Svatmarama beschreibt, was es heißt, wenn du Samadhi erreichst. Welche Auswirkungen hat Samadhi. Er will uns dadurch motivieren, Samadhi zu erlangen, alles zu tun, um den höchsten Bewusstseinszustand zu erlangen.
Im 108. Vers sagt er:
Der Yogi, der Samadhi erreicht, ist nicht erfüllt von Todesangst, wird durch seine Handlungen nicht mehr gebunden, ist jenseits allen Karmas. Dieser Yogi kann durch nichts beeinflusst werden, wenn du in Samadhi bist, er sagt yogī yuktaḥ samādhinā, der Yogi, der die volle Konzentration erlangt hat yuktaḥ, der in der Lage ist, Samadhi zu erreichen, der wird nicht verschlungen von kālena von der Zeit. Wenn du zum Beispiel in Samadhi bist und selbst, wenn du aus Samadhi rauskommst, dann machen dir die Veränderungen nichts aus. Menschen sind mal freundlich zu dir, weniger freundlich. Es ist mal schönes Wetter und mal weniger schönes Wetter. Du bist mal in besserer Gesundheit, mal in weniger guter Gesundheit. Das sind alles letztlich die sogenannten Dualitäten, die Dvandvas, wie es die Bhagavad Gita sagt. Das ist letztlich die Zeit. Zeit heißt kommen und gehen. Anstatt dich zu bemühen, das äußere Leben so zu regulieren, dass alles gut ist (Das wird trotzdem nicht gelingen!), ist es klüger, nach Samadhi zu streben. Dann machen dir die Veränderungen des Lebens nichts mehr aus.
Dann sagt er auch na bādhyate: Du wirst auch nicht mehr beeinträchtigt durch Karma oder du bist auch na sādhyate nicht unterworfen durch Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung. Zum einen binden dich deine Handlungen nicht und das Karma, dass du erfährst, ist auch nicht mehr für dich wichtig. Schließlich gilt auch na sādhyate, du bist nicht unterworfen von kena api von irgend jemandem. Also wenn du Samadhi erreichst, dann bist du frei. Andere können dir nichts mehr anhaben, weder durch ihre Worte, noch durch ihre Taten, noch durch ihre Gedanken, noch durch das, was andere machen.
Anstatt dich also darüber zu beschweren, was andere dir antun, ist es viel klüger, dass du spirituell praktizierst und dass du dich bemühst, Samadhi zu erreichen. Nur durch Samadhi kommst du dahin, wo du wirklich hin willst: zur vollständigen Freiheit. Yogī yuktaḥ samādhinā: Der Yogi soll sich vollständig konzentrieren und Samadhi erreichen.
Vers 109
Der Yogi, der in Samadhi ist, riecht, schmeckt, sieht, fühlt, hört nichts und ist sich auch seiner selbst und anderer nicht bewusst. Also in Samadhi selbst bist du über alles Relative. Du bist über gandhaṃ Geruch hinausgewachsen, über Geschmack hinausgewachsen, auch über Berührung und Klang und natürlich auch, alles, was zu sehen ist. Also auch hier würde gelten: Anstatt dich darüber zu beschweren, dass es irgendwo zu schlecht riecht oder dass es zu laut ist oder dass es zu hell ist oder dass Menschen zu viel Krach machen: Das sind alles dumme Ausreden des Geistes.
Stattdessen bemühe dich, den Geist zur Ruhe zu bringen und dann macht dir all das nichts aus. Du könntest auch sagen: Bemühe dich auch, insgesamt den Geist zur Ruhe zu bringen und dann wirst du unabhängig von Geruch, Klängen, Geschmäckern und das, was du siehst und was du fühlst. Du wirst sogar so weit gehen, dass du dich selbst nicht mehr wahr nimmst und auch andere Menschen nicht mehr wahr nimmst. Yogī yuktaḥ samādhinā: Der Yogi, der vollkommen konzentriert ist in der Versenkung, der geht jenseits von allen Sinneseindrücken und ihn macht weder etwas aus, was in ihm selbst den Ursprung hat, noch das was andere Menschen mit einem machen.
Vers 110
Der Yogi wird als Jivanmukta bezeichnet, als lebendig Befreiter, wenn sein Geist weder schläft, noch wacht, wenn er frei ist von Erinnerung und Nicht-Erinnerung und wenn er jenseits ist von allen Verlusten und keine Angst vor der Zukunft hat.
Es gibt vom 110. Vers verschiedene Bedeutungen. Lasst uns schauen, was hier steht in den eigentlichen Versen.
Eva saḥ, wahrlich der ist ein muktaḥ, ein Befreiter. Er ist ein asau, ein Yogi. Wann? Letztlich, wenn der cittaṃ nicht da ist, wenn er also über den Geist hinausgewachsen ist. Und zwar, sowohl jenseits von suptaṃ Schlaf, als auch jāgrat Wachen und er ist varjitam frei geworden von smṛti von Erinnerung und von vismṛti Vergessen und er ist auch gegangen, jenseits vom Entstehen und Verschwinden.
Gut, cittaṃ smṛti kann man auch sagen, in Samadhi selbst gibt es keine Erinnerung und auch keine Zukunft, und letztlich: Warum erwähnt er all das? Vermutlich sagt er das deshalb, weil er uns sagen will: Wenn du im Samadhi bist und dann dort rauskommst, dann bist du ein Mukta. Wenn du ein Mukta bist, dann macht dir weder die Vergangenheit etwas aus, noch die Zukunft. Du bedauerst nicht mehr, was andere dir angetan haben, du grollst nicht mehr den Menschen, die nicht freundlich waren und du grollst auch nicht mit deinem Schicksal. Ein Yogi in Samadhi ist muktaḥ, befreit. Er ist im Frieden mit seiner Vergangenheit, Frieden mit den anderen Menschen und er hat jetzt auch keine Angst mehr vor der Zukunft und er hat jetzt auch keine Hoffnung auf die Zukunft im Sinne, dass er denkt: Ich werde glücklich sein in der Zukunft. Er ist JETZT glücklich und so ist derjenige, der in Samadhi ist, ein Befreiter. Ihn belastet nichts mehr aus der Vergangenheit, nichts mehr in der Zukunft, nichts mehr, was aus ihm selbst kommt, nichts mehr, was andere machen und nichts mehr, was Karma ihm antun könnte.
- Vers
Ein Yogi der in Samadhi ist, fühlt weder Hitze noch Kälte, keinen Schmerz und kein Vergnügen, keine Achtung oder Nichtachtung. Also wer Samadhi erreicht hat, dem ist es nachher egal: Hitze oder Kälte. Mag mal jemand zu intensiv den Raum gelüftet haben und es ist zu kalt geworden: Ein Yogi, der Samadhi erreicht hat, der wird dadurch nicht in seinem Glücksgefühl reduziert. Es mag einmal sehr warm sein, weil jemand die Heizung zu sehr aufgedreht hat oder weil es Sommer ist oder weil man in Indien ist: Dem Yogi macht das nichts aus. Ihm macht auch nichts aus duḥkhaṃ, also weder, wenn Leiden und Schmerzen kommt, noch sukhaṃ, äußeres Vergnügen kommt. Im Kontext duḥkhaṃ sukhaṃ ist ja duḥkhaṃ Schmerz und sukhaṃ ist Vergnügen. Der Yogi ist jenseits davon und er ist auch jenseits von mānaṃ und apamānaṃ, also von Lob und Tadel oder Ehre oder Schmach. Ihm macht es nichts mehr aus, wenn andere ihn loben oder sie loben oder nicht beachten. Das ist eben immer wieder wichtig, dass man sich dessen bewusst macht.
Ich erlebe es immer wieder, dass auch Menschen, die jahrelang Yoga üben, gekränkt sind wegen Kleinigkeiten, dass sie sich aufregen, weil ihnen nicht die richtige Aufmerksamkeit geschenkt wird, ihnen nicht die richtige Anerkennung geschenkt wird.
Es gilt immer wieder sich bewusst zu machen: Zum einen natürlich, wenn wir Samadhi erreicht haben, dann sind wir über diesen Dingen aber, gerade wie es auch die Bhagavad Gita sagt, lerne systematisch, gleichmütig zu sein gegenüber Erfolg und Nicht-Erfolg, gegenüber Lob und Tadel, Ehre und Schmach, Vergnügen und Schmerz, Hitze oder Kälte. Auch das brauchst du, damit die Yogaübungen überhaupt Früchte tragen und damit du wirklich in Samadhi kommen kannst. Also die Frucht von Samadhi ist, Freiheit von Vergnügen, Schmerz, Lob und Tadel, Ehre, Schmach, Freiheit von Karma und Freiheit davon, was andere Menschen über dich denken und mit dir anstellen wollen. Aber um zu Samadhi zu kommen, gilt es auch, systematisch daran zu arbeiten. Also übe Asana, Pranayama, Mudra, Bhanda, Meditation, Mantra usw. übe uneigennütziges Dienen, verehre Gott, lerne Verhaftungslosigkeit, aber besonders: Lerne Gleichmut gegenüber Vergnügen, Schmerz, Hitze, Kälte, Lob und Tadel, Ehre, Schmach und den Höhen und Tiefen des Lebens.
112
Wahrlich, derjenige ist ein Mukta, ein Befreiter, der mit all seinen Indriyas und Antahkaranas klar und unbewölkt in Jagrat Avastha wie im Schlaf, ohne Einatmung und Ausatmung, verharrt.
Oder eine andere Übersetzung ist: Ein in Samadhi Vertiefter erscheint wie ein Schlafender und ist ohne Einatmung und Ausatmung. Er ist wirklich befreit.
Diesen Vers kann man auf verschiedene Weisen interpretieren. Zunächst einmal heißt es: Der Yogi ist zum einen wie ein Schlafender supta-vat, aber gleichzeitig wie ein Wachender, also wach heißt: Bewusstsein ist da, Tiefschlaf heißt: Es gibt keine Wahrnehmung von Welt und von Gedanken. Der Yogi im Samadhi ist vollkommen wach, aber ohne irgendeinen Gedanken, reines Bewusstsein ohne Gedanken. Und so ist hier auch kein niśvāsa und ucchvāsa, weder Einatmung, noch Ausatmung, damit kein Werden und kein Vergehen. Es ist wörtlich zu verstehen: In Samadhi hört typischerweise die Atmung praktisch auf. Es ist aber auch im übertragenen Sinn verstanden. Kein Aufnehmen und kein Abgeben mehr. In Samadhi selbst: vollkommene Einheit, vollkommene Bewusstheit ohne irgendeinen Gedanken.
113
Der Yogi, der den Samadhi Zustand erreicht hat, kann durch kein Mittel mehr getötet werden und er hat auch alle Naturkräfte überwunden. Er ist unerreichbar für Wiedergeburt und Karma.
Hier steht so einiges und da steht noch eine Menge mehr als das, was ich eben übersetzt hatte. Swami V. Übersetzung sagt ja auch: Ein Yogi, der Samadhi erreicht hat, ist unverwundbar durch alle Shastras, d. h. durch alle Waffen. Die gesamte Welt hat keine Macht über ihn. Er steht auch über den Kräften von Mantras und Tantras, hier verstanden als Beschwörungen und magischen Kräften.
Schauen wir nochmal, was genau steht.
Also yogī yuktaḥ samādhinā: Der Yogi, der in vollständiger Konzentration Samadhi erreicht hat, er ist avadhyaḥ, er ist nicht zu töten, er ist unverwundbar durch sarva śastrāṇām durch alle Waffen.
Ein Yogi ist jenseits des Todes. Gut, der Körper ist natürlich auch sterblich. Auch Mahatma Gandhi ist durchaus getötet worden, und viele sagen, er war ein Yogi, der Samadhi erreicht hat. Man könnte sagen, bei Swami Sivananda wurde auch ein Mordanschlag verübt, der ist nicht gelungen. Swami Sivanandas Karma war noch nicht zu Ende. Ein Yogi ist nicht zu töten, ist eventuell sogar wörtlich zu verstehen. Es gibt auch die Aussage, dass gegen Shankaracharya ein Mordanschlag verübt worden ist. Aber das Schwert ist zerbrochen an Shankara.
Ein Yogi hat eine große Kraft. Aber, es ist in jedem Fall im übertragenen Sinne zu verstehen. Der Yogi weiß, er ist unsterblich. Deshalb kann er nicht getötet werden. Er ist auch nicht zu beherrschen, er ist aśakyaḥ, er ist unbezwingbar durch sarva dehinām, durch alle verkörperten Wesen. Was auch heißt, ein Yogi, der Samadhi erreicht hat, hat eine solche Freiheit erreicht, keiner kann ihn manipulieren. Er weiß, niemand kann ihm etwas anhaben. Er tut letztlich sein Dharma, aber hat keine Angst vor irgend jemanden, er ist nicht von anderen zu manipulieren oder zu beherrschen. Der Yogi ist auch agrāhyaḥ: Er ist nicht zu manipulieren und zu greifen durch mantra und yantrāṇāṃ, also weder durch Zaubersprüche noch durch magische Diagramme. Was auch heißen soll: Der Yogi ist unabhängig, er ist vollkommen frei.
Ich lese vielleicht noch diese letzten Verse auf Sanskrit. Sie haben auch eine besondere Bedeutung und vielleicht kannst du die Kraft dieser Verse auch auf dich wirken lassen. Also von 108 bis 113
khadyate na cha kalena badhyate na cha karmana
sadhyate na sa kenapi yogi yuktah samadhina
na gandham na rasam rupam na cha sparsham na nihsvanam
natmanam na param vetti yogi yuktah samadhina
chittam na suptam no jagrat smriti vismriti varjitam
na chastam eti nodeti yasyasau mukta eva sah
na vijanati shitoshnam na duhkham na sukham tatha
na manam nopamanam cha yogi yuktah samadhina
svastho jagrad avasthayam supta vad yo’vatishthate
nishvasochchhvasa hinash cha nishchitam mukta eva sah
avadhyah sarvashastranam ashakyah sarva dehinam
agrahyo mantra yantranam yogi yuktah samadhina
HARI OM TAT SAT
Mache dir also bewusst, alle Ängste verschwinden, wenn du durch Samadhi zum Jivanmukta geworden bist. Du wirst vollkommen frei. Nichts kann dir mehr etwas anhaben. Daher strebe nach Samadhi, strebe nach Jivanmukti, strebe danach, ein Jivanmukta zu werden, ein lebendig Befreiter. Nur das erfüllt all deine Sehnsüchte. Verschwende nicht soviel Zeit mit so vielem anderen äußeren Sicherheiten, äußerem Erfolg, mit Aufregen gegenüber dem, was andere sagen oder tun. Aufregen gegenüber dem, was geschieht oder nicht geschieht. Strebe nach Vollendung. Das wird die Sehnsüchte erfüllen und dich zur vollkommenen Freiheit führen, zu Satchidananda – Sein, Wissen, Glückseligkeit.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.