Ich habe jetzt einige Dutzend Vorträge über die Verse der Hatha Yoga Pradipika gehalten. Hier noch einmal ein paar zusammenfassende Worte zur gesamten Hatha Yoga Pradipika und dann zu den einzelnen Kapiteln.
Hatha Yoga Pradipika ist die bekannteste klassische Schrift des Yoga. Sie ist vermutlich im 14. Jhd. n. Chr entstanden und auf einen Yogi namens Svatmarama zurückzuführen. Dieser gilt als ein selbstverwirklichter Meister. Er heißt nicht nur Svatmarama, sondern er ist derjenige, der sein Selbst erfahren hat: Sva (das Eigene) Atma (Selbst) Rama (sich daran erfreut), also ein Selbstverwirklichter. Svatmarama hat die Hatha Yoga Pradipika geschrieben. Pradipika heißt „Licht, Leuchte“ – das Licht auf Hatha Yoga.
Zum Anfang des 1. Kapitels sagt er, dass er die Hatha Yoga Pradipika geschrieben hat, um Menschen zum Raja Yoga zu führen. Das Wort Raja Yoga hat mehrere Bedeutungen. Heute kennen wir es hauptsächlich als den Yogaweg des Patanjali, als den psychologischen Yogaweg der Selbstbeherrschung. So gilt die Hatha Yoga Pradipika als Hilfsmittel, um die Selbstbeherrschung zu erlangen. Hatha Yoga Pradipika ist aber auch eine Schrift, die Raja Yoga i.S.v. „Königlicher Vereinigung“ erreichen will – Raja heißt auch „königlich“, und Yoga „Vereinigung“. An manchen Stellen der Hatha Yoga Pradipika wird Raja Yoga gleichbedeutend mit Samadhi gebraucht. Hatha Yoga ist also ein Übungssystem, um zur Befreiung, zur Einheit zu kommen.
Hatha Yoga hat verschiedene Wurzeln.
Man kann Hatha Yoga üben
- für die Gesundheit, wie es im Ayurveda gemacht wird
- um Siddhis (außergewöhnliche Kräfte) zu erlangen
- um Ausstrahlung zu bekommen,
- für die Gelassenheit und Ruhe des Geistes
Svatmarama geht auch auf all diese Wirkungen ein. Aber besonders wichtig – so sagt er – ist die Übung von Hatha Yoga, um zur Selbstverwirklichung zu kommen, zu Moksha, zur Befreiung.
Wie kommen wir dorthin? „Durch Üben“, sagt Svatmarama. Es gilt zu üben, nicht so viel zu reden oder zu überlegen, nicht so sehr auf Kleidung zu achten – es gilt zu praktizieren.
Was gilt es zu praktizieren? Zunächst gibt es vorbereitende Praktiken. Dies sind Yama und Niyama, also bestimmte Ethik und bestimmte persönliche Disziplin.
Svatmarama erwähnt die 5 Yamas von Patanjali:
- Ahimsa – nicht verletzen
- Satya – Wahrhaftigkeit
- Aparigraha – die Abwesenheit von Gier, Unbestechlichkeit
- Brahmacharya – Vermeidung von sexuellem Fehlverhalten
- Asteya – nicht stehlen
Satya (Wahrhaftigkeit) ist ein besonders wichtiger Vers. Es gilt auch, ehrlich und offen zu sein.
Svatmarama erzählt dann auch noch etwas über die persönliche Disziplin, er schließt aber auch uneigennützige Nächstenliebe, Mitgefühl, Erfüllen seiner Pflichten und das Beschäftigen mit spirituellen Schriften in die Yamas und Nyamas mit ein. Von besonderer Wichtigkeit ist ihm, dass man nicht so viel schwätzt und Klatschgeschichten erzählt, dass man keine schlechte Gesellschaft pflegt, dass man also darauf achtet, wie man mit anderen umgeht.
Auch die Ernährung ist ihm besonders wichtig:
- kein Fleisch
- kein Fisch
- kein Alkohol
- keine bewusstseinsverändernden Drogen
- keine Zigaretten, Tabak
- keine vergorene Nahrung zu sich nehmen
- nichts zu sich nehmen, was zu salzig, sauer oder bitter ist
Weiterhin sagt Svatmarama, dass Hatha Yoga Weltanschauung-übergreifend ist. Du musst keiner besonderen Glaubensrichtung angehören.
Dann gilt es zu praktizieren.
Im 1. Kapitel erwähnt Svatmarama das Üben von Asanas.
Im 2. Kapitel erwähnt er, dass Prana und Geist eng zusammenhängen. Daher gilt es, Prana (die Lebensenergien) zu steuern. Wie können wir die Lebensenergien steuern? Indem wir Pranayama (Atemübungen) üben.
Er erwähnt hier zunächst Nadi Shodana, die Reinigungsübungen für die Nadis. Die Nadis müssen gereinigt werden, weil nur dann die eigentlichen Pranayamas gut wirken.
Danach spricht er über die Kriyas, die körperlichen Reinigungstechniken – in der Sprache der Naturheilkunde also die ausleitenden Verfahren. Er erwähnt die 6 Hauptkriyas und dann noch eine zusätzliche Kriyas.
Danach sagt er, wer mit seinen Doshas (Bioenergien) in Harmonie ist, diese also in Prakriti sind, dann braucht man die Kriyas nicht. Wer jedoch Unruhe in den Doshas hat oder krank ist, oder auch träge oder verschleimt ist, der solle die Kriyas machen. Er hat aber auch einen Trost für diejenigen, die Kriyas nicht mögen: Man kann auch alle Unreinheiten allein durch Pranayama beseitigen!
So empfiehlt er Pranayama, er erwähnt die 8 sog. Maha Kumbhakas (große Weisen, die Luft anzuhalten), also die 8 Übungen des Pranayama. Er erklärt ihre Wirkungen und sagt: „Übe Pranayama. So wird dein Prana ruhig. Ist dein Prana ruhig, dann ist auch dein Geist ruhig, dann kannst du meditieren.“
Hauptthema des 3. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika sind Kundalini und Mudra.
Durch die Erweckung der Kundalini ist Meditation und Samadhi möglich. Es gilt, die Kundalini zu erwecken. Aber um die Kundalini zu erwecken, muss man zuerst einen starken Körper haben (durch Asanas). Es gilt die Nadis zu reinigen (durch Asanas, richtige Ernährung, Ethik und Pranayama). Wenn man das geübt hat, ist man für die Mudras bereit.
Er erwähnt dann die 10 Hauptmudras und sagt, wie wir mit ihnen üben können.
Am Ende des Kapitels sagt er dann: „Wenn du durch die Übung der Mudras die Kundalini erweckt hast, dann kommt Samadhi fast von selbst.“
Hier sind wir schon im 4. Kapitel. Dieses hat als Thema „Dhyana und Samadhi“.
Svatmarama sagt: „Letztlich geht es im Hatha Yoga darum, den Geist zur Ruhe zu bringen, ins Überbewusstsein zu kommen und dann Mukhti (Befreiung) zu erreichen.“
Wie geht das?
Zum einen: Ist die Kundalini erwacht, dann führt sie einen von selbst zu Samadhi.
Er stellt aber auch spezielle Meditationstechniken vor, insbesondere Shambhavi Mudra, auch Khechari Mudra kann in die Meditation und Samadhi führen. Von besonderer Wichtigkeit für ihn ist Laya Yoga (der Yoga der Auflösung) und Nada Yoga (der Yoga des Klanges). Er empfiehlt insbesondere Anahata Nada Dhyana, die Meditation über den inneren Klang. Er verbringt viele Verse damit, uns verschiedene Formen von Anahata Nada Dhyana nahezulegen.
Zum Abschluss dieses Kapitels beschreibt er die Wirkungen: Was geschieht, wenn du über eine der Meditationstechniken den Geist in Laya (vollkommene Ruhe) gebracht hast? - du erreichst Samadhi, du erreichst Mukti (die Befreiung), und du wirst zum Jivan Mukhta, zum lebendig Befreiten. Dann hast du alle Ziele deiner Bestrebungen erlangt – alle Sehnsüchte des Menschen gehen letztlich in Richtung Samadhi. So ermutigt er uns, zum höchsten Samadhi zu kommen.
An ein paar Stellen hat Svatmarama ein paar kleine Seitenhiebe gegenüber Menschen, die es sich zu einfach machen. Er sagt: „Einfach nur ein paar Worte über Vedanta zu sagen – das reicht nicht aus. Nur ein bisschen überlegen, um zur Erkenntnis zu kommen – das reicht nicht aus. Es muss lebendige Erfahrung sein. Nur jemand, der Samadhi erfahren hat, nur der kann auch Dhyma haben. Und nur wer Samadhi erfahren hat, hat vollkommene Bhakti. Letztlich: Hingabe, Wissen, Samadhi und vollkommene Freiheit – alle bedingen einander. Es gilt zu praktizieren.“
Dazu will uns Svatmarama immer wieder ermutigen: praktiziere, praktiziere, praktiziere!
Er weiß, dass es nicht nur Menschen gibt, die Erleuchtung erlangen wollen. Deshalb lockt er mit Versprechen: Mit Hatha Yoga Übungen kann man auch Krankheiten heilen. Man kann seine Doshas wieder in ihr natürliches Gleichgewicht bringen. Man kann Agni, das Verdauungsfeuer, erhöhen und alle Amas (Blockaden, Verspannungen und Stoffwechselprodukte und Schlacken) beseitigen. Wir können einen gesunden und schlanken Körper haben und jugendlich sein. Es gilt, Asanas, Pranayama, Mudras und die Kriyas zu praktizieren. Er macht uns den Mund wässrig und will uns letztlich motivieren, indem er auch an einigen Stellen sagt, dass durch die Hatha Yoga Übungen die sexuelle Anziehungskraft steigt. Er sagt aber natürlich auch, dass Brahmacharya wichtig ist – er spielt damit ein bisschen.
An manchen Stellen will er uns auch etwas vor den Kopf schlagen. Manchmal gebraucht er eine anzügliche Sprache, oder er sagt Dinge, die offensichtlich nicht so schön sind, löst dies aber dann ein paar Verse später auf. Dies ist ein Zeichen dafür, dass ein Lehrer seine Schüler auch auf die Probe stellen muss.
Er sagt an einigen Stellen auch, dass wir Siddhis (außergewöhnliche Fähigkeiten) erreichen können, z. B. ganz klein oder ganz groß zu werden, auf Astralreise zu gehen und vieles andere. Indem er darüber spricht, will er uns etwas ködern.
Er verspricht uns auch Ruhe des Geistes. „Menschen versuchen ihren Geist zu beruhigen – aber durch Hatha Yoga erreichst du es wirklich.“ Er spricht davon, dass wir große Kräfte und geistige Stärke bekommen. „Indem wir auf diese Weise unseren Geist und unser Prana beruhigen, brauchen wir uns über nichts mehr aufzuregen. Ein Yogi, der einen gewissen Grad erreicht hat, wird unabhängig davon, was andere Menschen über ihn denken und sagen und mit ihm tun. Er wird unabhängig von allem Karma und nicht mehr beeinflusst von den Höhen und Tiefen des Lebens.“ Die Bhagavad Gita würde sagen: Ein Yogi kennt nachher sein Karma.
„Er tut, was zu tun ist, aber er ist nicht mehr gezwungen, ist nicht mehr besessen von etwas – sondern er ist frei (Moksha, Mukti). Darum geht es, und das kannst du erreichen – praktiziere, praktiziere, praktiziere. Das ist das Geheimnis des Erfolges. Egal ob du jung, alt oder sehr alt bist, ob du gesund, kränklich oder krank bist, ob du flexibel bist oder steif: Egal, was dein geistiger, körperlicher oder energetischer Zustand ist – mit regelmäßiger Praxis von Hatha Yoga kannst du Erfolg haben.“
Das sagt uns Svatmarama immer wieder: „Darüber besteht kein Zweifel, also übe und praktiziere.“
Hari Om Tat Sat
Om Shanti Shanti Shanti
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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