Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 70 – 75

Svatmarama hat bereits Mula Bandha und Uddiyana Bandha erläutert und jetzt geht es zu Jalandhara Bandha.

Vers 70: „Ziehe die Kehle zusammen und presse das Kinn fest gegen die Brust. Das ist Jalandhara Bandha und vertreibt Alter und Tod. Man gebe das Kinn auf die Brust.“

Jalandhara Bandha heißt wörtlich „der Wasser tragende Verschluss“ – Jala (Wasser) Dhara (tragen). Im nächsten Vers wird er erklären, warum Jalandhara Bandha so heißt.

Die Bestandteile von Jalandhara Bandha

Der Ausdruck für Herz (Hridaya) hat auch etwas mit Brust zu tun. Im Wesentlichen heißt Jalandhara, dass du vollständig ausatmest, dann vollständig einatmest den Brustkorb dabei wölbst, Bauch hinaus, Brust hinaus, Schulter nach hinten und dann gibst du das Kinn zum Brustkorb hin. Das ist praktisch die Richtung zum Herzen.

Dann gibt es noch zwei weitere Bestandteile von Jalandhara Bandha. Das eine ist, du gibt die Zunge an den Gaumen und als drittes, du ziehst die Kehle leicht zusammen, so als wenn du etwas schlucken willst. Er erwähnt jetzt nur zwei: das Zusammenziehen der Kehle und das Drücken des Kinnes auf die Brust.

 

Poorna Jalandhara Bandha und Laghu Jalandhara Bandha

Es gibt übrigens das volle Jalandhara Bandha. Das Kinn berührt dabei tatsächliche das Brustbein, so wie er es hier auch beschreibt: Man setze das Kinn fest auf die Brust. Dann gibt es aber auch Laghu Jalandhara Bandha: Man senkt das Kinn nur leicht und macht die Halswirbelsäule lang. Nicht allen Menschen gelingt es, das Kinn auf den Brustkorb zu setzen. Männern gelingt es leichter als Frauen, aber den meisten Frauen gelingt es auch mit etwas Übung. Es gibt Menschen, die eine steife Halswirbelsäule haben oder Arthrose oder einen Bandscheibenvorfall oder auch den Brustkorb nicht allzu tief oder das Kinn nicht allzu lang. Dann fällt es schwer das Kinn auch tatsächlich aufs Brustbein zu geben.

Jihva Bandha

Ob man bei Jalandhara Bandha auch Jihva Bandha integriert (also Zungenoberseite an den Gaumen und Zunge leicht nach hinten saugen) hängt vom Kontext ab. Bei Maha Bandha ist Jihva Bandha als Teil von Jalandhara Bandha dabei, aber es gibt auch bestimmte Pranayamas und Mudras, wo du statt Jihva Bandha Khechari Mudra übst und gleichzeitig Jalandhara Bandha.

Hier sagt er auch wieder, dass es Alter (Jara) und Tod (Mritya) überwindet. Ich habe schon oft genug gesagt, was darunter zu verstehen ist. Wir wollen über die Ebene der Vergänglichkeit und des Leidens kommen, was wir über höhere Bewusstseinszustände erreichen und dazu dient auch Jalandhara Bandha.

Vers 71: „Es wird Jalandhara Bandha genannt denn es festigt die Nadis und hält den Strom des Nektars aus der Öffnung im Gaumen. Dieses Bandha vertreibt auch alle Schmerzen im Rachen bzw. alle Erkrankungen der Kehle.“

Jala ist der Nektar des Mondes. Er kann auch als Wasser bezeichnet werden. Manchmal wird es auch als Jaala bezeichnet, was Netzwerk bedeutet, das tragende Netz, das verhindert, dass Wasser nach unten geht. Manchmal wird Jaalandhara Bandha (im Vers 71) und manchmal Jalandhara Bandha (wie im Vers 70) genannt, das den Wasserhalter bedeutet. Es gibt beide Beschreibungen.

Jalandhara Bandha zur Regenerierung und Heilung körperlicher Leiden

So heißt es also, dass Jalandhara Bandha helfen will, dass der Nektar nicht nach unten strömt und stattdessen oben gehalten wird und dass so dieses Ojas, dieser Soma immer stärker wird, was zu einer Regenerierung führen kann.

Dann heißt es noch, dass es Dukha (alle Arten von Leiden) heilt, die mit Kantha (die Kehle) zu tun hat. Kantha hat auch etwas mit Kantha Chakra (dem Vishudda Chakra) zu tun. Somit ist also Jalandhara Bandha zum einen gut für eine gesunde Kehle, für einen gesunden Hals. Es ist gut die Wirbelsäule öfters langzuziehen. Natürlich muss man dann andere Asanas machen, den Kopf in die Gegenseite zu bewegen, wie mit dem Fisch und anderen. Jalandhara Bandha hilft auch Vishudda Chakra zu reinigen und auch das hilft, dass verschiedenste Arten von Leiden überwunden werden.

Vers 72: „Wenn man sich Jalandhara Bandha angewöhnt und die Kehle zusammenzieht, fällt kein Tropfen Nektar in das Magenfeuer und das Prana fließt nicht in die falsche Richtung d. h. in den Raum zwischen den Nadis.“ In einer anderen Übersetzung: „Wenn Jalandhara Bandha praktiziert wird, charakterisiert durch die Anspannung in der Kehle, fällt der Nektar nicht in das Feuer und der Lebenshauch Vayu wird nicht aufgewirbelt.“

Jalandhara Bandha soll verhindern, dass Soma der Nektar nach unten strömt und dann in das Feuer des Bauches hineingeht. In der Hatha Yoga Pradipika, gerade im 3. Kapitel spielen Sonne und Mond eine besondere Rolle. Im zweiten Kapitel zwar auch, dann ist damit aber oft Ida und Pingala gemeint. Hier im 3. Kapitel aber ist Sonne das Energiezentrum im Bauch und Mond das Energiezentrum in der Stirn. Im vorigen Vortrag habe ich erklärt, was das alles bedeutet.

Zusammenwirken der Energie des Mondes und der Sonne

Normalerweise strömt die Energie des Mondes nach unten und die Energie der Sonne nach oben. Wenn die Mondenergie, die wässrige Energie ins Feuer geht, zischt es auf und dies führt zu einer Unruhe des ganzen Pranas. Wenn es uns aber nun gelingt, dass das Feuer nicht an der Vorderseite des Körpers nach oben geht, sondern im Gegenteil in die Sushumna und gleichzeitig der Soma, der Nektar oben bleibt, dann führt dies zu einer absoluten Ruhe des Pranas und zur Ruhe des Geistes.

Vers 73: „Durch die feste Kontraktion der Kehle werden die beiden Nadis Ida und Pingala stillgelegt. Hier in der Kehle liegt das mittlere Chakra, das Vishudda Chakra und dies schnürt die 16 Adharas, die vitalen Zentren.“

 

Ruhigstellung von Ida und Pingala

Man will Ida und Pingala ruhigstellen. Vorher hat er beschrieben, was man mit Sonne und Mond im Bauchbereich, im Stirnbereich und oberhalb des Gaumens macht. Aber Jalandhara hat noch eine zweite Funktion, Ida und Pingala sollen auch stillgelegt werden. Jalandhara Bandha verhindert, dass die Energie durch Ida und Pingala nach oben strömt sowie Mula Bandha verhindert, dass die Energie durch Ida und Pingala nach unten strömt. Dadurch bleiben Ida und Pingala zunächst einmal in sich fest. Das führt erst mal dazu, dass Prana durch Ida und Pingala hoch und herunterströmt. Dadurch werden beide Nadis gereinigt. Irgendwann werden aber Ida und Pingala ganz ruhig, es strömt kein Prana mehr durch die beiden und dann geht die Energie in Muladhara Chakra und fließt dann durch die Sushumna nach oben. Indem die Sushumna geöffnet wird, Jalandhara Bandha führt ja auch dazu, dass der Nacken langgezogen wird und das Langziehen des Nackens führt zur Öffnung der Sushumna im Vishudda Chakra Bereich. Auch das hilft, in höhere Bewusstseinsebenen zu kommen.

 

Harmonisierung des Mittleren Chakras

Jetzt spricht er aber auch davon, dass das Vishudda Chakra harmonisiert wird. Er nennt es hier Madhya Chakra (mittleres Chakra). Manche sagen das mittlere Chakra ist eigentlich Anahata Chakra. Dieses mittlere Chakra, Anahata Chakra, wird aktiviert, wenn du Mula Bandha und Jalandhara Bandha übst. Durch Mula Bandha kann das Prana nicht nach unten gehen, durch Jalandhara Bandha kann es nicht nach oben gehen. Die Sushumna öffnet sich, zunächst öffnet sich das Herzzentrum. Manchmal, wenn du diese beiden Bandhas übst und vielleicht noch Uddiyana Bandha integrierst, hast du das Gefühl grenzenloser Freude im Herzen, so als würde dir das Herz vor Freude zerspringen. Dies können durchaus Erfahrungen sein, die entstehen können, wenn du Jalandhara Bandha übst.

 

Die 16 Adharas im Ayurveda

Swami V. bezieht Jalandhara Bandha insbesondere auf das Vishuddha Chakra, weil Jalandhara besonders darauf wirkt. Das Kinn wird gebeugt und du spannst ja auch die Kehle an. Dies hat alles etwas mit dem Vishudda Chakra zu tun. Dieses hat ja auch 16 Nadis, 16 Blütenblätter, die in Verbindung mit den 16 Adharas stehen, die 16 Stützen, die man zum einen als Stützen des Geistes nutzen kann. Die Adharas spielen auch im Ayurveda eine Rolle. Werden sie gesund gehalten, können auch alle anderen Teile des Körpers gesund gehalten werden. Im Ayurveda spricht man ja von 108 Marmas und die 16 Adharas gehören zu den besonders wichtigen Marmas.

Die 16 Adharas in der Meditation

Genauso gibt es auch bestimmte Meditationstechniken. Die 16 Adharas sind die Zehen, die Knöchel, die Knie, die Hüften, der Damm, die Fortpflanzungsorgane, der Nabel, das Herz, der Nacken, der Kehlkopf, der Gaumen, die Nase, das Zentrum zwischen den Augenbrauen, das Zentrum der Stirn, die Mitte des Kopfes und Brahmarandhra – die obere Öffnung der Sushumna im Schädel. Dies ist z.B. auch eine Möglichkeit, wie du in der Meditation üben kannst. Du kannst dich zuerst auf die Zehen konzentrieren, dann auf die Knöchel, dann auf die Knie.

 

16 Adharas Meditation kombiniert mit der Laya Yoga Entspannung

Du könntest das auch mit der Laya Yoga Entspannung verbinden. Einatmen in die Zehen, Ausatmen die Energie davon ausstrahlen lassen. Einatmen die Fußgelenke, Ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen die Knie, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen die Hüften, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in den Damm, Perineum als Bereich zwischen den Geschlechtsorganen und Anus, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in die Geschlechtsorgane, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in die Nabelgegend, ausatmen ausströmen lassen. Einatmen zum Herz, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen zum Nacken, ausatmen ausströmen lassen. Einatmen in die vordere Kehle, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in den Gaumen, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen in die Nase, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen Punkt zwischen den Augenbrauen, ausatmen ausströmen lassen. Einatmen Mitte der Stirn, ausatmen ausströmen lassen. Einatmen Mitte des Kopfes, ausatmen ausstrahlen lassen. Einatmen zum Sahasrara Chakra, Scheitelgegend, ausatmen ausstrahlen lassen. Dann anschließend den Atem zu Kevala Khumbhaka führen, den Geist nach oben und Sahasrara Chakra spüren. Den Geist zur Ruhe bringen, Unendlichkeit erfahren.

Du kannst dies als eigenständige Übung üben und du kannst zusätzlich auch einfach Jalandhara Bandha üben, das dir hilft Vishudda Chakra zu aktivieren und die 16 Blütenblätter des Vishudda Chakra stehen in Verbindung zu diesen 16 Adharas. Indem du Jalandhara Bandha übst, werden auch die 16 Adharas harmonisiert und normalisiert.

Vers 74: „Ziehe die Anusschließmuskeln zusammen und übe Uddyana Bandha. Bringe fest Ida und Pingala zusammen durch Jalandhara Bandha und veranlasse den Atem in den oberen Pfad zu fließen d. h. die Sushumna.“

Die verschiedenen Beckenbodenmuskeln

Ziehe den Mulasthana (den Ort der Wurzel) zusammen, was heißen soll, übe Mula Bandha. Es sind natürlich nicht nur die Anusschließmuskeln, sondern alle Beckenbodenmuskeln. Vereinfacht kann man die Beckenbodenmuskeln in 3 Gruppen einteilen. Es gibt die hinteren Beckenbodenmuskeln, das sind die Anusschließmuskeln, es gibt die mittleren Beckenbodenmuskeln, das sind die Muskeln des Perineums und die Scheidemuskeln und es gibt die vorderen Beckenbodenmuskeln, das sind die Muskeln des Penis bzw. der Harnröhre. Diese drei Muskelgruppen spielen in einer anderen Mudra noch eine wichtige Rolle, nämlich Vajroli Mudra wie auch Amaroli und Sahajoli Mudra, die später kommen.

 

Energie strömt durch die Sushumna nach oben

Hier spannt man also alle Beckenbodenmuskeln sanft an, dadurch wird Ida und Pingala im Muladhara Chakra verbunden. Dann zieht man bewusst die Energie durch die Sushumna nach oben. Dann übt man Uddiyana Bandha, das führt dazu, dass das Prana durch die Sushumna noch höher fließt. Danach übt man Jalandhara Bandha, das verhindert auch, dass die Energie durch Ida und Pingala strömt, dass der Nektar nach unten träufelt und öffnet die Sushumna. Nun kann die Energie durch die Sushumna nach oben strömen.

 

Wirkungen von Jalandhara Bandha

Fassen wir jetzt mal zusammen, was Jalandhara Bandha bewirkt. Zum einen ist es gut für die Kehle und den Hals, zum zweiten stellt es Ida und Pingala ab, zum dritten hält es die Mondenergie oben, zum vierten aktiviert es das Vishuddha Chakra und harmonisiert dadurch die 16 Adharas und schließlich öffnet es die Sushumna und sorgt dafür, dass das Prana ganz nach oben strömt.

Vers 75: „Durch diese Technik wird der Lebenshauch zur Ruhe gebracht.“ Oder auch: „Auf diese Weise wird Prana absorbiert. Dann gibt es keine Krankheit, kein Alter, kein Tod und kein Leiden.“

Also letztlich soll Jalandhara Bandha dazu führen, über alles Leiden hinauszuwachsen, deine wahre Natur zu verwirklichen. Also gute Gründe Jalandhara Bandha zu praktizieren.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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