Sahajoli in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 92 bis 95 der Hatha Yoga Pradipika
- Vers: Sahajoli, Amaroli und Vajroli sind grundsätzlich drei Mudras, die zu den sogenannten Oli Mudras gehören. Von ihnen wird manchmal gesagt, dass sie nicht zur sattviges Praxis gehören. Swami V. sagt in seinem Buch „Hatha Yoga Pradipika“ etwas lapidar als Kommentar: Diese Verse werden ausgelassen, weil es Übungen sind, die bei sattvigem Sadhana nicht berücksichtigt werden. Also sie stehen ein bisschen unter Zwielicht. Bei Yoga Vidya lehren wir mindestens Sahajoli und Amaroli nicht. Vajroli lehren wir nur in einer anderen Variation.
Ich lese mal den 92. Vers: atha sahajoliḥ-sahajoliś cāmarolir vajrolyā bheda ekataḥ | jale su-bhasma nikṣipya dagdha-gomaya-sambhavam ||92||
„Nun Sahajoli. Sahajoli und Amaroli zusammen mit Vajroli sind drei Teile von Einem. Reine heilige Asche entstanden aus der Vereinigung aus verbranntem Kuhdung in das Wasser gegossen.“
Um Sahajoli zu üben, nimmt man also erst einmal heilige Asche. Das heißt verbrannten Kuhdung und diesen gießt man dann ins Wasser. Verbrannter Kuhdung, auch Bhasma oder Vibhuti genannnt, hat besondere Fähigkeiten. Es gilt als spirituelle Asche, wir nennen es auch gerne die heilige Asche. Man kann sie auf das dritte Auge auftragen. Bei Yoga Vidya produzieren wir sie zum Teil selbst durch die Homas (Feuerrituale). Man kann sie inzwischen auch im Internet bestellt unter Vibhuti, Bhasma oder Holy Ash.
- Vers: „Nach dem Akt des Vajroli sollen Frau und Mann ihren eigenen Körper mit Asche beschmieren und für einen Augenblick frei von Sorgen glücklich zusammen sitzen.“
Das soll heißen, man kann Geschlechtsverkehr haben und der Geschlechtsverkehr wird mit Vajroli Mudra verbunden. Vajroli Mudra heißt das Hochziehen der Energien nach oben. Das soll heißen, dass Sexualität nicht nur auf dem Svadhisthana Chakra stattfinden. Sondern man sollte sich in dem Moment auch über die anderen Chakras vereinigen und die Energie nach oben ziehen. Nachdem der Geschlechtsakt abgeschlossen ist, sollte man sich dann heilige Asche auftragen.
Das kann man auch so sehen: Nach dem Geschlechtsverkehr sollte man sich nicht einfach wegdrehen oder einfach nur ein bisschen romantisch sein, sondern voreinander sitzen, vielleicht meditieren. Natürlich, der Kommentator Brahmananda sagt, man solle Asche auf Kopf, Stirn, die Herzgegend, Schultern, Arme und so weiter geben.
Letztlich soll das heißen, da man ja heilige Asche auch verwendet, um Shiva zu verehren: Man soll den oder die andere wie ein Gott oder eine Göttin verehren.
In diesem Sinne könnte man sagen, dass das Beschreibungen sind, wie du den Geschlechtsverkehr spiritualisieren kannst. Durch Vajroli Mudra stelle dir vor, du ziehst die Energie nach oben. Nach dem Geschlechtsverkehr bleibt eine Weile sitzen, verneigt euch voreinander als Manifestation des Göttlichen und spürt die Gegenwart. Wenn ihr einen Bezug zu heiligen Aschen habt, nutzt diese. Wenn ihr auf eine andere Weise die Ehrerbietung ausdrücken wollt, macht es so.
- Vers: sahajolir iyaṁ proktā śraddheyā yogibhiḥ sadā | ayaṁ śubha-karo yogo bhoga-yukto’pi muktidaḥ ||94||
„Dieses hier beschriebene Sahajoli soll fortwährend von Yogis befolgt werden. Es ist eine gute Weise Yoga zu praktizieren. Obschon es mit Vergnügen (Bhoga) verbunden ist, führt es doch zur Befreiung (Mukti).“
Bhoga heißt Vergnügen. Yoga heißt letztlich Vereinigung. Normalerweise sagt man: Bhoga ohne Yoga gibt Roga – Vergnügen ohne Yoga gibt Krankheit. Roga heißt Krankheit.
Aber, wenn man Bhoga mit Yoga verbindet, kommt man zur Befreiung. Es gibt den Weg der Entsagung. Es gibt aber auch den Weg des sattvigen Vergnügens. Wenn man Geschlechtsverkehr hat, kann man ihn als einen heiligen Akt ausführen und den oder die andere wie Gott verehren.
- Vers: ayaṁ yogaḥ puṇyavatāṁ dhīrāṇāṁ tattva-darśinām | nirmatsarāṇāṁ vai sidhyen na tu matsara-śālinām ||95||
„Dieses Yoga kann wahrlich vom Tugendhaften, Gottsuchenden, Kenner der Wahrheit, Makellosen erreicht werden, wahrlich nicht von dem von Selbstsucht getriebenen.“
Manchmal werden tantrische Praktiken gerade von Männern als Ausrede verwendet, um jede Menge Sexualpartnerinnen zu gewinnen und letztlich im Namen des Yoga einfach nur ihre Selbstsucht zu befriedigen. Da sagt er: Das sollte man nicht tun. Diese Gefahr gab es schon zu Svatmaramas Zeiten. Ich kenne eine Reihe von sogenannten Meistern, von denen es heißt, sie haben das Gelübde von Brahmacharya abgelegt, die mehrere Schülerinnen immer wieder verführt haben und gesagt haben, sie weihen sie in die heiligen Manifestationen des Tantras ein, das war dann letztlich ein Geschlechtsverkehr und sie sollten es als großen Segen ansehen. Genau das ist nicht das, was hier gemeint ist. Wenn man schon eine feste Beziehung hat und zusammen auf dem spirituellen Weg ist, dann kann man auch Vajroli und Sahajoli in dieser Art üben und aus dem Geschlechtsverkehr eine heilige Handlung machen.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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