Voraussetzungen für die Erweckung der Kundalini – Kommentar zu den Versen 121 bis 125, 3. Kapitel, Hatha Yoga Pradipika
- Vers: „Nur ein Yoga, der das Leben eines Brahmacharyas führt, eine gemäßigte und nahrhafte Diät befolgt erlangt Vollkommenheit in der Handhabung der Kundalini innerhalb von 40 Tagen.“
Gerade dieser Vers wird auf unterschiedliche Weisen übersetzt. Zunächst gilt es Brahmacharya zu üben. Brahmacharya heißt zum einen sexuelle Enthaltsamkeit. Allerdings hat er ein paar Verse vorher gesagt, wie man Geschlechtsverkehr spiritualisieren kann. So kann man Brahmacharya auch jemanden bezeichnen, der sein Leben auf Gott ausrichtet. Wenn man die Kundalini erwecken will, sollte man auch sonst all sein Tun auf Gott ausrichten. Zweitens gilt es „hita“ (heilsame Nahrung) zu sich zu nehmen. Wobei „hita“ allgemein „heilsam“ ist. Das heißt, man sollte allgemein Heilsames zu sich nehmen. Heilsames ist natürlich zum einen das Essen. Man sollte eine gemäßigte und nahrhafte Diät befolgen. Aber auch sonst darauf achten, dass man seinen Geist nur mit Sattvigem füttert. Wer also eine sattvige Ernährung hat, aber eine rajasige oder tamasige Musik hört, im Internet oder sozialen Medien jedem Skandal nachgeht, sich alle möglichen komischen Dinge anhört und Klatschgeschichten verbreitet, das ist auch nicht gut. Also, erfreue dich am Leben des spirituellen Schülers. Sei also ein spiritueller Schüler, ausgerichtet an Brahman. Nimm Gutes zu dir und dann übe Kundalini Praxis. Dann wirst du „innerhalb von 40 Tagen“ sagt er hier die Selbstverwirklichung erreichen. Wobei da „maṇḍalāt“ steht. „Maṇḍalāt“ heißt eigentlich „nach 40 Tagen“. Es kann aber auch heißen: Praktiziere den Kreis von spirituellen Praktiken. Also, vieles ist dort doppeldeutig. Übe also den Kreis der spirituellen Praktiken des Kundalini Yoga. So wirst du Siddhi (Vollkommenheit) erreichen. Meist wird „Siddhi“ als „übernatürliche Kräfte“ übersetzt, Aber hier steht eigentlich „siddhiḥ“. Das kann man auch als Erfolg, Vollkommenheit, Verwirklichung deuten.
- Vers: „Praktiziere im Besonderen Bhastrika, um die Kundalini in Bewegung zu versetzen. Jemand, der in Yama gefestigt ist und das praktiziert, braucht den Tod nie zu fürchten.“
Das heißt zum einen: Übe Bhastrika. Mit Bhastrika kannst du die Kundalini in Bewegung setzen. Dann gilt es auch, in „Yama“ gefestigt zu sein, also die zehn Yamas, die Svatmarama vorher beschrieben hat. Vielleicht erinnerst du dich, bei Patanjali gibt es die fünf Yamas Ahimsa, Satya, Asteya, Aparigraha und Brahmacharya. Svatmarama kennt zehn Yamas. Die sollte man üben. Es reicht nicht aus, nur physisch zu praktizieren. Sondern es ist auch wichtig, die Ethik gefestigt zu halten. Ansonsten wird man zum Dämonen. Wer viel Prana hat, aber nicht ethisch ist und dann das Prana, das er vielleicht durch intensive Atemübungen und Kundalini Yoga bekommt, für Macht, Einfluss, Charisma, Vergnügen und Reichtum nutzt, der ist letztlich ein Asura. Im alten Indien gibt es immer wieder Beschreibungen von Asuras, die intensive spirituelle Praktiken gemacht haben. Atemübungen, gefastet, auf einem Bein gestanden, andere Asanas, viel meditiert, Mantras rezitiert und so weiter. Und die nachher ihre Kräfte für Macht, Vergnügen usw. missbraucht haben. Da musste sich irgendwann Gott inkarnieren, um sie wieder zu beseitigen. Also sei nicht egoistisch, sondern praktiziere zusammen mit Kundalini Yoga die Yamas.
- Vers: „Um die Unreinheiten der 72 000 Nadis zu beseitigen, gibt es nichts Besseres als die Praxis von Kundalini.“
Natürlich heißt, erst einmal sollte man alles tun, um die Nadis zu reinigen. Aber du brauchst nicht zu warten bis du vollständig gereinigt bist. Wenn du wartest bis du vielleicht in den fünf Yamas und den fünf Niyamas vollkommen bist, jetzt reduziere ich es wieder auf fünf, kannst du ewig warten. Übe spirituelle Praktiken. Übe Asana, Pranayama, Bandha, sattvige Ernährung. Kultiviere auch die Tugenden. Alles zusammen kann dir helfen, die Nadis zu reinigen, Sushumna zu öffnen und Gott zu verwirklichen.
- Vers: „Die mittlere Nadi (Sushumna) wird durch die beständige Praxis der Yogis hinsichtlich Asanas, Pranayama und Mudras gestreckt und geöffnet.“
Wenn du die Praktiken machst, wird der mittlere Energiekanal geöffnet und dann kann die Kundalini nach oben steigen.
- Vers: „Derjenige, der dies übt, den Geist fest konzentriert, ohne nachlässig zu werden, erlangt durch Shambhavi oder irgendein anderes Mudra die Vollkommenheit.“
Hier kann man sagen: Du erreichst die Vollkommenheit durch irgendein Mudra. Du musst es nur üben. Wie solltest du es üben? Eben so, wie er es beschrieben hat. Er hat erst gesagt: „Shakti Chalini erweckt die Kundalini.“. Dann sagt er: „Aber damit Shakti Chalini die Kundalini erweckt gilt es, dass du insgesamt dein Leben auf Brahman ausrichtet. Dass du ernährungsmäßig und anders sattviges, wohltuendes zu dir nimmst. Es gilt, dass du die fünf oder zehn Yamas und Niyamas übst. Und dann gilt es auch den Geist zu konzentrieren und das, was du praktizierst, bewusst zu machen. Und dann kannst du durch jedes Mudra zur Vollkommenheit kommen. Nicht nur durch Shakti Chalini.“.
Andere deuten, dass man sagt: „Durch Shambhavi Mudra kommst du letztlich zur Vollkommenheit.“ Also praktiziere die verschiedenen Mudras und zum Schluss übe Shambhavi Mudra. Was Shambhavi Mudra ist, beschreibt er im 4. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika.
Übe also Shakti Chalini. Überlege nochmal: Richtest du wirklich dein Denken und Streben auf Brahman, Gott, das Göttliche, spirituelles Leben aus? Ist das, was du zu dir nimmst, in deine Sinne (Augen, Ohren, Mund, Nase, …) hineingibst, wirklich sattvig? Praktizierst du wirklich intensiv und wie steht es mit deiner Konzentration und Bewusstheit?
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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