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Uddiyana Bandha in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 55 – 60 in der Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 3

 

Svatmarama sagt: atha uḍḍīyāna-bandhaḥ-baddho yena suṣumṇāyāṁ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ | tasmād uḍḍīyanākhyo’yaṁ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ ||55||

 

„Jetzt Uddiyana Bandha: Weil die Lebensenergie (Prana) durch den Verschluss in der Sushumna nach oben fließt, wird es von den Yogis mit dem Namen ‚Uddiyana‘ benannt.“

Uddiyana heißt nach oben. Yana heißt Reise. Uddi heißt nach oben. Es ist also die Reise nach oben. Uddiyana Bandha besteht, wie du vermutlich weißt, daraus, dass du die Lungen leer machst, mit leeren Lungen den Bauch einziehst. Du kannst Uddiyana Bandha im Stehen üben. Also im Stehen ausatmen, Hände auf die Knie und Bauch hereinziehen. Und natürlich wirkt Uddiyana Bandha besonders stark, wenn du es im Sitzen übst. Uddiyana Bandha ist Teil von Maha Bandha. Zusammen mit Jalandhara Bandha und Mula Bandha bildet Uddiyana Bandha Maha Bandha, den großen Verschluss.

Dabei wird das Prana kontrolliert (baddhah). Und zwar wird das Prana durch den Verschluss in die Sushumna gebracht und von der Sushumna nach oben. Man kann sagen: Mit Mula Bandha wird Ida und Pingala im Muladhara Chakra verbunden und Prana kommt in die Sushumna. Mit Uddiyana fliegt dann das Prana durch die Sushumna nach oben. „Uḍḍīyate“ heißt auch Auffliegen. Deshalb kann man Uddiyana auch als „die Auffliegende“ übersetzen. Und deshalb wird das als Uddiyana bezeichnet. Ich habe es vorher als „Reise nach oben“ genannt. Aber wörtlich heißt „Uddiyana“ auch das Auffliegen Lassen, das Hochfliegen.

 

Gut, also wozu Uddiyana Bandha? Um das Prana nach oben fließen zu lassen, und zwar in der Sushumna.

Man kann Uddiyana Bandha eben wie gesagt als Teil von Maha Bandha üben. Man kann Uddiyana Bandha aber auch zum Beispiel nach dem Ausatmen während der Wechselatmung oder bei anderen Pranayamas. Auch in den Asanas kannst du es integrieren. Du kannst zum Beispiel in der Vorwärtsbeuge, Paścimottānāsana, oder auch im Drehsitz, Kopfstand, Schulterstand oder Pflug Uddiyana Bandha integrieren und dir dabei vorstellen, dass das Prana durch die Sushumna nach oben fließt, mit leeren Lungen dann.

  1. Vers: uḍḍīnaṁ kurute yasmād aviśrāntaṁ mahā-khagaḥ | uḍḍīyānaṁ tad eva syāt tatra bandho’bhidhīyate ||56||

„Weil der große Vogel mit diesem Bandha fortwährend zum Nach-Oben-Fliegen gebracht wird, deshalb wird dieses Bandha genauso als ‚das Nach-Oben-Fliegen‘ genannt. Auf diese Weise kann das Bandha erklärt werden:“

Also hier nennt er nochmal einen anderen Grund, weshalb man dieses Bandha „Uddiyana Bandha“ nennt. Also „der große Vogel“. Und was ist der große Vogel? Der große Vogel ist natürlich die Kundalini. Die Kundalini soll nach oben zum Fliegen gebracht werden. Und man sollte das unermüdlich, immer wieder machen. Also nach jedem Ausatmen, zum Beispiel bei der Wechselatmung oder auch bei Ujjāyī Kumbhaka, Sūryabheda Kumbaka kannst du immer wieder nach dem Ausatmen Uddiyana Bandha üben und dir so vorstellen, dass das Prana und letztlich auch die Kundalini nach oben gehen.

  1. Vers: udare paścimaṁ tānaṁ nābher ūrdhvaṁ ca kārayet | uḍḍīyāno hy asau bandho mṛtyu-mātaṅga-kesarī ||57||

„Der Yogi sollte den Bauch nach hinten saugen und den Nabel nach oben. Dieses Bandha ist ohne Zweifel der Löwe zum Elefanten des Todes.“

Also, Udare (der Bauchbereich) wird paścimaṁ (nach hinten) gebracht. Paścimaṁ heißt hinten, Rücken auch Westen. Normalerweise ist die ideale Richtung zur Meditation der Osten. Und so ist der Westen (paścimaṁ) also hinten. Man könnte auch sagen, es ist gut nach Osten zu schauen. Und dann gib den Bauch nach hinten. Bring Nabi (den Nabel) ūrdhvaṁ (nach oben).

So übe man das Ganze. Das Ganze ist dann als „auffliegen lassen“ bekannt. Dieser Verschluss (Bandhaḥ) ist also letztlich der Tod gegenüber den Elefanten wie ein Löwe. Soll sagen der Löwe kann auch Elefanten töten. Der Tod wird überwunden. Mit anderen Worten: Uddiyana Bandha hilft Zeit und Raum zu überwinden. Uddiyana Bandha hilft aus der Dualität herauszukommen. Wenn du mit großer Intensität Uddiyana Bandha übst, wirst du merken, dass dein Bewusstsein sich erweitert und du zu einer anderen Bewusstseinsebene kommst.

  1. Vers: uḍḍīyānaṁ tu sahajaṁ guruṇā kathitaṁ sadā | abhyaset satataṁ yas tu vṛddho’pi taruṇāyate ||58||

„Selbst wenn ein alter Mensch ständig Uddiyana Bandha praktizieren würde wie von seinem Guru erklärt bis das Bandha sich fortwährend natürlich einstellt, würde er jung werden.“

Also Uddiyana sollte man immer wieder üben, es sollte spontan werden. Man sollte es natürlich von Guru lernen. Denn es sind nicht nur die physischen Dinge. Wenn ein Lehrer lehrt, dann lehrt er auch nicht nur Techniken, sondern überträgt dabei auch Prana. Und dann führt das Ganze zu Jugend. Jugend heißt jetzt nicht notwendigerweise, dass du wieder wie 16 aussiehst. Aber Jugend ist durch zwei Dinge gekennzeichnet. Erstens, dem Wunsch etwas zu bewirken in dieser Welt und zweitens, dem Wunsch etwas zu lernen. Wenn du dein Prana jung hältst, willst du neues lernen und du hast auch die Kraft etwas zu bewirken. Und so halte diese Fähigkeiten immer aufrecht. Die Fähigkeit etwas zu bewirken und auch letztlich die Neugier.

  1. Vers: nābher ūrdhvam adhaś cāpi tānaṁ kuryāt prayatnataḥ | ṣaṇ-māsam abhyasen mṛtyuṁ jayaty eva na saṁśayaḥ ||59||

„Der Yogi soll mit ständiger Bemühung das Einsaugen oberhalb und unterhalb des Nabels praktizieren. Ohne Zweifel besiegt er den Tod, wenn er sechs Monate so praktiziert.“

Also, es gilt den Bauch nach innen und oben zu ziehen. Und das sollte man eifrig, immer wieder machen. Wenn man das sechs Monate praktiziert, überwindet man den Tod.

Also, übe Uddiyana Bandha morgens, wenn du aufstehst, direkt nach dem Aufstehen. Gleich aufstehen, leere Lungen, Bauch einziehen, halten so lange wie du kannst. Oder mache es gleich im Vierfüßlerstand noch im Bett also in der Katze. Katze oder Kuh je nachdem wie du es nennen willst.

Dann integriere es in die Asanas. Integriere es ins Pranayama.

  1. Vers: sarveṣām eva bandhānāṁ uttamo hy uḍḍīyānakaḥ | uḍḍiyāne dṛḍhe bandhe muktiḥ svābhāvikī bhavet ||60||

„Da Uddiyana Bandha gewiss das Beste unter all den Bandhas ist, stellt sich spontan die Erlösung ein, sobald Uddiyana Bandha sicher beherrscht wird.“

Uddiyana ist dann natürlich nicht nur das Bauch-Einziehen. Sondern Uddiyana heißt ja „das Nach-Oben-Fliegen des Vogels“, das Nach-Oben-Fließens der Kundalini. Wenn die Kundalini nach oben fließt, hast du muktiḥ (Befreiung) erreicht. Also viele Gründe Uddiyana Bandha zu üben.

 

Also mein großer Tipp, die nächsten Tage übe mal Uddiyana Bandha intensiver und spüre dann wie es auf dich wirkt. Wie gesagt, jeden Morgen im Stehen 3–5 Runden. Dann auch in die Asanas integrieren, insbesondere bei den ruhiger gehaltenen Asanas nach dem Ausatmen. Und dann auch ins Pranayama integrieren. So kannst du deine Energie erhöhen. Oft üben Menschen sehr viel Agni Sara. Auch Agni Sara ist wichtig, denn Agni Sara erhöht Agni. Aber im Grunde genommen, auch wenn wir zum Beispiel beim morgendlichen Pranayama bei Yoga Vidya Bad Meinberg gerne erst Uddiyana Bandha üben und dann Agni Sara, und auch viele Menschen bei Kapalabhati lieber Agni Sara als Uddiyana Bandha nach dem festen Ausatmen üben. Uddiyana ist machtvoller als Agni Sara. Auf eine gewisse Weise ist Agni Sara eine Vorübung zu Uddiyana Bandha. Die beiden sind nicht ganz gleich. Uddiyana hat mehr etwas mit etwas Vogelhaftem zu tun, fliegen. Agni Sara hat mehr das Agni erhöhen, damit auch Feuer erhöhen. Obgleich Svatmarama ja gerade gesagt hat, dass Uddiyana Bandha auch Agni erhöht. Aber Agni Sara mehr. Uddiyana ist mehr das nach oben fliegen lassen. Also beschränke dich nicht auf Agni Sara. Übe jeden Tag Uddiyana Bandha. Svatmarama schlägt vor: Mach‘ das mal sechs Monate lang besonders intensiv.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 44 - 54

Interessanterweise ist die Khechari Mudra die Übung, die in der Hatha Yoga Pradipika mit am ausführlichsten beschreiben wird. Er beschreibt es im 3. und sogar im 4. Kapitel wird sie nochmal erwähnt. Dass er letztlich über 20 Verse mit der Khechari Mudra verbringt, zeigt, dass diese für ihn besonders wichtig ist. Letztlich beschreibt er anhand der Khechari Mudra einiges von der feinstofflichen  Physiologie. Du kennst inzwischen Prana (Lebensenergie), die Chakras (die Energiezentren), die Nadis (Energiekanäle). Jetzt beschreibt er etwas über Soma.

Vers 44 in der Übersetzung, der Swami V. folgt: „Derjenige, der mit nach aufwärts gedrehter Zunge verharrt, trinkt den Soma Nektar mit konzentriertem Geist. Er, der Yoga kennt und erfahren hat, wird zweifellos den Tod in 15 Tagen überwinden.“

Sanskrit Bedeutung der Wörter:

Urdhva (nach oben) Jihva (Zunge) Sthira (unbeweglich) Buddhva (der Geist) – die Zunge nach hinten und oben und den Geist auch nach oben. So soll der Geist ganz unbeweglich sein. Dann trinkt man den Nektar. In den vorigen Versen, in denen Svatmarama über Khechari geschrieben hat, nämlich die Verse 32 – 43, hat er sich mehr auf die Aufwärtsbewegung konzentriert: die Zunge, der Geist und das Bewusstsein gehen nach oben. Khe hat etwas mit Himmel, Leere und oben zu tun. Aber wann immer man etwas in eine Richtung übt, geschieht auch die andere Richtung. Indem du den Geist nach oben hin öffnest, strömt dann der Nektar des Mondes nach unten.

Es geschieht das Trinken (Pana) des Mondes (Soma). Wenn man dies einen halben Monat macht (Ardha Masa) dann besiegt (Jayati) man den Tod (Mrityo) und wird zu einem Kenner des Yoga. Er verspricht uns hier natürlich eine Menge. Nur die Zunge nach hinten und Mond trinken, aber da steckt natürlich mehr dahinter. Er sagt, es reicht auch nicht aus, ein einmaliges Erlebnis zu haben, sondern letztlich 2 Wochen intensives Praktizieren, dabei das Bewusstsein immer wieder nach oben bringen, dann bist du dauerhaft darin verankert.

Vers 45: „Was den Yogi betrifft, der seinen Körper täglich mit dem Nektarfluss von Mond stärkt, so mag er sogar von der Schlange Dakshakar gebissen werden, ohne dass das Gift sich in seinem Körper ausbreiten und ihm etwas anhaben kann.“

Gift

Hier beschreibt er subtilere Wirkungen. Wörtlich verstanden könnte man sagen, man muss nur Khechari Mudra üben und dann wird man nicht sterben, wenn einen die Schlangen beißen. Ob dem so ist weiß ich jetzt nicht. In Deutschland gibt es heute weniger Schlangen und auch in Indien gibt es weniger Schlangen als früher. Normalerweise meidet man Gegenden, wo es Schlangen gibt. Das Gift ist nicht nur das physische Gift, wichtiger ist vor allem das geistige Gift. Zum Beispiel können Menschen etwas Schlechtes über einen anderen Menschen sagen, sie können einem die spirituelle Tradition mies machen in der man gerade praktiziert. Menschen können also Gift in seinen Kopf geben. Oder man hat gerade eine gute Beziehung zu einem anderen Menschen und jemand anders erzählt einem etwas und gibt einem Gift. Indem man Khechari Mudra übt und seinen Geist in die Unendlichkeit bringt, wird man immer wieder bedingungslos und man lässt sich nicht so einfach beeinflussen durch das Gift, was einem andere Personen geben.

Natürlich auch im Ayurveda spricht man davon, dass der Soma, der Nektar, das sublimierte Kapha heilend und regenerierend ist. Khechari Mudra erhöht ein sublimiertes Kapha und welches die Regenerationsprozesse des Körpers stärkt. Man kann sagen in der feinstofflichen Physiologie der Hatha Yoga Pradipika gibt es eben zum einen das Prana, die Nadis, die Chakras, die Kundalini und Sonne und Mond.

 

Sonnen- und Mondenergie

Die Sonnenenergie ist im Bauch und hängt zusammen mit Agni dem Verdauungsfeuer, die Mondenergie ist letztlich im Kopf. Die Mondenergie hat an verschiedenen Stellen eine besondere Wirkung. Zum einen ist sie oberhalb vom Gaumen, zum zweiten ist sie an der Nasenspitze, zum dritten über der ganzen Stirn und zum vierten hinten am Bindu, so nennt es Swami Satyananda, also am Hinterkopf. Von der Seite gesehen bilden all diese Stellen eine Art Halbmond deshalb auch Mondzentrum. Manchmal wird auch Shiva mit einer Mondsichel oberhalb der rechten Augenbraue dargestellt. Die rechte Augenbraue hängt eben mit dem linken Nasenloch zusammen und damit mit Ida. Ida und Pingala werden ja auch als Sonne und Mond bezeichnet. Aber auch Regionen des Körpers sind Sonne und Mond.

Die Sonnenenergie im Bauch ist verantwortlich für Durchsetzungsvermögen, Gestalten, etwas tun, etwas bewirken, Mut zu haben und Willenskraft. Dies ist ein Aspekt des menschlichen Seins. Die Mondenergie entspricht dem Loslassen, dem Regenerieren, dem Vertrauen, der Gnade, dem Segen, dem Geschehen lassen, dem Lernen, der Offenheit, dem Zuhören, der Bereitschaft sich auf einen anderen Menschen einzulassen und auch seine Aufgaben anzunehmen.

 

Sonnen- und Mondenergie bei Kindern

Und so braucht es beides: Mond- und Sonnenenergie. Es heißt, dass wenn du geboren wirst, kommst du mit einer intensiven Menge von Sonnen- und Mondenergie auf die Welt weshalb die kleinen Kinder zum einen gut wachsen und auch Krankheiten durchaus zügiger heilen, sich von kleinen Unfällen besser regenerieren. Das ist die Mondenergie. Sie lässt den Körper wachsen, das Kind lernen, das Kind heilen, lässt das Kind gute Beziehungen zu seiner Umgebung aufbauen. Dann hat aber das Kind auch große Sonnenenergie. Kinder haben Enthusiasmus, Begeisterung, sie rennen durch die Gegend, machen alles Mögliche, sie werfen mit Dingen usw.

 

Sonnen- und Mondenergie in späteren Lebensabschnitten

So heißt es, dass sich die Sonnen- und Mondenergie im Laufe des Lebens erst einmal entfaltet. Jugendliche und junge Menschen in ihren Teenager und ihren 20er Jahren wollen viel gestalten, viel tun und bewirken. Dies ist alles die Feuerenergie. Sie sind durchaus auch bereit, sich in Wettbewerb mit anderen zu begeben, wollen sich beweisen und besser sein. Gleichzeitig haben sie aber auch Mondenergie. Sie wollen lernen und ihr Körper hat auch eine gute Regenerationskraft. Menschen in ihren Teenager und 20er Jahren vertragen es durchaus, wenn sie mal eine Nacht nicht schlafen und wenn sie sich sehr stark körperlich fordern. Es gibt eine Regenerationsfähigkeit. Irgendwann ab 30 nimmt das ganze ein wenig ab. Man hat weniger Sonnenenergie. Oft Menschen in ihren 50ern, 60ern und 70er Jahren wollen nicht mehr soviel tun, nicht mehr so viel bewirken, sagen sich manchmal „was soll’s“. Manchmal verbrennt sich das als Altersweisheit. Man ist mehr ruhig und hat gleichzeitig auch weniger Mondenergie, was bedeutet, dass sich der Körper nicht so gut regeneriert. Hat man einen Unfall bleibt dann eher etwas, eine kleine Krankheit kann sich chronifizieren. Es entstehen Falten, Haare werden grau, Zähne fallen aus, Brillen sind notwendig usw. Das heißt der Körper hat weniger Regenerationsfähigkeit und der Geist hat weniger Lernwillen.

 

Hatha Yoga lädt beide Energien auf

Im Hatha Yoga geht es darum, beide Energien aufzuladen. Letztlich nach der Hatha Yoga Pradipika heißt Alterungsprozess, dass Sonnen- und Mondenergie schwächer werden. Also weniger Gestaltungskraft (Sonne) und weniger Regenerationskraft (Mond). Und so gilt es beides zu stärken und dann bleibt man länger jung. Das ist etwas, was ich immer an den großen Yoga-Meistern bewundere, die ich kenne oder gekannt habe und noch in ihren 90er Jahren geistig sehr neugierig waren, geistig auch über andere Menschen wissen wollten und ernsthaft interessiert waren und sind, und die gleichzeitig weiter auch gestalten wollten. Durchaus anders als wie man es oft in den Schriften liest, wo es heißt, dass in Vanaprastha, also im Alter von 50, 60 man sich langsam zurückzieht, um in Sannyasa, im Alter von 75 nur noch meditiert. Die großen Yoga-Meister, die ich kenne, waren bis in ihre 90er Jahre solche, die weiter merkten, es gibt einiges noch zu tun und zu bewirken. Mit einer gewissen Gelassenheit und als Diener Gottes natürlich.

In diesem Sinne geht es also hier darum, die Mondenergie zu stärken, und das ist eine der Wirkungen der Khechari Mudra. Man könnte auch sagen, dadurch, dass man Sonnen- und Mondenergie aktiviert, kann man länger im Leben lebendig sein und kann man auch mehr Karma in ein Leben hineingeben. Menschen, die Yoga üben, werden zum einen länger leben und zum zweiten werden sie auch länger innerlich lebendig sein, können deshalb auch mehr Karma gestalten, werden deshalb weniger gelangweilt sein und werden auch mehr lernen. So heißt es auch, wer Hatha Yoga übt, kann das Karma von mehreren Leben in ein Leben hineinbringen, was zum einen das Leben interessanter macht und zum anderen helfen kann, in diesem Leben die Gottverwirklichung zu erreichen. Kehren wir zurück zu den Versen der Hatha Yoga Pradipika selbst.

Vers 46: „Ebenso wie ein Feuer nicht ausgeht, solange man Holz nachlegt, wie das Licht in der Lampe nicht ausgeht, solange es durch Öl und den Docht gespeist wird, verbleibt auch Jiva, die individuelle Seele im Körper, solange sie durch die Strahlen des Mondes belebt wird.“ Was also heißen will, solange man die Mondenergie regeneriert, solange sind wir auch lebendig. Khechari Mudra ist eine der Mudras und Hatha Yoga Übungen, die die Mondenergie regenerieren und so einen geistig, energetisch und körperlich jünger hält.

Vers 47: „Er mag täglich das Fleisch einer Kuh essen und Wein trinken, so betrachte ich ihn dennoch als Spross einer höchst vornehmen Familie.“

Vers 48: „Das Wort Go bedeutet auch Zunge. Indem sie in die Öffnung im Gaumen eingeführt wird, isst er das Fleisch der Kuh. Das erlöst von großer Sünde.“

Hier gibt Svatmarama eine esoterische Interpretation einer rot-tantrischen Praxis oder auch einer linkshändigen Praxis, die sogenannten Pancha Makaras, die 5 M’s. Dazu gehört zum einen Fleisch essen, zum zweiten gehört dazu Wein trinken, zum dritten Geschlechtsverkehr mit anderen, mit dem man nicht verheiratet ist. Es gehören noch 2 weitere Dinge dazu. Insbesondere spricht er hier von Fleisch essen und Wein trinken. Dies ist aber nicht wörtlich zu verstehen. Er sagt, die Zunge nach hinten geben, ist das, was man als Fleisch essen bezeichnen kann. Er will letztlich sagen, dass diese linkshändige Tantrapraxis heißt, dass man die Zunge nach hinten gibt. Go bedeutet eigentlich Kuh, aber er sagt hier: Go Shabdini Uddita Jihva (die Zunge ist letztlich Go). Man isst also nicht stets Kuh, sondern man gibt die Zunge nach hinten. Und den Wein trinken, ist eben nicht ein physischer Wein oder berauschende Getränke, sondern das ist den Nektar (Soma) zu trinken. Also Amara Varuni (der Nektar der Unsterblichkeit) ist das, was er im nächsten Vers gebraucht. So sagt er also, indem wir die Zunge nach hinten geben und den Nektar der Unsterblichkeit erfahren, dadurch überwinden wir alle Papas (Sünden) und erfahren Unendlichkeit.“

Vers 49: „Tritt die Zunge in die Öffnung im Gaumen ein so entwickelt sich enorme Hitze im Körper, das bewirkt, dass der Nektar vom Mond zu fließen beginnt. Das nennt man Amara Varuni.“ Varuni wird oft als Wein oder berauschendes Getränk bezeichnet, aber Amara heißt der Nektar der Unsterblichkeit.

Wenn du also in der Khechari Mudra zunächst den Geist nach oben hin ausdehnst, also in Vyoma Chakra oder in Khe in den unendlichen Raum, dann bekommst du plötzlich die Erfahrung, dass von oben Gnade und Segen in dich hineinströmt und eine kühle Brise durch dich hindurch geht, wie die Ganga, der heilige Fluss durch dich hindurch geht, und du fühlst dich wie berauscht und gleichzeitig voller Freude und voller Energie in einem anderen Bewusstseinszustand.

Vers 50: „Bleibt die Zunge, die die Nektarstrahlen des Mondes hervorzubringen vermag, welche salzig, scharf und sauer schmecken und auch der Milch, dem Honig und der gereinigten Butter im Geschmack ähnlich sind, in die Öffnung des Gaumens gepresst, so werden sämtliche Krankheiten und auch das Alter ausgelöscht. Diese Vorgehensweise befähigt ihn dazu, all die Veden und Wissenschaften hervorzubringen und Waffen jedweder Art abzuwehren. Es verleiht ihm Unsterblichkeit und auch die 8 Siddhis und auch die Macht, die Jungfrauen der Siddhis für sich zu gewinnen.“

 

Erfahrungen durch das einfache Khechari Mudra

Also in diesem Khechari steckt eine ganze Menge. Vom Khechari Mudra gibt es einfache Varianten. Die einfachste Interpretation ist, du gibst die Zunge nach hinten, du dehnst deinen Geist nach oben aus, du bist in der Unendlichkeit. Es kann dir aber auch passieren, dass du das Gefühl hast, dass Nektar und Segen von oben in dich und durch dich hindurchströmt. So sagt er, dass kann jetzt auch zu Geschmackserlebnissen führen, zu subtilen Geschmäckern. Es kann letztlich salzig, scharf und sauer sein. Es kann verschiedenen andere Geschmacksrichtungen haben und es hat diese harmonisierenden Wirkungen und hilft, dass der Körper sich regenerieren kann, Krankheiten heilen können, Alter verschwindet.

 

Arten von Waffen

Was aber auch heißt, Bewusstsein geht in die Ewigkeit und in die Unendlichkeit und dann verstehst du auch das, was in den Veden steht. Letztlich geht es in den heiligen Schriften darum, Gott zu erfahren. Wenn du Gott erfährst, dann verstehst du, worum es in den heiligen Schriften geht. Wenn du dich selbst als unendlich erfährst, dann werden dir auch Waffen nichts anhaben. Es gibt verschiedene sogenannte Astras. Glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, wo wenige Menschen andere mit physischen Waffen traktieren. Das war nicht immer so und ist auch nicht in allen Teilen der Welt so. Ist auch nicht in Deutschland immer so gewesen.

Aber es gibt natürlich auch die Waffen des Mundes, wo Menschen dich angreifen, auch vor allen angreifen. Es gibt solche, die hinter deinem Rücken sprechen, es gibt Menschen, die dir Gift einträufeln. Aber wenn du einmal in der Unendlichkeit bist, und weißt, du bist Sat Chid Ananda, dann kann dir all das nichts anhaben. Es gibt vielleicht auch Menschen, die mit irgendwelchen Prana Techniken und negativen Denken, dir negative Energie schicken. In Indien ist dies zum Teil etwas, wovor Menschen sehr viel Angst haben. Und hier sagt Svatmarama: kein Problem, übe Khechari Mudra, verbinde dich mit der Unendlichkeit und Ewigkeit, nichts wird dir etwas anhaben können.

Gut, dann sagt er die Jungfrauen der Siddhas (die kosmischen Kräfte, die du hast) für sich zu gewinnen. Siddha sind die Vollkommenen, die verschiedenen Kräfte haben, die sie aber nicht nutzen, deshalb sind sie weiter Jungfrauen. In diesem Sinne erwirbst du auch verschiedene Kräfte und Fähigkeiten.

Vers 51: „Derjenige, der mit nach oben gewandtem Gesicht und mit der Zunge die Öffnung im Gaumen geschlossen über Kundalini meditiert und die klaren Fluten des Nektarstromes trinkt, der vom Mond im Kopf in den 16-blättrigen Lotus herabfließt, der durch seine Hatha Yoga Pradipika Praktiken die Kontrolle über das Prana erlangt hat, wird zu einem wahren Yogi, frei von jeglicher Krankheit und lebt lange mit einem geschmeidigen, schönen Körper gleich den Fasern eines Lotusstammes.“

 

Durchführung der Große Khechari Mudra

Hier lässt er jetzt die große Khechari Mudra zu einer Meditationstechnik werden. Er sagt mit nach oben gewandtem Gesicht, also den Kopf nach hinten und Zunge nach hinten und dann zunächst über die Kundalini meditieren, also den Geist nach unten richten. Dann anschließend den Geist nach oben richten, sodass die Kundalini nach oben fließt. Dann wiederum die Mondenergie von oben nach unten strömen lassen. Dieser Prozess in diesen 3 Schritten, der hilft dann, dass der Nektarstrom alles regeneriert, du gesund wirst und den Geist klar hast.

Nochmal die 3 Schritte der Maha Khechari Mudra: Kopf nach hinten, Gesicht nach oben, Zunge nach oben, dann den Geist nach oben bringen zum Unendlichen. Dort eine Weile verharren. Der zweier Prozess ist dann die Energie von oben nach unten strömen lassen. Der dreier Prozess wäre Kopf nach hinten, Zunge nach hinten, dann die Kundalini spüren eventuell das mit Mula Bandha verbinden, die Energie nach oben strömen lassen, dann die Augen nach oben zum Unendlichen führen. Wenn du merkst, dass die Kundalini aktiv geworden ist, bringe sie nach oben zum Unendlichen. Dann anschließend spürst du auf einmal Segen und Ströme der Freude von oben nach unten. Das ist der Nektar. Wenn das geschieht, dann fühlst du dich regeneriert.

Vers 52: „Im Inneren des oberen Teiles von Meru, der Sushumna, ist der Nektar in der innen liegenden Öffnung verborgen. Der Mensch, dessen Intellekt von reiner, sattviger Art ist und nicht verdunkelt von Rajas und Tamas, wird darin die Wahrheit erkennen, seinen eigenen Atman. Es ist der Mund, durch den sich die Flüsse, die Nadis, entleeren können. Vom Mond aus strömt der Nektar, die Essenz des Körpers und die Folge ist der Tod des Sterblichen. Deshalb sollte man das segensreiche, wirksame Khechari Mudra ausführen. Nimmt man sich nicht die Mühe, es zu üben, wird man nie in den Genuss von Kaya Siddhi kommen, das den Körper mit Schönheit, Anmut, Kraft und unüberwindliche Festigkeit ausstattet.“

Wirkungen des Khechari Mudra jenseits der physischen

Hier beschreibt er eine Menge und er beschreibt natürlich auch, dass Khechari Mudra eben nicht etwas ist, das rein physisch ist. Also im inneren des oberen Teiles von Meru, der Sushumna ist der Nektar der innenliegenden Öffnung verborgen. Meru ist diese Mitte und ein anderer Name für die Sushumna. Durch Meru fließt die Energie nach oben. Dann sagt er, es gibt dort eine Öffnung in der Sushumna, Meru, und dort ist eben der Nektar.

Jetzt gilt es sich von Rajas und Tamas zu befreien. So gilt es natürlich auch einen yogischen Lebensweg zu führen, der sattvig ist. Was sowohl äußeres Sattva ist, Ernährung, Körperhygiene, Kriyas, spirituelle Praktiken, mit denen du dich reinigst, ethischer Lebensstil usw. Wenn man sattvig ist, kann man sich letztlich auf diese höheren Chakras Ajna und Sahasrara konzentrieren und dann strömt der Nektar nach unten.

Dann spricht er von Kaya Siddhi. Es gibt sowohl im Hatha Yoga wie auch im Ayurveda eine Technik, die sich Kaya Kalpa (dem Körper eine neue Lebensspanne geben) nennt. Da gibt es verschiedene Techniken und da spielt im Hatha Yoga eben auch die Khechari Mudra eine besondere Wichtigkeit. Khechari Mudra

Vers 53: „In der Sushumna, vor allem in der Öffnung, treffen die 5 Flüsse zusammen, und übertragen göttliches Wissen. Im Hohlraum der Öffnung, die frei ist von Auswirkungen von Avidya (Leid und Täuschung), kann sich Khechari Mudra vervollkommnen.“

Die 5 Öffnungen der Ida, Pingala, Sushumna, ich spreche erst einmal von 5 Flüssen letztlich sind es 7 Flüsse Ganga, Yamuna, Godavari, Saraswati, Narmada, Sindu und Khaveri. Es gibt ja auch die Sapta Sindhava Mantra (Ganga, Yamuna, Godavari, Saraswati, Narmada, Sindu und Khaveri , Namasto Bhyam Namo Namah). Das sind 7 heilige Reinigungsenergien, die 7 besonders wichtigen Nadis entsprechen. Dann ist manchmal von 10 Nadis die Rede und manchmal von 5 Nadis. Es gibt ja auch in Nordindien eine Region, die sich Panjab nennt. Panjab von Pancha, das 5 Stromland. Die 5 äußeren Ströme entsprechen 5 inneren Nadis und 5 inneren Mudras. Die 5 Flüsse werden manchmal auch als diejenigen bezeichnet, die die 5 Elemente tragen. So ähnlich wie auch die 3 Nadis manchmal als jene bezeichnet, die den 3 Gunas oder den 3 Doshas entsprechen. Wenn es 5 Flüsse sind, sind es 5 Elemente und wenn es 7 Flüsse sind, dann sind es die 7 Chakras, die damit in Verbindung sind.

Vers 54: „Die gesamte Evolution lässt sich auf einen Urlaut zurückführen, das Om. Es gibt nur eine wirklich wichtige Mudra, Khechari, nur eine wirklich wichtige Verpflichtung, Dharma, sich von nichts abhängig zu machen. Und letztlich gibt es nur einen wirklichen Avasta, spirituellen Zustand, eben Mano Mani.“

Die Wichtigkeit, Khechari Mudra zu üben

Mit diesem letzten Vers über Khechari Mudra will er beschreiben, wie wichtig es ist, Khechari zu üben. Aus dem Urklang, dem Om, ist das ganze Universum entstanden. Es gibt ja auch im Westen eine Theorie, wie die Welt entstanden ist, ein Urknall. Knall ist ja letztlich ein Urlaut, eine Urschwingung, das ist das Om. Alles läuft letztlich auf das Om hinaus. Alle Mudras laufen letztlich auf Khechari hinaus, dass der Geist im unendlichen Raum verschmilzt und du die Einheit erfährst.

Dharma

Genauso gibt es Dharma, was unter anderem Verpflichtung heißt. Die wichtigste Verpflichtung ist zur Freiheit zu kommen. Dies darfst du nicht vergessen. Es gibt so viele Aufgaben, Verpflichtungen gegenüber Kindern, Partner, Haustieren, Haus und Garten, Gesellschaft, Arbeitgeber, Kunden und viele andere. Diese mögen alle wichtig sein. Man hat Verpflichtungen gegenüber seinem Körper, sich um ihn zu kümmern. Aber die wichtigste Verpflichtung ist Gott zu erfahren, zur Freiheit hinzukommen.

 

Mano Mani

Und dann natürlich unter allen Avastas, Zuständen, die du so erlebst, geht es letztlich um Mano Mani d. h. um Samadhi. Mache dir nicht so viele Sorgen um die Zustände deines Geistes, woher sie kommen und was sie zu bedeuten haben, sondern richte dich eher danach aus, Unsterblichkeit, Ewigkeit, Samadhi zu erfahren.

Das waren nochmals Verse über die Khechari Mudra, wo es insbesondere um Soma ging, den Nektar, der nach unten strömt und die tiefere Bedeutung der Khechari Mudra. Es ist bemerkenswert, dass letztlich Svatmarama 22 Verse über Khechari Mudra im 3. Kapitel geschrieben hat, was eine ganze Menge sind und er erwähnt es nochmals im 4. Kapitel, was zeigt, wie wichtig dieses Khechari Mudra  Svatmarama war. So kannst du dies zum Anlass nehmen vielleicht in deine Pranayama- und Meditationspraxis mindestens kleines und manchmal großes Khechari Mudra zu integrieren und so deine Meditation zu vertiefen.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 32 – 43

Im 3. Kapitel geht es um Mudras. Es sind fortgeschrittene Techniken, die hier beschrieben werden.

Im 32. Vers beschreibt Svatmarama: „Wenn die Zunge in die Höhe des Schlundes zurückgeschlagen und die Augen fest zwischen den Augenbrauen fixiert sind, so ist das Khechari Mudra.“

Kleines und großes Khechari Mudra

Bei Yoga Vidya unterscheiden wir das sogenannte kleine und das große Khechari Mudra. Beim kleinen Khechari Mudra (Laghu Khechari Mudra) wird die Zunge nach hinten gerollt, Zungenspitze Richtung Gaumen. Khechari Mudra aktiviert das Visshudda Chakra und die Mondenergie, die von oben nach unten hinunterströmt und verhilft zu Ruhe des Geistes. Beim großen Khechari Mudra (Maha Khechari Mudra) gibst du die Zunge nach hinten und gleichzeitig den Kopf nach hinten und du schaust durch den Punkt zwischen den Augenbrauen bei halb oder ganz geschlossenen Augen nach oben.

Das kleine Khechari Mudra kannst du in verschiedenen Asanas, Pranayamas und in der Meditation einsetzen. Das große Khechari wird bei bestimmten Asanas und Pranayamas eingesetzt und manchmal geschieht es auch in der Meditation von selbst, dass man plötzlich den Impuls hat, den Kopf nach hinten, Zunge geht nach hinten und man schaut nach oben.

Jetzt schauen wir mal, was Svatmarama selbst über die Khechari Mudra schreibt: Er beschreibt eine fortgeschrittene Form, die wir zugegebenermaßen bei Yoga Vidya nicht praktizieren.

  1. Vers: „Indem man die Zunge einschneidet, schüttelt und melkt, kann man ihre Länge so weit ausdehnen, dass sie die Augenbrauen erreicht. Dann ist Khechari Mudra gelungen.“
  2. Vers: „Man nimmt ein blitzend sauberes Messer, so scharf wie das Blatt der Wolfsmilchpflanze und schneidet das Zungenband, eine weiche Membran, die die Zunge mit dem unteren Teil des Mundes verbindet, ein Haarbreit ein. Reibe dann die Stelle mit einer Mischung aus feinkörnigem Salz und Tumeric ein und schneide sie nach 7 Tagen wieder ein haarbreit ein. Diese Vorgänge sollte man täglich für die Dauer von 6 Monaten wiederholen. Nach dieser Zeitspanne ist die Membran, die die Zunge mit dem unteren Teil des Mundes verbindet, durchtrennt.“

Khechari Mudra mit durchgetrenntem Zungenband

In Swami V.’s Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika steht dann immer („wird nicht empfohlen“). Swami V. selbst konnte Khechari Mudra in dieser Form machen. Man würde also das Zungenband unten einschneiden, dann anschließend die Zunge herausziehen und auf diese Weise wird die Zunge, welches ja ein Muskel ist, solang, dass die Zungenspitze den Punkt zwischen den Augenbrauen berührt. Wenn du dann anschließend die Zunge nach hinten umklappst, kannst du die Zunge von hinten in die Nasendurchgänge hineingeben und dann könntest du sogar die Wechselatmung üben, indem du durch die Zunge abwechselnd den rechten Nasendurchgang verschließt. Es soll da hinten auch bestimmte Reflexpunkte geben, die, wenn sie mit der Zunge berührt werden, zu einer Ruhe des Geistes führen.

Jetzt wird beschrieben, wie es geht. Man soll es nicht allein machen. Heutzutage könnte man es in einer Schönheitsoperation machen und dabei alles in einem durchtrennen. Vermutlich wird es keinen Arzt in Deutschland geben, der es machen würde, aber es gibt andere. Und Menschen machen ja alle möglichen schrägen Dinge. Menschen machen sich Piercings an allen möglichen komischen Stellen, tätowieren ihre Haut, machen Ohrringe, Nasenringe und andere Ringe. Sie durchtrennen die Ohrläppchen und setzen dort irgendwelche größeren Dinge ein. Menschen stellen vieles mit ihrem Körper an: sie lassen sich die Nase vergrößern, das Fett absaugen. Menschen machen auch heutzutage viel, bevor du jetzt leichtfertig über die alten Inder urteilst, die auch die Körper irgendwie versehrt haben. Ich kenne einige Menschen, die die natürliche Fähigkeit haben, ihre Zunge zu verschlucken. Sie konnten Khechari Mudra ganz von selbst machen. Ihre Berichte waren jetzt aber nicht so, dass dies sofort zum Überbewusstsein geführt hat.

 

Swami V. hat auch gesagt: letztlich ist die Khechari Mudra abhängig von großer Konzentrationsfähigkeit des Geistes und die Fähigkeit, Prana zu kontrollieren. Für die Zunge reicht es aus, diese nach hinten zu geben und auf den Punkt zwischen den Augenbrauen zu schauen und dann mit Mantra und Konzentration kann man mehr bewirken. Ich selbst wollte eigentlich mit 19, Anfang 20 Khechari Mudra machen. Swami V. hat es mir aber verboten. Grade, wenn man nicht den Guru in der Nähe hat, sei es nicht ganz ungefährlich. Wenn man erst einmals die Zunge verschluckt kann ein Panikreflex auftauchen, dies könnte theoretisch zum Ersticken führen. Das wollte er nicht und er meinte auch, die Konzentration des Geistes sei wichtiger. Also bitte nicht Khechari Mudra so ausprobieren, es ist lebensgefährlich. Will man es ausprobieren, braucht man einen Guru neben sich, der es überwacht, und falls die Panikreaktion eintritt, seine beiden Finger nimmt und die Zunge wieder rauszieht.

Man kann Khechari Mudra aber auch üben, ohne vorher das Zungenband zu durchtrennen. Dann schreibt er, wozu diese Übung dient.

Vers 37:”Dann dreht man die Zunge so weit nach hinten, dass sie in die Höhle im Gaumen eindringen kann, dem Punkt, an dem sich die drei Nadis kreuzen. Das wird Khechari Mudra genannt.“ In einer anderen Übersetzung sagt er: „Die Zunge wird nach hinten gedreht und führt sie dort in den Ort der drei Energiekanäle ein. Dies ist dann Khechari Mudra. Es wird Energiezentrum des Raumes genannt.“

Ida, Pingala und Vyomachakra

Hier stehen einige wichtige Dinge. Zum einen Mal die Zunge nach hinten geben. Hinter dem Punkt zwischen den Augenbrauen kreuzen sich die drei Nadis. Ida beginnt links im Muladhara Chakra, kreuzt dann an ein paar Stellen im Körper, beherrscht insgesamt die linke Körperhälfte, kreuzt aber da sie die linke Gehirnhälfte beherrscht. Dann geht sie im Punkt hinter den Augenbrauen nach links unten und endet unten am linken Nasenloch. Pingala natürlich rechts. Im Ajnachakra selbst gibt es eine Kreuzung davon. Indem man die Zunge nach hinten gibt und von hinten in die Nasenhöhle einführt, gelangt man an die Stelle, wo sich die drei Nadis kreuzen. So kann diese Übung helfen, das Ajnachakra zu aktivieren, über Ida und Pingala hinauszuwachsen. Dann gelangt man zum sogenannten Vyomachakra, der Kreis des Himmels oder Ätherzentrum genannt, der Raum oberhalb des Gaumens.

 

Mit Khechari Mudra die Unendlichkeit erfahren

Swami Satyananda hat diesem Bereich einen bestimmten Namen gegeben: Chit Akasha, der Raum des Geistes, des reinen Bewusstseins. Khechari Mudra hilft Ida und Pingala zur Ruhe zu bringen und dann zu einem reinen Raum des Bewusstseins zu kommen. Khechari heißt „die im Himmel Wandelnde“. Chari heisst wandeln und Khe hat etwas mit Himmel zu tun. So heißt Khechari zum einen, dass die Zunge, das Prana und vor allem der Geist nach oben in die Unendlichkeit, in die Ewigkeit geht. So ist Khechari Mudra die im Himmel Wandelnde, die Mudra mit der du die Unendlichkeit und Ewigkeit erfahren kannst. Bei Khechari Mudra ist plötzlich die geistige Bewusstheit wichtiger. Du bringst die Zunge nach hinten, du schaust zum Punkt zwischen Augenbrauen und richtest deinen Geist entweder in die Mitte des Kopfes (Chit Akasha) oder eben zum Himmel, zur Unendlichkeit.

Vers 38: „Der Yogi, der mindestens eine halbe Stunde mit aufwärts gedrehter Zunge verharrt, wird von Krankheit, Alter und Tod frei.“ Hier gilt wiederum: wenn du deinen Geist in die Unendlichkeit bringst, dann weißt du, du bist nicht den Wandlungen des Körpers unterworfen. Daher wirst du von Alter, Krankheit und Tod frei. Der Körper mag auch wieder Krankheiten bekommen, irgendwann altern und irgendwann sterben. Aber du weißt, dass du jenseits von Körper und damit jenseits von Krankheit, Alter und Tod bist.

Vers 39: “Für denjenigen, der Khechari Mudra beherrscht, existieren weder Krankheit noch Tod, auch keine Trägheit und intellektuelle Starrheit, kein Schlaf, kein Hunger, kein Durst und keine Trübung des Geistes.“

Khechari Mudra für Wachheit des Geistes

Khechari Mudra hilft über Krankheit und Tod hinauszuwachsen. Aber er sagt, dass es auch auf der relativen Ebene einige Wirkungen hat. Es hilft über Trägheit und Schläfrigkeit hinauszuwachsen. Khechari macht dich sehr wach, Khechari Mudra ist auch ein guter Tipp für die Meditation, wenn du eine gewisse Neigung dazu hasst, träge zu werden, in eine Art Dösen oder in eine Art Luftschlösser zu bauen, rutschst. Dann könntest du in Laghu Khechari die Zunge nach hinten geben oder es gibt manche Menschen, die Maha Khechari während der Meditation machen, um wach zu bleiben. Khechari hilft also zu einer Wachheit des Geistes.

 

Khechari Mudra zum Abnehmen und gegen Heißhungerattacken

Dann sagt es auch noch, dass es gegen Hunger und Durst hilft: zum einen gegen physischen Hunger. Es gibt ja auch die Aussage im Yogasutra, dass die Konzentration auf Kantha Kupa (die Höhlung in der Kehle also Vishuddha Chakra) hilft über Hunger und Durst hinauszuwachsen. Dies kann man zum Beispiel integrieren, wenn man abnehmen will. Man könnte sich öfter auf die Kehle konzentrieren, Schulterstand und Fisch häufiger machen oder sich auch in der Meditation aufs Kehlchakra konzentrieren. Oder aber Khechari Mudra üben und sich zunächst zu Beginn auf die Kehle konzentrieren und anschließend den Geist nach oben abzuziehen.

Das kleine Khechari Mudra im Alltag, wenn du plötzlich eine Heißhungerattacke hast, konzentriere dich einen Moment auf die Kehle, anschließend gib deinen Geist nach oben, schaue nach oben und die Hungerattacke ist vorbei. Es wäre also eine effektive Methode insbesondere gegen das, was man als “Pinch Eating” bezeichnet, es wird inzwischen auch auf Deutsch so bezeichnet: Menschen, die plötzlich Heißhungerattacken haben, wie getrieben und unbeherrschbar plötzlich viel essen wollen. Khechari Mudra ist nicht nur eine fortgeschrittene Übung, sondern auch eine praktische Übung um von dieser Heißhungerattacke loszukommen.

Kshudha und Trishna auf Sanskrit heißt Hunger und Durst, Gier, Getriebenheit und Verlangen. Nicht umsonst ist aus Trishna Krishna entstanden. Weil dich Khechari zu einer Erfahrung der Ruhe und Stille, der Einheit führt, führt sie auch dazu, dass du nicht mehr so abhängig bist von Gier, Wünschen und Getriebenheit, Kränkungen, Ärger usw. Khechari also insgesamt eine Übung für Ruhe des Geistes aber ohne Trägheit und Schläfrigkeit.

Vers 40: „Derjenige, der Khechari Mudra beherrscht, wird nicht durch Krankheit beeinflusst, er ist auch nicht an die Kette von Karma und seine Folge gebunden und er ist auch nicht durch die Zeit gefangen.“

Khechari verhilft zu Erfahrungen jenseits von Zeit und Kausalität

Khechari Mudra im höchsten Aspekt führt eben dazu, dass du dich im unendlichen Raum aufhältst, jenseits von Zeit und Kausalität. Daher bist du jenseits von Krankheit. Selbst wenn dein Körper irgendwann krank ist, du weißt, du bist das Unendliche. Du bist auch nicht gebunden durch das Karma. Karma betrifft Körper und Psyche. Natürlich wird das Karma weiterkommen. Du wirst weiter Aufgaben haben und du wirst auch weiteres tun müssen, aber indem du die Khechari Mudra wirklich beherrscht, gehst du immer wieder in einen Zustand jenseits des Kommens und Gehens. So mögen Menschen manchmal zu dir freundlich und manchmal unfreundlich sein. Manchmal mag dein Körper gesund sein oder krank sein. Manchmal magst du große Verluste haben, manchmal hast du großartige Gewinne, ohne das du weißt warum. Vielleicht mögen Menschen dir ganz ungerechtfertigt böse sein, dich schlecht behandeln oder manchmal dich mit Segnungen überhäufen, dass du gar nicht weißt, was geschieht. All dies ist Karma.

Manchmal magst du große Aufgaben haben, wo du gar nicht weißt, wie du sie bewältigen kannst und dann mag das Leben langweilig sein und du suchst nach Herausforderungen und bekommst keine. All dies ist Karma.

Wenn du wirklich Khechari beherrschst, über alles Relative hinauswächst, regelmäßig in die Unendlichkeit gehst, macht dir all dies nichts aus. Du bist nicht in der Zeit gefangen, letztlich erreichst du den Zustand der Bedingungslosigkeit.

Vers 41: „Diese Mudra wird von den Siddhas Khechari genannt, weil der Geist und die Zunge in dieser Zeit im Akasha verweilen.

Das Wandelbare des Menschen (Chitta) bewegt sich (Chati) in die Leere. Khe heisst Himmel, Leere. Khechari heißt letztlich bewegen und der Geist (Chitta) bewegt sich in die Unendlichkeit, in den unendlichen Raum. Dies ist der wichtigere Teil.

Im Relativen bewegt sich die Zunge auch nach oben in diesen leeren Raum, in der Nasenhöhle. Dies ist eine zweite Interpretation. So hat Khechari wie die meisten Mudras zwei Aspekte: Einen physischen – die Zunge nach hinten in den Raum der Kehle oder Fortgeschrittenen in den Nasenraum.

Vers 42: „Wenn einer die Höhle an der Gaumenwurzel durch das Khechari Mudra verschlossen hat, wird der Samen nicht ausströmen, sogar wenn ihn eine junge und leidenschaftliche Frau umarmt.“ Oder in einer anderen Übersetzung: „Wer durch Khechari Mudra die Höhle am oberen Teil des Gaumens versiegelt hat, für den verrinnt der Samen Bindu nicht mal in der Gegenwart einer erotischen Frau.“

Da gibt es jetzt verschiedene Interpretationen. Swami V. war ein Swami, ein Mönch, der mit 20 das Brahmacharya Gelübde abgelegt hat und so hat er über die rot tantrischen Ausführungen der Hatha Yoga Pradipika nichts gesagt, außer das sollte man im übertragenen Sinne verstehen und meinte, wenn man Khechari Mudra beherrscht, wird man sich auch von sexueller Gier lösen. Der Bindu bedeutet letztlich da es ja die Energie von Apana Vayu ist, die 3 Hauptfunktionen im Körper hat: Die erste ist die Eliminierung durch Urin und Fäkalien, das Reinigen, die zweite ist die Sexualität und das dritte ist die Kreativität. Weitere Funktionen sind noch die Menstruation der Frau und der Geburtsprozess. Steigt Apana Vayu nach oben, transformiert im Svadisthana Chakra und wenn es dort bleibt wird es zur sexuellen Energie. Dies wird als Bindu bezeichnet. Strebt aber Apana Vayu weiter nach oben dann ist es die kreative Energie und damit ist die sexuelle Energie sublimiert.

 

Insgesamt ist auch Khechari Mudra mit der Mondenergie, der wässrigen Energie und diese wiederum mit Apana Vayu verbunden. Apana Vayu und Mondenergie hängen zusammen sowie Samana Vayu und Sonnenenergie zusammenhängen. Übst du Khechari Mudra strömt die Energie nach oben, das kann ermöglichen, dass du dich von sexueller Gier löst. Ein Mensch, der Hatha Yoga übt, auch ein Fortgeschrittener, können Sexualität haben, aber er wird nicht mehr von der sexuellen Energie getrieben und beherrscht.

Es gibt für den 42. Vers noch eine zweite Interpretation. Im dritten Kapitel gibt es ja einige Verse, die auf rotes Tantra hinweisen und sagen, während der Sexualität kann man Vajroli mit Khechari und Shambavi Mudra verbinden. Dann wird die Energie während der Sexualität transformiert und in spirituelle Energie umgewandelt und das Paar kann dann zusammen einen höheren Bewusstseinszustand erreichen. Aber zugegebenermaßen ist dies nicht mein Spezialgebiet. Eben Swami V.’s Interpretation ist: durch Khechari Mudra und dadurch, dass man mit dem Geist in die Unendlichkeit kommt, hört man auf, Sklave seiner Wünsche, seiner Gier, seiner Getriebenheit zu sein, darüber hat er ja im 39. Vers gesprochen, und man wird eben auch frei von sexueller Gier und kann dann nicht mehr so leicht verführt werden.

Vers 43: „Sogar, wenn sich die Samenflüssigkeit bereits im Genitalorgan befindet, kann sie durch ausüben des Yoni Mudras, wieder an ihren Ursprung hinaufgezogen werden.“ Yoni Mudra ist letztlich eine Form des Vajroli Mudra. Hier macht er einen Vorgriff auf das, was er vorher gesagt hat. Angenommen man fühlt sich sexuell erregt, könnte man Vajroli Mudra üben, die Beckenbodenmuskeln insbesondere die mittleren nach oben ziehen und dann Khechari Mudra und dann wird die sexuelle Energie wieder nach oben gezogen.

In den alten Schriften in Indien gibt es auch Formen, wie man Menschen beherrschen kann, wie man Opponenten überwinden kann. Es gibt die Artha Shastras, die beschreiben, wie man Gegner überwinden kann. Da gibt es unter anderem die Aussage, man schickt ihm eine schöne Frau, die ihn verführt, und bekommt so alle Geheimnisse heraus. Durchaus etwas, was bis heute bei Spionagetechniken gemacht wird, um Wirtschaftsspionage und politische Spionage zu betreiben. In Amerika, das ein sehr prüdes Land ist, sind so manche Gouverneure und Kongressabgeordnete auch zu Fall gebracht worden, in dem Gegner ihnen irgendwelche Frauen geschickt haben, die diese dann verführt und anschließend kompromittiert haben.

 

So sagt Svatmarama hier, du kannst lernen dich dadurch nicht beeinflussen zu lassen. Wenn du diese Gier merkst, überwinde diese und übe notfalls Vajroli Mudra in Verbindung mit Khechari und Shambavi Mudra. Manche interpretieren diesen Vers als sexuelles Tantra, wo man im Geschlechtsverkehr die Energie so nach oben fließen lässt.

 

Üben der Khechari Mudra

Soweit zu Khechari Mudra. Wenn du magst, kannst du es nun üben. Als kleines Khechari könntest du dich gerade hinsetzen, die Zunge nach hinten geben, die Augen nach oben zum Punkt zwischen den Augenbrauen richten, dabei die Augen sanft schließen. Du kannst erst einmal 2, 3 Mal tief ein- und ausatmen. Du kannst den Geist auf die Mitte des Kopfes richten (Chit Akasha oder Vyom Akasha) oder nach oben zum Unendlichen richten.

Wenn du magst, kannst du auch zum großen Khechari kommen, den Kopf leicht nach hinten geben, dann durch den Punkt zwischen den Augenbrauen bei (halb) geschlossenen Augen oben zum Unendlichen schauen und dir bewusst machen: Ich bin eins mit dem Unendlichen, dem Ewigen, reines Sein, Wissen und Glückseligkeit.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Mahaguhya in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 30 und 31 des 3. Kapitels aus der Hatha Yoga Pradipika

„Diese drei sind Mahaguhya, das große Geheimnis. Sie überwinden Alter und Tod. Sie steigern das Verdauungsfeuer und kultivieren die übernatürlichen Fähigkeiten wie Kleinsein wie ein Atom und viele andere.“ (3. Kapitel, HYP, 30. Vers)

 

Wir sind im 3. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika und Svatmarama hat die drei beschrieben, die Triada. Maha Mudra, Maha Bandha und Maha Veda.

Drei ganz besonders wichtige Mudras. Maha Mudra ist die Vorwärtsbeuge mit einem Bein auf bestimmte Weise ausgeführt. Maha Mudra bringt das Prana in die Sushumna hinein. Maha Bandha bestehend aus Mula Bandha, Uddiyana Bandha und Jalandhara Bandha. Die Bandhas halten das Prana in der Sushumna drin und sorgen dafür, dass das Prana nach oben geht. Und Maha Veda hilft die Kundalini zu aktivieren und so nach oben zu führen.

Diese drei sind ein großes Geheimnis. Und zwar deshalb, weil es nicht ausreicht, die Übungen nur mechanisch zu machen. Man muss vorher vorbereitet, gereinigt sein, es braucht die richtige Konzentration.

Und warum übt man das Ganze? Sie überwinden Jara (das Alter) und Mryu (den Tod). Sie aktivieren auch Agni (das Verdauungsfeuer), auch Vahni genannt. Vahni heißt Feuer. Und damit steigert es nicht nur das Verdauungsfeuer, sondern allgemein das Feuer. Enthusiasmus, Freude, Mut, Willenskraft und Begeisterung. Sie entwickeln besondere Eigenschaften (Guna-Pradam). Also gute Eigenschaften, solche wie Anima. Anima bedeutet hier klein zu werden und adi heißt hier „viele andere auch“. Das heißt, er nimmt auf die acht großen Fähigkeiten, die ashta-siddhis, die auch als animadi guna-pradam bezeichnet werden. Eigenschaften, wie klein zu werden. Klein zu werden heißt natürlich bescheiden und demütig zu sein.

Also es ist gut, diese drei zu üben. Nochmal, Maha Mudra, Maha Bandha und Maha Veda.

Man kann zum Beispiel diese mit Bhastrika verbinden wie in der Bhastrika Mudra Reihe. Man kann sie am Ende des Pranayama nochmal separat üben. Im Grunde genommen könnte man sagen, man übt erst Pranayama, danach Maha Mudra. Dann bringt man seinen Körper in Maha Bandha und mit Maha Veda aktiviert man die Kundalini.

 

Nochmal der Vers auf Sanskrit: etat trayaṁ mahā-guhyaṁ jarā-mṛtyu-vināśanam |

vahni-vṛddhi-karaṁ caiva hy aṇimādi-guṇa-pradam ||30||

Und jetzt kommen wir zum 31. Vers. Diesen zunächst auf Sanskrit. aṣṭadhā kriyate caiva yāme yāme dine dine | puṇya-saṁbhāra-sandhāyi pāpaugha-bhiduraṁ sadā | samyak-śikṣāvatām evaṁ svalpaṁ prathama-sādhanam ||31||

„Und wahrlich, wenn man ‚trayaṁ mahā-guhyaṁ‘, dieses dreifache Geheimnis alle drei Stunden ausführt, verleiht es stets eine Vielzahl von ‚puṇya’s, spirituellen Verdiensten und überwindet eine Vielzahl von ‚pāpa’s, Sünden. Sogar diejenigen, die es korrekt gelernt haben, sollten zu Anfang die Praxis langsam beginnen.“

 

Also, diese Dreiheit kann man achtmal am Tag üben, alle drei Stunden. Und warum sollte man es üben? Um so Punyas zu entwickeln, spirituelle Verdienste. Spirituelle Verdienste heißt, man entwickelt zum einen Tugenden. Man entwickelt positive Kräfte, Prana (Lebensenergie), Ojas und letztlich verschiedene spirituelle Kräfte. Es ist also gut, jeden Tag zu üben, und zwar sogar achtmal am Tag. Natürlich sollte man schrittweise beginnen und nicht alle auf einmal.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 25-29

Im 3. Kapitel geht es um die Mudras, die kombinierten Energieerweckungs- und -lenkungsübungen. In der Hatha Yoga Pradipika sind die Mudras nicht wie im indischen Tanz die Fingerhandbewegungen, sondern es sind kombinierte Energielenkungsübungen. Mudras kombinieren Körperhaltung, Atmung, Bewusstseinslenkung und verschiedene kleinere Mudras, bei denen man etwas mit den Beckenbodenmuskeln, der Zunge und vielen anderen Körperteilen macht.

Mahavedha gehört zu den 10 wichtigsten Mudras, die die Hatha Yoga Pradipika im 3. Kapitel beschreibt.

Vers 25 in Sanskrit Rezitation: „Rupa Lavanya Sampanna, yad hast tripura shamvina, mahamudra mahabandhau, nishphalau vedha vajitau.“ Genau wie eine Frau voll Schönheit und Charme ohne Mann keine Kinder bekommen kann, so ist auch Mahamudra und Mahabandha fruchtlos ohne Mahavedha.“

Hier gebraucht er ein etwas anderes Beispiel. Svatmarama hat ja keine Hemmungen öfters durchaus mal eine vulgäre Sprache zu gebrauchen. Hier heißt es wörtlich: so wie eine schöne und anmutige Frau ohne Frucht bleibt, letztlich also kein Kind bekommen kann, so ähnlich werden auch Mahabandha und Mahamudra nicht fruchtbringend sein, also nicht die volle Wirkung haben, ohne Mahavedha. Man könnte sagen: Mahamudra bringt Schönheit, Mahabandha bringt Anmut, Liebreiz und dann mit Mahavedha bekommt man die eigentliche Frucht, weshalb man diese Mudras eigentlich übt.

Vers 26: „Nun Mahavedha. Der Yogi, der in Mahabandha sitzt und mit konzentriertem Geist eine Einatmung vollzogen hat, soll die Bewegung des Lebenshauches (Vayu) anhalten und den Kehlverschluss (Kantha Mudra – also Jalandhara Mudra) setzen.

Vers 27: „Mit beiden Händen parallel zueinander auf dem Boden soll er den Po langsam aufsetzen, sodass er die Energie (Vayu), die durch zwei Energiekanäle fließt, durchbricht und in den mittleren Energiekanal geht.“

Abgrenzung von Mahavedha und Shakti Chalini

Dieser Vers wird öfters anders beschrieben. Es gibt auch verschiedene Variationen. An einer späteren Stelle spricht er auch über Shakti Chalini. Gemeinhin wird Mahavedha so ausgeführt, dass man zunächst in den vollen Lotus geht, wenn dies irgendwie möglich ist. Dann gibt man die Handflächen auf den Boden, hebt dann das Becken leicht und macht alle drei Bandhas. Es wird aber eigentlich nicht das Becken gehoben, sondern der Brustkorb und so wird das Becken nicht mehr ganz den Boden berühren. Das Gesäß, der Po berührt den Boden ganz leicht. Dadurch wird die Wirbelsäule auseinandergezogen. Letztlich zieht das Gewicht des Beckens die Wirbelsäule lang, so wird diese gerade gerichtet und dann kann das Prana durch die Sushumna nach oben fließen.

Gemeinhin praktiziert man erst die Mahamudra: Man streckt ein Bein aus. Als Nächstes übt man Mahabandha, darauf folgt Mahavedha. Und, wenn man will, kann man anschließend Shakti Chalini Mudra üben d.h. das Becken heben und senken und mehrmals hintereinander auf den Boden kommen lassen.

 

Variationen von Mahavedha

Manchmal wird als Mahavedha auch Shakti Chalini beschrieben. Wir kommen öfters gerade bei den Mudras darauf, dass die gleiche Übung zwei Namen hat und manchmal der gleiche Name zwei Übungen bezeichnet. Es gibt also zwei Mudras, die als Mahavedha bezeichnet werden können: Das eine wäre das Becken mit den Handflächen leicht heben, oder vielen fällt es auch mit den Fäusten leichter. Oder auch das Becken ganz heben und die Ellbogen fast durchdrücken. Dabei kann man den Kopf gerade halten oder auch großes Khechari machen. Dies sind also die verschiedenen

 

Variationen von Mahavedha Nr. 1.

Manchmal wird als Mahavedha das Heben und Senken des Beckens bezeichnet, was wir bei Yoga Vidya eher als Shakti Chalini Mudra bezeichnen.

Schauen wir, wie Svatmarama auch noch Mahvedha in einer anderen Übersetzung beschreibt. Santadayet (schlage auf den Boden) Shanaye (langsam). So würde man durchaus sagen, dass in der Hatha Yoga Pradipika das Heben und Senken als Shakti Chalani Mudra bezeichnet wird. In der Yoga Vidya Tradition ist dies nur das Becken heben. Das Becken heben und senken bezeichnen wir als Shakti Chalani Mudra.

Dadurch verlässt das Prana Ida und Pingala und fließt durch die Sushumna. Indem man gleichzeitig Mahabandha (alle drei Bandhas) übt und das Becken hebt, öffnet sich die Sushumna und das Prana fließt von Ida und Pingala im Muladhara Chakra in die Sushumna.

 

Aktivierung des Kanda

Übt man Shakti Chalani, die Variation von Mahavedha, in der man das Becken hebt und senkt, aktiviert dies Kanda (die Wurzelknolle) über die er an einer anderen Stelle spricht, der Bereich zwischen Geschlechtsorganen und Anus, also Perineum bzw. der hintere Bereich der Scheide. Im Kanda Punkt beginnen alle Nadis und das Heben und Senken des Beckens sollte so sein, dass man es am Kanda Punkt besonders spürt. Es ist nicht so sehr das Gesäß, das erheblich ist oder die Pobacken, sondern die sanfte Massage des Kanda Punktes, wenn man die mittleren Beckenbodenmuskeln anspannt und dann das Becken hebt und senkt. Die Aktivierung des Kanda Punktes hilft noch mehr, dass die Energie vom Muladhara Chakra durch die Sushumna noch oben fließt.

Vers 28: „Damit erfolgt die Vereinigung von Sonne, Mond und Feuer und der Nektar der Unsterblichkeit tritt hervor. Und ein Zustand ähnlich dem Tod stellt sich ein. Danach sollte der Yogi langsam ausatmen.“

Sonne (Pingala), Mond (Ida) und Feuer (Sushumna) sind natürlich die Bezeichnungen für die drei Nadis. Indem sich die drei Nadis im Muladhara Chakra vereinen und dann die Energie durch die Sushumna nach oben strömt, kommt man über die Dualität hinaus. Solange das Prana durch Ida und Pingala geht, sind wir in der Dualität: Tag und Nacht, Hitze und Kälte, Mögen und Nicht-Mögen, Gut und Böse usw.

Ist aber das Prana in der Sushumna sind wir jenseits aller Dualität, jenseits von Zeit und Raum. Dieser letzte Zustand ist jener der Unsterblichkeit. Dies kannst du durchaus spüren, wenn du intensives Pranayama übst, anschließend die Mudras übst, insbesondere mit großer Konzentration und Achtsamkeit Mahavedha und Shakti Chalini. Dann wirst du einen Zustand der absoluten Ruhe des Geistes erreichen, das Gefühl der Einheit und der vollkommenen Verbundenheit.

 

Die Atmung während Mahavedha

Was er dann noch zum Schluss sagt: Man solle die Luft nur solange anhalten, wie man anschließend langsam ausatmen kann. Dies ist natürlich auch körperlich anstrengend, deshalb kann man den Atem auch nicht zu lange anhalten. Es gibt ein paar Sekunden, in denen man diese unglaubliche Erfahrung hat, anschließend atmet man aus.

Manche Menschen machen es auch so: sie üben Mahavedha und bleiben danach ein paar Minuten ruhig sitzen und genießen diesen Zustand sehr tiefer Meditation.

Vers 29: „Dies ist Mahavedha und verleiht, wenn ausgeübt, große Siddhis. Das bringt auch die Falten und grauen Haare, die als Folgen des Alterns auftreten zum Verschwinden. Deshalb wird diese Übung sehr geschätzt.“ Es gibt auch noch eine andere Übersetzung. „Die Praxis von Mahavedha verleiht großartige Kräfte, Siddhis. Es löscht Falten, graues Haar und Greisenzittern aus und wird von den besten der Yogis praktiziert.“

 

Ziel von Mahavedha

So will uns Svatmarama diese Übungen schmackhaft machen. Es geht letztlich darum, die Unsterblichkeit zu erreichen, Gott zu verwirklichen und die Erleuchtung zu erlangen. Aber Hatha Yoga wirkt eben auch auf anderen Ebenen. Vielen Menschen üben Hatha Yoga hauptsächlich wegen der Gesundheit, dem Wohlbefinden, der geistigen Ruhe und für mehr Energie. Hatha Yoga will uns aber über die Dualität hinausführen.

Hatha Yoga selbst, gerade wenn es um Pranayamas, Mudras und Bandhas geht, will uns zum höchsten Bewusstseinszustand führen. Ob jetzt tatsächlich alle Falten verschwinden ist eine andere Sache. Interessanterweise sehen die Yogameister, die viel Hatha Yoga üben, mit 70 und 80 Jahren sehr viel jünger aus als andere. Menschen, die viel Hatha Yoga üben werden im Alter nicht so sehr unter Demenz leiden, haben weniger neurologische Probleme. Hatha Yoga hilft tatsächlich bis ins hohe Alter gesund und voller Energie zu sein. Aber vom Standpunkt des Yoga ist die Bewusstseinserweiterung wichtiger. Große Siddhis heißt verschiedene große Kräfte und Fähigkeiten.

 

Mahavedha als fortgeschrittene Technik

Natürlich ist Mahavedha keine Übung, die du einfach so für dich übst. Bei Yoga Vidya üben wir Mahavedha als Teil der Bhastrika Mudra Reihe. Man beginnt mit 3 Runden Kapalabhati, 20 bis 40 Minuten Wechselatmung und danach übt man die Bhastrika Mudra Reihe. Sie beginnt mit Mahamudra, dann folgt Mahavedha, dann folgt Shakti Chalini, dann folgt Lola Mudra dann Bhujangini Mudra. Dies sind die fünf Mudras, die wir bei Yoga Vidya im Rahmen der fortgeschrittenen Kundalini Yoga Seminare und auch im fortgeschrittenen Pranayama üben. Nicht für Anfänger, sondern eben für Fortgeschrittene.

Man kann natürlich alle 10 Mudras der Hatha Yoga Pradipika in dessen Reihenfolge praktizieren. Damit sie die Wirkung haben, braucht es schon eine große Konzentration des Geistes. Allein die mechanische Übung reicht nicht aus. Zum Abschluss nochmal, wie Mahaveda geht:

Schritte des Mahavedha

Du atmest erst vollständig ein, dann übst du Mahabandha (Mulabandha, Uddhyana Bandha und Jalandharabandha), dann gibst du die Handflächen oder Fäuste auf den Boden, hebst das Becken leicht und konzentrierst dich auf den Punkt zwischen den Augenbrauen.

Oder Mahavedha Variation Nr. 2: Du hebst und senkst das Becken. Auch hier gibt es wieder verschiedene Möglichkeiten: eine so, dass nur der Kanda Punkt berührt wird, die zweite, dass das ganze Becken gehoben und gesenkt wird, und die dritte wäre, Mahavedha bzw. Shakti Chalini ohne die Zuhilfenahme der Hände zu üben. Manchmal ergibt sich die letzte Variante ganz von selbst, wenn man Bhastrika übt.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 3 Verse 19-24

Svatmarama schreibt in Vers 19: „ Mahabandha wird wie folgt beschrieben: presse die Yoni mit dem linken Knöchel und lege den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel.“

Yoni ist beim Mann der Bereich zwischen Hodensack und Anus, das Perineum und bei der Frau der hintere Teil der Scheide. Dann legst du den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel, und zwar so, dass die Ferse am Schambein ist. Also erst einmal Siddhasana einüben.

 

Vers 20: „Nachdem du den Atem eingezogen hast, presse das Kinn fest gegen die Brust, ziehe den Anus-Schließmuskel zusammen und konzentriere dein Denken auf die Sushumna.“

Du atmest ein, ziehst das Kinn gegen die Brust und ziehst alle Beckenbodenmuskeln zusammen und nicht nur die Anusmuskeln. Und damit keiner denkt, dass dies nur etwas Physisches ist, sagt er hier: konzentriere dein Denken auf die Sushumna.

 

Vers 21: „Nachdem du den Atem so lange wie möglich angehalten hast, solltest du ganz langsam ausatmen. Übe das zuerst auf der linken und dann auf der rechten Seite.“

Du hast also abwechselnd zunächst den linken Fuß unten und danach den rechten, zumindest wenn du Mahabandha üben willst. Meistens machst du Mahabandha ja als Teil der Wechselatmung, Surya Bedha oder andere Pranayamas. Svatmarama hat ja schon im 2. Kapitel öfters erwähnt, dass man Mahabandha mit den einzelnen Pranayamas verbindet.

Vers 22: „Manche denken, dass Jalandharabandha in diesem Fall nicht angewendet werden soll und die Zunge fest gegen die Wurzeln der Schneidezähne gepresst werden soll.“

Sanskrit Bedeutung der Worte:

Man soll Vayu (die Luft) und damit auch Prana einatmen, das Kinn auf Hridaya (das Herz) pressen. Es geht also nicht nur darum das Kinn zu senken, sondern sich dabei auf das Herz zu konzentrieren. Und dann geht es auch darum, dass man den Geist auf den mittleren Kanal, die Sushumna konzentriert.

Im 22. Vers sagt er dann, dass man manchmal Kantha Bandha – ein anderer Name für Jalandharabandha - (das Halsbandha) nicht üben soll, sondern stattdessen Raja Tandasa Jihvaja Bandha (der Zungenverschluss). Dieser geschieht, indem du die Zungenspitze an die Schneidezähne gibst und dann die Zungenoberseite an den Gaumen und dann so tust, als ob du schlucken willst, dann hast du Jihva Bandha. Mahabandha kann die Kombination sein aus Jalandharabandha (Kinnverschluss) mit Mulabandha (Beckenbodenverschluss) und leichtem Uddhyana Bandha. Oder du übst nur Jihva Bandha mit Mulabandha und Uddhyana Bandha. Und du könntest auch Uddhyana Bandha weglassen.

Vers 23: „Dieses Mahabandha, also mit Jihva Bandha kombiniert, das große Siddhis gewährt, stoppt die Aufwärtsbewegung des Pranas durch alle Nadis außer durch die Sushumna.“

Übst du Mahabandha heißt es, dass die Sushumna (der Zentralkanal) geöffnet wird, und alle anderen Nadis werden oben und unten geschlossen. Mit Mulabandha kann das Prana nicht nach unten wegströmen, mit Jalandhara und Jihva Bandha kann das Prana nicht nach oben wegströmen. Aber mit Jalandharabandha wird die Halswirbelsäule aufgerichtet, durch Mulabandha kommt das Prana in die Sushumna, durch Uddhyanabandha fließt es durch die Sushumna weiter nach oben.

Sanskrit Bedeutung der Worte

So entstehen Maha Siddhis (großartige Fähigkeiten). Übst du Mahabandha dann entsteht Maha Siddhi

Vers 24: „Dies befreit uns von den großen Schlingen des Königs Yama und bewirkt die Vereinigung der drei Nadis Ida, Pingala und Sushumna. Es befähigt auch den Geist zwischen den Augenbrauen fixiert zu halten.“ Khala Pasham habandha, Vimochana Vijakshanaha, triveni sangamam dhathe, kedaram prapayen manaha.”

Dieses Bandha hilft einen zu befreien von Pasha Kala (der Schlinge des Todes). Dies ist ein kleines Wortspiel: Mahabandha (Verschluss oder Fessel)befreit von Kala Pasha (der Fessel des Todes und der Zeit). Wenn die Kundalini in der Sushumna ist, damit verschwindet die Zeit. Und dann wird Triveni Sangama erreicht (dass sich Ida, Pingala und Sushumna in Mulabandha vereinigen). Dies führt zu einer Ruhe des Geistes. Manchmal wird auch gesagt: Dies bewirkt, dass Manas (der Geist) Prapayet (geführt wird) zum Kedara (der Ort von Shiva = der Punkt zwischen den Augenbrauen).

Es ist aber nicht unbedingt nur der Punkt zwischen den Augenbrauen gemeint: übst du Mahabandha dann löst sich Ida und Pingala, öffnet sich Sushumna und der Geist ist beim Ort von Shiva und damit bei Gott.

So ist Mahabandha eine hochwirksame Mudra. Kombinierst du die Pranayamas mit Mahabandha werden sie erheblich wirksamer. Du merkst, wie viel mehr Energie du hast und wie viel Ruhe dein Geist erlangen kann.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika Kapitel 3, Verse 10-18

Svatmarama schreibt über die Mahamudra, die große Mudra, in den Versen 10 bis 18 und ist somit eine der am gründlichsten beschriebenen Mudras in der Hatha Yoga Pradipika. Darin kannst du die Wertschätzung sehen, die Svatmarama dieser Übung zuteilt.

 

Vers 10: „Atha Maha Mudra. Padamulena vamina, yonim sampidia dakshinam, prasaritam padam kritvita, karabhyam dhara yet dritam.” Drücke die linke Ferse gegen den Beckenboden, also gegen Yoni, gegen den Damm, gegen das Perineum und strecke das rechte Bein aus. Fasse mit beiden Händen den Fuß.

 

Bedeutung der Sanskrit Worte:

Atha (jetzt) Maha Mudra (die großartige Mudra). Padamulena (mit der Ferse) Vamina (der linken) Sampidia (drückst du) gegen Yoni (als Frau zum hinteren Teil der Scheide, als Mann gegen den Damm also zwischen Hodensack und Anus). Dakshina (das rechte Bein drückst du, streckst du aus) und prasaritam (du haltest fest) padam (den Fuß) Karabhyam (mit den beiden Händen) dharayet (du hältst den rechten Fuß) Dhritam (fest).

 

Vers 11: „Praktiziere den Halsverschluss und dann halte den Atem an und lenke die Energie nach oben. Das erweckt die Kundalini, die sich wie eine Schlange aufrichtet, wenn man sie mit einem Stock berührt.“

Du machst dort also Jalandhara Bandha. Wie sieht nun die gesamte Übung aus, die Svatmarama beschreibt: Du gibst die linke Ferse unter Yoni, das Perineum. Es gibt verschiedene Möglichkeiten dafür. Du kannst das linke Knie nach außen geben, in die Nähe des rechten Knies oder mit einem Kissen das Gesäß stützen. Dazu gibt es mehrere Videos von mir, in denen ich Mahamudra genauer beschreibe. Du streckst das rechte Bein aus und fasst mit beiden Händen an den Fuß, typischerweise an die Zehen und mindestens einen oder beide Daumen auf den großen Zeh. Du atmest ein und gibst das Kinn zur Brust.

Das führt dazu, dass die Kundalini erwacht. So ähnlich wie eine Schlange, die eingerollt ist und wenn man sie mit einem Stock berührt, dann richtet sie sich auch auf. Was sollte man noch machen: den Atem anhalten und die Energie (Vayu) nach oben lenken. Man setze Kantha Bandha (den Verschluss der Kehle), man halte den Atem an und richte Vayu (den Lebenshauch) Urdhvadas (nach oben) z.B. indem man Mulabandha und Uddhyana Bandha übt.

Dann sagt er: „So richtet sich sofort die Kundalini Kraft auf und dann entsteht der Zustand der Leblosigkeit.“

Rijvi Bhuta (gerade) tata (so) bhavet (wird aktiv) Kundalini Shakti. Und so entsteht auch Avastha (ein Zustand jenseits des Todes). Oder hier wird auch gesagt: dann werden die beiden feinstofflichen Energiekanäle Dvidbhuta werden wie tot. Was heißen soll, dass das Prana nicht mehr in Ida und Pingala geht.

Mahamudra führt also dazu, dass das Prana in die Sushumna geht und nach oben geht, die Kundalini erwacht und die restlichen Nadis werden wie tot d.h. das Prana tritt aus ihnen heraus.

 

Vers 13: „Dann soll der Yogi sehr langsam und nicht schnell ausatmen. Mahamudra wird auf diese Weise von den höchst Weisen beschrieben.“ Erst folgt also der physische Körper, danach übst du mit deinem Bewusstsein, dann merkst du etwas, das mit Kundalini geschieht, irgendwann kommt der physische Körper wieder und du musst ausatmen. Wenn du langsam ausatmest, schickst du deine Energie nach oben. Du bist dir bewusst: Dieses Mahamudra wurde von den Maha Siddhas gelehrt, die die großen Lehrer des Hatha Yoga sind. Deren Energie ist auch dahinter.

 

Vers 14: „Dieses Mahamudra wurde wahrlich von den großen Siddhas aufgezeigt. (Dies hat er schon in den vorigen Versen gesagt). Es zerstört die großen Kleshas und überwindet die Unausgeglichenheit der Doshas, den Tod und noch vieles mehr. Und aus diesem Grunde nennen es die besten der vollkommenen Meister wahrlich das großartige Siegel – Mahamudra.

 

Bedeutung der Sanskrit Worte

Die Vibuddha (die Weisen) die Uttama (die besten der Weisen) Vadanti (nennen es) Mahamudra (das große Siegel). Warum? Weil es hilft, über die Maha Kleshas (die 5 großen Leiden) hinauszuwachsen. Vielleicht erinnerst du dich an das 2. Kapitel des Yoga Sutra, wo Patanjali von den Kleshas spricht: Avidya (Unwissenheit), Asmita (Identifikation) Raga (Mögen) Dvesha (Nichtmögen) Abhinivesha (Furcht vor dem Vergehen). Diese kannst du alle durch Mahamudra überwinden. Ist die Kundalini erwacht und der Geist zur Ruhe in einer anderen Bewusstseinsebene, ist Leid verschwunden. Auch alle Ungleichheiten der Doshas und auch Marana (der Tod) spielen keine Rolle mehr. Ist dein Bewusstsein in einer anderen Ebene, dann ist alles andere überwunden. Und dies geschieht auch mit Mahamudra, das deshalb großartig genannt wird.

 

Vers 15: „Nachdem auf der linken Seite geübt wurde, soll der Yogi auf der rechten Seite üben. Sobald die Anzahl der Runden auf beiden Seiten gleich wird, soll der Yogi das Mudra lösen.“ Hier gibt es 2 Möglichkeiten: Du kannst entweder abwechseln – erst Mahamudra mit dem linken Bein, dann mit dem rechten oder du kannst 5 Runden linkes Bein und 5 Runden rechtes Bein machen. Eine Runde ist dabei immer Einatmen, Anhalten und Ausatmen.

 

Vers 16: „Da für einen Yogi nichts gesund oder ungesund ist, verzehrt er alles mit viel Geschmack oder ohne Geschmack. Er wird sogar ein schreckliches, verzehrtes Gift wie Nektar verdauen.“ Dieser Vers soll beschreiben, wenn du erst einmal dein Prana beherrscht, dann spielt der physische Körper nicht mehr die große Rolle. Im 1. und 2. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika hat Svatmarama großen Wert daraufgelegt, dass du dich sehr sattvig ernährst. Hier sagt er dann, wenn du erst einmal dein Prana beherrscht, dann ist dies nicht mehr ganz so wichtig. Natürlich kann man diesen Vers auch anders interpretieren.

Denn es geht ja auch um Freiheit. Essen heißt nicht nur physisches Essen, sondern was hier letztlich auch steht ist Bhukta, das etwas mit Bhoga (Genuss) zu tun hat. Man könnte so sagen: letztlich kannst du, wenn du dein Prana auf eine andere Ebene bringst, alles genießen. Da gibt es manches, das ist Pathya (heilsam) und anderes, das Apathya (unheilbar) ist. Manchmal geschehen schöne Dinge, manchmal unschöne. Manchmal sind Menschen freundlich, manchmal unfreundlich. Sie loben dich, manchmal kritisieren sie dich. Manchmal hat das Leben verschiedenste Geschmacksrichtungen, dann scheint es fade zu sein.

 

Für einen Yogi spielt das alles keine Rolle. Ihm ist es nicht mehr wichtig, ob Menschen nett oder nicht nett sind, ob Karma leicht oder schwer ist, ob das, was du tust, faszinierend ist oder nicht. Hast du erst einmal Herrschaft über den Geist und das Prana brauchst du dich nicht mehr über äußere Dinge zu beschweren. Für dich wird alles verdaut und damit alles integriert. Du lernst von allem, egal ob es ein Visham Ghoram (schreckliches Gift) ist oder Piyusha (Nektar). All das ist auch ein Zeichen, dass du im Hatha Yoga voranschreitest.

Zu Anfang musst du sehr aufpassen und alles muss sehr sattvig sein. Aus Mitgefühl zu anderen Wesen wirst du natürlich auch weiter auf Fleisch usw. verzichten und du wirst die schlimmsten Dinge nicht essen: kein Fleisch, Fisch, Alkohol, Tabak und Bewusstseins-vernebelnde Drogen wirst du natürlich nie mehr zu dir nehmen. Aber bei anderen Dingen wird es irgendwann nicht mehr ganz so wichtig, darauf zu achten. Lerne dein Prana zu beherrschen, dann geht manches leichter. Zu Anfang deiner intensiven Hatha Yoga Praxis musst du auf deine Umgebung achten und wie und mit wem du sprichst. Nach einer Weile wird alles gehen. Du wirst Gift zu Nektar transformieren.

 

Vers 17: „Übst du Mahamudra dann werden Krankheiten verschwinden wie Schwindsucht, Lepra, Verstopfung, Bauch und Unterleibskrankheiten, Verdauungsstörungen usw.“ Da lobt er jetzt noch Mahamudra als ein wirksames Mittel gegen alle Arten von Erkrankungen.

 

Vers 18: „Man sagt, dieses Mahamudra erzeugt großartige Kräfte (Siddhi) im Menschen. Deshalb sollte es sorgfältig geheim gehalten und darf nicht an jeden weitergegeben werden.“ Svatmarama spricht Mahamudra erwecke die Kundalini, führt zum Verstummen der verschiedensten körperlichen Erkrankungen, führt zur Ruhe des Geistes, zu Samadhi. Es ist etwas, dass dir alle Siddhis gibt (übernatürlichen Kräfte). All das durch eine einfache Mudra, wo du einfach das linke Bein ausstreckst und das linke zwischen Geschlechtsorgan und Anus gibst. Es scheint als eine großartige Behauptung. Aber vergiss nicht, er erwähnt auch noch ein paar andere Sachen: Du ziehst das Prana nach oben. Das Mahamudra ist eben nicht perfektioniert, wenn du deinen Körper perfektioniert hast. Letztlich damit Mahamudra funktioniert musst du dein Prana schon so unter Kontrolle haben, dass du es tatsächlich hochziehen kannst. Du machst die körperliche Bewegung und dann ziehst du das Prana durch die Sushumna nach oben. Dann erwacht die Kundalini und dann hast du all diese großartigen Wirkungen. Probier es aus.

Mehr Informationen über Mahamudra und wie du es genau ausführen kannst, findest du auf unseren Internetseiten www.yoga-vidya.de. Du lernst genaueres über Mahamudra und seine Variationen, wenn du zu unseren Kundalini Intensivseminaren kommst oder die Yoga Vidya Yogalehrer Ausbildung besuchst.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 3, Verse 5-9

Svatmarama schreibt: „Deshalb sollte der Yogi voll Enthusiasmus die Praxis der Mudras praktizieren, um die große Göttin zu wecken, die am Eingang zu Brahmas Tür schläft.“

Bedeutung der Sanskrit Worte:

Tasmat (deshalb) sollte der Yogi Abhyasa (praktizieren) Prayatnena (mit Anstrengung, Bemühung, Enthusiasmus) und Sarva (mit aller Anstrengung). Manchmal wenn du fortgeschrittenes Hatha Yoga übst, musst du dich bemühen, nicht immer ist es nur schön, manchmal ist es auch Disziplin. Nicht umsonst heißt Hatha auch Bemühung und Anstrengung. Gerade die Mudras bedeuten einiges an Geduld. Viele Menschen üben Mudras eine Weile und denken, Svatmarama übt sie über alle Maßen, so viel spüre ich gar nicht. Aber du musst durchhalten und letztlich weiter üben und praktizieren, und irgendwann merkst du, was für großartige Wirkungen sie haben. Es gilt also diese zu praktizieren.

Und so wirst du Prabhodhyetu (die Göttin erwecken). Die Göttin ist natürlich die Kundalini. Es ist wichtige, dass du mit Ehrerbietung praktizierst. Du machst nicht irgendwelche Übungen, um irgendein Feuer zu entzünden, sondern die Kundalini ist eine göttliche Kraft. Sie ist eben eine Göttin, die du durch Hingabe, durch Bhakti erwecken oder indem du sagst, die Pranayamas und Mudras sind meine Form der Gottesverehrung, meine Form von Gottesdienst – Puja.

Diese solltest du wecken und warum? Sie schläft (Supta) am Eingang (Mukha) von der Tür zu Brahman (Brahmadvara). Also wenn du zu Brahman kommen willst, zum Absoluten, dann musst du die Mudras praktizieren. Damit erweckst du die Kundalini und sie öffnet dir das Tor zu Brahman, zum Absoluten.

 

Bedeutung und Arten von Mudras

Welche Mudras gibt es? Es gibt sehr viele Mudras. Svatmarama spricht hier von 10 Mudras. Ich werde sie gleich erwähnen, sie sind ja im 6. und 7. Vers erläutert. Ein paar Worte zur Bedeutung von Mudra. Mudra wird oft als Siegel übersetzt, was etwas öffnet oder auch verschließt. Eine Mudra hilft, dass du Zugang bekommst zu etwas Subtilem. Wenn Svatmarama von Mudras spricht, dann sind es kombinierte Energielenkungs- und Erweckungsübungen. Typischerweise eine Verbindung von Atemübungen, Körperhaltungen, Konzentrationsübungen, Zungenübungen usw. Mit diesen Mudras soll eine große Wirkung auf den ganzen Körper erzielt werden.

Es gibt aber auch noch ganz andere Mudras wie die Fingermudras: das Chin Mudra, das Vishnu Mudra usw. Ich habe ja schon eine ganze Mudrareihe mit über 100 oder 200 Videos veröffentlicht, wo ich die Fingermudras vorgemacht und besprochen habe. Dann gibt es auch noch die sogenannten kleinen Mudras wie Zungenmudras, Augenmudras, Kehlmudras, Beckenbodenmudras, Bauchmudras, Rumpfmudras und Armmudras. Viele kleine Körperübungen um Auswirkungen auf das Prana zu haben. In der Hatha Yoga Pradipika werden aber 10 Mudras mit größeren Wirkungen beschrieben.

Vers 6: „Mahamudra, Mahabandha, Mahavedhas, cha Khechari, Uddyanam, Mulabandhash, Cha Bandho Chalandhara  Bidaha“.

 

Vers 7: „Karane Viparitakhya Vajroli Shakti Chalanam, Idamhim Mudra Dashakam Chara Marana Nashanam.“

 

 Die 10 Mudras

Hier spricht er also über die Mudra Dashaka (die Gruppe von Zehn, die Zehnheit der Mudras). Diese 10 Mudras sind: Mahamudra, Mahabandha, Mahaveda, Kecchari, Uddiyana, Mulabandha, Jalandarabandha, Viparita Karani, Vajroli, Shakti Chalana – manchmal auch Shakti Chalani genannt.

Einige davon kennst du schon. Im dritten Kapitel hat er auch schon von Uddhiyana Bandha Mudra, (das Hochziehen des Bauches) hilft, dass das Prana von unten nach oben strömt. Mulabandha ist der Wurzelverschluss, der dazu führt, dass Ida und Pingala im Muladhara Chakra mit der Sushumna verbunden werden und dass Apana Vayu nach oben strömt.

Jalandhara Bandha ist der Kehlverschluss, der verhindert, dass das Prana durch Ida und Pingala nach oben geht. Es führt dazu, dass die Sushumna geöffnet wird. Diese drei Bandhas verbindest du ja beim Pranayama und sie werden zusammen als Mahabandha bezeichnet.

Mahamudra ist eine besonders machtvolle Mudra, wo du ein Bein streckst und dann verschiedenen andere Hand-, Zungen-, Augenbewegungen machst, Atemübungen und Konzentration. Mahaveda ist das große Erwachen. Khechari hat etwas mit der Zunge zu tun. Viparita Karani ist eine Umkehrstellung. Vajroli wird manchmal als Übung des roten Tantras bezeichnet, wie du die Sexualenergie umkehren kannst. Es gibt aber auch andere Variationen von Vajroli Mudra, die letztlich das Prana in die Sushumna nach oben bringen. Shakti Chalana wörtlich das Bewegen, das In-Gang-bringen der Shakti, das Erwecken der Kundalini ist auch noch eine eigene, besondere Übung.

Mit diesen Maha Dashakan möchten wir uns in den nächsten Versen der Hatha Yoga Pradipika beschäftigen. Zunächst aber welche Wirkung hat Mudra Dashaka.

 

Warum man diese Mudras üben sollte sagt Svatmarama in der 2. Hälfte des 7. Verses: „Idam Mi Mudra Dashakam Chara Manana Nashanam“.

 

Das Sanskrit ist so schön in der Hatha Yoga Pradipika. Svatmarama ist auch ein Poet. Aber ich werde mich jetzt beherrschen und nicht zu sehr über die Schönheit der Sanskrit Sprache sprechen, sondern über den Inhalt:

 

Die Bedeutung der Sanskrit Worte

Idam (Dies) ist bekannt als Mudra Dashakam. Man übt diese, um ein Mittel zu haben zur Vernichtung (Nashana) von Alter (Jara) und Tod (Marana). Die Mudras wollen einem helfen über Alter und Tod zu siegen. Dies heißt aber nicht physische Unsterblichkeit, denn der Körper stirbt. Auch Svatmarama lebt heute zumindest nicht mehr im physischen Körper. Und damit ist aber auch schon klar, was Sieg über Alter und Tod heißt, dass du erfährst: Ich bin nicht der Körper und so weißt du, du bist unsterblich. Solange du denkst, du bist der Körper, wirst du sterben und bist dem Alter, Krankheit und dem Tod unterworfen. Aber die Erfahrung „ich bin nicht der Körper“ hilft dir, Alter und Tod zu überwinden. Daneben gilt auch in einem etwas wörtlicheren Sinn: Jemand, der Hatha Yoga intensiv praktiziert, hat eine Klarheit des Geistes, hat ein Prana, eine Lebensenergie, eine Offenheit, einen Enthusiasmus und eine Fähigkeit vieles zu ändern.

 

Vers 8: „Diese wurden von Shiva gewährt und verleihen die 8 Siddhis.“

Die ursprüngliche Hatha Yoga Pradipika kannte keine Verszählung. So ähnlich wie, wenn man einen Roman schreibt oder ein Wissenschaftler eine Abhandlung schreibt. Später wenn der Lehrer dem Schüler das beibringen will, dann gibt er dem ganzen Text Ziffern. Wir kennen dies auch in der Bibel. Manchmal gibt es auch unterschiedliche Ziffern: Vers…des … Kapitels. Heute haben sich Katholiken und Evangelische weitestgehend geeinigt, aber es gab Zeiten, in denen dies nicht so klar war. So findet man eine unterschiedliche Verszählung – manchmal wird eine Zeile in einem Doppelvers (shloka) gezählt und manchmal zu einem anderen. So wird z.B. in Swami V.'s Hatha Yoga Pradipika nur ein Halbvers zum 8. Vers gezählt, so wie oben beschrieben. Dafür ist der 9. Vers umso länger mit 3 Halbversen.

 

In einer anderen Ausgabe steht im 8. Vers: „Vom ersten Lehrmeister (Adinatha) wurde gesagt, dass die 8 übernatürlichen Kräfte aus der Praxis der göttlichen Mudras entstehen.“ Der 2. Halbvers, der noch dazu gehört: „Die Mudras sind geliebt von allen vervollkommnenden Wesen und sogar von den Göttern (Maruts) schwierig zu erlangen.“

 

Bedeutung der Sanskrit Worte

Adinatha uditam (Diese wurden von Shiva gelehrt). Damit will Svatmarama sagen, dass nicht er diese Mudras erfunden hat, sondern sie sind uralt und von Shiva selbst gegeben worden zusammen mit allen anderen Hatha Yoga Übungen. Und dann heißt es, sie sind Divya (göttlich) und Pradayaka (sie verleihen) Ashta Aishwarya (die 8 großen Herrlichkeiten). Die 8 großen Siddhis sind dann eben Anima (die Fähigkeit ganz klein zu werden), Mahima (die Fähigkeit ganz groß zu werden), Garima (die Fähigkeit ganz schwer zu werden), Laghima (die Fähigkeit ganz leicht zu werden), Prapti (die Fähigkeit alle Wünsche zu verwirklichen), Prakamya (unwiderstehlicher Wille), Ishitva (große Vornehmheit) und Vashitva (Beherrschung aller Dinge).

 

Die Siddhis

Du kannst sie auf unterschiedliche Weise interpretieren. Wir finden zum Teil Hanuman in der Ramayana, der all diese Siddhis hatte. Er konnte sich ganz klein machen und dann unter der Tür durchgehen. Er konnte sich riesengroß machen und dann diesen Berg auf die Hände nehmen. Hanuman konnte sich auch sehr schwer machen. Es gibt die berühmten Geschichten, ich glaube, es ist in der Mahabharata, wo Bhima seinen Halbbruder Hanuman trifft. Aber Hanuman hat die Gestalt eines alten Affen und Bhima voller Eingebildetheit befiehlt dem Affen aus dem Weg zu gehen. Der Affe bleibt sitzen oder liegen und dem Bhima gelingt es nicht einmal den Schwanz des Affen zu bewegen. Er ist so schwer. Und so lehrt der Hanuman dem Bhima eine Lektion. Laghima (ganz leicht, schweben) und so konnte Hanuman auch in der Luft fliegen.

Interpretation der Siddhis

Du kannst dies auch so interpretieren, dass du Anima sein kannst, dich klein machen kannst und anderen den Vortritt geben kannst und du dich nicht in den Vordergrund drängen musst. Aber du hast auch die Fähigkeit zu Mahima: wird eine Führungspersönlichkeit, Projektleiter(in) gebraucht und du weißt, es gibt niemand anderes, der es besser macht als du, dann übernimm die Verantwortung und werde Führungspersönlichkeit oder Projektleiter und steh auf. Garima: manchmal ist es angemessen auf deinem Standpunkt zu beharren. Luther stand einst vor dem Reichstag zu Worms und soll gesagt haben: “Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott stehe mir bei“. Er steht zu seiner Meinung egal, was geschieht. Aber manchmal muss man auch nachgeben und den Standpunkt des anderen annehmen und Laghima werden, also leicht werden. So sind dies die verschiedenen Fähigkeiten, die man bekommt, wenn man die verschiedenen Mudras übt.

 

Versuchung der Siddhis

Swami V. legt in seinem Kommentar einen gewissen Wert darauf, dass wir uns nicht zu sehr mit diesen Siddhis beschäftigen. Es ist auch wie eine Versuchung. Wenn du viel praktizierst, hast du viel Prana und könntest andere beeindrucken. Du könntest Gegenstände schweben lassen, du könntest andere heilen, du könntest über Telepathie wissen, was in den Gedanken der anderen vorgeht. Du kannst Auras lesen, kannst in die Zukunft schauen, kannst auf Astralreisen gehen, kannst in Kontakt treten mit Feinstoffwesen usw. Das kann auch gefährlich werden. Es kann dich zum einen zur Arroganz verleiten und du musst wissen, auch in den feinstofflichen Wesen sind nicht alle wirklich Engelswesen. Selbst die Engel sind deshalb Engel, weil sie noch nicht die Vollkommenheit erreicht haben. Die Engel helfen Menschen so lange sie auf den Anfangsstufen sind. Aber wenn du in höheren Ebenen bist, können die Engel dich in Versuchung führen.

Die indischen Schriften sind voll von Geschichten und Mythen, wo ein Yogi große Herrschaft über den Geist bekommt und dann wird Indra, der König aller Götter alarmiert und denkt, jetzt muss ich etwas tun, um ihn in Versuchung zu führen. Und dann schickt Indra dieser Person eine himmlische Nymphe. Der Yogi wird vielleicht durch die Schönheit verführt und vergisst seine Yoga-Praktiken. Oder es kommt jemand und spricht despektierliche Bemerkungen. Dann wird der Yogi plötzlich ärgerlich und verliert so seine Kräfte. Es gibt viele andere Weisen, wie Indra oder andere Devas den Yogi in Versuchung führen können. Sei dir also bewusst, wenn du besondere Kräfte bekommst, kann dies ablenken und eine Versuchung sein. So wurde insbesondere Swami V. nie müde zu sagen: „Lasst euch nicht von Siddhis in Versuchung führen.“

 

Hier sagt er auch noch: „Die Mudras werden von allen vollkommenen Wesen geliebt und sind sogar von den Maruts schwer zu erlangen.“ Maruts sind die Windgötter oder andere, die schon Yoga praktizieren. Es geht ja darum Prana zu beherrschen, Prana ist auch der Wind. Man könnte auch sagen, was durch Pranayama nicht zu erreichen ist, das geht durch die Mudras. Er will uns also den Mund wässrig machen die Mudras wirklich zu üben.

 

Vers 9: „Die Techniken der Mudras sollen sorgfältig geheim gehalten werden wie eine Truhe voller Juwelen. Mit niemandem soll darüber gesprochen werden, genauso wenig wie über den Sex mit einer Frau aus guter Familie.“ Swami V. hat hier noch eine andere Ausdrucksweise: „Sie sollte sorgfältig geheim gehalten werden wie eine Schatztruhe voll mit Diamanten und niemanden verraten werden, genauso wie das illegitime Verhältnis mit einer verheirateten Frau aus gutem Hause.“

Svatmarama gebraucht an mehreren Stellen in der Hatha Yoga Pradipika eine leicht anzügliche Sprache. Zum Teil hat er die Absicht, dass die nicht ernsthaften Aspiranten sich daran festhalten und dann vielleicht voller Empörung nicht weiterlesen. Sie sind zum Teil wie eine Versuchung, wie ein Test.

 

Sorgfältige Auswahl der Mudras für die Praktizierenden

Aber worum geht es jetzt insbesondere: Man soll die Mudras geheim halten, nicht allen weitererzählen. Wenn es um fortgeschrittene Techniken des Hatha Yoga geht, muss man schauen, wem man was gibt. Nicht umsonst lernst du bei der Yoga Vidya Yogalehrerausbildung nicht Mudras, Bandhas und fortgeschrittene Pranayamas anzusagen, sondern du lernst sie selber auszuführen. Willst du diese lehren, dann musst du auch eine bestimmte Weiterbildung mitmachen wie „Unterrichten von fortgeschrittenem Pranayama und Kundalini Yoga“. Dort lernst du auch wer für diese fortgeschrittenen Techniken bereit ist. Jesus hat ja schon den Ausdruck geprägt: „Wirf nicht die Perlen vor die Säue“. So sei dir also bewusst, die fortgeschrittenen Mudras sind eben für fortgeschrittene Aspiranten gedacht und nicht für Anfänger.

Trotzdem übe diese 10 Mudras und du wirst wunderbare Wirkungen haben und sie helfen dir für die Meditation und die höheren Bewusstseinsebenen. Ich werde jetzt in den weiteren Vorträgen die weiteren Mudras des 3. Kapitels behandeln. Aber ich werde sie nicht so sorgfältig beschreiben, dass du sie mitmachen kannst. Die Mudras kannst du z.B. beim 2-wöchigen Sadhana Intensiv lernen, welches ich in der 2. Junihälfte gebe, oder auch im Kundalini Yoga Fortgeschrittene, die wir bei Yoga Vidya im Sommer oder zwischen den Jahren haben. Ich werde sie andeuten und die Wirkungen wie sie in der Hatha Yoga Pradipika beschrieben werden, erzählen. Aber für ein genaueres Lernen musst du schon selbst in den Ashram kommen, z.B. nach Bad Meinberg.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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YVS453 Sushumna, der leere Pfad

Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika Kapitel 3, Verse 3 und 4

 

Svatmarama schreibt in Vers 3: „Dann fließt das Prana durch die königliche Straße: Sushumna. Dann verbleibt der Geist ausgesetzt und der Yogi überlistet den Tod.“                                                

Bedeutungen der Sanskrit Worte

Tada (dann) fließt Prana Vasya (getragen werdend, fließt) durch den Pfad der Leere -Shunya (Leere) Padavi (Pfad). Den Pfad der Leere kann man auf zweierlei Art beschreiben: zum einen ist es die Ruhe des Geistes – erwacht die Kundalini dann wird der Geist ruhig und du erfährst Samadhi. Eine zweite Interpretation, die hier beschrieben wird, es ist die Sushumna, die feinstoffliche Wirbelsäule - erwacht die Kundalini dann kann auch das Prana durch die Sushumna fließen.

Tada (dann) wird diese zu Raja (König) Patha (Weg)zum Königsweg. Und wenn so die Kundalini durch den Königsweg der Sushumna fließt, dann wird Chitta (der Geist) Niralamba (alleinstehend) vollkommen ruhig, objektlos.

Tada (dann) folgt Vanchana (das Entrinnen) von Kala (der Zeit). Es wird manchmal übersetzt: also überlistet der Yogi den Tod, man könnte aber auch sagen: dann kommst du jenseits aller Zeit. Solange dein Geist im Normalbewusstsein ist, erfährst du Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Du erfährst dich getrennt von anderen, du bist in der Dreidimensionalität von Höhe, Länge und Breite. Du spürst das Kommen und das Vergehen. Aber geht das Prana in die Sushumna und erwacht die Kundalini, dann kommst du in den Zustand der vollkommenen Leere. Der Geist wird vollkommen ruhig, du transzendierst alle Zeit, du erfährst die Ewigkeit.

 

Vers 4: „Sushumna, die große Leere, die Brahmarandhra, die große Straße, der brennende Grund, Shambhavi, und der mittlere Pfad, alle beziehen sich auf ein und dasselbe.“

Dies ist ein wichtiger Vers, wenn du indische Mythen verstehen willst. Es ist wie ein kleiner Schlüssel. Wenn du indische Mythen hörst und es wird eine große Straße erwähnt z.B. Maha Patha über die irgendjemand geht, dann ist damit die Sushumna gemeint. Oder du liest etwas von der großen Leere (Shunya Padavi – der Pfad der Leere) dann ist auch damit die Sushumna gemeint. Oder du liest irgendwo, dass sich jemand auf Shmashana (Verbrennungsplatz) aufgehalten hat, dann ist dies auch nichts anderes, als dass die Kundalini erwacht und die Sushumna sich öffnet. Oder wenn du etwas über die Mythen von Shambhavi (die zu Shiva gehörende) hörst, bezieht sich dies auch auf die Kundalini, die erwacht ist.

Oder wenn du irgendwo in einem Mythos liest, dass Menschen den Madhya (der mittlere) Marga (Pfad) den mittleren Weg gehen, dann sind dies alles spirituelle, mythologische Bezeichnungen für dasselbe, nämlich für die Sushumna.

Somit ist die Sushumna als Ort wichtig, wo die ganzen Chakras sind, als Ort, wo die Kundalini erwacht und dann erwachen die verschiedenen Chakras und alle Fähigkeiten entstehen. Aber am wichtigsten ist: Der Geist wird vollkommen ruhig und du erfährst die Ewigkeit, du gehst jenseits von Zeit und Raum, erfährst die absolute Einheit. Daher übe Pranayamas und Mudras – so erlangst du die Erleuchtung.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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 Kommentar zum 3. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika, Vers 1-2

Svatmarama schreibt in Vers 1: „Wie Ananta, der Schlangengott, das ganze Universum mit seinen Bergen und Wäldern trägt, so ist die Kundalini die wesentlichste Stütze aller Yoga-Praktiken.“

Sanskrit Begriffe des Verses

Sowie (Yat) Ha Nayaka Ahi oder eben auch Hinayaka (der Anführer der Schlangen) Adhara (die Stütze) des ganzen Universums ist, genauso ist aber auch die Kundalini (die geringelte Schlangenkraft) Adhara (die Stütze) aller Yogapraktiken und aller Tantras. Es gibt also Ananta und es gibt einen der vielen Schöpfungsmythen. Dort existiert das Weltenmeer und auf diesem ist Ananta der Schlangengott und Vishnu, aus dessen Nabel ein Lotus kommt. Dieser Lotus ist letztlich Lakshmi und aus diesem Lotus kommt Brahma heraus, der die ganze Welt träumt. So ist die Grundstütze des gesamten Universums Ananta, die Weltenschlange, die Grundlage der ganzen Welt mit allen irdischen Gegenständen (Dahtri) oder auch der ganzen Erde mit ihren Vanas (Wäldern) und Shaila (Bergen). Genauso ist Kundalini Adhara (die Grundlage) von allen Yogas und Tantras.

Wenn es darum geht die Verwirklichung erreichen, musst du etwas mit der Kundalini machen. Ohne Kundalini Erweckung gibt es keine Bewusstseinserweiterung, keine Erfahrung Gottes und keine Erfahrung des Überbewusstseins. Kundalini ist das Entscheidende.

Kundalini Erweckung heißt nicht notwendigerweise, dass die Wirbelsäule heiß wird und du anfängst zu hüpfen oder dass du in eigenartige Körperbewegungen kommst. Sondern es heißt, dass die Sushumna sich öffnet, das Prana dort hineingeht und wenn die Kundalini erwacht und in die höheren Chakras geht, erfährst du Bewusstseinserweiterung. Das kann mit dramatischen Erfahrungen verbunden sein, mit durchgeschüttelt sein, mit Hitze, mit automatischen Einnehmen von Asanas, Mudras, Bandhas und Pranayamas. Es kann aber auch schrittweise und harmonisch geschehen. Aber die Kundalini ist letztlich die Grundlage für alles Yoga und für alles Tantra.

 

Vers 2: „Wenn die Kundalini schlummert, wird sie durch die Gunst des Gurus geweckt, und alle Lotusse (Chakras, Energiezentren) und alle Granthis (Knoten) werden durchstoßen.“

Sanskrit Begriffe des Verses

Supta (die schlafende) Kundalini wird erweckt (Jagrat) durch die Gnade (Prasadena) des Guru. Vielleicht kennst du Prasad, die Speise, die am Ende des Arati vergeben wird. Prasada ist eine Gnade, eine Gunst Gottes. Du isst das Prasad und nimmst an, dass du über das Essen die Gunst Gottes mitisst und so dir einverleibst. Du verehrst Gott und so öffnest du die Kanäle und die Gnade Gottes kann in und durch dich fließen. Und so sagt er hier eben auch: durch die Gnade des Gurus wird die Kundalini erweckt.

Natürlich er sagt dies in einem Kapitel, wo fortgeschrittene Praktiken beschrieben werden. Natürlich musst du eine ethische Lebensführung haben, Yama und Niyama, Asanas üben. All dies hat er im 1. Kapitel beschrieben. Du musst Kriyas üben, Reinigungstechniken, Pranayamas, Atemübungen, all das hat er im 2. Kapitel beschrieben und dann übst du Mudras, das beschreibt er jetzt im 3. Kapitel. Aber die Kundalini Erweckung ist nicht etwas, was nur durch physische Bemühung geschieht, sondern letztlich geschieht es durch Gnade. Wenn du praktizierst, mache es immer auch mit Hingabe. Sei demütig, bitte Guru und Gott um Hilfe. So übe intensiv und bitte um Hilfe, so kann die Gnade wirken, die hilft, dass Kundalini erwacht.

Und dann (Tada) werden durchstoßen (Bhidyante) Sharvani Padmani (alle Lotusse – alle Chakras) und auch Granthayah (die drei Knoten). Dies sind die drei Granthis, die drei Knoten in der Sushumna, die es zu durchstoßen gilt. Dann kommt Bewusstseinserweiterung Schritt für Schritt. Übe intensiv und bitte um Führung und Gnade. Dann sind die Erfahrungen großartig.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Hatha Yoga Pradipika

Einführung in das 3. Kapitel und Überblick

 

Das dritte Kapitel hat als Hauptthema Mudras. Zuvor spricht Svatmarama aber über die Kundalini, die subtile, schlafende Schlangenkraft im Menschen. Er will im 3. Kapitel beschreiben, wie du die Kundalini erweckst und sie mittels Mudras lenken kannst.

So schreibt er erst, was Kundalini ist, was das Erwachen der Kundalini bedeutet, wie du die verschiedenen Chakras öffnen kannst. Dann spricht er über die 10 Mudras, die er hauptsächlich andeutet. Ich nehme vor allem das Buch meines Meisters zur Hatha Yoga Pradipika zur Hilfe. Ich habe ihn persönlich häufig über die Hatha Yoga Pradipika sprechen hören, allerdings hat er einige Verse ausgelassen, übersprungen, weil sie Teil des roten Tantras sind und er sich selbst als Swami, als Mönch nicht darüber äußern wollte.

Zum Schluss geht es über die höchsten der Mudras und letztlich auch über die Meditation, wo er beschreibt, dass über die Mudras der Geist in tiefe Meditation fällt und so dann Gott verwirklicht wird.

Das 3. Kapitel ist das am meisten kryptisch beschriebene von allen Kapiteln. Letztlich kannst du mit den Anweisungen von Svatmarama nicht wirklich diese Praktiken üben. Ich werde es teilweise knapp erläutern, aber es gibt ja auch eine längere Videoreihe von mir, in der ich die Mudras praxisnah erläutere und dich dazu anleite. Dies findest du alles auf unseren Internetseiten www.yoga-vidya.de. Auch gibt es entsprechende Seminare.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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  1. Vers

वपुः कृशत्वं वदने प्रसन्नता
नादस्फुटत्वं नयने सुनिर्मले
अरोगता बिन्दुजयोऽग्निदीपनं
नाडीविशुद्धिर् हठसिद्धिलक्षणम् ॥७८॥

vapuḥ kṛśatvaṁ vadane prasannatā
nāda-sphuṭatvaṁ nayane su-nirmale… arogatā bindu-jayo’gni-dīpanaṁ
nāḍī-viśuddhir haṭha-siddhi-lakṣaṇam

vapus : (des) Körpers; kṛśatvaṁ : Schlankheit; vadane : (des) Gesichts; prasannatā : Klarheit, Reinheit, Heiterkeit; nāda : (des inneren, „unangeschlagenen“) Klanges; sphuṭatvaṁ : (das) Offenbarsein, (die) Vernehmbarkeit; nayane : Augen; su-nirmale : äußerst (Su) klare, glänzende („fleckenlose“); arogatā : Gesundheit („Nicht-Krankheit“); bindu : (über den) Samen(fluß, „Tropfen“); jayaḥ : Meisterschaft („Sieg“); agni : (des Verdauungs-)Feuers; dīpanaṁ : (das) Stimulieren („Entfachen, Auflodernlassen“); nāḍī : (der feinstofflichen Energie-)Kanäle; viśuddhiḥ : (die) Reinigung, Reinheit; haṭha : (im) Hatha); siddhi : (für) Erfolg, Vervollkommnung; lakṣaṇam : (all dies ist ein) Zeichen, Kennzeichen

Ein schöner Körper, Schlankheit, Ruhe im Gesicht, Manifestation des inneren Klangs und Klarheit in den Augen, | Freiheit von Krankheiten, Sieg über die Triebe (Bindu), zähmung des inneren Feuers, Reinigung der Energiekanäle (Nadi), sind die Kennzeichen vom Erfolg in Hatha-Yoga

 

Übe Meditation am Ende der Pranayama-Praxis

Swatwarama schreibt in diesem Vers:

„Die Kennzeichen von Erfolg im Hatha Yoga sind: ein schöner Körper, Schlankheit, Ruhe im Gesicht, Manifestation des inneren Klangs und Klarheit in den Augen, Freiheit von Krankheiten, Sieg über die Triebe, Zähmung des inneren Feuers, Reinigung des Energiekanäle.“            

In der Sankrit Übersetzung des Verses bedeuten die einzelnen Worte:

Lakshana (die Zeichen) von Siddhi (Vervollkommnung und Erfolg) im Hatha Yoga: Vapu (des Körpers). Oft wird dies mit einem schönen Körper in Verbindung gebracht. Krisha (schlank) Tva jemand, der viel Hatha Yoga übt, kann auch schlank sein. Man hat Prasannata Vadana (eine Klarheit im Gesicht, einen ruhigen Gesichtsausdruck).

In einer anderen Übersetzung steht dazu: die Sprache ist beredsam. Vadana steht für Gesicht. In der eigentlichen Übersetzung ist es der Mund. Man kann das Gesicht auf die Augen beziehen oder man interpretiert es als Gesicht, was mit dem Mund zusammenhängt: Klarheit und Reinheit des Mundes ist eine Klarheit des Gesichtsaudrucks. Man könnte sagen, ein Leuchten und Strahlen kommt vom Gesicht her oder man kann gut sprechen.

Es gibt Spuddha (eine Vernehmbarkeit) von Nada (innerer Klang). Wenn Hatha Yoga fortschreitet hörst du den inneren Klang, der den Geist zur Ruhe bringen kann. Shundhyu Mala Nayana sind die klaren, glänzenden Augen. Arogata ist der Zustand von Gesundheit und Jaya ist die Meisterschaft. Mit Bindu ist die Mondenergie gemeint.

Swami Satyananda spricht vom Bindu (Punkt, Tropfen) im Hinterkopf als der Sitz der Mondenergie. In der Bihar School of Yoga wird viel Wert auf Bindu gelegt. Somit wird Bindu als die harmonisierende Mondenergie oder die sexuelle Energie angesehen. Wenn man viel Pranayama übt, hat man Herrschaft über die sexuelle Energie. Dies kann in zwei Richtungen gehen: in Svatmaramas Zeit hat man sich vom Hatha Yoga versprochen, dass die sexuelle Energie steigt. Gerade Männer wollen manchmal mehr sexuelle Energie haben. Aber man kann es auch umgekehrt üben, sodass man nicht Sklave der Triebe ist. Man kann Bindu somit meistern.

Dann führt es auch zu Dipana Agni, zum Auflodern lassen des Verdauungsfeuers. Agni steht für Feuer, Enthusiasmus, Begeisterung und Ausstrahlung. Agni ist zudem Tejas, ein Strahlen. Es kann zur Nadireinigung kommen. Dies wird mit Vishuddhi Nadi, der Reinigung der feinstofflichen Nadis, zum Ausdruck gebracht.

Dies ist eine ganze Menge an Wirkungen. Hatha Yoga soll dazu führen, dass du gesünder bist, du Ausstrahlung hast, zu einer Ruhe des Geistes gelangst und zu einer inneren Begeisterung führen. Du kannst erreichen, dass Kraft in deinen Worten ist. Ein Feuer und ein Strahlen können in dir entfacht werden. Du hast das Gefühl der Reinheit, als ob etwas in dir fließt. Du nimmst es als Fluss durch dich hindurch wahr. Dies ist die Wirkung von Hatha Yoga, daher übe es. Ganz besonders solltest du Pranayama üben.

 

Zusammenfassung des 2. Kapitels

Dies war der letzte Vers des 2. Kapitels. Svatmarama hat zu Anfang über Prana, die Lebensenergie gesprochen. Er hat gesagt, durch die Herrschaft über den Atem beherrscht du die Lebensenergie und somit den Geist.

Dann sprach er über die Nadis, die Energiekanäle und über die Wechselatmung, die ganz besonders für die Reinigung der Nadis wichtig ist. Weiterhin hat er über die Shat Kriyas, die 6 Reinigungstechniken, gesprochen sowie über die 8 Maha Kumbhakas: Surya Bhedana, Ujjayi, Sitkari, Shitali, Bhastrika, Bhramari, Murccha und Plavini.

Wenn du genauer wissen willst, wie und in welcher Reihenfolge du das üben kannst, besuche z.B. die Yoga Vidya Lehrerausbildung, ein Kundalini Yoga Seminar oder praktiziere mit einem Videokurs fortgeschrittenes Pranayama und Kundalini Yoga.

Danach ist Svatmarama auf die Kevala Kumbhaka eingegangen, wenn das Prana ganz ruhig ist und der Atem fast von selbst aussetzt. Er hat empfohlen am Ende des Pranayamas zu meditieren, um die Vollkommenheit zu erreichen. Diese ist im Hatha Yoga nicht nur die geistige Vollkommenheit, sondern ein gesunder, strahlender Körper. Du hast Ausstrahlung und kannst viel bewirken.

 

Hatha Yoga Pradipika Portal

Alle Verse der Hatha Yoga Pradipika findest du auf unserem Hatha Yoga Pradipika Portal: schriften.yoga-vidya.de. Dort sind die verschiedenen Schriften, die ich kommentiert habe. Unter dem Link der Hatha Yoga Pradipika findest du dann alle Verse auf Sanskrit, in Devanagari und in der Umschrift. Rezitationen, die Wort für Wort Übersetzung, mehrere Übersetzungen und Kommentare von Brahmananda, mir und künftig vielleicht noch anderen, in Textform, als Video und Audio, sind vorhanden. Somit kannst du viel Inspiration für Hatha Yoga bekommen und hoffentlich regelmäßig, intensiv, mit Konzentration und Freude praktizieren.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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  1. Vers

कुम्भकप्राणरोधान्ते कुर्याच् चित्तं निराश्रयम्
एवम् अभ्यासयोगेन राजयोगपदं व्रजेत् ॥७७॥

kumbhaka-prāṇa-rodhānte kuryāc cittaṁ nirāśrayam… evam abhyāsa-yogena rāja-yoga-padaṁ vrajet

kumbhaka : (durch die) Atemverhaltung; prāṇa : (des) Atems, (der) Lebensenergie; rodha : (des) Anhaltens („Einsperrens“); ante : am Ende; kuryāt : man mache; cittaṁ : (den) Geist; nir-āśrayam : frei von (allen) Objekten („Stützen“); evam : so, auf diese Weise; abhyāsa : (der) Übung, Wiederholung; yogena : durch die Methode; rāja-yoga : (des) königlichen Yoga; padaṁ : (den) Zustand (“Ort”); vrajet : man erreicht

Am Ende des Prana-Anhaltens durch Kumbhaka, soll der Yogi den Geist frei machen. | So erreicht er durch diese Praxis den Zustand des Raja-Yoga.

 

Übe Meditation am Ende der Pranayama-Praxis

Svatmarama sagt:

Am Ende der Kumbhaka-Praxis sollte man seinen Geist von allen Gegenständen abziehen, was immer es auch sein mag.

Die Sanskrit-Worte sind: Anta (am Ende) von Kumbhaka und Prana rodha (der Praxis des Anhaltens des Atems) kuryat (mache man) Chitta (den Geist) Nirashraya (frei von allen Objekten). So (evam) Abhyasa (auf diese Übung) erreichst du die Stufe (Pada) des Raja Yoga.

Am Ende des Pranayama meditiere. Die Meditation geht ganz einfach am Ende des Pranayama. Wenn du eine halbe, ein oder zwei Stunden Pranayama geübt hast, ist es gut, mindestens ein paar Minuten in der Stille zu verharren. Ziehe deinen Geist von allem Konkreten ab und genieße die Stille und die Ruhe. Übe das immer am Ende deiner Pranayama Praxis. Wenn du jeden Tag intensiv Asanas und Pranayama übst und am Ende dieser Praxis den Geist zur Ruhe bringst, erreichst du die Stufe des Raja Yoga: Die Herrschaft über den Geist, die Erfahrung des Herrschers, frei von äußeren Umständen, eins mit dem Unendlichen und Ewigen.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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  1. Vers

राजयोगपदं चापि लभते नात्र संशयः
कुम्भकात् कुण्डलीबोधः कुण्डलीबोधतो भवेत्
अनर्गला सुषुम्णा हठसिद्धिश् जायते ॥७५॥

 

rāja-yoga-padaṁ cāpi labhate nātra saṁśayaḥ… kumbhakāt kuṇḍalī-bodhaḥ kuṇḍalī-bodhato bhavet… anargalā suṣumṇā ca haṭha-siddhiś ca jāyate

rāja-yoga* : (des) königlichen Yoga; padaṁ : (den) Zustand („Ort“); ca : und; api : auch, sogar; labhate : er erlangt, erreicht; na : nicht; atra : hier (über); saṁśayaḥ : (besteht ein) Zweifel; kumbhakāt : aufgrund der Atemverhaltung; kuṇḍalī : (der) Kundali(ni); bodhaḥ : (erfolgt das) Erwachen; kuṇḍalī : (der) Kuṇḍaliṇī; bodhataḥ : aufgrund des Erwachens; bhavet : wird; an-argalā : frei (an-) von Hindernissen; suṣumṇā : (die) Sushumna ca : und; haṭha : (im) Hatha; siddhiḥ : Erfolg, Vervollkommnung; ca : und; jāyate : es entsteht

Und darüber hinaus erreicht [der Yogi] den Zustand des Raja-Yoga, darüber gibt es keinen Zweifel. Durch Kumbhaka wird die Kundalini erweckt und durch die erweckte Kundalini wird die Sushumna frei von Hindernissen und Vollkomenheit im Hatha-Yoga entsteht.

 

*Anmerkung: Zu einer Definition des Begriffes Rajayoga in diesem Zusammenhang vgl. die Anm. zu Kap. 4 Vers 103.

 

Hatha Yoga und Raja Yoga

Svatmarama schreibt:

Durch Pranayama erreicht der Yogi den Zustand des Raja Yoga, darüber gibt es keinen Zweifel. Durch Kumbhaka wird die Kundalini erweckt und durch die erweckte Kundalini wird die Sushumna frei von Hindernissen und Vollkommenheit im Hatha-Yoga entsteht.

Hier beschreibt er: Wozu Pranayama dient.

Wir befinden uns bei den letzten Versen des 2. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika. Die letzten vier Verse sind ein Zusammenfassung: „Wozu wirkt Pranayama?“

Er will uns zum Schluss noch einmal motivieren. „Durch Pranayama wird Raja Yoga erreicht. Raja Yoga bedeutet die Fähigkeit, deinen Geist zu beherrschen.“

Raja heißt Herrscher. Raja Yoga wird manchmal gleichgesetzt mit Patanjali Yoga, der Yoga des Geistes. Zum Raja Yoga kannst du sagen: „Die Einheit erlangen durch Herrschaft über alles.“ Dieser Raja Yoga pada wird erreicht.

Man könnte diesen 75. Vers auf den 74. Vers beziehen, wo es um Kevala Kumbhaka geht. Zudem kann man sagen, dass sich der 75. Vers allgemein auf das bezieht, was das ganze 2. Kapitel beschrieben hat. Pranayama ist hier das Stichwort.

Durch Pranayama erreichst du den Zustand des Raja Yoga, eine Herrschaft des Geistes.

Dann sagt er weiter: Kumbhakat (durch die Atemverhaltung) entsteht Bodha (das Erwachen) der Kundalini. Aufgrund Bodhatah (des Erwachens) der Kundalini wird die Sushumna an-argala (frei von Hindernissen). Ca (und so) kommt dann Siddhi (Erfolg, Vervollkommnung) im Hatha Yoga, jayate (so entsteht) Erfolg im Hatha Yoga.

Übe Khumbaka, übe Pranayama. Das hilft dir deinen Geist zu beherrschen. Es erweckt die Kundalini, öffnet die Sushumna und alle Chakras. Damit erreichst du die Vollkommenheit.

 

  1. Vers

हठं विना राजयोगो राजयोगं विना हठः
सिध्यति ततो युग्मम् आनिष्पत्तेः समभ्यसेत् ॥७६॥

haṭhaṁ vinā rājayogo rāja-yogaṁ vinā haṭhaḥ… na sidhyati tato yugmam ā niṣpatteḥ samabhyaset

haṭhaṁ : (den) Hatha; vinā : ohne; rāja-yogaḥ : (der) königliche Yoga; rāja-yogaṁ* : (den) königlichen Yoga; vinā : ohne; haṭhaḥ : Haṭha; na : nicht; sidhyati : hat Erfolg, gelingt; tataḥ : daher, deshalb; yugmam : beide („als Paar“); ā : bis; niṣpatteḥ : zur Vollendung (des Rāja-Yoga); samabhyaset : man soll üben, praktizieren (sam + ahbi + as)  

Ohne Hatha-Yoga gelingt kein Raja-Yoga, ohne Raja-Yoga gelingt kein Hatha-Yoga. | Daher soll [der Yogi] beides praktizieren, solange er den Erfolg nicht erreicht hat.

 

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erklärt, dass hier (atra) unter dem Wort (Shabda) RajaYoga die im vierten Kapitel (ChaturthaUpadesha) gelehrt werdenden (vakṣyamāṇa) Techniken (Sadhana) zu verstehen sind, die in Form (Rupa) von UnmaniShambhavi Mudra usw. den ebenfalls als Rajayoga bezeichneten höchsten Zustand (Param Padam) herbeiführen: rāja-yoga-sādhane ‚tra rāja-yoga-śabdaḥ … rāja-yoga-sādhanaṃ caturthopadeśe vakṣyamāṇam unmanī-śāmbhavī-mudrādi-rūpam.

 

Hatha Yoga und Raja Yoga

Man kann nicht ohne Hatha Yoga Vollendung im Raja Yoga erlangen und umgekehrt. Deshalb sollte er beide erlangen bis er Vollkommenheit erreicht hat.

Hier sagt er:

Raja Yoga ist nicht möglich ohne Hatha Yoga, Hatha Yoga geht nicht ohne Raja Yoga. Übe beides zusammen. Hatha Yoga (Asanas, Pranayama usw.) und Raja Yoga (also Meditation, Ethik im Alltag usw.) sollten zusammen ausgeübt werden.

Im 1. Kapitel hat Svatmarama über Yamas und Niyamas gesprochen, im 4. Kapitel spricht er über Meditation. Du könntest sagen, dass Svatmarama eigentlich Raja und Hatha Yoga wiedergibt. Sicherlich ist Patanjali im Yoga Sutra sehr viel ausführlicher über die Techniken, wie du mit deinem Geist umgehst. Svatmarama sagt nur „Beachte die Yamas und Niyamas“, aber nicht wie du das machst. Patanjali beschreibt, welche Hindernisse auf dem Weg der Geistesbeherrschung auftauchen, wie du diese beherrschst, wie du Gründe des Leidens überwinden kannst und wie du ein ethischer Mensch wirst.

Es ist gut, zum einen an deinem Geist zu arbeiten und zum zweiten Hatha Yoga zu üben. Daher (tatah) übe yugma (beides). Übe so lange Hatha Yoga und Raja Yoga zusammen bis zu Nishpatti (zur Vollendung).

 

Eine Ergänzung:

Wann immer du Hatha Yoga übst, achte auf deinen Geist, übe eine sattwige Konzentration. Wann immer du Raja Yoga übst, achte auf deinen Körper. Du kannst in der Meditation bewusst gerade sitzen und auf deinen Atem achten. Im Alltag kannst du verschiedenen Atemübugen, Körperhaltungen, Entspannungstechniken und Mudras nutzen, um einen Einfluss auf den Geist zu haben. Beides zusammen wirkt besonders gut. Körper und Psyche hängen miteinander zusammen. Über deine Psyche beeinflusse deinen Körper und über Körperübungen beeinflusse deine Psyche. Wenn du an beidem parallel arbeitest, sind die Fortschritte besonders groß.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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  1. Vers

प्राणायामस् त्रिधा प्रोक्तो रेचपूरककुम्भकैः
सहितः केवलश् चेति कुम्भको द्विविधो मतः ॥७१॥

prāṇāyāmas tridhā prokto reca-pūraka-kumbhakaiḥ… sahitaḥ kevalaś ceti kumbhako dvividho mata

prāṇa-āyāmaḥ : (die) Atemzügelung; tridhā* : in dreifacher Weise; proktaḥ : wird gelehrt; reca : (in Form von) Ausatmung (Recaka-Prāṇāyāma*, d.h. Atemverhaltung nach erfolgter Ausatmung); pūraka : Einatmung (Pūraka-Prāṇāyāma*, d.h. Atemverhaltung nach erfolgter Einatmung); kumbhakaiḥ : (und) Atemverhaltung (Kumbhaka-Prāṇāyāma*, d.h. Atemverhaltung ohne vorhergehende Aus- oder Einatmung); sahitaḥ : verbunden (mit Aus- bzw. Einatmung, dies entspricht nach Brahmānandas Kommentar Recaka- bzw. Pūraka-Prāṇāyāma); kevalaḥ : isoliert, unabhängig (von Aus- bzw. Einatmung, dies entspricht nach Brahmānandas Kommentar Kumbhaka-Prāṇāyāma); ca : und; iti : so, somit; kumbhakaḥ : (die) Atemverhaltung; dvividhaḥ* : (als) von zweierlei Art; mataḥ : wird erachtet („geschätzt“)

Es wird gesagt, dass es drei Arten von Pranayama (gibt): Ausatmung, Einatmung und Anhalten. | Das Anhalten selbst wird als zweigestalt angenommen: verbunden und isoliert.

 

Svatmarama schreibt:

Es gibt drei Arten von Pranayama: Rechaka Pranayama, Puraka Pranayama und Kumbhaka Pranayama. Und von Kumbhaka gibt es zwei Arten: Sahita und Kevala.

Von diesem Vers gibt es verschiedene Interpretationen. Er ist eine Analogie zum Yoga Sutra, wo Patanjali sagt: Pranayama besteht aus Einatmen, Anhalten und Ausatmen. Mit fortlaufender Praxis wird es verlängert und immer feiner.

Hier sagt Svatmarama:

Pranayama hat drei Arten von Atemzügelungen:

Es gibt Prana-ayamah tridha (die dreifache Weise der Atemzügelung), wie sie gelehrt wird. Es gibt Recha, Puraka und Kumbhaka: beim Pranayama atmet man ein (Puraka), man atmet aus (Rechaka) und man hält die Luft an (Kumbhaka).

Brahmananda (er hat den Kommentar, den Jyotsna, Ende des 19. Jhds. geschrieben) hat gesagt: Es gibt bestimmte Pranayamas, wo Rechaka (ausatmen) wichtig ist. Es gibt solche wo Puraka (das Einatmen) besonders wichtig ist. Es gibt solche, wo Kumbhaka besonders wichtig. Man könnte einfach nach Patanjali sagen: Pranayama (Atemübungen) bestehen aus bewusster Steuerung von Einatmen, Ausatmen und Anhalten.

Dann sagt Svatmarama: Das Anhalten (Kumbhaka) gibt es in zwei Weisen (Dvividha – zweierlei Gestalt). Es gibt Sahita (verbunden mit bestimmter Aus- und Einatmung) und Kevala (etwas, was ohne Ein- und Ausatmung geschieht).

 

  1. Vers

 

यावत् केवलसिद्धिः स्यात् सहितं तावद् अभ्यसेत्
रेचकं पूरकं मुक्त्वा सुखं यद् वायुधारणम् ॥७२॥

yāvat kevala-siddhiḥ syāt sahitaṁ tāvad abhyaset… recakaṁ pūrakaṁ muktvā sukhaṁ yad vāyu-dhāraṇam

yāvat : solange bis; kevala : (in der) isolierten (Atemverhaltung); siddhiḥ : Erfolg, Vervollkommnung; syāt : sich einstellt („ist“); sahitaṁ : (die) verbundene (Form der Atemverhaltung); tāvat : solange; abhyaset : man soll üben, praktizieren; recakaṁ : (vorherige) Ausatmung; pūrakaṁ : (oder) Einatmung; muktvā : ohne („verlassen habend“);sukhaṁ : leicht (erfolgt); yad : wenn; vāyu : (der) Luft („Wind“); dhāraṇam : (das) Anhalten (Fortsetzung in Vers 73)

Bis Perfektion in Kevalakumbhaka erreicht ist, soll der Yogi Sahitakumbhaka üben. | Wenn er einmal Ausatmung (Rechaka) und Einatmung (Puraka) der Luft hinter sich gelassen hat, wird das Anhalten (Dharana) mit Leichtigkeit [sich einstellen].

 

Svatmarama schreibt im folgenden Vers:

Solange der Yogi noch nicht bis zu Kevala Kumbhaka kommt, sollte er Sahita praktizieren.

In Sanskrit: Yavat (solange) Siddhi (Erfolg) noch nicht erreicht ist in Kevala, sollte man Abhyasa (üben) Sahita Kumbhaka (Kumbhaka, welches verbunden ist mit Rechaka, mit der Ausatmung und mit Puraka, der Einatmung. Das Anhalten kommt dann mit einer Leichtigkeit. Man kann auch sagen: Wenn man das Einatmen und Ausatmen verlassen hat (Muktva), folgt ganz leicht (Sukha) die Konzentration (Dharana).

 

Welche Bedeutung steckt hinter dieser Aussage?

Bei Kevala Kumbhaka gibt es zwei Arten:

Es gibt bewusstes Kevala Kumbhaka und automatisches Kevala Kumbhaka.

Angenommen du gehst in die Meditation und der Geist wird ganz ruhig. In diesem Zustand kommt Kevala Kumbhaka von selbst. Das Ein- und Ausatmen hört fast von selbst auf. Du spürst fast nicht mehr. Dein Atem ist ganz ruhig und kaum zu spüren. Manche Anfänger in der Meditation bekommen es dann sogar kurzfristig mit der Angst zu tun. Es können Empfindungen sein, die mit den Aussagen „ich ersticke jetzt und atme gar nicht mehr“, einhergehen.

Du brauchst gar keine Angst zu haben. Wenn Kevala Kumbhaka von selbst kommt, ist das ein wunderschönes Zeichen, dass dein Prana sehr ruhig geworden ist. Du kannst dich jetzt in die Meditation hinein sinken lassen. Wenn du das große Glück hast, dass Kevala Kumbhaka von selbst geschieht, lass dich von der Ruhe des Geistes in tiefe Freude führen, in Ausdehnung und in die Erfahrung der göttlichen Gegenwart.

Die zweite Form von Kevala Kumbhaka ist ein bewusstes Reduzieren von der Ein- und Ausatmung. Du kannst bewusst Kevala Kumbhaka üben. Damit Kevala Kumbhaka sich einstellt, solltest du erst Sahita Kumbhaka üben, die verschiedenen Pranayamas, wo du einatmest, anhältst und ausatmest. Zu diesen Pranayamas gehören Kapalabathi, die Wechselatmung und die Ashta Maha Kumbhakas (Suryabedha, Ujjayi, Sitkari, Sitali, Bhastrika, Bhramari, Murcha, Plavini). Wenn du diese regelmäßig übst, dann wird dein Prana unter Kontrolle gebracht. Dein Prana geht in die Sushumna und es entsteht Kevala Kumbhaka von selbst.

Wann immer du Pranayama übst, solltest du zum Schluss der Pranayama-Sitzung Kevala Kumbhaka üben. Manchmal brauchst du danach nur ein paar Mal tief ein- und auszuatmen. Deine Konzentration ist auf das dritte Auge gerichtet. Der Atem hört fast auf und du fühlst dich in einer anderen Bewusstseinsebene. Konzentration (Dharana) und Meditation (Dhyana) geschehen von selbst.

 

  1. Vers

प्राणायामोऽयम् इत्य् उक्तः वै केवलकुम्भकः
कुम्भके केवले सिद्धे रेचपूरकवर्जिते ॥७३॥

prāṇāyāmo’yam ity uktaḥ sa vai kevala-kumbhakaḥ… kumbhake kevale siddhe reca-pūraka-varjite

prāṇa-āyāmaḥ : (der) Atemzügelung; ayam : diese (Art; iti : so; uktaḥ : wird genannt; saḥ : sie; vai : wahrlich, bekanntlich, gewiss; kevala-kumbhakaḥ : islolierte Atemverhaltung; kumbhake : Atemverhaltung; kevale : (wenn die) isolierte; siddhe : gemeistert ist; reca : Ausatmung; pūraka : (und) Einatmung; varjite : frei von (Fortsetzung in Vers 74)

Dieses Pranayama, das zuvor beschrieben wurde, ist sicherlich Kevala-Kumbhaka. | Wenn Perfektion in dem für sich stehenden Anhalten erlangt wurde, besteht Freiheit von Aus- und Einatmung.

 

Diese Art des Pranayama ist sicherlich Kevala Kumbhaka. Wenn Perfektion in dem für sich stehenden Anhalten erlangt wurde, besteht Freiheit. Diese Freiheit ist zudem die Freiheit von der Aus- und Einatmung.

Den Versen liegen viele Doppeldeutigkeiten zu Grunde. Hier zählt Swami Vishnu nur einen Halbvers zum 73. Vers. Im Gegenzug dazu wird der 74. Vers etwas länger. Ich folge jetzt der Verszählung, wo zwei Halbverse zu diesem 73. Vers gehören.

Im Sanskrit steht: Diese (ayam) Pranayama (Atemzügelung) wird Kevala Kumbhaka genannt. Es ist eine natürliche Atemanhaltung. Kevala heißt sowohl natürlich, wie auch isoliert.

Es ist eine Atemverhaltung (Kumbhaka), die isoliert (Kevala) gemeistert werden kann. Sie ist frei von Rechaka und Puraka (der Aus- und Einatmung). Diese Pranayama ohne Rechaka und Puraka, wo du gar nicht bewusst die Ein- und Ausatmung steuerst und einfach nur in dieser Ruhe bist, ist Kevala Kumbhaka.

 

  1. Vers

तस्य दुर्लभं किंचित् त्रिषु लोकेषु विद्यते
शक्तः केवलकुम्भेन यथेष्टं वायुधारणात् ॥७४॥

na tasya dur-labhaṁ kiñ-cit triṣu lokeṣu vidyate… śaktaḥ kevala-kumbhena yatheṣṭaṁ vāyu-dhāraṇāt

na : nicht; tasya : für einen solchen (Yogi); dur-labhaṁ : (das) schwer zu erlangen (ist); kiñ-cid : irgend etwas; triṣu : in den drei; lokeṣu : Welten; vidyate : es gibt; śaktaḥ : (ein Yogi, der) fähig (ist); kevala-kumbhena : (zur) islolierten Atemverhaltung; yathā-iṣṭaṁ : nach Belieben („wie gewünscht“); vāyu : (der) Luft (“Wind”); dhāraṇāt : aufgrund des Anhaltens (Fortsetzung in Vers 75)

Für diesen ist nichts was in den drei Welten bekannt wäre schwer zu erreichen, | der das Kevala-Kumbhaka, das Anhalten der Luft wie hier beschrieben, beherrscht.

Wenn dieses Kumbhaka ohne irgendein Rechaka oder Puraka gemeistert worden ist, gibt es nichts mehr in den drei Welten, was man nicht erlangen könnte. Man kann seinen Atem durch Kumbhaka anhalten, so lange man möchte.

 

Was ist die Wirkung von Kevala Kumbhaka?

Im Sanskrit: Tasya (für einen solchen Yogi) gibt es na (nicht) kim chid (irgend etwas) in den Trisu Lrokesu (drei Welten), das Durlabha (schwer zu erlangen) wäre.

Ein Yogi, der fähig ist (ein Shakta – jemand, der die Fähigkeit, die Energie hat) zu Kevala Kumbhaka, der kann yatha ishta (ganz nach Belieben, wie gewünscht) die Luft anhalten (Vayu dharana).

Eine weitere Übersetzung ist, dass er ganz nach Belieben in die Konzentration kommen kann. Kevala Kumbhaka führt dazu, dass du in die tiefe Konzentration hineinkommst. Wenn du erst einmal diese tiefe Konzentration hast, brauchst du nichts anderes mehr.

„Durlabha“ könnte ein Hinweis auf andere Schriften sein, wo manches als Durlabha bezeichnet wird. Beispielsweise sagt Shankaracharya im Viveka Chudamani: „Drei Dinge sind Durlabha (schwer zu erlangen) und kommen nur durch die Gnade Gottes und gute Taten in Tausenden von Leben: Das erste ist eine menschenwürdige Geburt, das zweite ist die Sehnsucht nach Befreiung und das dritte ist die liebevolle Führung durch einen guten Meister, durch eine große Seele.“

Hier sagt jetzt Svatmarama „Nichts ist mehr Durlabha, nichts ist mehr schwer zu erlangen, wenn du Kevala Kumbhaka beherrschst.“

Wenn du durch Pranayama, durch die Atemübungen, dein Prana so ruhig gemacht hast, dass du nicht mehr ein- und ausatmen musst und die Ein- und Ausatmung verschmilzt, dann wird dein Geist vollkommen ruhig. Bei einer vollkommenen Ruhe des Geistes besteht eine volle Freude.

Man könnte die Interpretation weiter fortführen. Patanjali spricht im 3. Kapitel des Yoga Sutra von den sogenannten Vibudhis, den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Yogis.

Er sagt dort: „Wenn du Konzentrationsfähigkeit hast, kannst du Samya üben. Wenn du Samya üben kannst, kannst du Jaya (Herrschaft) und Wissen (Prajna) über alles bekommen.“

Übe zunächst Pranayama, dann übe Kevala Kumbhaka und gehe tiefer in die Meditation. Somit wird nichts mehr schwer.

 

  1. Vers

 

राजयोगपदं चापि लभते नात्र संशयः
कुम्भकात् कुण्डलीबोधः कुण्डलीबोधतो भवेत्
अनर्गला सुषुम्णा हठसिद्धिश् जायते ॥७५॥

rāja-yoga-padaṁ cāpi labhate nātra saṁśayaḥ… kumbhakāt kuṇḍalī-bodhaḥ kuṇḍalī-bodhato bhavet… anargalā suṣumṇā ca haṭha-siddhiś ca jāyate

rāja-yoga* : (des) königlichen Yoga; padaṁ : (den) Zustand („Ort“); ca : und; api : auch, sogar; labhate : er erlangt, erreicht; na : nicht; atra : hier (über); saṁśayaḥ : (besteht ein) Zweifel; kumbhakāt : aufgrund der Atemverhaltung; kuṇḍalī : (der) Kundali(ni); bodhaḥ : (erfolgt das) Erwachen; kuṇḍalī : (der) Kuṇḍaliṇī; bodhataḥ : aufgrund des Erwachens; bhavet : wird; an-argalā : frei (an-) von Hindernissen; suṣumṇā : (die) Sushumna ca : und; haṭha : (im) Hatha; siddhiḥ : Erfolg, Vervollkommnung; ca : und; jāyate : es entsteht

Und darüber hinaus erreicht [der Yogi] den Zustand des Raja-Yoga, darüber gibt es keinen Zweifel. Durch Kumbhaka wird die Kundalini erweckt und durch die erweckte Kundalini wird die Sushumna frei von Hindernissen und Vollkomenheit im Hatha-Yoga entsteht.

 

*Anmerkung: Zu einer Definition des Begriffes Rajayoga in diesem Zusammenhang vgl. die Anm. zu Kap. 4 Vers 103.

 

Dann wird die Stufe von Raja Yoga erlangt. Rāja-yoga-padaṁ cāpi labhate nātra saṁśayaḥ. Übersetzt heißt dies: So wird Raja Yoga erlangt. Durch Kumbhaka wird die Kundalini erweckt und durch die erweckte Kundalini wird die Sushumna frei von Hindernissen und Vollkommenheit im Hatha-Yoga entsteht.

Bei diesem Vers, steht manchmal ein Teil als eigenständiger Vers. Es kann zudem sein, dass Teile davon miteinander verbunden sind.

 

Welche Wirkung erzeugt das Üben von Kevala Kumbhaka?

Du erreichst den Zustand der Ruhe des Geistes, die Kundalini erwacht, die Sushumna wird geöffnet und du erreichst den Zustand der Vollkommenheit.

Über die Beziehung zwischen Raja Yoga und Hatha Yoga schreibt Svatmarama in den nächsten Versen.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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  1. Vers

अथ प्लाविनी
अन्तः प्रवर्तितोदारमारुतापूरितोदरः
पयस्य् अगाधेऽपि सुखात् प्लवते पद्मपत्रवत् ॥७०॥

atha plāvinī-
antaḥ-pravartitodāra-mārutāpūritodaraḥ… payasy agādhe’pi sukhāt plavate padma-pattra-vat

atha : nun (folgt); plāvinī : Plavini (das „Vollpumpen“); antar : ins Innere (des Körpers); pravartita : geleiteter („gesendeter“); udāra : vorzüglicher, ausgezeichneter; āpūrita : vollständig gefüllt ist (mit); udaraḥ : (ein Yogi, dessen) Bauch; payasi : Wasser; agādhe : auf tiefem („nicht seichtem“); api : sogar; sukhāt : mühelos, leicht; plavate : er schwimmt, schwebt; padma : (eines) Lotus; pattra-vat : wie das Blatt

Nun Plavini: Voll von bester Luft in den Bauch geschluckt, | schwimmt (der Yogi) mit Leichtigkeit wie ein Lotus-Blatt sogar auf tiefem Wasser.

 

Plavini und seine Wirkungen

Svatmarama schreibt:

Nachdem er die Lungen vollständig mit Luft angefüllt hat, bis sie aufgeblasen sind, bewegt sich der Yogi auf Wassern von großer Tiefe wie ein Lotusblatt. Das ist Plavini.

Plavini, eine der acht Kumbhakas (Atemübungen) im Hatha Yoga, wird hier sehr kryptisch beschrieben. Er sagt: Atha Plavini, was soviel bedeutet wie jetzt Plavini. Plavini kann man übersetzen mit „Vollpumpen des Körpers“. Es hat auch etwas zu tun mit Plava (Floß). Plavini ist etwas „das schwimmt“. In der Übersetzung kann es ein Floß sein, das schwimmt. Plavini kann letztlich mit der „Floßübung“ übersetzt werden.

Er schreibt: Jetzt folgt die Floßübung.

 

Was macht man bei dieser Übung?

Man füllt das Innere des Körpers (Antar) vorzüglich oder ausgezeichnet (Udara) mit Maruta ( Luft, Wind). Dies geschieht apurita (vollständig). Dann sagt er: Ein Yogi, dessen Bauch (Udara) so gefüllt ist, der kann auf Payasi (Wasser) von großer Tiefe (Agadha) sogar Sukhat (mühelos) plavate (schwimmen). Dies geschieht ähnlich wie Pattra (das Blatt) von Padma (einem Lotus). Hier gebraucht er ein Wortspiel: Udara heißt „vorzüglich, prächtig und ausgezeichnet“ und zudem „Bauchhöhle, Hohlraum und Bauch“.

Natürlich könntest du das tatsächlich ausprobieren. Wenn du im Schwimmbad bist, kannst du in den Lotus gehen, deine Hände hinter dem Kopf falten und dich in dieser Position auf das Wasser legen. Du atmest dann sehr tief ein. Darauf atmest du wenig Luft aus und ein. Du hältst die ganze Zeit die Lungen relativ gut gefüllt. In die gut gefülltes Lungen atmest du etwas ein und aus. Mit dieser Technik kannst du ganz bequem und anstrengungslos auf dem Wasser schweben. Wenn du genügend Körperspeck hast, geht das natürlich ohne dass du Plavini übst. Viele Menschen können „Toter Mann“ im  Schwimmbad spielen ohne unterzugehen. Im Salzwasser geht es noch sehr viel leichter.

Wenn du Plavini übst, hat das eine zusätzliche Wirkung. Wenn du vollständig mit Luft angefüllt bist und in die gefüllten Lungen wenig Luft ein- und ausatmest, kannst du probieren, dein Herz weit zu machen und dich zur Himmelsenergie öffnen. Das kann ein ganz überwältigendes Gefühl geben. Es kann ein Gefühl von Freude, Weite, Leichtigkeit und Verbindung entstehen.

Das geht besser, wenn das Schwimmbad nicht zu voll ist. Du kannst bei dieser Übung in eine Art Ekstase geraten. Du solltest nicht so weit gehen, dass du dein Bewusstsein verlierst, das ist im Schwimmbad eher ungünstig. Ich habe von niemandem gehört, für den das gefährlich gewesen wäre. Irgendwann atmest du vielleicht aus, wenn du in Ohnmacht fällst. Dann wachst du wieder auf, wenn das Wasser in die Nase geht und deine Reflexe sind sofort wieder da. Du kannst diese Übung in der beschriebenen Form ausprobieren.

Plavini ist zudem eine Übung, die als Pranayama im Sitzen geübt werden kann. Sie kann auch in die Asanas (Körperstellungen) integriert werden. Sie besteht daraus, dass du tief einatmest und deine Lungen füllst. Dann atmest du in die gefüllten Lungen sanft ein und aus. Es gibt gute Gründe, warum Plavini die letzte der ashta Kumbhakas (Atemübungen) ist, die Svatmarama beschreibt: Es ist gerade vor der Meditation eine schöne Übung. Während der Meditation trifft dies ebenfalls zu. Wenn dein Geist zu sehr wandert, dann übe Plavini. Der Geist wird sehr wach und ruhig.

Plavini gehört zu den fortgeschrittenen Atemübungen, die in einfacher Variation von anderen geübt werden kann.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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  1. Vers

अथ मूर्च्छा
पूरकान्ते गाढतरं बद्ध्वा जालन्धरं शनैः
रेचयेन् मूर्च्छाख्येयं मनोमूर्च्छा सुखप्रदा ॥६९॥

 

atha mūrcchā-
pūrakānte gāḍhataraṁ baddhvā jālandharaṁ śanaiḥ… recayen mūrcchanākhyeyaṁ mano-mūrcchā sukha-pradā

atha : nun (folgt); mūrcchā : Murchha („Ohnmacht, Gerinnen“); pūraka : (der) Einatmung; ante : am Ende; gāḍhataraṁ : ganz fest; baddhvā : setzend („bindend“); jālandharaṁ : Jalandhara; śanaiḥ : langsam, allmählich; recayet : man atme aus; mūrcchanā : Murchhana; ākhyā : (hat den) Namen; iyaṁ : dieses (Kumbhaka); manas : (des nach außen gerichteten) Geistes; mūrcchā : (es führt zur) Ohnmacht („Gerinnen, Erstarren“); sukha-pradā : (und) verleiht Glück, Freude

Nun Murcha: Am Ende der Einatmung, Jalandhara-Bandha maximal fest gesetzt, | soll (der Yogi) sehr langsam ausatmen. Dieses, bekannt als Murcha, garantiert Mentale Ohnmacht und Wohlgefühl.

 

Murccha und seine Wirkungen

Svatmarama schreibt:

Nun Murccha. Am Ende von Puraka führe Jalandhara Bandha durch und atme langsam aus. Das ist Murchha Kumbhkaka. Es bringt den Geist in einen Zustand der Ruhe und schenkt Wonne.

 

Wie geht Murccha?

Du atmest erst sehr tief ein, dann senkst du den Kopf und beim Ausatmen hältst du den Kopf unten. Dabei atmest du sehr langsam aus. Murccha gehört zu den Pitta reduzierenden Übungen.

Eine Variation von Murccha kannst du üben, um Ärger zu reduzieren. Ich nenne es die Ärger-Transformations-Atmung. Wenn du dich über irgendetwas geärgert hast, dann atme zügig ein und danach sehr langsam aus. Diese Übung kannst du auch gut in der Öffentlichkeit machen. Du musst nicht unbedingt den Kopf nach hinten geben. Wenn du fünf- bis zehnmal sehr langsam ausgeatmet hast, wirst du merken, dass dein Ärger verflogen ist. Du hast neue und mehr Energie in dir.

Murccha kannst du zudem als Heuschnupfen-Überwindungsatem üben: Wenn du Heuschnupfen hast, kannst du den Heuschnupfenreiz überwinden, indem du zügig einatmest und so langsam ausatmest wie es nur geht. Es sollte sehr langsam und vollständig erfolgen. Vielleicht hast du gerade einen Niesreiz und du wirst vorher durch das Niesen unterbrochen. Ist dies der Fall, dann probiere es erneut. Wenn du fünf- bis zehnmal extrem langsam ausatmest, sind danach der Nies- und Heuschnupfenreiz sowie die tränenden Augen verschwunden. Dies kannst du ruhig etwas fokussieren. Probiere es aus!

Svatmarama beschreibt hier eine spezielle Form von Murccha. Es handelt sich um Atha Murccha. Murccha hat verschiedene Bedeutungen und wird oft als „Ohnmacht“ oder „Gerinnen“ übersetzt. Murccha heißt Freude und Verzückung. Die „Übung, die zur Verzückung führt“ ist Folgende: Er sagt: Purakante (am Ende der Einatmung) setzt du ganz fest Jalandhara Bandha (Kopf senken). Dann atmest du shanai (sehr langsam und allmählich) aus (Recayet). Dieses (iyam) Kumbhkaka Akhya (hat den Namen) Murccha.

 

Warum heißt es Murccha (oder murchhana)?

Weil es zu Manas Murccha führt, zu einer Ruhe (zum Gerinnen) des Geistes und zu Sukha Prada (zu großer Erfahrung von Glück). Prada heißt hier „Gabe von“ oder „Verleihung von“ und Sukha heißt „Freude“.

Murccha ist eine Übung, um Freude zu erfahren. Es handelt sich um eine Übung, die du machen könntest, wenn du dich trostlos fühlst. Man könnte sagen: Gegen Depressivität hilft jede Atemübung, weil sie mehr Energie erzeugt. Insbesondere Bhramari und Murccha sind sehr hilfreich, um mehr Freude im Geist zu haben.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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  1. Vers

अथ भ्रामरी
वेगाद् घोषं पूरकं भृङ्गनादं
भृङ्गीनादं रेचकं मन्दमन्दम्
योगीन्द्राण्?अम् एवम् अभ्यासयोगाच्
चित्ते जाता काचिद् आनन्दलीला ॥६८॥

atha bhrāmarī-
vegād ghoṣaṁ pūrakaṁ bhṛṅga-nādaṁ
bhṛṅgī-nādaṁ recakaṁ manda-mandam… yogīndrāṇām evam abhyāsa-yogāc
citte jātā kā-cid ānanda-līlā

atha : nun (folgt); bhrāmarī : Bhramari („Bienenton, Bienensummen“); vegāt : schnell; ghoṣaṁ : (und) geräuschvoll; pūrakaṁ : (man vollführe die) Einatmung; bhṛṅga : (einer) männlichen schwarzen Biene; nādaṁ : (verbunden mit dem) Klang; bhṛṅgī : (einer) weiblichen schwarzen Biene; nādaṁ : (verbunden mit dem) Klang; recakaṁ : (man vollführe nach der Atemverhaltung die) Ausatmung; manda-mandam : ganz langsam; yogi : (der) Yogins; indrāṇām : der besten („Fürsten“); evam : so, auf diese Weise; abhyāsa : (dieser) Übung, (der) Wiederholung; yogāt : durch die Methode; citte : im Geiste; jātā : entsteht („ist entstanden“); kā-cid : ein unbeschreibliches („gewisses“); ānanda : (von) Glückseligkeit; līlā : Spiel

Nun Bhramari: Die Einatmung (erfolgt) schnell, mit einem brummenden Ton, wie der männlichen Biene, die Ausatmung sehr langsam mit dem Ton der weiblichen Biene. | Durch genau diese Praxis entsteht ein kleines Spiel der Wonne im Geist, vom Herrn der Yogis (gesandt).

 

Bhramari und seine Wirkung

Bhramari ist die sechste der acht Maha Kumbhakas, der acht großartigen Übungen der Hatha Yoga Pradipika.

Svatmarama schreibt:

Fülle dich schnell mit Luft an, wobei du den Ton einer männlichen Biene machst. Dann atme wieder aus, wobei du den Ton einer summenden weiblichen Biene machst. Dadurch, dass sie dies regelmäßig praktizieren, fühlen die großen Yogis eine unbeschreibliche Freude in ihrem Herzen.

Die einzelnen Worte auf Sanskrit:

Atha Bhramari: Jetzt folgt der Bienenton. Bhramari ist der Klang einer Biene, das Bienensummen. Die Atemübung heißt tatsächlich Bhramari, das Bienensummen. Er sagt, dass man Vega (schnell) und ghosa (geräuschvoll) einatmen (Purakha) soll und dabei Nada (den Klang) einer Bhringa (einer männlichen schwarzen Biene).

Ich muss zugeben, dass ich nicht genau weiß, wie eine männliche schwarze Biene klingt, aber ich weiß wie Bhramari gemacht wird. Du machst den schnarchenden Klang. Svatmarama empfiehlt, dies relativ zügig zu machen Du kannst die Übung auch langsamer durchführen. Diese Variante gibt es ebenfalls. Er empfiehlt es sehr schnell zu machen. Das Ausatmen erfolgt dann langsam summend. Man vollführe dort nach der Rechaka (Atemverhaltung) Manda-manda (etwas ganz langsames). Das wird so interpretiert, dass du erst einatmest, anschließend anhältst und dass du danach ganz langsam die Ausatmung machst.

Erst wird Puraka (Einatmung) Vega und Ghosha (schnell und geräuschvoll) mit dem Klang einer männlichen schwarzen Biene (Bhringa) vollzogen. Nach der Atemverhaltung, du hältst anschließend die Luft an, machst du den Klang einer Biene und atmest dabei ganz langsam aus. Das langsame Ausatmen ist hier besonders von Wichtigkeit. Beim langsamen Ausatmen wirst du zu einem Yogi Indrana, zu einem „Herr der Yogis“.

Man könnte aber auch sagen, dass diese Übung geschickt worden ist vom Herrn der Yogis. Diese Abhyasa (Übung) und dieser yogat (diese Methode) führen zu Ananda lila, zu einem Spiel von Freude in Chitta (im Geist). In der Übersetzung, der Swami V. folgt heißt es hier: im Herzen, denn letztlich ist Freude des Geistes eine Freude im Herzen.

Bhramari (die Biene) will dir helfen, Freude zu bekommen und Herr (er sagt hier: Fürst) der Yogis zu werden. Das soll bedeuten, dass Bhramari dir hilft, eine grundlose Freude zu bekommen und frei zu werden.

Im Yoga geht es häufig um Freiheit. Wir wollen uns lösen von der Abhängigkeit vom Lob oder Tadel anderer, von der Freundlichkeit anderer und davon, ob es in der Welt gut oder schlecht zu geht. Wir lernen Techniken, die uns helfen, jederzeit Energie zu haben, jederzeit voll Freude zu sein und letztlich jederzeit zu einem höheren Wissen zu kommen. So werden wir unabhängig von den Höhen und Tiefen des Lebens und von den Beziehungen zu anderen Menschen, die sich immer wieder verändern. Das heißt nicht, dass wir uns zurückziehen, sondern dann tun wir das, was nötig ist, mit Freude, Liebe und Energie als Instrument Gottes. In der Bhagavad Gita sagt Krishna dies immer wieder.

Bhramari ist eine der Möglichkeiten, wie du Freude empfinden kannst, eine gewisse Unabhängigkeit und eine gewisse innere Stärke bekommst. Probiere es aus!

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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  1. – 67. Vers

Bhastrika und seine Wirkungen

Was ist Bhastrika?

Wie wird Bhastrika geübt?

Wie häufig sollte es geübt werden?

Welche Wirkungen hat Bhastrika?

Über diese Fragen schreibt Svatmarama in der Hatha Yoga Pradipika in ingesamt 8 Versen (59 - 67). Diese ausführlichen Informationen zeigen, wie wichtig Svatmarama Bhastrika hält. Es ist die einzige der Ashta Khumbhakas, welche in mehr als drei Versen beschrieben wird. Er befasst sich mit dieser Atemtechnik fast dreimal so lang wie mit den anderen Pranayamas.

Vorweg gesagt, handelt es sich bei Bhastrika in der fortgeschrittenen Form, wie Svatmarama diese beschreibt, um eine Übung, die nicht für jeden geeignet. Du solltest wissen, was du tust.

Die Kommentare zur Hatha Yoga Pradipika sollen keine Übungsanleitung für dich sein. Sie enthalten weitere Informationen und stellen detaillierte Ausführungen dar, wenn du die Übungen schon kennengelernt hast (z.B. in der Yoga Vidya Yogalehrerausbildung oder in einem fortgeschrittenen Kundalini Yoga Seminar.) Du erfährst dort mehr Details und Konzentrationshilfen. Deine Stärke und vielleicht deine Motivation für deine Praxis wird höher werden.

 

  1. Vers

अथ भस्त्रिका
ऊर्वोर् उपरि संस्थाप्य शुभे पादतले उभे
पद्मासनं भवेद् एतत् सर्वपापप्रणाशनम् ॥५९॥

atha bhastrikā-
ūrvor upari saṁsthāpya śubhe pāda-tale ubhe… padmāsanaṁ bhaved etat sarva-pāpa-praṇāśanam

atha : nun (folgt); bhastrikā : Bhastrika („Blasebalg“); ūrvor : (die gegenüberliegenden) Oberschenkel; upari : auf; saṁsthāpya : man lege („gelegt  habend“); śubhe : sauberen, reinen („schönen“); pāda : (der) Füße; tale : (nach oben gekehrten) Sohlen; ubhe : die beiden; padma-āsanaṁ : (der) Lotussitz; bhavet : ist („soll sein“); etad : dies; sarva : allen; pāpa : Übels; praṇāśanam : (er bewirkt das) Vernichten

Nun Bhastrika: Nachdem die beiden Fußsohlen auf passende Weise auf der Mitte der Oberschenkel platziert sind, | ist der Lotussitz eingenommen. Dieser zerstört alle Sünden.

 

Svatmarama sagt: Nun folgt Bhastrika. Bringe die Füße auf die gegenüberliegenden Schenkel. Das wird Padmasana genannt und beseitigt alle Beschwerden.

Für Bhastrika ist Padmasana (der Lotus) hilfreich. Bhastrika soll dir helfen, alle Probleme zu beseitigen. Dafür rentiert es sich, den Lotus zu lernen. Natürlich kannst du Bhastrika in anderen Sitzhaltungen machen. Manchmal gibt es fortgeschrittene Bhastrika-Variationen, die mit Mudras verbunden sind. Hier kommen das Shakti Chalini Mudra oder Maha Veda zum Einsatz. Dabei ist es hilfreich, wenn du im Lotus bist. Manchmal kann es bei Bhastrika passieren, dass der Körper anfängt zu hüpfen. In diesem Fall ist diese Sitzposition ein besonders guter Sitz. Es lohnt sich den Lotus zu probieren und ihn zu erlernen. Versuche, ob du den Lotussitz lernen kannst.

 

  1. Vers

सम्यक् पद्मासनं बद्ध्वा समग्रीवोदरः सुधीः
मुखं संयम्य यत्नेन प्राणं घ्राणेन रेचयेत् ॥६०॥

samyak padmāsanaṁ baddhvā sama-grīvodaraḥ su-dhīḥ… mukhaṁ saṁyamya yatnena prāṇaṁ ghrāṇena recayet

samyak : auf die rechte Weise; padma-āsanaṁ : (den) Lotussitz; baddhvā : einnehmend („gebunden habend“); sama : gerade (ist); grīvā : (dessen) Hals; udaraḥ : (und) Bauch; su-dhīḥ : (der) verständige (Yogi); mukhaṁ : (den) Mund; saṁyamya : verschließend; yatnena : eifrig, kraftvoll („mit Anstrengung“); prāṇaṁ : (den) Atem, (die) Atemluft; ghrāṇena : durch die Nase; recayet : entlasse (“entleere” ric, Fortsetzung folgt in Vers 61)

Nachdem er ordentlich den Lotussitz gefaltet hat, den Nacken und Bauch aufgerichtet, | soll der Weise, den Mund geschlossen, kraftvoll den Lebenshauch durch die Nase ausatmen.

 

Nachdem er diese Stellung eingenommen hat, sollte er den Mund schließen und durch die Nasenlöcher ausatmen, bis er den Druck auf dem Herzen, der Kehle und dem Gehirn fühlt.

In einer anderen Übersetzung heißt es: Nachdem er ordentlich den Lotus gefaltet hat und den Nacken und den Bauch aufgerichtet hat, soll der Weise – den Mund geschlossen – kraftvoll den Lebenshauch durch die Nase ausatmen.

Man soll in der rechten Weise (Samyak) Padmasana (den Lotussitz) Baddhva (einnehmen, eingenommen haben).

Nimm den Lotussitz ein, wenn es möglich ist. Halte den Hals (Griva) gerade (Sama). Der Bauch (Udara) ist entspannt und locker. Sei ein Sadhi (ein verständiger Yogi). Verschließe (Samyama) den Mund (Mukha) und dann atme kräftig (Yatnena) durch die Nase (Ghranena) den Atem (Prana) aus (Recayet).

Es gibt hier zwei mögliche Übersetzungen.

Zum einen: Halte den Rücken gerade und atme fest aus.

Die andere Übersetzung lautet: Atme so fest aus, dass du es im Herzen, in der Kehle und im Kopf spürst.

 

  1. Vers

यथा लगति हृत्कण्ठे कपालावधि सस्वनम्
वेगेन पूरयेच् चापि हृत्पद्मावधि मारुतम् ॥६१॥

yathā lagati hṛt-kaṇṭhe kapālāvadhi sa-svanam… vegena pūrayec cāpi hṛt-padmāvadhi mārutam

yathā : (Fortsetzung von Vers 60:) sodass (in der Ausatmung); lagati : (der Atem) fühlbar ist (“berührt, sich anschmiegt”); hṛd : (im) Herzen; kaṇṭhe : (und) in der Kehle; kapāla : (zum) Schädel; avadhi : bis hin („bis zur Grenze“); sa-svanam : geräuschvoll (“mit Geräusch”); vegena : heftig, schnell, energisch; pūrayet : er atme ein; ca : und; api : auch (wieder,); hṛt-padma : (in den) Herz-Lotus; avadhi : bis; mārutam : (die) Luft („Wind“)

Auf diese Weise wird ein sehr lauter Ton im Herz, in der Kehle und im Herzen verspürt. | (Der Yogi) soll dann auch schnell den Lebenshauch einatmen nach unten zum Lotus im Herzen.

 

Der Yogi sollte den Atem mit einem zischenden Laut einziehen, bis er gegen das Herz schlägt. Dabei sollte er die ganze Zeit seinen Körper und seinen Kopf aufgerichtet halten.

Eine andere Übersetzung:

Auf diese Weise wird ein sehr lauter Ton im Herzen und in der Kehle verspürt. Der Yogi sollte dann schnell den Lebenshauch einatmen und ihn nach unten zum Lotus im Herzen ziehen.

Man kann sagen: Beim Ausatmen entsteht ein lauter Ton. Bei der Einatmung ist dies ebenso der Fall. Beim Einatmen gibt es zwei verschiedene Übersetzungen. Die Verszählung ist hier nicht eindeutig. In den Ur-Manuskripten scheint es der Fall zu sein, dass gar keine Verszählung vorhanden war. Es stellt sich die Frage, welche Zeile man zu welchem Doppelvers zählt.

Zur weiteren Durchführung wird gesagt: Der Rücken ist gerade. Du atmest fest ein und fest aus bis man das Ganze kräftig spürt. Dies sollte keine genaue Übungsanleitung. Die Stichworte, die festzuhalten sind, wären: Kräftig machen, lauter Ton und den Rücken gerade machen!

Es gibt verschieden Varianten bei Bhastrika:

*  Man geht beim Einatmen leicht in die Rückwärtsbeuge und beim Ausatmen leicht in die Vorwärtsbeuge.

* Man hebt  beim Einatmen die Arme und beim Ausatmen senkt man sie.

* Man hebt beim Einatmen die Ellbogen und senkt sie beim Ausatmen.

* Beim Einatmen gibt man die Arme nach vorne und beim Ausatmen beugt man die Ellbogen und gibt die Arme nach hinten.

* Beim Einatmen die Schultern heben und beim Ausatmen senken.

Svatmarama schreibt hier, dass man den Körper gerade halten soll. Eigentlich spricht er nur von einer gerade Wirbelsäule. Er sagt: „halte die Wirbelsäule gerade und übe nur das, was den Klang erzeugt.“

 

  1. Vers

पुनर् विरेचयेत् तद्वत् पूरयेच् पुनः पुनः
यथैव लोहकारेण भस्त्रा वेगेन चाल्यते ॥६२॥

punar virecayet tad-vat pūrayec ca punaḥ punaḥ… yathaiva loha-kāreṇa bhastrā vegena cālyate

punar : wieder ; virecayet : man atme aus; tad-vat : so, auf diese Weise; pūrayet : man atme ein; ca : und; punaḥ punar : wieder (und) wieder, immer wieder; yathā : so wie; eva : genau; loha-kāreṇa : vom Schmied („Eisen-Macher“); bhastrā : (der) Blasebalg; vegena : heftig, schnell, energisch; cālyate : bewegt wird

Wieder soll (der Yogi) genauso ausatmen und einatmen, wieder und wieder. | Genauso wie der Blasebalg des Hufschmiedes schnell gepumpt wird.

 

Genau beschrieben sagt dieser Vers:

Wieder sollte er den Atem einziehen und ausatmen wie zuvor angewiesen. Mache weiter, immer wieder, so schnell wie der Schmied seinen Blasebalg bearbeitet.

Der Atem sollte eingezogen werden. Die Ausatmung erfolgt wie zuvor angewiesen. Führe diese Übung in dieser Hinsicht weiter fort. Vergleiche deinen Rhythmus mit einem Schmied, der seinen Blasebalg bearbeitet.

Es ist ein ständiges Ausatmen und Einatmen. Für Anfänger bedeutet das meistens 15 – 20 Ausatmungen. Fortgeschrittene können bis auf 30 – 50 Ausatmungen erhöhen. Es gibt schnellere und langsamere Variantionen von Bhastrika.

 

  1. Vers

तथैव स्वशरीरस्थं चालयेत् पवनं धिया
यदा श्रमो भवेद् देहे तदा सूर्येण पूरयेत् ॥६३

tathaiva sva-śarīra-sthaṁ cālayet pavanaṁ dhiyā… yadā śramo bhaved dehe tadā sūryeṇa pūrayet

tathā : so, auf diese Weise; eva : genau; sva-śarīra-sthaṁ : (die im) eigenen Körper befindliche; cālayet : er bewege; pavanaṁ : Atemluft, Prana („Wind“); dhiyā : mit seinem Geist, seiner Vorstellung; yadā : wenn; śramaḥ : Ermüdung, Erschöpfung; bhavet : sein sollte; dehe : im Körper; tadā : dann; sūryeṇa : durch das rechte Nasenloch („die Sonne“); pūrayet : er atme ein

Genau so soll der Lebenshauch im eigenen Körper mit Achtsamkeit bewegt werden. | Wenn Müdigkeit sich im Körper einstellt, dann soll (der Yogi) durch das rechte Nasenloch einatmen.

 

Der Yogi soll das Prana durch Rechaka und Puraka in seinem Körper in Bewegung halten. Wenn er müde wird, sollte er durch das rechte Nasenloch einatmen.

Es ist wichtig, dass man nicht nur die Atemluft in Bewegung hält, sondern auch das Prana. Du atmest ein und du atmest aus. Wie ein Blasebalg füllt und leert sich der Körper.

Es ist nicht nur Luft, es handelt sich um Prana, was sich dabei bewegt. Wenn du in dieser Hinsicht mit voller Achtsamkeit Bhastrika machst, spürst du wie dein ganzer Körper mit Prana pulsiert. Du machst das so lange, wie du kannst. Wenn du nicht mehr fest ein- und ausatmen kannst und du merkst, dass es schwierig wird, dann atmest du durch das rechte Nasenloch ein.

Suryena bedeutet durch das rechte Nasenloch („die Sonne“) einatmen (purayet: atme ein).

 

  1. Vers

यथोदरं भवेत् पूर्णम् अनिलेन तथा लघु
धारयेन् नासिकां मध्यातर्जनीभ्यां विना दृढम् ॥६४॥

yathodaraṁ bhavet pūrṇam anilena tathā laghu… dhārayen nāsikāṁ madhyā-tarjanībhyāṁ vinā dṛḍham

 

yathā : (Fortsetzung von Vers 63:) sodass; udaraṁ : (der) Bauch; bhavet : sei; anilena : mit Luft („Wind“); tathā : so, auf diese Weise (atme man durch das rechte Nasenloch ein); laghu : rasch; dhārayet : man verschließe („halte“ dann); nāsikāṁ : (die) Nase; madhyā : (von) Mittelfinger; tarjanībhyāṁ : (und) Zeigefinger; dṛḍham : fest

Auf diese Weise wird der Bauch mit Luft gefüllt. | Dann soll (der Yogi) schnell die Nase fest zuhalten ohne Mittel und Zeigefinger.

 

Der Bauch wird mit Luft gefüllt nach dieser Art und Weise. Darauf soll der Yogi die Nase fest zuhalten ohne den Mittel- und Zeigefinger.

In einer anderen Aussage heißt es an dieser Stelle, dass der Mittel- und Zeigefinger eingebracht wird. Hier scheint es zwei Traditionen zu geben. In der Übersetzung von Swami V. heißt es, man sollte seine Nase mit Daumen, Ring- und kleinem Finger schließen. In der anderen Übersetzung heißt es „ohne“. Diese zwei verschiedenen Varianten gibt es tatsächlich.

Du kannst nach dem festen Ein- und Ausatmen rechts vollständig einatmen, Bauch und Brust füllen und alle drei Bandhas üben. Dabei kannst du entweder den Daumen am rechten Nasenloch und den kleinen und den Ringfinger am linken Nasenloch (bzw. Nasenflügel) haben. Die Anhaltephase geschieht so lange wie möglich. Dann erfolgt die Ausatmung links. Ein festes Aus- und Einatmen ist auch möglich. Du atmest rechts ein, hältst die Luft an und senkst die Hände wieder.

 

  1. Vers

विधिवत् कुम्भकं कृत्वा रेचयेद् इडयानिलम्
वातपित्तश्लेष्महरं शरीराग्निविवर्धनम् ॥६५

vidhi-vat kumbhakaṁ kṛtvā recayed iḍayānilam… vāta-pitta-śleṣma-haraṁ śarīrāgni-vivardhanam

vidhi-vat : vorschriftsgemäß („wie die Vorschrift ist“); kumbhakaṁ : (die) Atemverhaltung; kṛtvā : nachdem (er) ausgeführt hat; recayet : er atme aus; iḍayā : durch Ida (den im linken Nasenloch endenden „Mondkanal“); anilam : (die) Luft („Wind“); vāta : (übermäßiges) Vata („Wind“); pitta : (und übermäßiges) Pitta („Galle“); śleṣma-haraṁ : (das) beseitigt (Hara, übermäßigen) Schleim; śarīra : (im) Körper; agni : (des Verdauungs-)Feuers; vivardhanam : (und führt zur)  Zunahme

Nachdem (der Yogi) die Atemübung wie beschrieben durchgeführt hat, soll er durch das linke Nasenloch den Lebenshauch ausatmen. | (Diese Atemübung) gleicht Dysbalancen mit Neigung zur Unstetheit, zum Aufbrausen, Trägheit aus und entfacht das innere Feuer.

 

Zur Erläuterung

Nachdem der Yogi die Atemübung wie beschrieben durchgeführt hat, sollte er durch das linke Nasenloch den Lebenshauch ausatmen. Diese Atemübung gleicht Dysbalancen aus, die durch ein Übermaß von Vata, Pitta und Kapha entstanden sind und steigert das Verdauungsfeuer.

Man sollte Kumbhaka (das Luftanhalten) Vidhi-vat (wie es Vorschrift ist) üben. Dies sagt aus, dass mit allen drei Bandhas: Mula-Bhanda, Uddiyana-Bhanda und Jalandhara-Bhandha, und danach Rechaka (ausatmen) durch idaya (durch das linke Nasenloch, den „Mondkanal“), geübt werden soll.

 

Welche Wirkungen treten ein?

Das beseitigt (Hara) alle Probleme, die durch ein Übermaß von Vata, Pitta oder Shleshma (ein anderer Ausdruck für Kapha) entstehen. Wenn du irgendwelche Probleme hast, die durch ein zu viel Vata, Pitta oder Kapha verursacht sind, dann übe jeden Tag Bhastrika.

 

Welche weiteren Wirkungen sind die Folge?

Vivardhanam (es führt zur Zunahme) von Sharira Agni (dem Verdauungsfeuer) im Körper.

Bhastrika ist sehr wichtig für die Überwindung eines Übermaßes von den Doshas und von Agni. Dabei ist es egal, welche Doshas erhöht sind.

 

  1. Vers

कुण्डली बोधकं क्षिप्रं पवनं सुखदं हितम्
ब्रह्मनाडीमुखे संस्थकफाद्यर्गलनाशनम् ॥६६॥

kuṇḍalī-bodhakaṁ kṣipraṁ pavanaṁ sukhadaṁ hitam… brahma-nāḍī-mukhe saṁstha-kaphādy-argala-nāśanam

kuṇḍalī : (die) Schlangenkraft („die Geringelte“); bodhakaṁ : (diese Praxis) erweckt; kṣipraṁ : schnell; pavanaṁ : reinigt; sukha-daṁ : verleiht ein Glücksgefühl; hitam* : (ist) wohltuend, gesund (für alle drei Doshas); brahma-nāḍī : (vom) Brahmanadi (genannten Energiekanal); mukhe : am Eingang („Mund“); saṁstha : die sich befinden; kapha : (wie) Kapha („Schleim“); ādi : usw.; argala : Hindernisse; nāśanam : beseitigt

Diese Atmung erweckt schnell die Kundalini, ist angenehm und lohnend. | Sie baut die Widerstände aus Schlacken und anderem, die am Eingang von Brahma-Nadi stehen ab.

 

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erklärt, dass Bhastrika für alle (Sarva Menschen bzw. Konstitutionstypen) gut (Hita) ist, weil sie (ein Übermaß) aller drei (Tri) Doshas beseitigt bzw. „raubt“ (Hara -tvāt): tri-doṣa-haratvāt sarveṣāṃ hitaṃ.

 

Das bringt die Kundalini schnell hoch, es reinigt die Nadis beträchtlich, es ist angenehm und es ist die nützlichste von allen Kumbhakas. Es beseitigt den Schleim, der am Mund der Sushumna ist.

 

Die einzelnen Sanskrit-Wörter in der näheren Betrachtung:

Kundali bodhaka: durch diese Praxis wird  die „Geringelte“ (die Kundalini) erweckt. Sie wird schnell (kshipra) erweckt. Bhastrika will die Kundalini erwecken.

 

Was macht es noch?

Sie ist reinigend (pavana).

 

Was reinigt sie?

Sie reinigt alles: den Physischen Körper, den Astralkörper und den Kausalkörper. Im Kommentar wird manchmal gesagt, dass insbesondere alle Nadis gereinigt sind. Es ist sukha-da (erzeugt ein Glücksgefühl), und es ist hita (wohltuend, gesund). Dies ist für alle drei Doshas gleich geltend. Hita ist ein Ausdruck aus dem Ayurveda. Es steht für etwas, was für alle drei Doshas gut ist und sie zur Harmonie führt. Außerdem beseitigt (nashana) es alle argala (Hindernisse). Insbesondere beseitigt es den Schleim, der sich am Mukha (Mund, Eingang) vom brahmanadi (von der Sushumna oder dem feinstofflichen Energiekanal in der Wirbelsäule), befindet (samstha).

Bhastrika ist sehr gesund, weil es ein Übermaß von Vata, Pitta oder Kapha überwindet, außerdem Agni (das Verdauungsfeuer) erhöht. Weil es die verschiedenen Schlacken (Unreinheiten beseitigt) ist es angenehm, führt zu einem schönen Gefühl, erweckt die Kundalini und öffnet die Sushumna.

 

  1. Vers

सम्यग् गात्रसमुद्भूतग्रन्थित्रयविभेदकम्
विशेषेणैव कर्तव्यं भस्त्राख्यं कुम्भकं त्व् इदम् ॥६७॥

samyag gātra-samudbhūta-granthi-traya-vibhedakam… viśeṣeṇaiva kartavyaṁ bhastrākhyaṁ kumbhakaṁ tv idam

samyak* : fest, in einer Linie liegend; gātra** : (im) Körper; samudbhūta : (die) entstanden sind; granthi*** : Knoten; traya*** : (der) drei („Dreiheit“); vibhedakam : (es bewirkt das) Aufbrechen, Durchbohren; viśeṣeṇa : besonders; eva : gewiss, ganz; kartavyaṁ : ist (daher) zu praktizieren; bhastrā : Blasebalg; ākhyaṁ : namens („mit Namen“); kumbhakaṁ : Atemverhaltung; tu : aber; idam : diese

Diese Atemübung, die Bhastrika genannt wird, soll wahrlich umsomehr durchgefüht werden, | (da) sie die drei Hindernisse der aufsteigenden Kundalini, die im physischen Körper existieren, völlig durchstößt.

 

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erklärt Samyak als dṛḍhī-bhūtāṃ „fest geworden, verfestigt“. Es wäre auch möglich „in einer Linie liegend“ zu verstehen.

**Anmerkung: Brahmananda ergänzt, dass „im Körper“ (Gatra) sich hier auf die in der Körpermitte (GatraMadhya) befindliche Sushumna bezieht: gātre gātra-madhye suṣumnāyām.

*** Brahmananda zählt die „drei Knoten“ (Granthi-Traya) auf, sie erscheinen in Form (Rupaka) von Brahma Granthi, Vishnu Granthi und Rudra Granthi: granthi-trayaṃ bahma-granthi-viṣṇu-granthi-rudra-granthi-rūpakaṃ.

 

 

Dieses Bhastrika sollte besonders praktiziert werden, weil es das Prana befähigt, alle drei Granthis, die in der Sushumna verankert sind, zu durchbrechen.

Es gibt die Granthis, die traya-Granthi („Dreiheit“ der Granthis). Diese befinden sich in einer Linie im Körper. In der Sushumna gibt es die drei Granthis. Man sollte Bhastrika besonders zusammen mit der Atemverhaltung praktizieren, weil es die drei Granthis überwindet.

Die drei Granthis sind Brahma Granthi, Vishnu Granthi und Shiva Granthi.

  1. Brahma-Granthi ist der Knoten (oder die Blockade) in der Sushumna oberhalb vom Muladhara Chakra und steht für die Schwierigkeit, über eine Erfahrung in der physischen Welt hinaus zuwachsen.
  2. Vishnu Granthi ist der Granthi um das Herz, um das Vishudda Chakra und um dessen ganzen Bereich. Er steht für die Schwierigkeit, über eine egobehaftete Betrachtungsweise hinauszugehen und für die Schwierigkeit, über Zeit und Raum hinauszugehen.
  3. Schließlich steht das Rudra-Granthi oberhalb des Ajna Chakras für die Schwierigkeit, über eine Gotteserfahrung mit Dualität zur Erfahrung der Einheit zu kommen.

Diese drei Granthis gilt es zu überwinden. Natürlich wirst du sie nur durch Bhastrika nicht vollständig überwinden. Damit steht auch ein Bewusstseinsprozess in Verbindung. Bhastrika ermöglicht dir das überhaupt. Wenn erst einmal das Prana in der Sushumna ist, dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob du nur der Körper bist. Du erfährst dich selbst als Feinstoffwesen. Wenn die Sushumna wirklich geöffnet ist, dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob du Ego, ein Individuum bist. Du bist dir des Wissens, dass du voller Liebe und Freuden bist, verbunden mit allem. Schließlich weißt du auch: Ich bin eins mit dem Unendlichen, das ewige Bewusstsein.

Svatmarama lobt Bhastrika über alle Maßen. Meine Empfehlung lautet ebenfalls: Sei regelmäßig in Pranayama, in Asanas und in Meditation.

An dieser Stelle folgen paar Hinweise:

Wenn du Pranayama nicht kennst, versuche nicht, nach diesen Beschreibungen Bhastrika zu machen. Vielmehr solltest du diesem Rat folgen und an einer Yoga Vidya Yogalehrerausbildung teilnehmen. Sowohl in der 4-wöchigen als auch in der 2-jährigen Ausbildung lernst du, Bhastrika in der korrekten Ausführung kennen.

Oder mache an einem Kundalini-Yoga-Mittelstufen-Wochenende (besser noch an einer Mittelstufen-Woche) mit. Danach nehme an einer Kundalini-Yoga-Intensiv-Praxis teil. So lernst du die Übungen richtig. Normalerweise musst du erst drei Runden Kapalabhati, 20 Minuten Wechselatmung mit Bandhas und richtiger Konzentration üben, bevor du 3 oder 5 Runden Bhastrika machen kannst.

Zudem solltest du täglich mindestens eine halbe Stunde Asanas üben und mindestens 20 Minuten meditieren. Deine Ernährung sollte sattwig sein, ohne Fleisch, Fisch, Alkohol, Tabak und bewusstseinsverändernde Drogen. Dein ganzes Leben sollte sattwig ausgerichtet sein. Bei Befolgung dieser Ratschläge, werden diese Übungen besonders stark wirken.

Lerne die Atemübungen richtig, lerne sie schrittweise zu üben und praktiziere sie mit Intensität. Praktiziere dann in besonderem Maße Bhastrika. Du wirst merken, welch großartige Wirkung du erfahren kannst.

 

______

Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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  1. Vers

अथ शीतली
जिह्वया वायुम् आकृष्य पूर्ववत् कुम्भसाधनम्
शनकैर् घ्राणरन्ध्राभ्यां रेचयेत् पवनं सुधीः ॥५७॥

atha śītalī-
jihvayā vāyum ākṛṣya pūrva-vat kumbha-sādhanam… śanakair ghrāṇa-randhrābhyāṁ recayet pavanaṁ su-dhīḥ

atha : nun (folgt); śītalī : Shitali; jihvayā : über die Zunge; ākṛṣya : einziehend; pūrva-vat : wie zuvor (in Vers 49 beschrieben); kumbha : (der) Atemverhaltung; sādhanam : (dann folgt die) Praxis; śanakais : langsam, allmählich; ghrāṇa : (der) Nase; randhrābhyāṁ : durch die beiden Löcher;  recayet : entlasse (“entleere”); pavanaṁ : (den) Atem („Wind“); su-dhīḥ : (der) verständige (Yogi)

Nun Sitali: Den Lebenshauch über die Zunge hineingesaugt, wird der Atem wie zuvor (beschrieben) angehalten. | (Nun) soll der Weise sanft durch beide Nasenlöcher den Lebenshauch (wieder) ausatmen.

 

Svatmarama schreibt:

Nun folgt Shitali. Sauge den Lebenshauch über die Zunge hinein. Halte dann den Atem so, wie zuvor beschrieben. Dann atme der Weise sanft durch beide Nasenlöcher den Lebenshauch wieder aus.

Die Übung ist relativ klar: Die Zunge wird gerollt und über die Zunge wird eingeatmet. Der Atem wird kurz angehalten und anschließend über die Nase ausgeatmet.

Was bewirkt diese Übung?

Die Wirkungen werden im nachfolgenden Vers erläutert.

 

  1. Vers

गुल्मप्लीहादिकान् रोगान् ज्वरं पित्तं क्षुधां तृषाम्
विषाणि शीतली नाम कुम्भिकेयं निहन्ति हि ॥५८॥

gulma-plīhādikān rogān jvaraṁ pittaṁ kṣudhāṁ tṛṣām… viṣāṇi śītalī nāma kumbhikeyaṁ nihanti hi

gulma : (wie) krankhafte Anschwellung im Unterleib, Unterleibsgeschwulst; plīhan : Milz(vergrößerung); ādikān : und andere, usw., („zum Anfang habend“); rogān : Krankheiten; jvaraṁ : Fieber; pittaṁ : (ein Übermaß an) Pitta („Galle“); kṣudhāṁ : Hunger; tṛṣām : Durst; viṣāṇi : Gifte; śītalī : Shitali; nāma : namens; kumbhikā : Atemverhaltung; iyaṁ : diese; nihanti : vernichtet („schlägt nieder“); hi : gewiss

Ohne Zweifel geht die Atemübung, die Sitali genannt wird Vergiftungen, | Vergrößerung der Drüsen, wie Milz und so weiter, Krankheiten, Fieber, Neigung zur aufbrausender Natur, Hunger und Durst an.

 

Dieses Kumbhaka, Shitali genannt, zerstört Beschwerden des Unterleibs, der Milz und andere Beschwerden, wie auch Fieber, sowie alle Erkrankungen, die durch ein Übermaß von Pitta entstehen. Auch Hunger, Durst und die üblen Folgen von Giften, wie z.B. Schlangengift.

Es wird die Hauptwirkung von Shitali beschrieben, die Überwindung von einem Übermaß an Pitta.

Im Ayurveda spricht man von den drei Doshas, Vata, Pitta und Kapha.

Shitali und Sitkari überwinden beide. Einem Übermaß an Pitta wird entgegengewirkt.

Shitali hilft zu beruhigen. Wenn du zu viel Feuer spürst, bei Reizbarkeit, wenn du wütend bist, eine Neigung zu Entzündungen besteht und wenn du eine Getriebenheit in dir spürst, kann das Üben von  Shitali dir helfen, zur Ruhe zu kommen.

Weitere Informationen unter erhältst du unter wiki.yoga-vidya.de/Shitali.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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