Vajroli Mudra für Frauen – Kommentar zu den Versen 99 bis 103 der Hatha Yoga Pradipika
Interessant ist hier, dass die Frauen jetzt hier besonders bewusst genannt werden. Damit erscheint es für mich recht klar, dass es in der Frühzeit des Hatha Yogas, im indischen Mittelalter als die Hatha Yoga Pradipika geschrieben wurde, ganz selbstverständlich war, dass Frauen auch mitgemeint sind. Warum würde er jetzt ausgerechnet hier Frauen nennen? Er nennt sie deshalb, weil die Geschlechtsteile von Frauen und Männern anders sind. Und jetzt will er sagen: Vajroli Mudra kann auch von Frauen geübt werden. Bei den sonstigen Übungen muss er das nicht besonders erwähnen, weil die Übungen für Frauen und Männer identisch sind.
- Vers: „Wenn eine Frau mit dem Geschick aus richtiger Übung den Samen (Bindu) des Mannes nach innen zieht, ihr Vaginalsekret (Raja) bewahrt durch Vajroli, dann ist diese wahrlich eine Yogini.“
Das kann man jetzt auf verschiedene Weisen interpretieren. Man kann es interpretieren, dass es wörtlich gemeint ist. Das heißt, die Frau zieht im Geschlechtsverkehr den Samen nach oben und behält auch ihr eigenes Vaginalsekret oben.
Man kann aber auch sagen, die Frau zieht die Energie auch nach oben. Also zieht die Frau im Geschlechtsverkehr nach oben und der Mann auch. So wird bei beiden die Energie nach oben gebracht. Natürlich auch, wenn es der Frau gelingt Vajroli Mudra zu praktizieren, das heißt die Scheide so zusammenzuziehen, dann wird auch die Scheide insgesamt enger und dann kann es zu einem tiefen sexuellen Vergnügen führen, ohne dass man dabei aktiv sein muss. Im Grunde genommen ist die Frau für einen meditativen Geschlechtsverkehr besonders wichtig. Es gibt auch die Möglichkeit, der Mann setzt sich kreuzbeinig oder auch im Schmetterling (Bhadrasana) hin, die Frau setzt sich auf den Mann. Und dann umarmt man sich. Und dann bringt der Mann seinen erigierten Penis in die Frau. Dann zieht die Frau ihre Muskeln in der Scheide zusammen. Mit etwas Übung gelingt es so, dass dort ein sehr intensives Gefühl erfahren wird. Und dabei kann die Energie nach oben gezogen werden. Ich persönlich meine, ob es dabei zur Ejakulation kommt oder nicht, ist jetzt für die Wirkung der Übung nicht so wichtig. Auch wenn eine andere Interpretation ist, der Mann sollte dabei lernen Vajroli Mudra so fest zu üben, dass auch im Moment des Orgasmus letztlich die Muskeln des Penis und der Harnröhre so fest zusammengezogen werden, dass die Prostata die Samenflüssigkeit nicht nach draußen geben kann. Das könnte man probieren. Ob es wirklich etwas bringt, möchte ich jetzt hier nicht zu viel dazu sagen. Aber in jedem Fall soll das heißen: Ja, die Frau zieht die Energie nach oben und der Mann zieht seine Energie nach oben. Gemeinsam kann man Geschlechtsverkehr zu einem heiligen Akt machen.
- Vers: „Ohne Zweifel, geht kein bisschen von diesem Vaginalsekret (Raja) verloren, und der mystische Ton (Nada) erreicht wahrlich im Körper zum Samen (Bindu).“
Raja und Bindu heißen natürlich verschiedene Dinge. Rajas kann Unruhe, Menstrualblut und Vaginalsekret heißen. Rajas ist eben auch die innere Unruhe. Sexualität ist natürlich etwas Sinnliches. Es ist auch etwas, was mit Gier verbunden ist. Wenn Mann und Frau die Energie nach oben ziehen, geht nichts von dieser Energie unruhig verloren. Anstatt zu sagen, es geht kein Vaginalsekret verloren, kann man sich fragen: „Was soll das bringen einfach nur Vaginalsekret nach oben zu ziehen?“. Da kann man die zweite Bedeutung von Rajas nehmen, unruhige Energie. Diese unruhige Energie zieht man mit diesem Vajroli Mudra nach oben.
Dann kommt wieder Same (Bindu) des Mannes. Der wird auch nach oben gezogen. Damit ist es die Geschlechtsenergie und die Essenz. Damit ist es nicht der physische Samen.
Wenn dann Rajas und Bindu nach oben gehen, dann wird Nada (der kosmische Klang) erfahren. So werden Bindu und Rajas im eigenen Körper in Verbindung kommen. Beide geben durch die Vajroli-Praxis übernatürliche Kräfte. Also hier verspricht er, wenn du den Geschlechtsverkehr so praktizierst im Bewusstsein die Energien nach oben zu ziehen und beide Energien miteinander zu verbinden, miteinander zu verschmelzen, dann ist das nicht nur eine wunderschöne sexuelle und sinnliche Erfahrung, dann ist es auch etwas Spirituelles, was besondere Fähigkeiten gibt.
- Vers: „Diejenige, die durch den Zug nach oben ihr Vaginalsekret (Raja) bewahrt, ist wahrlich eine Yogini. Sie kennt Vergangenheit und Zukunft und erlangt fortwährend die Fähigkeit sich im Himmel zu bewegen (Khechari).“
Energie nach oben ziehen. Natürlich kann man das nicht nur während des Geschlechtsverkehrs tun. Das Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln, für die Frau insbesondere das Zusammenziehen der Scheide, ist sehr wichtig, um die Energie nach oben zu ziehen. Damit kann man Rajas (innere Unruhe) in spirituelle Kraft umwandeln. Wenn man die spirituelle Kraft nach oben zieht, ist man über Vergangenheit und Zukunft hinaus und lebt in der Gegenwart. Außerdem kann man Khechari üben. Khechari ist zum einen die Beschreibung für Zunge nach hinten und nach oben schauen. Um Khechari zu üben, kann man vorher dieses Vajroli Mudra üben. Zum andern heißt Khechari sich im Himmel bewegen. Kann heißen: Und so gelingt einem in die höheren Welten zu kommen.
- Vers: deha-siddhiṁ ca labhate vajroly-abhyāsa-yogataḥ |ayaṁ puṇya-karo yogo bhoge bhukte’pi muktidaḥ ||103||
„Perfektion (Siddhi) des Körpers wird erreicht durch die Yoga-Praxis (Abhyasa) von Vajroli. Dieses Yoga erzeugt wunderbare Verdienste (Punja). Selbst in vergnüglichem Genuss (Bhoga) wird Befreiung (Mukti) erlangt.“
Also, durch Vajroli Mudra wird also auch etwas Tolles für den Körper erreicht. Es gibt alle möglichen guten Resultate. Sinnlicher Genuss (Bhoga oder Bhukti) wird mit Befreiung (Mukti) verknüpft. So hat Vajroli Mudra mehrere Bedeutungen. Du kannst Vajroli Mudra als spezieller Aspekt von Mulabandha üben. Also beim Mann das Perineum zusammenziehen. Und zwar besonders nach oben ziehen. Als Frau kannst du Vajroli Mudra üben, indem du die Scheidenmuskeln nach oben zusammenziehst. Beides hilft die Energie nach oben zu bringen. Es gibt Vajroli Mudra auch als wellenförmige Übung, die Muskeln zusammenzuziehen. Von vorne unten nach hinten hoch. Auch dieses Zusammenziehen ist etwas, um die Energien zu sublimieren. Darüber habe ich schon in einem anderen Vortrag über Vajroli Mudra gesprochen. So möchte ich dir jetzt die Anregung geben, falls du einen Sexualpartner oder eine Sexualpartnerin hast, der/die für so etwas offen ist, dann könnt ihr zusammen mal das ausprobieren. Zuerst versetzt ihr euch in einen reinen Zustand, vielleicht nicht unbedingt mit Amaroli Mudra, aber ihr könnt euch vorher reinigen und auf den Geschlechtsverkehr vorbereiten. Als Zweites könnt ihr dann das Vorspiel machen. Dann könnt ihr probieren, euch letztlich auf meditative Weise zu vereinigen und dann mittels Vajroli Mudra die Energie nach oben ziehen. Danach euch gegenseitig als Manifestation von göttlicher Mutter und göttlichem Vater verehren. Das ist dann eben Sahajoli Mudra. Ein paar Minuten dann in die Meditation gehen. Selbst wenn du keinen Sexualpartner hast oder keinen, der für so etwas offen ist, kannst du trotzdem Vajroli Mudra üben. Eben das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln von vorne unten nach hinten hoch, z.B. während der Wechselatmung oder auch zu Anfang des Anhaltens bei Kapalabhati. Oder auch in Asanas kannst du immer nach dem Einatmen kurz die Luft anhalten, Vajroli Mudra üben und ausatmen. Das wird eine gewisse Energie aktivieren.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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