Reden über Yoga ohne Erfahrung der Einheit ist Geplapper. Kommentar zum letzten Vers der Hatha Yoga Pradipika, 4. Kapitel, 114. Vers
Svatmarama sagt: Solange das Prana nicht in die Sushumna gelangt und Brahmarandhra durchstößt, solange Bindu nicht fest wird durch das Kontrollieren des Prana, solange Chitta, der Geist, nicht mit dem Objekt, auf das meditiert wird, Brahman, verschmilzt, solange sind jene, die über Yoga und Dhyana sprechen, nichts als eitle Schwätzer und törichte Menschen.
Hier will uns also Svatmarama sagen: Alles Reden über Yoga, alles Reden über Meditation ist letztlich Geplapper. Es gilt Samadhi zu erlangen. Und was heißt, Samadhi zu erlangen? Das heißt, dass Prana in die Sushumna eintritt, also in den mittleren Kanal und es geht darum, dass es dann zu Bramarandhra (praviśati) geht, also zum höchsten Energiekanal. Es gilt, dass dieser Lebensatem letztlich über madhya-mārge, den mittleren Pfad nach oben geht, in praviśati, ins Sahasrara Chakra und damit in die Öffnung zu Brahman und dann muss man letztlich zum binduḥ kommen, also zum Samen von allem. So muss prāṇa-vāta, der Lebenshauch muss beherrscht werden prabandhāt, er muss beherrscht werden. Dann folgt dhyāne, dann folgt die Meditation. Dann folgt letztlich saha-ja, der angeborene natürliche Zustand. Den gilt es, zu erlangen, indem eben der Geist verschmilzt mit dem höchsten Prinzip, mit dem höchsten tattvaṃ. Wenn dieses nicht erlangt ist, dann ist, wenn jemand über jñānaṃ spricht, über Erkenntnis spricht, dann ist das letztlich wie Heuchelei und Geschwätz.
Hier wendet sich Svatmarama nochmal mit vehementen Worten dagegen, dass Menschen sagen, einfach nur zu überlegen: „Wer bin ich?“, und einfach nur zu sagen „Aham Brahmasmi“ bringt gar nichts. Nur zu sagen: „Ich erkenne das höchste Selbst, indem ich darüber nachdenke.“ ist letztlich Geplapper und Heuchelei.
Auf eine gewisse Weise wendet er sich ein bisschen gegen die Vedantins, die einfach sagen: „Frage, wer bin ich, erkenn dein Selbst und sei frei!“, die nur sagen, dass nur Worte sind. Ja, man kann durch Vedanta auch die Gottverwirklichung erreichen. Aber nicht, wenn es nur Worte sind und nicht, wenn es nur Behauptungen sind. Jnana ist dann erreicht, wenn auch Prana in die Sushumna geht und wenn der Geist in Brahmarandhra eingeht und wenn Brahman verwirklicht ist. Letztlich muss Jnana zur Verwirklichung führen und so kann man sagen: Vedanta und Jnana Yoga muss auch zur Erweckung der Kundalini führen und zu Nirvikalpa Samadhi. Nur dann ist es Freiheit. Ansonsten ist es Heuchelei und Plapperei.
Umgekehrt: Hatha Yoga Übungen zu üben und einfach nur zu schauen, ob man dadurch schön wird oder ob man es besser übt, als andere, ist auch unsinniges Tun. Nur dann, wenn wir über intensive Praxis, nicht Verhaftung und uneigennütziges Dienen und durch intensives Leben unseres Dharmas und dabei verhaftungslose Praxis und Gottesverehrung unseren Geist zur Ruhe bringen und die Kundalini erwecken und dann das höchste Chakra aktivieren, dann erreichen wir Nirvikalpa Samadhi. Erst dann, wenn wir Nirvikalpa Samadhi erreicht haben, dann ist das Ziel des Lebens erfüllt. Bis dahin sollte man demütig sein.
Svatmarama sagt ja an einigen Stellen, Übung ist wichtig. Es ist nicht so wichtig, welche Weltanschauung wir haben. Es ist nicht so wichtig, welchen religiösen, spirituellen Hintergrund wir haben oder nicht haben und es ist nicht so wichtig, über so vieles nachzudenken. Wichtig ist die Praxis. Übung macht den Meister, die Meisterin. So sagt er es ja am Ende des ersten Kapitels. Er sagt auch: Übe mit der richtigen Einstellung, Ehrerbietung gegenüber dem Göttlichen, Ehrerbietung gegenüber der Tradition selbst, Ehrerbietung gegenüber den Meistern des Yoga. Das ist wichtig. Dann übe, so gut du kannst und indem du systematisch übst, kommst du irgendwann zur Verwirklichung. Dann löst sich alles andere auf. Also strebe, praktiziere, übe. Übung macht den Meister, Übung macht die Meisterin. Das Streben nach Vollkommenheit ist das einzige Streben, das es wirklich wert ist. Alles andere ist nur relativ.
HARI OM TAT SAT
iti hatha yoga pradipikayam samadhi lakshanam nama chaturthopadeshah
OM OM OM
Das war also der Abschlussvers der Hatha Yoga Pradipika. Ich werde nochmals die 4 Kapitel der Hatha Yoga Pradipika zusammenfassen und die Hatha Yoga Pradipika als Ganzes. Du kannst dich also noch auf ein paar Verse zur Hatha Yoga Pradipika freuen bzw. auf ein paar Vorträge zur Hatha Yoga Pradipika.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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