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Wer bin ich? Die große vedantische Frage Teil 1

Sathyam Jnanam Anantham Brahman. Anantham heißt unendlich. Anantham heißt auch ewig. Es gibt das Ewige, doch wir leben momentan in der vergänglichen und relativen Welt, was sich besonders an der Zeit messen lässt. Heute z.B. stellen wir die Uhren um. Nach der Zeit wäre es jetzt erst 20.45h und ich hätte noch eine Stunde für den Vortrag. Ich werde ihn aber auf wenige Minuten reduzieren. Morgen früh könnt ihr dann eine Stunde früher beginnen mit Meditation für euch selbst oder die Zeit auch nutzen, um über die Ewigkeit nachzudenken.
Shankaracharya hat ja gesagt, eine der vier Eigenschaften eines spirituellen Aspiranten ist die Viveka. Viveka ist die Unterscheidungskraft. Die Unterscheidungskraft zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen. Die Unterscheidungskraft zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst. Die Unterscheidungskraft zwischen dem Freudevollen und dem Nicht-Freudevollen. Eine Unterscheidung zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen. Ist leicht, was vergänglich ist.
Unser Problem ist nur, dass wir, weil wir irgendwo intuitiv wissen, eigentlich gibt es Ewigkeit, es nicht annehmen können, dass Dinge vergänglich sind. Aber Dinge sind vergänglich. Was heute da ist, muss morgen nicht da sein. Heute kann der Aktienmarkt hoch sein, morgen niedrig. Oder eigentlich kann man sagen, heute kann er niedrig sein, am Montag vielleicht noch niedriger. Oder auch höher. Geld kann da sein, Geld kann wieder verschwinden. Heute ist jemand freundlich, morgen ist er noch freundlicher, bevor er dann wieder unfreundlich wird. Oder er mag eine relative Freundlichkeit beibehalten und mal interpretiert man die eine Handlung als freundlich und die gleiche Handlung nachher als unfreundlich. Also, die Welt ändert sich und wir ändern uns auch.
Und so heißt es, alles ist vergänglich, nur eines ist ewig, nämlich der Wandel. Stimmt nur halb. Aber das ist eine wichtige Sache. Ein wichtiger Aspekt glücklich zu sein, ist zu erkennen, dass Dinge vergänglich sind. Wenn wir Angst haben, dass Dinge von uns gehen, dann versuchen wir festzuhalten. Aber wenn wir wissen, dass alles von uns geht, dann können wir spielerischer damit umgehen. Dann wenn es da ist, können wir uns darüber freuen. Dann wenn es bleibt, können wir uns auch darüber freuen. Wir wissen, irgendwann geht es vorbei. Dinge gehen vorbei. Emotionen gehen vorbei. Nur hinter allem bleibt eines gleich und das ist die Ewigkeit. Das ist Anantham und das heißt Brahman. Also inmitten von all dem Vergänglichen bleibt etwas und das ist unser wahres Selbst. Das ist das, was wir wirklich sind.
Swami Vishnu-devananda, mein Yoga Meister, hatte gerne Vedanta etwas humorvoll erklärt: Wir sind nicht der Körper. Angenommen, wir schauen ein Bild an von einem 10jährigen. Und dann sagen wir vielleicht: „Das bin ich.“ Schauen wir hin und sagen: „Das bin ich.“ Macht diese Aussage Sinn? Erstens ist da ein Stück Papier und wir sagen: „Das bin ich.“ Ich bin nicht dieses Papier. Zweitens, der der dort abgebildet ist, der sieht vollkommen anders aus als der, der das behauptet. Der ist vielleicht halb so groß, hat vielleicht andere Haarfarbe, andere Zähne, anderes Gesicht. Gut, mit viel Phantasie erkennt man vielleicht noch irgendwelche gemeinsamen Gesichtszüge. Man schreibt anders heute als damals. Man denkt anders, man fühlt anders, dennoch sagt man: „Das bin ich.“ Was ist gleich geblieben? Man kann sagen, die Gene sind gleich geblieben. Aber selbst die bleiben nicht vollständig gleich. Und irgendwo unsere Zellen verlieren ja im Laufe der Zeit, im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer wieder ein Stück mehr von irgendwelchem Erbgut, das ein Grund von Altern anscheinend zu sein scheint. Also, ich bin nicht der Gleiche. Aber etwas bleibt. Man sagt: „Ja, ich, das bin ich.“ - Bewusstsein bleibt.
Jetzt aber angenommen, wir merken irgendwo, es tut im Herz weh, wir gehen zum Arzt und er sagt: „Ja, your heart is attacking you.“ Es gibt so ein englisches Wortspiel. Herzanfall – dein Herz fällt dich an. Eigentlich fällt uns nie ein Herz an, nur wir attackieren unser Herz durch falsche Ernährung usw. Gut, also kriegen wir ein neues Herz. Wer sind wir mit einem neuen Herz? Und irgendwann zu Swami Vishnus Zeiten schien es so, als ob Affenherzen übertragbar seien. Zwar hat sich das glücklicherweise für die Affen erwiesen, dass es nicht möglich ist, Affenherzen dem Menschen zu übertragen. Ich sage das halb humorvoll. Aber was Menschen anderen Tieren antun, ist schon grauslich. Aber angenommen, wir würden ein Affenherz kriegen – Wer bin ich? Irgendwann hat man mal Versuche gemacht mit Schweineleber, weil die Schweineleber der Menschenleber irgendwie zu ähneln scheint. Angenommen, wir hätten jetzt eine Schweineleber und ein Affenherz und vielleicht noch Ziegennieren – wer bin ich? Das Ich bleibt gleich. Es scheint so zu sein, dass man tatsächlich, wenn man Organe transplantiert bekommt, so irgendwo emotional mit beeinflusst wird von dem, der das Organ gibt. Irgendwie gibt es da so ein paar Studien, die das mindestens nahe zu legen scheinen. Nicht unstrittig, aber es gibt ein paar Menschen, die sagen das. Dennoch, selbst wenn dann irgendwo meine Emotionen und meine Persönlichkeit sich irgendwie geändert hat, bin ich immer noch ich. Erinnert euch daran, das Kind ist nicht mehr der Gleiche wie der Erwachsene, auch in der Persönlichkeit hat sich vermutlich etwas geändert und manchmal sogar im Erwachsenenalter, gerade dann, wenn Menschen mit Yoga beginnen, tut sich auch einiges. Oder besondere Ereignisse und Herausforderungen können aus einem Menschen etwas ganz anderes machen. Das Ich bleibt gleich. Jetzt angenommen, ich bekomme dann irgendwo neues Blut, weil irgendwo das alte Blut mit all diesen neuen Organen klappt nicht richtig. Krieg also noch Blut von irgendjemand, der in Afrika lebt und vielleicht ein Organ von jemandem, der in Indien war und ein anderes Organ. Wer bin ich?
Und angenommen, ich stelle dann fest, ja, ich brauche eine andere Religion, eine andere Nase, ein anderes Ohr – wer bin ich? Etwas bleibt gleich und das ist das Ewige. Und dieses bleibt sogar gleich, wenn durch irgendwelche Krankheiten auch geistige Fähigkeiten weggenommen werden. Etwas bleibt immer.
Und so können wir das Ganze in der richtigen Wertigkeit sehen. Dinge, die vergänglich sind, kommen und gehen. Damit können wir spielerisch umgehen, wir können uns trotzdem dafür einsetzen und Kraft hinein geben, aber wir sind es nicht wirklich. Und etwas anderes bleibt ewig. In dem können wir verankert sein.

Hari Om Tat Sat

Transkription eines Kurzvortrages von Sukadev Bretz im Anschluss an die Meditation im Satsang im Haus Yoga Vidya Bad Meinberg. Mehr Yoga Vorträge als mp3.

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Tags: Frage, Inspiration, Jnana, Kommentar, Sukadev, Vedanta, Vidya, Wer, Yoga, bin, Mehr...ich?, tägliche

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