Kommentar zu den Versen 30-34 aus Patanjali, Yoga Sutra
Was sind die Yamas und die Niyamas? Warum sollte man sich ethisch verhalten im Alltag? Und wie kann man das erreichen? Das sind die Themen des Yoga Sutra ab Vers 30 im 2.Kapitel.
Die Yamas bestehen aus Ahimsa, Satya, Asteya, Brahmacharya, Aparigraha. Yamas zunächst wird oft übersetzt mit Selbstbeschränkung. Yama ist aber de facto Ethik im Umgang mit Anderen. Ahimsa, Nicht-Verletzen, himsa heißt verletzen, a, kurzes a vor einem anderen Wort heißt meistens das Gegenteil davon, Ahimsa also Nicht-Verletzen. Satya heißt Wahrhaftigkeit. Das was in Sat, der Wahrheit, gegründet ist und zur Wahrheit hinführt. Asteya heißt nicht stehlen, steya heißt stehlen, Asteya heiß nicht stehlen. Brahmacharya heißt wörtlich Verhalten das zu Brahman führt. Brahmacharya übersetze ich am liebsten als Vermeidung sexuellen Fehlverhaltens. Aparigraha heißt nicht annehmen, Unbestechlichkeit und auch Abwesenheit von Gier. Das sind also die fünf Grundprinzipien.
Über die einzelnen Yamas wird es ja auch später einzelne Vorträge geben. Jetzt geht es erst noch mal um das Grundlegende und das sagt Patanjali im 31. Vers. Diese Grundregeln sind nicht durch soziale Schicht, Ort, Zeit oder Umstände bedingt. Sie gelten für alle Ebenen und bilden das große, universelle Gelübde. Es gibt ja auch eine situative Ethik. Zum Beispiel gibt es die Berufsethik eines Arztes wozu die Schweigepflicht zum Beispiel gehört. Es gibt die Berufsethik eines Rechtsanwaltes, wo auch die Schweigepflicht gehört und auch das er sich immer für das Wohl seines Mandanten einsetzt. Und so gibt es verschieden Schichten. Kinder haben bestimmte Pflichten, Jugendliche, Erwachsene, Rentner und natürlich Politiker haben bestimmte Pflichten und so weiter. Banker haben bestimmte Pflichten und natürlich auch heutzutage im 21. Jahrhundert sieht man bestimmte Dinge anders als im 20. Jahrhundert und unterschiedlichen Orten der Welt.
Aber diese 5 Yamas kann man sagen, sind die allgemeine menschliche Ethik. Ahimsa, Nicht-Verletzen, würde man auch so deuten, anderen Wesen so wenig Leid wie möglich antun. In der Bibel wird ja auch gesagt nicht töten und himsa im engeren Sinne heißt ja auch töten. Ahimsa ist wenigstens nicht töten. Aber im weiteren Sinne heißt es auch Gewaltlosigkeit. Satya – Nicht-Lügen, Asteya – Nicht-Stehlen, Brahmacharya – Vermeidung von sexuellem Fehlverhalten. Unterschiedliche Zeiten interpretieren als sexuelles Fehlverhalten etwas anderes, aber allgemein gilt es, sexuelles Fehlverhalten zu vermeiden. Und Aparigraha ist letztlich Unbestechlichkeit.
Eine Gesellschaft wird ruiniert, das Zusammenhalten der Gesellschaft wird ruiniert, wenn Menschen in Verantwortungspositionen bestechlich sind. Und so solltest du dir den großen Vorsatz fassen, deshalb auch Mahavrata, der große Vorsatz „Ich will mich an diese 5 Yamas halten. Ich werde mich daran halten. Ich werde nicht zum Wohl von irgendetwas, also für eigene egoistische Zwecke lügen. Und ich werde nicht um meinen Vorteil zu bekommen, einfach Menschen verletzen, werde nicht für größeren Geldgewinn andere Bestechen. Und ich werde nicht für größeren Lustgewinn sexuell unethisch handeln. Ich werde erst recht nicht stehlen.“ Das sind also die Vorsätze, die du dir fassen solltest. Und wenn du als spiritueller Aspirant wachsen willst, fasse dir diesen Vorsatz. Und wenn du ihn bisher noch nicht gefasst hast, dann unterbrich jetzt diesen Vortrag einen Moment und mache Mahavrata, das große Gelübde, den großen Vorsatz, dich von diesen Prinzipien leiten zu lassen.
- Vers, die Niyamas bestehen aus Shaucha, Santosha, Tapas, Swadhyaya, Ishvara Pranidhana. Das sind die fünf Niyamas. Shaucha heißt eben Reinheit. Santosha heißt Zufriedenheit, Tapas wird oft übersetzt als Askese, Selbstsucht, heißt aber allgemein auch spirituelle Praktiken, Swadhyaya – Selbststudium, was sowohl heißt Introspektion wie auch lesen von Schriften und spirituellen Werken, besuchen von spirituellen Vorträgen mit dem Wunsch mehr über dich selbst und den spirituellen Weg herauszufinden, Ishvara Pranidhana ist die Hingabe an Gott. Das sind die fünf Niyamas.
Man könnte sagen, das sind im Raja Yoga Sinn die fünf spirituellen Praktiken, die du im Alltag üben solltest. Also ein reines Leben führen im ganzheitlichen Yoga würden wir auch sagen den Sattva-Regeln folgen. In Shaucha ist dann letztlich die Ernährungsratschläge enthalten, dort ist enthalten das du reine, sattvige Regeln befolgst auch bei Kleidung, bei Sprache, im Umgang mit Anderen und so weiter. Also in Shaucha ist letztlich das ganze Sattva Element „mache dein Leben rein.“
Dann kommt Santosha. Santosha, die Zufriedenheit, Kultivierung der Zufriedenheit, überwinden von Raga und Dvesha, Mögen und Nicht Mögen, Gier und so weiter, auf der dann Ärger und so weiter beruht. Santosha, Zufriedenheit.
Und dann würde man sagen Tapas sind die regelmäßigen spirituellen Praktiken und bedeutet auch, bewusst deinen Geist kontrollieren. Öfter etwas tun, was dein Geist nicht mag. Öfter auch etwas nicht tun, was dein Geist mag.
Swadhyaya also Introspektion. Immer wieder hat Swami Sivananda gesagt „Scrutinise your motives.“, das heißt „Analysiere deine Motive.“ Sei dir bewusst aufgrund welcher Motive du handelst und immer wieder sorge dafür, dass die höheren Motive überwiegen. Und damit das gut funktioniert, lies spirituelle Bücher. Der eigene Geist verirrt sich leicht immer etwas. Heutzutage ist es jetzt üblich, dass Menschen ihre Weisheit aus Facebook holen und ich bekomme jetzt immer wieder auch irgendwelche Sachen geschickt als Messenger, irgendwelche Facebook-Sachen die irgendjemand gepostet hat, als ob das der Weisheit letzter Schluss ist. Menschen verbringen so viel Zeit und das ist manchmal Weisheit und manchmal Teil-Weisheit. Gut ich verbreite auch viel Dinge über Facebook. Aber auf die Schriften zurückzukommen. Yoga Sutra, Bhagavad Gita, Hatha Yoga Pradipika, Upanishaden. Manche Menschen verkaufen dann, das was irgendwelche Psychologen und Halbpsychologen sagen als Weisheit letzter Schluss und ziehen dann vieles infrage was in den Schriften steht. Lies die Schriften selbst. Und das hilft dir auch immer wieder, dich richtig auszurichten oder man könnte auch sagen die einzuordnen.
Und schließlich Ishvara Pranidhana, Verehrung Gottes. Also auch alles, was du tust, um Gott zu verehren ist gut.
Und so bezieht Patanjali letztlich auch alle Yoga Wege mit ein. Man könnte sagen in Ahimsa, Nichtverletzen ist letztlich Karma Yoga mit einbezogen. Die ganze Ethik im Alltag ist ja letztlich Karma Yoga. Dann über Shaucha ist auch vieles vom Hatha Yoga einbezogen, wo es ja auch um Prana geht. Dann natürlich über Tapas ist das ganze Kundalini Yoga miteinbezogen, wo es ja um intensive spirituelle Praktiken geht. In Swadhyaya, Studium der Schriften und Selbststudium ist Jnana Yoga einbezogen. Und Ishvara Pranidhana ist ja letztlich Bhakti Yoga.
- Vers, störende Gedanken können durch das Denken an ihr Gegenteil überwunden werden. Also wenn du Vitarkas hast, man könnte auch sagen andere Gedanken als die Yamas und Niyamas, die dich stören, diese können überwunden werden, wie nämlich durch Bhavana, durch Hervorbringen von Pratipaksha, eben die gegensätzliche Stimmung. Also wenn du zum Beispiel entdeckst, dass in dir Gier ist, dann bringe die Stimmung von Zufriedenheit hervor. Wenn du irgendwie Wut hast und anderen es heimzahlen willst, dann kultiviere Geduld, Vertrauen, Großzügigkeit oder Zufriedenheit.
Also Patanjali sagt hier werde dir bewusst, wenn Gedanken und Gemütszustände kommen die nicht den Yamas und Niyamas entsprechen und dann erzeuge diese innere Einstellung, die den Yamas und Niyamas entspricht. Das ist deine Verantwortung. Sage nicht der andere bringt mich zur Weißglut, sondern du kannst höchstens sagen, in der Gegenwart des Anderen kommt ein unerwünschter Gemütszustand und ich werde einen anderen Gemütszustand erzeugen. Patanjali gibt dir hier die volle Verantwortung für deinen Gemütszustand. Es ist schon eine große Verantwortung und es liegt an dir deinen Gemütszustand zu ändern. Es liegt an dir diese auch umzusetzen. Swami Sivananda hat gerne gesagt „Sei nicht nachlässig im Umgang mit deinem Geist. Lass nicht nach in der Bemühung deinen Geist zu beherrschen.“
- Vers, negative Gedanken und Emotionen, wie Gewalttätigkeit, ob man sie selbst in die Tat umsetzt, andere tun lässt oder negatives Tun billigt oder geschehen lässt, ob durch Gier, Ärger oder Verblendung verursacht, ob mild, mittelmäßig oder stark resultieren in endlosen Schmerz und Unwissenheit. Deshalb sollte man die gegenteilige Ansicht, die entgegengesetzte Gefühlseinstellung kultivieren. Also er hat im vorigen gesagt Pratipaksha Bhavana, bringe den negativen Gedanken entgegengesetzte Grundstimmungen hervor.
Also wenn du merkst, da ist irgendetwas Negatives in dir, insbesondere eben Himsa, Steya, Asatya und so weiter dann denke über das Gegenteil nach. Erzeuge die entgegengesetzte Grundstimmung. Warum solltest du das tun? Auch die Frage, warum sollten wir ethisch handeln? Und es gibt ja verschiedene Begründungen für die Ethik. Es gibt zum einen manche Religionen die sagen, handle ethisch, das ist ein Gebot Gottes. Weil Gott es so will, handle ethisch. Aber wenn du dich nicht an Gottes Gebot hältst, wird Gott dich in die Hölle bringen. Ein Grund für Ethik.
Ein anderer Grund könnte auch sein, in der Zeit der Aufklärung gab es ja einige Philosophen der Ethik und die haben gesagt, ohne ethisches Verhalten, ohne ethische Grundsätze gäbe es so viel Gewalt. Jeder gegen jeden. Dann könnte kein Mensch glücklich sein. Und so ist es wichtig, dass man Menschen erzieht zu einem ethischen Verhalten. Damit eine Gesellschaft überhaupt funktionieren kann, braucht es Ethik. Aber da die Menschen eine Neigung haben unethisch zu sein, braucht es Polizei und Richter und Gefängnis und Staatsanwälte und so weiter. Eine andere Begründung der Ethik.
Die modernen Evolutionsbiologen oder auch die sogenannten Paläonto-Psychologen, die vieles was den Menschen betrifft, aus der Steinzeit ableiten, sagen gerne auch der Menschen ist eigentlich gepolt auf Kooperation. Er ist glücklich, wenn er kooperiert. Letztlich wird er unglücklich, wenn er unethisch ist. Hier sind wir sehr ähnlich zum Beispiel an der Begründung der Ethik von Aristoteles.
Aristoteles hat ein Werk geschrieben, das heute genannt wird die Nikomachische Ethik und dort beschreibt er das sogenannte gute Leben und er sagt, das gute Leben sei ein glückliches Leben. Und er sagt auch, damit ein Mensch glücklich sein kann, muss er ethisch sein. Es ist nicht möglich für einen Mensch langfristig glücklich zu sein, wenn er unethisch ist. Und dort ist er fast ähnlich, wie die modernen Evolutionsbiologen, die eben sagen, der Mensch ist auf Kooperation getrimmt. Wenn er gegen Ethik verstößt, ist er unglücklich.
Patanjali folgt hier einem ähnlichen Ansatz. Er sagt, wer unethisch sich verhält, das resultiert in endlosem Schmerz. Und Aristoteles sagt auch, um Philosoph zu sein, um Wissen zu bekommen, musst du auch ethisch sein. Unethisches Denken und Handeln führt dazu, dass du nicht zur Wahrheit kommst. Und hier sagt es auch Patanjali. Unethisches Verhalten führt zu Schmerz und Unwissenheit. Natürlich Patanjali hat höhere Ideale als Aristoteles. Patanjali will durch zur Erleuchtung führen, zur Gottverwirklichung, Selbstverwirklichung, Kaivalya, zur Erlösung, zur Befreiung. Und da bedeutet, Avidya, Unwissenheit noch mehr als was Aristoteles darunter verstanden hätte. Also er sagt, warum Ethik, damit du aus dem Schmerz herauskommst. Warum Ethik, damit du zum Wissen und zur Erleuchtung kommen kannst.
Es mag sein, das du durch unethisches Verhalten schneller reich werden, das du schneller Vorteile haben kannst, nur glücklich wirst du nicht werden dadurch. Man wird wahrscheinlich sagen können, dass ein großer Teil der ganz reichen Menschen auf dieser Welt, nicht mit Yamas und Niyamas reich geworden ist. Also wenn man sich diese Menschen anschaut, wie sie im Alter aussehen, dann weißt du, nein, so willst du nicht sein. Es gibt ja durchaus dann noch einige, die dann im Alter einen großen Teil ihres Vermögens gemeinnützigen Stiftungen überschrieben haben, zum Teil auch um ihr schlechtes Gewissen irgendwo zu beruhigen. Und es hat Ihnen dann eben auch geholfen, im Alter wieder ethisch zu werden. Und es mag auch einige Vermögende geben, die ihr Vermögen erreicht haben durch ethische Mittel. Aber Unethik resultiert in Leid und Unwissenheit. Deshalb brauchst du auch keine unethischen Menschen, die reich werden, beneiden. Aber vielleicht dich einsetzen, dass es eine gerechtere Wirtschaft und Sozialordnung gibt. Denn Patanjali sagt jetzt hier auch. Unethik ist nicht nur, wenn du selbst etwas aktiv machst. Er setzt und jetzt sehr hohe Ethik.
Er sagt erst, unethisches Verhalten ist erst mal, wenn du es selbst in die Tat umsetzt. Zweitens, wenn du andere dazu verleitest unethisches zu tun. Und drittens, wenn du es billigst, dass jemand unethisches tut. Und viertens, wenn du es geschehen lässt, obgleich du dich hättest einsetzen können dafür das es nicht geschieht. Das ist tatsächlich stark. Das ist sehr viel.
Patanjali ist eben nicht wirklich derjenige, der einen nur zur Meditation veranlasst. Dieser Vers ist wie eine Anleitung zu großes gesellschaftliches Engagement. Sei selbst ethisch, lass andere nichts unethisches Tun, billige negatives tun nicht und lass auch nicht zu, das es Geschehen kann, wenn es sich irgendwo vermeiden lässt. Und dann sagt es auch, und egal ob du es jetzt tust, aus Gier heraus, aus Ärger oder Täuschung. Manche Menschen werden unethisch um etwas zu erreichen, weil sie gierig sind. Gar nicht mal wenige Menschen werden unethisch aus Ärger heraus, Kränkungen heraus. Sie sind beleidigt worden. Oder jemand hat ihnen etwas angetan und jetzt in ihrem Ärger oder einfach aus Täuschung, moha, heraus, sind sie verblendet. Und dann sagt es, das Ganze kann mild sein, es kann mittelmäßig sein und es kann stark sein. In diesem Sinne, sei dir bewusst, wie steht es um deine Ethik, bist du wirklich ethisch oder verlässt du manchmal die Ethik aus Gier, Ärger oder Täuschung. Veranlasst du andere unethisches zu tun. Lässt du unethisches zu? All das führt zu Leid und Unwissenheit. Willst du spirituelle Erleuchtung erfahren, dann gilt es dich ethisch zu verhalten und für das Gute in der Welt zu engagieren.
Hari Om Tat Sat.
Soweit zum Patanjali Yoga Sutra „Die Yoga Weisheit für Menschen von heute.“ Gerade zu diesen Versen habe ich auch sehr lange Kommentare geschrieben in dem Buch die Yoga Weisheit des Patanjali für Menschen von heute. So das du noch sehr viel mehr Anregungen bekommen kannst, Ethik in den Alltag umzusetzen. Ja dies war ein Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe zum Yoga Sutra, ein Teil der Vortragsreihe zur Yoga Vidya Schulung, ganzheitlicher Yoga Vidya Weg zur Kultivierung aller Aspekte des Menschen mit der Ausrichtung zur Erleuchtung zur kommen. Auch Begleitmaterial zur 2-jährigen Yoga Vidya Yogalehrer Ausbildung, wo ich in diesen Teilen noch tiefer gehe, als was in den Vorträgen behandelt werden kann. So das gerade Interessierte noch tiefer in die Yoga Vidya Spiritualität eintauchen können.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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