Kommentar zum 43. Vers des 2. Kapitels vom Patanjali Yoga Sutra

Was ist Tapas? Wozu dient Tapas? Was sind die Wirkungen von Tapas? Dazu spricht Patanjali in dem einen Vers ganz kurz.

Patanjali schreibt:

„Durch Tapas werden Unreinheiten aufgelöst und Kräfte des Körpers und der Sinne herbeigeführt.“

 

Tapas ist das dritte der Niyamas. Niyamas sind Empfehlungen für die persönliche Lebensführung, so wie Yama die Ethik im Umgang mit anderen ist.

 

Die Niyamas sind noch einmal:                                                                                                                                           

Shaucha – heißt Reinheit                                                                                                                     

Santosha – heißt Zufriedenheit                                                                                                                

Tapas – ist ein vielschichtiger Begriff, heißt Askese, Selbstzucht, spirituelle Praxis, Disziplin

Swadhyaya – ist Selbststudium                                                                                                             

Ishvara Pranidhana – Hingabe an Gott

 

Patanjali sagt hier: Durch Tapas kommt Reinheit. Er hat ja vorher über die Wirkung von Shaucha gesprochen, und hat Shaucha über alle Maßen gelobt. D. h. durch Shaucha kommt man zur geistigen Klarheit, Konzentration, letztlich auch zum Glück, und schließlich auch zur Selbstverwirklichung, „Atmadarshana“. Und wie kommen wir zu diesem Shaucha? Natürlich durch Kultivierung von Sattva, durch einen sattvigen Lebensstil. Aber auch durch die richtigen Tapas-Übungen.

 

Und was heißt jetzt Tapas?

Tapas hat zunächst einmal etwas zu tun mit einem Wort, das für Hitze steht. Tapas ist letztlich auch Intensität, Hitze, das, was verbrennt usw. Und es gibt verschiedene Aspekte von Tapas.                                                                                                                                                                  

Tapas sind zunächst einmal allgemein spirituelle Praktiken. Wir finden z. B. in vielen der „Puranas“, „Itihasas“ solche Aussagen, dass ein Yogi in den Wald gegangen ist, um Tapas zu üben. Und das heißt: um intensiv spirituelle Praktiken zu üben. Oder es heißt auch, man sollte jeden Tag Tapas üben, d. h. jeden Tag spirituelle Praktiken üben. Man spricht auch z. B. von Swami Sivanandas  Tapasya-Zeit. Das war so die Zeit von 1923 bis 1934, etwa 12 Jahre, in denen Swami Sivananda den größten Teil des Tages verbracht hat mit Meditation, Asana, Pranayama, Mantra-Rezitation und auch speziellen weiteren Tapas-Übungen. Die eine Bedeutung von Tapas ist also spirituelle Praxis. Intensive spirituelle Praxis führt natürlich zu Sattva.

 

Angenommen, du machst mal bei Yoga Vidya eine Intensiv-Woche mit, sei es ein Intensiv-Retreat, Meditations-Retreat, oder eine Asana-Woche, oder auch eine Kundalini Yoga-Woche, oder ein 2-wöchiges Sadhana Intensiv, dort übst du dann jeden Tag viele Stunden Praktiken. Und du fühlst dich am Ende dieser Woche so voller Reinheit und Leichtigkeit! Da fällt es wirklich leicht, Sattva zu spüren Reinheit zu spüren. Die spirituellen Praktiken im Yoga sind konkret darauf ausgerichtet, Reinheit zu erfahren.                              

Im kleineren Maße erfährst du das ja auch. Angenommen, du hattest einen schwierigen Tag, und dein Geist ist durcheinander (also im Rajas), oder irgendwie frustriert (etwas zwischen Rajas und Tamas), oder niedergeschlagen, müde (im Tamas) – dann gehst du einfach in eine Yogastunde, und nach der Yogastunde fühlst du dich so leicht, so lichtvoll, rein usw. Du bist ins Sattva gekommen. Yoga-Praktiken an sich führen also zu Sattva und Shaucha. Das heißt natürlich auch: Übe jeden Tag deine spirituellen Praktiken. Übe einmal pro Woche mehr, und gehe nach Möglichkeit einmal oder mehrere Male im Jahr in einen Yoga Vidya Ashram, wo du längere Zeit praktizierst.

 

Eine zweite Bedeutung von Tapas ist auch „bewusste Askese-Übungen“. D. h., du übst bestimmte Askese-Übungen, die auch Reinheit erzeugen. Und hier gilt natürlich auch, dass die Askese-Übungen so sein müssen, dass sie gesund sind. Wir finden es in Indien, wir finden es im mittelalterlichen Christentum (z. T. auch bis heute, wir finden es in Strömungen im Islam, und auch in anderen Richtungen, wo Menschen ihren Körper gequält haben. Krishna spricht ja in der Bhagavad Gita von sattvigem, rajassigem und tamassigem Tapas. Und wir sollen nicht den Körper quälen. Vielmehr ist eine Askese-Übung dann sattvig, wenn sie auch gesund ist für den Körper und die Psyche. Man könnte auch sagen: Patanjali sagt, man soll Tapas so führen, dass es zu Sattva führt, zu Reinheit.

 

Beispiele für sattviges Tapas (was auch gesund für den Körper und damit empfehlenswert ist):                                                                                                                                        

Einen Monat lang auf Salz verzichten, also keinen Salzstreuer benutzen, und wenn du selbst kochst, die Speisen ohne Salz zubereiten. Typischerweise enthalten Früchte und Gemüse von sich aus genügend Salz. Und wenn es nicht gerade ein heißer Sommer ist und du nicht gerade Ausdauertraining machst, brauchst du kein zusätzliches Salz über die Nahrung. Im Gegenteil, man weiß heute, den Salzgehalt zu reduzieren bzw. fast nicht zu salzen ist sehr gesund für das Herz-Kreislauf-System. Ausnahme wären Leistungssport oder ein heißer Sommer. Wenn du also z. B. sagst: Im Winter verzichte ich einen Monat auf gesalzene Speisen – das wäre eine gute Tapas-Übung.                                                                                                   

Oder du sagst: Einen Monat verzichte ich auf jeglichen Industriezucker. Die Steigerung wäre: Einen Monat verzichte ich vollständig auf Süßungsmittel, also auch auf Rohrzucker, auf Honig, auf Dicksaft, auch auf Birkenzucker oder was auch immer, einen Monat verzichte ich auf das Süßen von Speisen.                                                                                                                                           

Oder eine Woche Fasten. Oder einmal pro Woche Fasten.                                                                   

Kalt duschen, nicht warm, sondern nur kalt. Abschwächend wäre, am Ende des Duschens 20 Sekunden lang kalt duschen. Das ist ausgesprochen gesund, gut für die Gesundheit des Körpers, und gut für den Geist.                                                                       

Zusätzlich könnte man auch sagen, man heizt im Winter nur auf 15 Grad. Oder zieh dich nicht so warm an. Deine Mutter hat immer gesagt „Zieh dich warm an, mein Junge/mein Mädchen!“ Das ist Unsinn! Man wird weniger erkältet sein, wenn man sich weniger warm kleidet. Im Gegenteil, es stärkt die Abwehrkräfte, wenn man im Winter dünner angezogen ist. Es sind eben nicht die leicht gekleideten, die eine Erkältung bekommen, sondern jene, die sich übertrieben warm halten. Das kann sogar als empirisch nachgewiesen gelten. Eine Erkältung kommt auch nicht durch Zugluft, wie manche Menschen denken. 

Das sind alles Dinge, die erst einmal unangenehm sind, also Tapas, die aber gesund sind.

 

Tapas in einem noch weiteren Sinne heißt: Bewusst Dinge tun, die du  nicht magst. Der Meister von Sukadev hatte ihm ziemlich am Anfang seines spirituellen Weges eine allgemeine Aufgabe gegeben. Er hatte gesagt: „Wenn es irgendetwas gibt, das du  nicht magst, tue es so lange, bis du es magst – sofern es sattvig ist.“ Sukadev fand dies eine genial einfache Sache. Das gibt einem so viel Freiheit. Viele Menschen denken „ich mag nicht dieses, ich mag nicht jenes …“, und sie versuchen natürlich immer, das nicht zu tun, was sie nicht mögen. Der Ansatz ist ein anderer. Wenn du Kräfte haben willst, und da geht es auch um Siddhis, also auch geistig stark sein willst, dann geht es darum, dass du  nicht denkst, dein Glück hängt ab davon, dass du dieses oder jenes nicht tust.    

 

Angenommen z. B., du magst es nicht, Staub zu saugen, und du lebst mit einem Partner zusammen, und ihr habt es euch vielleicht bisher so aufgeteilt, dass dein Partner Staub saugt, und du machst etwas anderes – dann wäre Sukadevs Tipp: Ändere das, lerne du Staub zu saugen, solange, bis du es magst.                                                                             

Angenommen, du lebst in einer spirituellen Gemeinschaft, dann überlege „Was mag ich nicht?“ und melde dich dafür freiwillig. Tu es, und zwar so lange, bis du es magst. Wenn du das ganz systematisch machst, hast du eine unglaubliche Stärke des Geistes. Du brauchst niemals mehr Angst zu haben, etwas tun zu müssen, was du nicht magst, weil es nichts mehr gibt, was du nicht magst. Und du brauchst auch keine Angst zu haben, dass Dinge eintreten, die dich zwingen, etwas zu tun, was du nicht magst.                                                                 

Langfristig geht es natürlich darum, dass du deine Fähigkeiten, Talente und Kräfte nutzt, und natürlich ist es klüger, das zu machen, wo du mehr Fähigkeiten hast und mehr bewegen kannst. Aber löse dich aus der Versklavung an deine Wünsche.

 

So kannst du also Unreinheiten auflösen, und du bekommst geistige Kraft. Es gibt aber noch etwas, was du erreichen kannst: kaya indriya siddhi – Kräfte und Fähigkeiten. Durch intensives Tapas bekommst du intensive Kräfte und Fähigkeiten. Es wird manchmal auch gesagt, dass Swami Sivananda deshalb so viel bewegen konnte, weil er 12 Jahre lang intensives Tapas geübt hatte. Und damit kommt auch die Empfehlung, mindestens einmal im Leben (besser öfter als einmal im Leben) einige Wochen, vielleicht sogar Monate mit ganz intensiven spirituellen Praktiken zu verbringen.

Sukadev hat mehrmals in seinem Leben Phasen gehabt, wo er sehr intensiv praktiziert hat. Es gab mehrere Jahre, wo er jeden Tag mehrere Stunden Pranayama geübt hat, und es gab zweimal Phasen von etwa 3 Monaten, wo er letztlich am Tag 14 Stunden spirituelle Praktiken geübt hat, ohne Lesen miteinzubeziehen. Und dabei hat Sukadev sehr viel Prana bekommen, sehr viel geistige Stärke auch. Darum würde er auch empfehlen, das zu machen. Mache das nicht als erstes, aber verbringe vielleicht mal ein oder zwei Wochen mit intensiver spiritueller Praxis. Und intensiv heißt schon: viele Stunden. Es heißt jetzt nicht „gemütlich spirituell praktizieren“. Und heißt auch nicht „mal sehen, wie es kommt“. Moderne Aspiranten sagen zuweilen „Ja, ich schau mal, stehe auf, wie ich es spüre, dann übe ich die Praktiken, die ich gerne mache, mache sie so lange, wie ich mache, und dann schaue ich weiter.“ Tapas ist das nicht. Tapas würde heißen, du nimmst dir das vor. Nimmst dir z. B. vor, um 4 Uhr morgens aufzustehen, ob du es magst oder nicht.

 

Möglicher Tagesablauf mit intensivem Tapas:

  • 4 Uhr Aufstehen
  • 30 bis 6.30 Uhr Pranayama üben, ob du es magst oder nicht
  • 30 bis 8 Uhr Meditieren
  • 8 bis 10 Uhr Asanas üben
  • 10 bis 11 Uhr Pranayama
  • 11 bis 11.30 Uhr vielleicht noch eine halbe Stunde Meditation
  • 30 Uhr Brunch, danach vielleicht Zeit für einen kurzen Spaziergang, vielleicht ein kurzes Mittagsschläfchen
  • 30 bis 15 Uhr Meditation
  • 15 bis 17 Uhr vielleicht Asanas
  • 17 bis 18.30 Uhr Pranayama
  • 30 Uhr Abendessen, vielleicht danach noch eine Viertelstunde Tiefenentspannung / Yoga Nidra
  • 20 Uhr eine Stunde Meditation
  • 21 Uhr eine Stunde Pranayama.

 

Das ist intensive Praxis. Und die kannst du beim ersten Mal eine Woche lang üben. Und wenn dir das gutgetan hat, ein halbes / ein Jahr später 2 Wochen lang. Wenn dir das gutgetan hat, ein halbes / ein Jahr später mal 4 Wochen lang. Und wenn du merkst, dass dir das guttut, dann vielleicht mal 2 oder 3 Monate. Aber beachte den Tipp: mache nicht die erste intensive Praxis gleich 3 Monate lang. Einige, die sich das vorgenommen haben, halten es nicht durch, und nachher kommen andere Wünsche, die stärker werden. Aber übe intensiv Tapas.

Natürlich ist es auch gut, immer wieder Neues zu lernen, auch gut, Ausbildungen zu machen, Weiterbildungen usw. Aber manchmal lassen sich ernsthafte Aspiranten davon auch ein wenig ablenken, immer wieder etwas Neues, immer wieder etwas lernen … so gibt es manche Menschen, die Jahre auf dem spirituellen Weg sind, und wenn man sie fragt „Hast du mal eine Periode gehabt, wo du 2 oder 4 Wochen mindestens 14 Stunden am Tag praktiziert hast?“ – dann ist da oft betretenes Schweigen.                                                                 

 

Angenommen, du bist jetzt am Anfang des spirituellen Weges, dann komm natürlich erst mal in eine regelmäßige Praxis hinein. Aber wenn dein Ziel die Erleuchtung ist, wenn dein Ziel wahrhaftig Gottverwirklichung ist, dann warte nicht zu lange. Wenn du jetzt in deinen 30er, 40er oder 50er Jahren bist, dann verschiebe es nicht zu sehr, sondern überlege jetzt: wann will ich das nächste Mal eine Woche, zwei Wochen, vier Wochen mich ganz der spirituellen Praxis widmen?

Nun hast du einige Interpretationen des Wortes Tapas:

  • Einfache spirituelle Praxis
  • Bewusste Askese-Übungen, und zwar solche, die gesund und gut für dich sind
  • Bewusstes Tun von Dingen, die du nicht magst, sofern sie sattvig sind
  • Intensive spirituelle Praxis, wo du ein paar Tage, ein oder mehrere Wochen bis maximal 3 Monate widmest der intensiven spirituellen Praxis bei absolut sattvigem Leben

Jetzt halte einen Moment inne und überlege, was davon du umsetzen willst.

Mehr Informationen unter www.yoga-vidya.de.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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