Kommentar zum 2. Kapitel, 35. Vers
Patanjali schreibt, wenn nicht Verletzen fest begründet ist, wird Feindschaft in der Gegenwart des Yogis aufgegeben. Oder anders ausgedrückt, wer in Ahimsa fest beständig ist, begegnet keiner Feindseligkeit. Ein interessanter Vers und damit beginnen die einzelnen Verse, die über die Wirkung der verschiedenen Yamas und Niyamas sprechen. Patanjali beschreibt nicht so genau, was Ahimsa genau heißt. Er hat ja gesagt, die Yamas, die er beschreibt, sind gültig für alle Wesen. Aber wie sie es umsetzen, ist wiederum unterschiedlich.
Ein Polizist hat bestimmte Aufgaben und das Festnehmen eines Verbrechers wird durchaus vom Verbrecher nicht gerne gesehen. Das ist aber seine Aufgabe. Und einen Schullehrer, eine Schullehrerin wird auch manchmal Kinder zu Recht weisen müssen. Dagegen zum Beispiel ein Yogalehrer, Yogalehrerin wird vielleicht etwas milder sein können als ein Lehrer in einer Brennpunktschule. In diesem Sinne, wie Ahimsa genau gelebt wird, das ist für jeden etwas unterschiedlich. Oder auch verschiedene der Yamas können ja auch miteinander in Konflikt sein. Patanjali lässt sich jetzt nicht darauf ein, das zu sehr auszubauen. Dafür gibt es dann andere Schriften, und das ist ja auch in jedem Zeitalter anders.
Gerade weil Patanjali sich enthält, ganz konkrete ethische Empfehlungen zu geben, ist Patanjali bis heute hochaktuell. Und es gibt eigentlich keinen einzigen Vers in Yoga Sutra, wo man sagen würde, vor dem Licht heutiger Erkenntnisse und unserer heutigen Ethik müsste man diesen Vers anders formulieren. Das zeichnet das Yoga Sutra im hohen Maße aus. Und so sagt er hier, wer begründet ist in Ahimsa trifft auf keine Feindschaft. Was heißt das jetzt?
Es heißt zwei Dinge. Zum einen, ein friedfertiger Mensch neigt normalerweise dazu, dass andere Menschen ihn friedfertiger behandeln. Es gibt zum Beispiel Menschen, wenn die irgendwo in einer Gruppe sind, dann sind alle etwas friedfertiger. Aber wenn dieser Mensch nicht mehr da ist, dann streitet sich alles wieder. Ein friedfertiger Mensch führt zu mehr Frieden in seiner Umgebung. Aber absolut stimmt das auch nicht.
Auch ein Jesus Christus wurde an das Kreuz genagelt, gegen Buddha gab es mehrere Mordanschläge, auch gegen Swami Sivananda gab es ein Mordattentat. Mahatma Gandhi und Martin Luther King sind erschossen worden. So kann man nicht sagen, dass jemand, der verankert in Ahimsa nie irgendwelche Feindschaft trifft, aber auf einer anderen Ebene stimmt es. Ein Mensch, der voller Wohlwollen, Einfühlungsvermögen ist und gegenüber keinem Menschen Feindschaft hegt, hat auch nicht das Gefühl, dass irgendjemand anderes Feindschaft gegen ihn oder sie hegt. Swami Sivananda, als ein Mordanschlag auf ihn verübt wurde, hat nicht gesagt, ich vergebe meinem Feind, sondern er hat gesagt: Gott ist zu mir gekommen in Gestalt dieses Menschen. Nicht dieser Mensch war bösartig, sondern Gott ist zu mir gekommen in dieser Gestalt.
Jesus hat zwar in der Bergpredigt gesagt „Liebt eure Feinde.“, das ist aber eine Vorstufe. Jesus selbst hat keine Feinde gekannt. Am Kreuz hat er gesagt „Vater vergib Ihnen, denn wissen nicht, was sie tun.“ Er hatte nicht das Gefühl gehabt, dass irgendjemand ihn gegenüber feindselig gestimmt ist. Er hatte das Gefühl gehabt, er erfüllt seine Aufgabe. Jesus wusste, dass seine Aufgabe sein würde, am Kreuz zu sterben. Und die, die ihn an das Kreuz gebracht haben und diejenigen, die ihn gefoltert haben, gemartert haben, waren nicht böse. Er hat nicht das Gefühl gehabt, auf Feindschaft zu treffen.
In diesem Sinne, wenn du fest verankert bist in Ahimsa und damit auch in Liebe und Mitgefühl, dann wirst du Menschen so tief verstehen, dass du noch nicht mal das Gefühl hast, dass Feindschaft da ist, selbst jemand dir schlimmstes antut. Und das ist letztlich auch ein Zeichen, dass du in Ahimsa verankert bist. Dass du nicht das Gefühl hast, dass irgendwelche Menschen böse sind oder dir böse wollen. Vielleicht sind sie missgeleitet, so wie Jesus gesagt hat „Sie wissen nicht, was sie tun.“ Vielleicht schaffen sie sich schlechtes Karma, vielleicht sind sie verletzt, vielleicht sind sie unwissend. Aber du brauchst Ihnen nicht böse zu sein. Bist du in Ahimsa fest verankert, siehst du keine Feindschaft mehr? Denke mal darüber nach.
Eventuell kannst du auch überlegen: Gibt es Menschen, die du irgendwo ansehen würdest als deine Feinde? Versuche sie vom Herzen her zu lieben. Versuche vielleicht auch, sie mitfühlend zu betrachten. Sei dir bewusst, wenn sie wirklich schlechtes tun, schaffen sie sich schlechtes Karma. Sie sind Instrumente, dass du dein Karma erfährst. Aber sie selbst schaffen sich schlechtes Karma. Also solltest du Mitgefühl mit Ihnen haben und keine negativen Gefühle. Ja, soweit für heute. Wenn du das nachlesen willst, kannst du machen in dem Buch „Die Yoga Weisheit des Patanjali von Menschen von heute.“
Mehr zum Yoga Sutra findest du auch auf unseren Internetseiten. Wenn du einen anderen Kommentar noch hören oder lesen willst, dann gib einfach „Patanjali Yoga Sutra 2/35“ ein und dann kommst du auf diesen Vers Sanskrit, Deutsch, Wort für Wort Übersetzung und verschiedene Kommentare.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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