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Erlebe Yoga mit deinen drei primären Sinnen – eine kontemplative Übungsweise

© 2016 Text: Bhajan Noam - Die grundlegenden sensorischen Sinne sind der Taktilsinn, der Gleichgewichtssinn und der Kinästhesiesinn. Sinn kommt von dem lateinischen "sensus" = Wahrnehmung, Empfindung, Bewusstsein, Gefühl. Man nennt diese drei Sinne auch die primären Sinne, weil sie als erste bereits im embryonalen Stadium ausgebildet werden.

 

Der taktile Sinn ist unser Tast- und Berührungssinn. Die Haut erlebt bereits im Mutterleib eine konstante warme Berührung. So ist es wichtig für die Entwicklung des Kindes, dass es auch nach der Geburt regelmäßig Berührungen erlebt und wahrnimmt, z.B. durch streicheln, massieren und liebkosen. Kinder, denen dieser Kontakt fehlt, verwahrlosen gefühlsmäßig und können sich körperlich, seelisch wie geistig nicht gesund entwickeln.

 

Durch die Haut nehmen wir von Kind auf an die Umwelt wahr, fühlen und ertasten Gegenstände und Material. Wir spüren, ob etwas nass oder trocken, glatt oder rau ist, sowie den Unterschied zwischen warm und kalt. Mit der Zeit lernen wir immer feinere Wahrnehmungen einzuordnen. Unsere Haut bildet einerseits eine Grenze, einen Schutz zwischen den inneren Organen und der Außenwelt, andrerseits ist sie in besonderer Weise reflektorisch verbunden mit den Organen und stimuliert sie.

 

Äußere Reize erzeugen immer auch innere Reize. Ein Druck, ein Dehnen, eine Temperaturveränderung im Hautbereich hat eine Auswirkung auf das innere Geschehen im Körper. Was wir spüren erzeugt eine Resonanz in unserer Gefühlswelt.

 

Achte beim Yoga besonders in den Ruhephasen zwischen zwei Übungen auf die feinen inneren Nachwirkungen der äußeren Stimulierungen und Impulse.

 

 

Der vestibuläre Sinn, unser Gleichgewichtssinn, sorgt dafür, dass es uns überhaupt möglich ist, gerade zu stehen, zu gehen, ohne zu stolpern oder hinzufallen, uns zu orientieren und in jeder Situation zu wissen, wie wir unsere Haltung je nach Situation ausgleichen und anpassen müssen. Im Innenohr befindet sich dafür ein kleines, schneckenhausähnliches Gebilde, das mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, die bei Bewegung an sensiblen Härchen vorbeifließt. Hierbei wird beständig unsere Stellung im Raum gemessen und im Normalfall automatisch ausgeglichen.

 

Kinder schaukeln, rollen, und bewegen sich oft, dass der Kopf nach unten hängt. Dieser Sinn wird als erstes beim Kind entwickelt. Wenn die Mutter aus irgendeinem Grund während der Schwangerschaft häufig liegen muss, wird der Gleichgewichtssinn wenig trainiert. Eine Mutter hingegen, die aktiv ist und sich viel bewegt, gibt ihrem Kind ein unbewusstes Training des vestibulären Sinnes.

 

Der Gleichgewichtssinn steht in direkter Abhängigkeit zu unserem Energiesystem und ebenso zu unserem Körperbewusstsein. Zu unserem Energiesystem in dem Sinn, das es auf sein natürliches Zentrum im Nabelbereich ausgerichtet ist. In Japan und in den östlichen Kampfkunstarten wird dieses Zentrum Hara genannt. Haben wir hier unseren energetischen Schwerpunkt gefunden, sind wir sowohl körperlich, wie auch seelisch/geistig nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Bei den meisten Menschen hat sich der energetische Schwerpunkt aber zu Kopf hin verlagert. Die Ursache liegt darin, dass wir schon früh fast ausschließlich zu Denkleistungen hin trainiert werden und kein wirkliches Empfinden des Körpers entwickeln können. Die Folge davon ist, dass wir alles andere als im Gleichgewicht befinden und enorme Muskelanstrengungen aufbringen müssen, um das wieder auszugleichen. Dieser ungesunde Zustand ist die Hauptursache für alle Anspannungen und deren Folgen für Gelenke und letztlich auch alle inneren Organe.

 

Im Yoga gibt es schöne Übungen die uns helfen, unseren Gleichgewichtssinn besser auszubilden. An erster Stelle sei hier natürlich der Baum (Vrikshasana) genannt, der Tänzer (Nataraj), der Krieger (Virabhadrasana), Diagonaldehnen im Vierfüßlerstand; für Fortgeschrittene Kopfstand (Shirshasana) und Handstand (Vrikshasana) in den verschiedensten Spielarten, Krähe (Kakasana) und Pfau (Mayurasana).

 

 

Der kinästhetische Sinn bedeutet die Wahrnehmung des eigenen Körpers über die Muskeln und Gelenke und deren Bewegungen, es ist die Fähigkeit der unbewussten und bewussten Steuerung von Körperbewegungen, wie entspannen und anspannen, beugen und strecken, sich bewusst sein, in welcher Stellung sich die verschiedenen Körperteile gerade befinden. Damit Bewegungen harmonisch ablaufen, müssen die Muskeln, Gelenke und Sehnen präzise arbeiten, müssen wir aber auch ein ausgeprägtes Körperbewusstsein entwickeln.

 

Kinder mit unterentwickeltem Kinästhesiesinn fallen häufig oder stoßen gegen Tischkanten und Türrahmen. Sie sitzen schief auf dem Stuhl, sie stellen die Tasse verkehrt auf den Tisch. Sich selbst anziehen bereitet ihnen Schwierigkeiten, oft sind der rechte und der linke Schuh vertauscht.

 

Problemen mit dem Kinästhesiesinn hängen oft damit zusammen, dass der taktile und der vestibuläre Sinn ungenügend ausgeprägt sind. Ein Kind muss lernen, wo sich Arme, Beine und andere Körperteile befinden und wo der Körper aufhört. Bewegungen müssen koordiniert werden, damit sie sinnvoll ausgeführt werden können. Dazu gehören besonders auch räumliche Auffassung und Tiefenwahrnehmung.

 

Übe alle Asanas sehr bewusst. Spüre dich dabei stets aus deiner Mitte heraus. Verbinde alle Bewegungen der Extremitäten mit deiner Mitte und verbinde sie ganz besonders mit deinem Atem. Lerne zu fühlen, wie der Atem und der Pranastrom deinen Bewegungen folgen und sie unterstützen. Lasse den Nabel Mittelpunkt aller Aktivitäten sein. Sorge für eine immer bewusster werdende Wahrnehmung deiner Wirbelsäule, die zentrale Körperachse. Der Drehsitz (Ardha Matsyendrasana) kann dabei sehr hilfreich sein. Die Katze (Majariasana), das Diagonaldehnen im Vierfüßlerstand aber auch die Wechselatmung (Anuloma Viloma) sind gute Anregungen.

 

Balance ist die Summe dieser drei primären Sinne. Damit eine gute Balance ausgebildet werden kann, muss von früh an die Möglichkeit gegeben sein, diese drei Sinne zu stimulieren. Einiges lässt sich gewiss auch später nachholen, um letztlich in eine bewusst empfundene Harmonie zwischen Körper, Seele und Geist zu wachsen.

Ein regelmäßiges und achtsames Praktizieren von Yoga und Pranayama füllt allmählich die fehlenden Lücken und hilft dabei, im Gehirn neue Synapsen, neuronale Verknüpfungen, zu erzeugen. Die Wissenschaft nennt dies kortikale oder synaptische Plastizität. D.h. nichts anders als: Je vielfältiger wir uns Bewegen (körperlich und geistig), werden entsprechend im Gehirn aktive Lernprozesse gefördert, die wiederum mit unserem Körper rückgekoppelt sind.

 

Ich hoffe, dass dieser Text eine weitere kleine Anregung ist, noch wacher, bewusster und regelmäßiger Yoga zu praktizieren und sich immer mehr der Kostbarkeit des Yogaweges gewahr zu werden. So kann Yoga allmählich zu einer tief empfundenen Freude werden.

 

- Bhajan Noam -

 

 Seiten des Lebens: www.bhajan-noam.com

 

 

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Tags: Asanas, Bewusstsein, Bhajan_Noam, Freude, Pranayama, Sinne, Yoga

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