YVS516 Asana im Patanjali Yoga Sutra II 46-48

Kommentar zum Yoga Sutra 2. Kapitel, Vers 46 bis 48

Was ist Asana im Yoga Sutra? Welche Wirkungen hat Asana? Warum solltest du Asana üben, und wie übst du Asana? Das sind Fragen, auf die Patanjali in Vers 46 bis 48 im Yoga Sutra eingeht.

Asana gehört im Yoga Sutra zu den Ashtangas, zu den 8 Stufen des Yoga. Asana ist die 3. Stufe der Ashtangas. Asana ist wie der Übergang zu dem, was man als Meditation  bezeichnen kann.

  • Yama ist die Ethik im Umgang mit anderen.
  • Niyama ist die persönliche Lebensführung.
  • Asana ist die Sitzhaltung, oder auch die Haltung/Körperhaltung.
  • Pranayama ist die Atmung bzw. Herrschaft über den Atem, oder auch die Herrschaft über das Prana, die Lebensenergie.
  • Pratyahara ist der Rückzug der Sinne und der Rückzug des Geistes nach innen.
  • Dharana ist die Konzentration.
  • Dhyana ist die Meditation.
  • Samadhi ist das Überbewusstsein.

Eine der Interpretationen der unteren 6 sind die verschiedenen Stufen der Meditation.

  • Asana: Setze dich hin, gerader Rücken, entspanne, bewege dich nicht.      
  • Pranayama: Steuere deinen Atem, um in der Meditation dein Prana zu konzentrieren.
  • Pratyahara: Übe Bewusstseinsübungen, um den Geist nach innen zu führen in einen        meditativen Bewusstseinszustand.                                                                              
  • Dharana: Führe den Geist zur Konzentration , das eigentliche Meditationsthema.
  • Dhyana: Gehe tief in die Meditation, in die Absorption.                                    
  • Samadhi: Gehe ins Überbewusstsein, wo Zeit, Raum und letztlich Identifikation schrittweise

So sind wir nun bei Asana angekommen, und in den nächsten Versen wird Patanjali auch Pranayama, Pratyahara, Dharana und Dhyana beschreiben.

Zunächst einmal die Verse über Asana:

  1. Vers: „Die Asana soll fest und bequem sein“.
  2. Vers: „Die Asana wird gemeistert durch das Loslassen von Spannungen und durch     Meditation auf das Unendliche“.                                                                                  
  3. Vers: „Durch Meisterung von Asana wird man frei von den Angriffen der Gegensatzpaare.“

Diese drei Verse haben eine sehr tiefe Bedeutung. Auf einige davon soll hier eingegangen werden.

Zunächst sagt Patanjali: „Sthira sukham asanam“ – sthira sukha asana. Asana (Die Sitzhaltung) sollte „sthira“ (bequem) und „sukha“(stabil) sein.

Asana hat etwas mit Sitzen zu tun, hat etwas mit Haltung zu tun. So hat Asana in vielen Kontexten eine Bedeutung.

  1. Meditationssitz
  2. Die verschiedenen Körperstellungen im Hatha Yoga
  3. Die Körperhaltung auch im Alltag
  4. Eine Einstellung den ganzen Tag über / spirituelle Lebenseinstellung

Zu all dem kann man den 46. Vers so interpretieren:

  1. Die Sitzhaltung für die Meditation sollte „sukha“ sein, und sukha heißt bequem, angenehm, man sagt auch manchmal entspannt. Was heißen soll: Wenn du meditieren willst, dann solltest du eine Asana finden, also eine Sitzhaltung, die für dich angenehm und entspannt ist. Natürlich muss man manchmal auch eine Zeit des Unangenehmen in Kauf nehmen, bis der Körper sich daran gewöhnt. Aber langfristig solltest du eine Sitzhaltung finden, in der du entspannen kannst. „Sthira“ heißt fest, sthira kann auch gedeutet werden als aufrecht. Sthira heißt also fest und aufrecht. Was heißen soll: Wenn du meditierst, halte deinen Rücken gerade. Und dann bewege dich nicht. Wenn du meditierst, versuche zwar, die Schultern zu entspannen, Kiefergelenke, zu entspannen, Augen zu entspannen, die Beine zu entspannen usw., aber bleibe bewegungslos. Und das ist etwas Wichtiges. Nicht die Finger bewegen, nicht den Kopf bewegen usw. Manchmal geschieht es, während du bewegungslos sitzt, dass die Finger sich von selbst bewegen. Es kann geschehen, dass irgendwelche Reinigungserfahrungen kommen, sodass du ein wenig zuckst oder so ähnlich – das mag auch sein, und muss dich nicht weiter interessieren. Langfristig solltest du den Körper absolut sthira halten, unbewegt, fest, aufgerichtet, und sukha: entspannt und angenehm.
  2. Die zweite Bedeutung von Asana ist ja auch die Körperübungen im Hatha Yoga. Kopfstand, Schulterstand, Vorwärtsbeuge, Kobra und so weiter. All das soll heißen: Mache die Stellung so, dass du sie sthira halten kannst. Eine Asana ist eben nicht eine Bewegung. Du könntest von „Yoga Flow“ sprechen – das sind aber keine Asanas, es sei denn, du gehst von einer Asana zur nächsten über mit verschiedenen Zwischenbewegungen, aber die Asana heißt: unbewegt. Wenn du nicht mindestens 10 Atemzüge in einer Stellung bist, ist es eben keine Asana. Asana muss notwendigerweise sthira sein. Die Asana sollte gehalten werden. Und du solltest die Asana auch bequem machen, du solltest jetzt in keine Quälerei gehen. Wenn du die Vorwärtsbeuge machst, sorge dafür, dass dein Rücken sich angenehm anfühlt. Du kannst auch mal in die Asana gehen, wo es anstrengend ist, und auch mal über unangenehme Dinge hinauswachsen, das wäre dann Tapas. Aber langfristig sollten die Asana angenehm, entspannt und fest sein.
  3. Eine dritte Bedeutung ist auch Haltung im Alltag. Wenn du sitzt, dann sitze eben auf deinem Bürostuhl so, dass du relativ aufgerichtet bist, und auch, dass es angenehm ist. Gut, die moderne Forschung sagt, du solltest nicht zu lange am Computer sitzen, öfters mal aufstehen. Bei Yoga Vidya gibt es auch Menschen, die haben einen Ball, auf dem sie sitzen – das führt schon dazu, dass man nicht zu lange ruhig sitzt. Manche haben sowohl ein Stehpult, wie auch ein Pult zum Sitzen, was sich verstellen lässt. So können die Positionen gewechselt werden. Achte aber darauf, dass du aufrecht bist, dass deine Körperhaltung angenehm ist, dass sie nicht verspannt ist.
  4. Du kannst auch die allgemeine Lebenseinstellung als Asana bezeichnen, als innere Haltung. Dort ist auch eine gewisse Festigkeit gefragt. Vorsätze fassen, ein Ziel im Leben haben, und das dann auch umsetzen, eine gewisse Festigkeit. Aber keine verkrampfte, sondern eben sukha, eine angenehme und entspannte Festigkeit. Festigkeit ist also wichtig, aber eben nicht starr. Ebenso ist es auch in der Kindererziehung: eine gewisse Festigkeit bedeutet eine angenehme und entspannte Haltung in der Erziehung einzunhemen.

Da ist ergibt sich manchmal natürlich auch eine Polarität zwischen sthira und sukha – fest und bequem. Das was Festigkeit im Handeln meint ist da nicht immer auch bequem.

Im 47. Vers heißt es:

„Asana wird gemeistert durch das Loslassen von Spannungen und Meditation auf das Unendliche.“

Zum einen kann man also sagen: Will man in einer Asana Vollkommenheit erlangen, dann gilt es natürlich erst einmal aufgerichtet zu sein. Der nächste Schritt wäre dann die Entspannung.

Wenn Sukadev eine Meditation anleitet, beginnt er z.B. so: „Sitze ruhig und gerade für die Meditation, Wirbelsäule aufgerichtet.“ – Damit haben wir sthira, und irgendwo auch sukha: „Finde deine angenehme Haltung.“ Dann sagt er weiter: „Entspanne deine Schultern, entspanne die Kiefergelenke, entspanne die Augen.“

Wenn du dich also hinsetzt, setze dich gerade und bewegungslos hin. Und dann übe Entspannen, „Shaithilya“, das heißt Entspannung und Loslassen. Lass also „Prayatna“, Spannung und Anstrengung, los. Setze dich gerade hin, mache dich bewegungslos und dann lasse los.                                          

Dann geht es bei Patanjali um die Meditation auf das Unendliche. „Ananta samapatti bhyam“. Im Buddhismus gibt es zwei Grundmeditationen. Es gibt die „Vipassana – Meditation“ und zweitens die „Samapatti-Meditation“. Samapatti ist die konzentrierte Meditation, während Vipassana im Buddhismus als die Beobachtungs-Meditation / Achtsamkeits-Meditation bezeichnet wird. Bei Patanjali ist „Samapatti“ allgemein die Meditation.

„Bhyam“ zum Schluss heißt „durch“. Durch Ananta Samapatti, durch endlose Meditation, oder eben durch Konzentration auf das Unendliche, und durch Entspannung und Loslassen, entsteht die Meisterung des Geistes. Was also heißen soll: Halte dich nicht zu lange auf mit einer Asana während z.B. der Meditation, sondern setze dich ruhig hin, mach den Körper gerade und bewegungslos. Dann übe ein paar Entspannungs-Techniken, und dann fahre fort mit der Meditation. Die Asana wird dann perfekt, wenn dein Geist voll konzentriert ist.

Im Hatha Yoga bedeutet das:

Achte nicht nur darauf, wie jetzt deine Körperhaltung ist. Patanjali würde empfehlen: Sorge dafür, die richtige Stellung zu machen, mache sie bewegungslos, entspanne dich in der Asana, und dann richte deinen Geist auf etwas Höheres aus. Überlege also nicht die ganze Zeit, wie halte ich jetzt meine Hände genau, und wie sind meine Finger, und welcher Muskel muss angespannt werden – sondern wenn du deine Stellung eingenommen hast, dann konzentriere dich auf etwas Höheres.

Das ist ja das, was wir gerade im Yoga Vidya Stil besonders machen, diese subtilen Konzentrationsformen, auch in der Vorwärtsbeuge, auch in der Kobra, im Drehsitz, in Kopfstand, Schulterstand, Fisch und so weiter. Meisterung der Asana ist eben nicht nur das Körperliche, sondern auch die psychische Meisterung.

Das lässt sich auch in den Alltag hineinbringen. Die richtige innere Haltung, zwischendurch loslassen, und auch zwischendurch dir bewusst werden: es gibt das Unendliche und das Ewige. Im engeren Sinne könnte man auch sagen: Ökologisches Bewusstsein heißt, global Denken und lokal Handeln. Vielleicht ist das eine etwas übertriebene und weit hergeholte Interpretation das Verses, aber man könnte auch sagen: Deine Lebenseinstellung sei so geprägt, dass du global denkst, im kosmischen denkst, und aus diesem weiten Denken heraus hast du dann die Haltung für deinen Alltag.

So hast du nun diese Verse schon einmal sehr weit interpretiert.

Der 48. Vers lautet:

„Durch die Meisterung von Asana wird man frei von den Angriffen der Dvandvas.“

 Dvandva bedeutet Gegensatzpaar. Das ist interessant: „Tato dvandva-an-abhighatah“.

„Tato“ heißt letztlich „dadurch“ – „durch“ die Beherrschung von Asana – „kommt an“-abhighata, also „die Freiheit von Angriffen durch die Dvandvas“. Das ist sehr bildlich und drastisch. Du kennst ja verschiedenste Gegensatzpaare. Z.B. Kälte und Wärme, Lob und Tadel, Vergnügen und Schmerz, und es gibt noch sehr viele mehr. Oder auch viel Energie und wenig Energie, und das Leben pulsiert zwischen diesen Gegensatzpaaren. Und viele Menschen werden in diesem Sinne immer wieder angegriffen davon. Ist es ein paar Grad zu warm, rennen sie zum Fenster: Fenster auf. Ein bisschen zu kalt: Schnell zum Fenster, Fenster zu, Heizung an. Irgendjemand spricht ein großes Lob aus: Man fühlt sich gleich ganz fantastisch. Irgendeiner missachtet einen oder sagt: Was du gemacht hast, war unmöglich – und sofort kollabiert der andere. Oder, es riecht gut: Das findet man toll. Irgendwo herrscht schlechter Körpergeruch: Dramatisch, schlimm, wie geht sowas! Und so weiter.                                           

In einer Asana lernst du: Du bleibst einfach in der Stellung. Du sitzt in der Meditation, und du merkst: Es ist zu kalt, ich habe vergessen, das Fenster zu schließen – Du bleibst ruhig sitzen. Du erträgst das. Oder, du sitzt zusammen mit anderen, und plötzlich riecht es schlecht – anstatt aufzustehen und das Fenster zu öffnen, bleibst du ruhig sitzen. Du bist in der Meditation, und plötzlich hörst du, wie jemand sich räuspert oder hustet, oder ganz rücksichtslos klingelt irgendwo das Telefon – du hältst die Augen geschlossen und tust nichts.

Auch bei Yoga Vidya macht die Handy-Bewegung weitere Fortschritte, und ab und zu, schätzungsweise in jedem 4. oder 5. Satsang, den Sukadev anleitet, klingelt während der stillen Meditation ein Telefon. Es ist erstaunlich: Die Hälfte der Leute guckt den Menschen an, bei dem das Telefon klingelt. Es klingelt das Telefon – was soll’s?! wir bleiben ruhig sitzen und tun nichts. Wir lassen uns nicht davon beeindrucken. Dem Menschen ist das schon ausreichend peinlich. Sukadev hat nicht beobachtet, dass dem gleichen Menschen das nochmal passiert ist. Es gibt keinen Grund, dorthin zu schauen. Oder, wenn jemand hustet, muss man den jetzt nicht anschauen. Bewegungslos sitze, sthira sukham asanam - die Stellung ist bewegungslos. Und manchmal, wenn man meditiert, lässt sich plötzlich irgendwo eine Fliege nieder, auf der Nase, auf der Wange. Was machen wir? Wir bleiben bewegungslos sitzen. Plötzlich hören wir irgendein Summen – wir bleiben bewegungslos sitzen. Ein Knie tut weh – wir bleiben bewegungslos sitzen. Es juckt irgendwo – wir bleiben bewegungslos sitzen.                    

Natürlich gibt es auch eine Grenze. Angenommen, der Feueralarm wird ausgelöst, dann werden wir aufstehen. Angenommen, ein Knie tut sehr weh – gut, dann müssen wir das Knie ausstrecken. Angenommen, der Rücken tut sehr weh – dann muss man die Sitzhaltung wechseln. Angenommen, du meditierst, und dein Kind schreit sehr verzweifelt – dann wirst du aufstehen müssen. Aber in einem gewissen Rahmen lernst du: Du bleibst ruhig und bewegungslos. Und was auch immer kommt, du lernst Hitze und Kälte, leichtere Schmerzen, Geruch usw., alles auszuhalten. Du lernst, ruhig zu sitzen. Und das an sich ist etwas ganz großartiges, du brichst aus den Reiz-Reaktionsketten aus. Du brichst aus diesen unwürdigen Automatismen heraus. Man sagt einem Menschen etwas Freundliches, und die Brust schwillt mit einem Lächeln. Du sagst jemandem etwas, was nicht so freundlich ist - er kollabiert oder wird wütend. Das Wetter wird ein bisschen wärmer, und alles freut sich. Es wird noch wärmer – alles ist traurig. Es ist erstaunlich, wie würdelos so viele Menschen sind. Durch Asana lernst du, dich frei zu machen von diesen Dvandvas, diesen Gegensatzpaaren. Und mindestens ist das große Würde.

In diesem Sinne: Übe also deine Meditation noch mehr so, dass du dir fest vornimmst „Ich werde so … lange sitzen“ – und du bleibst sitzen, was auch immer geschieht! Mit Ausnahmen, wenn es extrem wird. Und wenn du in einer Hatha Yoga Asana bist, dann halte die Stellung eine gewisse Zeit lang bewegungslos. Lasse Spannungen los und meditiere über das Unendliche. Und auch im Alltag: Habe eine gewisse Haltung der Festigkeit und der Ruhe, lasse los und lerne, frei zu werden von den Angriffen der Gegensatzpaare.

Verharre jetzt nochmal einen Augenblick und überlege: Wie kannst du Asana weiter vervollkommnen? Als Sitzhaltung in der Meditation, als Hatha Yoga Asana oder als Einstellung im Alltag.

Nochmals die Verse:

  • Asana soll fest und bequem sein.
  • Asana wird gemeistert durch das Loslassen von Spannungen und Meditation auf das Unendliche.
  • So wirst du frei von Angriffen der Gegensatzpaare.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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