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Meisterinnen. Erleuchtete Frauen. Teil 2: Rabiya al-Adawwiya



Rabiya al-Adawwiya

Mit diesem Bericht begeben wir uns weit zurück in die Geschichte, ins frühe 8. Jahrhundert unsrer Zeitrechnung. Und wir reisen in eine Stadt am Persischen Golf, nach Basra, die zu jener Zeit eine bedeutende Handelsstadt war, der Name bedeutet ‚Die alles Sehende‘ oder ‚Wo sich viele Wege treffen‘. Andrerseits war Basra auch ein frühes Zentrum des Sufismus, der mystischen Ausrichtung des Islam war. Von hier stammte zum Beispiel Hasan al-Basri, ein einflussreicher Sufimeister, der später hauptsächlich in Bagdad lehrte und bis heute seinen hohen Bekanntheitsgrad behalten hat. Basra liegt in einer der klimatisch heißesten Gegenden dieser Erde. Wie jedes Klima den Menschen in seinem Äußeren beeinflusst, so hat es auch eine maßgebliche Wirkung auf seine Gefühlswelt, auf sein Gemüt, auf sein Empfinden und Denken und entsprechend auf sein Handeln. Es herrschte eine sehr geschäftige Atmosphäre, und ebenso kam die neue Religion Mohameds, des Propheten, die hier grade erst mal fußgefasst hatte, noch mit der ganzen Dynamik allen Anfangs zum Ausdruck.

Dennoch waren auch hier die Menschen, wie sie überall und zu allen Zeiten sind und waren. Es gab etliche tief Gläubige, die ein bescheidenes und demütiges Leben führten, die hilfsbereit und mitfühlend ihren Mitmenschen gegenüber waren und die Gott in ihr Herz gepflanzt und auch in die Mitte ihres ganz alltäglichen Lebens gestellt hatten. Es gab die leidenschaftlich eifernden Religiösen. Aber natürlich gab es weitaus mehr, die sich zwar nach außen hin als fromm und gottesfürchtig darstellten, aber im Herzen eher noch roh wie ungeschliffene Diamanten waren, die statt das göttliche Licht zu reflektieren, eher dem Schein dieser Welt anhingen, in ihre Geschäfte und Geschäftigkeit verstrickt waren, genauso wie in ihre zügellosen Gedanken und Gefühle.

In dieser Stadt wurde Rabiya al-Adawwiya geboren. Rabiya bedeutet ‚vierte‘, sie war die vierte Tochter ihrer Eltern, die zwar äußerst arme aber fromme Leute waren. Sie waren so arm, dass sie bei Rabiyas Geburt kein Öl für die Lampe hatten und noch nicht einmal ein Tuch, um sie zu wickeln. So bat die Mutter ihren Mann, beides auf Gottvertrauen bei den Nachbarn auszuleihen. Rabias Vater hatte aber geschworen, nie in seinem Leben jemanden um etwas zu bitten, alleine nur Gott. Deshalb betete er in der Nacht aufs innigste zu Allah und flehte ihn um Hilfe an. Und plötzlich im Gebet erschien ihm der Prophet Mohamed. Der Prophet offenbarte ihm: „Deine neugeborene Tochter ist ein Liebling Gottes und wird einmal viele Muslime auf den rechten Weg bringen.“ Und dann forderte der Prophet Rabiyas Vater auf, gleich am nächsten Morgen mit dieser Botschaft zum Emir von Basra zu gehen und ihn um Unterstützung zu bitten. Der Emir war als ein äußerst frommer und Allah und dem Propheten ergebener Mann bekannt. Er war freudig überrascht über diese Botschaft und gab dem Vater so viel Geld, dass die Familie fürs Erste versorgt war.

Aber die Zeiten änderten sich. Kaum war Rabiya herangewachsen, starb der Vater. Sie verließ darauf die Familie, um ihr nicht zur Last zu fallen und zog durchs Land, immer auf der Suche nach Arbeit. Eines Tages wurde sie von Räubern gefangen genommen und als Sklavin verkauft. Nun begann ein hartes Leben. Rabiya, die schon seit ihrer Kindheit eine innige Verbindung zu Gott in sich spürte, verlor nicht den Mut. Tagsüber arbeitete sie hart, dennoch verbrachte sie jede Nacht etliche Stunden im Gebet. Oft war sie so vertieft, dass sie laut sang und mit Gott sprach. Ihr Besitzer, der eines Nachts aufgestanden war, hörte wie Rabiya zu Allah rief: „Du weißt, wie sehr ich dich liebe und dass ich gerne Tag und Nacht nur zu dir beten und für dich singen möchte, aber ich muss am Tag arbeiten, was soll ich machen.“ Diese Worte Rabiyas und ihre inbrünstigen Gläubigkeit trafen ihn so tief in seinem Herzen, dass er es für Gotteslästerung hielt, weiterhin ihr Herr zu sein, denn sie hatte Allah, wie konnte er dazwischen stehen! Und am Morgen sprach er sie an und sagte, er sei ab heute ihr Diener und sie könne als seine Herrin im Haus leben, wenn sie aber lieber gehen wolle, könne sie frei gehen.

Rabiya dankte ihm und sagte, dass sie gehen wolle und ab jetzt nur noch Gott dienen möchte und zog darauf in die Wüste, wo sie mehrere Jahre das Leben einer Eisiedlerin führte. Sie betete stets aus reiner Liebe zu Gott, sie war tief in Liebe versunken, wenn sie mit ihm sprach, wenn die Lieder aus ihrem Herzen strömten. Sie wusste sich ständig mit ihm vereint. Und so war sie im Sufismus die Erste, die erkannte, dass wir um unsrer selbst willen von Gott angenommen und geliebt werden, dass es keine trennende Sünde gibt, dass Reue und Umkehr bereits ein Geschenk Gottes an uns ist. Das wurde auch später ihre Lehre. Zwar lehrte sie, dass Sünden nicht ohne Folgen blieben, aber dass man sich nie aus Angst Gott zuwenden solle, sondern nur in Liebe. Mit dieser verständnisvollen und herzlichen Art wurde zur bekanntesten und beliebtesten Mystikerin im Sufismus.

Eines ihrer Gebete lautete: "O Gott, wenn ich dich verehre aus Furcht vor der Hölle, brenne ich schon in der Hölle! Und wenn ich zu dir bete in Hoffnung auf das Paradies, schließe ich mich selbst aus dem Paradies aus. Aber wenn ich dich aus reiner, tiefer Liebe verehre, bin ich in deiner ewigen Schönheit:“

Sie hat so viele Lieder gesungen, sie hat sie nicht selbst aufgeschrieben, aber ihre Schüler taten dies. Hier ist eins davon:

„O meine Freude und meine Sehnsucht und meine Zuflucht,
Mein Freund und mein Erhalter und mein Ziel,
Du bist mein Vertrauter, und die Sehnsucht nach Dir erhält mich;
Wäre es nicht um Deinetwillen, o mein Leben und mein Freund,
Warum sonst hätte ich mich von den Weiten der Erde abgewandt;
Wie viele Wohltaten hast Du mir geschenkt,
Gaben und Gnade und Hilfe,
Deine Liebe ist nun meine Sehnsucht und meine Seligkeit
Und wurde den Augen meines Herzens, die durstig waren, enthüllt.
Ich habe niemanden außer Dir, der Du die Wüste erblühen lässt,
Du bist meine Wonne, fest begründet in mir;
Wenn Du mit mir zufrieden bist, dann,
O Sehnsucht meines Herzens, ist mir das Glück erschienen.“


Es gibt auch zahlreiche Geschichten über Rabiya, eine davon möchte ich hier am Ende anhängen. Sie zeigt ihr ganzes Wesen, ihre innere Freiheit, ihre Klarheit, ihre Liebe, ihr Selbstverständnis durch ihr Einssein mit Gott.


Hassan, ein anderer großer Mystiker, weilte einmal bei Rabiya. Hassan fragte sie: Kann ich mir dein Exemplar des heiligen Koran ausleihen? Ich habe meines nicht mitgebracht, weil ich dachte, ich könnte für mein Morgengebet deines verwenden.“ Rabia sagte: „Hier bitte, hier ist mein Exemplar.“ Und als Hassan es öffnete, war er sehr erstaunt. Rabiya hatte eine ganze Zeile durchgestrichen! Hassan konnte sich nicht vorstellen, wie Rabiya das tun konnte.

Er sagte zu Rabiya: „Jemand hat deinen Koran entweiht. Er hat seine Heiligkeit verloren.“ Rabiya sagte: „Meinen Koran darf keiner anrühren; er ist nicht entweiht. Ich habe ihn erst richtig geheiligt. Sieh dir doch die Zeile an, die ich durchgestrichen habe!“ – Die Zeile lautete: “Wenn du den Teufel zu Gesicht bekommst, hasse ihn.“

Hassan fragte: „Aber was ist falsch daran? Müssen wir nicht Gott lieben und den Teufel hassen?“ Rabiya antwortete: „Du bist immer noch bloß ein Intellektueller! LIEBE und HASS gehören nicht zu deiner existenziellen Erfahrung. Ich kenne die Liebe und mein Herz ist voll Liebe. Wenn heute der Teufel vor mich hintritt, kann ich ihn nicht hassen. Woher sollte ich den Hass nehmen? Ich kann ihn nur lieben; etwas anderes habe ich nicht zu geben. Es ist mir unmöglich, ihn zu hassen. Dieser Satz im Koran widerspricht meiner existenziellen Erfahrung.“

~ Bhajan Noam ~


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Tags: Allah, Bhajan_Noam, Erleuchtete, Gebet, Gläubigkeit, Gott, Hingabe, Liebe, Meisterinnen, Rabiya, Mehr...Religion, beten, singen

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