Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika, ab Vers 43
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In diesem Vers geht es um Khechari Mudra. Khechari ist die Mudra, mit der wir uns im Raum bewegen. Achara heißt bewegen, und Khe steht für Raum, Himmel, Unendlichkeit.
Khechari Mudra und die Auswirkungen, die das hat, insbesondere auf Soma (den inneren Nektar), auf Sushumna (die feinstoffliche Wirbelsäule), und natürlich soll all das zu Turya führen.
In diesem 43. Vers sagt Svatmarama:
Fließt das Prana ungehindert durch das rechte und linke Nadi und zum Punkt zwischen den Augenbrauen, wird das Khechari Mudra vollkommen. Darüber besteht kein Zweifel.
Beginne also mit Atta Khechari – jetzt Khechari Mudra. Dann gibt es Madhya (die Mitte), die Mitte zwischen Savia (links) und Dakshina (rechts). Also Nadista (in die mittlere Nadi). Im Originaltext steht nichts von links und rechts in den Augenbrauen, sondern in die mittlere Nadi, in die Sushumna.
Wir lassen also den Maruta (das Prana) in die mittlere Nadi fließen, und dann stellt sich an diesem Ort Khechari Mudra ein.
Vermutlich hast du dir ja schon die Kommentare zu den anderen Versen der Hatha Yoga Pradipika angeeignet. Im 3. Kapitel gibt es viel über Khechari Mudra. Die Khechari Mudra, wie sie dort beschrieben wird, ist die Zunge nach hinten, durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben schauen und den Kopf leicht nach hinten halten. Es gibt das Lagu Khechari Mudra, und es gibt das Maha Khechari. Lagu ist nur die Zunge nach unten geben – das beruhigt das Vishuddha Chakra, beruhigt den Geist und hilft auch, Ida und Pingala zu harmonisieren. Dann gibt es die große Khechari, wo auch der Kopf nach hinten gerichtet wird und man durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben schaut.
Svatmarama sagt hier: Die eigentliche Khechari ist, wenn Prana in der Sushumna ist, wenn also nicht mehr links und rechts – dann ist wirklich Khechari, das Verweilen im unendlichen Raum.
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Wird Prana Vayu ins Surya, welches zwischen Ida und Pingala liegt, eingezogen, und verweilt Prana dort bewegungslos, dann erreicht Khechari Mudra wirkliche Beständigkeit.
Es gilt, Anila (das Prana, den Lebenshauch, den Wind – Svatmarama gebraucht immer wieder neue Ausdrücke dafür) in Shunya (in die Leere, in die Mitte – Madhya) zwischen Ida und Pingala zu bringen. Diese Mitte (Shunya) wird manchmal auch als Surya (Sonne) bezeichnet, aber eigentlich ist es Shunya, die Leere. Wenn dieses Prana in dieser Sushumna ist, dann stellt sich gewiss Khechari Mudra ein. Khechari Mudra ist also dann, wenn Prana in die Sushumna eintritt.
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Jene Mudra wird also Khechari genannt. Sie wird im Raum zwischen dem Sonnenkanal und dem Chandra-Kanal, also zwischen Sonne- und Mondkanal, ausgeführt. Dieser Raum ist auch als Vijoma Chakra bekannt.
In der Mitte zwischen Sonne und Mond, ohne irgendeine Stütze, dort ist der unendliche Raum, und hier ist Vijoma Chakra. Es gibt die inneren Chakras (wie Muladhara, Swadisthana, Manipura, Anahata, Vishuddha, Ajna und Sahasrara), und dann gibt es auch noch Vijoma Chakra, das Chakra des Himmels. Über Khechari Mudra gehst du mit deinem Geist und deinem Bewusstsein in den Himmel und damit in die Unendlichkeit. Dies gelingt, wenn dein Prana in der Sushumna ist.
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Die Khechari, welche das Soma zum Fließen bringt, wird von Shiva sehr geliebt. Durch das Bewegen der Zunge nach hinten soll die unvergleichliche, erhabene Sushumna verschlossen werden.
Swami V. sagt hier: Die Khechari Mudra, in welcher der Nektarstrom vom Mond herabfließt, wird von Gott Shiva besonders gemocht. Die Sushumna, die an Größe mit nichts vergleichbar ist, ist die beste der Nadis. Sie muss verschlossen werden, indem man die Zunge nach oben und hinten gegen den weichen Gaumen presst.
Soma ist letztlich der geheimnisvolle Trank. Wir finden z. B. in den Veden die Aussage, dass die Devas (Götter, Engelswesen) den Somatrank getrunken haben und so die Unsterblichkeit erreichten. Es heißt auch, dass die Rishis diesen Somatrank getrunken haben. Viele Indologen gehen heute davon aus, dass dies eine Bewusstseins-ändernde Pflanze war, und sie rätseln oft, welche Pflanzen das waren.
Svatmarama sagt hier, dies sei letztlich dieser innere Nektar, so wie Wogen der Glückseligkeit von oben, oder auch wie Gnade, die von oben fließt. Diese kann erreicht werden, wenn der Geist zur Ruhe kommt, z. B. durch Khechari Mudra.
Es wird hier gesagt, sie wird von Shiva valaba (geliebt).
Man könnte es aber auch anders ausdrücken: Wenn du Khechari Mudra richtig machst, dann hast du das Gefühl, dass die Gnade von Shiva – und damit von Gott – in dich und durch dich strömt. Das heißt letztlich: Man fülle diese unvergleichliche, göttliche Sushumna. Wie macht man das? Indem man im hinteren Mundraum die Zunge nach hinten gibt.
Khechari Mudra hat also ein äußeres Ausführen: Du gibst die Zunge nach hinten. Und es hat eine innere Einstellung: Das Bewusstsein nach oben, auf den Himmel richten. Und es hat eine Auswirkung: Du hast das Gefühl, dass von oben Gnade und Segen in dich und durch dich hindurch strömt – das ist dann eben der Soma.
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Wird die Sushumna vorher von außen durch Einstellung des Pranas verschlossen, führt dies zum vollkommenen Khechari Mudra. Durch häufiges Praktizieren dieser Mudra folgt Unmani Avastha von selbst.
Die Übersetzungen sprechen immer von „verschließen“, aber eigentlich steht dort jeweils „man fülle“. Man fülle also die Sushumna mit Prana, aber das Prana geht dann nicht aus der Sushumna in die anderen Nadis hinein. So entsteht Khechari Mudra, und Khechari Mudra führt zu Unmani, zum Zustand jenseits des Geistes.
So wird also in diesen Versen die Khechari Mudra als Konzentrationsform der Hatha Yoga Pradipika beschrieben.
Svatmarama beschreibt ja mehrere Meditationstechniken. Zum einen sagt er: Am Ende von jedem Pranayama mache den Atem sehr ruhig (Kevala Kumbhaka), löse den Geist von allem – so kommst du in höhere Meditation. Dann sagt er auch: Wann immer das Prana von selbst in die Sushumna geht, entsteht eine höhere Bewusstseinsebene des Geistes von selbst, Samadhi kommt von selbst. Weiterhin hat er in den vorangegangenen Versen verschiedene Shambhavi Mudras erläutert, auch solche, die in die Meditation führen. Und jetzt sagt er: Auch Khechari Mudra führt dich in die Meditation.
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Zwischen den Augenbrauen befindet sich der Sitz Shivas, wohin der Geist absorbiert wird. Dies ist bekannt als Turya-Zustand des Bewusstseins. Vom Ausübenden dieser Mudra wird der Tod nicht mehr erfahren.
Du kannst bei der großen Khechari Mudra den Kopf leicht nach hinten geben, die Zunge nach hinten, und dann schaust du durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben. Dabei kannst du dir vorstellen, dass du dort in göttlicher Gegenwart bist, in Shiva. Eventuell siehst du ein Licht – Licht ist ja auch ein Symbol des Shiva Lingams. Djoti Lingam – das Lingam-Symbol von Shiva.
Dann wird der Geist sehr ruhig und ist der Geist sehr ruhig, dann erfährst du Turya, den vierten Bewusstseinszustand (Wachen, Träumen, Tiefschlaf und Turya – Überbewusstsein). Hier gibt es weder Zeit noch Tod.
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Khechari Mudra sollte man so lange praktizieren, bis man in den Yoga-Schlaf (Samadhi) gefallen ist. Derjenige, der in diesen Schlaf gefallen ist, hat keine Angst mehr vor dem Tod.
Im Sanskrit steht dort: Apya sed (Man übe) Khechari (die Khechari Mudra) tava (so lange) nyava (bis) Yoga Nidra prasamprabhda (erreicht ist).
Yoga Nidra wird heutzutage meistens bezeichnet als Tiefenentspannungsübung im Liegen. Es gab einen Yogameister (Swami Satyananda), der verschiedene Meditationstechniken miteinander kombinierte und daraus die Yoga Nidra Übungen gemacht hat.
In der Hatha Yoga Pradipika ist Yoga Nidra ein anderer Name für Samadhi. Der Geist ist innerlich ruhig und damit „Nidra“, so wie im Tiefschlaf. Aber es ist Yoga, eben Vereinigung. Man übt jetzt die Khechari Mudra – also den Kopf nach hinten, die Zunge nach hinten und durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben schauen – so lange, bis der Geist von selbst ruhig wird. Dann kannst du Zunge und Augen und alles vergessen und in dieser tiefen Meditation (oder Samadhi) verweilen. So kommst du zu einem Zustand jenseits von Körper und Geist, und damit verschwindet natürlich auch das Überwinden von Kala (der Zeit) und damit des Todes. Du kommst zu einer Region jenseits von allem Werden und Vergehen.
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Nachdem der Geist freigemacht worden ist, indem er von jedem Objekt der Vorstellung entfernt wurde, sollte man an nichts denken. Dann verbleibt man gewiss wie ein Topf: Innen und außen gefüllt mit Akasha.
Oder in einer anderen Übersetzung:
Befreie den Geist von allen Gedanken. Denke an nichts. Sitze fest und unerschütterlich wie ein Krug im Raum.
Mache Manas Miramlamba (zu einem stütze-losen Zustand), lasse also alles los im Geist, und dann Shintayit (denke) na (nicht) kinshit (an irgendetwas). Dann bist du wie Gatta (wie ein Topf). Es gibt den inneren und den äußeren Raum.
Das soll heißen: Der Körper sitzt weiter da, aber dein Bewusstsein ist wie der Raum. Du weißt: Du bist nicht nur im Körper, sondern auch außerhalb des Körpers. Du bist unendlich und ewig.
Dies wären also diese drei Schritte von Khechari Mudra: Zuerst sitzt du, dann gibst du den Kopf leicht nach hinten, die Zunge nach hinten und schaust zum Punkt zwischen den Augenbrauen.
Zunächst übst du vielleicht auch noch Mula bandha, verbindest Ida und Pingala im Muladhara Chakra. Dann ziehe die Energie durch die Sushumna nach oben. Stelle dir vor, dass Prana nach oben steigt. Dann schaue durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben (Vyoma Chakra), in die Unendlichkeit. Schließlich löse dich sogar davon, entspanne Zunge und Augen, und erfahre dich als unendliches Bewusstsein ohne jegliche Grenze.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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