YVS466 Vajroli Mudra - HYP III 83-91

  1. Vers - Vajroli Mudra – ein Oli Mudra

Ab dem 83. Vers geht es um Vajroli Mudra. Dieser Mudra Name bedeutet so viel wie Donnerkeil.  Vajra heißt Donnerkeil, oder auch Diamant. Vajroli Mudra ist eine der drei sogenannten Oli Mudras. Vajroli, Sahajoli und Amaroli, die unterschiedlich interpretiert werden.

Mein Lehrer spricht in seinem Buch „Hatha Yoga Pradipika“ über diese Mudras gar nicht, er lässt diese Verse sogar aus. Diese drei Mudras haben zudem auch eine rot-tantrische Interpretation. D. h. sie haben etwas mit Sexualität und Geschlechtsverkehr zu tun. 

Es gibt aber auch bestimmte Variationen dieser Mudras, die man in die normale Praxis integrieren kann. Bei Yoga Vidya kennen wir das sogenannte „kleine Vajroli Mudra“, Lagho Vajroli und auch das große Vajroli Mudra, Maha Vajroli Mudra.

 

Beispiele für die Anwendung des kleinen Vajroli Mudras

Das kleine Vajroli Mudra besteht daraus, dass du die Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen ziehst. Das heißt erst die vorderen, dann die mittleren und die hinteren. Und du diese nach oben ziehst. Das hilft, dass das Prana vom Mulhadara ins Swadistana und weiter ins Manipura Chakra gezogen wird.

 

Anleitung für Vajroli Mudra

Wenn du willst, kannst du es jetzt gleich mal ausprobieren. Du kannst erst einmal einatmen und die Luft anhalten und dann ziehst du erst die vorderen Beckenbodenmuskel an, dann die mittleren und dann die hinteren (also Anus Schließmuskel bis ganz oben). Dann kannst du sie wieder loslassen und sie dann erneut in dieser Reihenfolge anspannen und diese drei zusammen bilden dann das Vajroli Mudra. Es gibt das kleine Vjroli Mudra, das man zum Beispiel in manche Pranayamas integrieren kann, in Asanas und auch in die Meditation um die unteren drei Chakras zu aktivieren, und damit das Prana nach oben strömen zu lassen.

 

Vajroli Mudra – Interpretation von Swami Satyananda

Swami Satyananda hat Vajroli Mudra etwas anders interpretiert. Er spricht dabei auch von den drei Gruppen von Beckenbodenmuskeln. Es gibt die vorderen, die mittleren und die hinteren. Die vorderen Beckenbodenmuskeln sind eben diejenigen des Harnleiters. Beim Mann die Muskeln des Penis.

Die mittleren Beckenbodenmuskeln sind dann beim Mann die Muskeln des Perineums, bei der Frau die Scheidenmuskeln. Zu den hinteren Beckenbodenmuskeln gehören die Anus Schließmuskeln dazu.

 

Interpretationen des Vajroli Mudra in den verschiedenen Traditionen

Swami Satyananda hat das Zusammenziehen der mittleren Beckenbodenmuskeln als Vajroli Mudra bezeichnet, währenddessen wir bei Yoga Vidya als kleines Vajroli Mudra das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln von vorne unten nach hinten hoch verstehen.

Dann gibt es noch das sogenannte große Vajroli Mudra, wo verschiedene kleine Mudras miteinander kombiniert werden, um wellenförmig die ganze Energie vom Muladhara Chakra bis zum Sahasrara Chakra zu bringen.

Insofern gibt es also verschiedene Interpretationen von Vajroli Mudra. Bei Yoga Vidya geht das kleine Vajroli Mudra so: Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen ziehen, um Prana in die Sushumna zu bringen, den Energiefluss in den unteren drei Chakras zu aktivieren und in eine wellenförmige Energieströmung nach oben zu bringen.

Im großen Vajroli Mudra wird das fortgesetzt bis zum Sahasrara Chakra.

 

 

Svatmarama, Autor der Hatha Yoga Pradipika sagt: Vajroli Mudra, der Donnerkeil. Selbst nach eigenem Gutdünken handelnd, ohne die sittlichen  Regeln.  Der Yogi, der Vajroli Mudra kennt wird Empfänger von übernatürlichen Kräften, Siddhi.

Kommentar von S. zum 83. Vers (die nächsten Verse überspringt er dann ja)

Jeder, der ein gewöhnliches Leben, ohne Beachtung von Yama und Niyama lebt, so wie es vom Yoga vorgeschrieben wird und das Vajroli Mudra übt, wird zum Träger von Siddhis. Also sagt S. damit, dass durch Vajroli Mudra große, besondere Fähigkeiten entwickelt werden. Natürlich setzt Svatmarama voraus, dass du Yama und Niyama übst. Aber er sagt, selbst wenn du es nicht übst, mit Vajroli Mudra kannst du besondere Kräfte bekommen.

  1. Vers

Wahrlich werde ich an dieser Stelle zwei wertvolle Dinge erwähnen, die von jedem schwer zu finden sind. Zum einen ist das Milch, und ein zweites ist eine wahrlich fähige Frau. Also diese Verse sind zum Teil etwas anzüglich geschrieben. Man kann überlegen, was ist denn schwierig an Milch zu finden? Eventuell war es zu Svatmaramas Zeit etwas schwierig.

Es heißt hier auch, es ist schwer zu erlangen für einen mittellosen Mann. Insbesondere, wenn er nicht genug Geld und Vermögen hat. Milch war im alten Indien etwas sehr Wertvolles. Auch wenn die Hatha Yoga Pradipika an manchen Stellen sagt, man soll Milch zu sich nehmen. Ist das nicht so gemeint, wie das heute bei uns verstanden wird, wenn Menschen literweise Milch und große Mengen Käse und Joghurt essen. Milch zu haben bedeutete damals, dass  man davon, was die Kuh an ihr Kalb gibt, vielleicht noch ein Glas davon abzweigen für die ganze Familie kann. Das waren über den Tag verteilt dann ein bis zwei Esslöffel Milch oder Joghurt zum Essen. Mehr war das damals nicht. Es war also damals nicht einfach Milch zu finden und auch nicht eine Frau zu finden, die „zu Willen“ ist.

  1. Vers

Durch Geschlechtsverkehr, wenn er oder sie ein stückweises aber dennoch vollständiges Aufziehen praktiziert, kann ein Mann oder sogar eine Frau Perfektion in Vajroli erreichen.

 Also diesen Vers kann man jetzt interpretieren, dass es eine Form des roten Tantras darstellt. D. h. im Geschlechtsverkehr, vor dem Orgasmus, zieht man die Beckenbodenmuskeln zusammen und bringt die Konzentration nach oben und verbindet noch Kitchari mit Shambavi Mudra und dadurch geht der Orgasmus nicht nach außen, wird die Energie dann nach innen gezogen. Und das soll dann in tiefere Meditation führen.

Hier ist dann auch klar, warum das alles nicht so einfach ist. Denn der Mann muss eine Frau finden, die das machen will. Die Frau will einen Mann finden, der dazu bereit ist. Jedenfalls könnte man die Energie nach oben ziehen.

Natürlich kann man Vajroli Mudra auch außerhalb des Geschlechtsverkehrs üben. Und als solches wirkt die Energie nach oben ziehend. Ich meine, er gebraucht das Beispiel  mit dem Geschlechtsverkehr deshalb, weil normalerweise dieser die Entladung ist von Apana Vaju nach unten. Und er will sagen, selbst im Geschlechtsverkehr, wo Apana Vayu nach unten kommt, könnte man es umkehren durch Vajroli Mudra. Wenn man aber Vajroli Mudra in die normale Pranayama-, Asana- und Meditationspraxis integriert, wird Apanu Vayu nach oben gebracht und man kann dadurch höhere Bewusstseinsebenen erfahren.

  1. Vers

Jetzt wird es etwas speziell. Vorsichtig sollte der Yogi, wie er es gelernt hat, mit einem Schlauch in die Harnröhre pusten. Wegen der Bewegung des Lebenshauches soll er es sehr vorsichtig ausführen.

  1. Vers

Durch die Praxis von Vajroli Mudra soll der Yogi den Samen, der in die Vagina der Frau hinausgefallen ist, zurückziehen. Und er soll so den eigenen Samen Bhindu, der gefallen ist, nach oben ziehen, um ihn zu bewahren.

  1. Vers

Daher bewahrt der Kenner des Yoga, Yogavid, den Samen, Bhindu und besiegt so den Tod. Tod entsteht durch das Aussenden des Samens Bhindu. Durch das Bewahren des Samens entsteht Leben. Durch das Bewahren des Samens, Bhindu, entsteht ein guter Duft im Körper des Yogi. Solange der Same, Bhindu stabil im Körper ist. Wo ist die Frucht vor der zerstörerischen Zeit, Kala?

  1. Vers

Der Samen des Mannes beruht auf dem Geist, Citta. Auch das Leben beruht auf dem Samen. Deshalb sollte der Same und besonders der Geist, Manas, mit besonderem Eifer geschützt werden.

  1. Vers

Auf diese Weise soll er seinen eigenen Samen, Bhindu und sogar das weibliche Vaginalsekret, Rajas, während ihrer Tage bewahren. Der Kenner des Yoga sollte es üben durch den Penis vollständig nach oben zu ziehen.

Es ist eine Mischung aus technischen Überlegungen und auch aus verschiedenen anderen Weisen. Es gibt zum einen diese Technik, wie man das letztlich überhaupt lernt, Flüssigkeiten aufzusaugen. Swami Sivananda, der ja eigentlich auch ein Swami war, beschreibt das in manchen seiner Bücher detaillierter. Denn es gibt andere Kommentare und andere Hatha Yoga Schriften, die das genauer beschreiben.

 

Techniken Flüssigkeiten nach innen zu ziehen

Also einen kleinen Katheter in die Harnröhre einführen. Wenn dieser lang genug ist, kann man zunächst hineinpusten, um das überhaupt erst mal zu spüren, wie sich das anfühlt. Dann kann man lernen, mittels bestimmten wellenförmigen Ziehens der Muskeln der Harnröhre die Flüssigkeit nach innen saugen. So kann man dann zuerst Flüssigkeiten wie Wasser nach oben saugen. Wenn man das erst einmal gelernt hat, zuerst mit Katheter, dann ohne, zieht man diese Flüssigkeiten in sich hinein.

Das ist natürlich auch nicht ganz ungefährlich. Denn auf diese Weise können Keime in die Blase geraten und das wiederum kann zu einer Blasenentzündung führen. Also, sei gewarnt. Swami Vishnu hat uns auch gesagt, wir sollen es auch nicht machen. Mit dieser Form von Vajroli Mudra habe ich auch selbst keine Erfahrung, da Swami V. es mir verboten hatte, es auszuprobieren. Aber von der Theorie würde es so gehen.

 

Als ich Swami V. danach gefragt hatte, hat er angedeutet, dass er selbst auch geübt hat. Aber auch, dass er meint, so wichtig sei diese physische Übung nicht und er würde davon abraten.

So könnte man auf der einen Ebene dies so interpretieren, dass man auf diese Weise etwas hineinsaugen kann. Aber vor allen Dingen wichtig dabei ist, dass man dabei lernt, diese Muskeln so zu beherrschen, dass man die Energie nach oben ziehen kann.

Eine zweite Form von Vajroli Mudra, die zum Teil Swami Satjananda nennt, oder auch andere, wäre: Du könntest die Muskeln des Perineums stark anspannen. Dann, wenn du sie theoretisch so stark anspannen kannst, könntest du verhindern, dass es im Orgasmus zu einem Erguss kommt. Denn wenn die Muskeln so stark sind, dann legen sie sich vor die Prostata und dann kann keine Prostata Flüssigkeit austreten. Was dann den Erguss verhindert. In wieweit das wirklich hilfreich ist, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen.

 

Sukadevs Haltung zum Vajroli Mudra

Meine persönliche Meinung ist: ob es im Geschlechtsverkehr zum Erguss kommt oder nicht, ist keine allzu wichtige Sache. Wichtiger ist es, dass du in Pranayama Übungen dein Prana in die Sushumna und nach oben bringst. Und so ist diese eine Übung des Vajroli Mudra, das wellenförmige Zusammenziehen der Beckenboden Muskeln von vorne nach hinten und dann das Bewusstsein durch die Sushumna nach oben zu bringen, meiner Ansicht nach die wichtigste Form von Vajroli Mudra. Ob du darüber hinaus eine dieser Praktiken als sexuelles Tantra üben willst, sei dir selbst überlassen. Sicherlich könntest du probieren Mulabhanda in Verbindung mit Khechari und Shambhavi Mudra zu üben und schauen, ob es etwas bewirkt.

 

Übung für das kleine Vajroli Mudra

Sitze ruhig und gerade. Atme 2–3 mal tief ein und aus, schließe die Augen. Atme ein, fülle die Lungen zu dreiviertel, oder 90 Prozent. Halte die Luft an und ziehe jetzt die Beckenbodenmuskeln wellenförmig zusammen. Von vorne unten, zur Mitte hinten hoch. Halte die Luft weiter an, aber entspanne die Beckenbodenmuskeln.  Dann nochmals die Beckenbodenmuskeln anspannen, von vorne unten, zur Mitte, nach hinten und hinten hoch. Du kannst das auch mit den Mantras verbinden: Lam, Vam, Ram. Jetzt bringe Bewusstsein weiter hoch zu Anahata, zu Vishudda, Ajna und Sahasrara.

 

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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