Mudras und Raja Yoga – Kommentar zu den Versen 126 bis 130 der Hatha Yoga Pradipika, 3. Kapitel

  1. Vers: Svatmarama sagt: „Ohne Raja Yoga gibt es keine Erde, ohne Raja Yoga keine Nacht und ohne Raja Yoga scheinen sogar die vielfältigen Mudras nicht.“

Hier bezieht er sich so ein bisschen auf einen Vers der Upanishaden, wo er auch sagt: „Ohne Brahman strahlen nicht der Mond, nicht die Sonne, nicht die Sterne und auch das Agni usw. nicht. Sondern letztlich hat alles sein Licht von Brahman.“. Hier sagt er auch: „Alle Praktiken, die wir im Hatha Yoga üben, ohne dabei auch Raja Yoga (Kontrolle des Geistes) zu üben, wirkt nichts.“ „Keine Erde“: Mit „Erde“ kann man sagen, ist eine gewisse Festigkeit und letztlich auch Verbindung mit allem auf dieser Erde gemeint. „Ohne Raja Yoga keine Nacht“, Nacht heißt Ruhe des Geistes, Samadhi. Ohne dass du bewusst Raja Yoga übst, kommst du auch nicht in Samadhi hinein. Und ohne Raja Yoga wirken die Mudras nicht. Es ist also wichtig, dass du bei allen Hatha Yoga Techniken konzentriert bist.

  1. Vers: „Alle Verfahren, die den Atem und das Prana betreffen, sollen mit einem auf das Subjekt konzentriertem Geist ausgeführt werden. Der Weise sollte seinen Geist nicht erlauben, während der spirituelles Praxis zu wandern.“

Hier sagt er: „Wann immer du Hatha Yoga übst, sei konzentriert.“ Ich kann mich erinnern, ich habe öfters Swami V. technische Sachen gefragt. Ich wollte wissen, wie setzt man die Zunge hin, wie geht Vajroli Mudra, wie geht Shakti Chalini, wie macht man Nauli genau und vieles andere. Manchmal sagte er es mir. Wenn ich aber viel zu technisch war, hat er immer gesagt: „Don’t worry about details. Concentration is more important.“ Mache dir nicht so viele Gedanken über die Details. Es ist die Konzentration, die besonders wichtig ist. Also, konzentrieren soll man sich. Wann immer du Pranayama, Asanas, Mudras übst, versuche es so konzentriert wie möglich zu machen. Patanjali sagt ja auch: „Konzentriere dich so, wie es dir liegt.“ Wir haben bei Yoga Vidya ja auch viele Techniken, wie man sich konzentrieren kann. Du kannst dich auf den Atem konzentrieren. Du kannst dich auf das konzentrieren, was du fühlst und spürst. Wiederhole ein Mantra und mache eine Visualisierung. Du kannst Bewusstseinswanderungen machen. Letztlich sind die Beschreibungen, die Svatmarama für die Wirkungen der Stellungen gibt, auch Konzentrationstechniken. Wenn er sagt, da ist die schlafende Witwe unten im Muladhara Chakra oder über dem Kanda Punkt, dann kannst du dir auch eine Knolle vorstellen. Da kannst du dir Flüsse oder eine Yogini, die dort meditiert, vorstellen. Oder wenn er von der aufgerollten Schlange spricht, kannst du sie dir auch vorstellen. Oder arbeite einfach mit Mantra, Lichtvisualisierung, Yantra usw. Aber sei konzentriert.

  1. Vers: „So wurden die zehn Mudras von Adinath (Shiva) beschrieben. Jemand, der Selbstzucht besitzt, kann durch irgendeines von ihnen große Vollkommenheit erreichen.“

Zehn Mudras wurden beschreiben. Im nächsten Kapitel wird insbesondere noch Shambhavi Mudra beschrieben. Aber zehn Mudras beschreibt er. Diese zehn Mudras verleihen Siddhi (Vollkommenheit, außergewöhnliche Kräfte und Fähigkeiten). Diese wurden von Adinatha (Shiva) weitergegeben. Und damit auch von śambhunā, also von Shambhu. Wobei Shambu auch Wohlwollen heißt. Das ganz ist Wohlwollen. So sollten wir diese mit Ehrerbietung behandeln. Wann immer wir Yoga praktizieren. Letztlich heißt es, sie sind uns von Gott offenbart worden. Das soll heißen, wir wollen mit Demut und Ehrerbietung praktizieren. Wir sollten Respekt vor diesen Praktiken haben. Diese Techniken sollten wir mit Selbstzucht praktizieren. Wir sollten selbst daran arbeiten, dass wir unseren Geist beherrschen, tugendhaft sind, unsere Ernährung beherrschen und so weiter.

  1. Vers: „Derjenige, welcher das Geheimnis, wie sie von Guru (Lehrer) zu Guru weitergegeben wurde, lehrt, ist der wahre Guru. Er kann Ishvara in menschlicher Gestalt genannt werden.“

Wenn du fortgeschrittene Hatha Yoga Techniken lernst, ist zunächst einmal wichtig, dass du prüfst. Derjenige, der sie dich lehrt, hat er eine gute Anweisung bekommen? Von wem hat er sie gelernt? Alles, was man sich selbst beibringt, ist schwierig. Du kannst zwar mit unseren, ich habe ja einen 5-wöchigen Pranayama Kurs ins Internet gestellt. Damit kannst du einiges üben. Aber es reicht nicht aus, um es weiterzugeben. Für dich selbst kannst du üben. Aber, um es weiterzugeben, musst du dafür autorisiert sein. Du brauchst dafür eine spirituelle Kraft, um es weiterzugeben. Das Geheimnis der Mudras ist nicht nur Technik, sondern da fließt auch spirituelle Kraft mit. Wenn du praktizierst, dann öffne dich auch für die spirituelle Kraft, die in dich hineinfließt. Wenn du einen Lehrer hast, der dich das gut lehrt, selbst praktiziert, es selbst gelernt hat, dann habe Respekt für ihn. So kann die Energie zu dir weitergehen.

  1. Vers: „Derjenige, der sorgfältig den Worten des Gurus folgt und die Mudras aufmerksam übt, erlangt Siddhi (die Vollkommenheit), verschiedene außergewöhnliche Fähigkeiten und auch die Kunst, über die Zeit hinauszuwachsen.“

Erst hat er den Guru gelobt, aber hier lobt er den Schüler. Der Guru ist Gott selbst, aber wer intensiv praktiziert, wird auch die Vollkommenheit erlangen. So schließt das dritte Kapitel der Hatha Yoga Pradipika zum Thema Mudras.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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