Kommentar zum 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika, Verse 29 – 34

Laya bedeutet

Auflösung

Ruhe des Geistes

Ist der Geist vollkommen aufgelöst und zur Ruhe gebracht, dann erfahren wir unsere wahre Natur.

Lasst uns schauen, was Svatmarama – der Autor der Hatha Yoga Pradipika – schreibt:

 

  1. Vers

Der Geist ist der Herrscher über die Indriyas (die Sinnesorgane).

Prana ist der Herrscher über den Geist.

Laya (das Einziehen) ist der Herr über das Prana.

Dieses Laya ist abhängig von Nada, dem inneren Klang.

So beschreibt Svatmarama, wie wir die Herrschaft über die Sinne bekommen.

Der Geist beherrscht die Sinne. Wenn du ihn in eine bestimmte Richtung lenkst, dann spürst du das Andere nicht. Wenn du z. B. etwas siehst, was dich ärgert, dann schau woanders hin. Oder wenn du Gier nach irgendetwas hast, was eigentlich nicht gut für dich ist, dann ziehe deinen Geist woanders hin. Indriyas können ohne den Geist nichts machen – der Geist ist Herrscher über die Sinne.

Prana ist der Herrscher über den Geist. Wenn ein Geist unruhig ist, dann übe Pranayama. Ist dein Atem über Pranayama ruhig, und ist über Pranayama das Prana ruhig geworden, dann wird auch dein Geist wieder ruhig und dann werden auch die Sinne ruhig.

 

Wie kannst du Prana beherrschen? Hier sagt Svatmarama, dass du direkt Laya üben kannst. Wenn es dir direkt gelingt, den Geist zur Ruhe zu bringen, dann wird auch das Prana unter Kontrolle gebracht. Über das Zur-Ruhe-bringen des Geistes bringst du das Prana unter Kontrolle, dann wird der Geist langfristig ruhiger und dann kannst du auch deine Sinne beherrschen.

 

Wie beherrschst du Laya? Wie erreichst du Laya, die Ruhe des Geistes? Durch Nada, also durch den Klang. Nada bedeutet hier also nicht das „Nichts“ (so wie im Spanischen), sondern Nada bedeutet Klang, und insbesondere ist es Anahata, der innere Klang.

Es gibt zwei Arten von Klang:

Nahata-Klang, der angeschlagene Klang: Wenn ich z. B. mit meinen Händen klatsche, dann entsteht der Klang durch das Anschlagen der Hände. Oder der Klang, der durch das Anschlagen der Trommel entsteht.

Aber es gibt auch Anahata, der nicht angeschlagene Klang. Das ist der innere Klang, der kommt, wenn du den Geist nach innen richtest. Dies ist eine der Haupttechniken der Meditation, die Svatmarama in der Hatha Yoga Pradipika empfiehlt, nämlich die Konzentration auf den inneren Klang.

 

Natürlich empfiehlt er auch Kevala Kumbhaka am Ende der Pranayama-Praxis: Den Atem ganz zur Ruhe kommen lassen, und wenn er zur Ruhe kommt dann löse den Geist von allem Relativen, und dann bist du in der Ruhe.

Er kennt auch die Meditationstechnik, die auf Shambavi Mudra beruht, und er kennt die Ananhata Nada Meditation, die Konzentration auf den inneren Klang. Oder auch das direkte Laya, das direkte Auflösen des Geistes, in dem die Kundalini erweckt ist.

Es gibt also mehrere Hauptmeditationstechniken. Auch aus den Mudras entsteht Meditation. Er sagt auch: Wenn man eine Mudra beherrscht, dann kann die Kundalini erwachen, und dann kommt die Meditation von selbst.

Er sagt also: Ist die Kundalini erweckt, dann wird der Geist von selbst zur Ruhe kommen und dann brauchst du dich in der Meditation nicht bemühen. Oder du kannst das Prana unter Kontrolle bekommen, indem du Laya (Ruhe des Geistes) erzeugst – konkret Manolaya -, und das erreichst du durch Konzentration auf Anahata Nada, den inneren Klang.

 

  1. Vers

Wird der Geist zurückgezogen, dann nennt man dies Moksha, auch wenn dies von manchen bestritten wird. Wie auch immer: Werden das Prana und Manas (der Geist) absorbiert, dann wird eine unbeschreibliche Freude empfunden.

 

Er sagte:

Soyam – diese erwähnte Auflösung des Geistes – ist also Moksha (Befreiung). Ist der Geist vollkommen beruhigt, dann ist Moksha erreicht.

Matantara – es gibt noch andere Yogis, die damit vielleicht nicht einverstanden sind. Im alten Indien gab es die verschiedensten auch intellektuellen Auseinandersetzungen. Es wurde immer wieder gefragt: „Was führt zu Moksha?“ Shankara sagt z. B., dass nur Jnana zu Moksha führt. Die Bhaktas (die großen Gottesverehrer) sagen, dass nur die Hingabe zu Gott zur Gnade Gottes führt, und nur die Gnade Gottes führt zu Moksha. Savatmarama sagt hier nun: egal, was die anderen versuchen dir einzureden – die Ruhe des Geistes führt zu Moksha.

Was passiert, wenn Manas und Prana zu Laya (zur Auflösung) geführt werden? Dann geschieht Kashtshit, eine unbeschreibliche (Ananda) Glückseligkeit (Sampravartate) stellt sich ein.

 

Mit anderen Worten:

Übe die Ruhe des Geistes, dann erfährst du Glückseligkeit.

Willst du glücklich sein, dann beruhige deinen Geist.

Du wirst nicht glücklich, indem du den Wünschen hinterherrennst.

Du wirst nicht glücklich, wenn du probierst andere so zu manipulieren, dass sie tun was du gerne hättest.

Du wirst nicht allein dadurch glücklich, dass du den richtigen Arbeitsplatz, die richtige Wohnung, die richtige Kleidung, das richtige Smartphone usw. findest.

Du wirst glücklich sein, wenn du deinen Geist zur Ruhe bringst.

Deine wahre Natur ist Satchitananda – Sein, Wissen und Glückseligkeit.

Bringe den Geist zur Ruhe, und dann strahlt diese Glückseligkeit.

 

  1. Vers

Ein Yogi, der seine Ein- und Ausatmung eingestellt hat, dessen Sinne absolut ruhig geworden sind, dessen geistige Aktivität eingestellt ist und dessen Emotionen ruhig sind, wird in Laya Yoga Erfolg haben.

Hier beschreibt er verschiedenes, was zu Laya, dieser Ruhe, führt:

Verschwinden muss Shwasa (Einatmung) und Nishwasa (Ausatmung). Normalerweise hast du Ein- und Ausatmung. Aber – wie Svatmarama schon im 2. Kapitel des Yoga Sutra gesagt hat – es gibt auch den Zustand Kevala Kumbhaka, wo das Ein- und Ausatmen fast aufhört, nicht mehr spürbar ist. Wenn man eine Feder (z. B. eine ausgefallene Taubenfeder) vor die Nase eines Yogi hält, dann wird sich diese nicht bewegen. Sogar der Herzschlag wird fast aufhören. Wenn das Prana nämlich nicht mehr in den Körper hineingeht, dann hören auch die physiologischen Funktionen fast auf, der Körper kommt in so etwas wie einem Winterschlaf. Dein Atem wird ruhig.

Dann werden natürlich auch die Sinne ruhig. Wenn sie ganz ruhig sind, du nicht mehr gestört wirst (von lauten Geräuschen oder schlechten Gerüchen, wenn etwas blinkt, wenn es zu heiß oder zu kalt ist) – die Sinne sind beruhigt.

Außerdem ist die geistige Aktivität eingeschränkt. Der Geist ist frei von Veränderungen.

Wenn dies alles da ist, dann gibt es natürlich auch keine Bewegungen des Körpers (Nishtsheshtas) und keine Emotionen.

So sind dann die Dinge und du bist in Laya Yoga, du hast Jajati (Erfolg) im Laya Yoga.

Der Yogi erfährt also Erfolg im Laya, wenn all das ruhig ist. Samadhi ist gekennzeichnet von Bewegungslosigkeit des Körpers und des Atems, Nicht-Wahrnehmen von irgendwelchen Indriyas.

Ich habe einmal an einer Studienreihe über Meditation mitgewirkt, wo EEG und EKG gemessen wurden und alles mögliche andere, und bei manchen Menschen, die ganz tief in die Meditation gehen konnten, gab es keine Veränderungen, wenn plötzlich ein lautes Geräusch erzeugt wurde oder jemand das Fenster aufgerissen hat – der Geist ist vollkommen in der Ruhe.

 

  1. Vers

Sind geistige und physische Aktivitäten nicht mehr vorhanden, tritt der nicht mehr beschreibbare Zustand von Laya ein. Dies kann nur von einem Yogi erfahren werden.

Es gibt einen Zustand, in dem jegliche (Sarva) geistige Veränderung (Sankalpa) verschwunden (Ucchina) ist, und auch Freiheit (Nishesha) von allen (Sheshtita) Bewegungen des Körpers.

Dabei ist nur noch Laya (Auflösung) wahrnehmbar, und diese ist unbeschreiblich. Sie entsteht und ist jenseits des Bereiches der Sprache. Sie ist nicht beschreibbar, sondern nur wahrnehmbar, indem man es selbst erfährt.

Mit anderen Worten: Obgleich Svatmarama jetzt in einigen Versen (es sind letztlich über 30 Verse) versucht zu beschreiben, was es heißt, Ruhe des Geistes und Ruhe des Prana zu bekommen, ist dies nicht wirklich beschreibbar, es ist nur erfahrbar.

Warum schreibt Svatmarama dann so viel darüber? Der Grund ist: Er will uns den Mund wässrig machen. Er will letztlich unsere Sehnsucht nach dieser Befreiung, nach dieser Wonne stärken und uns bewusst machen: Ja, es ist möglich, Samadhi zu erreichen, es ist möglich Moksha zu erreichen, und das ist etwas Großartiges.

 

  1. Vers

Menschen sprechen immer wieder von Laya, aber was ist mit Laya gemeint?

Was ist Laya? In Laya wird Drushti (die geistige Wahrnehmung) zurückgenommen, entfernt. Laya Avidja, welches die 5 Elemente und die 10 Indriyas kontrolliert.  Und auch das Vidja, welches die Jnana-Shakti der Lebewesen ist, geht in den Zustand von Laya, in Brahman über. Wo auch immer Drishti (der innere Blick) verweilt, dort findet Auflösung statt. Der geistige Blick muss also nach innen gerichtet werden, und dann findet Auflösung statt. Wo die Auflösung stattfindet, dort lösen sich die Elemente (brutas), die Indriyas und letztlich auch die scheinbar ewig existierende Unwissenheit auf.

Dann gibt es diese ehrwürdige Shakti, die die lebendigen Wesen in zwei Energien hält, die unsichtbaren und die nicht zu definierenden – all das kommt in die Auflösung, und so erreicht man die höchste Verwirklichung.

Es gibt also Elemente, es gibt Indriyas, es gibt Gedanken, es gibt all das Lebendige – all das gilt es aufzulösen, indem man den geistigen Blick zur Ruhe bringt.

 

  1. Vers

Die Menschen sagen gerne Laya Laya. Was jedoch ist überhaupt der Zustand von Laya? Laya ist der Zustand, in den man über die Meditation auf ein Objekt die Sinnesobjekte vergisst und die Vasanas nicht wieder auftauchen, sondern völlig gestillt sind.

Es gibt hier verschiedene Varianten der Übersetzung.

Menschen sprechen von Laya und von Samadhi – viele wissen aber nicht, wovon sie sprechen. Was ist jetzt dieser Zustand von Laya?

Dort sagt Svatmarama im Vers einfach: Laya heißt das Vergessen von Dingen der sinnlichen Wahrnehmung und wenn sich die Begierden nicht mehr in unser Dasein erheben.

Mein Lehrer hat ergänzt: Laya ist der Zustand in der man über die Meditation auf ein Objekt die Sinnesobjekte vergisst und die Vasanas nicht wieder auftauchen, sondern völlig gestillt sind.

 

Laya ist also Ruhe, das Vergessen von Dingen der sinnlichen Wahrnehmung, keine Begierde, Ruhe des Geistes. Tiefe Meditation ist eine Weise, wie man das erreichen kann.

Wenn dich äußere Dinge zu sehr stören, dann hast du noch nicht Laya erreicht und hast auch nicht die Fähigkeit zu Laya. Es ist nicht so, dass die äußeren Dinge dich stören, sondern deine Reaktionen auf die äußeren Dinge stören dich. Du könntest z. B. probieren: Wann immer du dich aufregst, dann versuche, dich nicht aufzuregen. Natürlich ist es manchmal auch gut, sich aufzuregen, um etwas Äußeres zu ändern. Aber du solltest nicht der Sklave von Reiz-Reaktions-Ketten werden. Viele Menschen haben irgendwelche Tasten, die nur jemand anders drücken muss und schon fangen sie an zu kollabieren, sich zu ärgern usw. Viele Menschen haben Knöpfe, und es gibt andere, die wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen, um einen zur Weißglut zu bringen, zum Aufgeben oder in die Unruhe zu bringen. Das ist unwürdig! Sorge dafür, keine Knöpfe mehr zu haben, die andere drücken können. Du kannst es lernen, dich davon zu lösen.

 

Noch einmal die Aufgabe:

Bemühe dich in der nächsten Woche öfter, deinen Geist zur Ruhe zu bringen, dich zu lösen. Mache das entweder, indem du einfach den Geist zur Ruhe bringst, oder mache es, indem du deinen Geist auf ein bestimmtes Zentrum richtest (Ajna Chakra, Anahata Chakra), oder indem du bewusst deinen Atem beruhigst, z. B. durch 4 Sekunden einatmen und 4 Sekunden ausatmen, oder ein paar Mal tief ein- und ausatmen und dann den Atem zu Kevala Kumbhaka führen und wenig Luft ein- und ausatmen – dann spürst du die innere Ruhe. Auch einfach die Übung von mehr Pranayama verhilft dir zu mehr Ruhe.

 

Hari Om Tat Sat

Hier noch der Hinweis: Alle Verse zur Hatha Yoga Pradipika findest du auf unseren Internet-Seiten: schriften.yoga-vidya.de

Es fällt viel leichter, den Geist zur Ruhe zu bringen, wenn du mal ein paar Tage oder Wochen in einem Ashram verbringst, z. B. in einem der Yoga Vidya Ashrams. Dort ist alles darauf ausgerichtet, dass du tiefer meditieren und viel Pranayama üben kannst.

In Bad Meinberg haben wir auch das Shivalaya Retreatzentrum, wo du auch für dich allein praktizieren kannst, z. B. so, wie es in der Hatha Yoga Pradipika beschrieben wird.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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