Kommentar zum Patanjali Yoga Sutra 2. Kapitel, 42. Vers
Patanjali schreibt:
Von Zufriedenheit (Santosha) kommt unübertroffenes Glück.
„santoshat anuttamas sukhalabhah“
„sukha“ heißt hier Glück, und „labhah“ heißt Gewinn, Erreichen von.
Wie kommen wir zum höchsten Glück? Durch Zufriedenheit. Das ist die große Aussage von Patanjali in diesem Vers. Die meisten Menschen denken ja, man bekommt „sukha“, was ja eigentlich auch Vergnügen heißt, was auch Glück heißt, indem man Wünsche befriedigt. Gutes Essen, mehr Geld, schöne Erlebnisse, Komplimente durch andere, irgendwo zärtliche Stunden mit jemand anderem – das ist so das, wovon Menschen denken, es ist „sukha“, Vergnügen und Glück.
Patanjali dreht das um. Er sagt: Durch Santosha kommt Glück, und zwar nicht irgendein Glück, sondern „anuttama“, unübertroffenes Glück, großartiges Glück. Kleines Glück kommt vielleicht durch Sinnesvergnügen und so weiter. Aber unübertroffenes Glück kommt durch die Kultivierung von Zufriedenheit.
Es gibt ja auch eine mathematische Darstellung von Glück:
Glück = erfüllte Wünsche/ unerfüllte Wünsche
Also angenommen, du hast 100 unerfüllte Wünsche, und jetzt hast du 1 erfüllten Wunsch, dann ist dein Glück 1%1 %. Angenommen, du erfüllst dir 10 deiner Wünsche, dann hast du 10 % Glück. Und erst wenn du alle Wünsche erfüllt hättest, hättest du 100 % Glück. Aber jetzt kannst du überlegen: Wie viele Wünsche hast du? Meinst du, du könntest diese wirklich erfüllen? Dann gibt es nämlich noch ein Problem: Je mehr Wünsche du erfüllst, umso mehr Wünsche kommen. Es gibt z. B. eine empirische Studie, die besagt, dass Menschen meinen, sie bräuchten 60 % mehr Geld, dann wären sie glücklich. 60 % mehr Geld – das ist irgendwie anscheinend eine empirische Konstante in Studien aus 2016/17. Aber, angenommen, jemandem gelingt es, diese 60 % mehr Geld zu haben: 1 Jahr später denkt er wieder „Ich bräuchte 60 % mehr“! Durch die Erfüllung der Wünsche also bekommen wir kein Glück, da bleibt unser Glück immer „stecken“.
Wenn man aber die Anzahl der Wünsche reduziert, wenn man Zufriedenheit kultiviert, dann geht es sehr schnell, zufriedener zu sein. Denn man kann sehr wohl, wenn man 100 Wünsche hat, Zufriedenheit kultivieren und sagen „Ich brauche gar keine Wunscherfüllung“. Angenommen, es bleibt letztlich nur noch ein Wunsch übrig, und man erfüllt den, dann ist das Glück schon 100 %. Und wenn man gar keinen Wunsch mehr hat, dann ist das Glück im Unendlichen. Deshalb, wenn man „anuttama sukha“ haben will, kann das schon rein mathematisch nur funktionieren, indem man die Wünsche auf null reduziert.
Die Wünsche auf null zu reduzieren, ist natürlich auch nicht so einfach. Aber wir können uns bewusst machen: Wünsche zu haben, heißt Unglück, Wünsche zu reduzieren, heißt Glück. Das müssen wir uns erst mal bewusst machen. Denn in der westlichen Kultur besteht ja die irgendwo unreflektierte Vorstellung, man soll seine Bedürfnisse kennenlernen, und dann soll man seine Bedürfnisse befriedigen. Und je mehr Bedürfnisse man befriedigt, umso glücklicher ist man. Und letztlich beruht dann die ganze westliche materialistische Weltanschauung darauf, dass es sogar darum geht, dass man immer mehr Bedürfnisse kennenlernt. Die Wirtschaft funktioniert nur dadurch, dass es den Unternehmen gelingt, immer neue Bedürfnisse im Menschen überhaupt zu entdecken zu schaffen.
Das ist dann wie ein „rat race“ (engl.: Rattenrennen), so wie eine Maus oder ein Hamster sich im Hamsterrad immer wieder dreht. Und so ist es letztlich diese Weltanschauung, diese unreflektierte Lebenseinstellung, Wünsche zu erfüllen, die Menschen ins Unglück treibt. Man will immer mehr – man kriegt immer mehr. Man will noch mehr – man kriegt mehr. Einer will noch mehr – man kriegt es nicht, vieles kriegt man ja auch nicht … im Fernsehen wird einem immer vorgeführt, was es alles noch geben würde, die Werbung zeigt, was es noch geben würde. Die Werbung verspricht einem alles mögliche von irgendwelchen Dingen, die man kauft – Glück kommt so nicht.
Wie bekommen wir Glück? Durch die Kultivierung von Santosha.
Darum denke nun mal ein bisschen nach: Welche Wünsche hast du? Was denkst du, was du alles noch brauchst, um glücklich zu sein? Hinter was rennst du her? Vermutlich rennst du nicht ganz so hinter Geld und Sinnesbefriedigung her, wie andere. Aber vielleicht denkst du trotzdem „Ja, ich bräuchte ein größeres Appartement. Ja, ich bräuchte ein besseres Smartphone. Ja, ich bräuchte irgendwie dieses und jenes.“ Oder: „Mein Partner sollte netter zu mir sein. Mein Chef sollte netter zu mir sein. Ich bräuchte bessere Kollegen. Meine Mitarbeiter …“ und so weiter. Oder: „Meine Kinder sollten etwas gesünder leben. Meinen Eltern geht es nicht so gut, die sollten gesünder sein.“ Und so fort.
Mache dein Glück nicht abhängig von äußerem. Karma kommt. Und zwar für dich, wie auch für andere. Ja, du kannst einiges ändern und tun. Aber, Bhagavad Gita würde sagen: Finde heraus, was deine Aufgabe ist, und erfülle dein „Svadharma“, deine Aufgabe, so gut, wie du kannst.
Patanjali spricht auch von „maitri“, Mitgefühl und Barmherzigkeit, woraus dann natürlich auch kommt: Gute Werke tun, versuchen, anderen zu helfen. Das sind deine Aufgaben. Aber denke nicht, dass die Erfüllung von Wünschen dich glücklicher macht. Und verlasse diese moderne Weltanschauung, dass Bedürfniserfüllung glücklich macht. Das ist der größte Irrtum der modernen Weltanschauung.
„Aus Santosha kommt unübertroffenes Glück.“ Wenn du diese Überzeugung hast und daran arbeitest, ist schon viel gewonnen. Dann kannst du entspannter mit deinen Wünschen umgehen. Und du kannst eben auch spielerisch sagen „Ab und zu mal einen Wunsch zu erfüllen, ist ja auch schön“! Es muss ja nicht nur „anuttama“ Glück sein, sondern es gibt ja auch das „laghu sukha“, das kleine Glück. Man kann ja die kleinen Dinge auch genießen. Aber das „anuttama sukha“ wird „labha“ – erreicht -, wenn du Zufriedenheit kultivierst. Mache das zu deiner Aufgabe.
So weit zu Santosha, Zufriedenheit, die zu Glück führt.
Mehr über all diese Aussagen von Patanjali findest du im Buch „Yoga Sutra“. Sukadev hat dazu auch einen Kommentar geschrieben: „Die Yoga-Weisheit des Patanjali für Menschen von heute“. Dieser Beitrag ist Teil der Reihe zum Yoga Sutra, und auch Teil der ganzheitlichen Yoga Vidya Schulung, sowie Begleitmaterial zur Yogalehrer-Ausbildung von Yoga Vidya. Mehr Informationen unter www.yoga-vidya.de.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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