Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 61–69
In den letzten Versen ging es um Uddiyana Bandha. Jetzt geht es um Mula Bandha (wörtlich Wurzelverschluss).
Svatmarama schreibt im 61. Vers: „Indem man den Knöchel an Yoni presst, ziehe man den Anus-Schließmuskel zusammen und versuche das Apana hinaufzuziehen. Das ist Mula Bandha.“
Mula Bandha ist der Wurzelverschluss. Eine Übersetzung von Yoni ist die weibliche Scheide, so ähnlich wie auch gesagt wird Linga ist der männliche Penis, heißt aber wörtlich leuchtend und strahlend oder auch Zeichen, Anzeichen. Wenn z. B. die Inder Shiva als Linga verehren hat dies wenig mit Penis zu tun, sondern es hat mehr mit Lichtstrahlen zu tun, ist somit ein abstraktes Symbol für Shiva. Aber im Kontext von Mann und Frau ist Linga das männliche Geschlechtsorgan und Yoni ist das weibliche Geschlechtsorgan. Yoni hat aber auch eine Zweitbedeutung: Es ist das, was man als Perineum, als Kanda Punkt bezeichnet. Kanda ist die innere Wurzelknolle, wo alle Nadis entspringen. Sie beginnt am Perineum und geht dann nach oben in der Mitte des Bauchraumes wie ein Ei.
Wenn Svatmarama von Yoni spricht ist eben das Perineum gemeint, der Bereich zwischen Hodensack und Anus beim Mann und der hintere Teil der Scheide bei der Frau. Er beschreibt hier Mula Bandha letztlich als eine Form, dass man es aus Siddhasana übt. Allgemein ist Mula Bandha das Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln. Aber wenn du Mula Bandha als Mudra in der Reihenfolge der Mudras üben willst, wie es in der Hatha Yoga Pradipika beschrieben wird, dann sitzt du eben wie in Siddhasana eine Ferse unter die Yoni oder den Kanda Punkt und den anderen Fuß vorne, sodass die Ferse vorne am Schambein ist. Danach atmest du ein und machst dann das Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln. Gerade weil die Ferse, den Damm, das Perineum berührt, spürst du Mula Bandha besonders intensiv.
Dann sagt er auch, versuche Apana hinaufzuziehen. Mula Bandha Mudra ist also nicht nur etwas, das mit Äußerem zu tun hat, sondern eben auch bewusst Apana hochzuziehen. Manchmal wird gesagt, dass Uddhiyana Bandha Samana Vayu, die Energie des Bauches nach oben zieht. Mula Bandha zieht Apana Vayu nach oben und letztlich Jalandhara Bandha zieht Udana Vayu nach oben. Dann bleibt natürlich nur noch Prana Vayu, welches man durch Anhalten der Luft nach oben zieht. Und es bleibt auch noch Vyana Vayu, das man auch noch sublimiert, indem man bewegungslos sitzt.
Vers 62: „Weil durch die Kontraktion des Muladhara, Apana, das normalerweise nach unten fließt, gezwungen wird nach oben zu steigen, deshalb nennen die Yogis es Mula Bandha.“ In einer anderen Übersetzung: „Durch das kraftvolle Anspannen wird das nach unten fließende Apana zum Aufsteigen gebracht. Mula Bandha.“
Warum Mula Bandha? Mit der Mula, der Wurzel saugt die Pflanze das Wasser und die Nährstoffe nach oben. Normalerweise fließt Wasser nach unten. Wenn es regnet, fällt das Wasser nach unten auf die Erde und versickert. So ähnlich geht Apana normalerweise nach unten. Aber den Pflanzen gelingt es, das Wasser, den Saft nach oben zu bringen und sich so zu ernähren. Daher Wurzelverschluss, Mula Bandha, du saugst Apana Vayu nach oben.
Vers 63: „Indem man den Knöchel gegen die Yoni oder das Perineum presst, versuche man die Luft heftig und ohne Unterlass zu komprimieren, bis der Atem hinauf fließt.“
Vayu ist sowohl Luft, so wie du jetzt vielleicht zwischendurch den Wind hörst, aber auch Prana, die Lebensenergie. Man hält also nicht wirklich die Luft an, sondern zieht das Prana nach oben. Natürlich macht man beim Mula Bandha beides. Du. Beim Mula Bandha als Mudra atmest du ein und hältst typischerweise die Luft an und dann ziehst du mit Mula Bandha das Prana, die Lebensenergie nach oben. Der Guda, also der Anus, die Yoni und auch das Perineum, der ganze Bereich, gegen den du die Ferse drückst und gleichzeitig ziehst du die Beckenbodenmuskeln und damit das Prana zusammen. So gibt es ein Urdhva (Nachobensteigen) von Samirana (wörtlich der Wind und damit der Lebensenergie).
Es ist auch wichtig, dass du weißt, Mula Bandha ist nicht nur ein physisches Zusammenziehen, sondern auch ein bewusstes Nach-oben-ziehen von Prana durch die Sushumna.
Vers 64: „Durch Mula Bandha vereinigen sich Prana und Apana, Nada und Bindu, und man erlangt Vollkommenheit im Yoga. Darüber gibt es keinen Zweifel.“
Eine Vollkommenheit durch die Vereinigung von Prana und Apana. Prana ist das, was nach oben steigt, Apana ist das, was nach unten strömt. Jetzt wird Apana nach oben gezogen und dadurch verbindet es sich mit Prana und dann wird beides eins. Es gibt auch eine Vorstufe, dass du Mula Bandha und Jalandhara Bandha übst, wodurch verhindert wird, dass Prana Vayu nach oben ausfließt und Mula Bandha verhindert, dass Apana Vayu nach unten ausströmt. Dann strömt Prana Vayu nach unten und Apana Vayu nach oben, die beiden vereinigen sich im Herzchakra. Dadurch entsteht eine Öffnung im Herzen, Freude und Liebe. Wenn sich dann aber die Sushumna öffnet, fließt Apana Vayu in die Sushumna durch Mula Bandha, es fließt Samana Vayu nach oben durch Uddhiyana, und es fließt Udana und Prana Vayu durch die Sushumna nach oben. Somit gehen alle Vayus nach oben.
Dann gibt es noch Nada (der Klang) und Bindu (der Punkt oder letztlich Sahasrara oder auch Brahman – der eine Punkt, wo alles eins ist). Aus diesem einen Punkt (Bindu) kommt die ganze Welt als Nada. Dies ist ein Symbol wie Shiva und Shakti. Shiva als unendliches Bewusstsein aus dem sich Shakti die kosmische Energie manifestiert. So verbindet sich wieder die Shakti und wird eins mit Shiva und so sind auch Nada und Bindu eins.
Vers 65: „Durch ständige Übung von Mula Bandha erreicht man eine Vereinigung von Prana und Apana. Auch die Ausscheidungen vermindern sich beträchtlich. Was auch heißen soll, wenn du innerlich subtil gereinigt bist, dann braucht es auch weniger äußere Reinigung.“
Bei den Ausscheidungen gibt es Mutra (Urin) und Purisha (Stuhlgang), das beides verringert wird, wenn das Prana subtiler ist. Letztlich heißt es auch, du hast weniger Appetit und brauchst weniger äußerlich zu essen. Es heißt aber auch, dass du sonst weniger Reinigungserfahrung brauchst. Ist erst einmal das Prana subtil, braucht sich der Körper weniger zu reinigen und du brauchst weniger emotionale Reinigung.
Dann sagt er auch, dass man jung wird. „Durch die Übung von Mula Bandha wird der Yogi jung obwohl an Jahren alt.“ Dies ist der letzte Teilvers des 65. Verses. Auch hier habe ich schon öfter gesprochen, was jung heißt: eben einen klaren Geist und weiter Offenheit zu lernen, Lebensfreude und Freude am Gestalten und insgesamt ein junges Prana.
Vers 66: „Wenn das Apana nach oben steigt und den Feuerkranz erreicht, dann züngeln die anwachsenden Flammen des Feuers und leuchten, weil sie von Apana angefacht werden.“
Apana hat seinen Sitz erst einmal im Muladhara Chakra, und im Svadisthana Chakra und dieses Apana strömt durch Mula Bandha weiter nach oben, was es transformiert. Dann wird auch Surya, das Feuer im Bauch auch als Agni bezeichnet, stärker. Da wird auch gesagt, dass der Feuerkranz erreicht wird. Feuer wird als dreieckige Form bezeichnet. Das Manipura Chakra wird auch so dargestellt, dass in der Mitte ein oranges Dreieck ist mit der Spitze nach unten. So wird das Feuer stärker.
Feuer hat hier mehrere Bedeutungen. Zum einen wird das Verdauungsfeuer stärker, d. h. du kannst besser verdauen. Zum zweiten ist Feuer aber auch die Energie, Dinge zu tun, Mut, Willenskraft, Begeisterung, Enthusiasmus Tatkraft. Feuer steht aber auch für die Sushumna und für die Kundalini. Erwacht die Kundalini kommt auch oft erst die Erfahrung von Feuer. Umgekehrt wird manchmal gesagt, durch Mula Bandha muss man das innere Feuer entzünden und dann schmelzen die Unreinheiten in der Sushumna und dann kann die Kundalini erwachen.
Vers 67: „Wenn Apana und das Feuer sich mit Prana vereinigen, welches von Natur aus heiß ist, wird die Hitze im Körper überaus strahlend und mächtig.“
Durch Mula Bandha kann das Feuer stark werden.
Vers 68: „Dadurch erwacht die Kundalini von ihrem Schlaf, fühlt die große Hitze, zischt und steigt hoch, also ob man eine Schlange mit einem Stock schlägt.“
Wir erzeugen durch die Pranayamas und Mudras eine innere Hitze, die die Unreinheiten in der Sushumna zum Schmelzen bringt, danach entzündet dies die Kundalini. Ein Beispiel: du willst ein Stück Papier entflammen, du brauchst nur ein kleines Feuerzeug, zündest das Papier an und es wird lodern. Hast du einen großen Strohhaufen, kann ein kleines Feuerzeug diesen entzünden. Oder du gibst eine kleine Flamme in einen Liter Benzin, dann explodiert dieses. So ähnlich ist es auch, wenn du deinen Körper, Muladhara Chakra erhitzt und es hat sich die Sushumna geöffnet, dann kann die Kundalini erwachen.
Vers 69: „Dann geht die Kundalini in ihre Höhle, das Innere der Sushumna. Deshalb soll Mula Bhanda von den Yogis fortwährend in jedem Moment praktiziert werden.“
Man soll also Mula Bandha regelmäßig praktizieren, er sagt sogar immer. Es gibt die Form einer Praxis, dass man sich vornimmt eine Woche lang immer wieder Mula Bandha zu üben. Dies ist zum einen eine Woche, in der du besonders intensiv meditierst, Asanas, Pranayamas, Mudras und auch zwischendurch immer wieder Mula Bandha übst, und dir vorstellst Apana in die Sushumna hineinziehst und dann durch die Wirbelsäule nach oben. Du kannst dir auch ein Feuer in der Wirbelsäule und im Bauch vorstellen oder die Kundalini Schlange, die sich nach oben bewegt, ihren Mund öffnet und du aus dem Mund der Kundalini Schlange wie ein Drache Feuer nach oben bläst und pustest.
Dies ist eine Praxis, die du eine Woche mal machen kannst, besondere Aufmerksamkeit darauf richten, was zu einer intensiven Energieerfahrung und auch zur Kundalini Erweckung führen kann. Ansonsten kannst du Mula Bandha beim Luft anhalten beim Kapalabhati integrieren. Es gibt auch die Variation, dass du beim schnellen Ein- und Ausatmen bei jedem Ausatmen Mula Bandha übst. Du übst es während dem Anhalten in der Wechselatmung. Fortgeschrittene üben es bei der Wechselatmung auch schon beim Einatmen. Eine Menge der fortgeschrittenen Pranayamas sind natürlich damit verbunden, dass du dort auch Mula Bandha übst.
Genauso kannst du Mula Bandha bei den Asanas integrieren. Du kannst z. B. nach dem Einatmen kurz die Luft anhalten und Mula Bandha üben, oder es auch beim Ein- oder Ausatmen üben. Natürlich am klügsten ist es dies allen von einer Lehrerin, einem Lehrer zu lernen wie z. B. bei den Kundalini intensiv Wochen bei Yoga Vidya. Angenommen du machst eine Kundalini intensiv Mittelstufen Woche oder Kundalini intensiv Praxiswoche bei Yoga Vidya mit, dann lernst du natürlich wie du die drei Bandhas üben und in die Pranayamas und Asanas integrieren kannst.
Eine Form der Meditation ist es auch während der gesamten Meditation Mula Bandha zu halten. Zu Anfang der Meditation kannst du dir dann natürlich auch vorstellen, dass sich Ida und Pingala im Muladhara Chakra mit der Sushumna vereinigen, dass dabei ein Feuer entsteht, das durch die Sushumna nach oben geht. Dann kannst du dir ein Feuer oder eine strahlende Sonne im Bauch vorstellen und auch wie die Kundalini erwacht, das Maul oder den Mund öffnet und daraus einen Feueratem nach oben bläst. Dann gehst du mit deinem Bewusstsein weiter nach oben.
Du kannst danach Khechari üben, um mit der Mondenergie das Feuer wieder zu beruhigen und dein Bewusstsein zum Endlichen zu führen. Soweit zu Mula Bandha in der Hatha Yoga Pradipika. Auch zu Mula Bandha gibt es eigene Videos, wo du noch mehr lernen kannst, wie du Mula Bandha praktisch ausführen kannst.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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