Dies ist der Abschluss der Reihe zur Hatha Yoga Pradipika.
Das 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika wird ja oft nur stiefmütterlich behandelt. Es geht hier um Dhyana und Samadhi.
Hatha Yoga Pradipika beleuchtet Hatha Yoga, den körperbetonten Yoga, mit der Ausrichtung auf Raja Yoga (Geisteskontrolle) und Samadhi. Das ganze 4. Kapitel beschreibt verschiedene Meditationstechniken.
Viele der Meditationstechniken, die Swami V. gelehrt hat, stammen letztlich aus der Hatha Yoga Pradipika. Im 2. und 3. Kapitel gibt es schon einige Hinweise zur Meditation, z. B. die Kevala-Kumbhaka-Meditation und die Ausdehnungs-Meditation, aber gerade im 4. Kapitel werden einige Techniken beschrieben, die man auch mit Mantra verbinden kann.
Svatmarama, der Autor der Hatha Yoga Pradipika, beginnt das 4. Kapitel mit den Worten: „Gegrüßt sei Shiva, der Guru. Wer sich Shiva hingibt, erreicht den vollkommenen Zustand, frei von Maya.“
Dies soll auch heißen, dass Hatha Yoga nicht nur technisch wirkt – wir brauchen auch Hingabe und Demut. Egal, wie wir Gott sehen, ist es gut, demütig zu sein.
Im 2. Vers sagt er: „Ich werde dir den vollkommenen Prozess des Samadhi erläutern, der wirklich vollendet ist. Samadhi hilft dir, Tod und Vergänglichkeit zu überwinden, führt zu ewiger Glückseligkeit und zur Vereinigung mit Brahman.“
Im 5. Vers sagt er: „Wie sich ein in Wasser gestreutes Salzkorn mit dem Wasser vermengt und eins wird mit diesem, so ist die Vereinigung von Geist und Atman im Samadhi. Mache Prana ruhig, dann wird der Geist ruhig, dann erreichst du Samadhi, und dann kommt die Einheit von Jivatman und Paramatman.“
Er bezieht sich hier an mehreren Stellen auf das Yoga Sutra. Patanjali sagt ja im zweiten Vers des Yoga Sutra: „Yoga ist das Zur-Ruhe-bringen der Gedanken im Geist, dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen.“ Und so sagt Svatmarama: „Wenn der Geist ruhig ist, dann kommt Samadhi, dann kommt die Erfahrung der göttlichen Einheit von Jivatman und Paratman.“
Wie erreichst du die Ruhe des Geistes? Indem du Prana zur Ruhe bringst, Kundalini erweckst.
Er sagt auch, dass wir die Gnade des Gurus brauchen und Vairagya (Gleichgültigkeit gegenüber weltlichen Vergnügen). Nur so können wir die höchsten Samadhi-Zustände erreichen.
So sagt er, dass nicht allein die reine Praxis ausreicht. Es braucht Hingabe, und es braucht Gnade.
Vom 10. bis zum 27. Vers sagt er mehr oder weniger: „Samadhi kommt von selbst, wenn die Kundalini erwacht.“
Übe also die Erweckung der Kundalini mit Asanas, Pranayama und Mudras, dann kommt die Meditation von selbst, dann erreichst du Samadhi.
Als Nächstes spricht er über Laya Yoga. „Laya Yoga ist der Zustand der vollkommenen Ruhe des Geistes.“
Wie kommst du zu Laya Yoga? Hier gibt er jetzt einige konkrete weitere Meditationstechniken.
Dies ist die Konzentration des Geistes mit einer bestimmten Augenbewegung.
Er erwähnt drei Haupt-Shambhavi-Mudras: Mit offenen Augen auf einen Gegenstand schauen, zur Nasenspitze schauen oder zum Punkt zwischen den Augenbrauen schauen. Dies verbindet man mit verschiedenen Konzentrationsarten, und das ist dann Shambhavi Mudra, und diese Shambhavi Mudra kann zur Erweckung der Kundalini und zu Samadhi führen.
Darüber hat er schon im 3. Kapitel gesprochen, hier erwähnt er jetzt noch einmal Khechari Mudra als Meditationstechnik: Den Kopf leicht nach hinten geben, die Zunge nach hinten und durch den Punkt zwischen den Augenbrauen nach oben schauen und den Geist nach oben ausrichten – das erweckt die Kundalini, das führt zur tiefen Einheit.
Akasha, sich ausdehnen in den weiten Raum. Das Individuum ist nur noch ein Topf – Bewusstsein ist unendlich.
Nada Yoga (der Yoga des Klanges)
Auch Anahata Nada Dhyana genannt, die Meditation auf den inneren Klang. Er gibt verschiedene Techniken, wie wir uns auf den inneren Klang konzentrieren können, und verschiedene Stufen, wie wir auf den inneren Klang meditieren können. Wir können es über verschiedene Chakras machen, über Shambhavi Mudra oder Yoni Mudra oder auch Khechari Mudra zur Nada-Meditionen kommen. Wir können uns auf immer subtileren Klang konzentrieren, wir können auch Yoni-Mudra oder Karna-Mudra mit Nada-Meditation verbinden – irgendwann kommt aus dem Nada ein sehr subtiler Klang, irgendwann löst der sich auf, und dann folgt Laya. Über dieses innere Auflösen aller Gedanken kommt dann Samadhi.
In den letzten Versen der Hatha Yoga Pradipika schreibt Svatmarama über die Wirkung von Samadhi, Unmani Avastha, Moksha. Er sagt: „Alle Sehnsüchte des Menschen werden dann erfüllt, wenn du Moksha erreichst, Mukti erreichst, zum Jivanmukti wirst.“
„Solange du nicht diese höchste Erfahrung gemacht hast, ist alles andere nur Gerede.“
Deshalb möchte ich hier mit dem Gerede aufhören und dich motivieren: Praktiziere! Praktiziere! Praktiziere! Es ist es wert. Was sonst sollte es wert sein? Alles andere, was du in dieser physischen Welt erreichst, ist relativ und vergänglich. Höhen und Tiefen kommen, Mögen und Nicht-Mögen kann sich immer wieder verändern. Du wirst mit nichts zufrieden sein. Du hast die Sehnsucht nach dem Höchsten – folge ihr und höre auf, dich über Kleinigkeiten aufzuregen. Höre auf, dich mit Menschen über Nichtigkeiten zu streiten. Höre auf, dir zu viel Sorgen um die Zukunft zu machen. Alle Sorgen, Streitigkeiten und Probleme sind verschwunden, wenn du Moksha erreicht hast. Es ist wert, nach Moksha zu streben. Richte dein Leben danach aus. Lebe ein sattwiges Leben, ein ethisches Leben. Praktiziere Asanas, Pranayama, Mudras und Meditation, komme öfters mit anderen spirituellen Aspiranten zusammen, übe uneigennütziges Dienen. Bitte Gott um Führung und habe Ehrerbietung zu Gott und Meister, und sei dir bewusst: Hinter allem ist die höchste göttliche Wirklichkeit. So schreitest du gut voran.
______
Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
Kommentare