Kommentar zur Bhagavad Gita, Kapitel 13, ab Vers 12

Was ist das Absolute? Was ist Bewusstsein? Wie kannst du das Absolute erfahren, wie kannst du dich vom Relativen lösen, um das Absolute zu erfahren? Das sind Themen des 13. Kapitels der Bhagavad Gita, insbesondere ab dem 12. Vers.

Zunächst der 12. & 13. Vers auf Sanskrit, dann folgen die Übersetzung und Erläuterung von Sukadev.

jñeyaṃyattatpravakṣyāmiyajjñātvāamṛtamaśnute

anādimatparaṃbrahmana sattannāsaducyate

sarvataḥpāṇipādaṃ tatsarvato ’kṣiśiromukham

sarvataḥśrutimallokesarvamāvṛtyatiṣṭhati

Kapitel 13 Vers 12: Krishna sprach: „Ich werde erklären, was es zu erkennen gilt, und was zur Unsterblichkeit führt, wenn man es erkennt. Das Anfangslose, das höchste Brahman, das weder Wesen, noch Nicht-Wesen genannt wird.“

Erläuterung:

Das 13. Kapitel hat damit begonnen, dass Arjuna Krishna gebeten hat: Sage mir. Was ist Purusha, was ist Prakriti? Was ist Kshetra, was ist Kshetrajna? Was ist Jnana und was ist Jneya? Wir lernten Purusha ist das Bewusstsein, Prakriti die Natur bzw. das manifeste Universum, Ksetra ist das Feld unserer Erfahrungen und Ksetrajna das Bewusstsein. Weiter fragte Arjuna: Was ist wahres Wissen, und was sollte erkannt werden? Was gilt es zu erkennen? Und wenn man es erkennt, was führt zur Unsterblichkeit? Nun will Krishna sagen: Es gibt so vieles, was wir in dieser Welt tun können, so vieles, was wir im Relativen wissen wollen. Aber alles Relative wird vergehen. Nichts, was du im Relativen erfährst, wird Bestand haben. Was langfristig wirklich zu erkennen ist, ist daher – wie Krishna hier sagt – „das anfangslose, das höchste Brahman“. Es geht auf dem spirituellen Weg, und eigentlich im Leben, darum, das Absolute, das Unendliche zu erkennen. Und was ist dieses Unendliche? Es ist weder Sein, noch Nicht-Sein. Man kann jetzt nicht wirklich sagen, es ist Sat, es ist „seiend“, im Sinne von entstanden und wieder auflösen. Man kann auch nicht sagen, dass es Nicht-Sein ist. Brahman ist „Sat-Chid-Ananda“ , Sein, Wissen und Glückseligkeit. Aber was heißt überhaupt Sein? Es ist nicht etwas Konkretes, so wie ein Buch, z.B. eine Ausgabe der Bhagavad Gita, physisch gedruckt. Diese ist da. Aber irgendwann war sie nicht da, bevor sie gedruckt wurde, und es wird sie irgendwann auch nicht mehr geben. In diesem Sinne ist Brahman nicht „da“, nicht wie ein Buch, das irgendwann einmal gedruckt wurde, und wieder vergehen wird. Brahman war immer schon da. Aber Brahman ist auch nicht Asat (Nicht-Sein). Denn z.B. angenommen, du siehst diesen Vortrag als Video, dann siehst du keinen Elefanten. Du siehst Sukadev in einem Raum, und in diesem Raum hat ein Elefant ein Asat, ein Nicht-Sein. Die Ausgabe der Bhagavad Gita, aus der Sukadev liest, hat ein Sein, und der Elefant hat ein Nicht-Sein. Brahman ist nicht so da, wie das Buch, denn es ist nie geschaffen worden und du kannst es auch nicht wahrnehmen. Aber Brahman ist auch nicht SO nicht da, wie ein Elefant in diesem Raum. Daher gilt, von Brahman zu erfahren: Er ist anfanglos. Und er ist das Höchste. Aber man kann nicht über ihn sprechen, wie über einen Gegenstand.

Kapitel 13 Vers 13: Krishna sprach: „Mit Händen und Füßen überall, mit Augen, Köpfen und Mündern überall, und mit Ohren überall ist ES, das Brahman in der Welt, und umhüllt alles.“

Erläuterung:

Brahman ist überall. Und: Alle Wesen, die Hände und Füße, Augen, Köpfe und Münder haben, sind als ihre Essenz Brahman. Du kannst sagen, der Mensch hat einen Körper - er ist Ksetrajna. Du kannst auch sagen, er ist Purusha. Er hat als Feld seinen eigenen Körper und seine Psyche. Wer aber durch diesen Körper hindurch schaut, ist Brahman. Wer durch deinen eigenen Körper hindurch schaut, ist auch Brahman. Wann immer du jemanden siehst, letztlich bist du es selbst, der durch andere Körper hindurchschaut. Es gibt nur ein unendliches Brahman.

Kapitel 13 Vers 14: Krishna sprach: „Durch die Funktion aller Sinne strahlend, und doch ohne Sinne. Unverhaftet, und doch alles tragend. Ohne Eigenschaften, und doch der, der sie erfährt.“

Kapitel 13 Vers 15: Krishna sprach: „Außerhalb und innerhalb aller Wesen, der Beweglichen und Unbeweglichen, wegen seiner Feinstofflichkeit / seiner Subtilität nicht zu erkennen. Nahe und weit weg ist DAS, das Brahman.

Erläuterung:

Das Absolute kann nur in paradoxen Begriffen beschrieben werden. Brahman strahlt durch die Sinne. Wenn dort kein Brahman ist, kein Bewusstsein, dann nutzen auch die Sinne nichts. Würde man einem Menschen, der gerade gestorben ist ein Auge entnehmen, sähe man mit diesem Auge nichts.  Würde dieses Auge einem Lebenden transplantiert werden, würde dieser nachdem er zu Bewusstsein gekommen ist damit sehen können. Ein Auge ohne Brahman spielt keine Rolle. Du könntest eine Kamera nehmen. Jede Kamera hat eine Optik, die dem menschlichen Auge nachempfunden ist. Aber sieht die Kamera etwas? Nein, die Kamera sieht nichts, sie nimmt irgendetwas auf. DU kannst sehen, was von der Kamera aufgenommen wurde. Nicht die Kamera sieht, sondern der Kameramann sieht, was sie aufnimmt. Es ist Brahman, der durch die Funktion aller Sinne strahlt. Dennoch kann man nicht sagen, dass Brahman auf die Sinne beschränkt ist. Auch ohne die Sinne existiert Brahman. Selbst wenn der physische Körper dereinst stirbt, existiert Brahman weiter. Du selbst wirst weiter existieren, auch wenn der physische Körper stirbt. Und so ist Brahman zwar unverhaftet, trägt jedoch alles, ohne Brahman hat alles keine Wirklichkeit. Wenn es kein Bewusstsein gäbe, dann hätte dieses Weltall keine Bedeutung. Du könntest überlegen: Was wäre mit dem Weltall, wenn es kein Bewusstsein gäbe, welches das Weltall wahrnehmen würde? Patanjali sagt auch im 2. Kapitel „Das Gesehene ist für den Sehenden da.“ Auch die Sankhya-Philosophie sagt, dass Prakriti letztlich diese ganze Welt für Purusha schafft. Und so trägt Brahman alles, ist aber doch unverhaftet. Brahman ist ohne Eigenschaften, erfährt die verschiedenen Eigenschaften jedoch. Brahman ist innerhalb aller Wesen, und Brahman ist auch außerhalb aller Wesen. Es gibt die beweglichen und die unbeweglichen Wesen. Doch du erkennst Brahman nicht sondern überlegst: „Wo ist Brahman? Wie kann ICH Brahman erkennen?“ DU BIST Brahman! Du kannst Brahman nicht erkennen, aber du kannst letztlich Brahman sein, und du kannst dich selbst als Brahman bewusst wahrnehmen. Es ist schwierig dies mit Worten darzustellen.  Brahman ist nichts, dessen du dir bewusst werden kannst. Patanjali sagt deshalb „yogacittavrittinirodha“, Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist. Dann ruhst du in deinem wahren Wesen. Er sagt nicht „Dann nimmst du dein wahres Wesen wahr.“, sondern „Dann ruhst du in deinem wahren Wesen.“ In diesem Sinne: Löse dich von allem Relativen, und dann bist du, wer du wirklich bist.

Brahman ist nahe, Brahman bist du als DU.

Jedoch erscheint Brahman weit weg. Im Alltag sagen viele Menschen „Was spielt Brahman für mich eine Rolle? Ich muss mein Brot verdienen, ich muss mich um meine Kinder kümmern, um meinen Partner/Partnerin, um meine Eltern und um mein Zuhause. Ich muss meine Steuererklärung machen, muss mich mit meinem Vorgesetzten auseinandersetzen, muss mich mit Krankheiten und körperlichen Beschwerden beschäftigen – da erscheint Brahman sehr weit weg. Trotzdem ist Brahman das Nächste.

Kapitel 13 Vers 16: Krishna sprach: „Und obwohl Es ungeteilt ist, ist Es doch gleichsam auf alle Wesen verteilt. Es muss als Träger aller Wesen erkannt werden, Es verschlingt und lässt entstehen.“

Erläuterung:

Brahman ist ungeteilt, es gibt nur ein Brahman. Aber dennoch ist Brahman in jedem Einzelwesen. Du selbst fühlst dich als Ich, und ich selbst fühle mich als Ich, wir fühlen uns alle als Ich. Scheinbar ist Brahman getrennt. Aber in Wahrheit gibt es nur ein Brahman. Wir sind alle Eins. Da sind einige Paradoxien, wenn es um das Absolute geht. Brahman ist der „Träger aller Wesen“, es gibt nur dieses eine Brahman, Bewusstsein an sich ist nur Eins. Dann scheint es so, als ob Brahman „verschlingt“ und auch wieder „entstehen lässt“. Dinge kommen, Dinge gehen. Patanjali und auch Krishna  erläutern in ihren Werken in ähnlicher Weise: „Diese Welt ist da für den Sehenden, für Purusha, für das Selbst, für Brahman.“ Daher könnte man sagen: Brahman lässt entstehen, Brahman lässt vergehen. Und damit: DU lässt entstehen oder vergehen!   Wenn du dich z.B. beschwerst: „Warum ist das, worauf ich gezählt habe, verschwunden?“ Dann könntest du sagen, Brahman hat es entstehen lassen, Brahman lässt es vergehen. Aber, bevor du dann über Brahman schimpfst, kannst du dir bewusst machen: ICH bin Brahman. Von einem höheren Aspekt lasse ich alles entstehen und alles vergehen, und in einem relativeren Aspekt erlebe ich es dann.

Kapitel 13 Vers 17: Krishna sprach: „Von ihm, dem Licht der Lichter, wird gesagt, es liege jenseits der Dunkelheit. Es, das höchste Bewusstsein, ist das Wissen, das zu Wissende, und das Ziel des Wissens, das im Herzen aller ist.“

Erläuterung:

Dein wahres Selbst – das Brahman – ist jenseits aller Dunkelheit, es ist das „Licht aller Lichter“. Wenn du also einmal eine Phase im Leben hast, wo dir alles so dunkel erscheint, und du denkst „Ich weiß gar nicht, was das Ganze soll“, und wo du nichts mehr verstehst, dann sei dir bewusst: Das Nicht-Verstehen, das bist du nicht wirklich. Du bist im tiefen Inneren reines Licht. Und das Göttliche ist reines Licht. Als solches wird es ja auch im Gayatri Mantra angerufen:

Om BhurBhuvahSvaha

Tat SaviturVarenyam

BhargoDevasyaDhimahi

DhiyoYoNahPrachodayat

O göttliches Licht! Du hast die 3 Welten mit deinem Licht geschaffen. Wir meditieren über dich. Wir verehren dich. Bitte, führe uns zur Erleuchtung, und wirke durch uns.

Wir wollen wissen, wie wir zu Brahman als Ziel kommen. Mache dir das immer wieder bewusst. Im Alltag stellt sich so viel noch dazwischen. Dies und das muss noch gemacht werden, dies muss gelernt und das wiederholt werden usw. Aber das ist relatives Wissen, es ist zweitrangig. Das, worum es wirklich geht, ist die Gottverwirklichung. Und wo bekommst du sie? Hier sagt Krishna: hridi, im Herzen. Im Herzen von allen. Wann immer du mit einem Menschen zu tun hast, spüre sein Herz, spüre dein Herz. Und so wie ihr eine Herzensverbindung herstellt, leuchtet Brahman auf.

Vielleicht magst du dir am Ende noch kurz vornehmen: Wenn du in den nächsten Stunden heute oder morgen andere Menschen siehst, spüre sie vom Herzen. Und sei dir bewusst: Brahman ist hinter allem. Brahman ist hinter dem ganzen Universum, hinter jedem Menschen, mit dem du sprichst, ist in dir. Mit anderen Worten: DU bist in allen und hinter dem ganzen Universum.

Dieser Beitrag ist Teil der „Vortragsreihe zur Bhagavad Gita“ im Rahmen der ganzheitlichen Yoga Vidya Schulung, Auch Begleitmaterial zur 2jährigen Yogalehrer-Ausbildung. Alle Informationen zur Bhagavad Gita findest du in dem Buch „Bhagavad Gita für Menschen von heute“ von Sukadev Bretz, oder in Swami Sivanandas Buch „Die Bhagavad Gita“, oder auch im Internet auf schriften.yoga-vidya.de.

Kommentare zur Bhagavad Gita auch in den Seminaren und Weiterbildungen bei Yoga Vidya. Infos dazu unter www.yoga-vidya.de.

Lass zum Schluss noch den 17. Vers des 13. Kapitels auf dich wirken:

jyotiṣāmapitajjyotis

tamasaḥparamucyate

jñānaṃjñeyaṃjñānagamyaṃ

hṛdisarvasyaviṣṭhitam

Von ihm, dem Licht der Lichter, wird gesagt, es liege jenseits der Dunkelheit. Es, das höchste Bewusstsein, ist das Wissen, das zu Wissende, und das Ziel des Wissens, das im Herzen aller ist.

 

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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