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Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika ab Vers 51

Das vierte Kapitel der Hatha Yoga Pradipika ist ein Kapitel, wo Svatmarama relativ umfangreich über Samadhi spricht, und er spricht immer wieder davon, immer wieder von anderer Warte aus. Die Verse gleichen sich zum Teil. Er spricht davon, um uns den Mund wässrig zu machen, dass wir Sehnsucht haben, diesen höchsten Zustand zu erreichen.

 

Ankommen in Brahmarandhra

Svatmarama schreibt im 51. Vers:

Wird der Atem von außen eingestellt, wird auch der Atem im Innern des Körpers absorbiert, daran besteht kein Zweifel.

Danach wird das Prana mit dem Geist in Brahmarandhra beständig.

Luft strömt in den Körper hinein, Luft strömt hinaus. Wenn wir aber aufhören, dass dieser Atem ein- und ausströmt und ihn innerlich halten und äußerlich halten, eine Ruhe haben, dann wird auch der Geist ruhig.

Im Normalfall atmen wir ein und aus. Und so gibt es den äußeren Atem, wir atmen nach außen, und den inneren Atem, wir atmen nach innen. Man könnte auch sagen, es gibt den inneren Atem, wo das Prana in die ganzen Körperfunktionen hineinströmt, und es gibt den äußeren Atem, d. h. wir nehmen Luft ein und aus.

 

So ähnlich gibt es die innere und die äußere Atmung, da sprechen auch die westlichen Physiologen von. Wir können auch Prana aufnehmen und wieder abgeben, innerlich. Aber all diese sollen zur Ruhe kommen in der tiefen Meditation.

Wenn also die Bewegung von Prana zur Ruhe kommt, dann geht alles in die Sushumna, d. h. in die feinstoffliche Wirbelsäule. Dann geht auch der Geist in die Absorption. Und dann entsteht Sthira, die Unbeweglichkeit und die Beständigkeit sowohl des Pranas als auch des Geistes.

Es gilt also den Atem zur Ruhe zu bringen, es gilt den Fluss des Pranas zur Ruhe zu bringen ‒ dann kommen wir zur Ruhe des Geistes und zur Ruhe des Pranas.

 

 

Das Prana und den Geist zur Ruhe bringen

 

  1. Vers:

Auf diese Weise, indem man Tag und Nacht übt, wird Prana unter Kontrolle gebracht. Steigert man diese Übung, wird der Geist ruhig und unbeweglich.

Es gilt also Abhyasa, immer wieder üben. Und was gilt es zu üben? Wir wollen Vayu, den Wind, und damit das Prana auf dem Weg zur Ruhe bringen. Wir wollen abhyasaj jiryate, regelmäßig üben, damit sich das auflöst. Und wir wollen es Tag und Nacht üben. Dann wird auch der Geist zur Ruhe kommen.

 

Es gilt also, immer wieder zu üben.

Im Normalfall übst du Asana, Pranayama, Meditation ein- oder zweimal am Tag für 1–2 Stunden. Aber es gibt Phasen, in denen du deine Praxis erhöhst. Und das ist auch etwas Wichtiges: Nimm dir jedes Jahr 1 oder 2 Wochen für intensive Praxis.

Natürlich sind Ausbildungen wichtig, Weiterbildungen sind wichtig, viel zu lernen ist wichtig. Menschen kennenlernen, Länder kennenlernen ist wichtig. Wohnung renovieren ist auch wichtig.

 

Fallen des Geistes

Sehr viel wichtiger ist aber intensive Praxis. Lass kein Jahr verstreichen, ohne dass du nicht mindestens ein oder zwei Wochen intensiv praktiziert hast.

Und in der Zeit rege dich nicht auf, ob das Wetter gut ist, ob das Essen gut ist, ob Menschen freundlich zu dir sind oder nicht. Das sind alles Fallen des Geistes.

Schaffe die Bedingungen so ideal wie möglich ‒ und dann übe Tag und Nacht. Gut, du wirst auch mal schlafen müssen, aber praktiziere intensiv!

Kooperiere nicht mit dem Geist, der, wenn du in den Ashram fährst, plötzlich 20 Ideen hat, warum ausgerechnet jetzt die Praxis nicht so gut geht. Vielleicht hast du Rückenprobleme, vielleicht ist der Yogalehrer nicht so, wie du es gerne hättest, vielleicht ist es zu kalt, zu warm, zu viele, zu wenige Menschen, zu rücksichtslose Menschen oder zu was-auch-immer.

Geist lässt sich tausend Ausreden einfallen. Kooperiere mit keiner.

Praktiziere intensiv, um Prana zur Ruhe zu bringen, dann bringst du den Geist zur Ruhe und dann erfährst du höchste Bewusstseinsebenen.

 

Amrita ‒ der Nektar der Gnade

 

  1. Vers:

Man sollte den Körper von Kopf bis Fuß mit dem Nektarstrom des Mondes füllen.

Dann wird man mit einem ausgezeichneten Körper, großer Stärke und Mut ausgestattet.

Man fülle, plavayet, man überschwemme den Körper, deha, mit Amrita, mit großem Nektar, und zwar von den Fußsohlen bis zum Kopf. Dann erreichst du, sidhyati, einen mahakaya, einen großartigen Körper, mahabala, eine großartige Kraft, und mahagraha, außergewöhnliche Kühnheit und Tapferkeit.

Der Vers fällt jetzt etwas aus dem Rahmen. Vorher hat er gesagt, du kommst jenseits von Körper, du kommst jenseits von Psyche, du kommst in einer Unbedingtheit. Aber Svatmarama kennt letztlich den Menschen. Menschen fragen: Und was hab ich davon? Und so sagt er: ja, einen großartigen Körper, großartige Kräfte, sowohl körperlich wie auch psychisch.

Gerade im Khechari Mudra spürst du also irgendwann, wie Nektar, Gnade, Segen strömen. Den kannst du als Amrita bezeichnen oder auch als Soma. Dieser Nektar ist wie das potenzierte Kapha-Element im Ayurveda, er regeneriert auch alles. Er ist nicht nur gut um Freude zu erfahren, Wonne zu erfahren, er ist auch etwas Heilendes.

 

 

Sich von der Kundalini zum höchsten Zustand führen lassen 

  1. Vers:

Indem man den Geist in die Shakti, die Kundalini, legt und die Shakti mittels Meditation in den Geist, vereinigt man sie und Shakti erregend lenkt man den Blick mit dem Antahkarana auf den Geist und erreicht den höchsten Zustand, das Ziel von Dhyana.

Du bringst also deinen Geist zur Kundalini, also zur Shakti. Auf diese Weise lässt du dann deinen Geist von der Kundalini führen. Das sind so diese zwei Schritte.

 

Oder eigentlich sind es mehrere Schritte: Erst übst du viel Asana, Pranayama und Mudras. Dann bringst du das Prana in die Sushumna. Dann spürst du deine Shakti vielleicht in der untersten Wirbelsäule. Bringe deinen Geist dort hinein. Und wenn du deinen Geist zur Kundalini bringst, dann wird deine Kundalini noch stärker werden, sie wird pulsieren und vibrieren.

Jetzt lasse deinen Geist durch die Kundalini führen. Dann bringst du deinen Geist selbst nach oben in die höheren Chakras. Du bringst den Blick nach oben, sagt Svatmarama hier, und du bringst dein Manas nach oben ‒ und dann kommt die Kundalini noch weiter.

Also noch mal die Schritte: Du übst Asana und Pranayama, du bringst das Prana in die Sushumna, du spürst die Kundalini, du bringst deinen Geist zu dieser Kundalini hin, dann wird die Kundalini stärker und heftiger, und dann lässt du die Kundalini deinen Geist führen. Wenn du merkst, dass die Kundalini nach oben führt, richte jetzt deinen Geist zum Ajna und Sahasrara Chakra. So strömt die Kundalini noch weiter nach oben und so kommst du zu paramam pada, zum höchsten Bewusstseinszustand ‒ zum höchsten Zustand, der jenseits von allem ist.

So meditiere über den Höchsten, so erfährst du den höchsten Zustand.

 

 

Ausdehnung in den unendlichen Raum 

  1. Vers:

Platziere Atma in Akasha und Akasha in die Mitte Atmans. Indem man alles in die Form von Akasha bringt, sollte man an nichts anderes denken.

Akasha heißt Raum, Atman ist das Selbst. Brahman ist wie Akasha, Brahman ist unendlich.

Und so ist das eine Meditationstechnik, die man dann auch nutzen kann. Wenn wir vorher sagen, wir bringen den Blick nach oben und kommen zu Dharana, zu Dhyana, lösen wir jetzt alle konkrete Konzentration auf und bringen den Geist in die Unendlichkeit. Sei dir bewusst, in dieser Unendlichkeit, dort ist Atman ‒ das unendliche Selbst.

Und so sei dir bewusst: Alles, was im unendlichen Raum ist, ist in dir. Und du selbst bist im unendlichen Raum. Das Unendliche, der ganze Raum bist du. Und du bist dieses Unendliche.

Wir haben ja bei Yoga Vidya auch die Ausdehnungsmeditation. Das ist letztlich eine Meditation, die diesen Vers ausdrückt. Du dehnst deine Bewusstheit schrittweise immer weiter aus. Indem du deine Bewusstheit immer weiter ausdehnst, erfährst du dich, als Unendliches.

Das ist ein wichtiger Schritt dieser Khechari Mudra Meditation, die Svatmarama beschreibt. Aber es kann auch etwas sein, was du unabhängig davon übst.

 

 

Ein Yogi ist zugleich im und außerhalb des Körpers 

  1. Vers:

Der Yogi ist innen und außen leer wie ein Topf im unendlichen Raum. Er ist auch vergleichbar mit einem Topf im Ozean: innen und außen voll.

Letztlich ist der Körper wie ein Krug. So wie bei einem Krug im Ozean Wasser im Inneren und im Äußeren ist, so bist du im Körper und du bist außerhalb des Körpers. Du bist nicht beschränkt auf den Körper. Du bist im Körper und du bist außerhalb des Körpers.

Ein Yogi ist in der Lage, seinen Körper zu spüren, auch seinen individuellen Geist zu spüren, seine Aufgaben zu erledigen. Er kann aber jederzeit sein Bewusstsein ausdehnen und sich erfahren als das Selbst von allen Wesen, als unendlich im Raum.

 

 

Alle Gedanken aufgeben 

  1. Vers:

Man sollte in der äußeren Natur an nichts denken. Auch persönliche Gedanken sollten aufgegeben werden. Überhaupt sollten sämtliche Gedanken, subjektiver und objektiver Natur, aufgegeben werden.

Das halte ich für eine besonders schöne Übersetzung. Es gibt auch noch eine einfachere:

Man sollte weder innerhalb noch außerhalb der Welt sein und soll alles Sinnen und Trachten lassen. Stattdessen sollte er an nichts denken.

Aber die Übersetzung bei Swami V. ist etwas korrekter: nicht sollte man denken an, kartavya cintana, an bahya, an äußere Dinge. Und genauso, tatha, sollte man auch nicht denken an innere Dinge, an Antara. Und insgesamt sollte man parityajya, aufgeben, cintayet, das Denken an irgendetwas.

In der Meditation sollte man also zum einen nicht an Äußeres denken: Was habe ich zu tun? Was denkt der andere über mich? Was ist dort und was soll das bedeuten? Und warum hustet mein Nachbar usw.

Man sollte auch nicht an Inneres denken: Was hat jetzt das lila Licht in meiner Stirn zu tun? Warum spüre ich jetzt in der rechten Hälfte der Brust etwas? Was macht mein linkes Knie? Und warum ist mein Geist gerade unruhig?

Letztlich sollte man an gar nichts denken.

 

Das kannst du dir auch manchmal, in höheren Stufen der Meditation sagen. Was immer dich in die Meditation geführt hat, nachher musst du deinen Geist auch davon lösen. Irgendwann musst du von allen Gedanken loskommen ‒ und dann bist du im echten Samadhi.

 

 

Die ganze Welt ist nur Schöpfung des Denkens 

Im 58. Vers wird es sogar etwas philosophisch. Svatmarama zitiert einen Vers aus dem Yoga Vasishtha:

Diese ganze Welt und alle Pläne des Geistes sind nur Schöpfung des Denkens. Lege dieses Denken ab und nimm Abschied von allen Vermutungen. So, oh Rama, erlange die Stille.

Hier ist auch der Sanskrit-Text sehr schön:

sankalpa matra kalanaiva jagat samagram

 

Diese äußere Welt, jagat, ist nur, matra, ein Werk, kalana, von sankalpa, von Vorstellungen. Aber auch die innere Welt ist nichts anderes als ein Spiel des Geistes.

Sankalpa matra matim, daher utsrija, gib auf, das Spiel des Geistes ‒ und komme zum Zustand von nirvikalpa, jenseits aller Gedanken. Gib dich ganz diesem Zustand jenseits des Geistes hin ‒ und erlange so Frieden, oh Rama.

Dieser Vers ist also ein Zitat aus dem Yoga Vasishtha 3.101.39 und hier wird auch Svatmarama sich in den Jnana Yoga begeben.

 

Letztlich wird auch im Yoga Vasishtha über Pranayama geschrieben. Manche sagen auch, Yoga Vasishtha sei die älteste Schrift, die Pranayama beschreibt. Und Svatmarama bezieht einige Schriften mit ein. Er hatte vorher gesagt, oh Parvati, damit hat er eine tantrische Schrift zitiert. Hier zitiert er den Vasishtha im Yoga Vasishtha.

Das äußere Universum wird also durch unsere Gedanken geschaffen, und auch das innere Universum. Mache dir das bewusst. Manchmal regst du dich über irgendwas Äußeres auf. Aber es ist deine eigene Welt, die all das schafft.

Und auch die innere Welt ‒, wenn du so denkst, was noch alles zu tun ist oder wie gut oder wie schlecht es ist, dein Selbstbild ‒ all das ist auch geschaffen durch deine Sankalpas, durch deine Gedanken.

Aber es gibt etwas, das jenseits von allem Wandelbaren ist. Dort gilt es hinzukommen, das gilt es zu erreichen und darum sollte man sich bemühen.

 

Auflösen des Geistes in Atman 

  1. Vers:

Der Geist wird, wenn er auf Atman konzentriert ist, eins mit diesem, wie Kampfer mit der Flamme und Salz mit dem Wasser des Ozeans eins werden.

Svatmarama sagt hier, der Geist kann mit Atman verschmelzen. Letztlich gibt es keinen Geist ohne Atman. Wenn kein Bewusstsein da ist, gibt es auch kein Denken. Das Denken braucht Atman.

Atman kann ohne Denken existieren. Du kannst reine Bewusstheit sein ohne Gedanken. Aber Gedanken können nicht ohne Atman sein.

Du kannst also deinen Geist in Atman absorbieren, im höchsten Selbst, so ähnlich wie Kampfer sich mit der Flamme verschmilzt und auflöst und so ähnlich wie Salz und Wasser im Ozean eins werden. Salz kommt letztlich aus dem Ozean und löst sich auf im Ozean.

So ähnlich kommen Geist, Gedanken und Emotionen aus dem Selbst und werden wieder eins mit dem Selbst.

 

Über die Dualität hinauskommen 

  1. Vers:

Alles, was gesehen und erfahren wird, wird das Wissen genannt. Und die Fähigkeit des Wissens wird als Geist bezeichnet.

Wenn Wissen und Kenntnisse verloren gehen, besteht keine Dualität mehr.

Das ist ein etwas komplexerer Vers, der aber in der Bedeutung ganz einfach ist. Zunächst gibt es Erfahrbares. Jneya ist das, was erfahren, gewusst werden kann. Svatmarama sagt: jneyam sarvam, alles, was erfahren wird, pratita, wird bewusst.

Wir sehen, wir erfahren also etwas, wir kennen es. Und all das führt zu jnana, zu einer gewissen äußeren Erkenntnis. Und dieses Kennen, wenn wir Äußeres wahrnehmen und dann zu einem inneren Wissen kommen, das ist alles manas, das ist alles Geist.

 

Wenn man jetzt aber diesen Prozess des Erfahrens und auch des Erkennens zur Ruhe bringt, dann bleibt nichts mehr übrig. Man wird dann über die Dualität hinauskommen. Es bleibt also keine Dualität übrig. Nanyah pantha dvitiyakah: ‚Es bleibt nicht ein anderer Weg der Dualität übrig‘.

Solange du also etwas wahrnimmst und darüber nachdenkst und dann zu Vorstellungen kommst, ist das der Geist. Wenn es dir aber gelingt, entweder nichts mehr wahrzunehmen oder auf das Wahrgenommene nicht mehr nachzudenken, bist du jenseits der Dualität.

Wenn du willst, kannst du daraus eine Übung machen: Du könntest zwischendurch mal probieren, wahrzunehmen ohne Worte zu formulieren. Ohne zu überlegen, nachzudenken oder in dir zu sprechen.

So überwindest du eine gewisse Form der Dualität. Und schließlich in Samadhi ist es natürlich so, keine Gedanken, keine Worte, keine Bilder, kein Nachdenken, auch kein äußeres Erkennen.

Es gibt einfach nur reine Bewusstheit, weit wie der Raum.

 

Unmani Avastha, jenseits von aller Dualität 

  1. Vers:

Der Geist nimmt lebende und nicht lebende Dinge des Universums wahr. Verliert sich der Geist im Unmani Avastha, besteht keine Dualität mehr.

Es gibt Drishya, das wahrnehmbare Universum, und es gibt auch das Bewegliche, Sa Chara, und es gibt Achara, die unbeweglichen Dinge. Sa Chara kann man auch bezeichnen als Lebewesen, die sich aus sich selbst heraus bewegen, Achara sind die Dinge, die sich nicht aus sich selbst bewegen. Es gibt also durch den Geist das wahrnehmbare Objekt und die ganze Welt mit all ihren Objekten.

Es ist aber möglich, in einen Zustand zu kommen, Bhava, der jenseits des Geistes ist, Unmani. Und dann gibt es keine Dvaita mehr, dann gibt es keine Dualität, keine Zweiheit mehr.

So gilt es also, in den Unmani-Zustand zu gehen. Und dort bist du jenseits von aller Dualität.

 

Kaivalya ‒ absolute Freiheit 

  1. Vers:

Wenn alle Vorstellungsobjekte aufgegeben werden, wird der Geist dem Wesen nach zu Satchidananda. Wird der Geist in diese Form gebracht, bleibt Kaivalya ‒ Befreiung und Absolutheit ‒ bestehen.

Der Yogi wird vom Wesen her zum nondualistischen Atman.

Jneya, die erfahrbaren, vastu, Dinge, werden aufgelöst, man gibt sie auf, parityaga, und das führt dann zur Auflösung des Geistes. Wenn diese Auflösung des Geistes geschehen ist, dann entsteht Kaivalya: absolute Freiheit.

So ähnlich wie auch Patanjali im Yoga Sutra sagt, yogash chitta vritti nirodhah, Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist, tada drashtuh svarupe vasthanam, dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen, ‒ das ist also die gleiche Aussage.

 

 

Viele Weisen, um zu Samadhi zu kommen 

  1. Vers:

Die großartigen Menschen, die Acharyas, die großen Lehrer, gewannen vor Zeiten erst selbst Erfahrungen in den verschiedenen Methoden, die zu Samadhi führen. Danach gaben sie diese Erfahrungen weiter.

Es gibt also, eva, in dieser Weise, nana, verschiedene vidha, Arten und Mittel, upaya, die vollständig und zutreffend sind. Diese haben die großen Meister aus ihrer, sva, eigenen, anubhava, Erfahrung bekommen. Sie sind auf diese Weise zur Versenkung gekommen. Und diese marga, diese Wege haben sie weiter gelehrt. Sie sind ganz große mahatmas, große Seelen.

Es gibt also viele Weisen um zu Samadhi zu kommen. Das sagt Svatmarama hier ausdrücklich. Große Meister haben Samadhi selbst erlangt und sie haben Samadhi gelehrt.

 

 

Gruß an Manonmani ‒ liebevolle Verehrung und Hingabe 

  1. Vers:

Ich grüße in tiefer Verehrung die Sushumna, die Kundalini und den Nektar, der von Chandra fließt. Dir, oh Manonmani, große Kraft, Energie und intelligenter Lebensgeist, gilt mein Gruß.

Damit drückt Svatmarama auch aus, um zum Höchsten zu kommen ist auch Bhakti wichtig ‒ Hingabe.

Und Svatmarama hat viele Hingaben hier: Er sagt, wir verehren die Sushumna, dort wollen wir das Prana hinbringen. Wir verehren die Kundalini, wir wollen sie erwecken. Wir verehren auch den Nektar, den Sudha, der von oben nach unten strömt.

So verehren wir auch Manonmani, das heißt den geistlosen Zustand des Geistes. Und wir verehren also auch Samadhi, diesen Zustand, den wir erreichen wollen. Wir verehren natürlich auch die Maha Shakti, die große Energie. Und wir verehren auch Chit, das Bewusstsein an sich, und Atman, das höchste Selbst.

Damit wird uns wieder bewusst, Hatha Yoga ‒ und auch Meditation ‒ ist nicht nur etwas Mechanisches, nicht nur ein kaltes Zur-Ruhe-Bringen. Es braucht auch Verehrung, es braucht Liebe. Es braucht Intensität, aber wir wollen uns auch öffnen für Gnade und Segen.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika, ab Vers 43

 

  1. Vers

In diesem Vers geht es um Khechari Mudra. Khechari ist die Mudra, mit der wir uns im Raum bewegen. Achara heißt bewegen, und Khe steht für Raum, Himmel, Unendlichkeit.

Khechari Mudra und die Auswirkungen, die das hat, insbesondere auf Soma (den inneren Nektar), auf Sushumna (die feinstoffliche Wirbelsäule), und natürlich soll all das zu Turya führen.

 

In diesem 43. Vers sagt Svatmarama:

Fließt das Prana ungehindert durch das rechte und linke Nadi und zum Punkt zwischen den Augenbrauen, wird das Khechari Mudra vollkommen. Darüber besteht kein Zweifel.

Beginne also mit Atta Khechari – jetzt Khechari Mudra. Dann gibt es Madhya (die Mitte), die Mitte zwischen Savia (links) und Dakshina (rechts). Also Nadista (in die mittlere Nadi). Im Originaltext steht nichts von links und rechts in den Augenbrauen, sondern in die mittlere Nadi, in die Sushumna.

Wir lassen also den Maruta (das Prana) in die mittlere Nadi fließen, und dann stellt sich an diesem Ort Khechari Mudra ein.

 

Vermutlich hast du dir ja schon die Kommentare zu den anderen Versen der Hatha Yoga Pradipika angeeignet. Im 3. Kapitel gibt es viel über Khechari Mudra. Die Khechari Mudra, wie sie dort beschrieben wird, ist die Zunge nach hinten, durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben schauen und den Kopf leicht nach hinten halten. Es gibt das Lagu Khechari Mudra, und es gibt das Maha Khechari. Lagu ist nur die Zunge nach unten geben – das beruhigt das Vishuddha Chakra, beruhigt den Geist und hilft auch, Ida und Pingala zu harmonisieren. Dann gibt es die große Khechari, wo auch der Kopf nach hinten gerichtet wird und man durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben schaut.

 

Svatmarama sagt hier: Die eigentliche Khechari ist, wenn Prana in der Sushumna ist, wenn also nicht mehr links und rechts – dann ist wirklich Khechari, das Verweilen im unendlichen Raum.

 

  1. Vers

Wird Prana Vayu ins Surya, welches zwischen Ida und Pingala liegt, eingezogen, und verweilt Prana dort bewegungslos, dann erreicht Khechari Mudra wirkliche Beständigkeit.

Es gilt, Anila (das Prana, den Lebenshauch, den Wind – Svatmarama gebraucht immer wieder neue Ausdrücke dafür) in Shunya (in die Leere, in die Mitte – Madhya) zwischen Ida und Pingala zu bringen. Diese Mitte (Shunya) wird manchmal auch als Surya (Sonne) bezeichnet, aber eigentlich ist es Shunya, die Leere. Wenn dieses Prana in dieser Sushumna ist, dann stellt sich gewiss Khechari Mudra ein. Khechari Mudra ist also dann, wenn Prana in die Sushumna eintritt.

 

  1. Vers

Jene Mudra wird also Khechari genannt. Sie wird im Raum zwischen dem Sonnenkanal und dem Chandra-Kanal, also zwischen Sonne- und Mondkanal, ausgeführt. Dieser Raum ist auch als Vijoma Chakra bekannt.

In der Mitte zwischen Sonne und Mond, ohne irgendeine Stütze, dort ist der unendliche Raum, und hier ist Vijoma Chakra. Es gibt die inneren Chakras (wie Muladhara, Swadisthana, Manipura, Anahata, Vishuddha, Ajna und Sahasrara), und dann gibt es auch noch Vijoma Chakra, das Chakra des Himmels. Über Khechari Mudra gehst du mit deinem Geist und deinem Bewusstsein in den Himmel und damit in die Unendlichkeit. Dies gelingt, wenn dein Prana in der Sushumna ist.

 

  1. Vers

Die Khechari, welche das Soma zum Fließen bringt, wird von Shiva sehr geliebt. Durch das Bewegen der Zunge nach hinten soll die unvergleichliche, erhabene Sushumna verschlossen werden.

Swami V. sagt hier: Die Khechari Mudra, in welcher der Nektarstrom vom Mond herabfließt, wird von Gott Shiva besonders gemocht. Die Sushumna, die an Größe mit nichts vergleichbar ist, ist die beste der Nadis. Sie muss verschlossen werden, indem man die Zunge nach oben und hinten gegen den weichen Gaumen presst.

 

Soma ist letztlich der geheimnisvolle Trank. Wir finden z. B. in den Veden die Aussage, dass die Devas (Götter, Engelswesen) den Somatrank getrunken haben und so die Unsterblichkeit erreichten. Es heißt auch, dass die Rishis diesen Somatrank getrunken haben. Viele Indologen gehen heute davon aus, dass dies eine Bewusstseins-ändernde Pflanze war, und sie rätseln oft, welche Pflanzen das waren.

Svatmarama sagt hier, dies sei letztlich dieser innere Nektar, so wie Wogen der Glückseligkeit von oben, oder auch wie Gnade, die von oben fließt. Diese kann erreicht werden, wenn der Geist zur Ruhe kommt, z. B. durch Khechari Mudra.

Es wird hier gesagt, sie wird von Shiva valaba (geliebt).

 

Man könnte es aber auch anders ausdrücken: Wenn du Khechari Mudra richtig machst, dann hast du das Gefühl, dass die Gnade von Shiva – und damit von Gott – in dich und durch dich strömt. Das heißt letztlich: Man fülle diese unvergleichliche, göttliche Sushumna. Wie macht man das? Indem man im hinteren Mundraum die Zunge nach hinten gibt.

Khechari Mudra hat also ein äußeres Ausführen: Du gibst die Zunge nach hinten. Und es hat eine innere Einstellung: Das Bewusstsein nach oben, auf den Himmel richten. Und es hat eine Auswirkung: Du hast das Gefühl, dass von oben Gnade und Segen in dich und durch dich hindurch strömt – das ist dann eben der Soma.

 

  1. Vers

Wird die Sushumna vorher von außen durch Einstellung des Pranas verschlossen, führt dies zum vollkommenen Khechari Mudra. Durch häufiges Praktizieren dieser Mudra folgt Unmani Avastha von selbst.

Die Übersetzungen sprechen immer von „verschließen“, aber eigentlich steht dort jeweils „man fülle“. Man fülle also die Sushumna mit Prana, aber das Prana geht dann nicht aus der Sushumna in die anderen Nadis hinein. So entsteht Khechari Mudra, und Khechari Mudra führt zu Unmani, zum Zustand jenseits des Geistes.

So wird also in diesen Versen die Khechari Mudra als Konzentrationsform der Hatha Yoga Pradipika beschrieben.

Svatmarama beschreibt ja mehrere Meditationstechniken. Zum einen sagt er: Am Ende von jedem Pranayama mache den Atem sehr ruhig (Kevala Kumbhaka), löse den Geist von allem – so kommst du in höhere Meditation. Dann sagt er auch: Wann immer das Prana von selbst in die Sushumna geht, entsteht eine höhere Bewusstseinsebene des Geistes von selbst, Samadhi kommt von selbst. Weiterhin hat er in den vorangegangenen Versen verschiedene Shambhavi Mudras erläutert, auch solche, die in die Meditation führen. Und jetzt sagt er: Auch Khechari Mudra führt dich in die Meditation.

 

  1. Vers

Zwischen den Augenbrauen befindet sich der Sitz Shivas, wohin der Geist absorbiert wird. Dies ist bekannt als Turya-Zustand des Bewusstseins. Vom Ausübenden dieser Mudra wird der Tod nicht mehr erfahren.

Du kannst bei der großen Khechari Mudra den Kopf leicht nach hinten geben, die Zunge nach hinten, und dann schaust du durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben. Dabei kannst du dir vorstellen, dass du dort in göttlicher Gegenwart bist, in Shiva. Eventuell siehst du ein Licht – Licht ist ja auch ein Symbol des Shiva Lingams. Djoti Lingam – das Lingam-Symbol von Shiva.

Dann wird der Geist sehr ruhig und ist der Geist sehr ruhig, dann erfährst du Turya, den vierten Bewusstseinszustand (Wachen, Träumen, Tiefschlaf und Turya – Überbewusstsein). Hier gibt es weder Zeit noch Tod.

 

  1. Vers

Khechari Mudra sollte man so lange praktizieren, bis man in den Yoga-Schlaf (Samadhi) gefallen ist. Derjenige, der in diesen Schlaf gefallen ist, hat keine Angst mehr vor dem Tod.

Im Sanskrit steht dort: Apya sed (Man übe) Khechari (die Khechari Mudra) tava (so lange) nyava (bis) Yoga Nidra prasamprabhda (erreicht ist).

Yoga Nidra wird heutzutage meistens bezeichnet als Tiefenentspannungsübung im Liegen. Es gab einen Yogameister (Swami Satyananda), der verschiedene Meditationstechniken miteinander kombinierte und daraus die Yoga Nidra Übungen gemacht hat.

 

In der Hatha Yoga Pradipika ist Yoga Nidra ein anderer Name für Samadhi. Der Geist ist innerlich ruhig und damit „Nidra“, so wie im Tiefschlaf. Aber es ist Yoga, eben Vereinigung. Man übt jetzt die Khechari Mudra – also den Kopf nach hinten, die Zunge nach hinten und durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben schauen – so lange, bis der Geist von selbst ruhig wird. Dann kannst du Zunge und Augen und alles vergessen und in dieser tiefen Meditation (oder Samadhi) verweilen. So kommst du zu einem Zustand jenseits von Körper und Geist, und damit verschwindet natürlich auch das Überwinden von Kala (der Zeit) und damit des Todes. Du kommst zu einer Region jenseits von allem Werden und Vergehen.

 

  1. Vers

Nachdem der Geist freigemacht worden ist, indem er von jedem Objekt der Vorstellung entfernt wurde, sollte man an nichts denken. Dann verbleibt man gewiss wie ein Topf: Innen und außen gefüllt mit Akasha.

Oder in einer anderen Übersetzung:

Befreie den Geist von allen Gedanken. Denke an nichts. Sitze fest und unerschütterlich wie ein Krug im Raum.

Mache Manas Miramlamba (zu einem stütze-losen Zustand), lasse also alles los im Geist, und dann Shintayit (denke) na (nicht) kinshit (an irgendetwas). Dann bist du wie Gatta (wie ein Topf). Es gibt den inneren und den äußeren Raum.

 

Das soll heißen: Der Körper sitzt weiter da, aber dein Bewusstsein ist wie der Raum. Du weißt: Du bist nicht nur im Körper, sondern auch außerhalb des Körpers. Du bist unendlich und ewig.

Dies wären also diese drei Schritte von Khechari Mudra: Zuerst sitzt du, dann gibst du den Kopf leicht nach hinten, die Zunge nach hinten und schaust zum Punkt zwischen den Augenbrauen.

Zunächst übst du vielleicht auch noch Mula bandha, verbindest Ida und Pingala im Muladhara Chakra. Dann ziehe die Energie durch die Sushumna nach oben. Stelle dir vor, dass Prana nach oben steigt. Dann schaue durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben (Vyoma Chakra), in die Unendlichkeit. Schließlich löse dich sogar davon, entspanne Zunge und Augen, und erfahre dich als unendliches Bewusstsein ohne jegliche Grenze.

 

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Durch Blickrichtung kannst du eine Wirkung auf den Geist erzielen. Das sind Variationen von Shambhavi Mudra. Welche Wirkung dies haben kann, darüber spricht Svatmarama ab dem 39. Vers des 4. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika.

 

  1. Vers

Blicke mit den Augen zum Licht, indem du die Augenbrauen etwas hochziehst. So nimmst du die Stellung von Shambhavi Mudra ein. Dies führt zu Unmani Avastha, dem Zustand jenseits des Geistes.

 

Oder ein anderer Kommentar:

Hefte den ruhigen Blick auf den Gesichtssinn, schaue also auf die Nasenspitze, und ziehe dabei die Augenbrauen etwas hoch. Der Geist betrachtet – wie zuvor in der Shambhavi Mudra beschrieben – Brahman im Herzen, während es so aussieht als schaue man nach unten. Dies wird Unmani Avastha erzeugen.

 

Was heißt das Ganze?

Svatmarama sagt: Tari (die Pupillen, Tara) richtend (samjoja) auf Djuti (das innere Licht).

Was heißt „den Blick auf das Licht zu richten“?

Hierzu gibt es mehrere Kommentare.

Manchmal wird gesagt, dass es heißt, auf die Nasenspitze zu schauen.

Manchmal heißt es, nach oben zum Punkt zwischen den Augenbrauen zu schauen, oder auf die Stirn.

Vielen Menschen geht es so: Wenn sie die Augen schließen und auf die Stirn schauen, dann sehen sie ein inneres Licht. Und so kann man sagen, dass es tatsächlich drei verschiedene Varianten von Shambhavi Mudra gibt.

Mit offenen Augen beständig auf etwas schauen wie im Tratak, sich dabei aber auf ein Chakra konzentrieren.

Auf die Nasenspitze schauen. Hierbei ist es oft gut, sich auf das Anahata Chakra (Herzchakra) zu konzentrieren. So findest du tiefe Ruhe des Geistes.

Auf den Punkt zwischen den Augenbrauen schauen, also die Augen ganz hoch geben, sodass die Pupillen dort verschwinden. Konzentriere dich auf das Ajna Chakra, die Mitte der Stirn.

 

Zwei Worte zur Vorsicht:

Wenn du Kopfschmerzen verspürst beim Schauen auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, dann mache diese Übung nicht, sondern übe ausreichend Augenübungen.

Wenn du Shambhavi Mudra übst, dann solltest du auch die anderen Yoga-Augenübungen üben, damit du nicht bestimmte Muskeln überlastest – du solltest alle Augenmuskeln benutzen.

 

Weiter geht es:

Nach der vorher gelehrten Methode (Purva Yoga) konzentriere den Geist (Manas Junja).

Hier gibt es mehrere Interpretationen.

Swami V. sagte gerne: Schaue auf die Nasenspitze oder auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, und dann konzentriere dich auf eines der Chakras. Wenn du zur Nasenspitze schaust, dann konzentriere dich zum Herzchakra, und wenn du zum Punkt zwischen den Augenbrauen schaust, dann konzentriere dich auf das dritte Auge.

Weiter: Und das führt (Karaka), ist der Verursacher für Unmani, für den Zustand jenseits des Geistes, und zwar Kshanath (sofort, augenblicklich).

Wenn du magst, kannst du das jetzt gerne ausprobieren. Sitze oder stehe ruhig, richte den Blick auf die Nasenspitze oder auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, und konzentriere dich dann entweder auf das Herz oder die Stirngegend. Erfahre Ruhe des Geistes.

 

  1. Vers

Einige sind den Veden ergeben, andere den Agamas (anderen überlieferten Lehren), während andere in die Logik eingehüllt sind. Aber kaum einer erkennt den Wert dieser Mudra. Mithilfe dieser Mudra können wir das Meer aller Seinszustände überbrücken.

 

Swami Vishnu sagt:

Viele werden irregeleitet durch die verführerischen Versprechungen der Schriften und der Tantras. Einige werden irregeleitet durch vedische Rituale, andere durch Logik. Aber niemand von ihnen weiß um den Wert von Unmani Avastha, der es einem ermöglicht, den Ozean des Seins zu überqueren.

Es gibt also einige, die haben Blendwerk durch Agama (die überlieferten Lehren, z. B. die Veden). Agama sind auch spätere Lehren. Es gibt eine bestimmte Art von Literatur, die nennt sich Agama. Nigama sind die vedischen Texte. Da gibt es ein großes Gedränge von Schriften (Sankula). Und dann gibt es die, die durch philosophische Spekulation (Tarka) oder durch logische Schlussfolgerungen (Muchjanti) verwirrt werden. Aber sie kennen dann eben nicht Taraka, den wahren Retter.

 

Es ist hier etwas Ähnliches wie er es im 1. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika gesagt hat: Hatha Yoga ist wie eine beschützende Zuflucht für die von den drei Arten des Leidens verbrannten Seelen. 

Dann sagt er noch: Hatha Yoga ist wie eine Schildkröte, die die Welt trägt für diejenigen, die verwirrt sind durch die verschiedenen Weltanschauungen.

Svatmarama geht es darum, unabhängig von Weltanschauungen zu einer Erfahrung zu kommen.

Es gibt so viele verschiedene Weisen, wie man Spiritualität sieht, so viele Philosophien und Weltanschauungen, und gerade in Indien gibt es so viele Religionen und innerhalb der Religionen so viele Unterscheidungen. Es gibt auch innerhalb einer bestimmten philosophischen Richtung so viel Untergruppierungen.

Letztlich will er sagen: Es gibt etwas jenseits von all dem, und das ist die lebendige Erfahrung. Und z. B. kann das Shambhavi Mudra helfen, zur Befreiung zu kommen.

 

  1. Vers

Mit halb geschlossenen, auf die Nasenspitze fixierten Augen, mit einem beständigen Geist und mit Sonne und Mond in einen Schwebezustand gebracht, erlangt der Yogi den Zustand, in welchem er die Wahrheit in Form eines strahlenden Lichtes erfährt, welches die Quelle aller Dinge ist und welches das allerhöchste der zu erreichenden Objekte ist. Was noch höheres als dies könnte erwartet werden?

Svatmarama lobt diese Meditationstechnik über alle Maßen. Jetzt geht es tatsächlich auf die Nasenspitze, also Ardha Unmilita, halb (Ardha) geschlossen und Milita lotshana (Augen), dabei Manas (den Geist) sthira (beständig) halten. Nasagra (auf die Nasenspitze) datta (gerichtet), und zwar die Augen. Dabei werden Chandra (der Mond) und Arka (die Sonne) in der Ruhe gehalten. Also: Sonne und Mond werden Linata (zur Auflösung) gebracht, und dabei gibt es auch nicht Panda, einen reglosen Zustand von Körper, Sinne und Geist. Dann gilt es zu meditieren auf Djotis Rupa, auf die Form des Lichtes, und dieses ist überaus strahlend. So kommt man zur höchsten Wahrheit.

 

  1. Vers

Während des Tages und der Nacht sollte man nicht über den Lingam meditieren. Wenn beide in ihrer Tätigkeit gezähmt sind, dann sollte man ihn verehren und darüber meditieren.

Linga ist ein Symbol für Shiva. Das Wort Linga heißt wörtlich Merkmal oder Kennzeichen, es heißt aber auch strahlend und leuchtend. Manchmal wird gesagt, dass die Hatha Yoga Pradipika aus der Shaiva-Tradition ist, dass also diejenigen, die in dieser Tradition geübt haben, Shiva-Verehrer waren, und die abstrakte Form Shiva war eben Shivalinga. Das sieht in etwas so aus wie ein meditierender Mensch, oben gerade und dann – wie die Oberschenkel – in die Breite gehend. Es ist auch ein Symbol für die Verbindung des Göttlichen in die Welt, und aus der Welt zum Göttlichen kommend. Linga ist aber eben auch strahlend und leuchtend.

Svatmarama sagt: Die wahre Verehrung Gottes ist nicht die äußere Verehrung. Die wahre Verehrung Gottes ist, wenn du Sonne und Mond – also die Emotionen – zur Ruhe bringst, du nicht in Sonne (Aktivität, Ärger, Gier) und nicht in Mond (Depressivität, Ruhe) bist. Es gibt noch vieles andere, was Sonne und Mond ist: aufnehmen und gestalten, Aktivität und Passivität, Tag und Nacht, Winter und Sommer usw. Diese zur Ruhe zu bringen, das ist die wahre Gottesverehrung, dann erfährst du Gott.

 

Zum Abschluss werde ich eine kurze Meditationsanleitung machen. Du kannst sie mitmachen, entweder im Sitzen oder theoretisch auch im Stehen. Im Sitzen kannst du natürlich tiefer kommen.

 

Sitze oder stehe ruhig. Atme ein paar mal tief ein und aus. Jetzt öffne die Augen und schaue zur Nasenspitze hin. Halte den Blick ruhig auf der Nasenspitze und spüre dabei in dein Herz hinein. Stelle dir im Herzen ein leuchtendes Licht vor und lasse deinen Geist ganz verschmelzen in der Wonne Brahmans, im Herzen.

Stille.

Om Shanti

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika ab Vers 35

Shambhavi Mudra ist eine Technik, um den Geist zur Ruhe zu bringen. Svatmarama nennt Shambhavi Mudra als eine der Haupttechniken der Meditation. Eine Reihe von Übungen werden als Shambhavi Mudra bezeichnet. Diese beschreibt er in den Versen 35 – 42 des 4. Kapitels.

 

  1. Vers

Die Veden, die Shastras und die Puranas sind wie gewöhnliche Frauen des Volkes.

Die Shambhavi Mudra dagegen ist so selten wie eine angesehene Dame aus guter Familie.

Hier gebraucht Svatmarama wieder eine etwas anzügliche Sprache, die er ja öfters nutzt, um letztlich manche Menschen etwas abzuschrecken. Die Hatha Yoga Pradipika gehört ja zur Tantra-Tradition, und da wird manchmal bewusst etwas gesagt, um sich von der Brahmanen-Tradition etwas abzusetzen.

Die Vedas und die Puranas sind die zwei Hauptschriften, aber es gibt auch viele Shastras (weitere Lehrtexte). Svatmarama sagt, es gibt sehr viele davon, und die sind deshalb wie Samanya, also gewöhnliche Gannikas (eigentlich: Prostituierte), von jedem zu haben. Heutzutage können alle lesen. Dies war zu Svatmaramas Zeit vielleicht nicht so, aber man konnte zumindest sich vorlesen lassen, und die meisten Inder konnten zu der damaligen Zeit durchaus einige Verse rezitieren.

Hören – das ist einfach. Aber Shambhavi Mudra, das ist das Siegel der Gattin von Shiva (Shambu). Aber Shambhavi heißt auch glücksverheißend, Shambhavi Mudra ist die glücksverheißende Mudra, und diese ist Gupta – geheimnisvoll und selten wie Vadhu (eine Frau) aus einer Kula (aus guter Familie), also nicht so einfach zu haben.

Er sagt also: Lesen kann jeder – Hatha Yoga Pradipika ist ja auch eine Shastra, eine Schrift. Die Schrift kannst du einfach lesen. Aber wirklich Shambhavi Mudra zu üben ist nicht ganz so einfach.

 

  1. Vers

Wenn man auf Brahman im Herzen zielt und gleichzeitig den Blick ununterbrochen, ohne mit den Augen zu blinzeln, auf ein äußeres Objekt richtet, wird es Shambhavi Mudra genannt.

Diese Mudra wurde in den Veden und in den Sutras, in den Shastras geheimgehalten, also ursprünglich Atta Shambhavi. Jetzt folgt Shambhavi Mudra.

Was ist Shambhavi Mudra?

Anta Lakhshya, also die Konzentration nach innen, und zwar während (drishti) der Blick (Bahis) nach außen gerichtet ist und nimesha unmesha (Augenniederschlag und Augenaufschlag) bajita (frei) ist, also ohne zu blinzeln – das ist Jeshasa, ist Shambhavi Mudra. Das ist die glücksverheißende Mudra, und sie ist gupita (geheimgehalten) in den Vedas und in den Yogalehrtexten, den Shastras.

 

Das heißt also:

Die Konzentration nach innen richten, während der Blick nach außen geht. Hier gibt es jetzt verschiedene Übungen.

 

Eine Möglichkeit: Du schaust auf etwas und konzentrierst dich auf eines der Chakras. So beschreibt es Swami V.: Shambhavi Mudra besteht darin, den Geist innerlich auf ein Chakra zu fixieren und die Augen auf ein äußeres Objekt zu richten, ohne dabei zu zwinkern. In einer anderen Übersetzung heißt es, „Brahman im Herzen zu halten“, also den Geist nach innen zu richten und im Herzen Brahman zu sehen. Das könntest du, wenn du willst, jetzt gleich probieren. Du schaust auf etwas, das könnte eine Kerzenflamme sein, das Bild von Swami Sivananda oder auch ein Punkt an der Wand sein. Du schaust beständig darauf und konzentrierst dich dabei auf eines der Chakras, z. B. auf der Herzchakra oder auf das Ajna-Chakra oder auf das Vishuddha-Chakra. Damit geht es meist am leichtesten, es geht natürlich auch auf Muladhara, Swadisthana, Manipura oder Sahasrara. Dies ist eine Form der Meditation, die insbesondere geeignet ist, wenn dein Geist zur Unruhe neigt. Wir finden dies auch im Zen, wo man auf eine Wand schaut und gleichzeitig den Geist ruhig hält.

 

Diese Form von Shambhavi Mudra kann übrigens auch etwas sein, mit dem du eine Herzensverbindung herstellen kannst. Wenn du z. B. mystische Erfahrungen machen willst, könntest du einen Baum anschauen, zu ihm hinschauen und dabei dein Herz spüren. Wenn du auf den Baum schaust und dabei mit deinem Herzen spürst, spürst du plötzlich, wie du eine Verbindung hast zu diesem Baum. Du könntest auch auf einen Felsen, einen Altar oder eine Blume schauen und dich dann auf eines der Chakras konzentrieren. Das geht übrigens auch mit einem Partner oder eine Partnerin – du kannst ihm in die Augen schauen und gleichzeitig Herzensverbindung oder Dritte-Auge-Verbindung spüren.

Shambhavi Mudra ist also eine Mudra, die du verwenden kannst, um Herzensverbindung oder Dritte-Auge-Verbindung herzustellen, und um eine mystische Verbindung zu diesem Objekt herzustellen. Oder du kannst Shambhavi Mudra nutzen, um mit einem Menschen Kontakt herzustellen, oder um einfach in der Meditation in die Tiefe zu kommen.

 

  1. Vers

Es handelt sich erst wirklich um Shambhavi Mudra, wenn Geist und Atem des Yogi in ein äußeres Objekt absorbiert sind, und wenn seine Augen, die scheinbar äußere Dinge betrachten, unbeweglich sind. Wird dieser Zustand mithilfe des Guru erreicht, verwirklicht der Yogi den strahlenden Zustand von Shambo, welcher noch höher ist als Shunya (Leere) und doch nicht Leere.

Der Yogi soll also Anta Lakshya, seinen Geist absorbiert halten in einem inneren Konzentrationspunkt. Swami V. interpretiert dieses auch als inneres Chakra. Indem man sich auf ein inneres Meditationsobjekt konzentriert wird auch der Atem vollkommen ruhig, und mit unbeweglichem Blick (drishtja) schaut der Mensch nach außen. Dies ist dann wahrlich das Siegel von Shambhavi, und dieses wird nur erreicht durch Prasada, durch die Gnade des Gurus. So wird Tattva offenbart, die höchste Realität, der Ort von Shabhava (von Shambo, von Shiva), und dies ist sogar jenseits von Shunya und Ashunya (Leere und Nichtleere).

 

  1. Vers

Shambhavi Mudra und Khechari Mudra sind, obgleich sie sich in der Augenrichtung und in der Konzentrationsrichtung unterscheiden, eins in ihrem Resultat. Beide führen zum Zustand der Glückseligkeit, des absoluten Bewusstseins, und dieses wird hervorgerufen durch den Inatman, den absorbierten Geist.

 

Ich gehe die einzelnen Sanskritworte durch:

Es gibt zwei großartige Mudras, die Shri Shambhaviya (die erhabene Shambhavi Mudra), und Khechariya (die Khechari Mudra), und die sind unterschiedlich durch den Dharma, den Ort und die Position der Augen. Aber durch beide entsteht (Bhavet) Citta (des Geistes) Laya (Ruhe), und in dieser Leere entsteht Ananda, die Glückseligkeit, und es entsteht das Wesen (okini) von Wonne (Sukha) und Chit (reiner Bewusstheit).

 

 

Im 3. Kapitel hat Svatmarama sehr viel über Khechari Mudra gesprochen. Khechari Mudra ist zum einen das Zurücknehmen der Zunge, zum anderen auch das Nach-oben-Schauen der Augen und auch den Kopf leicht nach hinten geben, mit dem Gesicht nach oben schauen. Khechari Mudra führt zum Ruhen des Geistes.

Hier spricht er von der Shambhavi Mudra, wo man in die Weite schaut, auf ein bestimmtes Objekt, und dann die Konzentration auf eines der Chakras bringt.

Beides führt den Geist zur Ruhe.

Es gibt noch weitere Shambhavi Mudras, über die er in den nächsten Versen spricht.

 

Shambhavi Mudra wie er es hier bisher beschrieben hat, ist eine Übung, die du vielleicht gleich machen kannst: Man schaut auf ein Objekt und bringt die Konzentration des Geistes auf ein inneres Chakra. Eine einfache Weise, den Geist zur Ruhe zu bringen und zur Freude, und über das Herzchakra ist besonders leicht, oder auch über das dritte Auge. Wenn du magst, kannst du es jetzt gleich machen, ich werde dich gleich dazu anleiten.

 

Suche dir jetzt ein Objekt aus, auf das du beständig schauen willst. Das geht im Stehen wie im Sitzen. Während du beständig dorthin schaust, atme zwei- oder dreimal tief ein und aus, und dann spüre gleichzeitig dein Herzchakra. Schaue auf das Objekt, lasse den Atem sehr ruhig werden und spüre dein Herzchakra. Verweile so lange wie du willst in diesem ruhigen Gemütszustand.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika, Verse 29 – 34

Laya bedeutet

Auflösung

Ruhe des Geistes

Ist der Geist vollkommen aufgelöst und zur Ruhe gebracht, dann erfahren wir unsere wahre Natur.

Lasst uns schauen, was Svatmarama – der Autor der Hatha Yoga Pradipika – schreibt:

 

  1. Vers

Der Geist ist der Herrscher über die Indriyas (die Sinnesorgane).

Prana ist der Herrscher über den Geist.

Laya (das Einziehen) ist der Herr über das Prana.

Dieses Laya ist abhängig von Nada, dem inneren Klang.

So beschreibt Svatmarama, wie wir die Herrschaft über die Sinne bekommen.

Der Geist beherrscht die Sinne. Wenn du ihn in eine bestimmte Richtung lenkst, dann spürst du das Andere nicht. Wenn du z. B. etwas siehst, was dich ärgert, dann schau woanders hin. Oder wenn du Gier nach irgendetwas hast, was eigentlich nicht gut für dich ist, dann ziehe deinen Geist woanders hin. Indriyas können ohne den Geist nichts machen – der Geist ist Herrscher über die Sinne.

Prana ist der Herrscher über den Geist. Wenn ein Geist unruhig ist, dann übe Pranayama. Ist dein Atem über Pranayama ruhig, und ist über Pranayama das Prana ruhig geworden, dann wird auch dein Geist wieder ruhig und dann werden auch die Sinne ruhig.

 

Wie kannst du Prana beherrschen? Hier sagt Svatmarama, dass du direkt Laya üben kannst. Wenn es dir direkt gelingt, den Geist zur Ruhe zu bringen, dann wird auch das Prana unter Kontrolle gebracht. Über das Zur-Ruhe-bringen des Geistes bringst du das Prana unter Kontrolle, dann wird der Geist langfristig ruhiger und dann kannst du auch deine Sinne beherrschen.

 

Wie beherrschst du Laya? Wie erreichst du Laya, die Ruhe des Geistes? Durch Nada, also durch den Klang. Nada bedeutet hier also nicht das „Nichts“ (so wie im Spanischen), sondern Nada bedeutet Klang, und insbesondere ist es Anahata, der innere Klang.

Es gibt zwei Arten von Klang:

Nahata-Klang, der angeschlagene Klang: Wenn ich z. B. mit meinen Händen klatsche, dann entsteht der Klang durch das Anschlagen der Hände. Oder der Klang, der durch das Anschlagen der Trommel entsteht.

Aber es gibt auch Anahata, der nicht angeschlagene Klang. Das ist der innere Klang, der kommt, wenn du den Geist nach innen richtest. Dies ist eine der Haupttechniken der Meditation, die Svatmarama in der Hatha Yoga Pradipika empfiehlt, nämlich die Konzentration auf den inneren Klang.

 

Natürlich empfiehlt er auch Kevala Kumbhaka am Ende der Pranayama-Praxis: Den Atem ganz zur Ruhe kommen lassen, und wenn er zur Ruhe kommt dann löse den Geist von allem Relativen, und dann bist du in der Ruhe.

Er kennt auch die Meditationstechnik, die auf Shambavi Mudra beruht, und er kennt die Ananhata Nada Meditation, die Konzentration auf den inneren Klang. Oder auch das direkte Laya, das direkte Auflösen des Geistes, in dem die Kundalini erweckt ist.

Es gibt also mehrere Hauptmeditationstechniken. Auch aus den Mudras entsteht Meditation. Er sagt auch: Wenn man eine Mudra beherrscht, dann kann die Kundalini erwachen, und dann kommt die Meditation von selbst.

Er sagt also: Ist die Kundalini erweckt, dann wird der Geist von selbst zur Ruhe kommen und dann brauchst du dich in der Meditation nicht bemühen. Oder du kannst das Prana unter Kontrolle bekommen, indem du Laya (Ruhe des Geistes) erzeugst – konkret Manolaya -, und das erreichst du durch Konzentration auf Anahata Nada, den inneren Klang.

 

  1. Vers

Wird der Geist zurückgezogen, dann nennt man dies Moksha, auch wenn dies von manchen bestritten wird. Wie auch immer: Werden das Prana und Manas (der Geist) absorbiert, dann wird eine unbeschreibliche Freude empfunden.

 

Er sagte:

Soyam – diese erwähnte Auflösung des Geistes – ist also Moksha (Befreiung). Ist der Geist vollkommen beruhigt, dann ist Moksha erreicht.

Matantara – es gibt noch andere Yogis, die damit vielleicht nicht einverstanden sind. Im alten Indien gab es die verschiedensten auch intellektuellen Auseinandersetzungen. Es wurde immer wieder gefragt: „Was führt zu Moksha?“ Shankara sagt z. B., dass nur Jnana zu Moksha führt. Die Bhaktas (die großen Gottesverehrer) sagen, dass nur die Hingabe zu Gott zur Gnade Gottes führt, und nur die Gnade Gottes führt zu Moksha. Savatmarama sagt hier nun: egal, was die anderen versuchen dir einzureden – die Ruhe des Geistes führt zu Moksha.

Was passiert, wenn Manas und Prana zu Laya (zur Auflösung) geführt werden? Dann geschieht Kashtshit, eine unbeschreibliche (Ananda) Glückseligkeit (Sampravartate) stellt sich ein.

 

Mit anderen Worten:

Übe die Ruhe des Geistes, dann erfährst du Glückseligkeit.

Willst du glücklich sein, dann beruhige deinen Geist.

Du wirst nicht glücklich, indem du den Wünschen hinterherrennst.

Du wirst nicht glücklich, wenn du probierst andere so zu manipulieren, dass sie tun was du gerne hättest.

Du wirst nicht allein dadurch glücklich, dass du den richtigen Arbeitsplatz, die richtige Wohnung, die richtige Kleidung, das richtige Smartphone usw. findest.

Du wirst glücklich sein, wenn du deinen Geist zur Ruhe bringst.

Deine wahre Natur ist Satchitananda – Sein, Wissen und Glückseligkeit.

Bringe den Geist zur Ruhe, und dann strahlt diese Glückseligkeit.

 

  1. Vers

Ein Yogi, der seine Ein- und Ausatmung eingestellt hat, dessen Sinne absolut ruhig geworden sind, dessen geistige Aktivität eingestellt ist und dessen Emotionen ruhig sind, wird in Laya Yoga Erfolg haben.

Hier beschreibt er verschiedenes, was zu Laya, dieser Ruhe, führt:

Verschwinden muss Shwasa (Einatmung) und Nishwasa (Ausatmung). Normalerweise hast du Ein- und Ausatmung. Aber – wie Svatmarama schon im 2. Kapitel des Yoga Sutra gesagt hat – es gibt auch den Zustand Kevala Kumbhaka, wo das Ein- und Ausatmen fast aufhört, nicht mehr spürbar ist. Wenn man eine Feder (z. B. eine ausgefallene Taubenfeder) vor die Nase eines Yogi hält, dann wird sich diese nicht bewegen. Sogar der Herzschlag wird fast aufhören. Wenn das Prana nämlich nicht mehr in den Körper hineingeht, dann hören auch die physiologischen Funktionen fast auf, der Körper kommt in so etwas wie einem Winterschlaf. Dein Atem wird ruhig.

Dann werden natürlich auch die Sinne ruhig. Wenn sie ganz ruhig sind, du nicht mehr gestört wirst (von lauten Geräuschen oder schlechten Gerüchen, wenn etwas blinkt, wenn es zu heiß oder zu kalt ist) – die Sinne sind beruhigt.

Außerdem ist die geistige Aktivität eingeschränkt. Der Geist ist frei von Veränderungen.

Wenn dies alles da ist, dann gibt es natürlich auch keine Bewegungen des Körpers (Nishtsheshtas) und keine Emotionen.

So sind dann die Dinge und du bist in Laya Yoga, du hast Jajati (Erfolg) im Laya Yoga.

Der Yogi erfährt also Erfolg im Laya, wenn all das ruhig ist. Samadhi ist gekennzeichnet von Bewegungslosigkeit des Körpers und des Atems, Nicht-Wahrnehmen von irgendwelchen Indriyas.

Ich habe einmal an einer Studienreihe über Meditation mitgewirkt, wo EEG und EKG gemessen wurden und alles mögliche andere, und bei manchen Menschen, die ganz tief in die Meditation gehen konnten, gab es keine Veränderungen, wenn plötzlich ein lautes Geräusch erzeugt wurde oder jemand das Fenster aufgerissen hat – der Geist ist vollkommen in der Ruhe.

 

  1. Vers

Sind geistige und physische Aktivitäten nicht mehr vorhanden, tritt der nicht mehr beschreibbare Zustand von Laya ein. Dies kann nur von einem Yogi erfahren werden.

Es gibt einen Zustand, in dem jegliche (Sarva) geistige Veränderung (Sankalpa) verschwunden (Ucchina) ist, und auch Freiheit (Nishesha) von allen (Sheshtita) Bewegungen des Körpers.

Dabei ist nur noch Laya (Auflösung) wahrnehmbar, und diese ist unbeschreiblich. Sie entsteht und ist jenseits des Bereiches der Sprache. Sie ist nicht beschreibbar, sondern nur wahrnehmbar, indem man es selbst erfährt.

Mit anderen Worten: Obgleich Svatmarama jetzt in einigen Versen (es sind letztlich über 30 Verse) versucht zu beschreiben, was es heißt, Ruhe des Geistes und Ruhe des Prana zu bekommen, ist dies nicht wirklich beschreibbar, es ist nur erfahrbar.

Warum schreibt Svatmarama dann so viel darüber? Der Grund ist: Er will uns den Mund wässrig machen. Er will letztlich unsere Sehnsucht nach dieser Befreiung, nach dieser Wonne stärken und uns bewusst machen: Ja, es ist möglich, Samadhi zu erreichen, es ist möglich Moksha zu erreichen, und das ist etwas Großartiges.

 

  1. Vers

Menschen sprechen immer wieder von Laya, aber was ist mit Laya gemeint?

Was ist Laya? In Laya wird Drushti (die geistige Wahrnehmung) zurückgenommen, entfernt. Laya Avidja, welches die 5 Elemente und die 10 Indriyas kontrolliert.  Und auch das Vidja, welches die Jnana-Shakti der Lebewesen ist, geht in den Zustand von Laya, in Brahman über. Wo auch immer Drishti (der innere Blick) verweilt, dort findet Auflösung statt. Der geistige Blick muss also nach innen gerichtet werden, und dann findet Auflösung statt. Wo die Auflösung stattfindet, dort lösen sich die Elemente (brutas), die Indriyas und letztlich auch die scheinbar ewig existierende Unwissenheit auf.

Dann gibt es diese ehrwürdige Shakti, die die lebendigen Wesen in zwei Energien hält, die unsichtbaren und die nicht zu definierenden – all das kommt in die Auflösung, und so erreicht man die höchste Verwirklichung.

Es gibt also Elemente, es gibt Indriyas, es gibt Gedanken, es gibt all das Lebendige – all das gilt es aufzulösen, indem man den geistigen Blick zur Ruhe bringt.

 

  1. Vers

Die Menschen sagen gerne Laya Laya. Was jedoch ist überhaupt der Zustand von Laya? Laya ist der Zustand, in den man über die Meditation auf ein Objekt die Sinnesobjekte vergisst und die Vasanas nicht wieder auftauchen, sondern völlig gestillt sind.

Es gibt hier verschiedene Varianten der Übersetzung.

Menschen sprechen von Laya und von Samadhi – viele wissen aber nicht, wovon sie sprechen. Was ist jetzt dieser Zustand von Laya?

Dort sagt Svatmarama im Vers einfach: Laya heißt das Vergessen von Dingen der sinnlichen Wahrnehmung und wenn sich die Begierden nicht mehr in unser Dasein erheben.

Mein Lehrer hat ergänzt: Laya ist der Zustand in der man über die Meditation auf ein Objekt die Sinnesobjekte vergisst und die Vasanas nicht wieder auftauchen, sondern völlig gestillt sind.

 

Laya ist also Ruhe, das Vergessen von Dingen der sinnlichen Wahrnehmung, keine Begierde, Ruhe des Geistes. Tiefe Meditation ist eine Weise, wie man das erreichen kann.

Wenn dich äußere Dinge zu sehr stören, dann hast du noch nicht Laya erreicht und hast auch nicht die Fähigkeit zu Laya. Es ist nicht so, dass die äußeren Dinge dich stören, sondern deine Reaktionen auf die äußeren Dinge stören dich. Du könntest z. B. probieren: Wann immer du dich aufregst, dann versuche, dich nicht aufzuregen. Natürlich ist es manchmal auch gut, sich aufzuregen, um etwas Äußeres zu ändern. Aber du solltest nicht der Sklave von Reiz-Reaktions-Ketten werden. Viele Menschen haben irgendwelche Tasten, die nur jemand anders drücken muss und schon fangen sie an zu kollabieren, sich zu ärgern usw. Viele Menschen haben Knöpfe, und es gibt andere, die wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen, um einen zur Weißglut zu bringen, zum Aufgeben oder in die Unruhe zu bringen. Das ist unwürdig! Sorge dafür, keine Knöpfe mehr zu haben, die andere drücken können. Du kannst es lernen, dich davon zu lösen.

 

Noch einmal die Aufgabe:

Bemühe dich in der nächsten Woche öfter, deinen Geist zur Ruhe zu bringen, dich zu lösen. Mache das entweder, indem du einfach den Geist zur Ruhe bringst, oder mache es, indem du deinen Geist auf ein bestimmtes Zentrum richtest (Ajna Chakra, Anahata Chakra), oder indem du bewusst deinen Atem beruhigst, z. B. durch 4 Sekunden einatmen und 4 Sekunden ausatmen, oder ein paar Mal tief ein- und ausatmen und dann den Atem zu Kevala Kumbhaka führen und wenig Luft ein- und ausatmen – dann spürst du die innere Ruhe. Auch einfach die Übung von mehr Pranayama verhilft dir zu mehr Ruhe.

 

Hari Om Tat Sat

Hier noch der Hinweis: Alle Verse zur Hatha Yoga Pradipika findest du auf unseren Internet-Seiten: schriften.yoga-vidya.de

Es fällt viel leichter, den Geist zur Ruhe zu bringen, wenn du mal ein paar Tage oder Wochen in einem Ashram verbringst, z. B. in einem der Yoga Vidya Ashrams. Dort ist alles darauf ausgerichtet, dass du tiefer meditieren und viel Pranayama üben kannst.

In Bad Meinberg haben wir auch das Shivalaya Retreatzentrum, wo du auch für dich allein praktizieren kannst, z. B. so, wie es in der Hatha Yoga Pradipika beschrieben wird.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika, ab Vers 21

Svatmarama schreibt weiter zum Thema „Wie kommen wir zur Ruhe des Geistes über Prana-Beherrschung“. Die ganzen Verse bis einschließlich des 28. Verses des 4. Kapitels sind vorbereitende Verse, oder auch eine Wiederholung des Konzeptes von Hatha Yoga:

Über Körper-Beherrschung beherrschen wir das Prana.

Über Prana-Beherrschung beherrschen wir den Geist.

Mit Asanas, Pranayama und Mudras bringen wir das Prana ins Muladhara Chakra, in die  Sushumna.

Fließt das Prana in die Sushumna, dann wird der Geist ruhig, die Kundalini erwacht, und dann entsteht Überbewusstsein, Samadhi und Befreiung.

Dies beschreibt er jetzt auch in den Versen 21 – 28.

 

  1. Vers

Derjenige, der den Atem kontrolliert, kontrolliert auch die Geistestätigkeit.

Derjenige, der Kontrolle über den Geist hat, erlangt auch Kontrolle über das Prana.

Bhavana heißt Lebenshauch, Atem und Prana. Wer Bhavana bhatjate erreicht hat, wer also den Atem und damit auch das Prana beherrscht, der beherrscht auch Manas, den Geist.

Umgekehrt: Wer Manas (den Geist) bhatjate (kontrolliert), der kontrolliert auch den Atem und das Prana.

 

Prana und Geist hängen also zusammen. In einfachen Fällen kennst du das:

Angenommen, du ärgerst dich über etwas oder jemanden – dann schnaufst du typischerweise unruhig.

Angenommen, du hast vor etwas Angst – dann atmest du vielleicht schnell und unruhig.

Einmal angenommen, du bist in einer großen Ruhe des Geistes – dann atmest du ruhig und gleichmäßig.

Der Geisteszustand führt also zu einem Zustand des Pranas, und das hat eine Auswirkung auf den Atem.

Umgekehrt kannst du natürlich den Atem beherrschen und damit den Geisteszustand beherrschen. Es gibt z. B. den Lampenfiebertransformationsatem oder auch den Ärgertransformationsatem (dazu haben wir auch Videos im Internet), und es gibt die vielen Pranayama-Übungen,  mit diesen Atemübungen beruhigst du den Geist. Hast du einen unruhigen, ängstlichen oder ärgerlichen Geist, dann übe Pranayama, und so bekommst du den Geist zur Ruhe.

 

Svatmarama sagt ja auch: Ist jemand in der Lage, seinen Geist ganz zu beherrschen, dann beherrscht er auch sein Prana.

In den vorherigen Versen schien er etwas absolutistisch zu sein, da sagte er: Nur, wer durch Hatha Yoga Übungen sein Prana zur Ruhe bekommt und dadurch die Kundalini erweckt, nur der kommt zu Samadhi.

Hier sagt er aber jetzt auch: Derjenige, der seinen Geist beherrscht – auch durch andere Übungen – der kann auch sein Prana beherrschen und dadurch die Kundalini erwecken. Beides geht zusammen.

Swami Sivananda sagt: Der Jnana-Yogi, der gelernt hat, sich von allen Verhaftungen zu lösen, hat einen so klaren Viveka (Unterscheidungskraft), dass er eine Herrschaft über den Geist hat und allein durch seinen Willen die Kundalini erwecken kann.

  1. Vers

Die zwei Grundlagen des wandelbaren Geistes des Menschen sind alte Eindrücke und Wünsche (Vasana) und Atem bzw. Prana. Wer eines von beiden überwindet, der kann beide zusammen überwinden.

Der Geist (Citta) hat ständige Unruhe, und es gibt ständig Gedanken. Und es gibt Dvaya zweifache (heto) Ursache warum der Geist unruhig ist. Das eine ist Vasana, das sind unterbewusste geistige Eindrücke wie auch Wünsche, und zum zweiten Samirana, welches zum einen der Lebenshauch (Atem) und zum anderen auch das Prana ist. Wenn du eines von beiden zur Ruhe bringst (Ekasmin – eines; Vinashta – zur Ruhe bringst), dann werden beide zur Ruhe gebracht.

 

Angenommen, es gibt keinen Wunsch in deinem Geist, dann ist auch dein Prana ruhig. Oder angenommen, du bringst dein Prana zur Ruhe, dann gibt es auch keine Wünsche im Geist.

Wenn der Geist in seinem gewissen Normalzustand ist, dann taucht plötzlich ein Vasana (Wunsch) auf, und du hast plötzlich eine Unruhe des Geistes. Du magst vielleicht eine gewisse Geistesruhe habe, und dann siehst du jemanden, der dich komisch anschaut oder der ein Wort sagt, was dir nicht gefällt, und dann werden Vasanas belebt und du bist sofort auf 180, unruhig.

Es kann aber auch sein, dass aus irgendwelchen pranischen Gründen dein Geist unruhig wird – seien es astrologische Konstellationen oder Biorhythmen, oder du fängst die Energie eines anderen auf und das macht dich unruhig – dann findest du schon Gründe, dich über irgendetwas aufzuregen.

Manchmal kommt erst die Unruhe des Prana und dann die Suche nach etwas worüber du dich aufregen kannst, und manchmal kommt erst etwas, worüber du dich aufregen kannst, und dann folgt die Unruhe des Prana.

 

Aber: Es liegt an dir! Du kannst deinen Geist zur Ruhe bringen.

Du könntest z. B. sagen „Ich will jetzt ruhig sein“. Hatha Yoga – jetzt Yoga, jetzt Ruhe. Oder du könntest auch sagen: „Es liegt unter meiner Würde, einem Menschen, der mir nicht wohlgesonnen ist, so viel Macht über meinen Geist zu geben“.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie Menschen anderen Menschen viel Macht über ihren Geisteszustand geben, insbesondere solchen Menschen, von denen sie annehmen, dass sie ihnen nicht wohlgesonnen sind. Das ist ziemlich unwürdig. Lerne es, dich nicht so von anderen Menschen beeinflussen zu lassen. Mache dich nicht abhängig von den Gedanken, Taten und Worten anderer, insbesondere nicht von denen, die dir nicht wohlgesonnen sind. Du kannst über die Vasanas hinauswachsen. Du kannst über Sankalpas hinauswachsen. Wachse über alle Eindrücke im Unterbewusstsein, alle Samskaras hinaus. Und wenn das nicht über Raja Yoga geht, dann übe eben mehr Pranayama. Du könntest auch anderen dankbar sein, dass sie deinen Geist unruhig machen, weil sie dich damit zu mehr Pranayama-Praxis inspirieren.

Es gelingt, über Pranayama den Geist zu beruhigen.

 

  1. Vers

Wo der Geist absorbiert wird, wird das Prana kontrolliert.

Und wo das Prana kontrolliert wird, wird auch der Geist zur Ruhe gebracht.

Manas kommt zu Villi (zur Auflösung, zur Ruhe), wenn Bhavana li, also wenn der Lebenshauch zur Ruhe gekommen ist.

Und umgekehrt: Kommt der Lebenshauch zur Ruhe, dann kommt auch der Geist zur Ruhe.

Also beruhige entweder dein Prana – dann beruhigt sich dein Geist. Oder beruhige deinen Geist – dann beruhigt sich auch dein Prana.

 

  1. Vers

Zwischen Geist und Prana besteht eine enge Verbindung wie zwischen Milch und Wasser. Wird eines beherrscht, wird auch das andere beherrscht. Wo auch immer das Prana beherrscht wird, dort wird auch der Geist zur Ruhe geführt, und wo auch immer der Geist zur Ruhe geführt wird, so ist auch das Prana zur Ruhe geführt.

Angenommen du hast Milch (es kann auch Sojamilch sein) – dann gibt es auch Wasser. Das Wasser ist automatisch in dieser Milch drin, du kannst nicht die Sojamilch vom Wasser trennen, es gehört zusammen.

Dies ist vielleicht ein etwas eigenartiger Vergleich, aber Sojamilch ist notwendigerweise zusammen mit der Flüssigkeit. Und so gehören auch Geist und Atem zusammen.

Beherrsche den Atem, so beherrschst du das Prana und damit den Geist. Beherrschst du den Geist, so beherrschst du das Prana und damit den Atem.

So kannst du entweder deinen Geist beherrschen oder deinen Atem und dein Prana beherrschen.

 

 

  1. Vers

Wird das eine zurückgehalten, wird auch das andere zurückgehalten.

Handelt das eine, macht das andere desgleichen.

Werden sie nicht aufgehalten, setzen die Indriyas (die Sinne) ihre jeweilige Tätigkeit fort. Werden aber Geist und Prana zum Stillstand gebracht, dann entsteht Moksha, die Befreiung.

Solange also Prana aktiv und Atem und Geist unruhig sind, solange gibt es auch die Indriyas, die Sinne. Wenn die Indriyas aktiv sind, dann siehst du alles, was da ist, und du willst alles mögliche tun. Bei Unruhe des Geistes und des Pranas bist du also in dieser Welt. Bringe eines von beiden zur Ruhe, dann sind beide ruhig, und dann erreichst du Moksha, die Befreiung. Du bist nicht mehr gezwungen, etwas zu tun oder zu erfahren – du bist frei. Samadhi führt zu Moksha, Ruhe des Geistes führt zu Moksha. Herrschaft über das Prana führt zur Ruhe des Geistes und damit zu Moksha.

 

  1. Vers

Die Natur des Geistes ist wie Quecksilber: unbeständig bzw. wechselhaft. Bindet man sie (d. h.: bringt man sie zur Ruhe) – was auf dieser Welt ist unmöglich?

Hier sagt er also: Das Quecksilber ist normalerweise unruhig. Quecksilber ist ja ein Metall, welches bei Raumtemperatur flüssig ist, und damit ist es unruhig. Im Unterschied dazu sind z. B. Gold und Eisen fest. Quecksilber ist dagegen unruhig, und es ist schwer, es wieder aufzufangen.

Svatmarama bezieht sich hier ein bisschen auf einen bestimmten Vorgang der Alchemie, wie man Quecksilber fest machen kann. Dies gilt in Indien als alchemistischer Prozess, welcher sicher auch chemisch erklärbar ist, bei welchem flüssiges Quecksilber mit bestimmten Kräutern verbunden wird, und nachher hat man festes Quecksilber. Daraus kann man sogar Murtis machen, also bestimmte heilige Götterfiguren.

 

Ich Sukadev kannte beispielsweise mal jemanden (einen südafrikanischen Amerikaner), der in Indien eine Zeit verbracht hatte und dort bestimmte Tantriker kennengelernt hatte. Er war bei einem heiligen Ritual dabei, wo flüssiges Quecksilber über mehrere Tage in verschiedenen alchemistischen Prozessen mit verschiedenen Pflanzen und Kräutern verbunden wurde. Nachher hatte er dann einen Shiva-Lingam, der fest war. Den hat er dann in ein Tuch eingewickelt und hat mit ihm jeden Tag Puja gemacht. Dieser Shiva-Lingam hatte eine riesige Ausstrahlung und Aura.

Natürlich gilt es, bei dieser ganzen Sache vorsichtig zu sein. Quecksilber ist ja ein für den Menschen sehr ungesundes Schwermetall, aber es heißt, dass es, wenn es in einem alchemistischen Prozess gebunden wird, dann sogar heilend ist.

Quecksilber ist im Normalfall also unruhig und gesundheitsschädigend, kann sogar giftig und tödlich sein. Aber man kann Quecksilber in einem alchemistischen Verfahren fest machen und damit segensreich und heilend machen.

 

So ähnlich ist es auch mit dem Geist. Er ist normalerweise unruhig, nicht zu fassen. Es ist kaum möglich, den Geist zur Ruhe zu bringen, und er ist letztlich auch giftig. Immer wieder bekommst du Vorstellungen, wie schlimm andere Menschen sind oder wie schlecht du bist. Immer wieder regst du dich über alles mögliche auf, du hast Ärger, bist ängstlich oder kommst in die Depression usw. Der Geist ist also – wie Quecksilber – unruhig und letztlich auch Quelle von viel Leid.

Du kannst aber den Geist ruhig machen. Und ist der Geist ruhig und unter Kontrolle, dann kannst du alles erreichen in  dieser Welt. So wie dieses verfestigte Quecksilber – zumindest in der alchemistischen Mythologie – segenbringend ist für alles mögliche, so ähnlich kannst du mit deinem kontrollierten Geist alles in dieser Welt erreichen. Bringe also deinen Geist unter Kontrolle, und dann kannst du alles erreichen, was zu erreichen ist.

 

  1. Vers

O Parvati, Quecksilber mithilfe von Kräutern in eine feste Form gebracht, und Prana, durch Kumbhaka in einen ruhigen Zustand versetzt, zerstört alle Leiden. Sich selbst so zerstörend bewirkt es, dass kranke Menschen lange leben, und befähigt es, sich in die Luft zu erheben.

Dieser 27. Vers ist letztlich ein Zitat aus einer anderen Schrift. Die meisten tantrischen Schriften sind ja Dialoge zwischen Shiva und Parvati. Shiva (eigentlich das kosmische Bewusstsein) und Parvati (eigentlich Shakti, die kosmische Energie) werden in der indischen Mythologie auch verkörpert dargestellt. Die tantrischen Schriften sind größtenteils Dialoge zwischen Shiva und Parvati. Mal ist Shiva der Lehrer, der Parvati unterweist, mal ist Parvati die Lehrerin, die Shiva unterweist. Und dann gibt es immer irgendeinen Menschen, der das Ganze hört und weitergibt.

 

Hier zitiert Svatmarama aus einer anderen Schrift und sagt:

O Parvati, wenn Quecksilber und Atmung beruhigt sind, dann werden Krankheiten vernichtet, und durch ihre Hilfe wird selbst der Tote wiederbelebt. Was zu Ruhe gekommen ist (Murechitta) vernichtet Harati, die verschiedenen Krankheiten, und sogar Tote können wiederbelebt (Jivati) werden.

Wann geht das? - Wenn etwas gebunden wird, und zwar zum einen Rasa (das Quecksilber), und zum anderen Vaju (der Atem, das Prana).

Also gilt es, das Prana durch Kumbhakas (Atemübungen) zur Ruhe zu bringen. Das vernichtet zum einen alle Krankheiten, und zum anderen hilft es auch, in höhere Bewusstseinsebenen zu kommen: Khechavarta (im Luftraum zu wandeln), was natürlich heißt, sich von der Identifikation mit Körper und Psyche zu lösen und die Unendlichkeit zu erfahren.

 

Trotzdem von mir noch einmal die Warnung, dieses Quecksilber als Analogie zu nehmen und es nicht selbst auszuprobieren, das könnte gefährlich sein.

Pranayama ist hingegen nicht gefährlich, es hilft dir Krankheiten zu überwinden, höhere Bewusstseinsebenen zu erlangen und schließlich Moksha (Befreiung) zu erlangen, und dann ist alles möglich zu erlangen.

 

  1. Vers

Ist der Geist beständig, so ist es auch das Prana, und ist der Atem beständig, so ist auch das Prana ruhig und der Geist ist ruhig. Dann folgt auch die Erhaltung des Bindu, und über die Zurückhaltung des Bindu erreicht man Sattva.

Dieser Vers kann auf verschiedene Weisen interpretiert werden.

Zunächst (so wie bisher): Manas dairiye (aus der Festigkeit des Geistes) kommt stira Vaju, die Ruhe des Pranas, und so wie es im Sanskrit ausgedrückt wird ist dies wechselseitig. Man kann sagen: Die Ruhe des Geistes wird erlangt durch die Ruhe des Prana, und durch die Ruhe des Prana kommt die Ruhe des Geistes.

 

Dann sagt er: Tata Bindu sthira – dadurch kommt die Ruhe von Bindu.

Bindu kann jetzt verschieden interpretiert werden. Es ist zum einen der Same, der Punkt. Man könnte sagen: dadurch kommt man zu dieser Ruhe der Ursprünglichkeit. Manchmal wird aber auch gesagt, dass Bindu die Geschlechtsenergie ist, d. h. wenn Geist und Prana ruhig sind, dann ist man auch frei von sexueller Begierde, und diese Freiheit von sexueller Begierde führt dann auch zu Festigkeit des Körpers und auch  zu Sattva, zu Reinheit.

Man könnte auch sagen: Solange Menschen unter der Herrschaft von sexueller Begierde sind, führt das auch zu Rajas (Unruhe) und Tamas (Depressivität).

Wenn wir Pranayama üben und den Geist unter Kontrolle haben, dann sind wir nicht mehr Sklave der sexuellen Begierde.

Dies ist eine Interpretation, die auch Brahmandra folgt und damit auch Swami V.

Eine andere Interpretation, wo es mehr um die höheren Dinge geht, wäre: Wenn man Geist und Prana unter Kontrolle bekommt, dann erreichen wir Bindu, die Essenz und den Samen des Universums, und damit Brahman. Dann entsteht Sattva (Reinheit) ganz von selbst, und so entsteht auch innere Festigkeit.

 

Hari Om Tat Sat

Der 1. - 28. Vers der Hatha Yoga Pradipika sind eigentlich die vorbereitenden Verse für die weiteren Verse. Svatmarama will uns motivieren, indem er sagt, dass du Samadhi, Befreiung, höchste Glückseligkeit durch tiefe Meditation erreichst. Und du erreichst die tiefe Meditation durch Asana, Pranayama und Mudra. Du erreichst die Tiefe der Meditation, indem du dein Prana unter Kontrolle bringst und damit deinen Geist unter Kontrolle bringst.

Deshalb: Übe jeden Tag Asana, Pranayama, Mudra und Meditation. Richte dein Leben aus auf diese Ruhe des Geistes. All deine Wünsche und all dein Bestreben findet die Erfüllung in Samadhi. Dafür übe!

Hari Om Tat Sat

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika (Das Licht auf Hatha Yoga, geschrieben von Svatmarama) ab Vers 17

Hatha Yoga Pradipika will uns zu intensiven Praktiken inspirieren, um unser wahres Selbst zu verwirklichen.

 

  1. Vers

Sonne und Mond, so sagt man, bestimmen Tag und Nacht.

Sushumna, sagt man, verschlucke die Zeit.

 

Dies ist ein großartiges Geheimnis.

Surya (die Sonne) und Chandra (der Mond), Chandra massau ist auch der schimmernde Mond. Da ist wieder ein gewisses Wortspiel: Manas ist auch der Geist, und Chandra ist der Mond – massau ist schimmernd, hat aber auch etwas mit dem Geist zu tun.

Surya und Chandra – Sonne und Mond und damit aktive und passive Energie, männlich und weiblich, nach außen und nach innen gehend – die erschaffen die Zeit (Kala).

Diese Zeit ist verbunden mit Rathrindeva, also durch Nacht und Tag, und damit natürlich Vergehen und Entstehen. In dieser Welt sind wir in der Dualität, und diese Dualität ist Surya und Chandra, Tag und Nacht. Das hat natürlich wiederum etwas zu tun mit Ida und Pingala, und auch mit Sonnenzentrum und Mondzentrum. So gibt es letztlich immer wieder Dualität.

Es ist wichtig, dass du das verstehst: In dieser Welt ist Dualität. Es wird nicht immer so sein, wie du es gern hättest. Die Beziehungen zu Menschen sind mal schöner und mal weniger schön. Mal hast du mehr und mal weniger Inspiration. Mal willst du nach außen gehen, mal nach innen. Einmal geschieht Schönes, mal weniger Schönes usw.

Aber du kannst diese Kala, diese Zeit, diese Dualität überwinden, indem du die Sushumna öffnest. Ist die Sushumna geöffnet, dann hast du die Zeit überwunden.

 

Das ist für andere nicht so einfach nachvollziehbar und deshalb ist es Guhja, ein Geheimnis.

Hier wiederholt sich Svatmarama. Bestimmte Dinge sagt er immer wieder, obgleich die Hatha Yoga Pradipika nicht viele Verse hat. Dass er das immer wieder betont, soll heißen, wie wichtig auch die Einstellung zu Hatha Yoga ist, und soll auch zeigen, wie wichtig es ist, uns das immer wieder vor Augen zu führen. Es ist so einfach, immer wieder vom spirituellen Weg abzukommen und sogar Hatha Yoga und Meditation nur noch mechanisch zu üben; oder sich so viel Sorgen zu machen, wie einen andere Menschen sehen; oder auch was geschieht, was nicht so Schönes passiert usw. So schnell sind wir wieder in der Dualität, da ist es immer wieder wichtig, uns bewusst zu machen, dass es etwas jenseits der Dualität gibt. Es gibt einen Zustand, der Niramanda ist, der bedingungslos ist und nichts braucht, und diesen erreichen wir, indem wir unser Prana in die Sushumna bringen.

 

  1. Vers

72000 Nadis sind in diesem Körperkäfig. Sushumna ist die mittlere Nadi, und dort gibt es Shambavi Shakti, die wohlwollende Energie. Diese hat die besondere Eigenschaft, den Yogi mit Freude zu erfüllen.

Die anderen Energiekanäle wie Ida und Pingala sind nicht von großem Nutzen.

Die restlichen sind wertlos.

 

Hier spricht Svatmarama von den 72000 Nadis. Es gibt verschiedene Schriften, die die Anzahl der Nadis manchmal unterschiedlich beschreiben. Diese Nadis sind letztlich dvarhani (Tore) für Prana, für die Lebensenergie. Es gibt dort insbesondere den Hauptenergiekanal, die Sushmna. Sushumna gehört zu Shambo, ist also Shambavi. Shambhavi hat mehrfache Bedeutungen. Zum einen gehört Sushumna zu Shambo, und Shambo ist Shiva, d. h. führt uns zu Shiva und damit zum Göttlichen, zur Erleuchtung. Shambhavi heißt aber auch die Glücksverheißende, die Gütige, die Liebevolle, und so ist Sushumna diejenige, die uns zur Güte führt, die Glücksverheißende. Und dort ist die Shakti, die kosmische Energie. Dann sagt er, diese ist wichtig, Sushumna ist wichtig – dort ist Shambhavi Shakti.

Dann sagt er: Shisha (die Übrigen) sind gewiss (eva) niraretakar – so gut wie ohne Zweck und nutzlos. Er macht es hier etwas radikal, denn er hat ja vorher schon gesprochen, wozu es gut ist, die Sonnenenergie und die Mondenergie zu aktivieren, wie gut es ist, die verschiedenen Übungen zu machen, um verschiedene Siddhis (außergewöhnliche Kräfte) zu bekommen. Er hat davon gesprochen, wie wir mit den Hatha Yoga Übungen gesund werden, die Amas (Unreinheiten) eliminieren, wie wir unsere Doshas ins natürliche Gleichgewicht bringen usw. Er hat uns also in den vorherigen Versen vieles versprochen, auch dass es mit Hatha Yoga durchaus möglich ist, sowohl Broga als auch Mukti zu bekommen, Vergnügen wie auch Befreiung.

Svatmarama hat also schon vieles gesagt, aber hier bringt er es noch einmal auf den Punkt: Eigentlich geht es darum, Samadhi zu erlangen, und das erreichst du, wenn das Prana in die Sushumna geht. Alles andere ist eigentlich Niraretakar, so gut wie nutzlos.

 

  1. Vers

Durch das Bewahren des Pranas, zusammen mit dem Erwecken der Schlangenkraft, durch das Feuer, tritt der Lebenshauch in den Hauptenergiekanal ohne Widerstand ein.

Swami Vishnu übersetzt es so: Jener, der Meister ist im Zurückhalten des Atems, und dessen Feuer im Magen entzündet ist, sollte Kundalini erwecken und in die Sushumna bringen.

 

Es gibt verschiedene Schritte. Zuerst sollte man Pranayama üben, also Atemübungen machen. Man sollte Vaju pareja, also lernen, das Prana zu beruhigen, den Atem zu beruhigen und zu kontrollieren. Dann gilt es, Agni zu beherrschen, das Feuer muss entzündet werden. Mit diesem Feuer kann man dann Kundalini erwecken (brodha). Und dann bringt man letztlich das Prana in die Sushumna, und das geschieht dann ganz natürlich und fast von selbst (anirhodata – ohne besondere Anstrengung).

Übe also Pranayama. Wenn du das tust, gibt es eine Phase, wo Agni stark wie Feuer wird. Dann bringe dieses Feuer mit deinem Bewusstsein ins Muladhara Chakra. Dann ziehe es nach oben, und wenn wir durch dieses Feuer die Sushumna öffnen, wird die Kundalini erwachen und dann kommst du ohne Anstrengungen in höhere Bewusstseinsebenen.

 

  1. Vers

In der Übersetzung von Swami V.:

Gelangt das Prana in die Sushumna, folgt der Manomani-Zustand von selbst. Andere Wege sind bloß nutzlose Bemühungen seitens des Yogi.

 

Wie kommst du zu Manomani? - Indem du das Prana in die Sushumna bringst.

Manomani ist der Zustand der Ruhe des Geistes. Manas ist Geist, Manonmani (so sagt man eigentlich, aber es wird manchmal abgekürzt als Manomani) ist der Zustand der Ruhe des Geistes, oder jenseits des Geistes.

Wie kommst du in diesen Zustand der Ruhe des Geistes? - Indem du Prana fließen lässt (Vahini) in die Sushumna. Dann folgt Siddhi (der Erfolg) in Manonmani. Alles andere ist letztlich nutzlos.

Es gibt, wie ich es in einem anderen Vortrag schon gesagt habe, natürlich verschiedene Weisen, wie du die Gottverwirklichung erreichst.

Svatmarama sagt, du erreichst Gottverwirklichung, wenn du Prana in die Sushumna hinein bringst.

 

Zusammenfassung dieser Phase:

  • Lerne es, dein Prana zu beherrschen.
  • Bringe Prana ins Muladhara Chakra.
  • Öffne die Sushumna.
  • Lass Prana durch die Sushumna nach oben fließen.
  • Lass Prana zu Agni (Feuer) werden.
  • Erwecke so die Kundalini.
  • Ziehe dann die Kundalini nach oben zum Brahmarandra.
  • Dann erreichst du Manonmani – Ruhe des Geistes, Samadhi, Befreiung.

 

Es gibt auch regelmäßig 9-tägige Weiterbildungen für Yogalehrer zu Hatha Yoga Pradipika, wie auch zu den anderen Schriften des Hatha Yoga wie Goraksha Shataka, Shiva Samhita und Gheranda Samhita.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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  1. Vers:

Wenn die Kundalini sich durch die verschiedenen Asanas, Kumbhakas und Mudras erhoben hat, wird das Prana in Shunya absorbiert.

Die Kundalini muss also erweckt werden. Wenn sie erweckt ist, dann kommt alles Prana und die Kundalini in Shunya, und Shunya heißt „die Leere“. Shunya kann manchmal übersetzt werden als Sushumna, also der Energiekanal der Wirbelsäule, oder auch: Shunya ist der Zustand von Sahasrara-Chakra, auch Brahmarandhra bezeichnet.

 

Wie wird die Kundalini erweckt? Sie wird erweckt durch die verschiedenartigen Asanas. Die Asanas dienen also auch zum Erwecken der Kundalini. Wenn du z. B. die Vorwärtsbeuge (Paschimotthasana) oder den Drehsitz (Matsyendrasana) längere Zeit hältst und dabei sehr konzentriert bist, es vielleicht auch mit speziellen Atemtechniken verbindest, dann kannst du spüren wie Muladhara-Chakra aktiviert wird. Vielleicht spürst du, wie die Sushumna (die Wirbelsäule) heiß wird. Vielleicht spürst du auch, wie Kundalini erweckt wird, erwacht.

 

Also: Asanas, längere Zeit mit besonderer Konzentration gehalten, vielleicht auch mit Mantra oder bestimmten Mudras verbunden, mit bestimmten Visualisierungen und Atemtechniken verbunden, können die Kundalini erwecken.  Auch durch die Kumbhakas ist dies möglich. Kumbhakas ist ja der Hatha-Yoga-Ausdruck für die Pranayamas (Atemübungen). Kumbhaka heißt wörtlich „Atem anhalten“, weil bei den Atemübungen das Anhalten des Atems besonders wichtig ist. Wir können also durch die verschiedenen Atemübungen auch die Kundalini erwecken. Auch hier gilt wiederum: Die Atemübungen geben natürlich auch mehr Sauerstoff, sie verbessern die Lungenkapazität und die Effizienz unseres Atem- und Kreislaufsystems, sie helfen, den Geist zur Ruhe zu bringen – aber vor allen Dingen helfen sie, die Kundalini zu erwecken.

 

Durch Kapalabhati erhöhst du dein Prana. Durch die Wechselatmung öffnest du die verschiedenen Nadis (Energiekanäle). Mit Übungen wie Ujjay, Surya Beda und vor allen Dingen durch Bhastrika erweckst du die Kundalini. So ist es der Sinn auch der Atemübungen, die Kundalini zu erwecken.

Dies geschieht auch durch die verschiedenen Mudras, wir nennen sie hier Karanas. Es gibt in den verschiedenen Lehrtechniken unterschiedliche Ausdrücke, was Karanas sind. Zum einen gibt es die Aussage, dass Karanas Vorübungen sind. Bei Yoga Vidya verwenden wir den Ausdruck manchmal für alle Bewegungsübungen im Hatha-Yoga, die weder Asana noch Pranayama noch Mudra sind, also z. B. Surya Namaskar (Sonnengruß), oder Bauchmuskelübungen, oder die Yoga Vidya Gelenkübungen. All das kann man als Karanas (Vorübungen) bezeichnen.

 

Wenn allerdings hier im 10. Vers des 4. Kapitels Svatmarama von Karanas spricht, dann sind damit die Mudras gemeint.

Wozu machen wir all diese? Diese machen wir für Prabudha, zum Erwachen der Mahashakti, also der großartigen Energie – der Kundalini. Wenn die Kundalini erwacht ist, dann tritt Prana (der Lebenshauch) in Shunya (die Leere) ein.

Eine Übersetzung ist also: „Dann tritt Prana in die Leere (also die Sushumna) ein.“ Aber es gibt auch eine andere Bedeutung, die einfach sagt: „Ist die Kundalini erwacht, dann löst sich Prana in der Leere auf, und damit gibt es keine Bewegung mehr von Prana, und damit sind wir in Samadhi“.

 

  1. Vers:

Der Yogi, dessen Kundalini-Shakti sich erhoben hat, und der frei wird von allen Affinitäten des Karmas, erlangt den Samadhi-Zustand ganz natürlich.

Hier steht: Wenn die Kundalini erwacht ist (Bodha – erwacht ist), wenn die Shakti (die kosmische Energie, die Kundalini) erwacht ist, also wenn Udpanna stattgefunden hat, Shakti bodhasya (also das Erwachen der Kundalini), dann entsteht Tyakta ….karmana (das Aufgeben von allem Karma).

Karma hat hier zwei Bedeutungen: Zum einen heißt es „Alle Handlungen aufgeben“, d. h. du denkst nicht mehr, dass du irgendetwas tun musst, um etwas zu erreichen. Die zweite Bedeutung ist, dass alles Karma verschwindet.

Es gilt also zum einen die Kundalini zu erwecken, und dann gilt es, aller Handlungen geistig zu entsagen, und auch vom Karma nichts mehr zu wollen – allem Karma zu entsagen. Dann entsteht Sahaja Avastar, der natürliche Zustand, der Zustand der Erleuchtung (Swaja), ganz von selbst.

Willst du also Samadhi erreichen, dann wecke deine Kundalini und löse dich von allen Wünschen bezüglich Karma, und löse dich auch von der Vorstellung, dass du irgendetwas erreichen willst.

 

  1. Vers:

Wenn das Prana in die Sushumna steigt und der Geist in Shunya (in die Leere) absorbiert ist, dann vernichtet der Yogi alles Karma.

Prana muss fließen (vahini) in die Sushumna (den mittleren Energiekanal), das Prana muss also in den mittleren Energiekanal eintreten. Da machen wir ja so viel mit den Asanas, mit Pranayama, mit den Bandhas usw. – und was passiert dann? Dann wird Manas (der Geist) eintreten in Shunya, in die reine Leere, welche natürlich Brahman ist. Dieses Brahman ist hina, frei von allen Unterscheidungen, es ist reine Unendlichkeit. Wenn das passiert, dann ist niramulayati (all entwurzelt) alle Karmas. Das heißt zum einen, dass du nicht mehr die Vorstellung hast, dass du noch irgendetwas tun musst, deshalb sind alle Handlungen überwunden. Aber vor allen Dingen ist auch alles Karma überwunden: Du hast keine Wünsche mehr an Karma, du schaffst auch kein neues Karma mehr, oder (wie es Shankaracharya sagt): Wenn man die Befreiung erreicht hat, dann schaffst du kein neues Agami-Karma mehr, und das Sansita-Karma wird verbrannt. Prarabhda-Karma kommt allerdings noch, also das Karma, was begonnen hat Früchte zu tragen, kommt weiter, aber du wirst davon nicht mehr berührt. Auch hier sagt Svatmarama: „Strebe nach Samadhi, nur das gibt dir vollkommene Zufriedenheit. So trittst du heraus aus dem Kreislauf von Geburt und Tod, aus dem Karma, aus aller Befangenheit von Wünschen und Gier, Hoffnungen und Erwartungen usw. Du kommst in die Unbedingtheit“.

 

  1. Vers

Gegrüßt seid ihr, o unsterbliche, o Amaras. Durch euch ist die Zeit, in deren Mund das Universum beweglich und unbeweglich fällt, besiegt worden.

Also: Es gilt auch, dies mit Ehrerbietung zu machen. Auf der einen Seite ist Hatha-Yoga natürlich ein Weg von Praxis, auch von intensiver Praxis. Das 2. und 3. Kapitel sind ja schon voll von intensiver Praxis. Du kannst natürlich täglich eine halbe oder eine Stunde Hatha-Yoga machen, und du machst einen schrittweisen Fortschritt. Aber Svatmarama hat ja auch an einer Stelle gesagt: „Übe viermal am Tag die Wechselatmung.“ Oder an einer anderen Stelle: „Übe alle 3 Stunden“, also 8 mal am Tag. Die intensivste Hatha-Yoga-Praxis heißt, dass du praktisch den ganzen Tag übst. An einer anderen Stelle sagt er: „Übe 3 Stunden lang die Umkehrhaltung (Paratakarimi-Mudra)“. Hatha-Yoga zur Erleuchtung ist also schon intensiv.

 

Aber es ist nicht nur diese intensive Praxis, es ist auch Hingabe (Bhakti), es gilt diese Ehrfurcht zu haben. So sagte er: „Namastobyam – Ehrerbietung sei dir, o unsterblicher Yogi. Der Tod ist von dir besiegt, ebenso wie die Zeit.“

Du hast letztlich alles überwunden. Normalerweise wird alles im Rachen des Universums vernichtet. Man könnte sagen: Diese Welt ist eine Welt der Dualität, des Kommens und des Vergehens. Alles, was du äußerlich erreichst, wird wieder verschwinden. Alles Schöne, was kommt, wird verschwinden. Das weniger Schöne wird auch verschwinden. Nichts bleibt beständig, im Rachen der Zeit wird alles überwunden. Aber als Yogi im Samadhi, als Selbstverwirklichter wirst du darüber hinaus gehen. Du wirst über das Kommen und Gehen hinausgehen, du überwindest letztlich die Zeit. Diese Überwindung der Zeit heißt auch die Überwindung von allem Kommen und Gehen und ist das Überwinden aller Abhängigkeit. Überwinde alle Abhängigkeiten, erfahre dich selbst als unendlich und ewig.

 

  1. Vers:

Ist der Geist in den Zustand vollkommener Ruhe gelangt, dann fließt das Prana in die Sushumna, und dann erreicht man automatisch Amaroli, Vajroli und Sahajoli.

Also: Citta (der Geist) soll gebracht werden in Samatva. Samatva hat verschiedene Bedeutungen. Krishna sagt in der Bhagavad Gita: Yoga Samatva Muchyate – Yoga heißt Ruhe des Geistes.

Auch eine gewisse Gelassenheit ist schon Samatva. Aber wenn er hier von Citta Samatva spricht, dann ist es die vollkommene Ruhe des Geistes und damit Samadhi.

Wie wird diese Ruhe des Geistes erreicht? Wenn Vayu (also das Prana, der Lebenshauch, der Wind) vrajati geht in madjama durch den mittleren Kanal, also durch die Sushumna. Wenn also das Prana durch die Sushumna geht ist der Geist ruhig, und dann wird dieser 3-Oli-Mudra (Amaroli, Vajroli und Sahajoli) erreicht.

 

Im 3. Kapitel hat Swadmarama diese drei Mudras beschrieben, und zwar sowohl im Relativen wie auch im Absoluten. Im Relativen gelten diese 3 Mudras auch als sog. linkshändige Mudras. Amaroli und Vajroli sind ja auch Mudras, die man im Rahmen des Roten Tantra, im Maithuna (im Geschlechtsverkehr) machen kann, und Sahajoli – so wird manchmal gesagt – ist das Beschmieren des Körpers mit der heiligen Shiva-Asche, verbunden mit einer gewissen Konzentration. Dies sind die relativen Aspekte dieser drei Oli-Mudras.

Aber in einem Höheren heißt Amaroli der Zustand der Unsterblichkeit (Amara heißt unsterblich). Vajra heißt auch Donnerkeil und Diamant, also von großer Stärke und Festigkeit – Vajroli. Sahaja ist der natürliche  Zustand – Sahajoli ist also der natürliche Zustand von Samadhi. So dreht er nochmals die Bedeutung dieser Oli-Mudras als letztlich der Zustand der Unsterblichkeit.

Bringe den Geist zur Ruhe, indem du das Prana in die Sushumna führst, dann erreichst du Unsterblichkeit, Festigkeit und Stärke und deinen natürlichen Zustand.

 

  1. Vers

Wie kann im Geist Weisheit und Wissen entstehen, solange die Energie unruhig ist und der Geist noch nicht vergangen ist.

Derjenige, der beide – Prana und Geist (Manas) – zur Auflösung gebracht hat, der ist in die Befreiung (Muksha) gegangen. Ein Anderer wird dieses niemals erreichen.

Also: Wie kommen wir zu Jnana, zur höchsten Erkenntnis? Er sagt zunächst einmal, Jnana (die Erkenntnis) kommt nicht, solange Manas in dieser Welt ist. Wenn also der Geist an diese Welt denkt, und denkt was er noch alles braucht, kommt keine Erkenntnis. Sie kommt auch nicht, wenn Prana in Jivati ist (lebendig, unruhig ist). Leben heißt ja letztlich Polarität: Einatmung und Ausatmung, Wachen und Schlafen, Vergnügen und Schmerz, Höhen und Tiefen. Solange wir mit diesen Höhen und Tiefen identifiziert sind, haben wir nicht die wahre Erkenntnis. Es gilt, Prana zur Ruhe zu bringen und aus dieser Dualität hinauszubringen, also in die Sushumna-Nadi einzuführen. Manas muss letztlich sogar sterben. Solange der Geist nicht gestorben ist, so lange erreichst du nicht Samadhi und die Erleuchtung.

 

Wenn du in der Erleuchtung bist, kommst du nachher natürlich wieder in den normalen Gemütszustand zurück, wenn du Samadhi erreicht hast. Im Samadhi ist der Geist so gut wie tot, und sogar der Körper ist wie tot. Er bleibt zwar ruhig sitzen, aber der Herzschlag und der Atem werden ganz ruhig, der ganze Körper ist sehr ruhig, und so ist der Körper wie tot. Nur ganz subtile Instrumente könnten noch Lebenszeichen entdecken. Der Körper ist vollkommen ruhig, weil das Prana vollkommen ruhig ist, der Geist vollkommen ruhig ist. Dann bist du in Samadhi, dann kommst du zu Erkenntnis. Nachher kommst du wieder zurück zum Normalbewusstsein, aber die Erkenntnis bleibt. Jnana ist auch dann weiter da, wenn du aus diesem Samadhi-Zustand herauskommst und wieder atmest, wieder Prana hast, du wieder Wünsche erzeugst usw. Aus dieser höchsten Erkenntnis kommt auch die Fähigkeit, nicht mehr von äußeren Dingen beeinflusst zu werden. Also gilt es, dvaja (die beiden, Prana und Manas) vilaja (zur Auflösung) zu führen, dann erreichst du Moksha (die Befreiung).

 

Dann sagt er noch, du kommst zu diesem Jnana auf keine andere Weise. Wir müssen wissen, dass es immer wieder eine kleine Diskussion gibt, wie man zur Befreiung (zu Moksha) kommt.

Die Bhaktas sagen z. B.: Allein durch Bhakti, durch die Hingabe zu Gott, kommen wir zur Befreiung. Durch Hingabe zu Gott bekommen wir Krippa, die Gnade Gottes, und die Gnade Gottes führt uns zur Befreiung.

 

Dann gibt es die Jnana-Yogis, z. B. Shankara. Er sagt: Nur durch Jnana kommen wir zur Befreiung. Wie kommen wir zu Jnana? Durch Viveka, durch dauerhafte Unterscheidungskraft zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen, zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst, und letztlich auch durch die Unterscheidung zwischen wahrem Glück und vergänglichem Glück. Shankara würde also sagen, dass wir über Erkenntnis dorthin kommen, und diese Erkenntnis (Jnana) bekommen wir durch Viveka und Vijara (Unterscheidungskraft und Selbsterforschung).

Die Selbsterforschung folgt dann den Schritten Hören (Shravana), Nachdenken (Manana) und danach folgt tiefe Meditation, und das führt dann schließlich zu Anubhava (Verwirklichung)

 

Raja-Yoga (Patanjali) sagt ferner, wir erreichen Samadhi und die Befreiung, indem wir den Geist zur Ruhe führen. Er sagt aber auch, wir können das auch schaffen durch die Gnade Gottes, durch die Hingabe an Gott, wir können es erreichen durch Viveka-Kjati (dauerhafte Unterscheidungskraft), durch intensiven Wunsch nach Befreiung. Manchmal geschieht es auch fast von selbst: Wenn wir in einem früheren Leben schon fast die Befreiung erreicht haben, dann fallen wir in dieses Leben fast in Samadhi hinein, und es gibt ja einige große Yogameister, die ohne bewusste eigene Bemühung zu Samadhi gekommen sind. Und dann sagt er, wir können es erreichen, indem wir die 8 Stufen des Yoga machen: Ethisches Verhalten, persönliche Disziplin, das Üben von Asana und Pranayama, Zurückziehen der Sinne, und wir kommen dann zu Dhyana und Samadhi.

 

Svatmarama richtet sich hier so ein bisschen an Shankara und die Vedanti, die eben sagen, dass nur Jnana die Ursache für Befreiung ist. Er fragt hier, wie man zu Jnana kommt – eben nicht einfach nur durch intellektuelles Geschwätz. An manchen Stellen nennt Svatmarama diejenigen, die von Befreiung sprechen, ohne Ruhe des Geistes zu erreichen, einfach nur Schwätzer.

Das sagt er sogar im letzten Vers der Hatha Yoga Pradipika: „Solange der Geist nicht zur Ruhe kommt, solange Prana nicht in der Sushumna ist, solange das Individuum nicht eins ist mit dem Höchsten, sind all diejenigen, die von Befreiung sprechen, nur eitle Schwätzer und Heuchler.“

Er gebraucht also eine etwas radikale Sprache, vielleicht als Antwort auf andere Radikale, die eben sagen, dass nur Jnana zur Befreiung führt und alles andere nicht. Hier sagt er: Wir kommen zu Jnana nur, wenn wir den Geist zur Ruhe führen, und wir führen den Geist nur zur Ruhe, indem wir Prana zur Ruhe führen. Prana kommt in die Sushumna, indem wir Asanas und Pranayama und Mudras üben und dann auf geschickte Weise meditieren und natürlich den yogischen Lebensstil führen.

 

Das soll jetzt nicht den Eindruck vermitteln, dass die Yogis nur untereinander gekämpft und diskutiert haben. Ja, im alten Indien gehörte die Diskussion auch dazu, aber zur Ehrenrettung aller indischen Meister muss man sagen, dass sie sich nicht die Köpfe eingeschlagen haben wie es so im christlichen Abendland war. Wenn dort zwei Leute unterschiedlicher Meinung waren, dann haben sie sich manchmal bekriegt. Es gab auch universitäre Diskussionen, es gab oft genug Kämpfe, Bekämpfungen von Häretikern, Hexenverbrennungen und vieles andere. Im alten Indien wurde diskutiert, und es gab dann aber auch immer wieder diejenigen, die das Ganze verbunden haben, so wie Patanjali, der in seinem Yoga-Sutra letztlich alle Wege erwähnt hat, oder wie Krishna in der Bhagavad Gita, und letztlich auch Svatmarama, der auch sagt, es braucht Hingabe, es braucht die verschiedenen Nyamas und Niamas, und dann kommen wir durch Asana, Pranayama, Mudra und Dhyana zu Samadhi.

 

  1. Vers

Hat der Yogi das Geheimnis gelüftet, d. h. den Weg in die Sushumna gefunden, und das Prana in sie hineingebracht, dann sollte er -an einem angemessenen Ort sitzend – das Prana in Brahmarandhra halten.

Also hier nia... wenn der Yogi gelernt hat – das ist jetzt auch wieder so ein gewisses Wortspiel: vorher hat er gesagt: Nyaman kuto manasi – Njana, wie wird es erreicht, wie soll Njana möglich sein, solange der Geist unruhig ist, wie soll Njana möglich sein, solange das Prana unruhig ist. Und dann sagt er: Moksha und Njana kommen nur, wenn Prana und Manas ruhig sind.

Wirkliches Njana kommt, wenn wir die Methode zum Öffnen (Veda) der Sushumna gelernt haben. Es gilt also, Satveda (die richtige Methode) kennenzulernen, um Sushumna zu öffnen. Wenn wir diese kennengelernt haben, dann können wir Vaju (das Prana, den feinstofflichen Atem) in den Matjaga (den mittleren Kanal) zu fließen. Und dann gilt es, Stittva (sich aufzuhalten) Sadar (immer), und zwar an einem geeigneten Ort.

Was ist der geeignete Ort, an welchem wir uns immer aufhalten sollen? Brahmarandhra, die Öffnung Brahmans. Randhra heißt auch Öffnung. Hier kommen wir in Nirodha – Nirodha heißt das, was Patanjali als Ziel von Yoga genannt hat. Svatmarama bezieht sich hier auf verschiendene Schriften. Er sagt, wir kommen zu Nirodha und wir kommen zu Njana, indem wir lernen, die Sushumna zu öffnen und Prana in die Sushumna zu bringen – so kommen wir zu Samadhi.

 

Zusammenfassung:

Über Asana, Pranayama und Mudra, über einen yogischen Lebensstil: sei dir bewusst, das schafft die Bedingungen, um zu Samadhi zu kommen. Aber du brauchst auch die  Gnade des Gurus und die Gnade Gottes, das hat er in den ersten Versen gesagt.

Lerne es auch ansonsten, den Geist zur Ruhe zu bringen. Es lohnt sich, und so findest du, was du unterbewusst, unbewusst und vielleicht auch bewusst immer gesucht hast: Wahre Freude, höchstes Wissen, Unsterblichkeit, einen Zustand absoluter Sicherheit.

Bringe nicht zu viel Energie rein in die relative Sicherheit – in dieser äußeren Welt gibt es keine Sicherheit.

Bringe auch nicht zu viel Energie in das Erreichen vergänglicher Freuden – diese vergänglichen Freuden sind vergänglich.

Trage nicht zu viel Energie in die Erwartungen, was du brauchst oder was andere Menschen tun sollen.

Bringe deine Energie dahin, zu praktizieren, Hingabe zu Gott zu üben, und natürlich das zu tun, was zu tun ist, um deinen Dharma zu erfüllen.

So kommst du zu Samadhi, so bekommst du das, was du aus der Tiefe deiner Seele willst.

 

Vorher noch dieser Hinweis:

Es ist natürlich besonders leicht, zu praktizieren und in diesen Spirit von Praxis zu kommen, wenn du eine Weile in einem Ashram verbringst, z. B. bei Yoga Vidya. Hier ist alles darauf ausgerichtet, zur Erleuchtung zu kommen. Es gilt, das gut zu nutzen und zu praktizieren und zu dienen, um so dem Ziel des Lebens näherzukommen.

Man könnte auch sagen: Lass dich an einem Ort nieder, wo es möglich ist, Samadhi zu erreichen und wo alles darauf ausgerichtet ist.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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YVS476 Was ist Samadhi? HYP IV 1-9

Was ist Samadhi?

Vers 1

Svatmarama schreibt: „Gruß an Shiva, an den Lehrer, dessen Essenz Nadha, Binduh und Kala ist. Wer ihm vollständig hingegeben ist, der wandelt immer vollkommen rein in seinen Fußabdrücken“.

Svatmarama beginnt also mit der Anrufung. Er bittet den Guru und Shiva um Segen. Der Guru, der spirituelle Lehrer, an diesen wollen wir uns immer wenden. Shiva ist Gott. Gott manifestiert sich als unser menschlicher Lehrer, du kannst dich auch direkt an Gott wenden und ihn um Führung bitten.

 

Verschiedene Aspekte von Shiva

Was ist Shiva, was ist der Lehrer? Er ist in seiner Essenz Atma. Er hat in seiner Seele das  Nada. Nada ist der kosmische Klang, aus dem alles entstanden ist. Shiva ist auch Bindu, das heißt, er ist der Same von allem. Letztlich die Essenz von allem. Shiva ist auch Kala. Das ist zum einen das Sechzehntel des Vollmondes, wie manchmal gesagt wird. Manchmal ist es auch die Wahrnehmung. Kala ist aber auch die Zeit. Man könnte auch sagen, dass das Ganze auch ein wenig ein Wortspiel ist. Also es heißt oft, dass der Lehrer jenseits ist von Zeit, Raum und Kausalität. Hier im ersten Vers wird gesagt, der Lehrer ist sowohl in Atman, der Essenz, als auch der kosmische Klang, Nada. Er ist aber auch Bindu und damit die Essenz. Er ist jenseits aller Zeit, aber er ist auch die Wahrnehmung von allem, Kala.

 

Großen Meistern folgen und selbst Erleuchtung erlangen

Wenn man Shiva und dem Guru hingegeben ist, dann wird man rein sein und wird in seinen Fußstapfen wandeln, um damit zur höchsten Erleuchtung zu kommen. So gilt es also jenseits zukommen von allem. Du kannst dir auch bewusst machen, diese Gottverwirklichung und die Erleuchtung, die wir erreichen wollen, haben große Meister schon erreicht. So wie Swami Sivananda. Wir wollen diesen großen Meistern folgen und so selbst zur Gottverwirklichung kommen.

 

Vers 1 auf Sanskrit

Dieser Vers hat auch Mantra-Charakter. Er wurde so geschrieben, dass er einer der bekanntesten Verse aus der Guru Gita sehr ähnelt, den wir bei Yoga Vidya ja auch im Rahmen des Gajananam Stotram regelmäßig rezitieren.

Om Namah Shivaya Gurave Nada Bindu kalatmaneh niranjana padam yati nitjam tatra paranaya

Vers 2

„Nun werde ich den vollkommenen Prozess des Samadhi näher erläutern, der wirklich vollendet ist. Dieser Prozess des Samadhi verhilft zur Überwindung des Todes. Er ist die Ursache von allem Glück und er ist der beste Verursacher der göttlichen Wonne“.

In diesem Vers auf Sanskrit bezieht sich Svatmarama wieder auf einen Vers aus der Guru Gita

Athedānīṁ pravakṣyāmi samādhikramam uttamam mr̥tyughnaṁ ca sukhopāyaṁ brahmānanda-karaṁ param

Atha bedeutet “jetzt”. Viele Schriften beginnen mit Atha. Wie beispielsweise auch das Yoga Sutra mit Atha Yoga beginnt. Hier im 2. Vers sagt Svatmarama Atha, und will jetzt Samadhi erklären. Und zwar will er Uthama, (die beste), Krama  (Methode) finden für Samadi.

Prozess um Samadhi zu erreichen - den Tod überwinden

Svatmarama macht uns den Mund wässrig und will uns jetzt zeigen, wie wir auf die beste Weise auf Samadhi kommen. Was ist die Wirkung von Samadhi? Zum einen ist es Mrtyughnam. Mrtyu ist der Tod und Ghnam ist die Überwindung. Ich hatte ja schon in den vorherigen Versen, insbesondere im 3. Kapitel davon gesprochen, warum Svatmarama immer wieder auf die Überwindung des Todes eingeht. Alles, was ein Anfang hat, hat auch ein Ende. Wenn wir den Tod überwinden wollen, müssen wir die Identifikation überwinden, von dem was einen Anfang hat. Deshalb gilt es zu verwirklichen, wir sind nicht der Körper.  Dabei hilft die Samadhi Erfahrung wirklich und vollständig, zu erfahren, ich bin nicht der Körper. Und ich bin auch nicht die Psyche.

 

Sukah und Dukah in verschiedenen Versionen

Als Zweites sagt er „Sukhopaya“, also er ist auch die Ursache, uphaya, von Sukha. Sukha heißt Glück, Wohlbefinden und Freude. Im Sanskrit gibt es unterschiedlichen Gebrauch von Sukha. Es gibt Sukha und Dukha. Wenn diese beiden in dieser Polarität beschrieben sind, dann steht Sukha für Vergnügen und Dukha ist Schmerz. Auch die Bhagavad Gita sagt uns immer wieder, wir sollen jenseits dieser Polarität von Sukha und Dukha gehen. Mal wollen wir Vergnügen erreichen, dann kommt aber Schmerz. Wir wollen Schmerz vermeiden, usw. Man könnte auch sagen, Raga, die Gier, ist das, was an Sukha hängt. Und dvesha, Abneigung, ist das was versucht Dukha zu vermeiden. So beschreibt es auch Patanjali im Yoga Sutra. Also hier ist Sukha/Dukha ein Gegensatz Paar. In dem Rahmen von Viveka, Unterscheidung, wird auch manchmal unterschieden zwischen Sukha und Ananda. Sukha steht hier als vorübergehende Freude und Ananda ist tiefe Freude.

Wirkliches Glück und Erfüllung erfahren durch Samadhi

Aber hier im 2. Vers spricht Svatmarama von Sukha im Sinne von Ananda. Sukha kann also auch Ananda bedeuten, Freude. Wenn er hier von Sukho payam spricht, dann ist damit gemeint, das Erreichen von höchstem Wohlbefinden. Also nicht nur von vorübergehenden Vergnügen. Und dass man wirklich weiß, was damit gemeint ist, sagt er „Brahmananda karam param“. Was so viel heißt wie, das ist der beste und höchste (param) Verursacher (Karam) von Brahmananda, also von göttlicher Wonne. Wenn du also wirkliches Glück erfahren willst, dann strebe nach Samadhi. Alle anderen Glückserfahrungen sind vorübergehend und werden abgelöst von Dukha. Wenn du wirklich Sicherheit haben willst, dann lerne über deinen Körper hinauszuwachsen. Dieser Körper ist immer vergänglich. Und wenn du wirklich vollständig Erfüllung erfahren willst, strebe nach Samadhi. Im weltlichen Leben wirst du dies niemals finden, denn alles im weltlichen Leben hört irgendwann auf.

Hindernisse im weltlichen Leben

Du magst eine zufriedenstellende Aufgabe haben, aber es wird immer irgendwelche Grenzen geben und du wirst immer feststellen, dass das, was du aufgebaut hast, irgendwann wieder zu Ende geht. Wenn du mit Menschen zusammen bist, mit denen du sehr gerne zusammen bist, gibt es trotzdem irgendwann Konflikte. Selbst wenn es keine Konflikte gibt, dann wird es umso schwieriger wenn du dich von einem dieser Menschen trennen musst. Sei es, dass er woanders hinzieht, sei es, dass er stirbt, sei es, dass du woanders hinziehst. In dieser relativen Welt gibt es keine Erfüllung, keine Sicherheit, keine dauerhafte Freude. Es gilt, sich dies immer wieder bewusst zu machen. Denn der Geist wandert immer wieder weg und denkt immer, ich brauche noch dieses, ich brauche noch jenes. Der Geist beschwert sich darüber, dass ein anderer etwas gemacht hat, was nicht richtig ist. Er beschwert sich darüber, dass er ungerecht behandelt wird. Der Geist leidet auch mit, mit anderen. Was natürlich schon eine spirituelle Manifestation des Geistes ist. Aber letztlich geht es darum zu Samadhi zu kommen. Durch mrityughnam, also die Überwindung des Todes und der Sterblichkeit. Hier im Vers spricht er von Sukhopaya, also dem Erreichen von wirklichem Glück. Hier ist Brahmananda, das ist die höchste Wonne. Und Samadhi ist karam param. Das höchste Mittel, zum höchsten Glück.

  1. Vers rāja-yogaḥ samādhiś ca unmanī ca manonmanī amaratvaṁ layas tattvaṁ śūnyāśūnyaṁ paraṁ padam
  2. Vers amanaskaṁ tathādvaitaṁ nirālambaṁ nirañjanam jīvanmuktiś ca sahajā turyā cety eka-vācakāḥ

Verschiedene Bezeichnungen für Samadhi

Svatmarama sagt „königliches Yoga, Raja Yoga, Samadhi“ und „unmani und manonmani“, was so viel bedeutet wie Unsterblichkeit, Auflösung, das Reine sein. Die absolute Leere. Höchster Weg. Dieses ohne Wahrnehmung und ohne Dualität, der unbefleckte Zustand, der reine Zustand. Befreiung. Das natürliche Bewusstsein. Der 4. Zustand des Geistes. Diese Begriffe sprechen alle von ein und demselben Zustand. Svatmarama sagt uns hier, dass es viele Bezeichnungen für Samadhi, für Erleuchtung, für Befreiung gibt.

Swami Vishnu, mein Meister wurde mal gefragt, warum haben die Yogi so viele Ausdrücke für das Gleiche, insbesondere für Samadhi, für die Erleuchtung? Dann hat er gesagt, das was Menschen besonders gerne haben, dem geben sie viele verschiedene Namen. Manchmal, wenn zwei ineinander verliebt sind, dann finden sie so viele Kosenamen und Komplimente. Yogis sind letztlich verliebt in Gott und in Samadhi. Und finden deshalb viele verschiedene Ausdrücke dafür. Hier Beispiele dafür.

 

Raja Yoga

Zum einen nennt er Raja Yoga. Du kennst zunächst mal Raja Yoga als der königliche Yoga. Der Yoga des Geistes und der Yoga der Psyche. Raja Yoga hier heißt aber „königliche Vereinigung“. Yoga heißt ja auch Vereinigung. Raja heißt königlich. Raja Yoga, als königliche Vereinigung bedeutet damit Samadhi.

Ashtanga

Samadhi wird gerne bezeichnet als Versenkung. Du kennst den Ausdruck Samadhi als Überbewusstsein. Also ein Zustand von vollkommener Ruhe. Die achte Stufe der Ashtanga. Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Samadhi wird manchmal einfach auch nur als Versenkung bezeichnet, als Meditation an sich. Aber hier sagt er natürlich, wirkliches Samadhi ist diese königliche Vereinigung.

 

Unmani und Manomani

Und dann steht da Unmani. Das ist der Zustand jenseits des Geistes. Unmani wird manchmal auch als Selbstvergessenheit bezeichnet. Unmani, also das was jenseits von Mani ist. Was auch Patanjali bezeichnet als Niruddha. Also der Zustand vollkommener Ruhe des Geistes. Dann sagt Svatmarama noch Manomani. Damit ist auch wieder der Zustand jenseits des Geistes gemeint. Ähnlich wie Unmani, ein anderer Ausdruck ist  für das Gleiche.

Amar Ratva, Laya, Tattwa

Dann gibt es Amar rathva. Amar rathva ist ein weiterer Ausdruck für Samadhi. Amar Rahtvhah ist der Zustand der Unsterblichkeit und der Göttlichkeit.  Amara heißt zum einen unsterblich. Es ist auch eine Bezeichnung für die Götter und die Engelswesen. Amara auch der/die Unsterbliche.

Laya ist vollkommene Auflösung von allem. Aber auch tattwa, die höchste Wahrheit. Tattwa hat wieder verschiedene Bedeutung. Tattwa können die Elemente sein. Es gibt auch zum Beispiel im Sanghia gibt es die 24 Tattwas. Manchmal wird auch von 25 Tattwas gesprochen. Das sind dann Seins Zustände. Aber Tattwa in der Einheit ist das, was in Tath verwurzelt ist und damit in der höchsten Wahrheit.

 

Shunja, Param Pada, Amanaska und Adveita

Dann wird Samadhi auch als Shunja Shunja bezeichnet, als die absolute Leere. Es ist die Leere, die sogar die Nicht-Leere mit einschließt. Dann ist es param pada. Param ist höchster. Pada ist Zustand.

Was ist Samadhi  noch? Samadhi ist Amanaska. Das ist der Zustand ohne den Geist. Manas ist Geist. Amanas ist ohne Geist. Amanaska ist also der Zustand ohne den Geist. Was Patanjali bezeichnet als Niruddha und was wir auch schon vorher hatten als Unmani oder Manomani.

Samadha ist auch Advaita. Was so viel bedeutet „ohne Dualität“. Also jenseits von aller Dualität. Also wenn du den höchsten Samadhi erreicht hast, ist es vollkommene Einheit.

 

Nirahlamba, Niranjana, Jivan Mukta, Sahadscha, Turjia

Nirahlamba beschreibt den Zustand, der nichts braucht. Alamba heißt ja Stütze. Nirahlamba heißt ohne irgendeine Stütze. Samadhi ist auch Niranjana, rein und unbefleckt. Und er führt dazu, dass man Jivan Mukti ist. Also im Zustand der Befreiung. Wenn du Jivan Mukta erreicht hast, dann bist du ein Jivan Mukti. Jivan Mukti ist die Befreiung. Und so ist Jivan Mukti ein anderer Ausdruck für Samadhi. Jivan Mukti heißt auch Sahadscha, der natürliche Zustand. Es ist der Zustand, in dem wir eigentlich sind. Und dieser ist auch Turiya, der vierte Zustand, jenseits von wachen, träumen, tief schlafen.

 

Wiederholung der verschiedenen Namen für Samadhi

Es gibt also verschiedene Namen für Samadhi. Ich will sie alle nochmal erwähnen. Du kannst dir dann auch nochmal bewusst, das willst du erreichen. Verschiedene Aspekte des gleichen Zustandes.

 

  • Raja Yoga - königliche Vereinigung
  • Samadhi – tiefste Versenkung
  • Unmani – Zustand jenseits des Geistes
  • Mano mani - Zustand jenseits des Geistes
  • Amar rathva - Unsterblichkeit
  • Laya – Auflösung
  • Tattwa – das reine Sosein
  • Shunja shunja –die reine Lehre
  • Param pada – der höchste Zustand
  • Amanaska – Zustand jenseits des Geistes
  • Advaita – der Zustand der reinen Einheit – Nichtdualität
  • Nirahlamba – der unbedingte Zustand
  • Niranjana – der unbefleckte Zustand
  • Jivan Mukti – Befreiung zu Lebzeiten
  • Shahaja – natürlicher Zustand
  • Thurya – der 4. Zustand des Überbewusstseins

 

  1. Vers

„So wie sich Salz gleichmäßig verteilt, in Wasser auflöst, so entsteht die Einheit von Geist und Selbst. Dies wird genannt Samadhi und damit Erleuchtung“.

Wenn also die Einheit des Geistes mit dem Atman entsteht, dann sind wir in Erleuchtung. Sayndava, das Salz, löst sich auf in Wasser. Das Wasser ist überall, im Meer zum Beispiel. So ähnlich auch Atma, die Seele, auch sie ist überall. Manas ist der Geist. Über Manas gibt es verschiedene Wesen. Jeder hat so seine eigene Psyche. Das Manas ist natürlich für jeden anders, untereinander verbunden. Wenn sich Manas auflöst in Atman, dann entsteht Samadhi. Das Überbewusstsein.

  1. Vers

„Wenn Prana und Geist vollkommen verebbt sind und der Geist aufgelöst ist, nennt man den harmonischen Zustand, der daraus hervorgeht, Samadhi.“

 

Den Geist zur Ruhe bringen

Also wie kommst du zu Samadhi? Zum einen muss das Prana zur Ruhe kommen. Ist das Prana unruhig, dann ist auch der Geist unruhig. Dann identifizierst du dich mit deinen Gedanken. So sagt es auch Patanjal im zweiten Vers des Yoga Sutras „Yogas Citta vritti nirodaha tadadrastu svarupe vasthanam“. Was so viel heißt wie „Yoga heißt das zur Ruhe-bringen-der-Gedanken des Geistes. Dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen.“

Im 4. Vers sagt Patanjali“ Vritti sarupyam itaratra“. Also „ist der Geist nicht zur Ruhe gebracht, dann identifiziert sich der Sehende mit seinen Gedanken“. Solange der Geist unruhig ist, ist auch eine gewisse Identifikation da. Deshalb bringe den Geist zur Ruhe, dann erreichst du deine wahre Natur. Svatmarama ergänzt hier „bringe dein Prana zur Ruhe“. Das erreichst du, indem du das Prana in die Sushumna hineinbringst und damit kommst du aus der Dualität heraus. Die Dualität ist Ida und Pingala, ist Sonne und Mond. Aus dieser Dualität heraus werden alle 72.000 Nadis belebt. Und du hast hundert Tausend Ideen, was du alles tun willst. Wenn du das Prana zur Ruhe bringst, das Prana von Ida und Pingala in die Sushumna einführst, verschwindet die Dualität. Dann erwacht die Kundalini. Ist diese erwacht, wird der Geist ruhig. Ist der Geist ruhig, dann erreichst du die Erleuchtung und damit Samadhi.

  1. Vers

„Dieser Zustand der Einheit wird durch die Vereinigung von Jivatmam und Paramatman sowie durch die Auflösung aller Gedanken herbeigeführt.“

Jivatman, Paramatman, Pranoshta und Sangkalpa

Der Samadhi Zustand wird also erreicht, indem Jivatmam und Paramatmam als Einheit wahrgenommen werden. Es gibt die Weltenseele, Paramatma, das höchste Bewusstsein. Eins in allem. Die einzelnen Seelen empfinden sich als Individuum, als Jiva. Auch als Jivatma bezeichnet. Also Individualseele. Wenn die Individualseele aufhört sich mit den Gedanken zu identifizieren und damit mit dem Körper, erkennt sie, dass sie Paramatma ist. Also die Universalseele, die höchste Seele, die kosmische Seele. Dies geschieht, wenn alle Ideen, wenn Pranoshta verschwunden ist. Sarava Sangkalpa, alle Vorstellungen, alle Ideen, alle Wünsche und alle mentalen Konstruktionen aufgelöst sind. Sangkalpa ist ein sehr vielfältiger Ausdruck. Er kann Vorsatz bedeuten, oder Affirmation, oder auch Wünsche. Sangkalpa kann auch heißen, alle Gedanken.

 

Alle Wünsche, Vorstellungen und Vorsätze fallen lassen

Samadhi ist, wenn alle Wünsche, Vorstellungen und Vorsätze zum Stillstand gekommen sind. Natürlich ist es richtig, sich gute Vorsätze zu fassen. Aber im Samadhi bist du über alle Vorsätze hinausgewachsen. Du hörst auf, dich als Individuum zu identifizieren. Mache dir immer wieder bewusst, du bist das unsterbliche Selbst. Öfters erkennst du, da sind Wünsche, Gedanken, Vorstellungen, Erwartungen, Hoffnungen. All das sind Sangkalpas, die bezogen sind auf Jivatman, also auf die individuelle Seele. Lasse sie ab und zu einfach mal los. Pranashta, das Verschwinden. Lass alle Sangkalpas verschwinden und erfahre Samadhi. Selbst wenn du noch nicht gleich Samadhi erfährst, kannst du dir mindestens ab und zu mal vornehmen, Gedanken, Wünsche, Hoffnungen loszulassen. Einen Moment lang mal im Hier und Jetzt sein.

 

Vielleicht magst du jetzt auch mal einen Moment innehalten und eine Lesepause einlegen. Ein Moment lang Gedanken, Wünsche loslassen. Erwartungen loslassen. Hoffnungen loslassen. Vorsätze loslassen. Alles loslassen, was du denkst, was du noch alles machen musst. Einen Moment in die Ruhe gehen. Die Tiefe deiner Seele spüren, verbunden sein mit Allem.

  1. Vers

„Derjenige, der die Großartigkeit von Raja Yoga kennt, erlangt mit der Gunst des Gurus Jnana, Mukti, Stitti und Siddi“. 

Im Sanskrit Text kann man das auch als Frage formulieren. In einer anderen Übersetzung heißt es „Wahrlich, wer kennt die wahre Essenz dieses großartigen Zustands von Raja Yoga“?

 

Raja Yoga und Samadhi

Wer kennt die Essenz des großartigen Zustandes von Raja Yoga? Natürlich derjenige, der Samadhi erlangt hat. Svatmarama spielt jetzt mit dem Ausdruck Raja Yoga. Raja Yoga ist ja zum einen der Yoga der Kontrolle des Geistes. Raja Yoga ist auch der Yoga, mit dem du schrittweise lernst den Geist zu beherrschen. Aber Raja Yoga heißt auch der königliche Zustand der Einheit. Es ist also eine Doppelbedeutung. Wie so häufig. Yoga heißt ja sowohl Einheit als auch Verbindung, als auch alle Praktiken, mit denen man zu Harmonie und Einheit hinkommt.

Also wer kennt wirklich Raja Yoga? Es ist eine Essenz. Er sagt dazu auch Mahatmja. Das heißt zum einen die Größe oder die Macht des Raja Yoga. Auch das ist wieder ein Wortspiel. Maha heißt groß, Atma heißt Seele. Mahatmja, ist die Größe. Aber es ist auch der Zustand des großartigen Selbst. Wer kennt diesen Zustand? Natürlich erreicht derjenige diesen Zustand, der Vakja, die Worte des Gurus befolgt.

 

Selbstverwirklichte Lehrer – Wort und Gnade

Es gilt, dass du deinen Lehrer ehrst und du dich öfter auf deinen Lehrer einstimmst. Der Sadguru ist natürlich ein selbstverwirklichter Lehrer. Wie Swami Sivananda. Auf ihn können wir uns immer wieder konzentrieren. Von ihm können wir immer wieder lernen, immer wieder etwas lesen. Wir können sein Bild anschauen und um seinen Segen bitten.

Es sind sowohl die Unterweisungen des Lehrers. Dafür brauchst du vielleicht einen Lehrer, der dir sagt, was zu tun ist. Vielleicht auch die Bücher von Swami Sivananda lesen. Aber du brauchst eben auch die Gnade des Lehrers. Svatmarama spricht hier mehr von Svakja, also vom Wort des Lehrers. Aber es ist eben auch die Gnade. Was erreicht man durch das Wort des Lehrers? Dort erreicht man Jnana. Jnana heißt Wissen und Erkenntnis. Man erreicht Mukti. Mukti heißt Befreiung, also die Erlösung. Die vollkommene Freiheit von allen Bindungen, Wünschen und Karma. Von allen Identifikationen und damit von allem Leid. Man erreicht auch Stitti, Beständigkeit, Dauerhaftigkeit. Der Zustand der Erleuchtung, wenn er vollständig erreicht ist, ist auch von Dauer. Der Körper wird weiter durch Höhen und Tiefen gehen. Auch ein Sadguru, oder auch ein Jivanmukta, ein lebendig Befreiter, werden auch körperliche Krankheiten haben. Der Körper wird irgendwann sterben. Auch der Geist wird weiter in der Lage sein, Emotionen zu erzeugen, vielleicht sogar auch Wünsche.

Aber der Mensch, der Jivanmukta erreicht, wird davon nicht mehr berührt. Er ist dann Stitti. Er hat die vollkommene Ruhe erreicht. Und er hat auch Siddhi erreicht, was Erfolg und Vollkommenheit bedeutet.

Mit Siddhi sind natürlich auch besondere Fähigkeiten gemeint. Aber hier steht Siddhi mehr in der Einzahl, und steht für Vollkommenheit.

  1. Vers

„Ohne die gütige Gnade des Gurus und ohne Gleichgültigkeit gegen über weltlichen Vergnügungen, sind die wirkliche Erkenntnis der Wahrheit und der Zustand des Samadhi, der Erleuchtung ganz und gar unmöglich oder auch schwer zu erlangen“. 

Ausführungen zu den Begriffen Duhrlaba, Vishaja tjaga, Sahajavasta und Tava

Svatmarama sagt also Duhrlaba, schwer zu erlangen. Es gibt verschiedene Übersetzungen. In einer anderen Übersetzung heißt es „Schwer zu erlangen (also Duhrlaba)  ist zum einen Vishaja tjaga. Tjaga heißt die Entsagung. Und Vishjaja ist alles Sichtbare, alle Sinnesobjekte. Also Vishaja tjaga ist schon mal schwer zu erlangen. Ebenfalls schwer zu erlangen ist Tatva Dharshana. Also die unmittelbare Erkenntnis dharshana, von Tava, höchster Wahrheit. Dhurlabha, in der Bedeutung von „schwer zu erlangen“ ist auch Sahajavasta, also der natürliche Zustand der Erleuchtung. Und zwar alles schwer zu erlangen, vina, ohne Karuna, also der Gnade, des Mitgefühl, der Liebe eines Sadgurus. Eines selbstverwirklichten Meisters.

 

Verehrung und Gnade des spirituellen Meisters

Mit anderen Worten, verehre den Sadguru, den spirituellen Meister. Er wird dir helfen zur Erleuchtung zu kommen. Ohne diese Gnade ist es schwer. Swami Vishnu hat es sogar übersetzt mit „es ist ganz und gar unmöglich“. Svatmarama beschreibt es mit dhurla bah, womit „schwer zu erlangen“ gemeint ist.

Um zur Erleuchtung zu kommen, muss man zunächst die Gleichgültigkeit gegenüber den Sinnesobjekten bekommen. In einem nächsten Schritt kommt man dann zur Erkenntnis der Wahrheit. Und damit zum höchsten Zustand der Erleuchtung.

 

Rezitation des letzten Verses

Zum Abschluss dieser Ausführungen über Samadhi in der Hatha Yoga Pradipika will ich nochmals den letzten Vers rezitieren durlabho vishaya-tyago durlabham tattva-darshanam durlabha sahajavastha sad-guroh karunam vina

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Dhyana Samadhi, Mani Avastha und Befreiung

Rezitation des 1. Verses des 4. Kapitels als Anrufung von Guru und Shiva, um somit göttlichen Segen anzurufen für alle Verse des 4. Kapitels, die ich in dieser Reihe kommentieren werde.

Öffne dich für die Kraft und Wirkung des Mantras

* OM OM  OM 

* OM Namah Shivaya Guraveh Nada Bindu kalatmane Niranjana padam yati nityam tatra parayanah

* Om Namah Shivaya Guraveh Sat chidananda murtaje Nishprapanjaya shantaya Shri Sivanandaya te namah Shri Vishnu-devanandaya te namah

 

Konzentrations – und Meditationstechniken

Das 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika (HYP) ist das Abschlusskapitel. Das letzte Kapitel. Hier will uns Svatmarama, der Autor der Hatha Yoga Pradipika, zu Samadhi führen. Er beschreibt verschiedene Konzentration – und Meditationstechniken der Hatha Yoga Pradipika. Insbesondere die Shambhavi Mudra Meditation. Er beschreibt die Nada Yoga Meditation, die dann übergeht in Laya Meditation. Schließlich spricht Svatmarama über die Konsequenzen, wenn ein Yogi in Samadhi kommt. Er beschreibt auch Unmani Avasta, den Zustand der Befreiung jenseits des Geistes, Moksha.

 

Am 4. Kapitel wird noch mal deutlich, dass Hatha Yoga eben weit über Übungen für Therapie, Gesundheit, Wohlbefinden, für mehr Energie, für Gelassenheit des Geistes hinausgeht. Als solches wird Hatha Yoga ja auch im Ayurveda gelehrt. Hatha Yoga ist ein Teil des Ayurvedas.

Aber Hatha Yoga geht eben auch darüber hinaus. Es dient insbesondere dazu, Prana zu harmonisieren. Die Energie aus den anderen Nadis in die Sushumna, in die feinstoffliche Wirbelsäule zu bringen. Dann die Energie durch die Sushumna nach oben zu bringen, dabei die Chakras zu öffnen. Dann ist tiefe Mediation möglich. Ist die Energie in der Sushumna, dann entsteht Dhyana, die Meditation.

Fließt die Energie weiter nach oben,  kommt es zu Samadhi. Wenn die Kundalini vollständig erwacht ist, und sich im Sahasrara Chakra befindet, dann ist Nirwikalpa Samadhi erreicht. Oder wie es Svatmamara im 4. Kapitel bezeichnet Nishpatti Avastha, der unbedingte Zustand jenseits von allem Vorstellungsvermögen. Samadhi. Dann ist das Ziel des Lebens erreicht.

  1. Kapitel als Erfüllung des Hatha Yoga

Techniken über Mudras

So ist dieses 4. Kapitel der HYP praktisch die Erfüllung des Hatha Yoga. Hier geht es tatsächlich um Meditationstechniken. Die Techniken, die Svatmarama vorschlägt, sind insbesondere  Shambavi Mudra. Was eine gewisse Konzentration auf die Chakras in Verbindung mit besonderen Augenhaltungen bedeutet.

Als zweites Nada Yoga, die Konzentration auf den inneren Klang. Svatmarama beschreibt auch die verschiedenen Stadien des inneren Klanges. Er macht es zum einen sehr fortgeschritten, aber dann gibt er auch ein paar praktische Übungen, die man selbst üben kann. Letztlich werden diese Hatha Yoga Pradipika Meditationstechniken erreicht über Mudras.

Mudras für das Zur-Ruhe-kommen des Geistes

Mudras wie Shambavi Mudra, Yonih Mudra und Ketchari Mudra verhelfen dazu, dass der Geist ruhig wird. Ist der Geist ruhig, dann kann er in die tiefe Meditation gehen und dann auch in die Stadien von Dhyana und Samadhi kommen. Svatmarama beschreibt dann die verschiedenen Samadhi Stufen von Alamba Avastha bis zum höchsten Zustand, Nishpatti Avastha.

Übersicht über die Kapitel der Hatha Yoga Pradipika

So kannst du also gespannt sein auf die ganzen Verse des 4. Kapitels. Interessanter hat es sehr viele Verse, 114 insgesamt. Damit ist es das zweitlängste Kapitel. Das längste Kapitel ist das 3. Kapitel, wo es um Mudras und Kundalini Erweckung geht. Danach folgt noch das zweite Kapitel, wo es um Pranayama, Prana geht und Kryas geht. Im 1. Kapitel geht es um Asanas und um Hatha Yoga, Yama und Niyama. Es ist das kürzeste Kapitel.

So kann man sehen, in der Hatha Yoga Pradipika geht es im Hatha Yoga auch um Spiritualität und darum, die Gottverwirklichung, die Erleuchtung zu erreichen.

 

Die gesamte HYP findest du auch auf unseren Internetseiten: www.schriften.yoga-vidya.de

Dort findest du alle Verse der Hatha Yoga Pradipika auf Devanagari, in der Transliteration, in der Übersetzung, mehrere Kommentare von Brahmananda sowie verschiedene Kommentare von mir und von anderen.

OM Namah Shivaya Guraveh Nada Bindu kalatmane Niranjana padam yati nityam tatra parayanah

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Mudras und Raja Yoga – Kommentar zu den Versen 126 bis 130 der Hatha Yoga Pradipika, 3. Kapitel

  1. Vers: Svatmarama sagt: „Ohne Raja Yoga gibt es keine Erde, ohne Raja Yoga keine Nacht und ohne Raja Yoga scheinen sogar die vielfältigen Mudras nicht.“

Hier bezieht er sich so ein bisschen auf einen Vers der Upanishaden, wo er auch sagt: „Ohne Brahman strahlen nicht der Mond, nicht die Sonne, nicht die Sterne und auch das Agni usw. nicht. Sondern letztlich hat alles sein Licht von Brahman.“. Hier sagt er auch: „Alle Praktiken, die wir im Hatha Yoga üben, ohne dabei auch Raja Yoga (Kontrolle des Geistes) zu üben, wirkt nichts.“ „Keine Erde“: Mit „Erde“ kann man sagen, ist eine gewisse Festigkeit und letztlich auch Verbindung mit allem auf dieser Erde gemeint. „Ohne Raja Yoga keine Nacht“, Nacht heißt Ruhe des Geistes, Samadhi. Ohne dass du bewusst Raja Yoga übst, kommst du auch nicht in Samadhi hinein. Und ohne Raja Yoga wirken die Mudras nicht. Es ist also wichtig, dass du bei allen Hatha Yoga Techniken konzentriert bist.

  1. Vers: „Alle Verfahren, die den Atem und das Prana betreffen, sollen mit einem auf das Subjekt konzentriertem Geist ausgeführt werden. Der Weise sollte seinen Geist nicht erlauben, während der spirituelles Praxis zu wandern.“

Hier sagt er: „Wann immer du Hatha Yoga übst, sei konzentriert.“ Ich kann mich erinnern, ich habe öfters Swami V. technische Sachen gefragt. Ich wollte wissen, wie setzt man die Zunge hin, wie geht Vajroli Mudra, wie geht Shakti Chalini, wie macht man Nauli genau und vieles andere. Manchmal sagte er es mir. Wenn ich aber viel zu technisch war, hat er immer gesagt: „Don’t worry about details. Concentration is more important.“ Mache dir nicht so viele Gedanken über die Details. Es ist die Konzentration, die besonders wichtig ist. Also, konzentrieren soll man sich. Wann immer du Pranayama, Asanas, Mudras übst, versuche es so konzentriert wie möglich zu machen. Patanjali sagt ja auch: „Konzentriere dich so, wie es dir liegt.“ Wir haben bei Yoga Vidya ja auch viele Techniken, wie man sich konzentrieren kann. Du kannst dich auf den Atem konzentrieren. Du kannst dich auf das konzentrieren, was du fühlst und spürst. Wiederhole ein Mantra und mache eine Visualisierung. Du kannst Bewusstseinswanderungen machen. Letztlich sind die Beschreibungen, die Svatmarama für die Wirkungen der Stellungen gibt, auch Konzentrationstechniken. Wenn er sagt, da ist die schlafende Witwe unten im Muladhara Chakra oder über dem Kanda Punkt, dann kannst du dir auch eine Knolle vorstellen. Da kannst du dir Flüsse oder eine Yogini, die dort meditiert, vorstellen. Oder wenn er von der aufgerollten Schlange spricht, kannst du sie dir auch vorstellen. Oder arbeite einfach mit Mantra, Lichtvisualisierung, Yantra usw. Aber sei konzentriert.

  1. Vers: „So wurden die zehn Mudras von Adinath (Shiva) beschrieben. Jemand, der Selbstzucht besitzt, kann durch irgendeines von ihnen große Vollkommenheit erreichen.“

Zehn Mudras wurden beschreiben. Im nächsten Kapitel wird insbesondere noch Shambhavi Mudra beschrieben. Aber zehn Mudras beschreibt er. Diese zehn Mudras verleihen Siddhi (Vollkommenheit, außergewöhnliche Kräfte und Fähigkeiten). Diese wurden von Adinatha (Shiva) weitergegeben. Und damit auch von śambhunā, also von Shambhu. Wobei Shambu auch Wohlwollen heißt. Das ganz ist Wohlwollen. So sollten wir diese mit Ehrerbietung behandeln. Wann immer wir Yoga praktizieren. Letztlich heißt es, sie sind uns von Gott offenbart worden. Das soll heißen, wir wollen mit Demut und Ehrerbietung praktizieren. Wir sollten Respekt vor diesen Praktiken haben. Diese Techniken sollten wir mit Selbstzucht praktizieren. Wir sollten selbst daran arbeiten, dass wir unseren Geist beherrschen, tugendhaft sind, unsere Ernährung beherrschen und so weiter.

  1. Vers: „Derjenige, welcher das Geheimnis, wie sie von Guru (Lehrer) zu Guru weitergegeben wurde, lehrt, ist der wahre Guru. Er kann Ishvara in menschlicher Gestalt genannt werden.“

Wenn du fortgeschrittene Hatha Yoga Techniken lernst, ist zunächst einmal wichtig, dass du prüfst. Derjenige, der sie dich lehrt, hat er eine gute Anweisung bekommen? Von wem hat er sie gelernt? Alles, was man sich selbst beibringt, ist schwierig. Du kannst zwar mit unseren, ich habe ja einen 5-wöchigen Pranayama Kurs ins Internet gestellt. Damit kannst du einiges üben. Aber es reicht nicht aus, um es weiterzugeben. Für dich selbst kannst du üben. Aber, um es weiterzugeben, musst du dafür autorisiert sein. Du brauchst dafür eine spirituelle Kraft, um es weiterzugeben. Das Geheimnis der Mudras ist nicht nur Technik, sondern da fließt auch spirituelle Kraft mit. Wenn du praktizierst, dann öffne dich auch für die spirituelle Kraft, die in dich hineinfließt. Wenn du einen Lehrer hast, der dich das gut lehrt, selbst praktiziert, es selbst gelernt hat, dann habe Respekt für ihn. So kann die Energie zu dir weitergehen.

  1. Vers: „Derjenige, der sorgfältig den Worten des Gurus folgt und die Mudras aufmerksam übt, erlangt Siddhi (die Vollkommenheit), verschiedene außergewöhnliche Fähigkeiten und auch die Kunst, über die Zeit hinauszuwachsen.“

Erst hat er den Guru gelobt, aber hier lobt er den Schüler. Der Guru ist Gott selbst, aber wer intensiv praktiziert, wird auch die Vollkommenheit erlangen. So schließt das dritte Kapitel der Hatha Yoga Pradipika zum Thema Mudras.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Voraussetzungen für die Erweckung der Kundalini – Kommentar zu den Versen 121 bis 125, 3. Kapitel, Hatha Yoga Pradipika

  1. Vers: „Nur ein Yoga, der das Leben eines Brahmacharyas führt, eine gemäßigte und nahrhafte Diät befolgt erlangt Vollkommenheit in der Handhabung der Kundalini innerhalb von 40 Tagen.“

Gerade dieser Vers wird auf unterschiedliche Weisen übersetzt. Zunächst gilt es Brahmacharya zu üben. Brahmacharya heißt zum einen sexuelle Enthaltsamkeit. Allerdings hat er ein paar Verse vorher gesagt, wie man Geschlechtsverkehr spiritualisieren kann. So kann man Brahmacharya auch jemanden bezeichnen, der sein Leben auf Gott ausrichtet. Wenn man die Kundalini erwecken will, sollte man auch sonst all sein Tun auf Gott ausrichten. Zweitens gilt es „hita“ (heilsame Nahrung) zu sich zu nehmen. Wobei „hita“ allgemein „heilsam“ ist. Das heißt, man sollte allgemein Heilsames zu sich nehmen. Heilsames ist natürlich zum einen das Essen. Man sollte eine gemäßigte und nahrhafte Diät befolgen. Aber auch sonst darauf achten, dass man seinen Geist nur mit Sattvigem füttert. Wer also eine sattvige Ernährung hat, aber eine rajasige oder tamasige Musik hört, im Internet oder sozialen Medien jedem Skandal nachgeht, sich alle möglichen komischen Dinge anhört und Klatschgeschichten verbreitet, das ist auch nicht gut. Also, erfreue dich am Leben des spirituellen Schülers. Sei also ein spiritueller Schüler, ausgerichtet an Brahman. Nimm Gutes zu dir und dann übe Kundalini Praxis. Dann wirst du „innerhalb von 40 Tagen“ sagt er hier die Selbstverwirklichung erreichen. Wobei da „maṇḍalāt“ steht. „Maṇḍalāt“ heißt eigentlich „nach 40 Tagen“. Es kann aber auch heißen: Praktiziere den Kreis von spirituellen Praktiken. Also, vieles ist dort doppeldeutig. Übe also den Kreis der spirituellen Praktiken des Kundalini Yoga. So wirst du Siddhi (Vollkommenheit) erreichen. Meist wird „Siddhi“ als „übernatürliche Kräfte“ übersetzt, Aber hier steht eigentlich „siddhiḥ“. Das kann man auch als Erfolg, Vollkommenheit, Verwirklichung deuten.

  1. Vers: „Praktiziere im Besonderen Bhastrika, um die Kundalini in Bewegung zu versetzen. Jemand, der in Yama gefestigt ist und das praktiziert, braucht den Tod nie zu fürchten.“

Das heißt zum einen: Übe Bhastrika. Mit Bhastrika kannst du die Kundalini in Bewegung setzen. Dann gilt es auch, in „Yama“ gefestigt zu sein, also die zehn Yamas, die Svatmarama vorher beschrieben hat. Vielleicht erinnerst du dich, bei Patanjali gibt es die fünf Yamas Ahimsa, Satya, Asteya, Aparigraha und Brahmacharya. Svatmarama kennt zehn Yamas. Die sollte man üben. Es reicht nicht aus, nur physisch zu praktizieren. Sondern es ist auch wichtig, die Ethik gefestigt zu halten. Ansonsten wird man zum Dämonen. Wer viel Prana hat, aber nicht ethisch ist und dann das Prana, das er vielleicht durch intensive Atemübungen und Kundalini Yoga bekommt, für Macht, Einfluss, Charisma, Vergnügen und Reichtum nutzt, der ist letztlich ein Asura. Im alten Indien gibt es immer wieder Beschreibungen von Asuras, die intensive spirituelle Praktiken gemacht haben. Atemübungen, gefastet, auf einem Bein gestanden, andere Asanas, viel meditiert, Mantras rezitiert und so weiter. Und die nachher ihre Kräfte für Macht, Vergnügen usw. missbraucht haben. Da musste sich irgendwann Gott inkarnieren, um sie wieder zu beseitigen. Also sei nicht egoistisch, sondern praktiziere zusammen mit Kundalini Yoga die Yamas.

  1. Vers: „Um die Unreinheiten der 72 000 Nadis zu beseitigen, gibt es nichts Besseres als die Praxis von Kundalini.“

Natürlich heißt, erst einmal sollte man alles tun, um die Nadis zu reinigen. Aber du brauchst nicht zu warten bis du vollständig gereinigt bist. Wenn du wartest bis du vielleicht in den fünf Yamas und den fünf Niyamas vollkommen bist, jetzt reduziere ich es wieder auf fünf, kannst du ewig warten. Übe spirituelle Praktiken. Übe Asana, Pranayama, Bandha, sattvige Ernährung. Kultiviere auch die Tugenden. Alles zusammen kann dir helfen, die Nadis zu reinigen, Sushumna zu öffnen und Gott zu verwirklichen.

  1. Vers: „Die mittlere Nadi (Sushumna) wird durch die beständige Praxis der Yogis hinsichtlich Asanas, Pranayama und Mudras gestreckt und geöffnet.“

Wenn du die Praktiken machst, wird der mittlere Energiekanal geöffnet und dann kann die Kundalini nach oben steigen.

  1. Vers: „Derjenige, der dies übt, den Geist fest konzentriert, ohne nachlässig zu werden, erlangt durch Shambhavi oder irgendein anderes Mudra die Vollkommenheit.“

Hier kann man sagen: Du erreichst die Vollkommenheit durch irgendein Mudra. Du musst es nur üben. Wie solltest du es üben? Eben so, wie er es beschrieben hat. Er hat erst gesagt: „Shakti Chalini erweckt die Kundalini.“. Dann sagt er: „Aber damit Shakti Chalini die Kundalini erweckt gilt es, dass du insgesamt dein Leben auf Brahman ausrichtet. Dass du ernährungsmäßig und anders sattviges, wohltuendes zu dir nimmst. Es gilt, dass du die fünf oder zehn Yamas und Niyamas übst. Und dann gilt es auch den Geist zu konzentrieren und das, was du praktizierst, bewusst zu machen. Und dann kannst du durch jedes Mudra zur Vollkommenheit kommen. Nicht nur durch Shakti Chalini.“.

 

Andere deuten, dass man sagt: „Durch Shambhavi Mudra kommst du letztlich zur Vollkommenheit.“ Also praktiziere die verschiedenen Mudras und zum Schluss übe Shambhavi Mudra. Was Shambhavi Mudra ist, beschreibt er im 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika.

Übe also Shakti Chalini. Überlege nochmal: Richtest du wirklich dein Denken und Streben auf Brahman, Gott, das Göttliche, spirituelles Leben aus? Ist das, was du zu dir nimmst, in deine Sinne (Augen, Ohren, Mund, Nase, …) hineingibst, wirklich sattvig? Praktizierst du wirklich intensiv und wie steht es mit deiner Konzentration und Bewusstheit?

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Erweckung der Kundalini mittels Shakti Chalani – Hatha Yoga Pradipika, 3. Kapitel, Verse 114 bis 120

Shakti Chalani gehört zu den intensiv beschriebenen Übungen in der Hatha Yoga Pradipika. Letztlich hat er vorher schon ab Vers 104 darüber geschrieben. Verse 104 bis 120 sind alles Verse über Shakti Chalani. Jetzt sagt er, wie man Shakti Chalani üben soll.

  1. Vers: „In Vajrasana sitzend soll der Yogi beide Füße fest halten, am Platz nah am Knöchel und den Kanda dort drücken.“
  2. Vers: „Der Yogi, in Vajrasana sitzend, soll, nachdem er die Kundalini bewegt hat, fortwährend Bhastrika üben. Er soll die Kundalini schnell erwecken.“
  3. Vers: „Der Yogi soll die Sonne zusammenziehen, und die Kundalini bewegen. Wo ist dann die Furcht vor dem Tod, selbst wenn er vor den Mund des Todes kommt?“
  4. Vers: „Durch dieses furchtlose Schütteln über zweimal 48 (ca. 96) Minuten lang, geht die Kundalini in der Sushumna ein wenig nach oben.“

Hier beschreibt er die Technik. Heute kennen wir Vajrasana als Fersensitz. Du könntest theoretisch in den Fersensitz gehen, die Hände auf die Fußgelenke geben. Dabei ist es am besten, du hast die Füße so weit auseinander, dass das Becken auf den Boden ist. Dabei übst du so fest du kannst Bhastrika. Danach übst du Nauli oder Agni Sara. Dann atmest du durch das rechte Nasenloch ein, hältst die Luft an. Dann gibst du das Becken immer wieder hoch und runter, immer wieder auf den Boden. Danach atmest du links aus. Vajrasana wir nicht immer nur die Bezeichnung für den Fersensitz. Vajrasana gibt es auch, wo du die Füße kreuzt und die Fersen direkt unter dem Kanda hast. Die Fersen kreuzen sich, dann sind die Fersen ganz nah beieinander und du bringst sie an den Kandapunkt. Du lässt den Beckenboden immer wieder darauf hinunter. Oder du kannst einfach den Lotussitz nehmen.

Das ist das, was Swami V. empfohlen hat, wenn du den Lotussitz kannst. Es geht auch in jeder anderen sitzenden Stellung, sogar auf den Stuhl: Hände auf den Boden und Becken heben und senken. Dann sagt er noch „Sonne zusammenziehen“. „Sonne zusammenziehen“ kann man zum einen als Bhastrika-Atem interpretieren, wo du mit dem Bauch atmest, natürlich auch mit der Brust. Man kann es auch interpretieren, dass du bevor du einatmest, ausgeatmet hast und dabei Uddiyana Bandha übst (Bauch einziehen). Dann rechts einatmen und Kundalini aktivieren, indem du das Becken hebst und senkst. Oder du kannst Uddiyana Bandha auch mit leeren Lungen üben, dann Shakti Chalani üben, indem du das Becken hebst und senkst. Und dann rechts einatmen und Luft anhalten und dann nochmals Becken heben und senken. Es gibt also so mehrere Variationen. Er empfiehlt, das eineinhalb Stunden lang zu praktizieren. Eine Runde nach der anderen. Dazu brauchst du gesunde Lungen und du musst ein gereinigtes Energiesystem haben. Es ist auch das Ende des 3. Kapitels. Du solltest schon eine reine Ernährung haben, täglich Asanas üben, schon eine Phase gemacht haben, wo du wirklich viel Wechselatmung geübt hast. Wo du dann die Ashtakumbhakas, insbesondere Ujjayi, Surya Bheda und Bhastrika, geübt hast. Und dann hatte er schon vorher über Uddiyana Bandha gesprochen, das du auch vorher geübt haben solltest. Und dann kommt Shakti Chalani.

  1. Vers: „Dadurch verlässt die Kundalini sicher ihren Platz von diesem Mund der Sushumna. Daher kann dieses Prana alleine sich in der Sushumna bewegen.“
  2. Vers: „Deshalb soll er fortwährend die gemütlich schlummernde Arundhati bewegen. Dadurch ist der Yogi durch das Bewegen wahrlich von Krankheiten befreit.“

So kann man die Arundhati (die Kundalini Energie) aktivieren. Wenn Kundalini aktiviert ist, sind wir von allem befreit. Ob man dann immer physisch gesund ist, ist eine andere Frage. In jedem Fall werden wir geistig und spirituell gesund sein.

  1. Vers: „Durch dieses Schütteln der Kraft (Shakti Chalani, sañcālitā śaktiḥ) wird der Yogi zum Empfänger von übernatürlichen Kräften (Siddhi). Warum mehr darüber sprechen? Spielend überwindet er die alles zerstörende Zeit (Kala).“

Er will uns ermutigen: Mach das! Bevor du jetzt intensiv Shakti Chalani Mudra übst, übe alles andere. In den Yoga Vidya Ashrams lernst du im Rahmen des Kundalini Yogas, der 2-jährigen Yogalehrer Ausbildung oder den Hatha Yoga Pradipika Weiterbildungen, wie du Shakti Chalani Mudra in deine normale Praxis integrieren kannst.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Hier beschreibt Svatmarama, Kanda. Kanda wird auch als Wurzelknolle bezeichnet. Sie erstreckt sich bis eine Spanne oberhalb des Muladhara Chakras und ist vier Finger breit. Kanda wird beschrieben als zart, weiß und wie in Baumwolle gehüllt. Aus Kanda entspringen die 72.000 Nadis.

 

Verschiedene Beschreibungen zu Kanda und seine Lokalisation

Zu Kanda gibt es verschiedene Aussagen. Manche meinen, dass Kanda sei nur oberhalb des Nabels, manche sagen, es befindet sich hinter dem Nabel. Es heißt auch, dass aus Kanda alle 72.000 Nadis entspringen. Kanda ist die Wurzelknolle und wenn man letztlich alle verschiedenen Schriften zusammen bringt, dann kommt man dazu, dass Kanda so etwas ist wie ein Ei. Der untere Teil dieses Eis ist zwischen Geschlechtsorganen und Anus. Also im hinteren Teil der Scheide. Svatmarama nennt das an mehreren Stellen Kanda Yonih. Ich nenne es gerne Kanda Punkt. Also der untere Punkt, wo sich auch die Ferse befindet, wenn man in Sidasana sitzt. Oder auch den Punkt, den man aktiviert eben durch verschiedene Mudras.

Kanda, als Ei, reicht dann nach oben, in den Bauchraum hinein. Svatmarama sagt hier, dass es zwölf Finger weit nach oben geht, das sind 31 Zentimeter, reicht also bis in den Bauchraum hinein. Manche sagen, dass es nur bis hinter den Nabel geht, das sind nicht ganz 31 Zentimeter, vielleicht höchstens 25 Zentimeter. Andere sagen, dass Kanda den ganzen Bereich umfasst, in dem sich die unteren drei Chakras befinden. Und so ist das diese Zentrale.

 

Kanda im Vergleich mit anderen Traditionen

In Japan gibt es den sogenannten Harra. Dieser befindet sich etwas unter dem Nabel, Harra spielt in verschiedenen fernöstlichen Kampfsportarten eine gewisse Rolle. Dabei ist Harra eine Stelle im Bauch, auf die man sich zentrieren soll. Dieser Punkt, spielt in der traditionellen chinesischen Medizin, in Japan und in vielen Kampfsportarten eine wichtige Rolle als zentraler Energiepunkt. Er ist quasi in der Mitte von diesem Kanda.

 

Sushumna Nadi und Saraswati Nadi

Kanda verbindet letztlich die Energie der unteren drei Chakras. Es gibt in diesem Bereich drei Nadis. Zum einen die Sushumna Nadi, die mehr hinten in der Wirbelsäule verläuft. Weiter vorne gibt es Nadi und das wird in manchen Büchern als Saraswati Nadi bezeichnet. Die also die vorderen Bereiche der Chakras miteinander verbindet. Und Kanda ist letztlich dazwischen als eine Wurzelknolle, wie ein Ei.

Kanda stellt man sich also vor als zarter und weißer Punkt, der in wie in einen Baumwollstoff gewickelt erscheint. Und hier sind die verschiedenen Nadis zu finden.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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YVS470 Shakti Chalani Mudra – HYP III 104-112

Shakti Chalani in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 104 bis 112 des 3. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika

  1. Vers: atha śakti-cālanam-kuṭilāṅgī kuṇḍalinī bhujaṅgī śaktir īśvarī |kuṇḍaly arundhatī caite śabdāḥ paryāya-vācakāḥ ||104||

„Jetzt wird Shaktichalani erklärt: Die mit gekrümmten Gliedern (Kutilangi), die aufgerollte Schlange (Kundalini), die Schlange (Bhujangi), Energie (Shakti), Göttin (Ishvari), die Aufgerollte (Kundali) und der Morgenstern (Arundhati) – diese Wörter sind Synonyme.“

Damit gibt uns Svatmarama einen gewissen Schlüssel für verschiedene Mythen. Wir finden in manchen Mythen einen Bezug auf die Morgenröte (Arundhati). Dann wird irgendetwas von einer Energie (der Shakti) gesprochen, die Göttin (Ishvari) wird angesprochen und wir finden Schlagen (Bhujangi). Er sagt, das sind alles Bezeichnungen für die Kundalini.

  1. Vers: „So wie man eine Tür vermöge eines Schlüssels aufschließt, genau so öffnet der Yogi das Tor zur Befreiung mithilfe der Kundalini durch (die Praxis von) Hatha-Yoga.“

Wir brauchen einen Schlüssel, um ein Tor aufzumachen. Wir öffnen das Tor zur Befreiung durch die Erweckung der Kundalini. Das können wir durch Hatha Yoga erreichen. So hat Hatha Yoga eben einen Sinn, die Kundalini zu erwecken.

  1. Vers: „Die schlafende Göttin blockiert mit ihrem Mund diesen Weg bedeckend durch den der Ort Brahmas, der frei ist von Krankheit, erreicht wird.“

Also die Kundalini ist im Muladhara Chakra, unterstes Chakra. Dabei ist ihr Mund nach unten am Eingang der Sushumna und so wird der Weg blockiert. Der Ort von Brahman ist Sahasrara Chakra. Die Sushumna ist der Weg. Wenn Brahman erreicht ist, sind wir frei von allen Krankheiten, von allen Problemen des Lebens. So gilt es die schlafende Göttin zu erwecken.

  1. Vers: „Oberhalb des Kanda schläft die Kundalini (Kundalinishakti), die zur Befreiung des Yogi, und zur Fessel für den Verwirrten wird. Wer diese kennt, ist ein Kenner des Yoga (Yogavit).“

Der Kanda ist eigentlich ein ganzes Energieei, das vom Beckenboden ausgeht und bis in der Nabelgegend ist. Aber er spricht hier vom Kandapunkt, die untere Wurzelknolle. Das ist beim Mann zwischen Hodensack und Anus und bei der Frau der ganze Bereich von Scheide bis zum Damm. Von der geht der Kanda bis in die Nabelgegend und sieht eben wie ein Ei oder eine Knolle aus. Die Kundalini schläft oberhalb des Kanda, eben da, wo das Muladhara Chakra ist. Wenn die Kundalini erwacht, führt es zur Befreiung. Ist die Kundalini eingeschlafen, ist der Verwirrte wie gefesselt.

  1. Vers: „Die Kundalini, sagt man, ist von gewundener Gestalt wie eine Schlange. Wer diese Kraft (Shakti) schüttelt, ist befreit. Darüber besteht kein Zweifel.“

Die Kundalini sollte man schütteln. Schütteln soll heißen: Intensiv aktivieren. Wie macht man das? Darüber wird er nachher sprechen. Die gewundene Schlange soll auch heißen, in Indien gibt es Schlangen, die erst einmal friedlich aussehen und aufgerollt sind, wenn man sie reizt gehen sie plötzlich nach oben und das kann auch bedrohlich sein.

  1. Vers: „In der Mitte zwischen dem Ganga- und Yamuna-Fluss soll die junge Asketen-Witwe mit Gewalt gefangen werden. Dieses ist der beste Fußabdruck von Vishnu.“

Das bezieht sich auf einen Mythos. Dort gibt es die junge Asketenwitwe, die in dem Mythos dadurch Befreiung bringt, dass man mit ihr ringt. Sie könnte auch durch einen freundlichen Fuß von Vishnu zum Höchsten kommen. Oder wenn man einen Fußabdruck von Vishnu findet, wird man auch zum höchsten Ort kommen. Man kann auch sagen, dass „viṣṇoḥ paramaṁ padam“ auch der Ort ist. Man kann statt „Fußabdruck von Vishnu“ auch sagen: „Es führt zum höchsten Ort von Vishnu.“. Die Kundalini ist zwischen Ganga und Yamuna. Ganga und Yamuna symbolisieren Ida und Pingala. Dann gibt es noch den Saraswati Fluss. Der symbolisiert die Sushumna. Der gilt als subtiler Fluss. Die Ganga und Yamuna treffen sich. Es heißt, dass dort drei Flüsse zusammenkommen. Deshalb heißt es „Triveni“. Der dritte Fluss ist Sarasvati, der subtil ist. So gibt es Ida und Pingala, die Mond- und Sonnenenergien transportieren. Dort in der Mitte ist die Asketenwitwe Kundalini. Diese soll man aktivieren. Dann fließt sie durch die Sushumna nach oben und man kommt zum höchsten Ort von Vishnu.

  1. Vers: „Der Ida-Energiekanal (Nadi) ist der heilige Ganga-Fluss. Der Pingala-Energiekanal (Nadi) ist der Yamuna-Fluss. Und in der Mitte zwischen Ida und Pingala ist die Kundalini, die junge Witwe.“

Witwe, eigentlich kann man Strohwitwe sagen. Warum Witwe? Sie ist nicht mit Shiva vereinigt. Letztlich will Kundalini als Shakti eins mit Shiva werden. Solange die Kundalini von Shiva getrennt ist, ist sie eine Witwe. Letztlich eine Strohwitwe.

Jetzt geht es darum, wie wir die Kundalini erwecken: 111. Vers: „Fasse die schlafende Schlange (Bhujanga) an ihrem Schwanz und wecke diese auf. Den Schlaf zurücklassend geht diese Shakti durch die Kraft nach oben.“

„Pucche“ (Am Schwanz, am hinteren Ende) soll man sie „pragṛhya“ (ergreifen, besteht aus „pra“ und „grah“). So soll man sie erwecken. Es wird nicht genau gesagt, wie man die Schlange dort ergreift. Letztlich wird gesagt, dass Shakti Chalani bedeutet, dass du dich in den Lotussitz setzt, erst Bhastrika übst, so das Prana in Bewegung bringst. Dann atmest du ein, gibst die Hände auf den Boden und hebst und senkst das Becken wieder und wieder. Dabei wird der Kanda immer wieder auf den Boden kommen. Du hältst aber auch Mula Bandha. Das aktiviert die Kundalini. Du kannst auch sagen, das ist „pra grah“, das Aktivieren von „Bhujangi supta“ (die schlafende Schlange). So wird sie aus ihrem Schlaf erweckt und die Shakti (Energie) geht nach oben. Das soll man mit Macht machen. Hier steht ja auch mit „haṭhāt“. Haṭhāt heißt mit Macht, Kraft und zwangsläufig, unbeirrt. Man kann auch sagen, dass man das mit Hatha Yoga macht. Also aktivieren wir die Energie mit Shakti Chalani Mudra und bringen die Energie so nach oben.

  1. Vers: „Und bewege so immer diese ruhende Schlange am Morgen und am Abend für eineinhalb Stunden. Atme ein durch das rechte Nasenloch (Surya) und fasse mit der Paridhana Technik.“

Da gibt es verschiedene Interpretationen von. Zunächst sagt er: Du übst Shakti Chalani zweimal am Tag, morgens und abends für eineinhalb Stunden. Er gibt im 2. Und 3. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika verschiedene intensive Praktiken. Er sagt an einer Stelle: Achtmal am Tag sollte man die drei Mudras üben. Dann sagt er, man soll zweimal oder immer wieder am Tag Uddiyana Bandha üben. Hier sagt er, dass man morgens und abends eineinhalb Stunden lang Shakti Chalani übt. Dabei atmet man immer durch das rechte Nasenloch ein, hält die Luft an und atmet anschließend links aus. Die Paridhana Technik wir manchmal Nauli genannt. Paridhana heißt „die Methode des Umlegens“. Das heißt, dass man im Sitzen nach dem Ausatmen Nauli übt. Dann atmet man rechts ein, hält die Luft an und hebt und senkt das Becken wieder und wieder. So kann man die Kundalini erwecken. Auf gewisse Weise ist das Teil der Bhastrika Mudra Reihe wie wir sie bei Yoga Vidya lehren. Wir machen es aber nicht eineinhalb Stunden, sondern vielmehr drei bis fünf Runden. Du atmest so fest wie möglich ein und aus (Bhastrika). Dann atmest du aus, hältst die Lungen leer. Wenn es geht, machst du Nauli ansonsten Agni Sara. Dann atmest du rechts ein. Halte die Luft an. Gib die Hände auf den Boden. Machen Mulabandha und hebe und senke das Becken wieder und wieder. Danach atme durch das linke Nasenloch wieder aus. Das ist Shakti Chalani. Wenn dein System gereinigt ist, du Hingabe hast, vom Karma und Samskaras her bereit bist, kannst du damit die Kundalini erwecken. Aber keine Angst, allein durch physisches Ausführen von Mudras wirst du die Kundalini nicht erwecken. Du brauchst Reinigung und du brauchst Gnade.

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Vajroli Mudra für Frauen – Kommentar zu den Versen 99 bis 103 der Hatha Yoga Pradipika

Interessant ist hier, dass die Frauen jetzt hier besonders bewusst genannt werden. Damit erscheint es für mich recht klar, dass es in der Frühzeit des Hatha Yogas, im indischen Mittelalter als die Hatha Yoga Pradipika geschrieben wurde, ganz selbstverständlich war, dass Frauen auch mitgemeint sind. Warum würde er jetzt ausgerechnet hier Frauen nennen? Er nennt sie deshalb, weil die Geschlechtsteile von Frauen und Männern anders sind. Und jetzt will er sagen: Vajroli Mudra kann auch von Frauen geübt werden. Bei den sonstigen Übungen muss er das nicht besonders erwähnen, weil die Übungen für Frauen und Männer identisch sind.

  1. Vers: „Wenn eine Frau mit dem Geschick aus richtiger Übung den Samen (Bindu) des Mannes nach innen zieht, ihr Vaginalsekret (Raja) bewahrt durch Vajroli, dann ist diese wahrlich eine Yogini.“

Das kann man jetzt auf verschiedene Weisen interpretieren. Man kann es interpretieren, dass es wörtlich gemeint ist. Das heißt, die Frau zieht im Geschlechtsverkehr den Samen nach oben und behält auch ihr eigenes Vaginalsekret oben.

Man kann aber auch sagen, die Frau zieht die Energie auch nach oben. Also zieht die Frau im Geschlechtsverkehr nach oben und der Mann auch. So wird bei beiden die Energie nach oben gebracht. Natürlich auch, wenn es der Frau gelingt Vajroli Mudra zu praktizieren, das heißt die Scheide so zusammenzuziehen, dann wird auch die Scheide insgesamt enger und dann kann es zu einem tiefen sexuellen Vergnügen führen, ohne dass man dabei aktiv sein muss. Im Grunde genommen ist die Frau für einen meditativen Geschlechtsverkehr besonders wichtig. Es gibt auch die Möglichkeit, der Mann setzt sich kreuzbeinig oder auch im Schmetterling (Bhadrasana) hin, die Frau setzt sich auf den Mann. Und dann umarmt man sich. Und dann bringt der Mann seinen erigierten Penis in die Frau. Dann zieht die Frau ihre Muskeln in der Scheide zusammen. Mit etwas Übung gelingt es so, dass dort ein sehr intensives Gefühl erfahren wird. Und dabei kann die Energie nach oben gezogen werden. Ich persönlich meine, ob es dabei zur Ejakulation kommt oder nicht, ist jetzt für die Wirkung der Übung nicht so wichtig. Auch wenn eine andere Interpretation ist, der Mann sollte dabei lernen Vajroli Mudra so fest zu üben, dass auch im Moment des Orgasmus letztlich die Muskeln des Penis und der Harnröhre so fest zusammengezogen werden, dass die Prostata die Samenflüssigkeit nicht nach draußen geben kann. Das könnte man probieren. Ob es wirklich etwas bringt, möchte ich jetzt hier nicht zu viel dazu sagen. Aber in jedem Fall soll das heißen: Ja, die Frau zieht die Energie nach oben und der Mann zieht seine Energie nach oben. Gemeinsam kann man Geschlechtsverkehr zu einem heiligen Akt machen.

  1. Vers: „Ohne Zweifel, geht kein bisschen von diesem Vaginalsekret (Raja) verloren, und der mystische Ton (Nada) erreicht wahrlich im Körper zum Samen (Bindu).“

Raja und Bindu heißen natürlich verschiedene Dinge. Rajas kann Unruhe, Menstrualblut und Vaginalsekret heißen. Rajas ist eben auch die innere Unruhe. Sexualität ist natürlich etwas Sinnliches. Es ist auch etwas, was mit Gier verbunden ist. Wenn Mann und Frau die Energie nach oben ziehen, geht nichts von dieser Energie unruhig verloren. Anstatt zu sagen, es geht kein Vaginalsekret verloren, kann man sich fragen: „Was soll das bringen einfach nur Vaginalsekret nach oben zu ziehen?“. Da kann man die zweite Bedeutung von Rajas nehmen, unruhige Energie. Diese unruhige Energie zieht man mit diesem Vajroli Mudra nach oben.

 

Dann kommt wieder Same (Bindu) des Mannes. Der wird auch nach oben gezogen. Damit ist es die Geschlechtsenergie und die Essenz. Damit ist es nicht der physische Samen.

Wenn dann Rajas und Bindu nach oben gehen, dann wird Nada (der kosmische Klang) erfahren. So werden Bindu und Rajas im eigenen Körper in Verbindung kommen. Beide geben durch die Vajroli-Praxis übernatürliche Kräfte. Also hier verspricht er, wenn du den Geschlechtsverkehr so praktizierst im Bewusstsein die Energien nach oben zu ziehen und beide Energien miteinander zu verbinden, miteinander zu verschmelzen, dann ist das nicht nur eine wunderschöne sexuelle und sinnliche Erfahrung, dann ist es auch etwas Spirituelles, was besondere Fähigkeiten gibt.

  1. Vers: „Diejenige, die durch den Zug nach oben ihr Vaginalsekret (Raja) bewahrt, ist wahrlich eine Yogini. Sie kennt Vergangenheit und Zukunft und erlangt fortwährend die Fähigkeit sich im Himmel zu bewegen (Khechari).“

Energie nach oben ziehen. Natürlich kann man das nicht nur während des Geschlechtsverkehrs tun. Das Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln, für die Frau insbesondere das Zusammenziehen der Scheide, ist sehr wichtig, um die Energie nach oben zu ziehen. Damit kann man Rajas (innere Unruhe) in spirituelle Kraft umwandeln. Wenn man die spirituelle Kraft nach oben zieht, ist man über Vergangenheit und Zukunft hinaus und lebt in der Gegenwart. Außerdem kann man Khechari üben. Khechari ist zum einen die Beschreibung für Zunge nach hinten und nach oben schauen. Um Khechari zu üben, kann man vorher dieses Vajroli Mudra üben. Zum andern heißt Khechari sich im Himmel bewegen. Kann heißen: Und so gelingt einem in die höheren Welten zu kommen.

  1. Vers: deha-siddhiṁ ca labhate vajroly-abhyāsa-yogataḥ |ayaṁ puṇya-karo yogo bhoge bhukte’pi muktidaḥ ||103||

„Perfektion (Siddhi) des Körpers wird erreicht durch die Yoga-Praxis (Abhyasa) von Vajroli. Dieses Yoga erzeugt wunderbare Verdienste (Punja). Selbst in vergnüglichem Genuss (Bhoga) wird Befreiung (Mukti) erlangt.“

Also, durch Vajroli Mudra wird also auch etwas Tolles für den Körper erreicht. Es gibt alle möglichen guten Resultate. Sinnlicher Genuss (Bhoga oder Bhukti) wird mit Befreiung (Mukti) verknüpft. So hat Vajroli Mudra mehrere Bedeutungen. Du kannst Vajroli Mudra als spezieller Aspekt von Mulabandha üben. Also beim Mann das Perineum zusammenziehen. Und zwar besonders nach oben ziehen. Als Frau kannst du Vajroli Mudra üben, indem du die Scheidenmuskeln nach oben zusammenziehst. Beides hilft die Energie nach oben zu bringen. Es gibt Vajroli Mudra auch als wellenförmige Übung, die Muskeln zusammenzuziehen. Von vorne unten nach hinten hoch. Auch dieses Zusammenziehen ist etwas, um die Energien zu sublimieren. Darüber habe ich schon in einem anderen Vortrag über Vajroli Mudra gesprochen. So möchte ich dir jetzt die Anregung geben, falls du einen Sexualpartner oder eine Sexualpartnerin hast, der/die für so etwas offen ist, dann könnt ihr zusammen mal das ausprobieren. Zuerst versetzt ihr euch in einen reinen Zustand, vielleicht nicht unbedingt mit Amaroli Mudra, aber ihr könnt euch vorher reinigen und auf den Geschlechtsverkehr vorbereiten. Als Zweites könnt ihr dann das Vorspiel machen. Dann könnt ihr probieren, euch letztlich auf meditative Weise zu vereinigen und dann mittels Vajroli Mudra die Energie nach oben ziehen. Danach euch gegenseitig als Manifestation von göttlicher Mutter und göttlichem Vater verehren. Das ist dann eben Sahajoli Mudra. Ein paar Minuten dann in die Meditation gehen. Selbst wenn du keinen Sexualpartner hast oder keinen, der für so etwas offen ist, kannst du trotzdem Vajroli Mudra üben. Eben das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln von vorne unten nach hinten hoch, z.B. während der Wechselatmung oder auch zu Anfang des Anhaltens bei Kapalabhati. Oder auch in Asanas kannst du immer nach dem Einatmen kurz die Luft anhalten, Vajroli Mudra üben und ausatmen. Das wird eine gewisse Energie aktivieren.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Mondnektar und heilige Asche für göttliche Sicht – Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika, 3. Kapitel, 98. Vers

„Wenn man den Mondnektar, der aus der Praxis entsteht, und heilige Asche (Vibhuti) zusammen mischt und fest an den besten Körperstellen bewahrt, dann entsteht göttliche Sicht.“

Also es gibt den Mondnektar. Der entsteht aus der Praxis. Mondnektar ist letztlich eine andere Interpretation für Amari. In den vorherigen beiden Versen hat er davon gesprochen, dass Amari Urin ist. Aber Mondnektar kann man auch sagen, ist die Gnade und der Segen, die von oben kommen. Heilige Asche kann man auch wieder Vibhuti nennen. Man kann aber auch sagen, es ist noch ein weiterer Segen. Mondnektar ist mehr das flüssige. Vibhuti ist irgendwo das Feste. So verbindet man letztlich Shakti (Chandra) und Shiva (also Vibhuti) zusammen und bewahrt diese an den verschiedenen Körperteilen. Man könnte sagen, man weiht die verschiedenen Körperteile Shiva und Shakti. Wenn man so seinen ganzen Körper als eine Manifestation von Shiva und Shakti sieht, dann bekommt man göttliche Sicht. So werden letztlich die zwei vorherigen Verse, wo es um das Auftragen von Asche und Urin ging, uminterpretiert. Und so wird gesagt: Eigentlich ist es Mondnektar und damit göttliche Gnade der göttlichen Mutter. Und es ist der Segen von Shiva. Wenn man das so sieht, dann sieht man das richtig und spirituell.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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Amaroli in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 96 bis 97

  1. Vers: „Nun Amaroli: Verwerfe das Pitta enthaltende im ersten und letzten Strom des Urins, der wertlos ist. Nutze den kühlenden Mittelstrahl. Das ist Amaroli in der Meinung der Khandakapalikas.“

 

Also letztlich wird hier Urin Trinken empfohlen. Dort nimmt man den Morgenurin. Man nimmt dort nicht den ersten Strahl, auch nicht den letzten, sondern den mittleren. Im Ayurveda wie auch im gesundheitsorientierten Hatha Yoga gibt es die Aussage, dass der Urin ein besonderer Saft ist, viele Heilfähigkeiten hat. Man kann Urin auf die Haut auftragen zum Beispiel zum Heilen bei bestimmten Hauterkrankungen, bei Hautentzündungen. Man kann sie bei Gelenkerkrankungen und Nervenreizungen nehmen. Natürlich sollte man sich anschließend gründlich mit Wasser abreiben. Man kann den Strahl trinken und da sollen auch Heilwirkungen dabei sein.

Es gab in den 1990er Jahren auch in Deutschland ein bisschen so einen Hype um das Trinken von Urin. Das scheint jetzt heute etwas weniger geworden zu sein. Wir finden das auch in einigen anderen Kulturen.

Ich muss allerdings dazu sagen, ich habe selbst damit noch keine Erfahrungen. Aber ich kenne einige Menschen, die gesagt haben, dass das Trinken des Mittelstrahls des Morgenurins ihnen geholfen gegen verschiedene Allergien, auch gegen verschiedene Autoimmunerkrankungen und auch dass Hauterkrankungen damit geheilt werden konnten, auch Rheuma. Also es ist durchaus denkbar, dass gerade bei diesen Krankheiten, wo der Körper sich selbst zerstört, das Trinken des Urins hilfreich ist, weil der Körper dort mit sich seinen eigenen Stoffen nochmals zusätzlich konfrontiert wird.

  1. Vers: amarīṁ yaḥ piben nityaṁ nasyaṁ kurvan dine dine | vajrolīm abhyaset samyak sāmarolīti kathyate ||97||

„Der, der täglich mit der Nase das Amari trinkt, der praktiziert Vajroli korrekt. Auf diese Weise ist Amaroli erklärt.“

Hier wird gesagt, letztlich man trinkt Amari durch die Nase. Übrigens heißt Amari wörtlich jetzt nicht das Trinken von Urin. Amari heißt einfach unsterblich, die Unsterbliche. Amari wird im übertragenen Sinn Urin, weil vom Urin gesagt wird, dass man gesund wird. Den kann man auch durch die Nase hineingeben. Das ist wie eine Art Neti. Das soll besonders gut für die Nase sein.

Ich muss zugeben, für mich klingt das etwas eklig. Habe es deshalb auch noch nie ausprobiert. Aber es soll eben reinigen. Wenn man so Amari, den Urin, trinkt, wird man durch die Nase gereinigt.

Danach kann man Vajroli üben. Das heißt, die Energien im Geschlechtsverkehr nach oben ziehen. Danach Sahajoli, das heißt den anderen verehren zum Beispiel durch das Auftragen der heiligen Pulver und dann zusammen in der Meditation verweilen und Einheit spüren.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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YVS467 Sahajoli Mudra – HYP III 92-95

Sahajoli in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 92 bis 95 der Hatha Yoga Pradipika

 

  1. Vers: Sahajoli, Amaroli und Vajroli sind grundsätzlich drei Mudras, die zu den sogenannten Oli Mudras gehören. Von ihnen wird manchmal gesagt, dass sie nicht zur sattviges Praxis gehören. Swami V. sagt in seinem Buch „Hatha Yoga Pradipika“ etwas lapidar als Kommentar: Diese Verse werden ausgelassen, weil es Übungen sind, die bei sattvigem Sadhana nicht berücksichtigt werden. Also sie stehen ein bisschen unter Zwielicht. Bei Yoga Vidya lehren wir mindestens Sahajoli und Amaroli nicht. Vajroli lehren wir nur in einer anderen Variation.

Ich lese mal den 92. Vers: atha sahajoliḥ-sahajoliś cāmarolir vajrolyā bheda ekataḥ | jale su-bhasma nikṣipya dagdha-gomaya-sambhavam ||92||

„Nun Sahajoli. Sahajoli und Amaroli zusammen mit Vajroli sind drei Teile von Einem. Reine heilige Asche entstanden aus der Vereinigung aus verbranntem Kuhdung in das Wasser gegossen.“

Um Sahajoli zu üben, nimmt man also erst einmal heilige Asche. Das heißt verbrannten Kuhdung und diesen gießt man dann ins Wasser. Verbrannter Kuhdung, auch Bhasma oder Vibhuti genannnt, hat besondere Fähigkeiten. Es gilt als spirituelle Asche, wir nennen es auch gerne die heilige Asche. Man kann sie auf das dritte Auge auftragen. Bei Yoga Vidya produzieren wir sie zum Teil selbst durch die Homas (Feuerrituale). Man kann sie inzwischen auch im Internet bestellt unter Vibhuti, Bhasma oder Holy Ash.

  1. Vers: „Nach dem Akt des Vajroli sollen Frau und Mann ihren eigenen Körper mit Asche beschmieren und für einen Augenblick frei von Sorgen glücklich zusammen sitzen.“

Das soll heißen, man kann Geschlechtsverkehr haben und der Geschlechtsverkehr wird mit Vajroli Mudra verbunden. Vajroli Mudra heißt das Hochziehen der Energien nach oben. Das soll heißen, dass Sexualität nicht nur auf dem Svadhisthana Chakra stattfinden. Sondern man sollte sich in dem Moment auch über die anderen Chakras vereinigen und die Energie nach oben ziehen. Nachdem der Geschlechtsakt abgeschlossen ist, sollte man sich dann heilige Asche auftragen.

Das kann man auch so sehen: Nach dem Geschlechtsverkehr sollte man sich nicht einfach wegdrehen oder einfach nur ein bisschen romantisch sein, sondern voreinander sitzen, vielleicht meditieren. Natürlich, der Kommentator Brahmananda sagt, man solle Asche auf Kopf, Stirn, die Herzgegend, Schultern, Arme und so weiter geben.

Letztlich soll das heißen, da man ja heilige Asche auch verwendet, um Shiva zu verehren: Man soll den oder die andere wie ein Gott oder eine Göttin verehren.

 

In diesem Sinne könnte man sagen, dass das Beschreibungen sind, wie du den Geschlechtsverkehr spiritualisieren kannst. Durch Vajroli Mudra stelle dir vor, du ziehst die Energie nach oben. Nach dem Geschlechtsverkehr bleibt eine Weile sitzen, verneigt euch voreinander als Manifestation des Göttlichen und spürt die Gegenwart. Wenn ihr einen Bezug zu heiligen Aschen habt, nutzt diese. Wenn ihr auf eine andere Weise die Ehrerbietung ausdrücken wollt, macht es so.

  1. Vers: sahajolir iyaṁ proktā śraddheyā yogibhiḥ sadā | ayaṁ śubha-karo yogo bhoga-yukto’pi muktidaḥ ||94||

„Dieses hier beschriebene Sahajoli soll fortwährend von Yogis befolgt werden. Es ist eine gute Weise Yoga zu praktizieren. Obschon es mit Vergnügen (Bhoga) verbunden ist, führt es doch zur Befreiung (Mukti).“

Bhoga heißt Vergnügen. Yoga heißt letztlich Vereinigung. Normalerweise sagt man: Bhoga ohne Yoga gibt Roga – Vergnügen ohne Yoga gibt Krankheit. Roga heißt Krankheit.

Aber, wenn man Bhoga mit Yoga verbindet, kommt man zur Befreiung. Es gibt den Weg der Entsagung. Es gibt aber auch den Weg des sattvigen Vergnügens. Wenn man Geschlechtsverkehr hat, kann man ihn als einen heiligen Akt ausführen und den oder die andere wie Gott verehren.

  1. Vers: ayaṁ yogaḥ puṇyavatāṁ dhīrāṇāṁ tattva-darśinām | nirmatsarāṇāṁ vai sidhyen na tu matsara-śālinām ||95||

„Dieses Yoga kann wahrlich vom Tugendhaften, Gottsuchenden, Kenner der Wahrheit, Makellosen erreicht werden, wahrlich nicht von dem von Selbstsucht getriebenen.“

Manchmal werden tantrische Praktiken gerade von Männern als Ausrede verwendet, um jede Menge Sexualpartnerinnen zu gewinnen und letztlich im Namen des Yoga einfach nur ihre Selbstsucht zu befriedigen. Da sagt er: Das sollte man nicht tun. Diese Gefahr gab es schon zu Svatmaramas Zeiten. Ich kenne eine Reihe von sogenannten Meistern, von denen es heißt, sie haben das Gelübde von Brahmacharya abgelegt, die mehrere Schülerinnen immer wieder verführt haben und gesagt haben, sie weihen sie in die heiligen Manifestationen des Tantras ein, das war dann letztlich ein Geschlechtsverkehr und sie sollten es als großen Segen ansehen. Genau das ist nicht das, was hier gemeint ist. Wenn man schon eine feste Beziehung hat und zusammen auf dem spirituellen Weg ist, dann kann man auch Vajroli und Sahajoli in dieser Art üben und aus dem Geschlechtsverkehr eine heilige Handlung machen.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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YVS466 Vajroli Mudra - HYP III 83-91

  1. Vers - Vajroli Mudra – ein Oli Mudra

Ab dem 83. Vers geht es um Vajroli Mudra. Dieser Mudra Name bedeutet so viel wie Donnerkeil.  Vajra heißt Donnerkeil, oder auch Diamant. Vajroli Mudra ist eine der drei sogenannten Oli Mudras. Vajroli, Sahajoli und Amaroli, die unterschiedlich interpretiert werden.

Mein Lehrer spricht in seinem Buch „Hatha Yoga Pradipika“ über diese Mudras gar nicht, er lässt diese Verse sogar aus. Diese drei Mudras haben zudem auch eine rot-tantrische Interpretation. D. h. sie haben etwas mit Sexualität und Geschlechtsverkehr zu tun. 

Es gibt aber auch bestimmte Variationen dieser Mudras, die man in die normale Praxis integrieren kann. Bei Yoga Vidya kennen wir das sogenannte „kleine Vajroli Mudra“, Lagho Vajroli und auch das große Vajroli Mudra, Maha Vajroli Mudra.

 

Beispiele für die Anwendung des kleinen Vajroli Mudras

Das kleine Vajroli Mudra besteht daraus, dass du die Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen ziehst. Das heißt erst die vorderen, dann die mittleren und die hinteren. Und du diese nach oben ziehst. Das hilft, dass das Prana vom Mulhadara ins Swadistana und weiter ins Manipura Chakra gezogen wird.

 

Anleitung für Vajroli Mudra

Wenn du willst, kannst du es jetzt gleich mal ausprobieren. Du kannst erst einmal einatmen und die Luft anhalten und dann ziehst du erst die vorderen Beckenbodenmuskel an, dann die mittleren und dann die hinteren (also Anus Schließmuskel bis ganz oben). Dann kannst du sie wieder loslassen und sie dann erneut in dieser Reihenfolge anspannen und diese drei zusammen bilden dann das Vajroli Mudra. Es gibt das kleine Vjroli Mudra, das man zum Beispiel in manche Pranayamas integrieren kann, in Asanas und auch in die Meditation um die unteren drei Chakras zu aktivieren, und damit das Prana nach oben strömen zu lassen.

 

Vajroli Mudra – Interpretation von Swami Satyananda

Swami Satyananda hat Vajroli Mudra etwas anders interpretiert. Er spricht dabei auch von den drei Gruppen von Beckenbodenmuskeln. Es gibt die vorderen, die mittleren und die hinteren. Die vorderen Beckenbodenmuskeln sind eben diejenigen des Harnleiters. Beim Mann die Muskeln des Penis.

Die mittleren Beckenbodenmuskeln sind dann beim Mann die Muskeln des Perineums, bei der Frau die Scheidenmuskeln. Zu den hinteren Beckenbodenmuskeln gehören die Anus Schließmuskeln dazu.

 

Interpretationen des Vajroli Mudra in den verschiedenen Traditionen

Swami Satyananda hat das Zusammenziehen der mittleren Beckenbodenmuskeln als Vajroli Mudra bezeichnet, währenddessen wir bei Yoga Vidya als kleines Vajroli Mudra das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln von vorne unten nach hinten hoch verstehen.

Dann gibt es noch das sogenannte große Vajroli Mudra, wo verschiedene kleine Mudras miteinander kombiniert werden, um wellenförmig die ganze Energie vom Muladhara Chakra bis zum Sahasrara Chakra zu bringen.

Insofern gibt es also verschiedene Interpretationen von Vajroli Mudra. Bei Yoga Vidya geht das kleine Vajroli Mudra so: Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen ziehen, um Prana in die Sushumna zu bringen, den Energiefluss in den unteren drei Chakras zu aktivieren und in eine wellenförmige Energieströmung nach oben zu bringen.

Im großen Vajroli Mudra wird das fortgesetzt bis zum Sahasrara Chakra.

 

 

Svatmarama, Autor der Hatha Yoga Pradipika sagt: Vajroli Mudra, der Donnerkeil. Selbst nach eigenem Gutdünken handelnd, ohne die sittlichen  Regeln.  Der Yogi, der Vajroli Mudra kennt wird Empfänger von übernatürlichen Kräften, Siddhi.

Kommentar von S. zum 83. Vers (die nächsten Verse überspringt er dann ja)

Jeder, der ein gewöhnliches Leben, ohne Beachtung von Yama und Niyama lebt, so wie es vom Yoga vorgeschrieben wird und das Vajroli Mudra übt, wird zum Träger von Siddhis. Also sagt S. damit, dass durch Vajroli Mudra große, besondere Fähigkeiten entwickelt werden. Natürlich setzt Svatmarama voraus, dass du Yama und Niyama übst. Aber er sagt, selbst wenn du es nicht übst, mit Vajroli Mudra kannst du besondere Kräfte bekommen.

  1. Vers

Wahrlich werde ich an dieser Stelle zwei wertvolle Dinge erwähnen, die von jedem schwer zu finden sind. Zum einen ist das Milch, und ein zweites ist eine wahrlich fähige Frau. Also diese Verse sind zum Teil etwas anzüglich geschrieben. Man kann überlegen, was ist denn schwierig an Milch zu finden? Eventuell war es zu Svatmaramas Zeit etwas schwierig.

Es heißt hier auch, es ist schwer zu erlangen für einen mittellosen Mann. Insbesondere, wenn er nicht genug Geld und Vermögen hat. Milch war im alten Indien etwas sehr Wertvolles. Auch wenn die Hatha Yoga Pradipika an manchen Stellen sagt, man soll Milch zu sich nehmen. Ist das nicht so gemeint, wie das heute bei uns verstanden wird, wenn Menschen literweise Milch und große Mengen Käse und Joghurt essen. Milch zu haben bedeutete damals, dass  man davon, was die Kuh an ihr Kalb gibt, vielleicht noch ein Glas davon abzweigen für die ganze Familie kann. Das waren über den Tag verteilt dann ein bis zwei Esslöffel Milch oder Joghurt zum Essen. Mehr war das damals nicht. Es war also damals nicht einfach Milch zu finden und auch nicht eine Frau zu finden, die „zu Willen“ ist.

  1. Vers

Durch Geschlechtsverkehr, wenn er oder sie ein stückweises aber dennoch vollständiges Aufziehen praktiziert, kann ein Mann oder sogar eine Frau Perfektion in Vajroli erreichen.

 Also diesen Vers kann man jetzt interpretieren, dass es eine Form des roten Tantras darstellt. D. h. im Geschlechtsverkehr, vor dem Orgasmus, zieht man die Beckenbodenmuskeln zusammen und bringt die Konzentration nach oben und verbindet noch Kitchari mit Shambavi Mudra und dadurch geht der Orgasmus nicht nach außen, wird die Energie dann nach innen gezogen. Und das soll dann in tiefere Meditation führen.

Hier ist dann auch klar, warum das alles nicht so einfach ist. Denn der Mann muss eine Frau finden, die das machen will. Die Frau will einen Mann finden, der dazu bereit ist. Jedenfalls könnte man die Energie nach oben ziehen.

Natürlich kann man Vajroli Mudra auch außerhalb des Geschlechtsverkehrs üben. Und als solches wirkt die Energie nach oben ziehend. Ich meine, er gebraucht das Beispiel  mit dem Geschlechtsverkehr deshalb, weil normalerweise dieser die Entladung ist von Apana Vaju nach unten. Und er will sagen, selbst im Geschlechtsverkehr, wo Apana Vayu nach unten kommt, könnte man es umkehren durch Vajroli Mudra. Wenn man aber Vajroli Mudra in die normale Pranayama-, Asana- und Meditationspraxis integriert, wird Apanu Vayu nach oben gebracht und man kann dadurch höhere Bewusstseinsebenen erfahren.

  1. Vers

Jetzt wird es etwas speziell. Vorsichtig sollte der Yogi, wie er es gelernt hat, mit einem Schlauch in die Harnröhre pusten. Wegen der Bewegung des Lebenshauches soll er es sehr vorsichtig ausführen.

  1. Vers

Durch die Praxis von Vajroli Mudra soll der Yogi den Samen, der in die Vagina der Frau hinausgefallen ist, zurückziehen. Und er soll so den eigenen Samen Bhindu, der gefallen ist, nach oben ziehen, um ihn zu bewahren.

  1. Vers

Daher bewahrt der Kenner des Yoga, Yogavid, den Samen, Bhindu und besiegt so den Tod. Tod entsteht durch das Aussenden des Samens Bhindu. Durch das Bewahren des Samens entsteht Leben. Durch das Bewahren des Samens, Bhindu, entsteht ein guter Duft im Körper des Yogi. Solange der Same, Bhindu stabil im Körper ist. Wo ist die Frucht vor der zerstörerischen Zeit, Kala?

  1. Vers

Der Samen des Mannes beruht auf dem Geist, Citta. Auch das Leben beruht auf dem Samen. Deshalb sollte der Same und besonders der Geist, Manas, mit besonderem Eifer geschützt werden.

  1. Vers

Auf diese Weise soll er seinen eigenen Samen, Bhindu und sogar das weibliche Vaginalsekret, Rajas, während ihrer Tage bewahren. Der Kenner des Yoga sollte es üben durch den Penis vollständig nach oben zu ziehen.

Es ist eine Mischung aus technischen Überlegungen und auch aus verschiedenen anderen Weisen. Es gibt zum einen diese Technik, wie man das letztlich überhaupt lernt, Flüssigkeiten aufzusaugen. Swami Sivananda, der ja eigentlich auch ein Swami war, beschreibt das in manchen seiner Bücher detaillierter. Denn es gibt andere Kommentare und andere Hatha Yoga Schriften, die das genauer beschreiben.

 

Techniken Flüssigkeiten nach innen zu ziehen

Also einen kleinen Katheter in die Harnröhre einführen. Wenn dieser lang genug ist, kann man zunächst hineinpusten, um das überhaupt erst mal zu spüren, wie sich das anfühlt. Dann kann man lernen, mittels bestimmten wellenförmigen Ziehens der Muskeln der Harnröhre die Flüssigkeit nach innen saugen. So kann man dann zuerst Flüssigkeiten wie Wasser nach oben saugen. Wenn man das erst einmal gelernt hat, zuerst mit Katheter, dann ohne, zieht man diese Flüssigkeiten in sich hinein.

Das ist natürlich auch nicht ganz ungefährlich. Denn auf diese Weise können Keime in die Blase geraten und das wiederum kann zu einer Blasenentzündung führen. Also, sei gewarnt. Swami Vishnu hat uns auch gesagt, wir sollen es auch nicht machen. Mit dieser Form von Vajroli Mudra habe ich auch selbst keine Erfahrung, da Swami V. es mir verboten hatte, es auszuprobieren. Aber von der Theorie würde es so gehen.

 

Als ich Swami V. danach gefragt hatte, hat er angedeutet, dass er selbst auch geübt hat. Aber auch, dass er meint, so wichtig sei diese physische Übung nicht und er würde davon abraten.

So könnte man auf der einen Ebene dies so interpretieren, dass man auf diese Weise etwas hineinsaugen kann. Aber vor allen Dingen wichtig dabei ist, dass man dabei lernt, diese Muskeln so zu beherrschen, dass man die Energie nach oben ziehen kann.

Eine zweite Form von Vajroli Mudra, die zum Teil Swami Satjananda nennt, oder auch andere, wäre: Du könntest die Muskeln des Perineums stark anspannen. Dann, wenn du sie theoretisch so stark anspannen kannst, könntest du verhindern, dass es im Orgasmus zu einem Erguss kommt. Denn wenn die Muskeln so stark sind, dann legen sie sich vor die Prostata und dann kann keine Prostata Flüssigkeit austreten. Was dann den Erguss verhindert. In wieweit das wirklich hilfreich ist, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen.

 

Sukadevs Haltung zum Vajroli Mudra

Meine persönliche Meinung ist: ob es im Geschlechtsverkehr zum Erguss kommt oder nicht, ist keine allzu wichtige Sache. Wichtiger ist es, dass du in Pranayama Übungen dein Prana in die Sushumna und nach oben bringst. Und so ist diese eine Übung des Vajroli Mudra, das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenboden Muskeln von vorne nach hinten und dann das Bewusstsein durch die Sushumna nach oben zu bringen, meiner Ansicht nach die wichtigste Form von Vajroli Mudra. Ob du darüber hinaus eine dieser Praktiken als sexuelles Tantra üben willst, sei dir selbst überlassen. Sicherlich könntest du probieren Mulabhanda in Verbindung mit Khechari und Shambhavi Mudra zu üben und schauen, ob es etwas bewirkt.

 

Übung für das kleine Vajroli Mudra

Sitze ruhig und gerade. Atme 2–3 mal tief ein und aus, schließe die Augen. Atme ein, fülle die Lungen zu dreiviertel, oder 90 Prozent. Halte die Luft an und ziehe jetzt die Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen. Von vorne unten, zur Mitte hinten hoch. Halte die Luft weiter an, aber entspanne die Beckenbodenmuskeln.  Dann nochmals die Beckenbodenmuskeln anspannen, von vorne unten, zur Mitte, nach hinten und hinten hoch. Du kannst das auch mit den Mantras verbinden: Lam, Vam, Ram. Jetzt bringe Bewusstsein weiter hoch zu Anahata, zu Vishudda, Ajna und Sahasrara.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

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