Prakriti und Purusha – die Natur und das Bewusstsein. Kommentar zur Bhagavad Gita 13. Kapitel ab Vers 19. Was ist Purusha – das Bewusstsein, die Weltenseele. Was ist Prakriti? Die Natur! Wie kann man zwischen beidem unterscheiden? Und wie hängen Prakriti Purusha mit Brahman, Atman und Jagat – der Welt zusammen? Das sind die Themen in diesen Versen.
Vers 19-22:
prakṛtiṃpuruṣaṃcaiva
viddhyanādiubhāvapi
vikārāṃścaguṇāṃścaiva
viddhiprakṛtisaṃbhavān
kāryakāraṇakartṛtve
hetuḥprakṛtirucyate
puruṣaḥsukhaduḥkhānāṃ
bhoktṛtveheturucyate
puruṣaḥprakṛtistho hi
bhuṅkteprakṛtijānguṇān
kāraṇaṃguṇasaṅgo ’sya
sadasadyonijanmasu
upadraṣṭānumantāca
bhartābhoktāmaheśvaraḥ
paramātmeticāpyukto
dehe ’sminpuruṣaḥparaḥ
Kapitel 13 Vers 19: Krishna sprach: „Wisse, dass sowohl diese Natur (Prakriti) als auch das Bewusstsein (Purusha) ohne Anfang sind. Und wisse auch, dass alle Erscheinungsformen und Eigenschaften aus der Natur entstehen.“
Krishna verbindet im 13. Kapitel der Bhagavad Gita Sankia und Vedanta. Vedanta ist das monistische System, also die Philosophie der absoluten Einheit, Vedanta sagt es gibt nur Brahman. Brahma Satyam. Brahman allein existiert. Jagan – die Welt ist Mithya, sie ist unwirklich. Es gibt keine von Brahman getrennte Welt. Auch das Individuum ist Brahman. Vom Vedanta wechselt Krishna hier in die Sankhya Überlegungen. Krishna hatte vorher von Vedanta aus gesprochen, er sprach über Brahman. So sehen wir es im ganzheitlichen Yoga, ohne uns über Spitzfindigkeiten in der Philosophie zu streiten. Dafür gibt es Pandits, die lange Diskussionen führen. Ist Prakriti und Purusha eins oder doch separat? Ist Ishvara der Schöpfergott vielleicht doch etwas Separates? Gibt es doch viele ewige Individuen oder gibt es nur ein Individuum? Werden die Seelen zum Ende, wenn sie Moksha erreicht haben vollständig verschmelzen mit dem Absoluten, oder werden sie die reine Befreiung erreichen und existieren in einem reinen Zustand der Wonne ohne wirklich zu verschmelzen? Darüber kann man sich umfangreich streiten. Das Interessante ist, die Bhagavad Gita wird von späteren Meistern (Acharyas) für unterschiedliche Gesichtspunkte zitiert.
Shankaracharya spricht von der vollkommenen Einheit. Amanusha dagegen hat einen anderen Standpunkt. Und Nimbarka wieder einen anderen. Und so gibt es diese unterschiedlichen Standpunkte. Krishna nimmt faszinierenderweise einen ganz pragmatischen Standpunkt ein. Er vermischt letztlich Bhakti Yoga und Jnana Yoga. Und im Jnana Yoga vermischt er ganz bewusst die zwei Grundströmungen Vedanta und Sankia. Im Wesentlichen geht es ja darum: Höre auf Dich als Individuum zu identifizieren. Erkenne – hinter allem ist das Göttliche und erfahre Dich als eins mit der Weltenseele. Und so sagt Krishna hier: Die Natur – Prakriti – ist ohne Anfang. Wenn man sich fragt: Wann ist das Universum entstanden? sagt Krishna: „Es ist ohne Anfang. Vorher gab es das Unmanifeste (Avyakta), dieses hat nachher die Welt wieder hervorgebracht. Danach geht die Welt wieder zurück in Avyakta.“ Dann kommt aus dem Avyakta die nächste Welt und so gibt es eine Welt nach der anderen, die immer geschaffen und aufgelöst wird. Ein ständiges Kommen und Gehen. Daher – die Prakriti ist ohne Anfang. Und natürlich – Purusha, das Bewusstsein, ist auch ohne Anfang. Es gab immer schon Bewusstsein, es wird immer Bewusstsein geben. Ohne Anfang und ohne Ende. Purusha und Prakriti sind ja zwei Verschiedene. Im Vedanta würde man sagen: Die Prakriti existiert nur scheinbar. Sie ist wie ein Traum, sie ist auch nur eine Modifikation von Purusha, von Brahman. Damit werden beide nochmals zusammengeführt. Sankya würde sagen: Es gibt eine von Purusha getrennte Natur und gleichzeitig wirkt die Prakriti für Purusha. Ohne Purusha gibt es auch keine Prakriti. Die Prakriti hat die Funktion, dass Purusha, die Kräfte der Natur erfährt. Man könnte sagen: Purusha geht in diese Welt hinein - Du inkarnierst in diese Welt und diese Welt ist letztlich für die da, die sich darin manifestieren.
Ähnlich wie es heutzutage Second Life gibt oder Computerspiele mit künstlichen Welten, in denen Du z. B. zu einer Art Avatar wirst. Die künstlichen und virtuellen Welten können helfen zu verstehen, denn in virtuellen Welten gibt es ursprünglich einen Programmierer, der alles ermöglicht. Alles besteht aus Bits und Bytes, die Einzelnen können etwas machen und letztlich ist es doch reine Illusion. Es gibt nur einen kleinen Unterschied: In den virtuellen Welten gibt es verschiedene Individuen, die sich daran beteiligen, dass es ein Ganzes wird. In dieser Gesamtwelt gibt es aber nur ein Purusha und einen Brahman. Und dieser eine Purusha und Brahman schafft dann erstmal die virtuelle Welt und in dieser virtuellen Welt identifiziert sich dann Brahman mit Einzelkörpern und einzelnen Psychen und so scheint es so, als ob Brahman in dieser virtuellen Welt alles Mögliche macht. Und so könnte man sagen: Brahman ist zum einen der Programmierer, der dafür sorgt, dass das Ganze funktioniert, zum anderen lässt Brahman auch das ganze Universum weiter ablaufen. Damit spiegelt er sich in den einzelnen Individuen, diese jedoch haben auch alle einen Einfluss auf die Welt. Wenn das Ganze nicht so geht, wie er es gerne hätte, manifestiert sich Brahman als Avatar, als Inkarnation Gottes und sorgt dafür, dass es doch irgendwie gut weitergeht. Und so ist Prakriti scheinbar ohne Anfang, wird aber dann aufhören, wenn du aufwachst. Prakriti hört auf, wenn du aufhörst in dieser Prakriti sein zu wollen, dich aus ihr raus ziehst und Brahman verwirklichst. Alle Erscheinungsformen und Eigenschaften die es gibt gehören alle zu Prakriti. Es heißt nicht „du bist der Körper, du bist die Psyche.“ Du bist nicht derjenige, der introvertiert oder extrovertiert ist, der Vata, Pitta oder Kapha ist, sondern du bist Brahman, du bist Purusha. Du hast einen Körper, du hast eine Psyche. Es gilt zu erkennen, daß Körper und Psyche Teil der Prakriti sind.
Kapitel 13 Vers 20: Krishna sprach: „Im Hervorbringen von Wirkung und Ursache gilt die Natur (Prakriti) als die Ursache; beim Erfahren von Freude und Schmerz gilt das Bewusstsein (Purusha) als die Ursache“
Beim Hervorbringen ist die Natur, Prakriti, da. In der Prakriti entsteht alles, was dort zu tun ist. Innerhalb von Prakriti gibt es eine Ursache. Eine Wirkung davon ist wieder eine Ursache und daraus entsteht wieder eine neue Wirkung. Innerhalb der Prakriti gibt es zum Beispiel irgendetwas im Rücken oder in der Hüfte oder im Knie. Das sind die Ursachen, die Prakriti. Dass du dadurch Schmerz erfährst, dazu braucht es das Bewusstsein. Ohne Bewusstsein gibt es keinen Schmerz. Angenommen, du bist im Tiefschlaf, dann ist weiterhin dein Rücken, deine Hüfte oder dein Knie da. Aber wenn Bewusstsein nicht da ist, dann erfährst Du auch keinen Schmerz. Um Vergnügen und Schmerz zu erfahren braucht es das Bewusstsein. Wenn Du somit Dein Bewusstsein aus der Prakriti herausnimmst, bist du auch nicht mehr begrenzt durch Vergnügen und Schmerz.
Kapitel 13 Vers 21: Krishna sprach: „Da sich die Seele (Purusha) innerhalb der Natur befindet, erfährt sie die aus der Natur stammenden Eigenschaften; Verhaftung an die Eigenschaften ist die Ursache für die Geburt in für die Verwirklichung geeignetere und weniger geeignete Mutterschöße“
Purusha ist jetzt da, aber Purusha manifestiert sich dann in der Prakriti. Und wenn sich Purusha mit zum Beispiel einem Körper/Psyche Komplex identifiziert, dann entsteht dort Verhaftung. Dann gibt es den unendlichen Purusha, die unendliche Weltenseele. Prakriti schafft diese ganze Welt. Innerhalb dieser Prakriti gibt es kleinere Teile, in denen sich Purusha spiegelt und sich dann damit identifiziert. Wenn du zum Beispiel auf deinen Körper zeigst und sagst: Das bin ich, ich bin 46 Jahre alt und ich bin Franzose. Bist du hier wo du hinzeigst? Nein, da ist der Körper. Bist du 46 Jahre alt? Nein, der Körper. Bist du Franzose? Nein, der Körper ist in Frankreich geboren und hat deshalb die französische Staatsangehörigkeit. Und wenn du dann sagst: Ich bin Pitta Temperament, feurig und enthusiastisch. Bist du Pitta Temperament? Nein, deine Psyche hat dieses Temperament. Ein anderes Beispiel wenn du sagst: „Ich bin Mathematiker, oder ich bin technisch begabt.“ Nicht du bist Mathematiker oder technisch begabt, sondern du hast eine Psyche die besondere mathematische Fähigkeiten hat. Krishna sagt, wenn du dich verhaftest, dann entsteht die Notwendigkeit der Befreiung. Die Verhaftung von Purusha mit einem Teil der Prakriti, mit den Körpern, führt dann zur Identifikation und dann entstehen Geburt und Tod. Solange du verhaftest bist, wirst du auch wiedergeboren werden. Sei dir bewusst, daß es geeignetere und weniger geeignete Mutterschöße gibt. Damit will er auch sagen: Lass dir nicht zuviel Zeit die Verwirklichung zu erreichen. In diesem Leben hast du alles, was du brauchst. Du hast ein Dach über dem Kopf, du hast etwas zu essen, du hast sogar Zeit, Vorträge anzuhören über Vedanta und das Ziel des Lebens. Jetzt ist die Zeit spirituelle Praktiken zu üben. Jetzt ist der richtige Moment – verschiebe es nicht, und weniger fürs nächste Leben, oder wenn du Rentner bist, oder deine Enkel oder Urenkel groß genug sind. Der Mensch findet 1000 verschiedene Gründe die Spiritualität zu verschieben. Aber es gibt bestimmte Umstände, wo es tatsächlich leichter geht. Angenommen du wärst in einem Bürgerkriegsgebiet wo du jeden Tag damit rechnen musst, dass dort bewaffnete Banden kommen und alles rauben, dass du um das blanke Überleben kämpfen musst, dann wäre es etwas schwieriger über den Sinn des Lebens nachzudenken, die Bhagavad Gita zu rezitieren und Asanas und Pranayama zu üben. Übe jetzt – praktiziere jetzt – verschiebe es nicht!
Kapitel 13 Vers 22: Krishna sprach: „Die höchste Seele in diesem Körper wird auch der Beobachtende, der Gewährende, der Erhaltende, der Erfahrende, der große Herr und das höchste Selbst genannt.“
Von da aus kannst du beschreiben: Wer bist du wirklich? Du bist derjenige der beobachtet und du bist letztlich dann auch eins mit Ishvara. Ishvara ist zum einen Gott in konkreter Gestalt, oder Gott als Schöpfer, Erhalter und Zerstörer. Aber auf einer gewissen Weise bist auch du selbst dieser Ishvara. Du bist derjenige der das Selbst erfährt. Du bist nicht Körper und Psyche.
- Vers:
upadraṣṭānumantāca
bhartābhoktāmaheśvaraḥ
paramātmeticāpyukto
dehe ’sminpuruṣaḥparaḥ
Meditiere darüber: ich bin das unsterbliche Selbst. Im Alltag werde Dir immer wieder bewusst: Ich bin nicht der Körper, ich bin nicht die Psyche, ich bin nicht Vergnügen oder Schmerz, ich bin nicht Temperament, ich bin nicht meine Wünsche, ich bin das unsterbliche Selbst, reines Atman, reines Bewusstsein, Satchidananda – eins mit der Weltenseele, in der Tiefe eins mit allen Welten und mit allen Wesen.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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