Ich habe schon über jeden Vers der Hatha Yoga Pradipika gesprochen und habe auch die gesamte Hatha Yoga Pradipika zusammengefasst – hier jetzt noch einmal einiges über das 1. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika.
Svatmarama fängt an, Shiva (Adinatha) zu grüßen, den ursprünglichen Lehrer des Hatha Yoga. Er sagt: „Shiva hat Parvati Hatha Vidya (die Weisheit des Hatha Yoga) gelehrt. Im Hatha Yoga geht es darum, zum Raja Yoga zu kommen, zur höchsten Erfahrung des Selbst.“
So will er uns zum Anfang eine gewisse Einstellung geben: Wann immer du Hatha Yoga praktizierst, dann grüße zunächst Gott und grüße deinen Meister, und sei dir bewusst, warum du Yoga übst: Um zur Erleuchtung zu gelangen.
Im 3. Vers sagt er: „Hatha Yoga ist ein Licht für all diejenigen, die etwas verwirrt sind inmitten verschiedenen Weltanschauungen. Allen Menschen, die nicht in der Lage sind, ihren Geist zur Ruhe zu bringen, kann Hatha Yoga helfen.“ Damit will er sagen, dass Hatha Yoga weltanschaulich neutral ist. Du kannst Hatha Yoga üben, egal welcher Weltanschauung oder welcher religiösen Anschauung du folgst oder auch welcher philosophischen Strömung du angehörst, oder auch wenn du einfach nur verwirrt bist. Letztlich geht es darum, zu üben – dann erfährst du, und über Erfahrung weißt du, worum es wirklich geht.
Im 10. Vers sagt Svatmarama: „Hatha Yoga ist eine beschützende Zuflucht und für alle, die an irgendetwas leiden. Egal ob du körperliche, energetische, geistige, emotionale oder spirituelle Leiden hast – Hatha Yoga ist immer hilfreich. Egal, welche spirituelle Praxis du machst – Hatha Yoga ist eine gute Basis.“ Also auch, wenn du buddhistische Meditation übst oder Bhakti Yoga (Gottesverehrung) praktizierst, oder auch wenn du dem Vedanta Weg (der höchsten Erkenntnis) folgst – Hatha Yoga ist immer eine gute Basis. Hatha Yoga kann wie die Schildkröte sein, die die Welt trägt, also eine Grundpraxis, die jeder anderen Praxis eine feste Basis gibt.
Er erwähnt, was du machen kannst, wenn du für dich selbst praktizierst: „Wann immer du praktizierst – die Zeit der Praxis sei ganz für dich.“ Wenn du praktizierst, dann sage allen anderen Menschen Bescheid, dass du nicht gestört werden willst, sodass du für dich allein bist. Menschen haben viel zu tun, aber du brauchst vielleicht täglich eine oder zwei Stunden für deine spirituelle Praxis, wo dich niemand stören soll.
Dann spricht er über die Yamas und Niyamas im Hatha Yoga. Er spricht von 10 Yamas und 10 Niyamas, weitet also die Yamas und Niyamas des Yoga Sutra aus. Du kannst natürlich davon ausgehen, dass Svatmarama das Yoga Sutra des Patanjali gekannt hat, er bezieht sich ja an mehreren Stellen darauf. Es geht ihm aber darum, dass keine Zweideutigkeit da ist. So spricht er nicht nur von Ahimsa (keinen Schaden zufügen), sondern auch von Mitgefühl, Mitleid und gutem Tun für andere. Er spricht nicht nur davon, dass man praktizieren soll, sondern dass man auch geradewegs voranschreiten soll. Er spricht nicht nur allgemein über Shauchas, sondern auch über richtige Ernährung, d. h. er nimmt die Ernährung in die Yamas und Niyamas auf. Und er spricht auch nicht nur (wie Patanjali) über die Hingabe an Gott, sondern auch über die Verehrung der Gottheit, die Wiederholung des Mantras und auch über den Glauben an Gott. Und da manche Menschen sich vielleicht überfordert fühlen von all dem, was Yoga von einem verlangt, erwähnt er auch Frohsinn als einen wichtigen Niyama: „Freue dich, schreite mutig voran, lächle.“ Oder wie Swami Sivananda immer sagte: „Freue dich, tanze vor Freude.“ Svatmarama spricht nicht vom Tanzen, aber „Freue dich, du bist auf dem spirituellen Weg. Schreite voran, mache dir nicht zu viel schlechtes Gewissen, wenn du nicht so vollkommen bist, wie du denkst, dass du sein müsstest. Praktiziere, schreite voran, vergiss die Vergangenheit, und mache dir immer wieder neue Vrata (gute Vorsätze).“
Dann erwähnt er die Asanas (Körperstellungen). Er erwähnt einige Asanas, sie sind jedoch vielleicht der Teil vom Hatha Yoga, den Svatmarama am wenigsten beschreibt. Er geht letztlich davon aus, dass du die Asanas sowieso von deinem Lehrer lernen musst, und spricht mehr über ihre Wirkungen. Sie sollen einen stark machen und frei von Beschwerden, sie sollen zu einem Gefühl von Leichtigkeit führen. Frei von Beschwerden heißt auch frei von Spannungen – über Asanas willst du eine Entspannung erlangen. Damit nachher Prana fließen kann, brauchst du einen entspannten Körper.
Asanas wollen auch den Körper stark machen: Wenn die Kundalini erwacht, dann muss der Körper darauf vorbereitet sein, und dafür dienen die Asanas.
Asanas wollen dich subtil machen. Es gibt einen Unterschied, ob du ins Fitness-Studio gehst und dort Kraft, Ausdauer und Flexibilität trainierst und nachher zur Entspannung in die Sauna gehst (dann hast du auch den ganzen Körper trainiert), oder ob du eine Stunde Asanas und Tiefenentspannung geübt hast. Asanas lassen dich leicht fühlen. Es hilft dir, dich zu öffnen und Zugang zu finden zu subtileren Energien.
Er spricht weiter über die Wirkungen von Asanas insbesondere auf Vata, Pitta und Kapha, auf Agni und Ama, und er erwähnt auch, dass du dich bei den Asanas darauf konzentrieren kannst, was energetisch passiert.
Etwas ausführlicher spricht er über die Vorwärtsbeuge, den Drehsitz und den Pfau. Dann erwähnt er auch noch Siddhasana, Padmasana, Simhasana und Vajrasana als die Sitzhaltungen, denn wenn es nachher zum Pranayama geht ist es wichtig, dass man gut sitzt.
Zum Ende dieses Kapitels spricht er nochmals ausführlich über die Ernährung.
Was heißt gesunde Ernährung?
- Nicht zu viel essen.
- Bewusst essen.
- Dankbar sein und das ganze Essen Gott darbringen.
- Gesunde Nahrung zu essen.
- Weglassen, was nicht gut ist.
Er macht noch weitere Empfehlungen, was du nicht tun solltest, wenn du intensiv praktizierst – während der intensiven Praxis gilt es, verschiedene Dinge zu beachten.
Die allerletzten Verse ermutigen noch einmal zum Üben: „Jeder, der aktiv Yoga praktiziert, wird ein Siddha, ein Vollkommener – nicht jemand, der faul ist, der einfach nur liest, der viel redet oder der sich einfach nur kleidet wie ein Yogi. Unermüdliches Praktizieren ist das Geheimnis des Erfolgs.“
Im 67. Vers sagt er: „Praktiziere die Asanas, die Atemübungen und die Mudras so lange, bis du Raja Yoga erreicht hast, die königliche Vereinigung, die vollkommene Einheit.“
Das war die Essenz des 1. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika.
Die ganze Hatha Yoga Pradipika mit allen Versen, Sanskrit-Devanagari-Umschrift, Rezitationen, Wort-für-Wort-Übersetzungen und verschiedenen Kommentare findest du auf schriften.yoga-vidya.de
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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