YVS518 Pratyahara im Patanjali Yoga Sutra II 54-55

Kommentar zum 2. Kapitel Verse 54 & 55

Was sind die verschiedenen Bedeutungen von Pratyahara? Warum sollte man Pratyahara üben? Und was sind die Folgen von Pratyahara? Das sind die Themen dieses Kommentars zum 54. und 55. Vers im 2. Kapitel des Yoga Sutra.

Patanjali schreibt:

„Wenn die Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten treten, und gleichsam in die Natur des Geistes eingehen, dann entsteht Pratyahara – Zurückziehen der Sinne. So entsteht die höchste Meisterschaft über die Sinne.“

Pratyahara im Kontext des Yoga Sutra

Im Yoga Sutra wird in der 2. Hälfte des 2. Kapitels „Ashtanga Yoga“ beschrieben, also die 8 Stufen des Yoga. Dort gibt es

  • Yama: Ethik im Umgang mit anderen
  • Niyama: Der persönliche Lebensstil, manchmal auch genannt die Disziplin im Alltag
  • Asana: Sitzhaltung, geistige Einstellung, Körperhaltung im Alltag & die Yogastellungen
  • Pranayama: Die Atemübungen

Dann folgt Pratyahara, und Pratyahara ist der Abschluss des 2. Kapitels. Über Dharana, Dhyana und Samadhi schreibt Patanjali mehr im 3. Kapitel des Yoga Sutra. Und so ist Pratyahara so etwas wie ein Bindeglied zwischen dem 2. und 3. Kapitel. Pratyahara hat einige Gemeinsamkeiten auch mit Santosha (Zufriedenheit) und Tapas (persönliche Disziplin, auch Askese, bewusstes Tun von dem, was man nicht will). Pratyahara hat aber auch einiges zu tun mit Asana. Asana heißt ja die Sitzhaltung, und Patanjali sagt auch: Durch Meisterung von Asana entsteht das Nicht-Angreifen der Dvandvas. Man lernt, sitzen zu bleiben, auch wenn  es heiß wird, wenn es kalt wird, wenn es gut riecht, schlecht riecht, wenn es zieht oder nicht zieht – man bleibt einfach ruhig sitzen. Und das ist auch eine Form von Sinneskontrolle.                                                                                                            Pratyahara ist auch ein Ausbau von Pranayama. Patanjali hat auch von Pranayama gesagt: Es hilft fähig zu werden für die Konzentration. Und Pratyahara heißt ja auch Fähigkeit zur Konzentration.  – Was auch wieder heißt: Durch Pranayama kann man auch Pratyahara üben, denn es braucht ja Pratyahara für Dharana.

Und so ist es nicht ein einfaches Schreiten auf Stufen, von unten nach oben, sondern letztlich kann man sagen: Wir üben die unteren 6 Ashtangas, die unteren 6 Angas, und dann folgen irgendwann das 7. und 8. Alle Yamas haben Wirkung auf die anderen Ashtangas, und so kann man sagen, dass jeder dieser Teile sich mit der Kraft der anderen verbindet, um irgendwann zu Samadhi zu kommen.

Aber Patanjali hat ja schon bei „Ishvara Pranidhana“ gesagt: Es führt zu Samadhi. Patanjali hat schon gesagt, dass die Übung der Yamas an sich zur Überwindung von Avidya und Schmerzen führt. Damit könnte man sagen: Yama selbst führt schon zur Erlösung, Erleuchtung, Befreiung. Und so wirkt jedes einzelne Glied zur Befreiung, und die einzelnen helfen sich auch gegenseitig. Und der ganzheitliche Yogaweg hilft, indem wir alle Aspekte des Yoga praktizieren.

Was heißt Pratyahara?

Pratyahara heißt wörtlich „Rückzug“. Pratyahara hat tatsächlich verschiedene Bedeutungen.

  • Im Militärischen ist der Rückzug der Truppen Pratyahara. Eine Rückzugs – Bewegung.
  • Pratyahara bedeutet auch z.B. dass man sich zurückzieht aus dem Leben, so etwas wie ein Retreat. Retreat ist ja ein englisches Wort, und heißt auch „Rückzug“. Retreat ist im Englischen ähnlich doppeldeutig, wie Pratyahara, der Rückzug der Truppen heißt nämlich auch Retreat. Und eine Zeitlang intensiv zu praktizieren, und vielleicht zu schweigen, mindestens nicht in Kontakt zu treten mit der Außenwelt, ist Pratyahara, ist ein Retreat. So ist Pratyahara auch eine Zeit des Rückzugs, wo man nicht in Kontakt tritt mit Außenobjekten.
  • Pratyahara ist aber konkret auch der Rückzug der Sinne. D.h. die Fähigkeit, seine Sinne abzuziehen vom Außen. Normalerweise wollen die Augen etwas sehen. Normalerweise wollen die Ohren etwas hören. Die Nase will etwas Angenehmes riechen. Der Mund will etwas Angenehmes schmecken. Die Haut will eine angenehme Berührung haben, seien es angenehme Temperaturen, sei es angenehme Kleidung, ein schönes Bett, Zärtlichkeit usw. Die 5 Sinne wollen das. Viele Menschen haben dort Reiz-Reaktions-Mechanismen. Man geht irgendwo vorbei, man riecht etwas Gutes, was gut schmeckt, rennt hin und isst es. Man hört irgendetwas, was man nicht mag – es ändert die Stimmung. Man sieht etwas, und will es gleich haben. Man fühlt, es ist kalt, rennt zum Fenster und schließt es. Letztlich ist das alles ein würdeloses Betragen. Irgendwelche Knöpfe werden gedrückt, und Mensch rennt gleich. Pratyahara hat hier erstmal eine Ähnlichkeit mit Tapas, und mit Santosha: Santosha, Zufriedenheit, und Tapas eben Askese. Das ist schon mal wichtig. Und auch wie Asana: Eine Haltung, sich nicht so schnell beeinflussen zu lassen.

Pratyahara hat noch eine weitere Bedeutung. Pratyahara bedeutet auch, seinen Geist in eine meditative Stimmung zu versetzen, wo der Kontakt der Sinne zur Außenwelt nicht mehr von Bedeutung ist.

Was schreibt Patanjali dazu tatsächlich? „Wenn die Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten treten, gleichsam in die Natur des Geistes eingehen, entsteht Pratyahara.“

Jetzt besteht das Yoga Sutra aus vielen Sanskrit-Worten, die tausend verschiedene Bedeutungen und Unterbedeutungen haben. So kann man erstmal sagen, was ist Pratyahara? Pratyahara ist „anukara indriyanam“, also es ist Nachahmung, anukara, „gleich/sowie indriyanam svarupa, in die eigene Natur von citta“.

 

Und es heißt, dass sie nicht „asamprayoga“, nicht in Berührung kommen mit den Objekten. Pratyahara hat also etwas mit den „indriyas“zu tun, das spielt also eine Rolle. Die Sinne wollen nicht in Berührung kommen mit den „visaya“, den Objekten. Darum geht es bei Pratyahara.

Wie erreicht man es, dass die Sinne nicht in Berührung kommen mit den Objekten? Es ist mehr als Tapas und Santosha. Tapas und Santosha heißt, wir beherrschen uns. Wir lernen, Zufriedenheit zu üben, nicht den Reiz-Reaktions-Ketten zu folgen. Pratyahara ist noch mehr. Vollständig heißt Pratyahara, wir merken gar nicht, dass da etwas Äußeres ist. Man könnte sagen, Pratyahara ist manchmal die Konsequenz von Dharana. Angenommen, du bist sehr konzentriert, z.B. beim Lesen eines Buches, und dann merkst du gar nicht, dass vielleicht aus der Küche angenehme Gerüche kommen, weil dein Partner/deine Partnerin gekocht hat. Und du hörst noch nicht mal, wenn dein Partner/deine Partnerin dich ruft. Volle Konzentration des Geistes heißt, du hörst nichts. In anderer Form kennst du das natürlich auch, z.B. wenn du schläfst. Dann merkst du auch nicht unbedingt, wenn etwa die Temperatur im Raum etwas sinkt oder erhöht ist, oder wenn da irgendwelche Geräusche sind. Menschen können lernen, auch an Autobahnen zu schlafen, ohne dadurch allzu sehr gestört zu sein. Also, wenn du konzentriert bist, oder dein Gemütszustand auf einer anderen Ebene ist, dann kommen deine Sinne nicht in Kontakt mit den Objekten.

Und das bewusst herbeiführen zu können, das ist dann Pratyahara. Angenommen, du gehst irgendwo an einem Naturkostladen vorbei, und du weißt, der hat deine Lieblings-Süßigkeit, und du merkst plötzlich, wie der Wunsch kommt, sie zu kaufen, wie vielleicht sogar die Gier kommt. Wenn du dann in der Lage bist, erstmal zu erkennen „Nein, will ich nicht!“, das wäre eine Art viveka. Dann eine Selbstbeherrschung, Tapas. Vielleicht auch innere Zufriedenheit zu entwickeln, Santosha. Und dann richtest du deinen Geist auf etwas anderes, dass du gar keinen Frust spürst, dann ist das Pratyahara. Und das ist etwas, was du im Alltag üben kannst. Nicht nur Tapas und Santosha, und nicht nur als Einstellung Asana, also eine von Ruhe und Gelassenheit geprägte Einstellung, sondern bewusst Lernen, den Geist abzuziehen von den Objekten, auszurichten auf etwas Spirituelles. In dieser Hinsicht ist z.B. auch Mantra etwas sehr Effektives, um Süchte zu überwinden. Wenn die Gier nach etwas kommt, nimmst du es wahr. Du  nimmst dir vor, der Gier nicht zu folgen – Tapas. Dann wiederholst du ein Mantra, und du richtest deine Aufmerksamkeit auf etwas Höheres. Das wäre dann Pratyahara in Verbindung mit Dharana.

Eine nächste Möglichkeit – und das ist dann auch eine praktische Pratyahara-Technik – wäre: Wenn du irgendwie gestört wirst durch das, was du siehst, dann konzentriere dich auf deine Augen. Wenn du gestört wirst, durch das, was du hörst, dann konzentriere dich auf die Ohren. Ziehe also die Energie der Sinne auf ihr Zentrum zurück. Auch das wäre eine Interpretation dieses Verses. Z.B. auch in bestimmten Formen der „Abheda Bodha Vakya Meditation“, oder auch in der Laya Meditation wird genau diese Pratyahara-Technik geübt. Ziehe also deinen Geist zurück in die Sinne selbst! Und wenn du merkst, dass der Wunsch entsteht, etwas Gutes zu essen, bringe die Konzentration in deinen Mund hinein. So ziehst du die Energie des Geschmacksorgans zurück in das Organ selbst.

Hier siehst du also mehrere Techniken für den Alltag:

  1. Wahrnehmen, sich Beherrschen, den Geist nach innen richten, den Geist auf eine höhere Bewusstseinseben bringen.
  2. Bewusstsein in den entsprechenden Sinn bringen.

Diese oder andere Pratyahara-Techniken kannst du im Alltag üben, und so sagt eben auch Patanjali im 55. Vers: „So entsteht die höchste Meisterschaft über die Sinne.“

Übe also nicht nur Tapas oder Santosha, Askese und Zufriedenheit, das Nicht-befolgen von Wünschen, sondern gehen weiter, um den Geist auf eine höhere Ebene zu bringen, dass überhaupt kein Frust entsteht, dass du dir deinen Wunsch versagt hast.

Diese Verse über Pratyahara werden auch noch in zwei anderen Kontexten wiederholt oder verwendet. Zum einen ist das ein Vers über Tiefenentspannung. Im Hatha Yoga gibt es ja die Haupttechniken Asana, Pranayama und Tiefenentspannung. Zu Asana gibt es Verse im Yoga Sutra, zu Pranayama gibt es Yoga Sutra Verse, und Tiefenentspannung ist eben auch eine Form von Pratyahara.

Tiefenentspannung heißt, du legst dich ruhig hin, und du lässt dein Bewusstsein subtiler werden, sodass dein Geist nicht mehr von irgendwelchen Sinnen abhängt. Und es entsteht trotzdem ein Gefühl der Leichtigkeit. Es gibt einige empirische Studien, die sagen: Wer Tiefenentspannung übt, dem fällt es leichter, sich von Süchten zu lösen. Wer Tiefenentspannung übt, dem fällt es leichter, auch im Alltag seinen Geist zu beherrschen. So ist also Tiefenentspannung auch eine Form des Rückzugs des Geistes.

Und hier sind wir auch in der modernen Forschung. Heute wird Tiefenentspannung manchmal als „vegetative Umstellung bezeichnet. D.h. im normalen Alltag ist es so, dass der Geist nach außen geht, er ist in Stress, geht öfter in die Stressreaktion hinein. Das Gehirn hat hohe Beta-Wellen, der Sympathikus ist aktiviert, Stresshormone (Adrenalin) werden ausgeschüttet usw. Die entgegengesetzte Reaktion, Pratyahara, Rückzug, ist dann die Entspannungsreaktion, erzeugt durch Tiefenentspannungstechniken. Tiefenentspannung führt dann dazu, dass die Beta-Wellen im Gehirn weniger werden, die Alpha-Wellen werden höher. Manchmal werden sogar Delta- oder Theta-Wellen höher. Andere Hirnregionen werden aktiv, die selektive Aktivierung einer Hirnregion in der Stressreaktion wird heruntergefahren, Stresshormone werden abgebaut, Glückshormone ausgeschüttet. Der ganze Organismus zieht sich nach innen zurück. Das ist wirklich Pratyahara. Dadurch werden Reparatur-Vorgänge verbessert, es werden Krankheitserreger besser vernichtet, das Immunsystem wird verbessert. Die innere Kreativität wird verbessert. In diesem Sinne heißt Tiefenentspannung ein Rückzug nach innen, und der gesamte Organismus kann sich besser regenerieren. So ist Tiefenentspannung Pratyahara. Und diese Tiefenentspannung ist so wichtig, auch wichtig, um dann im Alltag seine Sinne wieder gut nutzen zu können.

Die nächste Bedeutung von Pratyahara ist das Erzeugen eines meditativen Gemütszustandes in der Meditation. Wenn du meditierst geht das ja in 3 Schritten:

  • Asana: ruhig hinsetzen
  • Pranayama: Pranaregulierung durch Atmung
  • Pratyahara: den Geist hineinversetzen in eine meditative Stimmung, sodass die Indriyas nicht nach außen gehen

Die Indriyas gehen nach außen in einem bestimmten Modus des Geistes, und das ist der Alltagsmodus. Aber z.B. im Tiefschlaf gehen die Sinne nicht nach außen. Du hast im Tiefschlaf keinen Hunger, du hast im Tiefschlaf keinen Durst. Angenommen du fastest, und du bist vielleicht am 3. Tag des Fastens - für ungeübte Fastende oft der Tag, wo du doch ein bisschen frustriert bist, dass du mehr essen willst, dass du Fantasien hast, was du gerne essen willst…- aber wenn du im Tiefschlaf bist, nicht mehr. Im Tiefschlaf bist du in einem Modus, wo die Sinne nicht nach außen gehen. Aber diesen Modus, dass die Sinne nicht nach außen gehen, gibt es eben nicht nur im Tiefschlaf. Das geht ja auch im Alltag, wenn du gerade absorbiert bist in deine Arbeit. Dort spürst du weder die Temperatur, noch den Geruch, noch Hunger, noch stört dich die Autobahn, noch stören dich irgendwelche Computergeräusche. Du wirst sogar etwaige Fiepser und Piepser deines Computers oder des Smartphones deines Kollegen nicht hören. In bestimmten Modi des Geistes geht der Geist also nicht zu den Sinnen hin. Der Geist hat verschiedene Modi, man könnte sagen: Funktionszustände, und nur in einem konkreten gehen die Sinne nach außen.

Und so ist Pratyahara das Erzeugen eines Gemütszustandes, in dem die Sinne keine Bedeutung mehr haben. Und da gibt es eine Menge von Techniken. Z.B.:

  • Gebet: Zu Anfang der Meditation kannst du dich an Gott wenden mit einem Gebet.
  • Visualisierungen: Du kannst dir vorstellen, das Licht in dich hineinströmt, dass du Licht zu allen Wesen schickst. Du kannst dir ein spitrituelles Symbol vergegenwärtigen, oder du kannst dir vorstellen, dein Meister sitzt oder steht vor dir oder über dir, und segnet dich mit Licht.
  • Positive Affirmationen: Du kannst dir bewusst werden, wofür Meditation gut ist.
  • Bodyscan: Du kannst durch deinen Körper hindurchgehen, von unten nach oben.
  • Tiefenentspannung üben zu Anfang der Meditation

Also: Übe zu Beginn der Meditation etwas, was deinen Geist in einen meditativen Zustand bringt. Dann brauchst du dir keine Gedanken mehr zu machen über Ablenkungen. Erzeuge einen meditativen Gemütszustand, relativ zügig zu Anfang der Meditation. Dann geht es mit Dharana, der Konzentration, leichter, dann wirst du nicht so schnell abgelenkt.

Als Übung formuliert kann das heißen:

  1. Lerne es, im Alltag deinen Geist nach innen zu richten, Reiz-Reaktionsketten nicht einfach zu folgen, deine Wünsche zu beherrschen, und dein Bewusstsein noch mehr abzuziehen. Wenn es dir gelingt, Wünsche nicht zu befolgen und dabei keinen Frust zu haben, weil du dein Bewusstsein auf eine andere Ebene bringst, hast du Pratyahara gemeistert.
  2. Übe Tiefenentspannung noch bewusster, sodass dein Geist in einen anderen Modus kommt. Sei dir bewusst: Du brauchst Tiefenentspannung für Gesundheit und auch für Regeneration des Geistes.
  3. Überprüfe deine Meditation im Hinblick auf das Üben einer effektiven Pratyahara-Technik nachdem du dich hingesetzt hast (Asana), nachdem du den Atem gesteuert hast (Pranayama), und bevor du zu einem eigentlichen Meditationsthema kommst (Dharana).

 

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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