mein.yoga-vidya.de - Yoga Forum und Community

Das Yoga Forum für Ayurveda, Yoga, Meditation und Spirituelles Leben

"SHIRAZ - Ein Anfang" - Literarisches Denkmal und Manifest für die Vollkommenheit und Reinheit

2014 © Text und Foto: Bhajan Noam

„Shiraz –

Ein Anfang“

Literarisches Denkmal und Manifest für die Vollkommenheit und Reinheit 

 

  

Für die Schmetterlinge

 

 

 

 

I.

 

„Gewitter und Rotwein,

beide liebe ich,

weil sie gleich dem Tanz

den Geist so lichtvoll 

zu befreien vermögen.“

 

Saadi liebte Leila, Leila liebte Saadi. Und Saadi liebte die wohl schönste Form des Tanzens: wenn seine Geliebte – mit seinem Glied in ihr – mal sanft, mal wild sich auf und ab bewegte und ihrer beider Erregung in unbeschreiblich süße Höhen langsam, göttlich langsam steigerte.

Sie hatten mit der Zeit eine Leichtigkeit des Zusammenseins gelernt, in der einer den anderen als Gefährten der sinnlichen Verspieltheit, der feurigen Lust und dann der lichtvollen, stillen Wonne erfuhr. Der Wonne die sie immer öfter in ihrer ganzen offenbarenden Reinheit zum vollkommenen Erblühen verlockte. So waren ihre Begegnungen von großer Liebe, von inniger Freude, von stetem Respekt, ja von gleichsam zärtlicher Heiligkeit durchströmt. 

Leila und Saadi kannten und mochten sich von Kindheit an.  Doch diese ihre Liebe zu einander war plötzlich ausgebrochen, wie ein heftiges Gewitter, wie ein erkennender, drängender, alles wandelnder Sturm. Und dann war eine Sanftheit über sie geglitten gleich einer milden Mondnacht. Sie wussten sich für einander bestimmt. Ihre Seelen hatten sich im tiefsten Grunde berührt, ihre Herzen schlugen im gleichen leichten, fröhlichen Takt. Nichts im Inneren und nichts im Äußeren würde sie jemals mehr trennen. 

Saadi saß im Schatten und spielte auf seiner Laute. Er spielte das Lied von der Freundlichkeit aus einer verloren geglaubten Welt. Sein Großvater hatte es ihn gelehrt. Er hatte ihn schon als Jüngling in seltenes Wissen und in so manche Fertigkeiten kundig und liebevoll eingeführt.

 

Ein Schiff kam und entführte Saadi

auf eine weite, abenteuerliche Reise.

Doch Leila fürchtete nicht um ihre Liebe.

Zwei zeitlose Seelen kann nichts trennen.

Zwei Wahrheiten sind immer eine einzige Wahrheit,

wie zwei Flammen, die in ihrem Begegnen

zu einer einzigen werden.

 

Saadi kehrte zurück. Gereifter, weiser.

Leila liebte ihn, wenn dies möglich war,

noch inniger, noch zärtlicher.

Sie hatte jetzt Tränen in den Augen, wenn er sprach,

wenn er von der Welt weit weg erzählte.

Wenn er so tief aus seiner berührten Seele heraus schaute

und sie dabei küsste und herzte.

 

Ein weißes Haus

nicht weit vom Strand des warm flutenden Meeres.

Mit viel Liebe hatten sie es gemeinsam

erdacht, erbaut und eingerichtet.

Hier lebten sie ab jetzt ihre Freude

und all ihre Tage waren nur Tage des Segens.

 

Saadi liebte Leila, Leila liebte Saadi.

Weiße Wolken malten am Himmel beider Seligkeit.

Möwen schrien das Glück weit hinaus.

 

Leila gebar ein Kind, eine Tochter.

Saadi schrieb ihr Lieder.

Er sang von Leila, von Ayshe und Saadi,

die am Meer wohnen

und sich mit Muscheln schmücken.

 

Leila zeigte Ayshe ihr stilles Gebet und Saadi sang feine Melodien mit ihr. Melodien, von den Bäumen abgelauscht, von ihrem klangvollen Raunen und Rauschen im Wind. Melodien der tausend Stimmungen des Meeres. Geheime Weisen der Nachtvögel. – Und seine Laute schluchzte und lachte dabei so schön, so wahr, dass auch Ayshe, den jeweiligen Stimmungen folgend, kindhaft lachen und weinen musste.

 

Saadi lag auf Leila nackt und schön,

auf seiner nackten und schönen Frau.

Der Wind kitzelte ihre Haut,

Wellenplätschern stimmte ihr Gemüt so heiter.

Saadi wiegte sich im Takt des Meeres,

Leila ließ alles Wogen und Wehen in sich geschehen.

Sie breitete die Arme weit aus und weitete ihre Schenkel.

Sie sog alle Hitze des Sandes

und die ganze Hitze Saadis in sich auf.

Sie genoss ihre eigene Hitze und Nässe

trank am Ende den Samen,

der bis in ihr Herz hinauf schoss.

Oh welche Liebe ist möglich

bei zwei Ertrunkenen!

 

Leila trug ihren Sohn aus

und wurde immer schöner.

Saadi legte einen Blumengarten an.

Ayshe fiel ganz in Bruderliebe

und ernst gespielte Mutterliebe.

 

Was erzählen sich vier Menschen an Neuigkeiten, die Tag und Nacht beisammen sind? Sie erzählen sich von den neuen Wolken, die wie Drachen, wie seltsame Riesenköpfe, wie fremde Segelschiffe aussehen. Sie singen viele Strophen über den blinkenden Sternenhimmel und den so wundersam wachsenden Mond. Sie berichten sich von einer noch nie gesehenen Färbung der brandenden Wellen, von einem Grün der Bäume, das nur heute so besonders in der Sonne glänzt. Sie flüstern von der Schönheit, von der Zärtlichkeit und von der Besonderheit des anderen, bis ihr Lob zu den schwatzenden Vögeln gelangt. Die trällern es gleich hinaus in die Welt und übertreiben dabei natürlich, ganz in ihrer liebe-vollen und wirklich niemals schüchternen Art!

 

Es war gut, dass die Vögel das Glück der Vier

in die Welt hinaus trugen.

Die Welt braucht Geschichten

von glücklichen Menschen

So viele entscheiden sich für die Traurigkeit.

 

Saadi sagte einmal zu Leila, dass er in seiner Kindheit das Glücklichsein von seinem weisen Großvater gelehrt bekam. Der hatte ihm erklärt, dass Traurigkeit wie körperlicher Schmerz sei und das hinter der Traurigkeit oft noch ein weit größerer Schmerz, die Wut und der Hass, versteckt lägen. Aber dass ganz tief immer die Freude alles durchdringen und durchweben würde wie ein natürliches Lied, das niemals verstumme. Der Großvater war es auch gewesen, der ihm diese Geschichte vom Meer erzählt hatte:

 

Das Meer, das sonst so fröhlich tanzte und dessen Wellen in der Sonne glitzerten und blinkten, war eines Tages ganz aufgewühlt, düster und zornig. Es fragte sich, was heute so anders wie an anderen Tagen sei. Indem es nach allen Richtungen schaute, entdeckte es seinen Bruder, den Wind, der schwere, dunkle Wolken vor sich her schob, aus denen es gewaltig donnerte und blitzte. „Bruder Wind“, rief das Meer durch den Lärm hindurch, „warum schleppst du solche schwarzen Lasten heran und verfinsterst damit die Sonne über uns? Und warum zerrst du und reißt du so an mir mit all deiner unbändigen Kraft?“ – „Aber liebe Schwester“, rief der Wind zurück, „es sind doch deine eigenen Wasser, die ich in die Höhen wirbele, um sie von Vater Sonne und Mutter Mond segnen zu lassen und sie dir mit goldenen Freudenfunken angereichert zurückzubringen. Wie unlebendig wärest du und unglücklich ohne das funkelnde Lachen unserer ewigen Eltern in deinen jetzt seligen Tiefen. Meine scheinbare Wut ist dein eigener Wunsch, dich zu erfrischen und zu verjüngen. Die kleine Unruhe in deinem Wellengekräusel, was ist sie gemessen an der strahlenden Liebe deiner ruhenden Macht!“ Darauf wandte Schwester Meer zum ersten Mal ihren Blick in die eigenen Tiefen. Ein goldenes Beglücken durchfuhr sie beim Anblick all der strahlenden, farbigen Schönheit und Lebendigkeit. Voll Seligkeit umarmte sie die wendigen,  tausendbunten Fische, voll Stolz alles, was in ihr myriardenfach  wirkte und wuchs. – Inzwischen hatte Bruder Wind die Wolkenlasten abgelegt, Vater Sonne flutete helle Strahlen durch die neu erfrischte Atmosphäre. Blinkend weiße Möwen zogen hoch ihre Kreise, um hin und wieder zielsicher und blitzschnell hinab zu tauchen und sich mit einem zappelnden Fisch im starken, sonnengelben Schnabel wieder unbändig emporzuschwingen. „Ja“, erkannte nun Schwester Meer so klar und rein, „Freude ist meine einzige Natur, ich selbst bin das lebendige Glück, das Lachen und die wonnevolle, alle und alles seligmachende Liebe! Oh ja!“       

 

„Und du, meine geliebte Leila“, sagte Saadi häufig in diesen und vielen anderen zärtlichen Sätzen, „und wir, unsere gemeinsame Liebe, sind der in Erfüllung gegangene Traum dieser Welt. Während ich wieder und wieder dich umarme, herze und drücke ich auch die große Liebe selbst, die in uns allen warm und weich und voller Freundlichkeit ihr kostbares Zuhause nahm.“

II.

 

„Erst hören wir von etwas,

dann fühlen wir es.

Danach werden wir zu ihm,

verstehen es und können es loslassen!“

 

Die kleine Stadt am Meer war ein Zentrum schlichter Gläubigkeit und etlicher vollendet ausgeprägter Künste. Es gab tüchtige Handwerker, belesene und weltgewandte Müßiggänger, virtuose Sänger und Musiker, Maler und Baumeister, Kachelbrenner und Goldschmiede, Meister der edlen Töpferkunst, Dichter, geschickt in Wort und Vortrag und vieles, vieles mehr. Und alles das unter einem zumeist azurblauen Himmelsrund am Tage und einem dunklen Samtgewölbe mit seinen strahlenden Perlen und der sich ständig wandelnden, ein wenig eitlen Silbermondin bei Nacht. 

 

Die meisten Bewohner gingen wie überall ihrem einfachen Tagewerk nach, taten es jedoch mit heiterem Gemüt und unbekümmerter Gelassenheit. Es gab Lachen, es gab Geschichten und es gab Lieder und Feste, die alle innig mit einander verbanden. Natürlich kannte man auch hier die Trauer und den Schmerz, den Verlust und die Verzweiflung, die Wehklage und das Leiden. Doch Freundschaft und Nachbarlichkeit, ein warmes Vertrautsein, ehrlich empfundenes und von Herzen gezeigtes Mitgefühl enthoben die Gefallenen rasch allzu großer Dunkelheit, ließen das Licht und die Freude stets wieder neu für sie erblühen, die inneren Sterne sogar tiefer, seelenvoller funkeln als zuvor, um sie zuletzt mit weisem Verständnis und  gereifterer Liebe all dem Durchlebten glückvoll entwachsen zu sehen.

 

"Deine Gabe“, sagte Leila zu Saadi,

„ist die Aufmerksamkeit. Ich würdige deine Bewusstheit,

die dich auszeichnet vor allen. Ob es in unserer Liebe ist,

in deiner Kunst oder in deinem ganz alltäglichen Handeln,

du besitzt eine Wachheit für die feinen Regungen

und Veränderungen und eine Geschmeidigkeit des Geistes, 

die du durch deine Hände und übrigen Glieder

so mannigfach zum Ausdruck bringst.

 

Ich liebe es, dir in die Augen zu schauen,

tief in deine Seele hinab, die ja mein Zuhause ist.

In ihnen sehe ich die ebenso unverhüllte Liebe

unserer Kinder zu uns und unter einander.

In ihnen erkenne ich meine eigene süße Zärtlichkeit,

meine Liebe zu dir und zum großen Leben.

Mein so geliebter Saadi, für alles,

was mein tiefstes Fühlen dir sagen möchte,

fehlten selbst einem Dichter die Worte.

Doch du verstehst  mein Schweigen,

das gefüllt ist mit entblößter Liebe zu dir,

mit einem stummen, überlauten Lied so großer Sehnsucht, 

die uns immer und immer und immer verbindet“.

 

Ayshe wuchs heran zu einer zarten und doch kraftvollen Schönheit gleich ihrer Mutter. Sie liebte ihren Bruder Dhara über alles. Beide traf man am frühen Morgen und des Abends übermütig spielend am Strand in der seichten Bucht – und während der Hitze des Tages streunend in den vertrauten und doch täglich mit neuen aufregenden Abenteuern auf sie wartenden, zahllosen Gassen und Plätzen der Schatten und Kühle spendenden Stadt. 

Am Ende eines etwas abgelegenen, geheimnisvoll gewundenen, mit dunklem Grün überhangenen Gässchens wohnte der Märchenerzähler, den Kinder wie Erwachsene mit schaudernder Vorfreude am frühen Abend aufzusuchen pflegten und mit gestilltem Phantasiegemüt, ehrfürchtig schweigend oder aufgewühlt plaudernd, meist erst zu später Nachtzeit wieder verließen. Wie schon in ihrer eigenen frühsten Kindheit und so manches Mal auch jetzt noch Leila und Saadi sich mit purer Absicht hierhin ziehen ließen, so ging es naturgemäß nicht anders ihren beiden erlebniswildernden, ewig neugierigen Kindern Ayshe und Dhara.

 

„Ich bin keineswegs weise“, begann der kleine alte Mann mit weißen Haaren und vollem Bart, der tiefversunken in den weichen Polstern eines uralten, übergroßen, einstmals vielleicht rotgemusterten Sessels hockte, sein Rede. Während seine kohlschwarzen Augen lebhaft blitzten, sprach er weiter: „Ich habe auch nicht die Erleuchtung der großen Meister. Doch das Märchen hat sein ganz eigenes Wesen. Es führt uns, zwar auf verwirrenden Pfaden oft,  ganz sicher zu dem einen hellen Ziel all unserer tiefsten Sehnsüchte. Und es kommt nicht so sehr auf den Erzähler an – wenngleich natürlich auch –, weit mehr aber auf eure offenen Ohren und euer weites Herz, das alleine den Ruf zu hören vermag und dessen höchsten Sinn eines Tages versteht.“

„In dieser Geschichte, welche ich heute zu erzählen gedenke“, sprach der Alte nun mit klaren, fast schroff artikulierten Worten, „geht es um eine Prinzessin die hoffnungslos liebte. Die mit aller Wildheit liebte – aber keinen bestimmte Person, keinen edlen Prinzen oder Königssohn, der ihre Liebe vielleicht nicht gemäß erwiderte. Es waren auch nicht die so verehrten Eltern, denen diese besondere und ausschließliche Liebe galt. Sie galt keiner Freundin, nicht ihrem Lieblingspferd, nicht einmal Gott, zu dem sie doch täglich dreimal betete. Und sie galt ebenso sicher nicht ihrem eigenen Spiegelbild, welchem sie Stunden ihrer ganzen Aufmerksamkeit widmete. – Was war das für eine seltsame, machtvolle, ja verrückte Liebe?“ 

Der Alte legte eine Pause ein, in welcher er mit einem bereitgehaltenen, glühenden Holzkohlestückchen die spezielle Tabakmischung in seiner silbern verzierten Wasserpfeife entzündete. Langsam sog er den kühlenden Rauch in sich auf. Gebannt schauten die Lauschenden dabei zu, wie er mit kindlicher Freude kunstvolle Rauchringe zur hohen Decke steigen ließ. Dann fuhr er in seinem Erzählen fort: „Rahiti, die Prinzessin dieses Märchens, liebte heiß und inniglich. Und diese Liebe ohne Ziel, die sie sichtbar mehr und mehr verzehrte, führte sie lange Zeit nahe am Abgrund des Wahnsinns entlang."

„Zur gleichen Zeit lebte aber in einer fernen Stadt ein armer Schuster mit seiner Frau und seinem einzigen Sohn. Der Sohn, obgleich er schon mehr zwanzig Lenze zählte, war im Haus geblieben, hatte bei seinem Vater von früh an das Handwerk erlernt und kannte nicht viel mehr als tagein tagaus das Reparieren alter abgewetzter Stiefeletten, das gelegentliche Herstellen eines schlichten neuen Paares, das Ausbessern eines verschlissenen Zaumzeugs oder einer Handtasche und die oft langen Wartezeiten ohne irgendeinen Auftrag, der doch das notwendige Geld für ihr spärliches Mahl und, selten genug, ein gebrauchtes Kleidungsstück einbringen musste.“

„Eines Tages, nachdem während einer endlos sich dahinziehenden Woche wieder kein einziger Kunde ihre ärmliche Werkstube, die zugleich auch ihrer dreier Wohnung war, betreten hatte, brummte der Vater, ohne dabei seinen Sohn anzuschauen: Unser letzter Pfennig ist ausgegeben und kein neuer Lohn ist absehbar. Wir können kein neues Leder erstehen, nicht einmal ein Stück Brot oder Kraut für eine billige Wassersuppe. Ich gebe dir das notwendigste Handwerkzeug für ein Reisegewerbe, versuche damit dein Glück in der Welt, und wenn du es gefunden hast, vergiss darüber deine alten Eltern nicht. – Damit war der Abschied ausge-sprochen und der Sohn begab sich – mit leerem Magen zwar doch mit der ganzen Kraft der Jugend – auf eine ungewisse Wanderschaft.“    

     

„Kaum hatte Balthasar, der jetzt ‚vogelfreie’ Schustergeselle, seine Stadt verlassen und begonnen ungewohnte, fremde Wege zu betreten, lief ihm ein Hund über den Weg, ein streunendes und dennoch gepflegt aussehendes Tier mit kurzem, weiß glänzendem Fell und ein paar hübschen, wohl verteilten schwarzen Punkten. Der schnupperte zunächst an Balthasars Hose und Schuhen, um ihn dann kräftig mit seiner feuchten Schnauze anzustupsen, ganz als wollte er sagen, ab jetzt sind wir Freunde und einer wird für den anderen sorgen! – Balthasar, der ja noch nicht einmal wusste, woher er für sich selbst sein nächstes Mahl bekommen sollte, ging nach einem freundlichen Tätscheln des Tieres weiter seines unbestimmten Weges. Doch der Hund blieb unbeirrt an seiner Seite und ließ sich weder durch vernünftige Worte noch derbe Stöße vertreiben. So fand sich Balthasar schließlich mit dem Schicksal ab, künftig für sie beide Verantwortung zu übernehmen.“

Der Alte bekam nun von seiner Enkelin ein Glas mit heißem Pfefferminztee gebracht und auch die Lauschenden wurden mit dem duftenden Getränk bestens versorgt. In diesen kleinen Pausen sprach niemand ein Wort. Die meisten saßen mit geschlossenen Augen da und ließen die vielfarbigen inneren Bilder und ihre schweifenden Gedanken, angeregt von dem Erzählten, gemütvoll und zu natürlicher Muße begabt in sich nachwirken. Man war allgemein in einer wohlig gespannten Stimmung. Der Tabakduft aus der wieder erglimmten Wasserpfeife, an welcher der Märchenerzähler zwischen jeweils zwei Schluck Tee genüsslich zog, erfüllte den Raum mit einem süßen und zugleich gelassen und heiter stimmenden Aroma. Doch nach einiger Zeit gewann die Pause wieder an wacher Fröhlichkeit, die Herzen der Gäste schlugen  begierig nach einem weiteren Teil des Märchens. Und der Alte ließ sie auch nicht länger warten.

 

„Für einige von euch ist es kein Geheimnis“, nahm er den Faden wieder auf, „dass der alte Schuster in meiner heutigen Geschichte, Balthasars Vater nämlich, tatsächlich einmal eine Zeit lang in dieser Stadt weilte und dabei mein Freund wurde. Von ihm erfuhr ich all die Begebenheiten aus erster Hand, und so seid versichert, dass alles, was ich hier sage, ganz der Wahrheit entspricht. Dann schob der Alte, während er fast unmerklich in sich hineinlächelte, hinterher: So manches Mal wird auch der eine oder andere von euch in seinem eigenen Leben erfahren und erkennen müssen, dass die Wirklichkeit weit größer und oft wundersamer sein kann als Erdachtes und Erdichtetes.“ 

„Fleck, wie Balthasar seinen neuen Reisegefährten einfach wegen seiner schwarzen Flecken nannte, war keine zusätzliche Bürde, wie er zunächst fürchtete, sondern brachte ihm von Anfang an Glück. Ein Jäger, den sie unterwegs trafen, wollte ihm das stolze Tier zu einem guten Preis abkaufen. Doch weil Balthasar, dem Fleck so treu in die Augen schaute, nicht einwilligen konnte oder wollte, steckte ihm der Mann eine gute Summe Geld zu mit der Aufforderung, ordentlich für Fleck, den er für einen ganz besonderen Wesen hielt, zu sorgen. Dass der lebenskluge Jäger auch in Balthasars Augen eine sich anbahnende schicksalhafte Fügung las, sagte er diesem allerdings nicht.“ 

„Weil Balthasar immer noch nicht wusste, wohin er sich wenden sollte, ließ er sich einfach treiben, doch gewann er bald den Eindruck, dass Fleck sehr wohl wusste, welche Richtung er einschlagen wollte und deshalb unauffällig schon längst die Führung für sie beide übernommen hatte. Je öfter er nun den Hund beobachtete, desto seltsamer kam ihm die ganze Reise vor und desto mehr verlor er den Glauben, jemals in seinem Leben selbst etwas entschieden zu haben. Nun erst bemerkte er auch das eigenartige Halsband an Fleck. Doch als Baltasar sich dem Hund nähern wollte, um es eingehender betrachten zu können, knurrte dieser ihn an. Balthasar sprach beruhigend auf ihn ein und folgte weiter der unbekannten Straße, auf welcher Fleck bis zum späten Abend vorantrabte.“ 

„Kurz vor einer Ortschaft blieb Fleck unter einem weit ausladenden, hohen Baum etwas abseits der Straße, die sie gegangen waren, stehen. Balthasar, der bisher ganz in seinen eigenen Gedanken gefangen war, vernahm plötzlich das melodiöse Vogelgezwitscher, das vor ihm schon so viele einsame Wanderer beglückt hatte, sah ein flinkes Eichhörnchen den Stamm hinauf- und hinunterhüpfen, sah das Glitzern einer Schlange, die dicht neben dem Schatten, den der Baum warf, die letzten Strahlen der Abendsonne genoss. Da Fleck jetzt offensichtlich nicht weitergehen wollte, ließ sich Balthasar im weichen Gras nieder – von dem eigentlichen Geschehen hier aber bemerkte er nichts.“ 

„Wer kommt denn da hinter dir hergelaufen, witzelte die Amsel gegenüber Fleck. Der schläft ja noch tief und fest  und weiß nicht, wer er ist, wohin er geht, was seine Wahrheit und Begabung ist und wer ihn ruft! –  So ist es, lachte Fleck, und das ist vorerst auch gut so! – Er versteht ja nicht einmal die einfache gemeinsame Waldsprache, zischelte die Schlange, die von ihrem bequemen Sonnenplatz herbeigeschlängelt kam. – Oh, ich könnte ihn weckenwecken, fiepte ganz aufgeregt das Eichhorn, das tue ich doch immer am liebstenliebsten. Jajajajaja! – Das hat noch viel Zeit, ließ sich jetzt der alte Baum brummend auf das für ihn sehr hektische Gespräch ein. Wie viele lagen schon in meinem Schatten, die schliefen und schliefen und es hat ihnen nicht geschadet. Schlafen ist sooo wichtig. Wir Bäume können den ganzen langen Winter über schlafen und träumen und dabei tief in die Erde hineinschauen. Und die Erde erzählt uns nach und nach all ihre seltsamen Geschichten, aus Jahrtausenden und noch viel älterer Zeit. Der Schlaf ist ein Lehrer für uns und ein Arzt, der uns stark und gesund hält und sehr alt werden lässt. Ob jeder von uns dabei auch weise wird, sei mal dahingestellt. – Ab hier brummte der Baum eine kleine Weile ganz in seiner eigenen, auch für die Tiere unverständlichen Sprache. Doch sie lauschten diesen wundersamen, tiefen Tonschwingungen und Rhythmen und schaukelten mit geschlossenen Augen ein kleine Weile sanft darin mit.“ 

 

„Balthasar, war bei all dem nichts Außergewöhnliches aufgefallen. Müde jedoch vom Warten, ob Fleck vor der hereinbrechenden Nacht noch eine Entscheidung zum Weitergehen treffen würde, war er im weichen Gras fest und selig eingeschlafen. – Weckenweckenwecken, fiept erneut das Eichhörnchen und wippte mit seinem buschigen Schwanz recht nahe an Balthasars Nase vorbei, aus der einige Zeit bereits feine, leise Schnarchlaute ertönten. Doch dann war es mit ein paar flinken Sätzen schon wieder hoch oben im Wipfel, von wo aus es weiterhin fröhlichen Unsinn fiepte. – Wenn du mich fragen würdest, zischelte die Schlange, die sich vor Fleck ein gutes Stück emporreckte, um ihm mit ihren hypnotischen Blicken besser in die Augen blinzeln zu können, wenn du mich fragen würdest, wiederholte sie leise aber nachdrücklicher, könnte ich dir sagen, dass dein Ansinnen, was diesen dummen, plumpen Menschenmann betrifft, nur Erfolg hat, wenn du ihn einmal meinen weisen Zähnen überlässt. In ihnen ist die Medizin, die seinen törichten Geist heilen könnte... oder die ihn tötet, wenn er es nicht anders verdient. Sssssss!“

 

„Fleck entzog seinen Blick der Schlange und wandte sich, ohne ihr zu antworten, der Amsel zu. – Dich halte ich wahrlich für die Klügste in dieser Versammlung, sprach er sehr höflich zu ihr. Ich erwarte keinen Ratschlag von dir, denn du weißt, dass mein Beschluss von Anfang an feststand, oder besser gesagt, dass meiner Aufgabe, die mir von höherer Warte anvertraut wurde, auch ein fester Plan zugrunde liegt. Mich interessiert aber sehr deine Meinung zu der gesamten Angelegenheit, über die du unterrichtet bist, mehr aber noch deine Gefühl, was Balthasars Person betrifft. – Mein lieber Fleck, wie dich jetzt Balthasar nennt und der sich wohl als dein Beschützer wähnt, mein lieber Fleck, du kannst es nur ahnen, der du ja nicht in der Versammlung dabei sein durftest, wie ich mich ganz besonders dafür eingesetzt habe, dir diese Rolle zukommen zu lassen, die du nun mit deiner reichen Erfahrung, auch um einige größere Zusammenhänge wissend bereits zu erfüllen begonnen hast. Der Plan ist weise, denn der große Olifant aus Kumaradj selbst, der als letzter Lebender noch die Menschengeschichte von Anbeginn her kennt, hat ihn erdacht und uns zu der sofortigen Ausführung angespornt. Keiner untersteht wie er ganz unmittelbar dem Großen Rat, so kann es keinen Zweifel an der Notwendigkeit, Wichtigkeit und Richtigkeit geben. Zu Balthasar, da du mich befragt hast, möchte ich nur soviel sagen, dass du noch etwas Zeit und Geduld brauchen wirst, bevor du ihn allmählich in seine bedeutende Aufgabe einführen kannst. Ich frage mich allerdings bereits, ob nicht schon alleine ‚Die Begegnung‘ ausreichen mag, um die uralten Erinnerungen in ihm zu erwecken und zu bestärken. – Das war auch mein Gedanke, erwiderte Fleck erleichtert nach einer kurzen Pause des Nachsinnens, ich glaube wir können dem Weg, den wir ja bereits eingeschlagen haben, ganz und gar vertrauen. – Hier endete dieses Gespräch in vollem Einvernehmen und deshalb nur scheinbar abrupt. Denn so können es jene Wesen in Frieden halten, die im innersten Geiste stets treu verbunden sind.“ 

Aufmerksam und mit freundlicher Geste brachte die Enkelin zur rechten Zeit ihrem Großvater wieder einen frisch aufgebrühten Pfefferminztee. Auch den Gäste wurde erneut Tee serviert und diesmal süßes Gebäck dazu gereicht. Dann teilte die Enkelin mit, dass der Großvater für heute enden und ganz sicher an einem der nächsten Tage weitererzählen würde. Der Alte zog sich daraufhin zurück, dafür kam aber schon ein Gruppe Musiker herein  –  und mit Tanz und Gesang wurde es noch ein langer, beschwingter und kurzweiliger Abend! 

 

 

III.

 

„Diamanten, was ist ihr Wert

im Antlitz reiner Liebe?

Ein Krümel Salz, die vergossene

Träne in höchster Lust,

wiegt mehr als tausend von ihnen auf!“

 

„Bunte Schmetterlinge tanzend über tausendbunter

Blütenfreude! Der Himmel ist hoch und nah zugleich.

Alles, was lebt, lebendig lebt –

hierheute, jetztgleich, ein Wimpernschlag, ein Schnabelhieb,

ein Herzhüpfer, ein Zungenkuss,

eine Kitzelwelle,  ein Samenspritzer,

ein Wonnestaunen, ein Traummoment, die Ewigkeit  – 

was flirrt und schwirrt hoch droben in blauen Lüften,

tief drinnen in roten Adern,  ist das einzig mögliche, 

alleine wirkliche, ist Tanz, ist Wahrheit, ist Liebe, ist Liebe,

ist Liebe, meine Freundin, mein Freund!“

 

Saadi liebte Leila und schrieb ihr immer neue Verse. Leila liebte Saadi und lauschte hingegeben seinem Spiel. Tanzte mit seinen Melodien, wirbelte mit seinen Träumen, machte Liebe mit ihm im Rhythmus naher Sterne, kam in Wellen wie die Brandung ihres Meeres, mit ihm, unter ihm, in ihm, in gemeinsamen und ganz eigenen hohen Wonnewogen! „O Saadi“, hauchte Leila so zart zerfließend in sein Ohr, „mein Herz ist eine süße Honigblüte und der trunken taumelnde Schmetterling zugleich. Unser Weg ist ein  Freudenstrahl der Sonne, unser Leben wie ein heller Traum des Engels. Wir sind eine Kraft, wir sind ein stolzer Atem und wir sind ein Wehen und ein Vergehen. Dasselbe starke Leben lebt uns, derselbe wilde Tod holt uns einst heim, dieselbe Sonne scheint zu unsrer unsichtbaren, langsam sich vollziehenden Vollendung. Nie werden wir woanders hingehen, denn es gibt ja nur dies eine große Sein, in dem wir, ewig uns erneuernd, bleiben. Alle Trennung ist wirrer Traum, jede Begegnung ein Vergessen. Wach sein, wahrhaftig sein, Liebe, Licht und Freude sein ist göttlicher Wunsch und längst vollendeter Plan. Was die strahlenden Dichter einst schrieben, heute ist es dieses Leben. Was der heilige Weber einst webte, heute sind wir sein goldener Schal. Was der Töpfer einst drehte, wir sind nichts als sein Reigen, sein Drehen und sein Tanzen, seine Erde und sein Himmel, seine Hand und sein Herz! Was heilige Bücher einst kündeten, wir sind das Offenbarte! Wir sind der Wunsch und seine Erfüllung, wildes Wirken, wahrer Traum. Ein entblößtes Wirbeln sind wir und der seit Anbeginn vom Schöpfer uns Wesen zugeflüsterte krönende Laut. Blinkende Sehnsucht und darin Vollendung, winkende Hoffnung und selbst in der Blendung holdes Sein – ohne geheimen, würdelosen Wunsch nach Trost“.

 

„Ach, meine Leila, du übertriffst all meine Lieder in deinem natürlichen Sein um Längen“, sprach Saadi ergriffen und hüllte seine geliebte Frau in seidene Küsse und samtgleiche Liebkosungen. Geheiligtes Schweigen erfüllte jetzt beide und sie lagen ganz zärtliche Wange an zärtlicher Wange, liebkosende Hand in liebkosender Hand, gestilltes Herz an gestilltem Herzen, sanfter Liebesschauer an sanftem Liebesschauer, wärmender Fuß an wärmendem Fuß, nährendes Sein an nährendem Sein – eine zeitlose, ewigwohltönende Erdehimmelschale in einem goldenen Kokon aus Seligkeit.

 

 

(aus meinem neuen Buch "Café Kailash")

****

Nachwort:

SHIRAZ ist eine Geschichte voller Poesie und lyrischer Strahlkraft. Aber sie bleibt irgendwie rätselhaft und ist nicht bestrebt ihre Schleier zu heben. Ich benutze hier die literarische Form des Fragments und setze sie bewusst ein, um weich getönt - nicht scharf - hindeuten zu können auf die Rätselhaftigkeit des Lebens, seinen immer ungewissen, nie vorausahnbaren Verlauf und dennoch seine mystische Vernetzung aus dem Drama der Jetztheit heraus mit Vergangenem und Zukünftigem, mit Zeit und Raum, mit Ewigkeit und Unfassbarkeit - bewusst oder unbewusst, durchdrungen von ewiger Wonne und unvergänglicher Liebe, von den hier Seienden wahrgenommen.

- Bhajan Noam -

Seiten des Lebens: www.bhajan-noam.com

****

DIESER BEITRAG WURDE BISLANG: 184 X ANGESCHAUT

Tags: Bhajan_Noam, Denkmal, Geschichte, Liebe, Manifest, Reinheit, Shiraz, Vollkommenheit

Kommentar

Sie müssen Mitglied von mein.yoga-vidya.de - Yoga Forum und Community sein, um Kommentare hinzuzufügen!

Mitglied werden mein.yoga-vidya.de - Yoga Forum und Community

© 2019   Impressum | Datenschutz | AGB's | Yoga Vidya |   Powered by

Badges  |  Ein Problem melden  |  Nutzungsbedingungen