Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika ab Vers 35
Shambhavi Mudra ist eine Technik, um den Geist zur Ruhe zu bringen. Svatmarama nennt Shambhavi Mudra als eine der Haupttechniken der Meditation. Eine Reihe von Übungen werden als Shambhavi Mudra bezeichnet. Diese beschreibt er in den Versen 35 – 42 des 4. Kapitels.
- Vers
Die Veden, die Shastras und die Puranas sind wie gewöhnliche Frauen des Volkes.
Die Shambhavi Mudra dagegen ist so selten wie eine angesehene Dame aus guter Familie.
Hier gebraucht Svatmarama wieder eine etwas anzügliche Sprache, die er ja öfters nutzt, um letztlich manche Menschen etwas abzuschrecken. Die Hatha Yoga Pradipika gehört ja zur Tantra-Tradition, und da wird manchmal bewusst etwas gesagt, um sich von der Brahmanen-Tradition etwas abzusetzen.
Die Vedas und die Puranas sind die zwei Hauptschriften, aber es gibt auch viele Shastras (weitere Lehrtexte). Svatmarama sagt, es gibt sehr viele davon, und die sind deshalb wie Samanya, also gewöhnliche Gannikas (eigentlich: Prostituierte), von jedem zu haben. Heutzutage können alle lesen. Dies war zu Svatmaramas Zeit vielleicht nicht so, aber man konnte zumindest sich vorlesen lassen, und die meisten Inder konnten zu der damaligen Zeit durchaus einige Verse rezitieren.
Hören – das ist einfach. Aber Shambhavi Mudra, das ist das Siegel der Gattin von Shiva (Shambu). Aber Shambhavi heißt auch glücksverheißend, Shambhavi Mudra ist die glücksverheißende Mudra, und diese ist Gupta – geheimnisvoll und selten wie Vadhu (eine Frau) aus einer Kula (aus guter Familie), also nicht so einfach zu haben.
Er sagt also: Lesen kann jeder – Hatha Yoga Pradipika ist ja auch eine Shastra, eine Schrift. Die Schrift kannst du einfach lesen. Aber wirklich Shambhavi Mudra zu üben ist nicht ganz so einfach.
- Vers
Wenn man auf Brahman im Herzen zielt und gleichzeitig den Blick ununterbrochen, ohne mit den Augen zu blinzeln, auf ein äußeres Objekt richtet, wird es Shambhavi Mudra genannt.
Diese Mudra wurde in den Veden und in den Sutras, in den Shastras geheimgehalten, also ursprünglich Atta Shambhavi. Jetzt folgt Shambhavi Mudra.
Was ist Shambhavi Mudra?
Anta Lakhshya, also die Konzentration nach innen, und zwar während (drishti) der Blick (Bahis) nach außen gerichtet ist und nimesha unmesha (Augenniederschlag und Augenaufschlag) bajita (frei) ist, also ohne zu blinzeln – das ist Jeshasa, ist Shambhavi Mudra. Das ist die glücksverheißende Mudra, und sie ist gupita (geheimgehalten) in den Vedas und in den Yogalehrtexten, den Shastras.
Das heißt also:
Die Konzentration nach innen richten, während der Blick nach außen geht. Hier gibt es jetzt verschiedene Übungen.
Eine Möglichkeit: Du schaust auf etwas und konzentrierst dich auf eines der Chakras. So beschreibt es Swami V.: Shambhavi Mudra besteht darin, den Geist innerlich auf ein Chakra zu fixieren und die Augen auf ein äußeres Objekt zu richten, ohne dabei zu zwinkern. In einer anderen Übersetzung heißt es, „Brahman im Herzen zu halten“, also den Geist nach innen zu richten und im Herzen Brahman zu sehen. Das könntest du, wenn du willst, jetzt gleich probieren. Du schaust auf etwas, das könnte eine Kerzenflamme sein, das Bild von Swami Sivananda oder auch ein Punkt an der Wand sein. Du schaust beständig darauf und konzentrierst dich dabei auf eines der Chakras, z. B. auf der Herzchakra oder auf das Ajna-Chakra oder auf das Vishuddha-Chakra. Damit geht es meist am leichtesten, es geht natürlich auch auf Muladhara, Swadisthana, Manipura oder Sahasrara. Dies ist eine Form der Meditation, die insbesondere geeignet ist, wenn dein Geist zur Unruhe neigt. Wir finden dies auch im Zen, wo man auf eine Wand schaut und gleichzeitig den Geist ruhig hält.
Diese Form von Shambhavi Mudra kann übrigens auch etwas sein, mit dem du eine Herzensverbindung herstellen kannst. Wenn du z. B. mystische Erfahrungen machen willst, könntest du einen Baum anschauen, zu ihm hinschauen und dabei dein Herz spüren. Wenn du auf den Baum schaust und dabei mit deinem Herzen spürst, spürst du plötzlich, wie du eine Verbindung hast zu diesem Baum. Du könntest auch auf einen Felsen, einen Altar oder eine Blume schauen und dich dann auf eines der Chakras konzentrieren. Das geht übrigens auch mit einem Partner oder eine Partnerin – du kannst ihm in die Augen schauen und gleichzeitig Herzensverbindung oder Dritte-Auge-Verbindung spüren.
Shambhavi Mudra ist also eine Mudra, die du verwenden kannst, um Herzensverbindung oder Dritte-Auge-Verbindung herzustellen, und um eine mystische Verbindung zu diesem Objekt herzustellen. Oder du kannst Shambhavi Mudra nutzen, um mit einem Menschen Kontakt herzustellen, oder um einfach in der Meditation in die Tiefe zu kommen.
- Vers
Es handelt sich erst wirklich um Shambhavi Mudra, wenn Geist und Atem des Yogi in ein äußeres Objekt absorbiert sind, und wenn seine Augen, die scheinbar äußere Dinge betrachten, unbeweglich sind. Wird dieser Zustand mithilfe des Guru erreicht, verwirklicht der Yogi den strahlenden Zustand von Shambo, welcher noch höher ist als Shunya (Leere) und doch nicht Leere.
Der Yogi soll also Anta Lakshya, seinen Geist absorbiert halten in einem inneren Konzentrationspunkt. Swami V. interpretiert dieses auch als inneres Chakra. Indem man sich auf ein inneres Meditationsobjekt konzentriert wird auch der Atem vollkommen ruhig, und mit unbeweglichem Blick (drishtja) schaut der Mensch nach außen. Dies ist dann wahrlich das Siegel von Shambhavi, und dieses wird nur erreicht durch Prasada, durch die Gnade des Gurus. So wird Tattva offenbart, die höchste Realität, der Ort von Shabhava (von Shambo, von Shiva), und dies ist sogar jenseits von Shunya und Ashunya (Leere und Nichtleere).
- Vers
Shambhavi Mudra und Khechari Mudra sind, obgleich sie sich in der Augenrichtung und in der Konzentrationsrichtung unterscheiden, eins in ihrem Resultat. Beide führen zum Zustand der Glückseligkeit, des absoluten Bewusstseins, und dieses wird hervorgerufen durch den Inatman, den absorbierten Geist.
Ich gehe die einzelnen Sanskritworte durch:
Es gibt zwei großartige Mudras, die Shri Shambhaviya (die erhabene Shambhavi Mudra), und Khechariya (die Khechari Mudra), und die sind unterschiedlich durch den Dharma, den Ort und die Position der Augen. Aber durch beide entsteht (Bhavet) Citta (des Geistes) Laya (Ruhe), und in dieser Leere entsteht Ananda, die Glückseligkeit, und es entsteht das Wesen (okini) von Wonne (Sukha) und Chit (reiner Bewusstheit).
Im 3. Kapitel hat Svatmarama sehr viel über Khechari Mudra gesprochen. Khechari Mudra ist zum einen das Zurücknehmen der Zunge, zum anderen auch das Nach-oben-Schauen der Augen und auch den Kopf leicht nach hinten geben, mit dem Gesicht nach oben schauen. Khechari Mudra führt zum Ruhen des Geistes.
Hier spricht er von der Shambhavi Mudra, wo man in die Weite schaut, auf ein bestimmtes Objekt, und dann die Konzentration auf eines der Chakras bringt.
Beides führt den Geist zur Ruhe.
Es gibt noch weitere Shambhavi Mudras, über die er in den nächsten Versen spricht.
Shambhavi Mudra wie er es hier bisher beschrieben hat, ist eine Übung, die du vielleicht gleich machen kannst: Man schaut auf ein Objekt und bringt die Konzentration des Geistes auf ein inneres Chakra. Eine einfache Weise, den Geist zur Ruhe zu bringen und zur Freude, und über das Herzchakra ist besonders leicht, oder auch über das dritte Auge. Wenn du magst, kannst du es jetzt gleich machen, ich werde dich gleich dazu anleiten.
Suche dir jetzt ein Objekt aus, auf das du beständig schauen willst. Das geht im Stehen wie im Sitzen. Während du beständig dorthin schaust, atme zwei- oder dreimal tief ein und aus, und dann spüre gleichzeitig dein Herzchakra. Schaue auf das Objekt, lasse den Atem sehr ruhig werden und spüre dein Herzchakra. Verweile so lange wie du willst in diesem ruhigen Gemütszustand.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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