wenn du wartest bis du vielleicht in den fünf Yamas und den fünf Niyamas vollkommen bist, jetzt reduziere ich es wieder auf fünf, kannst du ewig warten. Übe spirituelle Praktiken. Übe Asana, Pranayama, Bandha, sattvige Ernährung. Kultiviere auch die Tugenden. Alles zusammen kann dir helfen, die Nadis zu reinigen, Sushumna zu öffnen und Gott zu verwirklichen.

  1. Vers: „Die mittlere Nadi (Sushumna) wird durch die beständige Praxis der Yogis hinsichtlich Asanas, Pranayama und Mudras gestreckt und geöffnet.“

Wenn du die Praktiken machst, wird der mittlere Energiekanal geöffnet und dann kann die Kundalini nach oben steigen.

  1. Vers: „Derjenige, der dies übt, den Geist fest konzentriert, ohne nachlässig zu werden, erlangt durch Shambhavi oder irgendein anderes Mudra die Vollkommenheit.“

Hier kann man sagen: Du erreichst die Vollkommenheit durch irgendein Mudra. Du musst es nur üben. Wie solltest du es üben? Eben so, wie er es beschrieben hat. Er hat erst gesagt: „Shakti Chalini erweckt die Kundalini.“. Dann sagt er: „Aber damit Shakti Chalini die Kundalini erweckt gilt es, dass du insgesamt dein Leben auf Brahman ausrichtet. Dass du ernährungsmäßig und anders sattviges, wohltuendes zu dir nimmst. Es gilt, dass du die fünf oder zehn Yamas und Niyamas übst. Und dann gilt es auch den Geist zu konzentrieren und das, was du praktizierst, bewusst zu machen. Und dann kannst du durch jedes Mudra zur Vollkommenheit kommen. Nicht nur durch Shakti Chalini.“.

 

Andere deuten, dass man sagt: „Durch Shambhavi Mudra kommst du letztlich zur Vollkommenheit.“ Also praktiziere die verschiedenen Mudras und zum Schluss übe Shambhavi Mudra. Was Shambhavi Mudra ist, beschreibt er im 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika.

Übe also Shakti Chalini. Überlege nochmal: Richtest du wirklich dein Denken und Streben auf Brahman, Gott, das Göttliche, spirituelles Leben aus? Ist das, was du zu dir nimmst, in deine Sinne (Augen, Ohren, Mund, Nase, …) hineingibst, wirklich sattvig? Praktizierst du wirklich intensiv und wie steht es mit deiner Konzentration und Bewusstheit?

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Erweckung der Kundalini mittels Shakti Chalani – Hatha Yoga Pradipika, 3. Kapitel, Verse 114 bis 120

Shakti Chalani gehört zu den intensiv beschriebenen Übungen in der Hatha Yoga Pradipika. Letztlich hat er vorher schon ab Vers 104 darüber geschrieben. Verse 104 bis 120 sind alles Verse über Shakti Chalani. Jetzt sagt er, wie man Shakti Chalani üben soll.

  1. Vers: „In Vajrasana sitzend soll der Yogi beide Füße fest halten, am Platz nah am Knöchel und den Kanda dort drücken.“
  2. Vers: „Der Yogi, in Vajrasana sitzend, soll, nachdem er die Kundalini bewegt hat, fortwährend Bhastrika üben. Er soll die Kundalini schnell erwecken.“
  3. Vers: „Der Yogi soll die Sonne zusammenziehen, und die Kundalini bewegen. Wo ist dann die Furcht vor dem Tod, selbst wenn er vor den Mund des Todes kommt?“
  4. Vers: „Durch dieses furchtlose Schütteln über zweimal 48 (ca. 96) Minuten lang, geht die Kundalini in der Sushumna ein wenig nach oben.“

Hier beschreibt er die Technik. Heute kennen wir Vajrasana als Fersensitz. Du könntest theoretisch in den Fersensitz gehen, die Hände auf die Fußgelenke geben. Dabei ist es am besten, du hast die Füße so weit auseinander, dass das Becken auf den Boden ist. Dabei übst du so fest du kannst Bhastrika. Danach übst du Nauli oder Agni Sara. Dann atmest du durch das rechte Nasenloch ein, hältst die Luft an. Dann gibst du das Becken immer wieder hoch und runter, immer wieder auf den Boden. Danach atmest du links aus. Vajrasana wir nicht immer nur die Bezeichnung für den Fersensitz. Vajrasana gibt es auch, wo du die Füße kreuzt und die Fersen direkt unter dem Kanda hast. Die Fersen kreuzen sich, dann sind die Fersen ganz nah beieinander und du bringst sie an den Kandapunkt. Du lässt den Beckenboden immer wieder darauf hinunter. Oder du kannst einfach den Lotussitz nehmen.

Das ist das, was Swami V. empfohlen hat, wenn du den Lotussitz kannst. Es geht auch in jeder anderen sitzenden Stellung, sogar auf den Stuhl: Hände auf den Boden und Becken heben und senken. Dann sagt er noch „Sonne zusammenziehen“. „Sonne zusammenziehen“ kann man zum einen als Bhastrika-Atem interpretieren, wo du mit dem Bauch atmest, natürlich auch mit der Brust. Man kann es auch interpretieren, dass du bevor du einatmest, ausgeatmet hast und dabei Uddiyana Bandha übst (Bauch einziehen). Dann rechts einatmen und Kundalini aktivieren, indem du das Becken hebst und senkst. Oder du kannst Uddiyana Bandha auch mit leeren Lungen üben, dann Shakti Chalani üben, indem du das Becken hebst und senkst. Und dann rechts einatmen und Luft anhalten und dann nochmals Becken heben und senken. Es gibt also so mehrere Variationen. Er empfiehlt, das eineinhalb Stunden lang zu praktizieren. Eine Runde nach der anderen. Dazu brauchst du gesunde Lungen und du musst ein gereinigtes Energiesystem haben. Es ist auch das Ende des 3. Kapitels. Du solltest schon eine reine Ernährung haben, täglich Asanas üben, schon eine Phase gemacht haben, wo du wirklich viel Wechselatmung geübt hast. Wo du dann die Ashtakumbhakas, insbesondere Ujjayi, Surya Bheda und Bhastrika, geübt hast. Und dann hatte er schon vorher über Uddiyana Bandha gesprochen, das du auch vorher geübt haben solltest. Und dann kommt Shakti Chalani.

  1. Vers: „Dadurch verlässt die Kundalini sicher ihren Platz von diesem Mund der Sushumna. Daher kann dieses Prana alleine sich in der Sushumna bewegen.“
  2. Vers: „Deshalb soll er fortwährend die gemütlich schlummernde Arundhati bewegen. Dadurch ist der Yogi durch das Bewegen wahrlich von Krankheiten befreit.“

So kann man die Arundhati (die Kundalini Energie) aktivieren. Wenn Kundalini aktiviert ist, sind wir von allem befreit. Ob man dann immer physisch gesund ist, ist eine andere Frage. In jedem Fall werden wir geistig und spirituell gesund sein.

  1. Vers: „Durch dieses Schütteln der Kraft (Shakti Chalani, sañcālitā śaktiḥ) wird der Yogi zum Empfänger von übernatürlichen Kräften (Siddhi). Warum mehr darüber sprechen? Spielend überwindet er die alles zerstörende Zeit (Kala).“

Er will uns ermutigen: Mach das! Bevor du jetzt intensiv Shakti Chalani Mudra übst, übe alles andere. In den Yoga Vidya Ashrams lernst du im Rahmen des Kundalini Yogas, der 2-jährigen Yogalehrer Ausbildung oder den Hatha Yoga Pradipika Weiterbildungen, wie du Shakti Chalani Mudra in deine normale Praxis integrieren kannst.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Hier beschreibt Svatmarama, Kanda. Kanda wird auch als Wurzelknolle bezeichnet. Sie erstreckt sich bis eine Spanne oberhalb des Muladhara Chakras und ist vier Finger breit. Kanda wird beschrieben als zart, weiß und wie in Baumwolle gehüllt. Aus Kanda entspringen die 72.000 Nadis.

 

Verschiedene Beschreibungen zu Kanda und seine Lokalisation

Zu Kanda gibt es verschiedene Aussagen. Manche meinen, dass Kanda sei nur oberhalb des Nabels, manche sagen, es befindet sich hinter dem Nabel. Es heißt auch, dass aus Kanda alle 72.000 Nadis entspringen. Kanda ist die Wurzelknolle und wenn man letztlich alle verschiedenen Schriften zusammen bringt, dann kommt man dazu, dass Kanda so etwas ist wie ein Ei. Der untere Teil dieses Eis ist zwischen Geschlechtsorganen und Anus. Also im hinteren Teil der Scheide. Svatmarama nennt das an mehreren Stellen Kanda Yonih. Ich nenne es gerne Kanda Punkt. Also der untere Punkt, wo sich auch die Ferse befindet, wenn man in Sidasana sitzt. Oder auch den Punkt, den man aktiviert eben durch verschiedene Mudras.

Kanda, als Ei, reicht dann nach oben, in den Bauchraum hinein. Svatmarama sagt hier, dass es zwölf Finger weit nach oben geht, das sind 31 Zentimeter, reicht also bis in den Bauchraum hinein. Manche sagen, dass es nur bis hinter den Nabel geht, das sind nicht ganz 31 Zentimeter, vielleicht höchstens 25 Zentimeter. Andere sagen, dass Kanda den ganzen Bereich umfasst, in dem sich die unteren drei Chakras befinden. Und so ist das diese Zentrale.

 

Kanda im Vergleich mit anderen Traditionen

In Japan gibt es den sogenannten Harra. Dieser befindet sich etwas unter dem Nabel, Harra spielt in verschiedenen fernöstlichen Kampfsportarten eine gewisse Rolle. Dabei ist Harra eine Stelle im Bauch, auf die man sich zentrieren soll. Dieser Punkt, spielt in der traditionellen chinesischen Medizin, in Japan und in vielen Kampfsportarten eine wichtige Rolle als zentraler Energiepunkt. Er ist quasi in der Mitte von diesem Kanda.

 

Sushumna Nadi und Saraswati Nadi

Kanda verbindet letztlich die Energie der unteren drei Chakras. Es gibt in diesem Bereich drei Nadis. Zum einen die Sushumna Nadi, die mehr hinten in der Wirbelsäule verläuft. Weiter vorne gibt es Nadi und das wird in manchen Büchern als Saraswati Nadi bezeichnet. Die also die vorderen Bereiche der Chakras miteinander verbindet. Und Kanda ist letztlich dazwischen als eine Wurzelknolle, wie ein Ei.

Kanda stellt man sich also vor als zarter und weißer Punkt, der in wie in einen Baumwollstoff gewickelt erscheint. Und hier sind die verschiedenen Nadis zu finden.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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YVS470 Shakti Chalani Mudra – HYP III 104-112

Shakti Chalani in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 104 bis 112 des 3. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika

  1. Vers: atha śakti-cālanam-kuṭilāṅgī kuṇḍalinī bhujaṅgī śaktir īśvarī |kuṇḍaly arundhatī caite śabdāḥ paryāya-vācakāḥ ||104||

„Jetzt wird Shaktichalani erklärt: Die mit gekrümmten Gliedern (Kutilangi), die aufgerollte Schlange (Kundalini), die Schlange (Bhujangi), Energie (Shakti), Göttin (Ishvari), die Aufgerollte (Kundali) und der Morgenstern (Arundhati) – diese Wörter sind Synonyme.“

Damit gibt uns Svatmarama einen gewissen Schlüssel für verschiedene Mythen. Wir finden in manchen Mythen einen Bezug auf die Morgenröte (Arundhati). Dann wird irgendetwas von einer Energie (der Shakti) gesprochen, die Göttin (Ishvari) wird angesprochen und wir finden Schlagen (Bhujangi). Er sagt, das sind alles Bezeichnungen für die Kundalini.

  1. Vers: „So wie man eine Tür vermöge eines Schlüssels aufschließt, genau so öffnet der Yogi das Tor zur Befreiung mithilfe der Kundalini durch (die Praxis von) Hatha-Yoga.“

Wir brauchen einen Schlüssel, um ein Tor aufzumachen. Wir öffnen das Tor zur Befreiung durch die Erweckung der Kundalini. Das können wir durch Hatha Yoga erreichen. So hat Hatha Yoga eben einen Sinn, die Kundalini zu erwecken.

  1. Vers: „Die schlafende Göttin blockiert mit ihrem Mund diesen Weg bedeckend durch den der Ort Brahmas, der frei ist von Krankheit, erreicht wird.“

Also die Kundalini ist im Muladhara Chakra, unterstes Chakra. Dabei ist ihr Mund nach unten am Eingang der Sushumna und so wird der Weg blockiert. Der Ort von Brahman ist Sahasrara Chakra. Die Sushumna ist der Weg. Wenn Brahman erreicht ist, sind wir frei von allen Krankheiten, von allen Problemen des Lebens. So gilt es die schlafende Göttin zu erwecken.

  1. Vers: „Oberhalb des Kanda schläft die Kundalini (Kundalinishakti), die zur Befreiung des Yogi, und zur Fessel für den Verwirrten wird. Wer diese kennt, ist ein Kenner des Yoga (Yogavit).“

Der Kanda ist eigentlich ein ganzes Energieei, das vom Beckenboden ausgeht und bis in der Nabelgegend ist. Aber er spricht hier vom Kandapunkt, die untere Wurzelknolle. Das ist beim Mann zwischen Hodensack und Anus und bei der Frau der ganze Bereich von Scheide bis zum Damm. Von der geht der Kanda bis in die Nabelgegend und sieht eben wie ein Ei oder eine Knolle aus. Die Kundalini schläft oberhalb des Kanda, eben da, wo das Muladhara Chakra ist. Wenn die Kundalini erwacht, führt es zur Befreiung. Ist die Kundalini eingeschlafen, ist der Verwirrte wie gefesselt.

  1. Vers: „Die Kundalini, sagt man, ist von gewundener Gestalt wie eine Schlange. Wer diese Kraft (Shakti) schüttelt, ist befreit. Darüber besteht kein Zweifel.“

Die Kundalini sollte man schütteln. Schütteln soll heißen: Intensiv aktivieren. Wie macht man das? Darüber wird er nachher sprechen. Die gewundene Schlange soll auch heißen, in Indien gibt es Schlangen, die erst einmal friedlich aussehen und aufgerollt sind, wenn man sie reizt gehen sie plötzlich nach oben und das kann auch bedrohlich sein.

  1. Vers: „In der Mitte zwischen dem Ganga- und Yamuna-Fluss soll die junge Asketen-Witwe mit Gewalt gefangen werden. Dieses ist der beste Fußabdruck von Vishnu.“

Das bezieht sich auf einen Mythos. Dort gibt es die junge Asketenwitwe, die in dem Mythos dadurch Befreiung bringt, dass man mit ihr ringt. Sie könnte auch durch einen freundlichen Fuß von Vishnu zum Höchsten kommen. Oder wenn man einen Fußabdruck von Vishnu findet, wird man auch zum höchsten Ort kommen. Man kann auch sagen, dass „viṣṇoḥ paramaṁ padam“ auch der Ort ist. Man kann statt „Fußabdruck von Vishnu“ auch sagen: „Es führt zum höchsten Ort von Vishnu.“. Die Kundalini ist zwischen Ganga und Yamuna. Ganga und Yamuna symbolisieren Ida und Pingala. Dann gibt es noch den Saraswati Fluss. Der symbolisiert die Sushumna. Der gilt als subtiler Fluss. Die Ganga und Yamuna treffen sich. Es heißt, dass dort drei Flüsse zusammenkommen. Deshalb heißt es „Triveni“. Der dritte Fluss ist Sarasvati, der subtil ist. So gibt es Ida und Pingala, die Mond- und Sonnenenergien transportieren. Dort in der Mitte ist die Asketenwitwe Kundalini. Diese soll man aktivieren. Dann fließt sie durch die Sushumna nach oben und man kommt zum höchsten Ort von Vishnu.

  1. Vers: „Der Ida-Energiekanal (Nadi) ist der heilige Ganga-Fluss. Der Pingala-Energiekanal (Nadi) ist der Yamuna-Fluss. Und in der Mitte zwischen Ida und Pingala ist die Kundalini, die junge Witwe.“

Witwe, eigentlich kann man Strohwitwe sagen. Warum Witwe? Sie ist nicht mit Shiva vereinigt. Letztlich will Kundalini als Shakti eins mit Shiva werden. Solange die Kundalini von Shiva getrennt ist, ist sie eine Witwe. Letztlich eine Strohwitwe.

Jetzt geht es darum, wie wir die Kundalini erwecken: 111. Vers: „Fasse die schlafende Schlange (Bhujanga) an ihrem Schwanz und wecke diese auf. Den Schlaf zurücklassend geht diese Shakti durch die Kraft nach oben.“

„Pucche“ (Am Schwanz, am hinteren Ende) soll man sie „pragṛhya“ (ergreifen, besteht aus „pra“ und „grah“). So soll man sie erwecken. Es wird nicht genau gesagt, wie man die Schlange dort ergreift. Letztlich wird gesagt, dass Shakti Chalani bedeutet, dass du dich in den Lotussitz setzt, erst Bhastrika übst, so das Prana in Bewegung bringst. Dann atmest du ein, gibst die Hände auf den Boden und hebst und senkst das Becken wieder und wieder. Dabei wird der Kanda immer wieder auf den Boden kommen. Du hältst aber auch Mula Bandha. Das aktiviert die Kundalini. Du kannst auch sagen, das ist „pra grah“, das Aktivieren von „Bhujangi supta“ (die schlafende Schlange). So wird sie aus ihrem Schlaf erweckt und die Shakti (Energie) geht nach oben. Das soll man mit Macht machen. Hier steht ja auch mit „haṭhāt“. Haṭhāt heißt mit Macht, Kraft und zwangsläufig, unbeirrt. Man kann auch sagen, dass man das mit Hatha Yoga macht. Also aktivieren wir die Energie mit Shakti Chalani Mudra und bringen die Energie so nach oben.

  1. Vers: „Und bewege so immer diese ruhende Schlange am Morgen und am Abend für eineinhalb Stunden. Atme ein durch das rechte Nasenloch (Surya) und fasse mit der Paridhana Technik.“

Da gibt es verschiedene Interpretationen von. Zunächst sagt er: Du übst Shakti Chalani zweimal am Tag, morgens und abends für eineinhalb Stunden. Er gibt im 2. Und 3. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika verschiedene intensive Praktiken. Er sagt an einer Stelle: Achtmal am Tag sollte man die drei Mudras üben. Dann sagt er, man soll zweimal oder immer wieder am Tag Uddiyana Bandha üben. Hier sagt er, dass man morgens und abends eineinhalb Stunden lang Shakti Chalani übt. Dabei atmet man immer durch das rechte Nasenloch ein, hält die Luft an und atmet anschließend links aus. Die Paridhana Technik wir manchmal Nauli genannt. Paridhana heißt „die Methode des Umlegens“. Das heißt, dass man im Sitzen nach dem Ausatmen Nauli übt. Dann atmet man rechts ein, hält die Luft an und hebt und senkt das Becken wieder und wieder. So kann man die Kundalini erwecken. Auf gewisse Weise ist das Teil der Bhastrika Mudra Reihe wie wir sie bei Yoga Vidya lehren. Wir machen es aber nicht eineinhalb Stunden, sondern vielmehr drei bis fünf Runden. Du atmest so fest wie möglich ein und aus (Bhastrika). Dann atmest du aus, hältst die Lungen leer. Wenn es geht, machst du Nauli ansonsten Agni Sara. Dann atmest du rechts ein. Halte die Luft an. Gib die Hände auf den Boden. Machen Mulabandha und hebe und senke das Becken wieder und wieder. Danach atme durch das linke Nasenloch wieder aus. Das ist Shakti Chalani. Wenn dein System gereinigt ist, du Hingabe hast, vom Karma und Samskaras her bereit bist, kannst du damit die Kundalini erwecken. Aber keine Angst, allein durch physisches Ausführen von Mudras wirst du die Kundalini nicht erwecken. Du brauchst Reinigung und du brauchst Gnade.

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Vajroli Mudra für Frauen – Kommentar zu den Versen 99 bis 103 der Hatha Yoga Pradipika

Interessant ist hier, dass die Frauen jetzt hier besonders bewusst genannt werden. Damit erscheint es für mich recht klar, dass es in der Frühzeit des Hatha Yogas, im indischen Mittelalter als die Hatha Yoga Pradipika geschrieben wurde, ganz selbstverständlich war, dass Frauen auch mitgemeint sind. Warum würde er jetzt ausgerechnet hier Frauen nennen? Er nennt sie deshalb, weil die Geschlechtsteile von Frauen und Männern anders sind. Und jetzt will er sagen: Vajroli Mudra kann auch von Frauen geübt werden. Bei den sonstigen Übungen muss er das nicht besonders erwähnen, weil die Übungen für Frauen und Männer identisch sind.

  1. Vers: „Wenn eine Frau mit dem Geschick aus richtiger Übung den Samen (Bindu) des Mannes nach innen zieht, ihr Vaginalsekret (Raja) bewahrt durch Vajroli, dann ist diese wahrlich eine Yogini.“

Das kann man jetzt auf verschiedene Weisen interpretieren. Man kann es interpretieren, dass es wörtlich gemeint ist. Das heißt, die Frau zieht im Geschlechtsverkehr den Samen nach oben und behält auch ihr eigenes Vaginalsekret oben.

Man kann aber auch sagen, die Frau zieht die Energie auch nach oben. Also zieht die Frau im Geschlechtsverkehr nach oben und der Mann auch. So wird bei beiden die Energie nach oben gebracht. Natürlich auch, wenn es der Frau gelingt Vajroli Mudra zu praktizieren, das heißt die Scheide so zusammenzuziehen, dann wird auch die Scheide insgesamt enger und dann kann es zu einem tiefen sexuellen Vergnügen führen, ohne dass man dabei aktiv sein muss. Im Grunde genommen ist die Frau für einen meditativen Geschlechtsverkehr besonders wichtig. Es gibt auch die Möglichkeit, der Mann setzt sich kreuzbeinig oder auch im Schmetterling (Bhadrasana) hin, die Frau setzt sich auf den Mann. Und dann umarmt man sich. Und dann bringt der Mann seinen erigierten Penis in die Frau. Dann zieht die Frau ihre Muskeln in der Scheide zusammen. Mit etwas Übung gelingt es so, dass dort ein sehr intensives Gefühl erfahren wird. Und dabei kann die Energie nach oben gezogen werden. Ich persönlich meine, ob es dabei zur Ejakulation kommt oder nicht, ist jetzt für die Wirkung der Übung nicht so wichtig. Auch wenn eine andere Interpretation ist, der Mann sollte dabei lernen Vajroli Mudra so fest zu üben, dass auch im Moment des Orgasmus letztlich die Muskeln des Penis und der Harnröhre so fest zusammengezogen werden, dass die Prostata die Samenflüssigkeit nicht nach draußen geben kann. Das könnte man probieren. Ob es wirklich etwas bringt, möchte ich jetzt hier nicht zu viel dazu sagen. Aber in jedem Fall soll das heißen: Ja, die Frau zieht die Energie nach oben und der Mann zieht seine Energie nach oben. Gemeinsam kann man Geschlechtsverkehr zu einem heiligen Akt machen.

  1. Vers: „Ohne Zweifel, geht kein bisschen von diesem Vaginalsekret (Raja) verloren, und der mystische Ton (Nada) erreicht wahrlich im Körper zum Samen (Bindu).“

Raja und Bindu heißen natürlich verschiedene Dinge. Rajas kann Unruhe, Menstrualblut und Vaginalsekret heißen. Rajas ist eben auch die innere Unruhe. Sexualität ist natürlich etwas Sinnliches. Es ist auch etwas, was mit Gier verbunden ist. Wenn Mann und Frau die Energie nach oben ziehen, geht nichts von dieser Energie unruhig verloren. Anstatt zu sagen, es geht kein Vaginalsekret verloren, kann man sich fragen: „Was soll das bringen einfach nur Vaginalsekret nach oben zu ziehen?“. Da kann man die zweite Bedeutung von Rajas nehmen, unruhige Energie. Diese unruhige Energie zieht man mit diesem Vajroli Mudra nach oben.

 

Dann kommt wieder Same (Bindu) des Mannes. Der wird auch nach oben gezogen. Damit ist es die Geschlechtsenergie und die Essenz. Damit ist es nicht der physische Samen.

Wenn dann Rajas und Bindu nach oben gehen, dann wird Nada (der kosmische Klang) erfahren. So werden Bindu und Rajas im eigenen Körper in Verbindung kommen. Beide geben durch die Vajroli-Praxis übernatürliche Kräfte. Also hier verspricht er, wenn du den Geschlechtsverkehr so praktizierst im Bewusstsein die Energien nach oben zu ziehen und beide Energien miteinander zu verbinden, miteinander zu verschmelzen, dann ist das nicht nur eine wunderschöne sexuelle und sinnliche Erfahrung, dann ist es auch etwas Spirituelles, was besondere Fähigkeiten gibt.

  1. Vers: „Diejenige, die durch den Zug nach oben ihr Vaginalsekret (Raja) bewahrt, ist wahrlich eine Yogini. Sie kennt Vergangenheit und Zukunft und erlangt fortwährend die Fähigkeit sich im Himmel zu bewegen (Khechari).“

Energie nach oben ziehen. Natürlich kann man das nicht nur während des Geschlechtsverkehrs tun. Das Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln, für die Frau insbesondere das Zusammenziehen der Scheide, ist sehr wichtig, um die Energie nach oben zu ziehen. Damit kann man Rajas (innere Unruhe) in spirituelle Kraft umwandeln. Wenn man die spirituelle Kraft nach oben zieht, ist man über Vergangenheit und Zukunft hinaus und lebt in der Gegenwart. Außerdem kann man Khechari üben. Khechari ist zum einen die Beschreibung für Zunge nach hinten und nach oben schauen. Um Khechari zu üben, kann man vorher dieses Vajroli Mudra üben. Zum andern heißt Khechari sich im Himmel bewegen. Kann heißen: Und so gelingt einem in die höheren Welten zu kommen.

  1. Vers: deha-siddhiṁ ca labhate vajroly-abhyāsa-yogataḥ |ayaṁ puṇya-karo yogo bhoge bhukte’pi muktidaḥ ||103||

„Perfektion (Siddhi) des Körpers wird erreicht durch die Yoga-Praxis (Abhyasa) von Vajroli. Dieses Yoga erzeugt wunderbare Verdienste (Punja). Selbst in vergnüglichem Genuss (Bhoga) wird Befreiung (Mukti) erlangt.“

Also, durch Vajroli Mudra wird also auch etwas Tolles für den Körper erreicht. Es gibt alle möglichen guten Resultate. Sinnlicher Genuss (Bhoga oder Bhukti) wird mit Befreiung (Mukti) verknüpft. So hat Vajroli Mudra mehrere Bedeutungen. Du kannst Vajroli Mudra als spezieller Aspekt von Mulabandha üben. Also beim Mann das Perineum zusammenziehen. Und zwar besonders nach oben ziehen. Als Frau kannst du Vajroli Mudra üben, indem du die Scheidenmuskeln nach oben zusammenziehst. Beides hilft die Energie nach oben zu bringen. Es gibt Vajroli Mudra auch als wellenförmige Übung, die Muskeln zusammenzuziehen. Von vorne unten nach hinten hoch. Auch dieses Zusammenziehen ist etwas, um die Energien zu sublimieren. Darüber habe ich schon in einem anderen Vortrag über Vajroli Mudra gesprochen. So möchte ich dir jetzt die Anregung geben, falls du einen Sexualpartner oder eine Sexualpartnerin hast, der/die für so etwas offen ist, dann könnt ihr zusammen mal das ausprobieren. Zuerst versetzt ihr euch in einen reinen Zustand, vielleicht nicht unbedingt mit Amaroli Mudra, aber ihr könnt euch vorher reinigen und auf den Geschlechtsverkehr vorbereiten. Als Zweites könnt ihr dann das Vorspiel machen. Dann könnt ihr probieren, euch letztlich auf meditative Weise zu vereinigen und dann mittels Vajroli Mudra die Energie nach oben ziehen. Danach euch gegenseitig als Manifestation von göttlicher Mutter und göttlichem Vater verehren. Das ist dann eben Sahajoli Mudra. Ein paar Minuten dann in die Meditation gehen. Selbst wenn du keinen Sexualpartner hast oder keinen, der für so etwas offen ist, kannst du trotzdem Vajroli Mudra üben. Eben das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln von vorne unten nach hinten hoch, z.B. während der Wechselatmung oder auch zu Anfang des Anhaltens bei Kapalabhati. Oder auch in Asanas kannst du immer nach dem Einatmen kurz die Luft anhalten, Vajroli Mudra üben und ausatmen. Das wird eine gewisse Energie aktivieren.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Mondnektar und heilige Asche für göttliche Sicht – Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika, 3. Kapitel, 98. Vers

„Wenn man den Mondnektar, der aus der Praxis entsteht, und heilige Asche (Vibhuti) zusammen mischt und fest an den besten Körperstellen bewahrt, dann entsteht göttliche Sicht.“

Also es gibt den Mondnektar. Der entsteht aus der Praxis. Mondnektar ist letztlich eine andere Interpretation für Amari. In den vorherigen beiden Versen hat er davon gesprochen, dass Amari Urin ist. Aber Mondnektar kann man auch sagen, ist die Gnade und der Segen, die von oben kommen. Heilige Asche kann man auch wieder Vibhuti nennen. Man kann aber auch sagen, es ist noch ein weiterer Segen. Mondnektar ist mehr das flüssige. Vibhuti ist irgendwo das Feste. So verbindet man letztlich Shakti (Chandra) und Shiva (also Vibhuti) zusammen und bewahrt diese an den verschiedenen Körperteilen. Man könnte sagen, man weiht die verschiedenen Körperteile Shiva und Shakti. Wenn man so seinen ganzen Körper als eine Manifestation von Shiva und Shakti sieht, dann bekommt man göttliche Sicht. So werden letztlich die zwei vorherigen Verse, wo es um das Auftragen von Asche und Urin ging, uminterpretiert. Und so wird gesagt: Eigentlich ist es Mondnektar und damit göttliche Gnade der göttlichen Mutter. Und es ist der Segen von Shiva. Wenn man das so sieht, dann sieht man das richtig und spirituell.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Amaroli in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 96 bis 97

  1. Vers: „Nun Amaroli: Verwerfe das Pitta enthaltende im ersten und letzten Strom des Urins, der wertlos ist. Nutze den kühlenden Mittelstrahl. Das ist Amaroli in der Meinung der Khandakapalikas.“

 

Also letztlich wird hier Urin Trinken empfohlen. Dort nimmt man den Morgenurin. Man nimmt dort nicht den ersten Strahl, auch nicht den letzten, sondern den mittleren. Im Ayurveda wie auch im gesundheitsorientierten Hatha Yoga gibt es die Aussage, dass der Urin ein besonderer Saft ist, viele Heilfähigkeiten hat. Man kann Urin auf die Haut auftragen zum Beispiel zum Heilen bei bestimmten Hauterkrankungen, bei Hautentzündungen. Man kann sie bei Gelenkerkrankungen und Nervenreizungen nehmen. Natürlich sollte man sich anschließend gründlich mit Wasser abreiben. Man kann den Strahl trinken und da sollen auch Heilwirkungen dabei sein.

Es gab in den 1990er Jahren auch in Deutschland ein bisschen so einen Hype um das Trinken von Urin. Das scheint jetzt heute etwas weniger geworden zu sein. Wir finden das auch in einigen anderen Kulturen.

Ich muss allerdings dazu sagen, ich habe selbst damit noch keine Erfahrungen. Aber ich kenne einige Menschen, die gesagt haben, dass das Trinken des Mittelstrahls des Morgenurins ihnen geholfen gegen verschiedene Allergien, auch gegen verschiedene Autoimmunerkrankungen und auch dass Hauterkrankungen damit geheilt werden konnten, auch Rheuma. Also es ist durchaus denkbar, dass gerade bei diesen Krankheiten, wo der Körper sich selbst zerstört, das Trinken des Urins hilfreich ist, weil der Körper dort mit sich seinen eigenen Stoffen nochmals zusätzlich konfrontiert wird.

  1. Vers: amarīṁ yaḥ piben nityaṁ nasyaṁ kurvan dine dine | vajrolīm abhyaset samyak sāmarolīti kathyate ||97||

„Der, der täglich mit der Nase das Amari trinkt, der praktiziert Vajroli korrekt. Auf diese Weise ist Amaroli erklärt.“

Hier wird gesagt, letztlich man trinkt Amari durch die Nase. Übrigens heißt Amari wörtlich jetzt nicht das Trinken von Urin. Amari heißt einfach unsterblich, die Unsterbliche. Amari wird im übertragenen Sinn Urin, weil vom Urin gesagt wird, dass man gesund wird. Den kann man auch durch die Nase hineingeben. Das ist wie eine Art Neti. Das soll besonders gut für die Nase sein.

Ich muss zugeben, für mich klingt das etwas eklig. Habe es deshalb auch noch nie ausprobiert. Aber es soll eben reinigen. Wenn man so Amari, den Urin, trinkt, wird man durch die Nase gereinigt.

Danach kann man Vajroli üben. Das heißt, die Energien im Geschlechtsverkehr nach oben ziehen. Danach Sahajoli, das heißt den anderen verehren zum Beispiel durch das Auftragen der heiligen Pulver und dann zusammen in der Meditation verweilen und Einheit spüren.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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YVS467 Sahajoli Mudra – HYP III 92-95

Sahajoli in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 92 bis 95 der Hatha Yoga Pradipika

 

  1. Vers: Sahajoli, Amaroli und Vajroli sind grundsätzlich drei Mudras, die zu den sogenannten Oli Mudras gehören. Von ihnen wird manchmal gesagt, dass sie nicht zur sattviges Praxis gehören. Swami V. sagt in seinem Buch „Hatha Yoga Pradipika“ etwas lapidar als Kommentar: Diese Verse werden ausgelassen, weil es Übungen sind, die bei sattvigem Sadhana nicht berücksichtigt werden. Also sie stehen ein bisschen unter Zwielicht. Bei Yoga Vidya lehren wir mindestens Sahajoli und Amaroli nicht. Vajroli lehren wir nur in einer anderen Variation.

Ich lese mal den 92. Vers: atha sahajoliḥ-sahajoliś cāmarolir vajrolyā bheda ekataḥ | jale su-bhasma nikṣipya dagdha-gomaya-sambhavam ||92||

„Nun Sahajoli. Sahajoli und Amaroli zusammen mit Vajroli sind drei Teile von Einem. Reine heilige Asche entstanden aus der Vereinigung aus verbranntem Kuhdung in das Wasser gegossen.“

Um Sahajoli zu üben, nimmt man also erst einmal heilige Asche. Das heißt verbrannten Kuhdung und diesen gießt man dann ins Wasser. Verbrannter Kuhdung, auch Bhasma oder Vibhuti genannnt, hat besondere Fähigkeiten. Es gilt als spirituelle Asche, wir nennen es auch gerne die heilige Asche. Man kann sie auf das dritte Auge auftragen. Bei Yoga Vidya produzieren wir sie zum Teil selbst durch die Homas (Feuerrituale). Man kann sie inzwischen auch im Internet bestellt unter Vibhuti, Bhasma oder Holy Ash.

  1. Vers: „Nach dem Akt des Vajroli sollen Frau und Mann ihren eigenen Körper mit Asche beschmieren und für einen Augenblick frei von Sorgen glücklich zusammen sitzen.“

Das soll heißen, man kann Geschlechtsverkehr haben und der Geschlechtsverkehr wird mit Vajroli Mudra verbunden. Vajroli Mudra heißt das Hochziehen der Energien nach oben. Das soll heißen, dass Sexualität nicht nur auf dem Svadhisthana Chakra stattfinden. Sondern man sollte sich in dem Moment auch über die anderen Chakras vereinigen und die Energie nach oben ziehen. Nachdem der Geschlechtsakt abgeschlossen ist, sollte man sich dann heilige Asche auftragen.

Das kann man auch so sehen: Nach dem Geschlechtsverkehr sollte man sich nicht einfach wegdrehen oder einfach nur ein bisschen romantisch sein, sondern voreinander sitzen, vielleicht meditieren. Natürlich, der Kommentator Brahmananda sagt, man solle Asche auf Kopf, Stirn, die Herzgegend, Schultern, Arme und so weiter geben.

Letztlich soll das heißen, da man ja heilige Asche auch verwendet, um Shiva zu verehren: Man soll den oder die andere wie ein Gott oder eine Göttin verehren.

 

In diesem Sinne könnte man sagen, dass das Beschreibungen sind, wie du den Geschlechtsverkehr spiritualisieren kannst. Durch Vajroli Mudra stelle dir vor, du ziehst die Energie nach oben. Nach dem Geschlechtsverkehr bleibt eine Weile sitzen, verneigt euch voreinander als Manifestation des Göttlichen und spürt die Gegenwart. Wenn ihr einen Bezug zu heiligen Aschen habt, nutzt diese. Wenn ihr auf eine andere Weise die Ehrerbietung ausdrücken wollt, macht es so.

  1. Vers: sahajolir iyaṁ proktā śraddheyā yogibhiḥ sadā | ayaṁ śubha-karo yogo bhoga-yukto’pi muktidaḥ ||94||

„Dieses hier beschriebene Sahajoli soll fortwährend von Yogis befolgt werden. Es ist eine gute Weise Yoga zu praktizieren. Obschon es mit Vergnügen (Bhoga) verbunden ist, führt es doch zur Befreiung (Mukti).“

Bhoga heißt Vergnügen. Yoga heißt letztlich Vereinigung. Normalerweise sagt man: Bhoga ohne Yoga gibt Roga – Vergnügen ohne Yoga gibt Krankheit. Roga heißt Krankheit.

Aber, wenn man Bhoga mit Yoga verbindet, kommt man zur Befreiung. Es gibt den Weg der Entsagung. Es gibt aber auch den Weg des sattvigen Vergnügens. Wenn man Geschlechtsverkehr hat, kann man ihn als einen heiligen Akt ausführen und den oder die andere wie Gott verehren.

  1. Vers: ayaṁ yogaḥ puṇyavatāṁ dhīrāṇāṁ tattva-darśinām | nirmatsarāṇāṁ vai sidhyen na tu matsara-śālinām ||95||

„Dieses Yoga kann wahrlich vom Tugendhaften, Gottsuchenden, Kenner der Wahrheit, Makellosen erreicht werden, wahrlich nicht von dem von Selbstsucht getriebenen.“

Manchmal werden tantrische Praktiken gerade von Männern als Ausrede verwendet, um jede Menge Sexualpartnerinnen zu gewinnen und letztlich im Namen des Yoga einfach nur ihre Selbstsucht zu befriedigen. Da sagt er: Das sollte man nicht tun. Diese Gefahr gab es schon zu Svatmaramas Zeiten. Ich kenne eine Reihe von sogenannten Meistern, von denen es heißt, sie haben das Gelübde von Brahmacharya abgelegt, die mehrere Schülerinnen immer wieder verführt haben und gesagt haben, sie weihen sie in die heiligen Manifestationen des Tantras ein, das war dann letztlich ein Geschlechtsverkehr und sie sollten es als großen Segen ansehen. Genau das ist nicht das, was hier gemeint ist. Wenn man schon eine feste Beziehung hat und zusammen auf dem spirituellen Weg ist, dann kann man auch Vajroli und Sahajoli in dieser Art üben und aus dem Geschlechtsverkehr eine heilige Handlung machen.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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YVS466 Vajroli Mudra - HYP III 83-91

  1. Vers - Vajroli Mudra – ein Oli Mudra

Ab dem 83. Vers geht es um Vajroli Mudra. Dieser Mudra Name bedeutet so viel wie Donnerkeil.  Vajra heißt Donnerkeil, oder auch Diamant. Vajroli Mudra ist eine der drei sogenannten Oli Mudras. Vajroli, Sahajoli und Amaroli, die unterschiedlich interpretiert werden.

Mein Lehrer spricht in seinem Buch „Hatha Yoga Pradipika“ über diese Mudras gar nicht, er lässt diese Verse sogar aus. Diese drei Mudras haben zudem auch eine rot-tantrische Interpretation. D. h. sie haben etwas mit Sexualität und Geschlechtsverkehr zu tun. 

Es gibt aber auch bestimmte Variationen dieser Mudras, die man in die normale Praxis integrieren kann. Bei Yoga Vidya kennen wir das sogenannte „kleine Vajroli Mudra“, Lagho Vajroli und auch das große Vajroli Mudra, Maha Vajroli Mudra.

 

Beispiele für die Anwendung des kleinen Vajroli Mudras

Das kleine Vajroli Mudra besteht daraus, dass du die Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen ziehst. Das heißt erst die vorderen, dann die mittleren und die hinteren. Und du diese nach oben ziehst. Das hilft, dass das Prana vom Mulhadara ins Swadistana und weiter ins Manipura Chakra gezogen wird.

 

Anleitung für Vajroli Mudra

Wenn du willst, kannst du es jetzt gleich mal ausprobieren. Du kannst erst einmal einatmen und die Luft anhalten und dann ziehst du erst die vorderen Beckenbodenmuskel an, dann die mittleren und dann die hinteren (also Anus Schließmuskel bis ganz oben). Dann kannst du sie wieder loslassen und sie dann erneut in dieser Reihenfolge anspannen und diese drei zusammen bilden dann das Vajroli Mudra. Es gibt das kleine Vjroli Mudra, das man zum Beispiel in manche Pranayamas integrieren kann, in Asanas und auch in die Meditation um die unteren drei Chakras zu aktivieren, und damit das Prana nach oben strömen zu lassen.

 

Vajroli Mudra – Interpretation von Swami Satyananda

Swami Satyananda hat Vajroli Mudra etwas anders interpretiert. Er spricht dabei auch von den drei Gruppen von Beckenbodenmuskeln. Es gibt die vorderen, die mittleren und die hinteren. Die vorderen Beckenbodenmuskeln sind eben diejenigen des Harnleiters. Beim Mann die Muskeln des Penis.

Die mittleren Beckenbodenmuskeln sind dann beim Mann die Muskeln des Perineums, bei der Frau die Scheidenmuskeln. Zu den hinteren Beckenbodenmuskeln gehören die Anus Schließmuskeln dazu.

 

Interpretationen des Vajroli Mudra in den verschiedenen Traditionen

Swami Satyananda hat das Zusammenziehen der mittleren Beckenbodenmuskeln als Vajroli Mudra bezeichnet, währenddessen wir bei Yoga Vidya als kleines Vajroli Mudra das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln von vorne unten nach hinten hoch verstehen.

Dann gibt es noch das sogenannte große Vajroli Mudra, wo verschiedene kleine Mudras miteinander kombiniert werden, um wellenförmig die ganze Energie vom Muladhara Chakra bis zum Sahasrara Chakra zu bringen.

Insofern gibt es also verschiedene Interpretationen von Vajroli Mudra. Bei Yoga Vidya geht das kleine Vajroli Mudra so: Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen ziehen, um Prana in die Sushumna zu bringen, den Energiefluss in den unteren drei Chakras zu aktivieren und in eine wellenförmige Energieströmung nach oben zu bringen.

Im großen Vajroli Mudra wird das fortgesetzt bis zum Sahasrara Chakra.

 

 

Svatmarama, Autor der Hatha Yoga Pradipika sagt: Vajroli Mudra, der Donnerkeil. Selbst nach eigenem Gutdünken handelnd, ohne die sittlichen  Regeln.  Der Yogi, der Vajroli Mudra kennt wird Empfänger von übernatürlichen Kräften, Siddhi.

Kommentar von S. zum 83. Vers (die nächsten Verse überspringt er dann ja)

Jeder, der ein gewöhnliches Leben, ohne Beachtung von Yama und Niyama lebt, so wie es vom Yoga vorgeschrieben wird und das Vajroli Mudra übt, wird zum Träger von Siddhis. Also sagt S. damit, dass durch Vajroli Mudra große, besondere Fähigkeiten entwickelt werden. Natürlich setzt Svatmarama voraus, dass du Yama und Niyama übst. Aber er sagt, selbst wenn du es nicht übst, mit Vajroli Mudra kannst du besondere Kräfte bekommen.

  1. Vers

Wahrlich werde ich an dieser Stelle zwei wertvolle Dinge erwähnen, die von jedem schwer zu finden sind. Zum einen ist das Milch, und ein zweites ist eine wahrlich fähige Frau. Also diese Verse sind zum Teil etwas anzüglich geschrieben. Man kann überlegen, was ist denn schwierig an Milch zu finden? Eventuell war es zu Svatmaramas Zeit etwas schwierig.

Es heißt hier auch, es ist schwer zu erlangen für einen mittellosen Mann. Insbesondere, wenn er nicht genug Geld und Vermögen hat. Milch war im alten Indien etwas sehr Wertvolles. Auch wenn die Hatha Yoga Pradipika an manchen Stellen sagt, man soll Milch zu sich nehmen. Ist das nicht so gemeint, wie das heute bei uns verstanden wird, wenn Menschen literweise Milch und große Mengen Käse und Joghurt essen. Milch zu haben bedeutete damals, dass  man davon, was die Kuh an ihr Kalb gibt, vielleicht noch ein Glas davon abzweigen für die ganze Familie kann. Das waren über den Tag verteilt dann ein bis zwei Esslöffel Milch oder Joghurt zum Essen. Mehr war das damals nicht. Es war also damals nicht einfach Milch zu finden und auch nicht eine Frau zu finden, die „zu Willen“ ist.

  1. Vers

Durch Geschlechtsverkehr, wenn er oder sie ein stückweises aber dennoch vollständiges Aufziehen praktiziert, kann ein Mann oder sogar eine Frau Perfektion in Vajroli erreichen.

 Also diesen Vers kann man jetzt interpretieren, dass es eine Form des roten Tantras darstellt. D. h. im Geschlechtsverkehr, vor dem Orgasmus, zieht man die Beckenbodenmuskeln zusammen und bringt die Konzentration nach oben und verbindet noch Kitchari mit Shambavi Mudra und dadurch geht der Orgasmus nicht nach außen, wird die Energie dann nach innen gezogen. Und das soll dann in tiefere Meditation führen.

Hier ist dann auch klar, warum das alles nicht so einfach ist. Denn der Mann muss eine Frau finden, die das machen will. Die Frau will einen Mann finden, der dazu bereit ist. Jedenfalls könnte man die Energie nach oben ziehen.

Natürlich kann man Vajroli Mudra auch außerhalb des Geschlechtsverkehrs üben. Und als solches wirkt die Energie nach oben ziehend. Ich meine, er gebraucht das Beispiel  mit dem Geschlechtsverkehr deshalb, weil normalerweise dieser die Entladung ist von Apana Vaju nach unten. Und er will sagen, selbst im Geschlechtsverkehr, wo Apana Vayu nach unten kommt, könnte man es umkehren durch Vajroli Mudra. Wenn man aber Vajroli Mudra in die normale Pranayama-, Asana- und Meditationspraxis integriert, wird Apanu Vayu nach oben gebracht und man kann dadurch höhere Bewusstseinsebenen erfahren.

  1. Vers

Jetzt wird es etwas speziell. Vorsichtig sollte der Yogi, wie er es gelernt hat, mit einem Schlauch in die Harnröhre pusten. Wegen der Bewegung des Lebenshauches soll er es sehr vorsichtig ausführen.

  1. Vers

Durch die Praxis von Vajroli Mudra soll der Yogi den Samen, der in die Vagina der Frau hinausgefallen ist, zurückziehen. Und er soll so den eigenen Samen Bhindu, der gefallen ist, nach oben ziehen, um ihn zu bewahren.

  1. Vers

Daher bewahrt der Kenner des Yoga, Yogavid, den Samen, Bhindu und besiegt so den Tod. Tod entsteht durch das Aussenden des Samens Bhindu. Durch das Bewahren des Samens entsteht Leben. Durch das Bewahren des Samens, Bhindu, entsteht ein guter Duft im Körper des Yogi. Solange der Same, Bhindu stabil im Körper ist. Wo ist die Frucht vor der zerstörerischen Zeit, Kala?

  1. Vers

Der Samen des Mannes beruht auf dem Geist, Citta. Auch das Leben beruht auf dem Samen. Deshalb sollte der Same und besonders der Geist, Manas, mit besonderem Eifer geschützt werden.

  1. Vers

Auf diese Weise soll er seinen eigenen Samen, Bhindu und sogar das weibliche Vaginalsekret, Rajas, während ihrer Tage bewahren. Der Kenner des Yoga sollte es üben durch den Penis vollständig nach oben zu ziehen.

Es ist eine Mischung aus technischen Überlegungen und auch aus verschiedenen anderen Weisen. Es gibt zum einen diese Technik, wie man das letztlich überhaupt lernt, Flüssigkeiten aufzusaugen. Swami Sivananda, der ja eigentlich auch ein Swami war, beschreibt das in manchen seiner Bücher detaillierter. Denn es gibt andere Kommentare und andere Hatha Yoga Schriften, die das genauer beschreiben.

 

Techniken Flüssigkeiten nach innen zu ziehen

Also einen kleinen Katheter in die Harnröhre einführen. Wenn dieser lang genug ist, kann man zunächst hineinpusten, um das überhaupt erst mal zu spüren, wie sich das anfühlt. Dann kann man lernen, mittels bestimmten wellenförmigen Ziehens der Muskeln der Harnröhre die Flüssigkeit nach innen saugen. So kann man dann zuerst Flüssigkeiten wie Wasser nach oben saugen. Wenn man das erst einmal gelernt hat, zuerst mit Katheter, dann ohne, zieht man diese Flüssigkeiten in sich hinein.

Das ist natürlich auch nicht ganz ungefährlich. Denn auf diese Weise können Keime in die Blase geraten und das wiederum kann zu einer Blasenentzündung führen. Also, sei gewarnt. Swami Vishnu hat uns auch gesagt, wir sollen es auch nicht machen. Mit dieser Form von Vajroli Mudra habe ich auch selbst keine Erfahrung, da Swami V. es mir verboten hatte, es auszuprobieren. Aber von der Theorie würde es so gehen.

 

Als ich Swami V. danach gefragt hatte, hat er angedeutet, dass er selbst auch geübt hat. Aber auch, dass er meint, so wichtig sei diese physische Übung nicht und er würde davon abraten.

So könnte man auf der einen Ebene dies so interpretieren, dass man auf diese Weise etwas hineinsaugen kann. Aber vor allen Dingen wichtig dabei ist, dass man dabei lernt, diese Muskeln so zu beherrschen, dass man die Energie nach oben ziehen kann.

Eine zweite Form von Vajroli Mudra, die zum Teil Swami Satjananda nennt, oder auch andere, wäre: Du könntest die Muskeln des Perineums stark anspannen. Dann, wenn du sie theoretisch so stark anspannen kannst, könntest du verhindern, dass es im Orgasmus zu einem Erguss kommt. Denn wenn die Muskeln so stark sind, dann legen sie sich vor die Prostata und dann kann keine Prostata Flüssigkeit austreten. Was dann den Erguss verhindert. In wieweit das wirklich hilfreich ist, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen.

 

Sukadevs Haltung zum Vajroli Mudra

Meine persönliche Meinung ist: ob es im Geschlechtsverkehr zum Erguss kommt oder nicht, ist keine allzu wichtige Sache. Wichtiger ist es, dass du in Pranayama Übungen dein Prana in die Sushumna und nach oben bringst. Und so ist diese eine Übung des Vajroli Mudra, das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenboden Muskeln von vorne nach hinten und dann das Bewusstsein durch die Sushumna nach oben zu bringen, meiner Ansicht nach die wichtigste Form von Vajroli Mudra. Ob du darüber hinaus eine dieser Praktiken als sexuelles Tantra üben willst, sei dir selbst überlassen. Sicherlich könntest du probieren Mulabhanda in Verbindung mit Khechari und Shambhavi Mudra zu üben und schauen, ob es etwas bewirkt.

 

Übung für das kleine Vajroli Mudra

Sitze ruhig und gerade. Atme 2–3 mal tief ein und aus, schließe die Augen. Atme ein, fülle die Lungen zu dreiviertel, oder 90 Prozent. Halte die Luft an und ziehe jetzt die Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen. Von vorne unten, zur Mitte hinten hoch. Halte die Luft weiter an, aber entspanne die Beckenbodenmuskeln.  Dann nochmals die Beckenbodenmuskeln anspannen, von vorne unten, zur Mitte, nach hinten und hinten hoch. Du kannst das auch mit den Mantras verbinden: Lam, Vam, Ram. Jetzt bringe Bewusstsein weiter hoch zu Anahata, zu Vishudda, Ajna und Sahasrara.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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YVS465 Viparita Karani - HYP III 78–82

Kommentar zum 3. Kapitel Hatha Yoga Pradipika, ab Vers 78–82

Wir sind im 77. Vers. Er ist der Übergangsvers zwischen Jalandhara Bandha und Viparita Karani Mudra. Er steht in Verbindung mit beiden Übungen.

Vers 77: „Wann immer der Nektar der Unsterblichkeit vom göttlichen Mond fließt, wird alles von der Sonne verzehrt und das führt dazu, dass der Körper im Alter dahinschmilzt.“ Oder wie Swami Vishnu übersetzt: „Jedes Tröpfchen des Nektars, der vom ambrosischen Mond fließt wird von der Sonne aufgenommen. Daher wird der Körper alt.“

Vom Mond (Chandra – das Mondchakra) oberhalb des Gaumens, dies ist wie eine Mondsichel, die vom Hinterkopf, in der Satyananda Tradition als Bindu bezeichnet, oberhalb des Gaumens entlanggeht und letztlich auch über die Nase und den Punkt zwischen den Augenbrauen und Stirn bis nach vorne. Dieser ganze Bereich ist Chandra. Dies ist der Sitz von Soma oder auch Amrita Divya, dem göttlichen Nektar. Er strömt normalerweise nach unten und wird dann verschlungen durch Surya (das Sonnenzentrum) auch als Agni bezeichnet im Bereich des Nabels und im ganzen Bauch.

 

Sonnen- und Mondenergien im Laufe des Lebens

Es gibt die zwei Grundenergien. Die Sonnenenergie ist die nach außen gehende Energie der Gestaltung, der Begeisterung, des Mutes, der Veränderung, etwas bewirken. Es gibt die Mondenergie die Empfangende, die Nährende, die Lernende und auch die Gnade usw. Beides ist nötig im Leben. Wir kommen mit einer bestimmten Menge von Sonnen- und Mondenergie auf die Welt. Kinder und Jugendliche wollen viel gestalten und bewirken, sie wollen viel Lernen, ihr Körper wächst und sie wachsen. Also Sonne und Mond sind gut verbunden.

Im Laufe des Lebens brauchen sich die Energien auf und ab einem gewissen Alter haben die meisten Menschen diesen Wunsch etwas zu gestalten und etwas zu bewirken verloren. Sie haben weniger Begeisterung und auch die Heilfähigkeit des Körpers wird weniger. Die Regenerationsfähigkeit und Lernfähigkeit werden weniger. Dies geschieht zum einen einfach, indem der Mensch altert. Es geschieht aber auch, weil der Mensch mehr Energie ausgibt als er sie neu erzeugt. Es geschieht eben auch, weil im normalen Leben die Mondenergie nach unten träufelt und so die Sonnenenergie teilweise löscht und umgekehrt das Feuer die Mondenergie zum Teil zum Verdampfen bringt.

 

Erhöhung der Feuer- und Mondenergie

So gilt es die Feuer- und Mondenergie zu erhöhen. Dann fühlt man sich innerlich ruhiger, kann besser lernen, verstehen, zuhören, sich einstimmen und kann mehr gestalten. Mit anderen Worten: so überwindet man das Altern.

Vers 78: „Jetzt Viparita Karani Mudra. Das ist die Umkehrhaltung. Deshalb gibt es ein göttliches Mittel, das den Mund der Sonne betrügt. Dies muss aus dem Unterricht eines Lehrers gelernt werden und sicherlich nicht aus 10 Millionen Texten.“

Wir können letztlich die Sonne, die den Mond absorbiert, in eine andere Richtung bringen. Dafür gibt es eine bestimmte Technik (Karana), die man richtig lernen muss. Damit sagt er eben auch, es reicht nicht aus nur die physische Übung zu machen, sondern es ist ein subtiler Prozess, den es gut zu lernen gilt.

Vers 79: „Das Mittel, um Sonne und Mond zu aktivieren, ist bekannt als Viparita Karani Mudra. Es besteht darin, dass Sonne und Mond dazu veranlasst werden genau ihre gegenteilige Position einzunehmen. Das heißt die Sonne, die unter dem Nabel liegt und der Mond, der über dem Gaumen liegt, wechseln die Plätze. Das muss man von einem Guru lernen.“

 

3 Möglichkeiten für Viparita Karani Mudra

In der einfachen Weise ist Viparita Karani Mudra die Umkehrhaltung. Im Grunde gibt es drei verschiedene Weisen. Zum einen den Kopfstand, zum zweiten den Schulterstand und zum dritten den unterstützten Schulterstand. Da Viparita Karani Mudra letztlich länger gehalten werden muss, um die volle Wirkung zu haben, machen manche Menschen diese, in dem sie 2 Kissen nehmen und dann das Kreuzbein darauf geben oder einen stark unterstützten Schulterstand.

 

Regeneration der Sonnen- und Mondenergie

Aber so wie es Svatmarama beschreibt, im nächsten Vers sagt er, dass die Fersen oben sind. Und du kannst aus allen drei vorher erwähnten Variationen Viparita Karani Mudra entstehen lassen. Übst du es, ist die Sonne oben und der Mond unten. Die Sonne ist eben das Feuer. Die Sonne züngelt nach oben. Und der Mond fließt nach unten. Indem du eine Umkehrstellung hast, züngelt dann die Sonne nach oben und verbindet sich mit der Himmelsenergie der Sonne und regeneriert sich auf diese Weise und wird stärker. Die Mondenergie ist eine wässrige Energie. Wenn der Kopf auf der Erde ist und die Erde hat eine wässrige Fruchtbarkeitsenergie, dann wird die Mondenergie regeneriert.

 

Verschiedene Konzentrationspunkte

Wenn du so längere Zeit in einer Umkehrstellung bist, dann kann sich Sonne und Mond regenerieren. Das verbindest du dann auch noch mit bestimmten Konzentrationstechniken. Zum einen kannst du dich zuerst auf Vishudda Chakra konzentrieren, das Steuerungschakra für Sonnen- und Mondenergie. Danach konzentrierst du dich auf den Bauch, den du dir wie eine Sonne vorstellen kannst. Einatmen – die Sonne wird stärker und ausatmen – schicke die Strahlen der Sonne zum Muladhara Chakra und stelle dir vor, dass die Sushumna anfängt zu glühen. So wird das Feuer im Bauch und Sushumna stärker. Danach konzentriere dich auf den Kopf. Einatmen – stelle dir eine Mondsichel auf der Stirn vor und ausatmen – stelle dir eine silbrige Flüssigkeit vor, die von der Stirn den ganzen Kopf erfüllt. Und als letztes fühlst du dann gleichzeitig Muladhara und Sahasrara Chakra und dann spürst du wie durch Sonne und Mond ein machtvolles Energiefeld gebildet wird und du fühlst dich verbunden mit dem Unendlichen.

Vers 80: „Wenn man dies täglich praktiziert, wird das Feuer der Verdauung vermehrt. Daher sollte der Übende auch eine ausreichende Menge Essen bereithalten.“

 

Wirkung auf Agni

Fortgeschrittene Pranayama Praxis ist normalerweise so, dass du dabei nicht fastest. Denn wenn Agni stärker wird und sehr viele Übungen im Hatha Yoga stärken Agni, muss es auch etwas verdauen. Wenn du dann schon eine Weile Hatha Yoga geübt hast und du weißt, wie fortgeschrittenes Hatha Yoga auf dich wirkt, dann kannst du auch mal ausprobieren zu fasten. Wenn du aber das erste Mal eine intensive Hatha Yoga Praxis machst oder von neuem deine Hatha Yoga Praxis intensivierst, ist es besser nicht zu fasten. Du musst essen, damit Agni etwas zu tun hat. Also Viparita Karani Mudra hat auch eine Auswirkung auf das Verdauungsfeuer.

Angenommen du hältst Kopfstand und Schulterstand bis zu 5 Minuten am Tag kannst du trotzdem fasten. Wenn du aber Viparita Karani Mudra 20 Minuten lang hältst, dies mit intensiver Konzentration verbindest und wirklich das innere Feuer verspürst, dann ist es klüger nicht zu fasten damit das Feuer auch physisch etwas zu tun hat.

Vers 81: „Wenn zu wenig Essen vorhanden ist, dann wird das Feuer dieses in einem Augenblick verbrennen. Deshalb soll der Yogi am ersten Tag nur einen Augenblick mit dem Kopf unten und den Füßen oben verweilen.“

Bei längerem Halten sollte man also nicht Fasten. Swami Vishnu hat es auch übersetzt: wenn man sich die Nahrung versagt, verschlingt das Feuer den Körper. Auch wenn man falsche Nahrung isst, kann dies zu Problemen führen. Isst man also Fleisch oder nimmt alkoholische Getränke zu sich, führt dies dazu, dass das Feuer in Unruhe gerät und es zu Schwierigkeiten kommt. Also achte auf sattvige Ernährung. Man beginnt also mit kurzer Praxis.

Vers 82: „Bei der Übung sollte man die Dauer jeden Tag allmählich verlängern. Nach 6 Monaten verschwinden Falten und graues Haar. Wer so für ein Yama, also drei Stunden täglich übt, bezwingt den Tod.“

Regeneration von Körper und Psyche

Es beginnt also langsam und dann sollte man Schritt für Schritt steigern. Letztlich sagt er, dass man Viparita Karani Mudra steigern sollte bis auf 3 Stunden. Das ist schon eine ganze Menge drei Stunden auf dem Kopf zu stehen oder im Schulterstand. Deshalb machen die meisten die länger üben den unterstützten Schulterstand. Das geht dann durchaus auch länger. So sagt er, auf diese Weise regeneriert sich der ganze Körper und die Psyche.

 

Kaya Kalpa Kuren

Es gibt auch im Hatha Yoga wie auch im Ayurveda die sogenannten Kaya Kalpa Kuren. Andre van Lisbeth schreibt in einem seiner Bücher, dass es auch Kliniken in Indien gibt, ob es sie heute noch gibt weiß ich nicht, es gab sie in den 60er und 70er Jahren, die diese speziellen Kaya Kalpa Kuren als Hatha Yoga Praxis ausgeführt haben. Da gehörte auch dazu, dass Menschen bis zu 3 Stunden am Tag Viparita Karani Mudra geübt haben und dann tatsächlich einen Anti-Aging-Effekt hatten. So weit, dass die Haut sehr viel jünger aussah und dass die Falten verschwunden sind. Nach einem halben Jahr einer solchen Intensivpraxis haben sie sehr viel jünger ausgesehen. Ich komme jetzt auch langsam in die Jahre, vielleicht sollte ich das auch irgendwann mal ausprobieren. Dann kann ich davon berichten, ob tatsächlich diese massiven physischen Veränderungen dabei sichtbar sind. In jedem Fall fühlt man sich jünger.

 

Erklärung für verjüngende Wirkung in der westlichen Physiologie

Viparita Karani Mudra gehört zu den regenerierenden Übungen. Vielleicht noch eine westliche Überlegung warum Viparita Karani Mudra verjüngend wirkt. In der Hatha Yoga Pradipika geht es um Sonne und Mond. In der westlichen Physiologie gibt es auch einige Ansätze. Ein Ansatz wäre, dass der Mensch normalerweise sitzt oder aufrecht steht, gut er liegt auch, und der Kreislauf ist an das aufrechte Stehen angepasst. Bewegt man sich aber in einer Umkehrstellung, dann muss der Körper auf andere Weise reagieren, das heißt die Arterien und die Venen müssen trotz Kopfstand reagieren, sodass die Zehen gut durchblutet sind und der Kopf nicht zu sehr durchblutet ist. So hilft die Umkehrstellung der selektiven Regelung des Kreislaufes und des Pulses und des Blutdrucks. Dies hilft allgemein der Homöostase Fähigkeit des Körpers und die Selbstregulierungsfähigkeit des Kreislaufs. So ist anzunehmen, dass durch diese besondere Herausforderung der Umkehrstellung Kreislauf, Arterien und Venen besonders gesund gehalten werden.

 

Erhöhung der Fließgeschwindigkeit des Blutes und gleichzeitig Entspannungsmodus

Es gibt noch etwas Zweites. Indem man auf dem Kopf oder auf den Schultern steht, fließt mehr venöses Blut zurück zum Herzen. Venöses Blut fließt ja auch durch die Schwerkraft nach unten, das heißt, das Blut kommt schneller zum Herzen. Da das Herz aber nicht mehr Blut aufnehmen kann, muss sich der Herzmuskel stärker dehnen und fester zusammenziehen. Das heißt, die Fließgeschwindigkeit des Blutes wird erhöht ähnlich wie es auch ein Kreislauftraining, Ausdauersport machen würde. Tatsächlich, wenn man längere Zeit in der Umkehrstellung ist, hat man so was wie ein Ausdauersport fürs Herz, die Fließgeschwindigkeit des Blutes wird erhöht. Aber gleichzeitig ist der ganze Mechanismus im Entspannungsmodus. Diese “relaxation response” ist der Modus, indem sich der Körper besser regeneriert und wo Heilprozesse stattfinden, wo letztlich degenerierte Zellen abgebaut werden, wo beschädigtes Material entweder abgebaut oder regeneriert wird. Wenn man jetzt diese erhöhte Fließgeschwindigkeit des Blutes durch die Umkehrhaltung mit dem Entspannungsmodus verbindet, ist anzunehmen, dass der Körper in ausgezeichneter Weise seine Gewebe regenerieren kann.

 

Praxistipps

So kann man also sagen, dass Viparita Karani Mudra schulmedizinischen und einem energetischem Erklärungsmodell zur Verjüngung verhilft. In jedem Fall übe Schulterstand, Kopfstand und Hund täglich. Dein Körper und dein Energielevel wird es dir danken. Du kannst dir auch mal überlegen ein halbes Jahr lang die Umkehrhaltungen zu verlängern und schauen, ob es dir gelingt, mal in deinem Leben die Umkehrhaltungen bis auf 3 Stunden auszubauen oder mindestens eine halbe Stunde und spüren, welche wohltuenden Wirkungen dies hat.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, ab Vers 76

Vers 76: „Diese drei Bandhas sind die besten und sie werden von den großen Meistern den Siddhas gefolgt. Unter all den Meinungen im Hatha Yoga die Yogis schätzen es als effektiv.“

Die drei wertvollen Bandhas und wie du sie in deine Praxis integrierst

Also es gibt viele verschiedene Hatha Yoga Übungen. Manche werden als wertvoller geachtet, manche als weniger wertvoll. Aber alle großen Yoga Meister finden die drei Bandhas als besonders wichtig und effektiv. Daher übe die drei Bandhas in der Pranayama Praxis. Natürlich, um fortgeschrittenes Pranayama gut üben zu können, solltest du dich an die Sattva-Regeln halten. Kein Fleisch essen, keine alkoholischen Getränke zu dir nehmen, kein Nikotin oder bewusstseinsverändernde Drogen nehmen, wie natürlich auch keinen Fisch zu dir nehmen.

Das gilt es zu beachten. Es gilt täglich 20 Minuten zu meditieren, eine halbe Stunde Asanas zu üben, eine halbe Stunde Pranayama zu üben. Dann integriere die drei Bandhas z. B. in der Wechselatmung oder in andere Atemübungen, die du üben willst. Dies ist also etwas sehr Wichtiges.

Vers 77: „Jedes Tröpfchen vom Nektar, der vom ambrosischen Mond fließt, wird von der Sonne aufgenommen. Daher wird der Körper alt.“

Die drei Bandhas und ihre Verbindung zu Sonne und Mond

Dies ist letztlich der Einleitungsvers zum nächsten Thema, nämlich Viparita Karani Mudra. Jedenfalls hängen auch die drei Bandhas mit Sonne und Mond zusammen. So gibt es eben auch den Nektar, der auch als Soma bezeichnet wird. Manchmal wird er auch als Amrita oder Amrita Divya, bezeichnet. Dieser strömt eben von Chandra, dem Mondchakra hinunter zur Sonne und dies führt dazu, dass die beiden sich neutralisieren. Der Mond löscht das Feuer und das Feuer verbrennt teilweise den Mond und so wird im Alltag Sonne und Mond schrittweise aufgebraucht und der Mensch altert.

Über die drei Bandhas wird der Mond oben gehalten, deshalb Jalandhara Bandha, das Wasser, das den Mond oben hält, das Feuer wird letztlich in die Sushumna hineingegeben. So wird Mond und Feuer gestärkt und sublimiert und so bleibst du geistig jung. Weiteres sagt Svatmarama über Sonne und Mond in den nächsten Versen, wo er über Viparita Karani Mudra sprechen wird.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 70 – 75

Svatmarama hat bereits Mula Bandha und Uddiyana Bandha erläutert und jetzt geht es zu Jalandhara Bandha.

Vers 70: „Ziehe die Kehle zusammen und presse das Kinn fest gegen die Brust. Das ist Jalandhara Bandha und vertreibt Alter und Tod. Man gebe das Kinn auf die Brust.“

Jalandhara Bandha heißt wörtlich „der Wasser tragende Verschluss“ – Jala (Wasser) Dhara (tragen). Im nächsten Vers wird er erklären, warum Jalandhara Bandha so heißt.

Die Bestandteile von Jalandhara Bandha

Der Ausdruck für Herz (Hridaya) hat auch etwas mit Brust zu tun. Im Wesentlichen heißt Jalandhara, dass du vollständig ausatmest, dann vollständig einatmest den Brustkorb dabei wölbst, Bauch hinaus, Brust hinaus, Schulter nach hinten und dann gibst du das Kinn zum Brustkorb hin. Das ist praktisch die Richtung zum Herzen.

Dann gibt es noch zwei weitere Bestandteile von Jalandhara Bandha. Das eine ist, du gibt die Zunge an den Gaumen und als drittes, du ziehst die Kehle leicht zusammen, so als wenn du etwas schlucken willst. Er erwähnt jetzt nur zwei: das Zusammenziehen der Kehle und das Drücken des Kinnes auf die Brust.

 

Poorna Jalandhara Bandha und Laghu Jalandhara Bandha

Es gibt übrigens das volle Jalandhara Bandha. Das Kinn berührt dabei tatsächliche das Brustbein, so wie er es hier auch beschreibt: Man setze das Kinn fest auf die Brust. Dann gibt es aber auch Laghu Jalandhara Bandha: Man senkt das Kinn nur leicht und macht die Halswirbelsäule lang. Nicht allen Menschen gelingt es, das Kinn auf den Brustkorb zu setzen. Männern gelingt es leichter als Frauen, aber den meisten Frauen gelingt es auch mit etwas Übung. Es gibt Menschen, die eine steife Halswirbelsäule haben oder Arthrose oder einen Bandscheibenvorfall oder auch den Brustkorb nicht allzu tief oder das Kinn nicht allzu lang. Dann fällt es schwer das Kinn auch tatsächlich aufs Brustbein zu geben.

Jihva Bandha

Ob man bei Jalandhara Bandha auch Jihva Bandha integriert (also Zungenoberseite an den Gaumen und Zunge leicht nach hinten saugen) hängt vom Kontext ab. Bei Maha Bandha ist Jihva Bandha als Teil von Jalandhara Bandha dabei, aber es gibt auch bestimmte Pranayamas und Mudras, wo du statt Jihva Bandha Khechari Mudra übst und gleichzeitig Jalandhara Bandha.

Hier sagt er auch wieder, dass es Alter (Jara) und Tod (Mritya) überwindet. Ich habe schon oft genug gesagt, was darunter zu verstehen ist. Wir wollen über die Ebene der Vergänglichkeit und des Leidens kommen, was wir über höhere Bewusstseinszustände erreichen und dazu dient auch Jalandhara Bandha.

Vers 71: „Es wird Jalandhara Bandha genannt denn es festigt die Nadis und hält den Strom des Nektars aus der Öffnung im Gaumen. Dieses Bandha vertreibt auch alle Schmerzen im Rachen bzw. alle Erkrankungen der Kehle.“

Jala ist der Nektar des Mondes. Er kann auch als Wasser bezeichnet werden. Manchmal wird es auch als Jaala bezeichnet, was Netzwerk bedeutet, das tragende Netz, das verhindert, dass Wasser nach unten geht. Manchmal wird Jaalandhara Bandha (im Vers 71) und manchmal Jalandhara Bandha (wie im Vers 70) genannt, das den Wasserhalter bedeutet. Es gibt beide Beschreibungen.

Jalandhara Bandha zur Regenerierung und Heilung körperlicher Leiden

So heißt es also, dass Jalandhara Bandha helfen will, dass der Nektar nicht nach unten strömt und stattdessen oben gehalten wird und dass so dieses Ojas, dieser Soma immer stärker wird, was zu einer Regenerierung führen kann.

Dann heißt es noch, dass es Dukha (alle Arten von Leiden) heilt, die mit Kantha (die Kehle) zu tun hat. Kantha hat auch etwas mit Kantha Chakra (dem Vishudda Chakra) zu tun. Somit ist also Jalandhara Bandha zum einen gut für eine gesunde Kehle, für einen gesunden Hals. Es ist gut die Wirbelsäule öfters langzuziehen. Natürlich muss man dann andere Asanas machen, den Kopf in die Gegenseite zu bewegen, wie mit dem Fisch und anderen. Jalandhara Bandha hilft auch Vishudda Chakra zu reinigen und auch das hilft, dass verschiedenste Arten von Leiden überwunden werden.

Vers 72: „Wenn man sich Jalandhara Bandha angewöhnt und die Kehle zusammenzieht, fällt kein Tropfen Nektar in das Magenfeuer und das Prana fließt nicht in die falsche Richtung d. h. in den Raum zwischen den Nadis.“ In einer anderen Übersetzung: „Wenn Jalandhara Bandha praktiziert wird, charakterisiert durch die Anspannung in der Kehle, fällt der Nektar nicht in das Feuer und der Lebenshauch Vayu wird nicht aufgewirbelt.“

Jalandhara Bandha soll verhindern, dass Soma der Nektar nach unten strömt und dann in das Feuer des Bauches hineingeht. In der Hatha Yoga Pradipika, gerade im 3. Kapitel spielen Sonne und Mond eine besondere Rolle. Im zweiten Kapitel zwar auch, dann ist damit aber oft Ida und Pingala gemeint. Hier im 3. Kapitel aber ist Sonne das Energiezentrum im Bauch und Mond das Energiezentrum in der Stirn. Im vorigen Vortrag habe ich erklärt, was das alles bedeutet.

Zusammenwirken der Energie des Mondes und der Sonne

Normalerweise strömt die Energie des Mondes nach unten und die Energie der Sonne nach oben. Wenn die Mondenergie, die wässrige Energie ins Feuer geht, zischt es auf und dies führt zu einer Unruhe des ganzen Pranas. Wenn es uns aber nun gelingt, dass das Feuer nicht an der Vorderseite des Körpers nach oben geht, sondern im Gegenteil in die Sushumna und gleichzeitig der Soma, der Nektar oben bleibt, dann führt dies zu einer absoluten Ruhe des Pranas und zur Ruhe des Geistes.

Vers 73: „Durch die feste Kontraktion der Kehle werden die beiden Nadis Ida und Pingala stillgelegt. Hier in der Kehle liegt das mittlere Chakra, das Vishudda Chakra und dies schnürt die 16 Adharas, die vitalen Zentren.“

 

Ruhigstellung von Ida und Pingala

Man will Ida und Pingala ruhigstellen. Vorher hat er beschrieben, was man mit Sonne und Mond im Bauchbereich, im Stirnbereich und oberhalb des Gaumens macht. Aber Jalandhara hat noch eine zweite Funktion, Ida und Pingala sollen auch stillgelegt werden. Jalandhara Bandha verhindert, dass die Energie durch Ida und Pingala nach oben strömt sowie Mula Bandha verhindert, dass die Energie durch Ida und Pingala nach unten strömt. Dadurch bleiben Ida und Pingala zunächst einmal in sich fest. Das führt erst mal dazu, dass Prana durch Ida und Pingala hoch und herunterströmt. Dadurch werden beide Nadis gereinigt. Irgendwann werden aber Ida und Pingala ganz ruhig, es strömt kein Prana mehr durch die beiden und dann geht die Energie in Muladhara Chakra und fließt dann durch die Sushumna nach oben. Indem die Sushumna geöffnet wird, Jalandhara Bandha führt ja auch dazu, dass der Nacken langgezogen wird und das Langziehen des Nackens führt zur Öffnung der Sushumna im Vishudda Chakra Bereich. Auch das hilft, in höhere Bewusstseinsebenen zu kommen.

 

Harmonisierung des Mittleren Chakras

Jetzt spricht er aber auch davon, dass das Vishudda Chakra harmonisiert wird. Er nennt es hier Madhya Chakra (mittleres Chakra). Manche sagen das mittlere Chakra ist eigentlich Anahata Chakra. Dieses mittlere Chakra, Anahata Chakra, wird aktiviert, wenn du Mula Bandha und Jalandhara Bandha übst. Durch Mula Bandha kann das Prana nicht nach unten gehen, durch Jalandhara Bandha kann es nicht nach oben gehen. Die Sushumna öffnet sich, zunächst öffnet sich das Herzzentrum. Manchmal, wenn du diese beiden Bandhas übst und vielleicht noch Uddiyana Bandha integrierst, hast du das Gefühl grenzenloser Freude im Herzen, so als würde dir das Herz vor Freude zerspringen. Dies können durchaus Erfahrungen sein, die entstehen können, wenn du Jalandhara Bandha übst.

 

Die 16 Adharas im Ayurveda

Swami V. bezieht Jalandhara Bandha insbesondere auf das Vishuddha Chakra, weil Jalandhara besonders darauf wirkt. Das Kinn wird gebeugt und du spannst ja auch die Kehle an. Dies hat alles etwas mit dem Vishudda Chakra zu tun. Dieses hat ja auch 16 Nadis, 16 Blütenblätter, die in Verbindung mit den 16 Adharas stehen, die 16 Stützen, die man zum einen als Stützen des Geistes nutzen kann. Die Adharas spielen auch im Ayurveda eine Rolle. Werden sie gesund gehalten, können auch alle anderen Teile des Körpers gesund gehalten werden. Im Ayurveda spricht man ja von 108 Marmas und die 16 Adharas gehören zu den besonders wichtigen Marmas.

Die 16 Adharas in der Meditation

Genauso gibt es auch bestimmte Meditationstechniken. Die 16 Adharas sind die Zehen, die Knöchel, die Knie, die Hüften, der Damm, die Fortpflanzungsorgane, der Nabel, das Herz, der Nacken, der Kehlkopf, der Gaumen, die Nase, das Zentrum zwischen den Augenbrauen, das Zentrum der Stirn, die Mitte des Kopfes und Brahmarandhra – die obere Öffnung der Sushumna im Schädel. Dies ist z.B. auch eine Möglichkeit, wie du in der Meditation üben kannst. Du kannst dich zuerst auf die Zehen konzentrieren, dann auf die Knöchel, dann auf die Knie.

 

16 Adharas Meditation kombiniert mit der Laya Yoga Entspannung

Du könntest das auch mit der Laya Yoga Entspannung verbinden. Einatmen in die Zehen, Ausatmen die Energie davon ausstrahlen lassen. Einatmen die Fußgelenke, Ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen die Knie, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen die Hüften, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in den Damm, Perineum als Bereich zwischen den Geschlechtsorganen und Anus, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in die Geschlechtsorgane, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in die Nabelgegend, ausatmen ausströmen lassen. Einatmen zum Herz, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen zum Nacken, ausatmen ausströmen lassen. Einatmen in die vordere Kehle, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in den Gaumen, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in die Nase, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen Punkt zwischen den Augenbrauen, ausatmen ausströmen lassen. Einatmen Mitte der Stirn, ausatmen ausströmen lassen. Einatmen Mitte des Kopfes, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen zum Sahasrara Chakra, Scheitelgegend, ausatmen ausstrahlen lassen. Dann anschließend den Atem zu Kevala Khumbhaka führen, den Geist nach oben und Sahasrara Chakra spüren. Den Geist zur Ruhe bringen, Unendlichkeit erfahren.

Du kannst dies als eigenständige Übung üben und du kannst zusätzlich auch einfach Jalandhara Bandha üben, das dir hilft Vishudda Chakra zu aktivieren und die 16 Blütenblätter des Vishudda Chakra stehen in Verbindung zu diesen 16 Adharas. Indem du Jalandhara Bandha übst, werden auch die 16 Adharas harmonisiert und normalisiert.

Vers 74: „Ziehe die Anusschließmuskeln zusammen und übe Uddyana Bandha. Bringe fest Ida und Pingala zusammen durch Jalandhara Bandha und veranlasse den Atem in den oberen Pfad zu fließen d. h. die Sushumna.“

Die verschiedenen Beckenbodenmuskeln

Ziehe den Mulasthana (den Ort der Wurzel) zusammen, was heißen soll, übe Mula Bandha. Es sind natürlich nicht nur die Anusschließmuskeln, sondern alle Beckenbodenmuskeln. Vereinfacht kann man die Beckenbodenmuskeln in 3 Gruppen einteilen. Es gibt die hinteren Beckenbodenmuskeln, das sind die Anusschließmuskeln, es gibt die mittleren Beckenbodenmuskeln, das sind die Muskeln des Perineums und die Scheidemuskeln und es gibt die vorderen Beckenbodenmuskeln, das sind die Muskeln des Penis bzw. der Harnröhre. Diese drei Muskelgruppen spielen in einer anderen Mudra noch eine wichtige Rolle, nämlich Vajroli Mudra wie auch Amaroli und Sahajoli Mudra, die später kommen.

 

Energie strömt durch die Sushumna nach oben

Hier spannt man also alle Beckenbodenmuskeln sanft an, dadurch wird Ida und Pingala im Muladhara Chakra verbunden. Dann zieht man bewusst die Energie durch die Sushumna nach oben. Dann übt man Uddiyana Bandha, das führt dazu, dass das Prana durch die Sushumna noch höher fließt. Danach übt man Jalandhara Bandha, das verhindert auch, dass die Energie durch Ida und Pingala strömt, dass der Nektar nach unten träufelt und öffnet die Sushumna. Nun kann die Energie durch die Sushumna nach oben strömen.

 

Wirkungen von Jalandhara Bandha

Fassen wir jetzt mal zusammen, was Jalandhara Bandha bewirkt. Zum einen ist es gut für die Kehle und den Hals, zum zweiten stellt es Ida und Pingala ab, zum dritten hält es die Mondenergie oben, zum vierten aktiviert es das Vishuddha Chakra und harmonisiert dadurch die 16 Adharas und schließlich öffnet es die Sushumna und sorgt dafür, dass das Prana ganz nach oben strömt.

Vers 75: „Durch diese Technik wird der Lebenshauch zur Ruhe gebracht.“ Oder auch: „Auf diese Weise wird Prana absorbiert. Dann gibt es keine Krankheit, kein Alter, kein Tod und kein Leiden.“

Also letztlich soll Jalandhara Bandha dazu führen, über alles Leiden hinauszuwachsen, deine wahre Natur zu verwirklichen. Also gute Gründe Jalandhara Bandha zu praktizieren.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 61–69

In den letzten Versen ging es um Uddiyana Bandha. Jetzt geht es um Mula Bandha (wörtlich  Wurzelverschluss).

Svatmarama schreibt im 61. Vers: „Indem man den Knöchel an Yoni presst, ziehe man den Anus-Schließmuskel zusammen und versuche das Apana hinaufzuziehen. Das ist Mula Bandha.“

Mula Bandha ist der Wurzelverschluss. Eine Übersetzung von Yoni ist die weibliche Scheide, so ähnlich wie auch gesagt wird Linga ist der männliche Penis, heißt aber wörtlich leuchtend und strahlend oder auch Zeichen, Anzeichen. Wenn z. B. die Inder Shiva als Linga verehren hat dies wenig mit Penis zu tun, sondern es hat mehr mit Lichtstrahlen zu tun, ist somit ein abstraktes Symbol für Shiva. Aber im Kontext von Mann und Frau ist Linga das männliche Geschlechtsorgan und Yoni ist das weibliche Geschlechtsorgan. Yoni hat aber auch eine Zweitbedeutung: Es ist das, was man als Perineum, als Kanda Punkt bezeichnet. Kanda ist die innere Wurzelknolle, wo alle Nadis entspringen. Sie beginnt am Perineum und geht dann nach oben in der Mitte des Bauchraumes wie ein Ei.

Wenn Svatmarama von Yoni spricht ist eben das Perineum gemeint, der Bereich zwischen Hodensack und Anus beim Mann und der hintere Teil der Scheide bei der Frau. Er beschreibt hier Mula Bandha letztlich als eine Form, dass man es aus Siddhasana übt. Allgemein ist Mula Bandha das Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln. Aber wenn du Mula Bandha als Mudra in der Reihenfolge der Mudras üben willst, wie es in der Hatha Yoga Pradipika beschrieben wird, dann sitzt du eben wie in Siddhasana eine Ferse unter die Yoni oder den Kanda Punkt und den anderen Fuß vorne, sodass die Ferse vorne am Schambein ist. Danach atmest du ein und machst dann das Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln. Gerade weil die Ferse, den Damm, das Perineum berührt, spürst du Mula Bandha besonders intensiv.

Dann sagt er auch, versuche Apana hinaufzuziehen. Mula Bandha Mudra ist also nicht nur etwas, das mit Äußerem zu tun hat, sondern eben auch bewusst Apana hochzuziehen. Manchmal wird gesagt, dass Uddhiyana Bandha Samana Vayu, die Energie des Bauches nach oben zieht. Mula Bandha zieht Apana Vayu nach oben und letztlich Jalandhara Bandha zieht Udana Vayu nach oben. Dann bleibt natürlich nur noch Prana Vayu, welches man durch Anhalten der Luft nach oben zieht. Und es bleibt auch noch Vyana Vayu, das man auch noch sublimiert, indem man bewegungslos sitzt.

Vers 62: „Weil durch die Kontraktion des Muladhara, Apana, das normalerweise nach unten fließt, gezwungen wird nach oben zu steigen, deshalb nennen die Yogis es Mula Bandha.“ In einer anderen Übersetzung: „Durch das kraftvolle Anspannen wird das nach unten fließende Apana zum Aufsteigen gebracht. Mula Bandha.“

Warum Mula Bandha? Mit der Mula, der Wurzel saugt die Pflanze das Wasser und die Nährstoffe nach oben. Normalerweise fließt Wasser nach unten. Wenn es regnet, fällt das Wasser nach unten auf die Erde und versickert. So ähnlich geht Apana normalerweise nach unten. Aber den Pflanzen gelingt es, das Wasser, den Saft nach oben zu bringen und sich so zu ernähren. Daher Wurzelverschluss, Mula Bandha, du saugst Apana Vayu nach oben.

Vers 63: „Indem man den Knöchel gegen die Yoni oder das Perineum presst, versuche man die Luft heftig und ohne Unterlass zu komprimieren, bis der Atem hinauf fließt.“

Vayu ist sowohl Luft, so wie du jetzt vielleicht zwischendurch den Wind hörst, aber auch Prana, die Lebensenergie. Man hält also nicht wirklich die Luft an, sondern zieht das Prana nach oben. Natürlich macht man beim Mula Bandha beides. Du. Beim Mula Bandha als Mudra atmest du ein und hältst typischerweise die Luft an und dann ziehst du mit Mula Bandha das Prana, die Lebensenergie nach oben. Der Guda, also der Anus, die Yoni und auch das Perineum, der ganze Bereich, gegen den du die Ferse drückst und gleichzeitig ziehst du die Beckenbodenmuskeln und damit das Prana zusammen. So gibt es ein Urdhva (Nachobensteigen) von Samirana (wörtlich der Wind und damit der Lebensenergie).

Es ist auch wichtig, dass du weißt, Mula Bandha ist nicht nur ein physisches Zusammenziehen, sondern auch ein bewusstes Nach-oben-ziehen von Prana durch die Sushumna.

Vers 64: „Durch Mula Bandha vereinigen sich Prana und Apana, Nada und Bindu, und man erlangt Vollkommenheit im Yoga. Darüber gibt es keinen Zweifel.“

Eine Vollkommenheit durch die Vereinigung von Prana und Apana. Prana ist das, was nach oben steigt, Apana ist das, was nach unten strömt. Jetzt wird Apana nach oben gezogen und dadurch verbindet es sich mit Prana und dann wird beides eins. Es gibt auch eine Vorstufe, dass du Mula Bandha und Jalandhara Bandha übst, wodurch verhindert wird, dass Prana Vayu nach oben ausfließt und Mula Bandha verhindert, dass Apana Vayu nach unten ausströmt. Dann strömt Prana Vayu nach unten und Apana Vayu nach oben, die beiden vereinigen sich im Herzchakra. Dadurch entsteht eine Öffnung im Herzen, Freude und Liebe. Wenn sich dann aber die Sushumna öffnet, fließt Apana Vayu in die Sushumna durch Mula Bandha, es fließt Samana Vayu nach oben durch Uddhiyana, und es fließt Udana und Prana Vayu durch die Sushumna nach oben. Somit gehen alle Vayus nach oben.

Dann gibt es noch Nada (der Klang) und Bindu (der Punkt oder letztlich Sahasrara oder auch Brahman – der eine Punkt, wo alles eins ist). Aus diesem einen Punkt (Bindu) kommt die ganze Welt als Nada. Dies ist ein Symbol wie Shiva und Shakti. Shiva als unendliches Bewusstsein aus dem sich Shakti die kosmische Energie manifestiert. So verbindet sich wieder die Shakti und wird eins mit Shiva und so sind auch Nada und Bindu eins.

Vers 65: „Durch ständige Übung von Mula Bandha erreicht man eine Vereinigung von Prana und Apana. Auch die Ausscheidungen vermindern sich beträchtlich. Was auch heißen soll, wenn du innerlich subtil gereinigt bist, dann braucht es auch weniger äußere Reinigung.“

Bei den Ausscheidungen gibt es Mutra (Urin) und Purisha (Stuhlgang), das beides verringert wird, wenn das Prana subtiler ist. Letztlich heißt es auch, du hast weniger Appetit und brauchst weniger äußerlich zu essen. Es heißt aber auch, dass du sonst weniger Reinigungserfahrung brauchst. Ist erst einmal das Prana subtil, braucht sich der Körper weniger zu reinigen und du brauchst weniger emotionale Reinigung.

Dann sagt er auch, dass man jung wird. „Durch die Übung von Mula Bandha wird der Yogi jung obwohl an Jahren alt.“ Dies ist der letzte Teilvers des 65. Verses. Auch hier habe ich schon öfter gesprochen, was jung heißt: eben einen klaren Geist und weiter Offenheit zu lernen, Lebensfreude und Freude am Gestalten und insgesamt ein junges Prana.

Vers 66: „Wenn das Apana nach oben steigt und den Feuerkranz erreicht, dann züngeln die anwachsenden Flammen des Feuers und leuchten, weil sie von Apana angefacht werden.“

Apana hat seinen Sitz erst einmal im Muladhara Chakra, und im Svadisthana Chakra und dieses Apana strömt durch Mula Bandha weiter nach oben, was es transformiert. Dann wird auch Surya, das Feuer im Bauch auch als Agni bezeichnet, stärker. Da wird auch gesagt, dass der Feuerkranz erreicht wird. Feuer wird als dreieckige Form bezeichnet. Das Manipura Chakra wird auch so dargestellt, dass in der Mitte ein oranges Dreieck ist mit der Spitze nach unten. So wird das Feuer stärker.

Feuer hat hier mehrere Bedeutungen. Zum einen wird das Verdauungsfeuer stärker, d. h. du kannst besser verdauen. Zum zweiten ist Feuer aber auch die Energie, Dinge zu tun, Mut, Willenskraft, Begeisterung, Enthusiasmus Tatkraft. Feuer steht aber auch für die Sushumna und für die Kundalini. Erwacht die Kundalini kommt auch oft erst die Erfahrung von Feuer. Umgekehrt wird manchmal gesagt, durch Mula Bandha muss man das innere Feuer entzünden und dann schmelzen die Unreinheiten in der Sushumna und dann kann die Kundalini erwachen.

Vers 67: „Wenn Apana und das Feuer sich mit Prana vereinigen, welches von Natur aus heiß ist, wird die Hitze im Körper überaus strahlend und mächtig.“

Durch Mula Bandha kann das Feuer stark werden.

Vers 68: „Dadurch erwacht die Kundalini von ihrem Schlaf, fühlt die große Hitze, zischt und steigt hoch, also ob man eine Schlange mit einem Stock schlägt.“

Wir erzeugen durch die Pranayamas und Mudras eine innere Hitze, die die Unreinheiten in der Sushumna zum Schmelzen bringt, danach entzündet dies die Kundalini. Ein Beispiel: du willst ein Stück Papier entflammen, du brauchst nur ein kleines Feuerzeug, zündest das Papier an und es wird lodern. Hast du einen großen Strohhaufen, kann ein kleines Feuerzeug diesen entzünden. Oder du gibst eine kleine Flamme in einen Liter Benzin, dann explodiert dieses. So ähnlich ist es auch, wenn du deinen Körper, Muladhara Chakra erhitzt und es hat sich die Sushumna geöffnet, dann kann die Kundalini erwachen.

Vers 69: „Dann geht die Kundalini in ihre Höhle, das Innere der Sushumna. Deshalb soll Mula Bhanda von den Yogis fortwährend in jedem Moment praktiziert werden.“

Man soll also Mula Bandha regelmäßig praktizieren, er sagt sogar immer. Es gibt die Form einer Praxis, dass man sich vornimmt eine Woche lang immer wieder Mula Bandha zu üben. Dies ist zum einen eine Woche, in der du besonders intensiv meditierst, Asanas, Pranayamas, Mudras und auch zwischendurch immer wieder Mula Bandha übst, und dir vorstellst Apana in die Sushumna hineinziehst und dann durch die Wirbelsäule nach oben. Du kannst dir auch ein Feuer in der Wirbelsäule und im Bauch vorstellen oder die Kundalini Schlange, die sich nach oben bewegt, ihren Mund öffnet und du aus dem Mund der Kundalini Schlange wie ein Drache Feuer nach oben bläst und pustest.

Dies ist eine Praxis, die du eine Woche mal machen kannst, besondere Aufmerksamkeit darauf richten, was zu einer intensiven Energieerfahrung und auch zur Kundalini Erweckung führen kann. Ansonsten kannst du Mula Bandha beim Luft anhalten beim Kapalabhati integrieren. Es gibt auch die Variation, dass du beim schnellen Ein- und Ausatmen bei jedem Ausatmen Mula Bandha übst. Du übst es während dem Anhalten in der Wechselatmung. Fortgeschrittene üben es bei der Wechselatmung auch schon beim Einatmen. Eine Menge der fortgeschrittenen Pranayamas sind natürlich damit verbunden, dass du dort auch Mula Bandha übst.

Genauso kannst du Mula Bandha bei den Asanas integrieren. Du kannst z. B. nach dem Einatmen kurz die Luft anhalten und Mula Bandha üben, oder es auch beim Ein- oder Ausatmen üben. Natürlich am klügsten ist es dies allen von einer Lehrerin, einem Lehrer zu lernen wie z. B. bei den Kundalini intensiv Wochen bei Yoga Vidya. Angenommen du machst eine Kundalini intensiv Mittelstufen Woche oder Kundalini intensiv Praxiswoche bei Yoga Vidya mit, dann lernst du natürlich wie du die drei Bandhas üben und in die Pranayamas und Asanas integrieren kannst.

Eine Form der Meditation ist es auch während der gesamten Meditation Mula Bandha zu halten. Zu Anfang der Meditation kannst du dir dann natürlich auch vorstellen, dass sich Ida und Pingala im Muladhara Chakra mit der Sushumna vereinigen, dass dabei ein Feuer entsteht, das durch die Sushumna nach oben geht. Dann kannst du dir ein Feuer oder eine strahlende Sonne im Bauch vorstellen und auch wie die Kundalini erwacht, das Maul oder den Mund öffnet und daraus einen Feueratem nach oben bläst. Dann gehst du mit deinem Bewusstsein weiter nach oben.

Du kannst danach Khechari üben, um mit der Mondenergie das Feuer wieder zu beruhigen und dein Bewusstsein zum Endlichen zu führen. Soweit zu Mula Bandha in der Hatha Yoga Pradipika. Auch zu Mula Bandha gibt es eigene Videos, wo du noch mehr lernen kannst, wie du Mula Bandha praktisch ausführen kannst.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Uddiyana Bandha in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 55 – 60 in der Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 3

 

Svatmarama sagt: atha uḍḍīyāna-bandhaḥ-baddho yena suṣumṇāyāṁ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ | tasmād uḍḍīyanākhyo’yaṁ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ ||55||

 

„Jetzt Uddiyana Bandha: Weil die Lebensenergie (Prana) durch den Verschluss in der Sushumna nach oben fließt, wird es von den Yogis mit dem Namen ‚Uddiyana‘ benannt.“

Uddiyana heißt nach oben. Yana heißt Reise. Uddi heißt nach oben. Es ist also die Reise nach oben. Uddiyana Bandha besteht, wie du vermutlich weißt, daraus, dass du die Lungen leer machst, mit leeren Lungen den Bauch einziehst. Du kannst Uddiyana Bandha im Stehen üben. Also im Stehen ausatmen, Hände auf die Knie und Bauch hereinziehen. Und natürlich wirkt Uddiyana Bandha besonders stark, wenn du es im Sitzen übst. Uddiyana Bandha ist Teil von Maha Bandha. Zusammen mit Jalandhara Bandha und Mula Bandha bildet Uddiyana Bandha Maha Bandha, den großen Verschluss.

Dabei wird das Prana kontrolliert (baddhah). Und zwar wird das Prana durch den Verschluss in die Sushumna gebracht und von der Sushumna nach oben. Man kann sagen: Mit Mula Bandha wird Ida und Pingala im Muladhara Chakra verbunden und Prana kommt in die Sushumna. Mit Uddiyana fliegt dann das Prana durch die Sushumna nach oben. „Uḍḍīyate“ heißt auch Auffliegen. Deshalb kann man Uddiyana auch als „die Auffliegende“ übersetzen. Und deshalb wird das als Uddiyana bezeichnet. Ich habe es vorher als „Reise nach oben“ genannt. Aber wörtlich heißt „Uddiyana“ auch das Auffliegen Lassen, das Hochfliegen.

 

Gut, also wozu Uddiyana Bandha? Um das Prana nach oben fließen zu lassen, und zwar in der Sushumna.

Man kann Uddiyana Bandha eben wie gesagt als Teil von Maha Bandha üben. Man kann Uddiyana Bandha aber auch zum Beispiel nach dem Ausatmen während der Wechselatmung oder bei anderen Pranayamas. Auch in den Asanas kannst du es integrieren. Du kannst zum Beispiel in der Vorwärtsbeuge, Paścimottānāsana, oder auch im Drehsitz, Kopfstand, Schulterstand oder Pflug Uddiyana Bandha integrieren und dir dabei vorstellen, dass das Prana durch die Sushumna nach oben fließt, mit leeren Lungen dann.

  1. Vers: uḍḍīnaṁ kurute yasmād aviśrāntaṁ mahā-khagaḥ | uḍḍīyānaṁ tad eva syāt tatra bandho’bhidhīyate ||56||

„Weil der große Vogel mit diesem Bandha fortwährend zum Nach-Oben-Fliegen gebracht wird, deshalb wird dieses Bandha genauso als ‚das Nach-Oben-Fliegen‘ genannt. Auf diese Weise kann das Bandha erklärt werden:“

Also hier nennt er nochmal einen anderen Grund, weshalb man dieses Bandha „Uddiyana Bandha“ nennt. Also „der große Vogel“. Und was ist der große Vogel? Der große Vogel ist natürlich die Kundalini. Die Kundalini soll nach oben zum Fliegen gebracht werden. Und man sollte das unermüdlich, immer wieder machen. Also nach jedem Ausatmen, zum Beispiel bei der Wechselatmung oder auch bei Ujjāyī Kumbhaka, Sūryabheda Kumbaka kannst du immer wieder nach dem Ausatmen Uddiyana Bandha üben und dir so vorstellen, dass das Prana und letztlich auch die Kundalini nach oben gehen.

  1. Vers: udare paścimaṁ tānaṁ nābher ūrdhvaṁ ca kārayet | uḍḍīyāno hy asau bandho mṛtyu-mātaṅga-kesarī ||57||

„Der Yogi sollte den Bauch nach hinten saugen und den Nabel nach oben. Dieses Bandha ist ohne Zweifel der Löwe zum Elefanten des Todes.“

Also, Udare (der Bauchbereich) wird paścimaṁ (nach hinten) gebracht. Paścimaṁ heißt hinten, Rücken auch Westen. Normalerweise ist die ideale Richtung zur Meditation der Osten. Und so ist der Westen (paścimaṁ) also hinten. Man könnte auch sagen, es ist gut nach Osten zu schauen. Und dann gib den Bauch nach hinten. Bring Nabi (den Nabel) ūrdhvaṁ (nach oben).

So übe man das Ganze. Das Ganze ist dann als „auffliegen lassen“ bekannt. Dieser Verschluss (Bandhaḥ) ist also letztlich der Tod gegenüber den Elefanten wie ein Löwe. Soll sagen der Löwe kann auch Elefanten töten. Der Tod wird überwunden. Mit anderen Worten: Uddiyana Bandha hilft Zeit und Raum zu überwinden. Uddiyana Bandha hilft aus der Dualität herauszukommen. Wenn du mit großer Intensität Uddiyana Bandha übst, wirst du merken, dass dein Bewusstsein sich erweitert und du zu einer anderen Bewusstseinsebene kommst.

  1. Vers: uḍḍīyānaṁ tu sahajaṁ guruṇā kathitaṁ sadā | abhyaset satataṁ yas tu vṛddho’pi taruṇāyate ||58||

„Selbst wenn ein alter Mensch ständig Uddiyana Bandha praktizieren würde wie von seinem Guru erklärt bis das Bandha sich fortwährend natürlich einstellt, würde er jung werden.“

Also Uddiyana sollte man immer wieder üben, es sollte spontan werden. Man sollte es natürlich von Guru lernen. Denn es sind nicht nur die physischen Dinge. Wenn ein Lehrer lehrt, dann lehrt er auch nicht nur Techniken, sondern überträgt dabei auch Prana. Und dann führt das Ganze zu Jugend. Jugend heißt jetzt nicht notwendigerweise, dass du wieder wie 16 aussiehst. Aber Jugend ist durch zwei Dinge gekennzeichnet. Erstens, dem Wunsch etwas zu bewirken in dieser Welt und zweitens, dem Wunsch etwas zu lernen. Wenn du dein Prana jung hältst, willst du neues lernen und du hast auch die Kraft etwas zu bewirken. Und so halte diese Fähigkeiten immer aufrecht. Die Fähigkeit etwas zu bewirken und auch letztlich die Neugier.

  1. Vers: nābher ūrdhvam adhaś cāpi tānaṁ kuryāt prayatnataḥ | ṣaṇ-māsam abhyasen mṛtyuṁ jayaty eva na saṁśayaḥ ||59||

„Der Yogi soll mit ständiger Bemühung das Einsaugen oberhalb und unterhalb des Nabels praktizieren. Ohne Zweifel besiegt er den Tod, wenn er sechs Monate so praktiziert.“

Also, es gilt den Bauch nach innen und oben zu ziehen. Und das sollte man eifrig, immer wieder machen. Wenn man das sechs Monate praktiziert, überwindet man den Tod.

Also, übe Uddiyana Bandha morgens, wenn du aufstehst, direkt nach dem Aufstehen. Gleich aufstehen, leere Lungen, Bauch einziehen, halten so lange wie du kannst. Oder mache es gleich im Vierfüßlerstand noch im Bett also in der Katze. Katze oder Kuh je nachdem wie du es nennen willst.

Dann integriere es in die Asanas. Integriere es ins Pranayama.

  1. Vers: sarveṣām eva bandhānāṁ uttamo hy uḍḍīyānakaḥ | uḍḍiyāne dṛḍhe bandhe muktiḥ svābhāvikī bhavet ||60||

„Da Uddiyana Bandha gewiss das Beste unter all den Bandhas ist, stellt sich spontan die Erlösung ein, sobald Uddiyana Bandha sicher beherrscht wird.“

Uddiyana ist dann natürlich nicht nur das Bauch-Einziehen. Sondern Uddiyana heißt ja „das Nach-Oben-Fliegen des Vogels“, das Nach-Oben-Fließens der Kundalini. Wenn die Kundalini nach oben fließt, hast du muktiḥ (Befreiung) erreicht. Also viele Gründe Uddiyana Bandha zu üben.

 

Also mein großer Tipp, die nächsten Tage übe mal Uddiyana Bandha intensiver und spüre dann wie es auf dich wirkt. Wie gesagt, jeden Morgen im Stehen 3–5 Runden. Dann auch in die Asanas integrieren, insbesondere bei den ruhiger gehaltenen Asanas nach dem Ausatmen. Und dann auch ins Pranayama integrieren. So kannst du deine Energie erhöhen. Oft üben Menschen sehr viel Agni Sara. Auch Agni Sara ist wichtig, denn Agni Sara erhöht Agni. Aber im Grunde genommen, auch wenn wir zum Beispiel beim morgendlichen Pranayama bei Yoga Vidya Bad Meinberg gerne erst Uddiyana Bandha üben und dann Agni Sara, und auch viele Menschen bei Kapalabhati lieber Agni Sara als Uddiyana Bandha nach dem festen Ausatmen üben. Uddiyana ist machtvoller als Agni Sara. Auf eine gewisse Weise ist Agni Sara eine Vorübung zu Uddiyana Bandha. Die beiden sind nicht ganz gleich. Uddiyana hat mehr etwas mit etwas Vogelhaftem zu tun, fliegen. Agni Sara hat mehr das Agni erhöhen, damit auch Feuer erhöhen. Obgleich Svatmarama ja gerade gesagt hat, dass Uddiyana Bandha auch Agni erhöht. Aber Agni Sara mehr. Uddiyana ist mehr das nach oben fliegen lassen. Also beschränke dich nicht auf Agni Sara. Übe jeden Tag Uddiyana Bandha. Svatmarama schlägt vor: Mach‘ das mal sechs Monate lang besonders intensiv.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 44 - 54

Interessanterweise ist die Khechari Mudra die Übung, die in der Hatha Yoga Pradipika mit am ausführlichsten beschreiben wird. Er beschreibt es im 3. und sogar im 4. Kapitel wird sie nochmal erwähnt. Dass er letztlich über 20 Verse mit der Khechari Mudra verbringt, zeigt, dass diese für ihn besonders wichtig ist. Letztlich beschreibt er anhand der Khechari Mudra einiges von der feinstofflichen  Physiologie. Du kennst inzwischen Prana (Lebensenergie), die Chakras (die Energiezentren), die Nadis (Energiekanäle). Jetzt beschreibt er etwas über Soma.

Vers 44 in der Übersetzung, der Swami V. folgt: „Derjenige, der mit nach aufwärts gedrehter Zunge verharrt, trinkt den Soma Nektar mit konzentriertem Geist. Er, der Yoga kennt und erfahren hat, wird zweifellos den Tod in 15 Tagen überwinden.“

Sanskrit Bedeutung der Wörter:

Urdhva (nach oben) Jihva (Zunge) Sthira (unbeweglich) Buddhva (der Geist) – die Zunge nach hinten und oben und den Geist auch nach oben. So soll der Geist ganz unbeweglich sein. Dann trinkt man den Nektar. In den vorigen Versen, in denen Svatmarama über Khechari geschrieben hat, nämlich die Verse 32 – 43, hat er sich mehr auf die Aufwärtsbewegung konzentriert: die Zunge, der Geist und das Bewusstsein gehen nach oben. Khe hat etwas mit Himmel, Leere und oben zu tun. Aber wann immer man etwas in eine Richtung übt, geschieht auch die andere Richtung. Indem du den Geist nach oben hin öffnest, strömt dann der Nektar des Mondes nach unten.

Es geschieht das Trinken (Pana) des Mondes (Soma). Wenn man dies einen halben Monat macht (Ardha Masa) dann besiegt (Jayati) man den Tod (Mrityo) und wird zu einem Kenner des Yoga. Er verspricht uns hier natürlich eine Menge. Nur die Zunge nach hinten und Mond trinken, aber da steckt natürlich mehr dahinter. Er sagt, es reicht auch nicht aus, ein einmaliges Erlebnis zu haben, sondern letztlich 2 Wochen intensives Praktizieren, dabei das Bewusstsein immer wieder nach oben bringen, dann bist du dauerhaft darin verankert.

Vers 45: „Was den Yogi betrifft, der seinen Körper täglich mit dem Nektarfluss von Mond stärkt, so mag er sogar von der Schlange Dakshakar gebissen werden, ohne dass das Gift sich in seinem Körper ausbreiten und ihm etwas anhaben kann.“

Gift

Hier beschreibt er subtilere Wirkungen. Wörtlich verstanden könnte man sagen, man muss nur Khechari Mudra üben und dann wird man nicht sterben, wenn einen die Schlangen beißen. Ob dem so ist weiß ich jetzt nicht. In Deutschland gibt es heute weniger Schlangen und auch in Indien gibt es weniger Schlangen als früher. Normalerweise meidet man Gegenden, wo es Schlangen gibt. Das Gift ist nicht nur das physische Gift, wichtiger ist vor allem das geistige Gift. Zum Beispiel können Menschen etwas Schlechtes über einen anderen Menschen sagen, sie können einem die spirituelle Tradition mies machen in der man gerade praktiziert. Menschen können also Gift in seinen Kopf geben. Oder man hat gerade eine gute Beziehung zu einem anderen Menschen und jemand anders erzählt einem etwas und gibt einem Gift. Indem man Khechari Mudra übt und seinen Geist in die Unendlichkeit bringt, wird man immer wieder bedingungslos und man lässt sich nicht so einfach beeinflussen durch das Gift, was einem andere Personen geben.

Natürlich auch im Ayurveda spricht man davon, dass der Soma, der Nektar, das sublimierte Kapha heilend und regenerierend ist. Khechari Mudra erhöht ein sublimiertes Kapha und welches die Regenerationsprozesse des Körpers stärkt. Man kann sagen in der feinstofflichen Physiologie der Hatha Yoga Pradipika gibt es eben zum einen das Prana, die Nadis, die Chakras, die Kundalini und Sonne und Mond.

 

Sonnen- und Mondenergie

Die Sonnenenergie ist im Bauch und hängt zusammen mit Agni dem Verdauungsfeuer, die Mondenergie ist letztlich im Kopf. Die Mondenergie hat an verschiedenen Stellen eine besondere Wirkung. Zum einen ist sie oberhalb vom Gaumen, zum zweiten ist sie an der Nasenspitze, zum dritten über der ganzen Stirn und zum vierten hinten am Bindu, so nennt es Swami Satyananda, also am Hinterkopf. Von der Seite gesehen bilden all diese Stellen eine Art Halbmond deshalb auch Mondzentrum. Manchmal wird auch Shiva mit einer Mondsichel oberhalb der rechten Augenbraue dargestellt. Die rechte Augenbraue hängt eben mit dem linken Nasenloch zusammen und damit mit Ida. Ida und Pingala werden ja auch als Sonne und Mond bezeichnet. Aber auch Regionen des Körpers sind Sonne und Mond.

Die Sonnenenergie im Bauch ist verantwortlich für Durchsetzungsvermögen, Gestalten, etwas tun, etwas bewirken, Mut zu haben und Willenskraft. Dies ist ein Aspekt des menschlichen Seins. Die Mondenergie entspricht dem Loslassen, dem Regenerieren, dem Vertrauen, der Gnade, dem Segen, dem Geschehen lassen, dem Lernen, der Offenheit, dem Zuhören, der Bereitschaft sich auf einen anderen Menschen einzulassen und auch seine Aufgaben anzunehmen.

 

Sonnen- und Mondenergie bei Kindern

Und so braucht es beides: Mond- und Sonnenenergie. Es heißt, dass wenn du geboren wirst, kommst du mit einer intensiven Menge von Sonnen- und Mondenergie auf die Welt weshalb die kleinen Kinder zum einen gut wachsen und auch Krankheiten durchaus zügiger heilen, sich von kleinen Unfällen besser regenerieren. Das ist die Mondenergie. Sie lässt den Körper wachsen, das Kind lernen, das Kind heilen, lässt das Kind gute Beziehungen zu seiner Umgebung aufbauen. Dann hat aber das Kind auch große Sonnenenergie. Kinder haben Enthusiasmus, Begeisterung, sie rennen durch die Gegend, machen alles Mögliche, sie werfen mit Dingen usw.

 

Sonnen- und Mondenergie in späteren Lebensabschnitten

So heißt es, dass sich die Sonnen- und Mondenergie im Laufe des Lebens erst einmal entfaltet. Jugendliche und junge Menschen in ihren Teenager und ihren 20er Jahren wollen viel gestalten, viel tun und bewirken. Dies ist alles die Feuerenergie. Sie sind durchaus auch bereit, sich in Wettbewerb mit anderen zu begeben, wollen sich beweisen und besser sein. Gleichzeitig haben sie aber auch Mondenergie. Sie wollen lernen und ihr Körper hat auch eine gute Regenerationskraft. Menschen in ihren Teenager und 20er Jahren vertragen es durchaus, wenn sie mal eine Nacht nicht schlafen und wenn sie sich sehr stark körperlich fordern. Es gibt eine Regenerationsfähigkeit. Irgendwann ab 30 nimmt das ganze ein wenig ab. Man hat weniger Sonnenenergie. Oft Menschen in ihren 50ern, 60ern und 70er Jahren wollen nicht mehr soviel tun, nicht mehr so viel bewirken, sagen sich manchmal „was soll’s“. Manchmal verbrennt sich das als Altersweisheit. Man ist mehr ruhig und hat gleichzeitig auch weniger Mondenergie, was bedeutet, dass sich der Körper nicht so gut regeneriert. Hat man einen Unfall bleibt dann eher etwas, eine kleine Krankheit kann sich chronifizieren. Es entstehen Falten, Haare werden grau, Zähne fallen aus, Brillen sind notwendig usw. Das heißt der Körper hat weniger Regenerationsfähigkeit und der Geist hat weniger Lernwillen.

 

Hatha Yoga lädt beide Energien auf

Im Hatha Yoga geht es darum, beide Energien aufzuladen. Letztlich nach der Hatha Yoga Pradipika heißt Alterungsprozess, dass Sonnen- und Mondenergie schwächer werden. Also weniger Gestaltungskraft (Sonne) und weniger Regenerationskraft (Mond). Und so gilt es beides zu stärken und dann bleibt man länger jung. Das ist etwas, was ich immer an den großen Yoga-Meistern bewundere, die ich kenne oder gekannt habe und noch in ihren 90er Jahren geistig sehr neugierig waren, geistig auch über andere Menschen wissen wollten und ernsthaft interessiert waren und sind, und die gleichzeitig weiter auch gestalten wollten. Durchaus anders als wie man es oft in den Schriften liest, wo es heißt, dass in Vanaprastha, also im Alter von 50, 60 man sich langsam zurückzieht, um in Sannyasa, im Alter von 75 nur noch meditiert. Die großen Yoga-Meister, die ich kenne, waren bis in ihre 90er Jahre solche, die weiter merkten, es gibt einiges noch zu tun und zu bewirken. Mit einer gewissen Gelassenheit und als Diener Gottes natürlich.

In diesem Sinne geht es also hier darum, die Mondenergie zu stärken, und das ist eine der Wirkungen der Khechari Mudra. Man könnte auch sagen, dadurch, dass man Sonnen- und Mondenergie aktiviert, kann man länger im Leben lebendig sein und kann man auch mehr Karma in ein Leben hineingeben. Menschen, die Yoga üben, werden zum einen länger leben und zum zweiten werden sie auch länger innerlich lebendig sein, können deshalb auch mehr Karma gestalten, werden deshalb weniger gelangweilt sein und werden auch mehr lernen. So heißt es auch, wer Hatha Yoga übt, kann das Karma von mehreren Leben in ein Leben hineinbringen, was zum einen das Leben interessanter macht und zum anderen helfen kann, in diesem Leben die Gottverwirklichung zu erreichen. Kehren wir zurück zu den Versen der Hatha Yoga Pradipika selbst.

Vers 46: „Ebenso wie ein Feuer nicht ausgeht, solange man Holz nachlegt, wie das Licht in der Lampe nicht ausgeht, solange es durch Öl und den Docht gespeist wird, verbleibt auch Jiva, die individuelle Seele im Körper, solange sie durch die Strahlen des Mondes belebt wird.“ Was also heißen will, solange man die Mondenergie regeneriert, solange sind wir auch lebendig. Khechari Mudra ist eine der Mudras und Hatha Yoga Übungen, die die Mondenergie regenerieren und so einen geistig, energetisch und körperlich jünger hält.

Vers 47: „Er mag täglich das Fleisch einer Kuh essen und Wein trinken, so betrachte ich ihn dennoch als Spross einer höchst vornehmen Familie.“

Vers 48: „Das Wort Go bedeutet auch Zunge. Indem sie in die Öffnung im Gaumen eingeführt wird, isst er das Fleisch der Kuh. Das erlöst von großer Sünde.“

Hier gibt Svatmarama eine esoterische Interpretation einer rot-tantrischen Praxis oder auch einer linkshändigen Praxis, die sogenannten Pancha Makaras, die 5 M’s. Dazu gehört zum einen Fleisch essen, zum zweiten gehört dazu Wein trinken, zum dritten Geschlechtsverkehr mit anderen, mit dem man nicht verheiratet ist. Es gehören noch 2 weitere Dinge dazu. Insbesondere spricht er hier von Fleisch essen und Wein trinken. Dies ist aber nicht wörtlich zu verstehen. Er sagt, die Zunge nach hinten geben, ist das, was man als Fleisch essen bezeichnen kann. Er will letztlich sagen, dass diese linkshändige Tantrapraxis heißt, dass man die Zunge nach hinten gibt. Go bedeutet eigentlich Kuh, aber er sagt hier: Go Shabdini Uddita Jihva (die Zunge ist letztlich Go). Man isst also nicht stets Kuh, sondern man gibt die Zunge nach hinten. Und den Wein trinken, ist eben nicht ein physischer Wein oder berauschende Getränke, sondern das ist den Nektar (Soma) zu trinken. Also Amara Varuni (der Nektar der Unsterblichkeit) ist das, was er im nächsten Vers gebraucht. So sagt er also, indem wir die Zunge nach hinten geben und den Nektar der Unsterblichkeit erfahren, dadurch überwinden wir alle Papas (Sünden) und erfahren Unendlichkeit.“

Vers 49: „Tritt die Zunge in die Öffnung im Gaumen ein so entwickelt sich enorme Hitze im Körper, das bewirkt, dass der Nektar vom Mond zu fließen beginnt. Das nennt man Amara Varuni.“ Varuni wird oft als Wein oder berauschendes Getränk bezeichnet, aber Amara heißt der Nektar der Unsterblichkeit.

Wenn du also in der Khechari Mudra zunächst den Geist nach oben hin ausdehnst, also in Vyoma Chakra oder in Khe in den unendlichen Raum, dann bekommst du plötzlich die Erfahrung, dass von oben Gnade und Segen in dich hineinströmt und eine kühle Brise durch dich hindurch geht, wie die Ganga, der heilige Fluss durch dich hindurch geht, und du fühlst dich wie berauscht und gleichzeitig voller Freude und voller Energie in einem anderen Bewusstseinszustand.

Vers 50: „Bleibt die Zunge, die die Nektarstrahlen des Mondes hervorzubringen vermag, welche salzig, scharf und sauer schmecken und auch der Milch, dem Honig und der gereinigten Butter im Geschmack ähnlich sind, in die Öffnung des Gaumens gepresst, so werden sämtliche Krankheiten und auch das Alter ausgelöscht. Diese Vorgehensweise befähigt ihn dazu, all die Veden und Wissenschaften hervorzubringen und Waffen jedweder Art abzuwehren. Es verleiht ihm Unsterblichkeit und auch die 8 Siddhis und auch die Macht, die Jungfrauen der Siddhis für sich zu gewinnen.“

 

Erfahrungen durch das einfache Khechari Mudra

Also in diesem Khechari steckt eine ganze Menge. Vom Khechari Mudra gibt es einfache Varianten. Die einfachste Interpretation ist, du gibst die Zunge nach hinten, du dehnst deinen Geist nach oben aus, du bist in der Unendlichkeit. Es kann dir aber auch passieren, dass du das Gefühl hast, dass Nektar und Segen von oben in dich und durch dich hindurchströmt. So sagt er, dass kann jetzt auch zu Geschmackserlebnissen führen, zu subtilen Geschmäckern. Es kann letztlich salzig, scharf und sauer sein. Es kann verschiedenen andere Geschmacksrichtungen haben und es hat diese harmonisierenden Wirkungen und hilft, dass der Körper sich regenerieren kann, Krankheiten heilen können, Alter verschwindet.

 

Arten von Waffen

Was aber auch heißt, Bewusstsein geht in die Ewigkeit und in die Unendlichkeit und dann verstehst du auch das, was in den Veden steht. Letztlich geht es in den heiligen Schriften darum, Gott zu erfahren. Wenn du Gott erfährst, dann verstehst du, worum es in den heiligen Schriften geht. Wenn du dich selbst als unendlich erfährst, dann werden dir auch Waffen nichts anhaben. Es gibt verschiedene sogenannte Astras. Glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, wo wenige Menschen andere mit physischen Waffen traktieren. Das war nicht immer so und ist auch nicht in allen Teilen der Welt so. Ist auch nicht in Deutschland immer so gewesen.

Aber es gibt natürlich auch die Waffen des Mundes, wo Menschen dich angreifen, auch vor allen angreifen. Es gibt solche, die hinter deinem Rücken sprechen, es gibt Menschen, die dir Gift einträufeln. Aber wenn du einmal in der Unendlichkeit bist, und weißt, du bist Sat Chid Ananda, dann kann dir all das nichts anhaben. Es gibt vielleicht auch Menschen, die mit irgendwelchen Prana Techniken und negativen Denken, dir negative Energie schicken. In Indien ist dies zum Teil etwas, wovor Menschen sehr viel Angst haben. Und hier sagt Svatmarama: kein Problem, übe Khechari Mudra, verbinde dich mit der Unendlichkeit und Ewigkeit, nichts wird dir etwas anhaben können.

Gut, dann sagt er die Jungfrauen der Siddhas (die kosmischen Kräfte, die du hast) für sich zu gewinnen. Siddha sind die Vollkommenen, die verschiedenen Kräfte haben, die sie aber nicht nutzen, deshalb sind sie weiter Jungfrauen. In diesem Sinne erwirbst du auch verschiedene Kräfte und Fähigkeiten.

Vers 51: „Derjenige, der mit nach oben gewandtem Gesicht und mit der Zunge die Öffnung im Gaumen geschlossen über Kundalini meditiert und die klaren Fluten des Nektarstromes trinkt, der vom Mond im Kopf in den 16-blättrigen Lotus herabfließt, der durch seine Hatha Yoga Pradipika Praktiken die Kontrolle über das Prana erlangt hat, wird zu einem wahren Yogi, frei von jeglicher Krankheit und lebt lange mit einem geschmeidigen, schönen Körper gleich den Fasern eines Lotusstammes.“

 

Durchführung der Große Khechari Mudra

Hier lässt er jetzt die große Khechari Mudra zu einer Meditationstechnik werden. Er sagt mit nach oben gewandtem Gesicht, also den Kopf nach hinten und Zunge nach hinten und dann zunächst über die Kundalini meditieren, also den Geist nach unten richten. Dann anschließend den Geist nach oben richten, sodass die Kundalini nach oben fließt. Dann wiederum die Mondenergie von oben nach unten strömen lassen. Dieser Prozess in diesen 3 Schritten, der hilft dann, dass der Nektarstrom alles regeneriert, du gesund wirst und den Geist klar hast.

Nochmal die 3 Schritte der Maha Khechari Mudra: Kopf nach hinten, Gesicht nach oben, Zunge nach oben, dann den Geist nach oben bringen zum Unendlichen. Dort eine Weile verharren. Der zweier Prozess ist dann die Energie von oben nach unten strömen lassen. Der dreier Prozess wäre Kopf nach hinten, Zunge nach hinten, dann die Kundalini spüren eventuell das mit Mula Bandha verbinden, die Energie nach oben strömen lassen, dann die Augen nach oben zum Unendlichen führen. Wenn du merkst, dass die Kundalini aktiv geworden ist, bringe sie nach oben zum Unendlichen. Dann anschließend spürst du auf einmal Segen und Ströme der Freude von oben nach unten. Das ist der Nektar. Wenn das geschieht, dann fühlst du dich regeneriert.

Vers 52: „Im Inneren des oberen Teiles von Meru, der Sushumna, ist der Nektar in der innen liegenden Öffnung verborgen. Der Mensch, dessen Intellekt von reiner, sattviger Art ist und nicht verdunkelt von Rajas und Tamas, wird darin die Wahrheit erkennen, seinen eigenen Atman. Es ist der Mund, durch den sich die Flüsse, die Nadis, entleeren können. Vom Mond aus strömt der Nektar, die Essenz des Körpers und die Folge ist der Tod des Sterblichen. Deshalb sollte man das segensreiche, wirksame Khechari Mudra ausführen. Nimmt man sich nicht die Mühe, es zu üben, wird man nie in den Genuss von Kaya Siddhi kommen, das den Körper mit Schönheit, Anmut, Kraft und unüberwindliche Festigkeit ausstattet.“

Wirkungen des Khechari Mudra jenseits der physischen

Hier beschreibt er eine Menge und er beschreibt natürlich auch, dass Khechari Mudra eben nicht etwas ist, das rein physisch ist. Also im inneren des oberen Teiles von Meru, der Sushumna ist der Nektar der innenliegenden Öffnung verborgen. Meru ist diese Mitte und ein anderer Name für die Sushumna. Durch Meru fließt die Energie nach oben. Dann sagt er, es gibt dort eine Öffnung in der Sushumna, Meru, und dort ist eben der Nektar.

Jetzt gilt es sich von Rajas und Tamas zu befreien. So gilt es natürlich auch einen yogischen Lebensweg zu führen, der sattvig ist. Was sowohl äußeres Sattva ist, Ernährung, Körperhygiene, Kriyas, spirituelle Praktiken, mit denen du dich reinigst, ethischer Lebensstil usw. Wenn man sattvig ist, kann man sich letztlich auf diese höheren Chakras Ajna und Sahasrara konzentrieren und dann strömt der Nektar nach unten.

Dann spricht er von Kaya Siddhi. Es gibt sowohl im Hatha Yoga wie auch im Ayurveda eine Technik, die sich Kaya Kalpa (dem Körper eine neue Lebensspanne geben) nennt. Da gibt es verschiedene Techniken und da spielt im Hatha Yoga eben auch die Khechari Mudra eine besondere Wichtigkeit. Khechari Mudra

Vers 53: „In der Sushumna, vor allem in der Öffnung, treffen die 5 Flüsse zusammen, und übertragen göttliches Wissen. Im Hohlraum der Öffnung, die frei ist von Auswirkungen von Avidya (Leid und Täuschung), kann sich Khechari Mudra vervollkommnen.“

Die 5 Öffnungen der Ida, Pingala, Sushumna, ich spreche erst einmal von 5 Flüssen letztlich sind es 7 Flüsse Ganga, Yamuna, Godavari, Saraswati, Narmada, Sindu und Khaveri. Es gibt ja auch die Sapta Sindhava Mantra (Ganga, Yamuna, Godavari, Saraswati, Narmada, Sindu und Khaveri , Namasto Bhyam Namo Namah). Das sind 7 heilige Reinigungsenergien, die 7 besonders wichtigen Nadis entsprechen. Dann ist manchmal von 10 Nadis die Rede und manchmal von 5 Nadis. Es gibt ja auch in Nordindien eine Region, die sich Panjab nennt. Panjab von Pancha, das 5 Stromland. Die 5 äußeren Ströme entsprechen 5 inneren Nadis und 5 inneren Mudras. Die 5 Flüsse werden manchmal auch als diejenigen bezeichnet, die die 5 Elemente tragen. So ähnlich wie auch die 3 Nadis manchmal als jene bezeichnet, die den 3 Gunas oder den 3 Doshas entsprechen. Wenn es 5 Flüsse sind, sind es 5 Elemente und wenn es 7 Flüsse sind, dann sind es die 7 Chakras, die damit in Verbindung sind.

Vers 54: „Die gesamte Evolution lässt sich auf einen Urlaut zurückführen, das Om. Es gibt nur eine wirklich wichtige Mudra, Khechari, nur eine wirklich wichtige Verpflichtung, Dharma, sich von nichts abhängig zu machen. Und letztlich gibt es nur einen wirklichen Avasta, spirituellen Zustand, eben Mano Mani.“

Die Wichtigkeit, Khechari Mudra zu üben

Mit diesem letzten Vers über Khechari Mudra will er beschreiben, wie wichtig es ist, Khechari zu üben. Aus dem Urklang, dem Om, ist das ganze Universum entstanden. Es gibt ja auch im Westen eine Theorie, wie die Welt entstanden ist, ein Urknall. Knall ist ja letztlich ein Urlaut, eine Urschwingung, das ist das Om. Alles läuft letztlich auf das Om hinaus. Alle Mudras laufen letztlich auf Khechari hinaus, dass der Geist im unendlichen Raum verschmilzt und du die Einheit erfährst.

Dharma

Genauso gibt es Dharma, was unter anderem Verpflichtung heißt. Die wichtigste Verpflichtung ist zur Freiheit zu kommen. Dies darfst du nicht vergessen. Es gibt so viele Aufgaben, Verpflichtungen gegenüber Kindern, Partner, Haustieren, Haus und Garten, Gesellschaft, Arbeitgeber, Kunden und viele andere. Diese mögen alle wichtig sein. Man hat Verpflichtungen gegenüber seinem Körper, sich um ihn zu kümmern. Aber die wichtigste Verpflichtung ist Gott zu erfahren, zur Freiheit hinzukommen.

 

Mano Mani

Und dann natürlich unter allen Avastas, Zuständen, die du so erlebst, geht es letztlich um Mano Mani d. h. um Samadhi. Mache dir nicht so viele Sorgen um die Zustände deines Geistes, woher sie kommen und was sie zu bedeuten haben, sondern richte dich eher danach aus, Unsterblichkeit, Ewigkeit, Samadhi zu erfahren.

Das waren nochmals Verse über die Khechari Mudra, wo es insbesondere um Soma ging, den Nektar, der nach unten strömt und die tiefere Bedeutung der Khechari Mudra. Es ist bemerkenswert, dass letztlich Svatmarama 22 Verse über Khechari Mudra im 3. Kapitel geschrieben hat, was eine ganze Menge sind und er erwähnt es nochmals im 4. Kapitel, was zeigt, wie wichtig dieses Khechari Mudra  Svatmarama war. So kannst du dies zum Anlass nehmen vielleicht in deine Pranayama- und Meditationspraxis mindestens kleines und manchmal großes Khechari Mudra zu integrieren und so deine Meditation zu vertiefen.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 32 – 43

Im 3. Kapitel geht es um Mudras. Es sind fortgeschrittene Techniken, die hier beschrieben werden.

Im 32. Vers beschreibt Svatmarama: „Wenn die Zunge in die Höhe des Schlundes zurückgeschlagen und die Augen fest zwischen den Augenbrauen fixiert sind, so ist das Khechari Mudra.“

Kleines und großes Khechari Mudra

Bei Yoga Vidya unterscheiden wir das sogenannte kleine und das große Khechari Mudra. Beim kleinen Khechari Mudra (Laghu Khechari Mudra) wird die Zunge nach hinten gerollt, Zungenspitze Richtung Gaumen. Khechari Mudra aktiviert das Visshudda Chakra und die Mondenergie, die von oben nach unten hinunterströmt und verhilft zu Ruhe des Geistes. Beim großen Khechari Mudra (Maha Khechari Mudra) gibst du die Zunge nach hinten und gleichzeitig den Kopf nach hinten und du schaust durch den Punkt zwischen den Augenbrauen bei halb oder ganz geschlossenen Augen nach oben.

Das kleine Khechari Mudra kannst du in verschiedenen Asanas, Pranayamas und in der Meditation einsetzen. Das große Khechari wird bei bestimmten Asanas und Pranayamas eingesetzt und manchmal geschieht es auch in der Meditation von selbst, dass man plötzlich den Impuls hat, den Kopf nach hinten, Zunge geht nach hinten und man schaut nach oben.

Jetzt schauen wir mal, was Svatmarama selbst über die Khechari Mudra schreibt: Er beschreibt eine fortgeschrittene Form, die wir zugegebenermaßen bei Yoga Vidya nicht praktizieren.

  1. Vers: „Indem man die Zunge einschneidet, schüttelt und melkt, kann man ihre Länge so weit ausdehnen, dass sie die Augenbrauen erreicht. Dann ist Khechari Mudra gelungen.“
  2. Vers: „Man nimmt ein blitzend sauberes Messer, so scharf wie das Blatt der Wolfsmilchpflanze und schneidet das Zungenband, eine weiche Membran, die die Zunge mit dem unteren Teil des Mundes verbindet, ein Haarbreit ein. Reibe dann die Stelle mit einer Mischung aus feinkörnigem Salz und Tumeric ein und schneide sie nach 7 Tagen wieder ein haarbreit ein. Diese Vorgänge sollte man täglich für die Dauer von 6 Monaten wiederholen. Nach dieser Zeitspanne ist die Membran, die die Zunge mit dem unteren Teil des Mundes verbindet, durchtrennt.“

Khechari Mudra mit durchgetrenntem Zungenband

In Swami V.’s Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika steht dann immer („wird nicht empfohlen“). Swami V. selbst konnte Khechari Mudra in dieser Form machen. Man würde also das Zungenband unten einschneiden, dann anschließend die Zunge herausziehen und auf diese Weise wird die Zunge, welches ja ein Muskel ist, solang, dass die Zungenspitze den Punkt zwischen den Augenbrauen berührt. Wenn du dann anschließend die Zunge nach hinten umklappst, kannst du die Zunge von hinten in die Nasendurchgänge hineingeben und dann könntest du sogar die Wechselatmung üben, indem du durch die Zunge abwechselnd den rechten Nasendurchgang verschließt. Es soll da hinten auch bestimmte Reflexpunkte geben, die, wenn sie mit der Zunge berührt werden, zu einer Ruhe des Geistes führen.

Jetzt wird beschrieben, wie es geht. Man soll es nicht allein machen. Heutzutage könnte man es in einer Schönheitsoperation machen und dabei alles in einem durchtrennen. Vermutlich wird es keinen Arzt in Deutschland geben, der es machen würde, aber es gibt andere. Und Menschen machen ja alle möglichen schrägen Dinge. Menschen machen sich Piercings an allen möglichen komischen Stellen, tätowieren ihre Haut, machen Ohrringe, Nasenringe und andere Ringe. Sie durchtrennen die Ohrläppchen und setzen dort irgendwelche größeren Dinge ein. Menschen stellen vieles mit ihrem Körper an: sie lassen sich die Nase vergrößern, das Fett absaugen. Menschen machen auch heutzutage viel, bevor du jetzt leichtfertig über die alten Inder urteilst, die auch die Körper irgendwie versehrt haben. Ich kenne einige Menschen, die die natürliche Fähigkeit haben, ihre Zunge zu verschlucken. Sie konnten Khechari Mudra ganz von selbst machen. Ihre Berichte waren jetzt aber nicht so, dass dies sofort zum Überbewusstsein geführt hat.

 

Swami V. hat auch gesagt: letztlich ist die Khechari Mudra abhängig von großer Konzentrationsfähigkeit des Geistes und die Fähigkeit, Prana zu kontrollieren. Für die Zunge reicht es aus, diese nach hinten zu geben und auf den Punkt zwischen den Augenbrauen zu schauen und dann mit Mantra und Konzentration kann man mehr bewirken. Ich selbst wollte eigentlich mit 19, Anfang 20 Khechari Mudra machen. Swami V. hat es mir aber verboten. Grade, wenn man nicht den Guru in der Nähe hat, sei es nicht ganz ungefährlich. Wenn man erst einmals die Zunge verschluckt kann ein Panikreflex auftauchen, dies könnte theoretisch zum Ersticken führen. Das wollte er nicht und er meinte auch, die Konzentration des Geistes sei wichtiger. Also bitte nicht Khechari Mudra so ausprobieren, es ist lebensgefährlich. Will man es ausprobieren, braucht man einen Guru neben sich, der es überwacht, und falls die Panikreaktion eintritt, seine beiden Finger nimmt und die Zunge wieder rauszieht.

Man kann Khechari Mudra aber auch üben, ohne vorher das Zungenband zu durchtrennen. Dann schreibt er, wozu diese Übung dient.

Vers 37:”Dann dreht man die Zunge so weit nach hinten, dass sie in die Höhle im Gaumen eindringen kann, dem Punkt, an dem sich die drei Nadis kreuzen. Das wird Khechari Mudra genannt.“ In einer anderen Übersetzung sagt er: „Die Zunge wird nach hinten gedreht und führt sie dort in den Ort der drei Energiekanäle ein. Dies ist dann Khechari Mudra. Es wird Energiezentrum des Raumes genannt.“

Ida, Pingala und Vyomachakra

Hier stehen einige wichtige Dinge. Zum einen Mal die Zunge nach hinten geben. Hinter dem Punkt zwischen den Augenbrauen kreuzen sich die drei Nadis. Ida beginnt links im Muladhara Chakra, kreuzt dann an ein paar Stellen im Körper, beherrscht insgesamt die linke Körperhälfte, kreuzt aber da sie die linke Gehirnhälfte beherrscht. Dann geht sie im Punkt hinter den Augenbrauen nach links unten und endet unten am linken Nasenloch. Pingala natürlich rechts. Im Ajnachakra selbst gibt es eine Kreuzung davon. Indem man die Zunge nach hinten gibt und von hinten in die Nasenhöhle einführt, gelangt man an die Stelle, wo sich die drei Nadis kreuzen. So kann diese Übung helfen, das Ajnachakra zu aktivieren, über Ida und Pingala hinauszuwachsen. Dann gelangt man zum sogenannten Vyomachakra, der Kreis des Himmels oder Ätherzentrum genannt, der Raum oberhalb des Gaumens.

 

Mit Khechari Mudra die Unendlichkeit erfahren

Swami Satyananda hat diesem Bereich einen bestimmten Namen gegeben: Chit Akasha, der Raum des Geistes, des reinen Bewusstseins. Khechari Mudra hilft Ida und Pingala zur Ruhe zu bringen und dann zu einem reinen Raum des Bewusstseins zu kommen. Khechari heißt „die im Himmel Wandelnde“. Chari heisst wandeln und Khe hat etwas mit Himmel zu tun. So heißt Khechari zum einen, dass die Zunge, das Prana und vor allem der Geist nach oben in die Unendlichkeit, in die Ewigkeit geht. So ist Khechari Mudra die im Himmel Wandelnde, die Mudra mit der du die Unendlichkeit und Ewigkeit erfahren kannst. Bei Khechari Mudra ist plötzlich die geistige Bewusstheit wichtiger. Du bringst die Zunge nach hinten, du schaust zum Punkt zwischen Augenbrauen und richtest deinen Geist entweder in die Mitte des Kopfes (Chit Akasha) oder eben zum Himmel, zur Unendlichkeit.

Vers 38: „Der Yogi, der mindestens eine halbe Stunde mit aufwärts gedrehter Zunge verharrt, wird von Krankheit, Alter und Tod frei.“ Hier gilt wiederum: wenn du deinen Geist in die Unendlichkeit bringst, dann weißt du, du bist nicht den Wandlungen des Körpers unterworfen. Daher wirst du von Alter, Krankheit und Tod frei. Der Körper mag auch wieder Krankheiten bekommen, irgendwann altern und irgendwann sterben. Aber du weißt, dass du jenseits von Körper und damit jenseits von Krankheit, Alter und Tod bist.

Vers 39: “Für denjenigen, der Khechari Mudra beherrscht, existieren weder Krankheit noch Tod, auch keine Trägheit und intellektuelle Starrheit, kein Schlaf, kein Hunger, kein Durst und keine Trübung des Geistes.“

Khechari Mudra für Wachheit des Geistes

Khechari Mudra hilft über Krankheit und Tod hinauszuwachsen. Aber er sagt, dass es auch auf der relativen Ebene einige Wirkungen hat. Es hilft über Trägheit und Schläfrigkeit hinauszuwachsen. Khechari macht dich sehr wach, Khechari Mudra ist auch ein guter Tipp für die Meditation, wenn du eine gewisse Neigung dazu hasst, träge zu werden, in eine Art Dösen oder in eine Art Luftschlösser zu bauen, rutschst. Dann könntest du in Laghu Khechari die Zunge nach hinten geben oder es gibt manche Menschen, die Maha Khechari während der Meditation machen, um wach zu bleiben. Khechari hilft also zu einer Wachheit des Geistes.

 

Khechari Mudra zum Abnehmen und gegen Heißhungerattacken

Dann sagt es auch noch, dass es gegen Hunger und Durst hilft: zum einen gegen physischen Hunger. Es gibt ja auch die Aussage im Yogasutra, dass die Konzentration auf Kantha Kupa (die Höhlung in der Kehle also Vishuddha Chakra) hilft über Hunger und Durst hinauszuwachsen. Dies kann man zum Beispiel integrieren, wenn man abnehmen will. Man könnte sich öfter auf die Kehle konzentrieren, Schulterstand und Fisch häufiger machen oder sich auch in der Meditation aufs Kehlchakra konzentrieren. Oder aber Khechari Mudra üben und sich zunächst zu Beginn auf die Kehle konzentrieren und anschließend den Geist nach oben abzuziehen.

Das kleine Khechari Mudra im Alltag, wenn du plötzlich eine Heißhungerattacke hast, konzentriere dich einen Moment auf die Kehle, anschließend gib deinen Geist nach oben, schaue nach oben und die Hungerattacke ist vorbei. Es wäre also eine effektive Methode insbesondere gegen das, was man als “Pinch Eating” bezeichnet, es wird inzwischen auch auf Deutsch so bezeichnet: Menschen, die plötzlich Heißhungerattacken haben, wie getrieben und unbeherrschbar plötzlich viel essen wollen. Khechari Mudra ist nicht nur eine fortgeschrittene Übung, sondern auch eine praktische Übung um von dieser Heißhungerattacke loszukommen.

Kshudha und Trishna auf Sanskrit heißt Hunger und Durst, Gier, Getriebenheit und Verlangen. Nicht umsonst ist aus Trishna Krishna entstanden. Weil dich Khechari zu einer Erfahrung der Ruhe und Stille, der Einheit führt, führt sie auch dazu, dass du nicht mehr so abhängig bist von Gier, Wünschen und Getriebenheit, Kränkungen, Ärger usw. Khechari also insgesamt eine Übung für Ruhe des Geistes aber ohne Trägheit und Schläfrigkeit.

Vers 40: „Derjenige, der Khechari Mudra beherrscht, wird nicht durch Krankheit beeinflusst, er ist auch nicht an die Kette von Karma und seine Folge gebunden und er ist auch nicht durch die Zeit gefangen.“

Khechari verhilft zu Erfahrungen jenseits von Zeit und Kausalität

Khechari Mudra im höchsten Aspekt führt eben dazu, dass du dich im unendlichen Raum aufhältst, jenseits von Zeit und Kausalität. Daher bist du jenseits von Krankheit. Selbst wenn dein Körper irgendwann krank ist, du weißt, du bist das Unendliche. Du bist auch nicht gebunden durch das Karma. Karma betrifft Körper und Psyche. Natürlich wird das Karma weiterkommen. Du wirst weiter Aufgaben haben und du wirst auch weiteres tun müssen, aber indem du die Khechari Mudra wirklich beherrscht, gehst du immer wieder in einen Zustand jenseits des Kommens und Gehens. So mögen Menschen manchmal zu dir freundlich und manchmal unfreundlich sein. Manchmal mag dein Körper gesund sein oder krank sein. Manchmal magst du große Verluste haben, manchmal hast du großartige Gewinne, ohne das du weißt warum. Vielleicht mögen Menschen dir ganz ungerechtfertigt böse sein, dich schlecht behandeln oder manchmal dich mit Segnungen überhäufen, dass du gar nicht weißt, was geschieht. All dies ist Karma.

Manchmal magst du große Aufgaben haben, wo du gar nicht weißt, wie du sie bewältigen kannst und dann mag das Leben langweilig sein und du suchst nach Herausforderungen und bekommst keine. All dies ist Karma.

Wenn du wirklich Khechari beherrschst, über alles Relative hinauswächst, regelmäßig in die Unendlichkeit gehst, macht dir all dies nichts aus. Du bist nicht in der Zeit gefangen, letztlich erreichst du den Zustand der Bedingungslosigkeit.

Vers 41: „Diese Mudra wird von den Siddhas Khechari genannt, weil der Geist und die Zunge in dieser Zeit im Akasha verweilen.

Das Wandelbare des Menschen (Chitta) bewegt sich (Chati) in die Leere. Khe heisst Himmel, Leere. Khechari heißt letztlich bewegen und der Geist (Chitta) bewegt sich in die Unendlichkeit, in den unendlichen Raum. Dies ist der wichtigere Teil.

Im Relativen bewegt sich die Zunge auch nach oben in diesen leeren Raum, in der Nasenhöhle. Dies ist eine zweite Interpretation. So hat Khechari wie die meisten Mudras zwei Aspekte: Einen physischen – die Zunge nach hinten in den Raum der Kehle oder Fortgeschrittenen in den Nasenraum.

Vers 42: „Wenn einer die Höhle an der Gaumenwurzel durch das Khechari Mudra verschlossen hat, wird der Samen nicht ausströmen, sogar wenn ihn eine junge und leidenschaftliche Frau umarmt.“ Oder in einer anderen Übersetzung: „Wer durch Khechari Mudra die Höhle am oberen Teil des Gaumens versiegelt hat, für den verrinnt der Samen Bindu nicht mal in der Gegenwart einer erotischen Frau.“

Da gibt es jetzt verschiedene Interpretationen. Swami V. war ein Swami, ein Mönch, der mit 20 das Brahmacharya Gelübde abgelegt hat und so hat er über die rot tantrischen Ausführungen der Hatha Yoga Pradipika nichts gesagt, außer das sollte man im übertragenen Sinne verstehen und meinte, wenn man Khechari Mudra beherrscht, wird man sich auch von sexueller Gier lösen. Der Bindu bedeutet letztlich da es ja die Energie von Apana Vayu ist, die 3 Hauptfunktionen im Körper hat: Die erste ist die Eliminierung durch Urin und Fäkalien, das Reinigen, die zweite ist die Sexualität und das dritte ist die Kreativität. Weitere Funktionen sind noch die Menstruation der Frau und der Geburtsprozess. Steigt Apana Vayu nach oben, transformiert im Svadisthana Chakra und wenn es dort bleibt wird es zur sexuellen Energie. Dies wird als Bindu bezeichnet. Strebt aber Apana Vayu weiter nach oben dann ist es die kreative Energie und damit ist die sexuelle Energie sublimiert.

 

Insgesamt ist auch Khechari Mudra mit der Mondenergie, der wässrigen Energie und diese wiederum mit Apana Vayu verbunden. Apana Vayu und Mondenergie hängen zusammen sowie Samana Vayu und Sonnenenergie zusammenhängen. Übst du Khechari Mudra strömt die Energie nach oben, das kann ermöglichen, dass du dich von sexueller Gier löst. Ein Mensch, der Hatha Yoga übt, auch ein Fortgeschrittener, können Sexualität haben, aber er wird nicht mehr von der sexuellen Energie getrieben und beherrscht.

Es gibt für den 42. Vers noch eine zweite Interpretation. Im dritten Kapitel gibt es ja einige Verse, die auf rotes Tantra hinweisen und sagen, während der Sexualität kann man Vajroli mit Khechari und Shambavi Mudra verbinden. Dann wird die Energie während der Sexualität transformiert und in spirituelle Energie umgewandelt und das Paar kann dann zusammen einen höheren Bewusstseinszustand erreichen. Aber zugegebenermaßen ist dies nicht mein Spezialgebiet. Eben Swami V.’s Interpretation ist: durch Khechari Mudra und dadurch, dass man mit dem Geist in die Unendlichkeit kommt, hört man auf, Sklave seiner Wünsche, seiner Gier, seiner Getriebenheit zu sein, darüber hat er ja im 39. Vers gesprochen, und man wird eben auch frei von sexueller Gier und kann dann nicht mehr so leicht verführt werden.

Vers 43: „Sogar, wenn sich die Samenflüssigkeit bereits im Genitalorgan befindet, kann sie durch ausüben des Yoni Mudras, wieder an ihren Ursprung hinaufgezogen werden.“ Yoni Mudra ist letztlich eine Form des Vajroli Mudra. Hier macht er einen Vorgriff auf das, was er vorher gesagt hat. Angenommen man fühlt sich sexuell erregt, könnte man Vajroli Mudra üben, die Beckenbodenmuskeln insbesondere die mittleren nach oben ziehen und dann Khechari Mudra und dann wird die sexuelle Energie wieder nach oben gezogen.

In den alten Schriften in Indien gibt es auch Formen, wie man Menschen beherrschen kann, wie man Opponenten überwinden kann. Es gibt die Artha Shastras, die beschreiben, wie man Gegner überwinden kann. Da gibt es unter anderem die Aussage, man schickt ihm eine schöne Frau, die ihn verführt, und bekommt so alle Geheimnisse heraus. Durchaus etwas, was bis heute bei Spionagetechniken gemacht wird, um Wirtschaftsspionage und politische Spionage zu betreiben. In Amerika, das ein sehr prüdes Land ist, sind so manche Gouverneure und Kongressabgeordnete auch zu Fall gebracht worden, in dem Gegner ihnen irgendwelche Frauen geschickt haben, die diese dann verführt und anschließend kompromittiert haben.

 

So sagt Svatmarama hier, du kannst lernen dich dadurch nicht beeinflussen zu lassen. Wenn du diese Gier merkst, überwinde diese und übe notfalls Vajroli Mudra in Verbindung mit Khechari und Shambavi Mudra. Manche interpretieren diesen Vers als sexuelles Tantra, wo man im Geschlechtsverkehr die Energie so nach oben fließen lässt.

 

Üben der Khechari Mudra

Soweit zu Khechari Mudra. Wenn du magst, kannst du es nun üben. Als kleines Khechari könntest du dich gerade hinsetzen, die Zunge nach hinten geben, die Augen nach oben zum Punkt zwischen den Augenbrauen richten, dabei die Augen sanft schließen. Du kannst erst einmal 2, 3 Mal tief ein- und ausatmen. Du kannst den Geist auf die Mitte des Kopfes richten (Chit Akasha oder Vyom Akasha) oder nach oben zum Unendlichen richten.

Wenn du magst, kannst du auch zum großen Khechari kommen, den Kopf leicht nach hinten geben, dann durch den Punkt zwischen den Augenbrauen bei (halb) geschlossenen Augen oben zum Unendlichen schauen und dir bewusst machen: Ich bin eins mit dem Unendlichen, dem Ewigen, reines Sein, Wissen und Glückseligkeit.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Mahaguhya in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 30 und 31 des 3. Kapitels aus der Hatha Yoga Pradipika

„Diese drei sind Mahaguhya, das große Geheimnis. Sie überwinden Alter und Tod. Sie steigern das Verdauungsfeuer und kultivieren die übernatürlichen Fähigkeiten wie Kleinsein wie ein Atom und viele andere.“ (3. Kapitel, HYP, 30. Vers)

 

Wir sind im 3. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika und Svatmarama hat die drei beschrieben, die Triada. Maha Mudra, Maha Bandha und Maha Veda.

Drei ganz besonders wichtige Mudras. Maha Mudra ist die Vorwärtsbeuge mit einem Bein auf bestimmte Weise ausgeführt. Maha Mudra bringt das Prana in die Sushumna hinein. Maha Bandha bestehend aus Mula Bandha, Uddiyana Bandha und Jalandhara Bandha. Die Bandhas halten das Prana in der Sushumna drin und sorgen dafür, dass das Prana nach oben geht. Und Maha Veda hilft die Kundalini zu aktivieren und so nach oben zu führen.

Diese drei sind ein großes Geheimnis. Und zwar deshalb, weil es nicht ausreicht, die Übungen nur mechanisch zu machen. Man muss vorher vorbereitet, gereinigt sein, es braucht die richtige Konzentration.

Und warum übt man das Ganze? Sie überwinden Jara (das Alter) und Mryu (den Tod). Sie aktivieren auch Agni (das Verdauungsfeuer), auch Vahni genannt. Vahni heißt Feuer. Und damit steigert es nicht nur das Verdauungsfeuer, sondern allgemein das Feuer. Enthusiasmus, Freude, Mut, Willenskraft und Begeisterung. Sie entwickeln besondere Eigenschaften (Guna-Pradam). Also gute Eigenschaften, solche wie Anima. Anima bedeutet hier klein zu werden und adi heißt hier „viele andere auch“. Das heißt, er nimmt auf die acht großen Fähigkeiten, die ashta-siddhis, die auch als animadi guna-pradam bezeichnet werden. Eigenschaften, wie klein zu werden. Klein zu werden heißt natürlich bescheiden und demütig zu sein.

Also es ist gut, diese drei zu üben. Nochmal, Maha Mudra, Maha Bandha und Maha Veda.

Man kann zum Beispiel diese mit Bhastrika verbinden wie in der Bhastrika Mudra Reihe. Man kann sie am Ende des Pranayama nochmal separat üben. Im Grunde genommen könnte man sagen, man übt erst Pranayama, danach Maha Mudra. Dann bringt man seinen Körper in Maha Bandha und mit Maha Veda aktiviert man die Kundalini.

 

Nochmal der Vers auf Sanskrit: etat trayaṁ mahā-guhyaṁ jarā-mṛtyu-vināśanam |

vahni-vṛddhi-karaṁ caiva hy aṇimādi-guṇa-pradam ||30||

Und jetzt kommen wir zum 31. Vers. Diesen zunächst auf Sanskrit. aṣṭadhā kriyate caiva yāme yāme dine dine | puṇya-saṁbhāra-sandhāyi pāpaugha-bhiduraṁ sadā | samyak-śikṣāvatām evaṁ svalpaṁ prathama-sādhanam ||31||

„Und wahrlich, wenn man ‚trayaṁ mahā-guhyaṁ‘, dieses dreifache Geheimnis alle drei Stunden ausführt, verleiht es stets eine Vielzahl von ‚puṇya’s, spirituellen Verdiensten und überwindet eine Vielzahl von ‚pāpa’s, Sünden. Sogar diejenigen, die es korrekt gelernt haben, sollten zu Anfang die Praxis langsam beginnen.“

 

Also, diese Dreiheit kann man achtmal am Tag üben, alle drei Stunden. Und warum sollte man es üben? Um so Punyas zu entwickeln, spirituelle Verdienste. Spirituelle Verdienste heißt, man entwickelt zum einen Tugenden. Man entwickelt positive Kräfte, Prana (Lebensenergie), Ojas und letztlich verschiedene spirituelle Kräfte. Es ist also gut, jeden Tag zu üben, und zwar sogar achtmal am Tag. Natürlich sollte man schrittweise beginnen und nicht alle auf einmal.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 25-29

Im 3. Kapitel geht es um die Mudras, die kombinierten Energieerweckungs- und -lenkungsübungen. In der Hatha Yoga Pradipika sind die Mudras nicht wie im indischen Tanz die Fingerhandbewegungen, sondern es sind kombinierte Energielenkungsübungen. Mudras kombinieren Körperhaltung, Atmung, Bewusstseinslenkung und verschiedene kleinere Mudras, bei denen man etwas mit den Beckenbodenmuskeln, der Zunge und vielen anderen Körperteilen macht.

Mahavedha gehört zu den 10 wichtigsten Mudras, die die Hatha Yoga Pradipika im 3. Kapitel beschreibt.

Vers 25 in Sanskrit Rezitation: „Rupa Lavanya Sampanna, yad hast tripura shamvina, mahamudra mahabandhau, nishphalau vedha vajitau.“ Genau wie eine Frau voll Schönheit und Charme ohne Mann keine Kinder bekommen kann, so ist auch Mahamudra und Mahabandha fruchtlos ohne Mahavedha.“

Hier gebraucht er ein etwas anderes Beispiel. Svatmarama hat ja keine Hemmungen öfters durchaus mal eine vulgäre Sprache zu gebrauchen. Hier heißt es wörtlich: so wie eine schöne und anmutige Frau ohne Frucht bleibt, letztlich also kein Kind bekommen kann, so ähnlich werden auch Mahabandha und Mahamudra nicht fruchtbringend sein, also nicht die volle Wirkung haben, ohne Mahavedha. Man könnte sagen: Mahamudra bringt Schönheit, Mahabandha bringt Anmut, Liebreiz und dann mit Mahavedha bekommt man die eigentliche Frucht, weshalb man diese Mudras eigentlich übt.

Vers 26: „Nun Mahavedha. Der Yogi, der in Mahabandha sitzt und mit konzentriertem Geist eine Einatmung vollzogen hat, soll die Bewegung des Lebenshauches (Vayu) anhalten und den Kehlverschluss (Kantha Mudra – also Jalandhara Mudra) setzen.

Vers 27: „Mit beiden Händen parallel zueinander auf dem Boden soll er den Po langsam aufsetzen, sodass er die Energie (Vayu), die durch zwei Energiekanäle fließt, durchbricht und in den mittleren Energiekanal geht.“

Abgrenzung von Mahavedha und Shakti Chalini

Dieser Vers wird öfters anders beschrieben. Es gibt auch verschiedene Variationen. An einer späteren Stelle spricht er auch über Shakti Chalini. Gemeinhin wird Mahavedha so ausgeführt, dass man zunächst in den vollen Lotus geht, wenn dies irgendwie möglich ist. Dann gibt man die Handflächen auf den Boden, hebt dann das Becken leicht und macht alle drei Bandhas. Es wird aber eigentlich nicht das Becken gehoben, sondern der Brustkorb und so wird das Becken nicht mehr ganz den Boden berühren. Das Gesäß, der Po berührt den Boden ganz leicht. Dadurch wird die Wirbelsäule auseinandergezogen. Letztlich zieht das Gewicht des Beckens die Wirbelsäule lang, so wird diese gerade gerichtet und dann kann das Prana durch die Sushumna nach oben fließen.

Gemeinhin praktiziert man erst die Mahamudra: Man streckt ein Bein aus. Als Nächstes übt man Mahabandha, darauf folgt Mahavedha. Und, wenn man will, kann man anschließend Shakti Chalini Mudra üben d.h. das Becken heben und senken und mehrmals hintereinander auf den Boden kommen lassen.

 

Variationen von Mahavedha

Manchmal wird als Mahavedha auch Shakti Chalini beschrieben. Wir kommen öfters gerade bei den Mudras darauf, dass die gleiche Übung zwei Namen hat und manchmal der gleiche Name zwei Übungen bezeichnet. Es gibt also zwei Mudras, die als Mahavedha bezeichnet werden können: Das eine wäre das Becken mit den Handflächen leicht heben, oder vielen fällt es auch mit den Fäusten leichter. Oder auch das Becken ganz heben und die Ellbogen fast durchdrücken. Dabei kann man den Kopf gerade halten oder auch großes Khechari machen. Dies sind also die verschiedenen

 

Variationen von Mahavedha Nr. 1.

Manchmal wird als Mahavedha das Heben und Senken des Beckens bezeichnet, was wir bei Yoga Vidya eher als Shakti Chalini Mudra bezeichnen.

Schauen wir, wie Svatmarama auch noch Mahvedha in einer anderen Übersetzung beschreibt. Santadayet (schlage auf den Boden) Shanaye (langsam). So würde man durchaus sagen, dass in der Hatha Yoga Pradipika das Heben und Senken als Shakti Chalani Mudra bezeichnet wird. In der Yoga Vidya Tradition ist dies nur das Becken heben. Das Becken heben und senken bezeichnen wir als Shakti Chalani Mudra.

Dadurch verlässt das Prana Ida und Pingala und fließt durch die Sushumna. Indem man gleichzeitig Mahabandha (alle drei Bandhas) übt und das Becken hebt, öffnet sich die Sushumna und das Prana fließt von Ida und Pingala im Muladhara Chakra in die Sushumna.

 

Aktivierung des Kanda

Übt man Shakti Chalani, die Variation von Mahavedha, in der man das Becken hebt und senkt, aktiviert dies Kanda (die Wurzelknolle) über die er an einer anderen Stelle spricht, der Bereich zwischen Geschlechtsorganen und Anus, also Perineum bzw. der hintere Bereich der Scheide. Im Kanda Punkt beginnen alle Nadis und das Heben und Senken des Beckens sollte so sein, dass man es am Kanda Punkt besonders spürt. Es ist nicht so sehr das Gesäß, das erheblich ist oder die Pobacken, sondern die sanfte Massage des Kanda Punktes, wenn man die mittleren Beckenbodenmuskeln anspannt und dann das Becken hebt und senkt. Die Aktivierung des Kanda Punktes hilft noch mehr, dass die Energie vom Muladhara Chakra durch die Sushumna noch oben fließt.

Vers 28: „Damit erfolgt die Vereinigung von Sonne, Mond und Feuer und der Nektar der Unsterblichkeit tritt hervor. Und ein Zustand ähnlich dem Tod stellt sich ein. Danach sollte der Yogi langsam ausatmen.“

Sonne (Pingala), Mond (Ida) und Feuer (Sushumna) sind natürlich die Bezeichnungen für die drei Nadis. Indem sich die drei Nadis im Muladhara Chakra vereinen und dann die Energie durch die Sushumna nach oben strömt, kommt man über die Dualität hinaus. Solange das Prana durch Ida und Pingala geht, sind wir in der Dualität: Tag und Nacht, Hitze und Kälte, Mögen und Nicht-Mögen, Gut und Böse usw.

Ist aber das Prana in der Sushumna sind wir jenseits aller Dualität, jenseits von Zeit und Raum. Dieser letzte Zustand ist jener der Unsterblichkeit. Dies kannst du durchaus spüren, wenn du intensives Pranayama übst, anschließend die Mudras übst, insbesondere mit großer Konzentration und Achtsamkeit Mahavedha und Shakti Chalini. Dann wirst du einen Zustand der absoluten Ruhe des Geistes erreichen, das Gefühl der Einheit und der vollkommenen Verbundenheit.

 

Die Atmung während Mahavedha

Was er dann noch zum Schluss sagt: Man solle die Luft nur solange anhalten, wie man anschließend langsam ausatmen kann. Dies ist natürlich auch körperlich anstrengend, deshalb kann man den Atem auch nicht zu lange anhalten. Es gibt ein paar Sekunden, in denen man diese unglaubliche Erfahrung hat, anschließend atmet man aus.

Manche Menschen machen es auch so: sie üben Mahavedha und bleiben danach ein paar Minuten ruhig sitzen und genießen diesen Zustand sehr tiefer Meditation.

Vers 29: „Dies ist Mahavedha und verleiht, wenn ausgeübt, große Siddhis. Das bringt auch die Falten und grauen Haare, die als Folgen des Alterns auftreten zum Verschwinden. Deshalb wird diese Übung sehr geschätzt.“ Es gibt auch noch eine andere Übersetzung. „Die Praxis von Mahavedha verleiht großartige Kräfte, Siddhis. Es löscht Falten, graues Haar und Greisenzittern aus und wird von den besten der Yogis praktiziert.“

 

Ziel von Mahavedha

So will uns Svatmarama diese Übungen schmackhaft machen. Es geht letztlich darum, die Unsterblichkeit zu erreichen, Gott zu verwirklichen und die Erleuchtung zu erlangen. Aber Hatha Yoga wirkt eben auch auf anderen Ebenen. Vielen Menschen üben Hatha Yoga hauptsächlich wegen der Gesundheit, dem Wohlbefinden, der geistigen Ruhe und für mehr Energie. Hatha Yoga will uns aber über die Dualität hinausführen.

Hatha Yoga selbst, gerade wenn es um Pranayamas, Mudras und Bandhas geht, will uns zum höchsten Bewusstseinszustand führen. Ob jetzt tatsächlich alle Falten verschwinden ist eine andere Sache. Interessanterweise sehen die Yogameister, die viel Hatha Yoga üben, mit 70 und 80 Jahren sehr viel jünger aus als andere. Menschen, die viel Hatha Yoga üben werden im Alter nicht so sehr unter Demenz leiden, haben weniger neurologische Probleme. Hatha Yoga hilft tatsächlich bis ins hohe Alter gesund und voller Energie zu sein. Aber vom Standpunkt des Yoga ist die Bewusstseinserweiterung wichtiger. Große Siddhis heißt verschiedene große Kräfte und Fähigkeiten.

 

Mahavedha als fortgeschrittene Technik

Natürlich ist Mahavedha keine Übung, die du einfach so für dich übst. Bei Yoga Vidya üben wir Mahavedha als Teil der Bhastrika Mudra Reihe. Man beginnt mit 3 Runden Kapalabhati, 20 bis 40 Minuten Wechselatmung und danach übt man die Bhastrika Mudra Reihe. Sie beginnt mit Mahamudra, dann folgt Mahavedha, dann folgt Shakti Chalini, dann folgt Lola Mudra dann Bhujangini Mudra. Dies sind die fünf Mudras, die wir bei Yoga Vidya im Rahmen der fortgeschrittenen Kundalini Yoga Seminare und auch im fortgeschrittenen Pranayama üben. Nicht für Anfänger, sondern eben für Fortgeschrittene.

Man kann natürlich alle 10 Mudras der Hatha Yoga Pradipika in dessen Reihenfolge praktizieren. Damit sie die Wirkung haben, braucht es schon eine große Konzentration des Geistes. Allein die mechanische Übung reicht nicht aus. Zum Abschluss nochmal, wie Mahaveda geht:

Schritte des Mahavedha

Du atmest erst vollständig ein, dann übst du Mahabandha (Mulabandha, Uddhyana Bandha und Jalandharabandha), dann gibst du die Handflächen oder Fäuste auf den Boden, hebst das Becken leicht und konzentrierst dich auf den Punkt zwischen den Augenbrauen.

Oder Mahavedha Variation Nr. 2: Du hebst und senkst das Becken. Auch hier gibt es wieder verschiedene Möglichkeiten: eine so, dass nur der Kanda Punkt berührt wird, die zweite, dass das ganze Becken gehoben und gesenkt wird, und die dritte wäre, Mahavedha bzw. Shakti Chalini ohne die Zuhilfenahme der Hände zu üben. Manchmal ergibt sich die letzte Variante ganz von selbst, wenn man Bhastrika übt.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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