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Ich lese etwas aus der Bhagavad Gita, 15. Kapitel, 3. Vers. Krishna, der Lehrer, spricht zu Arjuna: "Die Gestalt dieses Ashvatama-Baumes kann hier nicht als solche wahrgenommen werden, nicht sein Ende und sein Anfang und auch nicht seine Grundlage und sein Sitz. Nachdem dieser verwurzelte Feigenbaum mit der Axt der Verhaftungslosigkeit gefällt worden ist, muss dieses Ziel angestrebt werden, von dem niemand zurückkommt, wo er hingelangt ist. Ich suche Zuflucht zu dem Ur-Purusha, der Ur-Seele, von dem die Aktivität, die Energie kam, die kein Anfang und kein Ende hat."
Gestern hatte ich ja die beiden vorigen Verse gelesen. Dort hat Krishna das schöne Beispiel gebraucht: Die Welt ist wie ein Baum. So wie die Blätter eines Baumes zwar einzeln erscheinen, aber als Teil des Baumes alle miteinander verbunden sind, so sind auch wir Teil der Gesamtschöpfung, und in dieser sind wir alle verbunden. So wie jedes Blatt über den Stiel mit dem Stamm verbunden ist, so sind auch wir auf zahllose Weise verbunden mit Mutter Erde, mit der Natur. Wir atmen, wir essen, wir trinken, wir stehen in Austausch mit anderen Menschen, wir sind also in ständigem Austausch, so wie ein Blatt in Austausch steht mit dem Stamm, und wir gehören alle zur gleichen Schöpfung. Und dies ist zum einen eine schöne Analogie für den Alltag, für das tägliche Leben, sich immer wieder bewusst zu machen: Wir sind Teil der gleichen Schöpfung. Wir sind, kann man sagen, Brüder und Schwestern, weil wir alle Kinder der Natur sind, Kinder Gottes, wie auch immer wir das ausdrücken wollen. Und wir sind doch in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich in unseren Bedürfnissen, in der Art und Weise, wie wir reagieren usw.
Nachdem Krishna uns dieses wunderschöne Bild vor Augen geführt hat, sagt er, wir sollen es dann mit der Axt der Unterscheidung fällen. Das klingt nicht sehr freundlich. Aber er sagt eben, dass es der erste Schritt ist, uns einfach mit der Schöpfung verbunden zu fühlen, doch dann sollten wir auch nicht daran hängenbleiben. Das ist zwar auch ein Schritt, und zwar ein wichtiger, weshalb Krishna ihn ja auch so wunderschön beschreibt, so dass einem das Herz aufgeht, und dass plötzlich das Fällen mit der Axt wie ein kleiner innerer Schock ist, wenn man vorher über die beiden anderen Verse meditiert hat. Aber nachdem wir die Verbundenheit mit allem erfahren haben, uns das im Alltag immer wieder bewusst machen und so unser Herz in dieser Art von Liebe öffnen, ist es ein weiterer wichtiger Schritt, dass wir verstehen, dass dies alles nur relativ ist. Wir wollen zu dem kommen, was jenseits aller manifesten Schöpfung ist, und das ist der Ur-Purusha, Brahman, die Wohnstatt der höchsten Seele. Wir wollen erkennen, dass selbst diese Natur, die so schön ist und von der wir auf einer Ebene Teil sind – dass wir das nicht wirklich sind. Wir sind reines Bewusstsein, Bewusstsein jenseits von allem in dieser Welt, und dort gilt es, hinzukommen. Krishna sagt, dass wir von dort nicht mehr zurückkommen, wenn wir einmal hingelangt sind. Das dürfen wir nicht so verstehen, dass wir anschließend nicht mehr in die Welt hineinkommen, das schon. Also, wenn wir unser höchstes Selbst erfahren haben, dann kommen wir anschließend auch wieder in die Welt hinein. Aber wir kommen nicht so zurück, dass wir nachher genauso leidbehaftet sind und genauso egoistisch und identifiziert sind wie vorher. Wenn wir einmal dort hingekommen sind, sind wir aufgewacht. Von da an sind wir dauerhaft glücklich. Von da an wissen wir, wer wir wirklich sind. Wir werden natürlich weiter in der Welt normal handeln können (das ist dann das Konzept des Jivanmukta), aber wir wissen: „Ich bin eins mit dem Unendlichen.“ Und Krishna sagt dann auch, dass es gilt, dieses Ziel anzustreben. Und wir dürfen uns nicht von den verschiedenen anderen schönen Zwischenzielen, die es im Yoga ja auch gibt, dazu führen lassen, dass wir nicht weiterstreben. Eben solche Zwischenziele wie Harmonie zu finden mit seinem Körper, seinen inneren Bedürfnissen, ein harmonisches Leben mit anderen führen … das sind Zwischenziele, die wir im Yoga ja auch anstreben. Die Erfahrung, dass wir alle miteinander verbunden sind, ist auch ein wichtiges Zwischenziel. Das höchste Ziel, und das sollten wir nicht von den Augen verlieren, ist, die höchste Seele zu erreichen. Und so ist das wie ein Ausdruck, wie ein Gebet, das wir öfters wiederholen können: „Ich suche Zuflucht bei dem Ur-Purusha, beim höchsten unendlichen Bewusstsein, von dem die Energie kam, die keinen Anfang und kein Ende hat.“ Wir wollen zum Ursprünglichen, zum Absoluten, zum Höchsten kommen.

Hari Om Tat Sat
Transkription eines Kurzvortrages von Sukadev Bretz im Anschluss an die Meditation im Satsang im Haus Yoga Vidya Bad Meinberg. Mehr Yoga Vorträge als mp3.

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Tags: Inspiration, Lesung, Schrift, Spiritualität, Sukadev, Tägliche, Vidya, Yoga, indische

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