Was ist Samadhi?
Vers 1
Svatmarama schreibt: „Gruß an Shiva, an den Lehrer, dessen Essenz Nadha, Binduh und Kala ist. Wer ihm vollständig hingegeben ist, der wandelt immer vollkommen rein in seinen Fußabdrücken“.
Svatmarama beginnt also mit der Anrufung. Er bittet den Guru und Shiva um Segen. Der Guru, der spirituelle Lehrer, an diesen wollen wir uns immer wenden. Shiva ist Gott. Gott manifestiert sich als unser menschlicher Lehrer, du kannst dich auch direkt an Gott wenden und ihn um Führung bitten.
Verschiedene Aspekte von Shiva
Was ist Shiva, was ist der Lehrer? Er ist in seiner Essenz Atma. Er hat in seiner Seele das Nada. Nada ist der kosmische Klang, aus dem alles entstanden ist. Shiva ist auch Bindu, das heißt, er ist der Same von allem. Letztlich die Essenz von allem. Shiva ist auch Kala. Das ist zum einen das Sechzehntel des Vollmondes, wie manchmal gesagt wird. Manchmal ist es auch die Wahrnehmung. Kala ist aber auch die Zeit. Man könnte auch sagen, dass das Ganze auch ein wenig ein Wortspiel ist. Also es heißt oft, dass der Lehrer jenseits ist von Zeit, Raum und Kausalität. Hier im ersten Vers wird gesagt, der Lehrer ist sowohl in Atman, der Essenz, als auch der kosmische Klang, Nada. Er ist aber auch Bindu und damit die Essenz. Er ist jenseits aller Zeit, aber er ist auch die Wahrnehmung von allem, Kala.
Großen Meistern folgen und selbst Erleuchtung erlangen
Wenn man Shiva und dem Guru hingegeben ist, dann wird man rein sein und wird in seinen Fußstapfen wandeln, um damit zur höchsten Erleuchtung zu kommen. So gilt es also jenseits zukommen von allem. Du kannst dir auch bewusst machen, diese Gottverwirklichung und die Erleuchtung, die wir erreichen wollen, haben große Meister schon erreicht. So wie Swami Sivananda. Wir wollen diesen großen Meistern folgen und so selbst zur Gottverwirklichung kommen.
Vers 1 auf Sanskrit
Dieser Vers hat auch Mantra-Charakter. Er wurde so geschrieben, dass er einer der bekanntesten Verse aus der Guru Gita sehr ähnelt, den wir bei Yoga Vidya ja auch im Rahmen des Gajananam Stotram regelmäßig rezitieren.
Om Namah Shivaya Gurave Nada Bindu kalatmaneh niranjana padam yati nitjam tatra paranaya
Vers 2
„Nun werde ich den vollkommenen Prozess des Samadhi näher erläutern, der wirklich vollendet ist. Dieser Prozess des Samadhi verhilft zur Überwindung des Todes. Er ist die Ursache von allem Glück und er ist der beste Verursacher der göttlichen Wonne“.
In diesem Vers auf Sanskrit bezieht sich Svatmarama wieder auf einen Vers aus der Guru Gita
Athedānīṁ pravakṣyāmi samādhikramam uttamam mr̥tyughnaṁ ca sukhopāyaṁ brahmānanda-karaṁ param
Atha bedeutet “jetzt”. Viele Schriften beginnen mit Atha. Wie beispielsweise auch das Yoga Sutra mit Atha Yoga beginnt. Hier im 2. Vers sagt Svatmarama Atha, und will jetzt Samadhi erklären. Und zwar will er Uthama, (die beste), Krama (Methode) finden für Samadi.
Prozess um Samadhi zu erreichen - den Tod überwinden
Svatmarama macht uns den Mund wässrig und will uns jetzt zeigen, wie wir auf die beste Weise auf Samadhi kommen. Was ist die Wirkung von Samadhi? Zum einen ist es Mrtyughnam. Mrtyu ist der Tod und Ghnam ist die Überwindung. Ich hatte ja schon in den vorherigen Versen, insbesondere im 3. Kapitel davon gesprochen, warum Svatmarama immer wieder auf die Überwindung des Todes eingeht. Alles, was ein Anfang hat, hat auch ein Ende. Wenn wir den Tod überwinden wollen, müssen wir die Identifikation überwinden, von dem was einen Anfang hat. Deshalb gilt es zu verwirklichen, wir sind nicht der Körper. Dabei hilft die Samadhi Erfahrung wirklich und vollständig, zu erfahren, ich bin nicht der Körper. Und ich bin auch nicht die Psyche.
Sukah und Dukah in verschiedenen Versionen
Als Zweites sagt er „Sukhopaya“, also er ist auch die Ursache, uphaya, von Sukha. Sukha heißt Glück, Wohlbefinden und Freude. Im Sanskrit gibt es unterschiedlichen Gebrauch von Sukha. Es gibt Sukha und Dukha. Wenn diese beiden in dieser Polarität beschrieben sind, dann steht Sukha für Vergnügen und Dukha ist Schmerz. Auch die Bhagavad Gita sagt uns immer wieder, wir sollen jenseits dieser Polarität von Sukha und Dukha gehen. Mal wollen wir Vergnügen erreichen, dann kommt aber Schmerz. Wir wollen Schmerz vermeiden, usw. Man könnte auch sagen, Raga, die Gier, ist das, was an Sukha hängt. Und dvesha, Abneigung, ist das was versucht Dukha zu vermeiden. So beschreibt es auch Patanjali im Yoga Sutra. Also hier ist Sukha/Dukha ein Gegensatz Paar. In dem Rahmen von Viveka, Unterscheidung, wird auch manchmal unterschieden zwischen Sukha und Ananda. Sukha steht hier als vorübergehende Freude und Ananda ist tiefe Freude.
Wirkliches Glück und Erfüllung erfahren durch Samadhi
Aber hier im 2. Vers spricht Svatmarama von Sukha im Sinne von Ananda. Sukha kann also auch Ananda bedeuten, Freude. Wenn er hier von Sukho payam spricht, dann ist damit gemeint, das Erreichen von höchstem Wohlbefinden. Also nicht nur von vorübergehenden Vergnügen. Und dass man wirklich weiß, was damit gemeint ist, sagt er „Brahmananda karam param“. Was so viel heißt wie, das ist der beste und höchste (param) Verursacher (Karam) von Brahmananda, also von göttlicher Wonne. Wenn du also wirkliches Glück erfahren willst, dann strebe nach Samadhi. Alle anderen Glückserfahrungen sind vorübergehend und werden abgelöst von Dukha. Wenn du wirklich Sicherheit haben willst, dann lerne über deinen Körper hinauszuwachsen. Dieser Körper ist immer vergänglich. Und wenn du wirklich vollständig Erfüllung erfahren willst, strebe nach Samadhi. Im weltlichen Leben wirst du dies niemals finden, denn alles im weltlichen Leben hört irgendwann auf.
Hindernisse im weltlichen Leben
Du magst eine zufriedenstellende Aufgabe haben, aber es wird immer irgendwelche Grenzen geben und du wirst immer feststellen, dass das, was du aufgebaut hast, irgendwann wieder zu Ende geht. Wenn du mit Menschen zusammen bist, mit denen du sehr gerne zusammen bist, gibt es trotzdem irgendwann Konflikte. Selbst wenn es keine Konflikte gibt, dann wird es umso schwieriger wenn du dich von einem dieser Menschen trennen musst. Sei es, dass er woanders hinzieht, sei es, dass er stirbt, sei es, dass du woanders hinziehst. In dieser relativen Welt gibt es keine Erfüllung, keine Sicherheit, keine dauerhafte Freude. Es gilt, sich dies immer wieder bewusst zu machen. Denn der Geist wandert immer wieder weg und denkt immer, ich brauche noch dieses, ich brauche noch jenes. Der Geist beschwert sich darüber, dass ein anderer etwas gemacht hat, was nicht richtig ist. Er beschwert sich darüber, dass er ungerecht behandelt wird. Der Geist leidet auch mit, mit anderen. Was natürlich schon eine spirituelle Manifestation des Geistes ist. Aber letztlich geht es darum zu Samadhi zu kommen. Durch mrityughnam, also die Überwindung des Todes und der Sterblichkeit. Hier im Vers spricht er von Sukhopaya, also dem Erreichen von wirklichem Glück. Hier ist Brahmananda, das ist die höchste Wonne. Und Samadhi ist karam param. Das höchste Mittel, zum höchsten Glück.
- Vers rāja-yogaḥ samādhiś ca unmanī ca manonmanī amaratvaṁ layas tattvaṁ śūnyāśūnyaṁ paraṁ padam
- Vers amanaskaṁ tathādvaitaṁ nirālambaṁ nirañjanam jīvanmuktiś ca sahajā turyā cety eka-vācakāḥ
Verschiedene Bezeichnungen für Samadhi
Svatmarama sagt „königliches Yoga, Raja Yoga, Samadhi“ und „unmani und manonmani“, was so viel bedeutet wie Unsterblichkeit, Auflösung, das Reine sein. Die absolute Leere. Höchster Weg. Dieses ohne Wahrnehmung und ohne Dualität, der unbefleckte Zustand, der reine Zustand. Befreiung. Das natürliche Bewusstsein. Der 4. Zustand des Geistes. Diese Begriffe sprechen alle von ein und demselben Zustand. Svatmarama sagt uns hier, dass es viele Bezeichnungen für Samadhi, für Erleuchtung, für Befreiung gibt.
Swami Vishnu, mein Meister wurde mal gefragt, warum haben die Yogi so viele Ausdrücke für das Gleiche, insbesondere für Samadhi, für die Erleuchtung? Dann hat er gesagt, das was Menschen besonders gerne haben, dem geben sie viele verschiedene Namen. Manchmal, wenn zwei ineinander verliebt sind, dann finden sie so viele Kosenamen und Komplimente. Yogis sind letztlich verliebt in Gott und in Samadhi. Und finden deshalb viele verschiedene Ausdrücke dafür. Hier Beispiele dafür.
Raja Yoga
Zum einen nennt er Raja Yoga. Du kennst zunächst mal Raja Yoga als der königliche Yoga. Der Yoga des Geistes und der Yoga der Psyche. Raja Yoga hier heißt aber „königliche Vereinigung“. Yoga heißt ja auch Vereinigung. Raja heißt königlich. Raja Yoga, als königliche Vereinigung bedeutet damit Samadhi.
Ashtanga
Samadhi wird gerne bezeichnet als Versenkung. Du kennst den Ausdruck Samadhi als Überbewusstsein. Also ein Zustand von vollkommener Ruhe. Die achte Stufe der Ashtanga. Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi. Samadhi wird manchmal einfach auch nur als Versenkung bezeichnet, als Meditation an sich. Aber hier sagt er natürlich, wirkliches Samadhi ist diese königliche Vereinigung.
Unmani und Manomani
Und dann steht da Unmani. Das ist der Zustand jenseits des Geistes. Unmani wird manchmal auch als Selbstvergessenheit bezeichnet. Unmani, also das was jenseits von Mani ist. Was auch Patanjali bezeichnet als Niruddha. Also der Zustand vollkommener Ruhe des Geistes. Dann sagt Svatmarama noch Manomani. Damit ist auch wieder der Zustand jenseits des Geistes gemeint. Ähnlich wie Unmani, ein anderer Ausdruck ist für das Gleiche.
Amar Ratva, Laya, Tattwa
Dann gibt es Amar rathva. Amar rathva ist ein weiterer Ausdruck für Samadhi. Amar Rahtvhah ist der Zustand der Unsterblichkeit und der Göttlichkeit. Amara heißt zum einen unsterblich. Es ist auch eine Bezeichnung für die Götter und die Engelswesen. Amara auch der/die Unsterbliche.
Laya ist vollkommene Auflösung von allem. Aber auch tattwa, die höchste Wahrheit. Tattwa hat wieder verschiedene Bedeutung. Tattwa können die Elemente sein. Es gibt auch zum Beispiel im Sanghia gibt es die 24 Tattwas. Manchmal wird auch von 25 Tattwas gesprochen. Das sind dann Seins Zustände. Aber Tattwa in der Einheit ist das, was in Tath verwurzelt ist und damit in der höchsten Wahrheit.
Shunja, Param Pada, Amanaska und Adveita
Dann wird Samadhi auch als Shunja Shunja bezeichnet, als die absolute Leere. Es ist die Leere, die sogar die Nicht-Leere mit einschließt. Dann ist es param pada. Param ist höchster. Pada ist Zustand.
Was ist Samadhi noch? Samadhi ist Amanaska. Das ist der Zustand ohne den Geist. Manas ist Geist. Amanas ist ohne Geist. Amanaska ist also der Zustand ohne den Geist. Was Patanjali bezeichnet als Niruddha und was wir auch schon vorher hatten als Unmani oder Manomani.
Samadha ist auch Advaita. Was so viel bedeutet „ohne Dualität“. Also jenseits von aller Dualität. Also wenn du den höchsten Samadhi erreicht hast, ist es vollkommene Einheit.
Nirahlamba, Niranjana, Jivan Mukta, Sahadscha, Turjia
Nirahlamba beschreibt den Zustand, der nichts braucht. Alamba heißt ja Stütze. Nirahlamba heißt ohne irgendeine Stütze. Samadhi ist auch Niranjana, rein und unbefleckt. Und er führt dazu, dass man Jivan Mukti ist. Also im Zustand der Befreiung. Wenn du Jivan Mukta erreicht hast, dann bist du ein Jivan Mukti. Jivan Mukti ist die Befreiung. Und so ist Jivan Mukti ein anderer Ausdruck für Samadhi. Jivan Mukti heißt auch Sahadscha, der natürliche Zustand. Es ist der Zustand, in dem wir eigentlich sind. Und dieser ist auch Turiya, der vierte Zustand, jenseits von wachen, träumen, tief schlafen.
Wiederholung der verschiedenen Namen für Samadhi
Es gibt also verschiedene Namen für Samadhi. Ich will sie alle nochmal erwähnen. Du kannst dir dann auch nochmal bewusst, das willst du erreichen. Verschiedene Aspekte des gleichen Zustandes.
- Raja Yoga - königliche Vereinigung
- Samadhi – tiefste Versenkung
- Unmani – Zustand jenseits des Geistes
- Mano mani - Zustand jenseits des Geistes
- Amar rathva - Unsterblichkeit
- Laya – Auflösung
- Tattwa – das reine Sosein
- Shunja shunja –die reine Lehre
- Param pada – der höchste Zustand
- Amanaska – Zustand jenseits des Geistes
- Advaita – der Zustand der reinen Einheit – Nichtdualität
- Nirahlamba – der unbedingte Zustand
- Niranjana – der unbefleckte Zustand
- Jivan Mukti – Befreiung zu Lebzeiten
- Shahaja – natürlicher Zustand
- Thurya – der 4. Zustand des Überbewusstseins
- Vers
„So wie sich Salz gleichmäßig verteilt, in Wasser auflöst, so entsteht die Einheit von Geist und Selbst. Dies wird genannt Samadhi und damit Erleuchtung“.
Wenn also die Einheit des Geistes mit dem Atman entsteht, dann sind wir in Erleuchtung. Sayndava, das Salz, löst sich auf in Wasser. Das Wasser ist überall, im Meer zum Beispiel. So ähnlich auch Atma, die Seele, auch sie ist überall. Manas ist der Geist. Über Manas gibt es verschiedene Wesen. Jeder hat so seine eigene Psyche. Das Manas ist natürlich für jeden anders, untereinander verbunden. Wenn sich Manas auflöst in Atman, dann entsteht Samadhi. Das Überbewusstsein.
- Vers
„Wenn Prana und Geist vollkommen verebbt sind und der Geist aufgelöst ist, nennt man den harmonischen Zustand, der daraus hervorgeht, Samadhi.“
Den Geist zur Ruhe bringen
Also wie kommst du zu Samadhi? Zum einen muss das Prana zur Ruhe kommen. Ist das Prana unruhig, dann ist auch der Geist unruhig. Dann identifizierst du dich mit deinen Gedanken. So sagt es auch Patanjal im zweiten Vers des Yoga Sutras „Yogas Citta vritti nirodaha tadadrastu svarupe vasthanam“. Was so viel heißt wie „Yoga heißt das zur Ruhe-bringen-der-Gedanken des Geistes. Dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen.“
Im 4. Vers sagt Patanjali“ Vritti sarupyam itaratra“. Also „ist der Geist nicht zur Ruhe gebracht, dann identifiziert sich der Sehende mit seinen Gedanken“. Solange der Geist unruhig ist, ist auch eine gewisse Identifikation da. Deshalb bringe den Geist zur Ruhe, dann erreichst du deine wahre Natur. Svatmarama ergänzt hier „bringe dein Prana zur Ruhe“. Das erreichst du, indem du das Prana in die Sushumna hineinbringst und damit kommst du aus der Dualität heraus. Die Dualität ist Ida und Pingala, ist Sonne und Mond. Aus dieser Dualität heraus werden alle 72.000 Nadis belebt. Und du hast hundert Tausend Ideen, was du alles tun willst. Wenn du das Prana zur Ruhe bringst, das Prana von Ida und Pingala in die Sushumna einführst, verschwindet die Dualität. Dann erwacht die Kundalini. Ist diese erwacht, wird der Geist ruhig. Ist der Geist ruhig, dann erreichst du die Erleuchtung und damit Samadhi.
- Vers
„Dieser Zustand der Einheit wird durch die Vereinigung von Jivatmam und Paramatman sowie durch die Auflösung aller Gedanken herbeigeführt.“
Jivatman, Paramatman, Pranoshta und Sangkalpa
Der Samadhi Zustand wird also erreicht, indem Jivatmam und Paramatmam als Einheit wahrgenommen werden. Es gibt die Weltenseele, Paramatma, das höchste Bewusstsein. Eins in allem. Die einzelnen Seelen empfinden sich als Individuum, als Jiva. Auch als Jivatma bezeichnet. Also Individualseele. Wenn die Individualseele aufhört sich mit den Gedanken zu identifizieren und damit mit dem Körper, erkennt sie, dass sie Paramatma ist. Also die Universalseele, die höchste Seele, die kosmische Seele. Dies geschieht, wenn alle Ideen, wenn Pranoshta verschwunden ist. Sarava Sangkalpa, alle Vorstellungen, alle Ideen, alle Wünsche und alle mentalen Konstruktionen aufgelöst sind. Sangkalpa ist ein sehr vielfältiger Ausdruck. Er kann Vorsatz bedeuten, oder Affirmation, oder auch Wünsche. Sangkalpa kann auch heißen, alle Gedanken.
Alle Wünsche, Vorstellungen und Vorsätze fallen lassen
Samadhi ist, wenn alle Wünsche, Vorstellungen und Vorsätze zum Stillstand gekommen sind. Natürlich ist es richtig, sich gute Vorsätze zu fassen. Aber im Samadhi bist du über alle Vorsätze hinausgewachsen. Du hörst auf, dich als Individuum zu identifizieren. Mache dir immer wieder bewusst, du bist das unsterbliche Selbst. Öfters erkennst du, da sind Wünsche, Gedanken, Vorstellungen, Erwartungen, Hoffnungen. All das sind Sangkalpas, die bezogen sind auf Jivatman, also auf die individuelle Seele. Lasse sie ab und zu einfach mal los. Pranashta, das Verschwinden. Lass alle Sangkalpas verschwinden und erfahre Samadhi. Selbst wenn du noch nicht gleich Samadhi erfährst, kannst du dir mindestens ab und zu mal vornehmen, Gedanken, Wünsche, Hoffnungen loszulassen. Einen Moment lang mal im Hier und Jetzt sein.
Vielleicht magst du jetzt auch mal einen Moment innehalten und eine Lesepause einlegen. Ein Moment lang Gedanken, Wünsche loslassen. Erwartungen loslassen. Hoffnungen loslassen. Vorsätze loslassen. Alles loslassen, was du denkst, was du noch alles machen musst. Einen Moment in die Ruhe gehen. Die Tiefe deiner Seele spüren, verbunden sein mit Allem.
- Vers
„Derjenige, der die Großartigkeit von Raja Yoga kennt, erlangt mit der Gunst des Gurus Jnana, Mukti, Stitti und Siddi“.
Im Sanskrit Text kann man das auch als Frage formulieren. In einer anderen Übersetzung heißt es „Wahrlich, wer kennt die wahre Essenz dieses großartigen Zustands von Raja Yoga“?
Raja Yoga und Samadhi
Wer kennt die Essenz des großartigen Zustandes von Raja Yoga? Natürlich derjenige, der Samadhi erlangt hat. Svatmarama spielt jetzt mit dem Ausdruck Raja Yoga. Raja Yoga ist ja zum einen der Yoga der Kontrolle des Geistes. Raja Yoga ist auch der Yoga, mit dem du schrittweise lernst den Geist zu beherrschen. Aber Raja Yoga heißt auch der königliche Zustand der Einheit. Es ist also eine Doppelbedeutung. Wie so häufig. Yoga heißt ja sowohl Einheit als auch Verbindung, als auch alle Praktiken, mit denen man zu Harmonie und Einheit hinkommt.
Also wer kennt wirklich Raja Yoga? Es ist eine Essenz. Er sagt dazu auch Mahatmja. Das heißt zum einen die Größe oder die Macht des Raja Yoga. Auch das ist wieder ein Wortspiel. Maha heißt groß, Atma heißt Seele. Mahatmja, ist die Größe. Aber es ist auch der Zustand des großartigen Selbst. Wer kennt diesen Zustand? Natürlich erreicht derjenige diesen Zustand, der Vakja, die Worte des Gurus befolgt.
Selbstverwirklichte Lehrer – Wort und Gnade
Es gilt, dass du deinen Lehrer ehrst und du dich öfter auf deinen Lehrer einstimmst. Der Sadguru ist natürlich ein selbstverwirklichter Lehrer. Wie Swami Sivananda. Auf ihn können wir uns immer wieder konzentrieren. Von ihm können wir immer wieder lernen, immer wieder etwas lesen. Wir können sein Bild anschauen und um seinen Segen bitten.
Es sind sowohl die Unterweisungen des Lehrers. Dafür brauchst du vielleicht einen Lehrer, der dir sagt, was zu tun ist. Vielleicht auch die Bücher von Swami Sivananda lesen. Aber du brauchst eben auch die Gnade des Lehrers. Svatmarama spricht hier mehr von Svakja, also vom Wort des Lehrers. Aber es ist eben auch die Gnade. Was erreicht man durch das Wort des Lehrers? Dort erreicht man Jnana. Jnana heißt Wissen und Erkenntnis. Man erreicht Mukti. Mukti heißt Befreiung, also die Erlösung. Die vollkommene Freiheit von allen Bindungen, Wünschen und Karma. Von allen Identifikationen und damit von allem Leid. Man erreicht auch Stitti, Beständigkeit, Dauerhaftigkeit. Der Zustand der Erleuchtung, wenn er vollständig erreicht ist, ist auch von Dauer. Der Körper wird weiter durch Höhen und Tiefen gehen. Auch ein Sadguru, oder auch ein Jivanmukta, ein lebendig Befreiter, werden auch körperliche Krankheiten haben. Der Körper wird irgendwann sterben. Auch der Geist wird weiter in der Lage sein, Emotionen zu erzeugen, vielleicht sogar auch Wünsche.
Aber der Mensch, der Jivanmukta erreicht, wird davon nicht mehr berührt. Er ist dann Stitti. Er hat die vollkommene Ruhe erreicht. Und er hat auch Siddhi erreicht, was Erfolg und Vollkommenheit bedeutet.
Mit Siddhi sind natürlich auch besondere Fähigkeiten gemeint. Aber hier steht Siddhi mehr in der Einzahl, und steht für Vollkommenheit.
- Vers
„Ohne die gütige Gnade des Gurus und ohne Gleichgültigkeit gegen über weltlichen Vergnügungen, sind die wirkliche Erkenntnis der Wahrheit und der Zustand des Samadhi, der Erleuchtung ganz und gar unmöglich oder auch schwer zu erlangen“.
Ausführungen zu den Begriffen Duhrlaba, Vishaja tjaga, Sahajavasta und Tava
Svatmarama sagt also Duhrlaba, schwer zu erlangen. Es gibt verschiedene Übersetzungen. In einer anderen Übersetzung heißt es „Schwer zu erlangen (also Duhrlaba) ist zum einen Vishaja tjaga. Tjaga heißt die Entsagung. Und Vishjaja ist alles Sichtbare, alle Sinnesobjekte. Also Vishaja tjaga ist schon mal schwer zu erlangen. Ebenfalls schwer zu erlangen ist Tatva Dharshana. Also die unmittelbare Erkenntnis dharshana, von Tava, höchster Wahrheit. Dhurlabha, in der Bedeutung von „schwer zu erlangen“ ist auch Sahajavasta, also der natürliche Zustand der Erleuchtung. Und zwar alles schwer zu erlangen, vina, ohne Karuna, also der Gnade, des Mitgefühl, der Liebe eines Sadgurus. Eines selbstverwirklichten Meisters.
Verehrung und Gnade des spirituellen Meisters
Mit anderen Worten, verehre den Sadguru, den spirituellen Meister. Er wird dir helfen zur Erleuchtung zu kommen. Ohne diese Gnade ist es schwer. Swami Vishnu hat es sogar übersetzt mit „es ist ganz und gar unmöglich“. Svatmarama beschreibt es mit dhurla bah, womit „schwer zu erlangen“ gemeint ist.
Um zur Erleuchtung zu kommen, muss man zunächst die Gleichgültigkeit gegenüber den Sinnesobjekten bekommen. In einem nächsten Schritt kommt man dann zur Erkenntnis der Wahrheit. Und damit zum höchsten Zustand der Erleuchtung.
Rezitation des letzten Verses
Zum Abschluss dieser Ausführungen über Samadhi in der Hatha Yoga Pradipika will ich nochmals den letzten Vers rezitieren durlabho vishaya-tyago durlabham tattva-darshanam durlabha sahajavastha sad-guroh karunam vina
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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