YVS517 Pranayama im Patanjali Yoga Sutra II 49-53

Kommentar zum 2. Kapitel, Verse 49 bis 53

Was ist Pranayama im Yoga Sutra? Welche Arten von Atemübungen empfiehlt Patanjali? Warum sollte man Pranayama üben? Welche Wirkung hat Pranayama? Das sind einige Themen, die Patanjali behandelt, und die Sukadev hier kommentiert. Die Verse über Pranayama, die Atemübungen, können auch deiner Pranayama-Praxis neue und wichtige Impulse geben.

Hier zunächst die Verse des Patanjali:         

„Die nächste Stufe, nach Asana, ist Pranayama, die Beherrschung der Bewegung von Einatmung und Ausatmung.                                                                                           Pranayama ist Einatmung, Ausatmung und Anhalten des Atems.  Es wird durch Ort, Zeit und Dauer reguliert, fortschreitend verlängert und verfeinert. Die 4. Art des Pranayama geht über den Bereich von Einatmung und Ausatmung hinaus. Dadurch wird der Schleier, der das Licht verhüllt, entfernt. So wird der Geist tauglich für Dharana, für die Konzentration.“

Das sind eine Menge Verse über Pranayama. Letztlich sind es 5 Verse die Patanjali über Pranayama schreibt, und das ist außergewöhnlich. Keine der letzten 6 Ashtangas bekommt so viele Verse hintereinander, in denen diese Stufe so genau beschrieben wird. Daran können wir erkennen, für wie wichtig Patanjali Pranayama hält.

Pranayama hat ja verschiedene Aspekte. Sukadev hat zu Pranayama schon ganze Vortragsreihen gegeben:

  • Atemkurs für Anfänger
  • Pranayama-Kurs für Mittelstufe
  • Pranayama für Fortgeschrittene

Diese 3 Kurse zusammen sind vermutlich über 100 Videos zum Thema Pranayama. Es gibt auch die Vortragsreihe zur Hatha Yoga Pradipika, wo Pranayama ebenfalls sehr ausführlich beschrieben wird. Darum bezieht sich Sukadev in diesem Beitrag besonders darauf, was Patanjali selbst sagt.

Vers 49:

Zunächst noch einmal die Aspekte von Pranayama:

  1. Pranayama ist die Atmung in der Meditation: Wenn du dich hinsetzt – Asana – kannst du als nächstes den Atem regulieren – Pranayama. Und da gibt es eine Menge Atemtechniken, die du machen kannst, um dein Prana unter Kontrolle zu bringen und besser meditieren zu können. Gerade im Mantra-Meditationskurs gibt Sukadev auch einige Pranayamas an, mit denen du meditieren kannst. Oder auch in den Pranayama-Kursen, insbesondere Pranayama-Mittelstufe/-Fortgeschrittene gibt er einige Tipps, wie du mit speziellen Atemübungen den Geist zur Meditation führen kannst. Es gibt also eine Menge, was du machen kannst, nachdem du dich hingesetzt hast, um den Geist zur Konzentration vorzubereiten.
  2. Pranayama sind die Atemübungen, für die du eine bestimmte Zeit am Tag brauchst. Die bekanntesten sind Kapalabhati und Wechselatmung, und wahrscheinlich übst du diese Atemübungen. Wenn nicht, ist es jetzt Zeit, damit anzufangen. Dann gibt es verschiedene weitere Atemübungen, wie Shitali, Sitkari, Murchha, Plavini, Ujjayi, Surya Bheda, Bhastrika – das sind jene, die Svatmarama in der Hatha Yoga Pradipika erwähnt. Es gibt dann noch die verschiedenen Variationen von Sukha Pranayama, es gibt Kevala-Kumbhaka und noch viele andere.
  3. Pranayama kannst du im Alltag üben. Du kannst auch im Alltag über Atemübungen von innerer Unruhe zur Gelassenheit kommen. Du kannst den Ärger transformieren zu positiver Schaffenskraft. Du kannst Atemübungen im Alltag nutzen, um neue Energie zu bekommen.

Dies sind, wie gesagt, einige Aspekte von Pranayama, und. Hier hast du nun diese 3 Aspekte von Pranayama: Atmung in der Meditation, Atemübungen, für die du eine bestimmte Zeit brauchst als tägliche Abhyasa oder Sadhana / spirituelle Praxis, und Atemtechniken im Alltag.

Vers 50:

„Pranayama ist Einatmung, Ausatmung und Anhalten des Atems. Pranayama wird durch Ort, Zeit und Dauer reguliert, fortschreitend verlängert und verfeinert.“

Wenn du also dein Prana beherrschen willst, geht das über Atemübungen, sagt Patanjali hier. Und die Atemübungen beinhalten 3 Dinge: Einatmung, Ausatmung und Anhalten. Eigentlich ist das ein ganz genial einfacher Vers, er beschreibt, wie man alle Pranayamas unterscheiden kann.     

Alle Pranayama-Übungen bestehen irgendwo aus Einatmung, Anhalten und Ausatmung. Du kannst natürlich auch noch Anhalten nach dem Einatmen, Anhalten nach dem Ausatmen. Und dann gibt es verschiedene Formen von Pranayama. Dort gibt es zunächst einmal Desha, das ist der „Ort“. Du kannst durch das linke Nasenloch ein- und ausatmen und durch das rechte, durch beide Nasenlöcher, du kannst durch den Mund ein- und ausatmen. „Ort“ ist des weiteren auch: Wo atmest du? Du kannst mit dem Bauch atmen, mit dem Brustkorb, mit Bauch und Brustkorb, in die Lungenspitzen. Alle Pranayama-Übungen unterscheiden sich darin: Atmest du nur über den Bauch? Füllst du den Bauch vollständig oder nur teilweise, leerst du ihn vollständig oder auch nur teilweise? Beziehst du die Brustatmung mit ein? Beziehst du die Lungenspitzenatmung mit ein? Verbindest du auch die Atmung durch Anspannungen an verschiedenen Orten des Körpers, eben z.B. durch Mula Bandha, Jalandhara Bandha, Uddiyana Bandha, oder auch noch durch Finger-Mudras, Zungen-Mudras, Augen-Mudras usw.? Der Desha hat also einiges zu sagen. Atemübungen unterscheiden sich durch verschiedene Deshas, verschiedene Orte.

Sie unterscheiden sich auch durch Kala, und Kala heißt hier die „Zeit“. Du kannst eben längere Zeit Pranayama üben, du kannst kürzere Zeit Pranayama üben.

Und dann gibt es noch Sankhyabhih. Sankhyabhi heißt zum einenZahl“, „Dauer“, „Aufzählung“; man könnte es aber auch mit Rhythmus interpretieren. Z.B. das Verhältnis von Einatmen zu Anhalten und Ausatmen. Bekannt ist bei der Wechselatmung: 4 Sekunden einatmen, 16 anhalten, 8 Sekunden ausatmen, also im Verhältnis 1:4:2.  Oder auch bei Murccha: sehr viel länger ausatmen, als du einatmest. Kapalabhati: doppelt so schnell ausatmen, wie du einatmest, bei der schnellen Ein- und Ausatmung. Bhastrika: genauso schnell ein- und ausatmen, usw. So also unterscheiden sich die Atemübungen: Wo du ein- und ausatmest, dann auch, wie lange du das ganze machst, und in welchem Rhythmus du das ganze machst. Pranayama unterscheidet sich also durch Desha, Kala und Sankhya.

Und dann wird es schrittweise „dirgha“, d.h. verlängert. Du beginnst deine Pranayama-Übungen mit kurzem Pranayama, und du intensivierst sie. Was zum einen heißt, du verbringst mehr Zeit mit Pranayama, und zum zweiten auch dies: Normalerweise wirst du merken, dass du länger die Luft anhalten kannst, und auch einen langsameren Rhythmus üben kannst. Also dirgha, du verlängerst das Ganze.                                                                Jetzt kannst du z.B. auch überlegen: Hast du in letzter Zeit die Zeit für Pranayama verlängert? Wenn nicht, wäre es Zeit, sie wieder schrittweise zu verlängern. Und bemühst du dich auch, den Rhythmus zu verlangsamen? Es gibt ja manchmal auch die Frage: Wie langsam soll ich den Rhythmus in der Wechselatmung machen? Antwort: So langsam, wie es für dich angenehm ist. Die meisten werden ja anfangen mit 4-4-8: 4 Sekunden einatmen – 4 anhalten – 8 ausatmen. Dann geht es zu 4-8-8, dann zu 4-12-8, dann zu 4-16-8. Und geht 4-16-8 gut, dann gehe zu 5 Sekunden einatmen, 20 anhalten, 10 ausatmen. Dann 6-24-12, 7-28-14, 8-32-16. Das kannst du steigern, bis du auf 16-64-32 kommst. Nicht alle Menschen kommen so weit. Viele gehen bis 6-24-12, oder es gibt auch solche, die nicht über 5-20-10 kommen. Aber verlangsame im Laufe der Zeit den Atem, so weit, wie es eben geht.

Noch wichtiger ist dann „Sukshma“. Sukshma heißt subtil, verfeinert. Schrittweise ist der Atem subtiler. Irgendwann, wenn du Pranayama übst, ist nicht mehr der Atem wichtig, sondern du spürst tatsächlich Prana. Wenn du links einatmest, ist es nicht nur so, dass du links einatmest, sondern du atmest Prana ein. Du hältst die Luft an: Du spürst Prana nach oben steigen in die höheren Chakras. Du atmest aus, und du spürst, wie Prana mehr ausstrahlt. Und irgendwann wird es noch subtiler: Es ist nicht mehr Prana, sondern du spürst göttliche Inspiration, und du spürst, dass nicht mehr das Atmen wichtig ist, noch nicht mal mehr Prana, sondern du spürst göttliche Gegenwart. Pranayama wird so immer subtiler und verfeinert.

Vers 51:

„Die 4. Art des Pranayama geht über den Bereich von Einatmung und Ausatmung hinaus.“

Also dieses Caturthah ist das, was wir im Hatha Yoga als „Kevala Kumbhaka“ bezeichnen. Das heißt, Ein- und Ausatmung verschwindet. Pranayama wird so subtil, dass es kein Einatmen, kein Anhalten und auch kein Ausatmen mehr gibt. Manchmal fällt der Geist von selbst in dieses Caturthah hinein, in dieses Kevala Kumbhaka; ist der Geist konzentriert, kann es geschehen, dass der Atem fast aufhört. Wenn das geschieht, freue dich und behalte diese Konzentration bei.                                                                                                          Manchmal machen Menschen sich Sorgen. Sie sagen „Oh, ich habe gerade meditiert, und dann habe ich festgestellt, ich konnte nicht mehr atmen. Ist das gefährlich?“ – Es ist vollkommen ungefährlich. Es ist ein Zeichen der tiefen Meditation. Ist die Meditation tief, kann es geschehen, dass der Atem fast aussetzt. Und dann: Freue dich darüber, aber nicht zu intensiv. Wenn du dich sehr intensiv darüber freust, ist wieder die Identifikation da, „Ach, ich hab’s geschafft!“ Und in dem Moment, wo du sagst „Ich hab’s geschafft“, ist die Konzentration wieder weg. Dankbar zur Kenntnis nehmen, Geist weiter konzentrieren, in Dhyana führen, in Samadhi führen. Das wäre das Gute.                                                               Oder du könntest eben auch bewusst Kevala Kumbhaka erzeugen, indem du bei der Meditation die Menge an Luft, die du ein- und ausatmest, reduzierst. Und da gibt es ja auch einige Videos, die sich „Kevala Kumbhaka Meditation“ nennen, wo du dazu angeleitet wirst. Das ist auch eine Technik, um in die Tiefe der Meditation zu kommen.

Und wozu das Ganze? Das sagt Patanjali im 52. Und 53. Vers:

„Dadurch (tatah) wird aufgelöst (ksiyate) der Schleier, der das Licht verhüllt (prakasha avaranam).“

Also, wenn du Pranayama übst, dann wird dieser graue Schleier, der über deinem Geist ist, beseitigt. Patanjali hat das schon einmal über Tapas gesagt: Durch Tapas entsteht Sattva. Durch intensive spirituelle Praxis kommt Reinheit. Und hier ist es so ähnlich. Wenn du intensiv Pranayama übst, dann spürst du inneres Licht. Dann spürst du ein Strahlen, dann spürst du auch innere Freude. Yoga hat ja die optimistischste Weltanschauung und das optimistischste Menschenbild. Yoga sagt: Tief im Inneren bist du rein. Tief im Inneren bist du Freude. Tief im Inneren bist du Licht. Und wenn du intensiv Pranayama übst, dann wird der Schleier weggenommen, der das Licht verhüllt. Es wäre so ähnlich wie: Wenn vor der Sonne Wolken sind, und diese Wolken vertrieben werden, dann siehst du die Sonne strahlen. Nimm an, du bist irgendwo in einem Zimmer, und da ist es rauchig, du bläst den Rauch weg, und nachher strahlt und leuchtet es. Und so hilft intensives Pranayama, den Grauschleier zu vertreiben. Dann spürst du das Licht, dann spürst du die Freude des Selbst, Reinheit usw. Pranayama ist so machtvoll.

Vers 53:

„Dadurch wird der Geist (manas) geeignet (yogyata) für Dharana (dharanasu).“

Dein Geist wird zu Dharana befähigt durch Pranayama. Wenn du also jemand bist, dem es schwer fällt, sich zu konzentrieren, dann übe Pranayama. Es gibt Menschen, die haben eine natürliche Begabung für Meditation. Dann brauchen sie vielleicht nicht unbedingt so viel Pranayama zu üben. Aber, wenn du zu denen gehörst, denen es schwer fällt, den Geist eine halbe Stunde oder eine Stunde konzentriert zu halten in der Meditation, wenn du entweder in der Meditation wegnickst, oder wenn du in der Meditation einen sehr unruhigen Geist hast, dann übe viel Pranayama. Sei es, dass du zusätzlich zu deinen Asanas und Meditation viel Pranayama übst, sei es, dass du während der Meditation einige Pranayamas mit einbeziehst. Manche Menschen profitieren z.B. von dem Sukha Pranayama, wo du langsam einatmest, die Luft anhältst und ausatmest, während du bewegungslos sitzt für die Meditation. Andere Menschen können besonders gut meditieren durch die Ujjayi-Atmung, z.B. 8 Sekunden einatmen, 4 anhalten, 8 ausatmen, 4 anhalten. Und es gibt noch weitere Pranayama-Techniken in der Meditation, wozu natürlich auch z.B. Plavini gehört, oder auch Murccha, oder auch andere Techniken. Es gibt also einige Pranayama-Techniken in der Meditation, oder übe einfach viel Pranayama.                                                              Sukadev ist z.B. so dazu gekommen, sehr viel Pranayama zu üben: Er hat im Alter von 15 Jahren mit Meditation begonnen, seit er 16 war, übt er täglich Meditation. Er hatte Schwierigkeiten, seinen Geist zu konzentrieren, er wusste nur: Um die Erleuchtung zu erlangen, braucht es Meditation. So hat er viele Menschen gefragt, was er tun könne, um besser zu meditieren. Irgendwann hat ihm jemand gesagt: Übe viel Pranayama! Das hat er dann getan. Und so ist er über viel Pranayama in die Lage versetzt worden, sich in der Meditation zu konzentrieren, und er konnte eben auch erfahren: Viel Pranayama entfernt den Schleier, der das Licht verhüllt, und führt zu einer Erfahrung von viel Licht, viel Freude.

So kannst du jetzt gleich einen Moment nachdenken, ob du genügend Pranayama übst, oder ob du  noch einiges tun könntest, um Pranayama entweder zu verlängern oder auch subtiler zu machen.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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