Kommentar zum 2. Kapitel, Vers 44
Patanjali schreibt:
„Svadhyaya, Selbststudium, führt zur Verbindung zum persönlichen Gott.“
Ein interessanter Vers, und die Verse zu den Yamas und Niyamas geben manchmal interessante und überraschende Einsichten. Svadhyaya heißt Selbststudium, und Selbststudium kann man auf viele verschiedene Weisen interpretieren.
Svadhyaya gehört ja zu den 5 Niyamas, und man kann es zum einen nehmen als Introspektion: Man schaut in sich hinein, man überlegt: Was sind die Motive meines Handelns? Wodurch werde ich geprägt? Swami Sivananda schreibt immer wieder „Scrutinize your motives!“ – Analysiere deine Motive, sei dir bewusst: Warum und wie handle ich? Welchen Reiz-Reaktionsketten bin ich zum Opfer gefallen? Welche Schwierigkeiten habe ich? Welche Vorurteile habe ich? Wo bin ich zu voreiligen Schlüssen gekommen? Was motiviert mich in der Tiefe? Dieses Verstehen seiner selbst ist wichtig!
Zu Svadhyaya würde man auch sagen: mache dir bestimmte Vorsätze. Fasse Vorsätze, und schaue dann: Wie hast du sie umgesetzt? Führe ein spirituelles Tagebuch. Schreibe auf, was du erreichen willst, schreibe auf, woran du arbeiten willst. Welche Praktiken, welche geistige Identifikation, welche geistigen Reiz-Reaktionsketten willst du durchbrechen? Wo willst du lernen, anders zu reagieren? Dann schreibe auch auf: Was habe ich heute gelernt? Was konnte ich umsetzen? Welche Einsichten habe ich bekommen? Das ist alles eine Form von Svadhyaya, die man interpretieren kann. Und vielleicht magst du auch einen Moment innehalten und überlegen: Wie viel von dieser Introspektion habe ich?
Die Erfahrung zeigt leider, dass Menschen zu Anfang des Weges oft sehr bewusst den spirituellen Weg gehen. Wenn sie einige Jahre den Weg gegangen sind, dann ist dort weniger diese Fähigkeit zur Selbstkritik, Selbstreflexion, Nachdenken, Überlegen, und Menschen haben dann oft auch weniger Vorsätze als vorher. Sie machen aus dem spirituellen Weg eine Art Lebensstil. Man macht halt, was man für gewöhnlich macht. Aber es verliert etwas die transformierende Wirkung, wenn man sie nicht mit echtem Svadhyaya verbindet.
Wir kommen nun zum nächsten Aspekt von Svadhyaya, denn manchmal wird auch gesagt, Svadhyaya, wie es eben beschrieben wurde, ist eigentlich Svadhyaya als Kriya Yoga, was Patanjali im 1. Vers des 2. Kapitels sagt. Hier sagt er:
„Svadhyaya, Selbststudium, führt zur Verbindung zu „ishta devata samprayoga“. „Yoga“ selbst heißt schon „Verbindung“, „sam“ hat etwas zu tun mit „mit“, und „pra“ mit „hin zu“. „Sam“ heißt also: Mit „ishta devata“, mit der persönlichen Gottheit, entsteht eine Vereinigung, und zwar durch Svadhyaya.
Hier könnte man zum einen interpretieren: Durch intensives Selbststudium erfährst du, dass du letztlich eins bist mit Gott. Wenn du erkennst: Ich bin nicht der Körper. Ich bin nicht die Psyche. Ich bin nicht die Persönlichkeit, ich bin nicht die Emotionen – dann erkennst du: Wenn ich von allem abstrahiere, was ich alles nicht bin, dann bleibt letztlich Atman Purusha übrig. Und dann bist du eins mit Gott.
Eine Interpretation wäre auch: In Svadhyaya ist der gesamte Jnana Yoga enthalten. Du kannst also lernen, herauszufinden, wer du nicht bist, und wer du wirklich bist. Und durch solch intensives Adhyaya, Studium, von Sva, deinem wahren Selbst, erfährst du dich selbst als eins mit Gott.
Eine weitere Bedeutung von Svadhyaya ist eigenes Studium der Schriften. Wenn du die Bhagavad Gita liest, wenn du die Upanishad liest, wenn du Bhakti Sutra liest, und dieses mit großer Ehrerbietung tust, dann erfährst du die Einheit mit Gott, die Verbindung mit Gott. In den großen heiligen Schriften der Menschheit ist letztlich die Kraft Gottes enthalten. Wenn du die Bhagavad Gita liest, oder auch die Bibel liest, oder den Koran liest, oder die Upanishaden liest, dann ist das nicht einfach nur ein intellektuelles Studium. In den heiligen Schriften steckt spirituelle Kraft. Und wenn du die Heilige Schrift liest, kannst du auch zunächst dich an Gott wenden. Es ist auch eine Weise, wie du eine spirituelle Schrift liest. Du könntest natürlich die Bhagavad Gita auch ideengeschichtlich lesen.
Sukadev erzählt hierzu gerne aus der Zeit, als er ein Yogazentrum in Los Angeles leitete und zu einer Indologie-Vortragsreihe an einer Universität eingeladen wurde. Er war damals ganz erstaunt: Die Menschen dort hatten das Yoga Sutra behandelt, sie hatten die Bhagavad Gita behandelt, sie hatten die Veden behandelt, und eine ganze Menge mehr. Sie hatten sich also das ganze Semester über intensiv mit diesen Schriften befasst. – Aber nicht als heilige Schriften, sondern als philosophische, ideengeschichtliche Schriften aus grauer Vergangenheit. Ein solches Studium, wo man letztlich nur vergleichende Religionswissenschaft und vergleichende Philosophie praktiziert, führt eben nicht zu tieferen spirituellen Erfahrungen.
Darum, wenn du eine Schrift liest, lese sie erst einmal mit Ehrerbietung. Wenn du die Bhagavad Gita öffnest, und vielleicht auch Patanjali öffnest, verneige dich vorher. Sprich vorher ein OM oder ein Gebet. Bitte darum, dass das Lesen dieser Schrift dich in Verbindung führen möge mit Gott. Und dann studiere die Schrift mit der Sehnsucht, spirituell zu wachsen. Und danach lass los, und bringe alles Gott dar. So führt dich dann das Studium der Schrift zur Verbindung zum persönlichen Gott.
Übrigens, hier gibt es auch noch mehrere andere Aspekte. Zum einen, gibt es Gemeinsamkeiten unter den Religionen. Wir finden z. B. im Christentum, dass das Lesen der Bibel das Lesen von Gottes Wort ist. Und es wird angenommen, dass man durch das Lesen der Bibel Gott nahe kommt. Im Lutheranischen Christentum z. B. ist das nochmal ganz besonders stark. Luther hat ja auch einiges formuliert. Er hat gefragt: Wie wird der Mensch gerechtfertigt vor Gott? Wie erreicht der Mensch die Erlösung? Und hier sagt er: Sola gratia, d. h. allein durch die Gnade Gottes. Und wie erfährt der Mensch die Gnade Gottes? Sola fide, allein durch den Glauben. Und wie kann der Mensch seinen Glauben erhöhen? Sola scriptura, allein durch das Studium der Schrift, weniger durch die Kirche etc. So sagt letztlich Martin Luther: Studiere die Heilige Schrift! Dadurch wird dein Glaube gestärkt. Und wenn die n Glaube gestärkt ist, dann erfährst du Gott.
So ist also das Studium der Schrift eine spirituelle Praxis an sich, die dazu führt, dass du Gott erfährst. So sagt es Martin Luther, und so ist das praktisch eines der besonders wichtigen Prinzipien des Lutheranischen Christentums.
Wir finden das auch im Islam. Dort ist das Studium des Korans auch nicht nur irgendeine Beschäftigung, sondern durch das Studium des Korans verbindet man sich mit Allah, und erfährt letztlich die Gegenwart von Allah. Das Studium des Korans ist etwas Heiliges. Und es ist mehr, als nur die intellektuellen Gebote zu studieren. Vielmehr heißt es, dass der Koran Offenbarung Gottes ist, und wenn man den Koran studiert, z. T. vielleicht sogar auf Arabisch anhört, z. T. vielleicht sogar ohne jeden Vers hundertprozentig zu verstehen, erfährt man die Gegenwart Gottes.
Ähnlich finden wir es im Judentum mit dem Studium der Tora, also der Heiligen jüdischen Bibel, oder auch des Tanach, wo ja zu der Tora noch einige andere Schriften gehören. Hier kann man noch weiter gehen: Wir finden Ähnlichkeiten von den Aussagen von Patanjali hier, und auch, was Martin Luther gesagt hat.
Und eines, was Martin Luther gesagt hat, ist: „Jeder Christ sollte die Bibel lesen, und zwar so, dass er sie versteht.“ Vor Martin Luther war es eher üblich, dass nur die Priester die Bibel lasen. Das gemeine Volk war letztlich auf die Interpretation des Priesters angewiesen. Martin Luther wusste, dass nicht jedermann Latein und Griechisch und Hebräisch studieren konnte, um die Bibel im Original zu lesen. Also hat er sie ins Deutsche übersetzt, und hat alle aufgefordert: Lies selbst die Bibel! Und durch das Studium der Bibel erfährst du Gott. Das war erst mal recht revolutionär. Die Katholiken sind mit ein paar Jahrhunderten Verspätung auch dazu gekommen, und haben auch gesagt, jeder katholische Christ soll auch selbst die Bibel auf Deutsch lesen. Und es wäre wohl auch gut, wenn auch der Christ Hebräisch, Griechisch und Latein lesen würde, um so genauer zu wissen, was dort tatsächlich steht. Denn die Übersetzungen sind ja auch immer wieder Interpretationen. Aber damit auch der „normale“ Christ die Bibel lesen kann, ist es gut, dass sie in die jeweilige Muttersprache übersetzt ist.
So ähnlich war es aber auch vor Patanjali durchaus das Privileg von Brahmanen, die eigentlichen Schriften (also die Veden und die Upanishaden) zu lesen. Brahmanen, die männlich waren, und eine bestimmte Zeit beim Guru verbracht hatten (12 Jahre), und dabei die Einweihung bekommen hatten. Man brauchte, zumindest in bestimmten Teilen des Hinduismus, im sogenannten Brahmanismus (manchmal auch genannt die „brahmanische Orthodoxie“) letztlich die Erlaubnis, die Veden zu lesen. Man musste erst mal irgendwie dazu geboren sein, man musste zweitens eine bestimmte Zeit des Studiums haben, drittens ein bestimmtes Abschlussritual vollzogen haben, um dann die Erlaubnis zu bekommen, die Schrift überhaupt lesen zu können, insbesondere die Veden. Andere durften höchstens die Itihasas und die Puranas, Ramayana, Mahabharata und die verschiedenen Shiva-Purana, Bhagavatam und so weiter studieren. Und da die wenigsten Menschen Sanskrit kannten – und diese Schriften sind in Sanskrit; schon zu Patanjalis Zeiten war Sanskrit dem gemeinen Volk nicht zugängig – brauchten sie also die Vermittlung durch diejenigen, die Sanskrit kannten. Solche, die wirklich die heiligen Schriften lesen konnten, sogar die Bhagavad Gita, waren nicht viele. Und noch weniger waren es, welche die Veden, insbesondere die wichtigen Teile der Veden, also die Upanishaden studieren konnten.
Patanjali fordert hier auf: Jeder Aspirant sollte die Schriften selbst studieren. Und so gehört ja auch Yoga Sutra jetzt ideengeschichtlich nicht zur „brahmanischen Orthodoxie“, sondern Patanjali Yoga Sutra steht in der Tradition der sogenannten Shramana-Spiritualität. Patanjali und Buddhismus und Jainismus sind in dieser Hinsicht ähnlich. Sie sagen: Wende dich nicht an einen Brahmanen, du brauchst keine Priester, um Gott zu erfahren. Studiere selbst. Interessanterweise spricht Patanjali nicht einmal über die Notwendigkeit eines Gurus. Wir finden das an keiner Stelle. Er sagt nur einmal: Ishwara selbst ist dein Guru. Und damit gibt er dem einzelnen Aspiranten eine sehr große Verantwortung.
Natürlich, Patanjalis Yoga Sutra ist sehr kryptisch geschrieben. Du brauchst letztlich doch die Vermittlung durch einen Lehrer. Aber Patanjali sagt eben, du brauchst keinen Mittler, du brauchst keinen Priester, studiere die Schriften selbst. Und das ist dann unabhängig von deiner Herkunft und unabhängig von Erlaubnis, studiere die Schriften selbst. Wenn du die Schriften selbst studierst, dann erfährst du die Gegenwart Gottes, oder, wie er hier sagt: Ishta devata samprayoga.
Hier ist aber nochmal interessant: Er sagt jetzt nicht, dass du die Selbstverwirklichung erfährst, sondern du erfährst die Verbindung mit Gott. Und so gibt es einige Verse, wo auch von Ishwara Pranidhana gesprochen wird, Hingabe zu Gott, und der nächste Vers ist ja auch ein Vers über Ishvara Pranidhana.
Das Studium der Schriften führt also dazu, dass du Gott wahrnimmst, und zwar in seiner Ishta-Manifestation, die Liebe Gottes. Du kannst Gott abstrakt sehen, und Patanjali spricht mehrheitlich von Purusha, also dem Bewusstsein an sich, ganz abstrakt, oder auch Atma, auch den Ausdruck gebraucht er an einigen Stellen. Manchmal spricht er aber von Ishwara, Ishwara, Herr des Universums, und hier von Ishta devata, etwas, was gerade im Bhakti Yoga sehr wichtig ist, die persönliche Gottesbeziehung. Du wirst also zu deinem persönlichen Aspekt Gottes, zu dem du tiefe Liebe hast, starke Verbindung spüren, wenn du mit der richtigen Einstellung spirituelle Schriften liest.
Weitere Informationen findest du auf www.yoga-vidya.de. Du findest auch all diese Niyamas beschrieben in dem Buch „Die Yoga-Weisheit des Patanjali für Menschen von heute“ – das Yoga Sutra mit einem Kommentar von Sukadev Bretz. Dort sind die Kommentare vielleicht etwas kürzer und prägnanter. Es gibt auch das gesamte Yoga Sutra mit verschiedenen Kommentaren, Audios und Videos und Rezitationen, und Originaltext auf Sanskrit und Deutsch, und in Devanagari-Schrift, Umschrift wie auch Wort-für-Wort-Übersetzung auf schriften.yoga-vidya.de. Dort findest du ein Menü, und dort klickst du auf Patanjali Yoga Sutra, und dann kannst du beispielsweise ins Suchfeld eingeben „2 44“, und dann erfährst du mehr über diesen Vers, und du kannst dir jeden anderen Vers aussuchen. Mehr über die verschiedenen Aspekte von Niyama auch auf wiki.yoga-vidya.de/Niyama.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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