Kapitel 14 Vers 19: „Wenn der Sehende keinen anderen Handelnden sieht, als die Gunas und das erkennt was höher ist als sie, dann kommt er zu meinem Wesen.“
Krishna ist das Unendliche, das Ewige, das Göttliche. In dieser Welt sind wir durch die Gunas bestimmt. Wir haben Sattwa und deshalb sehen wir Dinge gut und erfahren Freude. Wir haben Rajas, weil wir gierig sind und Erwartungen haben, weshalb wir alles mögliche tun wollen. Wir sind öfter auch in Tamas und somit in Trägheit, Unwissenheit und Niedergeschlagenheit.
Wenn wir aber erkennen, dass all das letztlich nur ein Teil der 3 Gunas ist und wir uns nicht mit unserem Geist identifizieren, dann erfahren wir das Göttliche. Du kannst also beobachten und sehen, dass sich dein Geist zum Beispiel im rajasigen Zustand befindet. Er will dieses und jenes haben. Wenn du das nächste Mal denkst, dass du etwas unbedingt haben musst, dann halte einen Moment inne und mache dir bewusst, dass dein Geist in Rajas ist. Wenn dir ein Gedanke kommt, der dir sagt, dass alles keinen Sinn macht, dann werde dir bewusst, dass dein Geist in Tamas ist. Dein Geist ist im Sattwa, wenn du findest, dass alles großartig ist.
Das Prinzip kannst du auch bei den Doshas anwenden. Wenn du dich über etwas ärgerst, dann ist dein Pitta gerade stark geworden. Wenn du Ängste hast, dann ist dein Vata Element stark geworden. Und dein Kapha Element ist stärker geworden, wenn du dich träge und antriebslos fühlst. Manchmal hilft das Ayurvedasystem das Ganze etwas wertfreier zu machen.
Tamas ist nicht so gut, Rajas ist mittel gut und Sattwa ist sehr gut. Diese Wertung kann helfen, aber manchmal ist es auch besser zu sagen, dass Pitta, Vata oder Kapha zu hoch geworden sind. Dann weißt du, dass es nicht dir schlecht geht und dass du nicht ärgerlich, ängstlich geworden bist, sondern dass alles Vata, Pitta und Kapha sind. Oder Sattwa, Rajas und Tamas. Wenn dir das gelingt, dann kommst du zum Wesen Gottes.
Kapitel 14 Vers 20: „Der Verkörperte, der die drei Gunas transzendiert hat aus denen sich der Körper entwickelt, ist frei von Geburt, Tod, Verfall, Schmerz und erreicht Unsterblichkeit.“
In vorherigen Versen hat Krishna uns aufgefordert sattwig zu sein. Jetzt sagt er aber, dass wir alle Gunas, einschließlich Sattwa transzendieren sollen, dann sind wir frei von Geburt, Tod, Verfall und Schmerz. Geburt und Tod ist etwas, was zu Prakriti gehört, also alles was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Erkenne, dass alles sich verändert. Deine Psyche verändert sich und auch dein Körper verändert sich.
Wenn du zehn Jahre alte Videos von mir anschaust, dann sah ich anders aus als jetzt. Eigentlich sogar nicht ich, sondern dieser Körper. Ich sehe jetzt anders aus, als früher und andere Menschen sehen auch anders aus, als früher. Yoga Vidya gibt es jetzt schon mehr als 30 Jahren und Kinder, die ich in Frankfurt vor 23 Jahren beim Kinderyoga gesehen habe, haben jetzt schon eigene Kindern mit denen sie zu Besuch kommen. Dinge ändern sich!
Manche, die früher eine wunderbare Partnerbeziehung hatten, klagen daran, dass sie geschieden sind. Andere, die vor 10 Jahren geklagt haben, dass sie keinen Partner finden, sind jetzt verheiratet und haben Kinder. Es gibt zu erkennen, dass Dinge sich ändern. Alles kommt und geht und auf einer relativen Ebene ist das auch ganz gut. Aber die Verhaftung an etwas führt zu Schmerzen und dazu anzunehmen, dass Dinge immer gut bleiben. Anzunehmen, dass Dinge sich immer nur positiv entwickeln, ist reichlich illusorisch. Letztlich ist die Welt Geburt und Tod unterworfen. Es gibt Verfall und Schmerz. Aber wir können die Unsterblichkeit erreichen und erfahren. Wir können uns als unendliches Selbst erfahren, also eins mit dem Ewigen. Dafür gilt es die 3 Gunas zu transzendieren.
Kapitel 14 Vers 21: Arjuna sprach: „Was sind die Kennzeichen des Menschen, der die drei Gunas transzendiert hat, Oh Krishna? Wie verhält er sich und wie geht er über diese drei Eigenschaften hinaus?“
Das ist wieder einer der Verse, wo Arjuna diese Frage stellt, die er schon mehrmals gestellt hat. Er fragt, was die Kennzeichen eines Verwirklichten, eines Meisters, einer Meisterin sind. Hier spricht er davon, was die Kennzeichen eines Gunatitas sind. Also von jemandem der die drei Gunas transzendiert hat.
Krishna hat vorher schon gesagt, dass jemand, der die drei Gunas transzendiert hat, zur Unsterblichkeit kommt. Arjuna will wissen, wie man jemanden erkennt, der die Unsterblichkeit erreicht hat, wie er dazu kommt die drei Gunas zu transzendieren. Was er eigentlich wissen will ist, wie er selbst dazu kommt alle Gunas zu transzendieren. Du wirst dich hoffentlich auch fragen, wie du die drei Gunas transzendieren kannst. Du wirst dann auch überlegen wie du sein wirst, wenn du die drei Gunas transzendiert hast.
Das interessante ist, wie häufig in der Bhagavad Gita die Rede davon ist, wie ein Selbstverwirklichter ist. Krishna will uns den Mund wässrig machen, indem er es uns zeigt. Er sagt auch, dass du das erreichen kannst. Du kannst glücklich sein und du kannst gottverwirklicht sein und du kannst die Erleuchtung erfahren. Es ist wünschenswert, dass du es erreichst. So wirst du sein. Tu etwas dafür! Lass dich nicht so ablenken, davon, was es sonst so im Leben gibt.
Kapitel 14 Vers 22: Arjuna sprach: „Wenn Licht, Aktivität oder Täuschung vorliegen, wenn Sattwa, Rajas oder Tamas vorliegen, Oh Arjuna, dann hasst er sie nicht und sehnt sich nicht danach, wenn sie nicht vorhanden sind.“
Der in der Gunatita akzeptiert die Gunas so wie sie sind. Wenn du also merkst, dass dein Geist in Tamas ist, dann ist das in Ordnung. Wenn du merkst, dass dein Geist in Rajas ist, dann ist das auch in Ordnung. Wenn dein Geist im Sattwa ist, ist es auch in Ordnung.
Ich habe das bei meinem Meister auch durchaus sehen können. Wenn er auf Reisen war, dann war das ein unglaubliches Programm. Aus einem Flieger zum Vortrag, Satsang oder Mantraweihe und zum nächsten Flieger. Dabei hatte er natürlich sehr viel und intensiven Menschenkontakt. Ich kann mich einmal daran erinnern, als wir ihn auf sein Zimmer begleitet hatten. Es war ein kleines Zimmer, in dem wir eine Matratze für ihn hingelegt hatten. Er legte sich auf die Matratze, kollabierte und sagte einfach: „I am dead.“ Er hatte keine Hemmungen zu zeigen, wie es war, und dass er müde war. Als ich hinausging kam jemand und sagte, dass er mit Swamiji sprechen müsste. Ich antwortete, dass das nicht ginge, weil Swamiji seit heute morgen und eigentlich schon seit Tagen unterwegs war und jetzt seine Ruhe brauchte.
Der Besucher sagte, dass er sehr lange gefahren sei, um kurz mit Swamiji sprechen zu können und dass er auch gleich wieder los müsste. Er hatte sich so viel Mühe gemacht, um mit Swamiji sprechen zu können. Ich fragte Swamiji und Swamiji lag dort. Er sagte: „I am dead, tell him to come tomorrow.“ Ich erklärte Swamiji, welche Mühe sich der Mensch gemacht hatte. Nach einem Seufzer richtete er sich auf und sagte: „Tell him to come.“ Seine Augen strahlten und er war wieder vollkommen da. Nach dem der Besucher 15 Minuten mit Swamiji gesprochen hatte, kam er mit leuchtenden Augen aus dem Zimmer und bedankte sich bei mir. Ich ging noch einmal kurz zu Swamiji hinein. Er sah mich fast flehend an und fragte leise wie ein kleines Kind: „Can I rest now?“ und ich sagte: „yes!“ Swamiji. Er sank zusammen und ich habe ihn zugedeckt.
Daraus habe ich eine Menge gelernt. Sein Körper war in Tamas gewesen und es gab gute Gründe dafür, aber er war nicht beherrscht davon, denn er konnte sich innerhalb von 5 Sekunden zum absoluten Sattwa umschalten. Das konnte er und er hatte kein Problem zu erkennen, dass sein Körper in Tamas war. Er war auch manchmal im rajasigen Zustand und ist dem auch manchmal gefolgt. Wenn nicht, dann war das auch kein Problem. Kein hängen an Sattwa, Rajas und Tamas.
Ich kann noch eine kleine Geschichte erzählen. Es war irgendwann im Ashram in Kanada und Swamiji hatte morgens den Satsang gegeben. Es war ein großartiger Vortrag und wir haben uns alle in höheren Ebenen des Bewusstseins gefühlt. Swamiji ging mit uns hinunter und es war so eine schöne Freude. Jemand sagte, dass irgendetwas mit dem Wasser nicht in Ordnung sei, denn es gäbe kein Wasser im ganzen Ashram. Daraufhin fragte Swamiji, ob jemand da wäre, um das Problem zu beheben. Aber es war niemand da. Und Swamiji band seinen Dhoti um, gab seinen Meditationsschal seiner Assistentin und ging hinunter zur Kläranlage, die fürchterlich stank. Er wusste noch von früher, wo welcher Schalter war, was die anderen nicht wussten. Aus diesem sattwigen Gemütszustand, wo alles erhaben war, ging er einfach runter um das Problem zu beheben. Dann war alles in Ordnung und er kam wieder hoch.
So konnte ich sehen, dass er nicht an Sattwa verhaftet war. Er hätte sagen können, dass er gerade in diesem erhabenen Zustand sei und sich nicht stören lassen wollte. Jedoch als großer selbstverwirklichter Meister, ging er einfach in die Kläranlage und kam dann stinkend und nass vor seinen Schülern wieder heraus. Er war da vollkommen verhaftungslos.
Kapitel 14 Vers 23-25: „Wer wie unbeteiligt sitzt und von den Eigenschaften nicht bewegt wird, wer in sich selbst gesammelt ist und sich nicht bewegt, weil er weiß, dass die Eigenschaften aktiv sind, wer derselbe bleibt in Vergnügen und Schmerz, wer im Selbst ruht, für wen ein Klumpen Erde und ein Stück Gold dasselbe bedeuten, wer sich den Freundlichen und den Unfreundlichen gegenüber gleich verhält, wer fest ist und für wen Lob und Tadel gleichbedeutend sind, wer unberührt ist von Ehre und Schmach, wer sich gleich verhält gegenüber Freund und Feind und alle Vorhaben aufgibt - von ihm heißt es, er hätte die Eigenschaften transzendiert hat.“
Wie ist also ein Gunatita, der die drei Gunas transzendiert hat? Wer Gunatita ist, ist innerlich unbeteiligt und äußerlich geht er durch Sattwa, Rajas und Tamas. Er ist in der Lage in der Meditation vollkommen ruhig zu sein. Selbst wenn er äußerlich aktiv ist, weiß er, dass er selbst nichts tut. Wenn du weißt, dass du das unsterbliche Selbst, jenseits aller Gunas bist, dann macht es dir nichts aus, ob du etwas schönes tun musst, oder etwas unangenehmes. Ob du etwas gutes zu essen bekommst oder etwas nicht so gutes. Es ist dann auch egal ob du erfolgreich bist oder nicht erfolgreich bist. Und ob jemand freundlich oder unfreundlich zu dir ist. Ob dir jemand Anerkennung ausspricht oder dir sagt, dass das was du machst unmöglich ist. All das ist für einen Gunatita egal.
Es ist sehr interessant, dass Krishna mehrmals hintereinander ähnliches gebraucht, also: „wer sich den freundlichen und den unfreundlichen gleich verhält, wer fest ist und für wen Lob und Tadel gleichbedeutend sind, wer unberührt ist von Ehre und Schmach, wer sich gleich verhält gegenüber Freund und Feind“ Er gebraucht es häufig, also scheint es der größte Test zu sein. Würdest du diesen Test bestehen? Wie reagierst du, wenn jemand sagt, dass du etwas toll gemacht hast, oder dass es schlimm ist, was du gemacht hast? Oder wie reagierst du, wenn jemand dir Hindernisse in den Weg setzt, oder wenn jemand dir die Hindernisse aus dem Weg räumt? Wie reagierst du, wenn dir etwas peinlich ist, weil du etwas dummes gemacht hast? Oder wenn du einen großen Applaus bekommst?
Ein Gunatita ist in all diesen Gemütszuständen nicht berührt. Im besonderen Maße, weiß ein Gunatita, dass er und die anderen das Selbst sind. Egal was Menschen dir sagen, oder mit dir machen, sind sie im tiefen Inneren das unsterbliche Selbst. Natürlich musst du auch handeln. Krishna spricht im nächsten Kapitel auch darüber, wie man Entscheidungen trifft. Aber zunächst einmal gilt es, in der Lage zu sein dich von den Gunas zu lösen und danach kannst du entscheiden gut zu handeln.
Kapitel 14 Vers 26: Krishna: „Und wer mir mit unerschütterlicher Hingabe dient, geht über die Eigenschaften hinaus und ist geeignet Brahman zu werden und letztlich die Einheit mit Brahman zu erfahren.“
Das ist immer wieder das geniale an Krishna. Immer wenn er uns Dinge sagt, bei denen wir denken, dass wir das nie hinbekommen, sagt er danach, dass wir notfalls durch Hingabe dorthin kommen können. Es ist nicht so leicht in Tob und Tadel, in Schmach und Ehre der Gleiche zu bleiben. Aber hier sagt Krishna, dass du dorthin kommst, indem du Gott durch unerschütterliche Hingabe dienst. Dann wird eben durch die Gnade Gottes diese Gelassenheit kommen.
Kapitel 14 Vers 27: „Denn ich bin die Wohnstatt Brahmans, des Unsterblichen und Unveränderlichen und auch des immerwährenden Dharmas und der absoluten Wonne.“
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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