Uddiyana Bandha in der Hatha Yoga Pradipika – Kommentar zu den Versen 55 – 60 in der Hatha Yoga Pradipika, Kapitel 3
Svatmarama sagt: atha uḍḍīyāna-bandhaḥ-baddho yena suṣumṇāyāṁ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ | tasmād uḍḍīyanākhyo’yaṁ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ ||55||
„Jetzt Uddiyana Bandha: Weil die Lebensenergie (Prana) durch den Verschluss in der Sushumna nach oben fließt, wird es von den Yogis mit dem Namen ‚Uddiyana‘ benannt.“
Uddiyana heißt nach oben. Yana heißt Reise. Uddi heißt nach oben. Es ist also die Reise nach oben. Uddiyana Bandha besteht, wie du vermutlich weißt, daraus, dass du die Lungen leer machst, mit leeren Lungen den Bauch einziehst. Du kannst Uddiyana Bandha im Stehen üben. Also im Stehen ausatmen, Hände auf die Knie und Bauch hereinziehen. Und natürlich wirkt Uddiyana Bandha besonders stark, wenn du es im Sitzen übst. Uddiyana Bandha ist Teil von Maha Bandha. Zusammen mit Jalandhara Bandha und Mula Bandha bildet Uddiyana Bandha Maha Bandha, den großen Verschluss.
Dabei wird das Prana kontrolliert (baddhah). Und zwar wird das Prana durch den Verschluss in die Sushumna gebracht und von der Sushumna nach oben. Man kann sagen: Mit Mula Bandha wird Ida und Pingala im Muladhara Chakra verbunden und Prana kommt in die Sushumna. Mit Uddiyana fliegt dann das Prana durch die Sushumna nach oben. „Uḍḍīyate“ heißt auch Auffliegen. Deshalb kann man Uddiyana auch als „die Auffliegende“ übersetzen. Und deshalb wird das als Uddiyana bezeichnet. Ich habe es vorher als „Reise nach oben“ genannt. Aber wörtlich heißt „Uddiyana“ auch das Auffliegen Lassen, das Hochfliegen.
Gut, also wozu Uddiyana Bandha? Um das Prana nach oben fließen zu lassen, und zwar in der Sushumna.
Man kann Uddiyana Bandha eben wie gesagt als Teil von Maha Bandha üben. Man kann Uddiyana Bandha aber auch zum Beispiel nach dem Ausatmen während der Wechselatmung oder bei anderen Pranayamas. Auch in den Asanas kannst du es integrieren. Du kannst zum Beispiel in der Vorwärtsbeuge, Paścimottānāsana, oder auch im Drehsitz, Kopfstand, Schulterstand oder Pflug Uddiyana Bandha integrieren und dir dabei vorstellen, dass das Prana durch die Sushumna nach oben fließt, mit leeren Lungen dann.
- Vers: uḍḍīnaṁ kurute yasmād aviśrāntaṁ mahā-khagaḥ | uḍḍīyānaṁ tad eva syāt tatra bandho’bhidhīyate ||56||
„Weil der große Vogel mit diesem Bandha fortwährend zum Nach-Oben-Fliegen gebracht wird, deshalb wird dieses Bandha genauso als ‚das Nach-Oben-Fliegen‘ genannt. Auf diese Weise kann das Bandha erklärt werden:“
Also hier nennt er nochmal einen anderen Grund, weshalb man dieses Bandha „Uddiyana Bandha“ nennt. Also „der große Vogel“. Und was ist der große Vogel? Der große Vogel ist natürlich die Kundalini. Die Kundalini soll nach oben zum Fliegen gebracht werden. Und man sollte das unermüdlich, immer wieder machen. Also nach jedem Ausatmen, zum Beispiel bei der Wechselatmung oder auch bei Ujjāyī Kumbhaka, Sūryabheda Kumbaka kannst du immer wieder nach dem Ausatmen Uddiyana Bandha üben und dir so vorstellen, dass das Prana und letztlich auch die Kundalini nach oben gehen.
- Vers: udare paścimaṁ tānaṁ nābher ūrdhvaṁ ca kārayet | uḍḍīyāno hy asau bandho mṛtyu-mātaṅga-kesarī ||57||
„Der Yogi sollte den Bauch nach hinten saugen und den Nabel nach oben. Dieses Bandha ist ohne Zweifel der Löwe zum Elefanten des Todes.“
Also, Udare (der Bauchbereich) wird paścimaṁ (nach hinten) gebracht. Paścimaṁ heißt hinten, Rücken auch Westen. Normalerweise ist die ideale Richtung zur Meditation der Osten. Und so ist der Westen (paścimaṁ) also hinten. Man könnte auch sagen, es ist gut nach Osten zu schauen. Und dann gib den Bauch nach hinten. Bring Nabi (den Nabel) ūrdhvaṁ (nach oben).
So übe man das Ganze. Das Ganze ist dann als „auffliegen lassen“ bekannt. Dieser Verschluss (Bandhaḥ) ist also letztlich der Tod gegenüber den Elefanten wie ein Löwe. Soll sagen der Löwe kann auch Elefanten töten. Der Tod wird überwunden. Mit anderen Worten: Uddiyana Bandha hilft Zeit und Raum zu überwinden. Uddiyana Bandha hilft aus der Dualität herauszukommen. Wenn du mit großer Intensität Uddiyana Bandha übst, wirst du merken, dass dein Bewusstsein sich erweitert und du zu einer anderen Bewusstseinsebene kommst.
- Vers: uḍḍīyānaṁ tu sahajaṁ guruṇā kathitaṁ sadā | abhyaset satataṁ yas tu vṛddho’pi taruṇāyate ||58||
„Selbst wenn ein alter Mensch ständig Uddiyana Bandha praktizieren würde wie von seinem Guru erklärt bis das Bandha sich fortwährend natürlich einstellt, würde er jung werden.“
Also Uddiyana sollte man immer wieder üben, es sollte spontan werden. Man sollte es natürlich von Guru lernen. Denn es sind nicht nur die physischen Dinge. Wenn ein Lehrer lehrt, dann lehrt er auch nicht nur Techniken, sondern überträgt dabei auch Prana. Und dann führt das Ganze zu Jugend. Jugend heißt jetzt nicht notwendigerweise, dass du wieder wie 16 aussiehst. Aber Jugend ist durch zwei Dinge gekennzeichnet. Erstens, dem Wunsch etwas zu bewirken in dieser Welt und zweitens, dem Wunsch etwas zu lernen. Wenn du dein Prana jung hältst, willst du neues lernen und du hast auch die Kraft etwas zu bewirken. Und so halte diese Fähigkeiten immer aufrecht. Die Fähigkeit etwas zu bewirken und auch letztlich die Neugier.
- Vers: nābher ūrdhvam adhaś cāpi tānaṁ kuryāt prayatnataḥ | ṣaṇ-māsam abhyasen mṛtyuṁ jayaty eva na saṁśayaḥ ||59||
„Der Yogi soll mit ständiger Bemühung das Einsaugen oberhalb und unterhalb des Nabels praktizieren. Ohne Zweifel besiegt er den Tod, wenn er sechs Monate so praktiziert.“
Also, es gilt den Bauch nach innen und oben zu ziehen. Und das sollte man eifrig, immer wieder machen. Wenn man das sechs Monate praktiziert, überwindet man den Tod.
Also, übe Uddiyana Bandha morgens, wenn du aufstehst, direkt nach dem Aufstehen. Gleich aufstehen, leere Lungen, Bauch einziehen, halten so lange wie du kannst. Oder mache es gleich im Vierfüßlerstand noch im Bett also in der Katze. Katze oder Kuh je nachdem wie du es nennen willst.
Dann integriere es in die Asanas. Integriere es ins Pranayama.
- Vers: sarveṣām eva bandhānāṁ uttamo hy uḍḍīyānakaḥ | uḍḍiyāne dṛḍhe bandhe muktiḥ svābhāvikī bhavet ||60||
„Da Uddiyana Bandha gewiss das Beste unter all den Bandhas ist, stellt sich spontan die Erlösung ein, sobald Uddiyana Bandha sicher beherrscht wird.“
Uddiyana ist dann natürlich nicht nur das Bauch-Einziehen. Sondern Uddiyana heißt ja „das Nach-Oben-Fliegen des Vogels“, das Nach-Oben-Fließens der Kundalini. Wenn die Kundalini nach oben fließt, hast du muktiḥ (Befreiung) erreicht. Also viele Gründe Uddiyana Bandha zu üben.
Also mein großer Tipp, die nächsten Tage übe mal Uddiyana Bandha intensiver und spüre dann wie es auf dich wirkt. Wie gesagt, jeden Morgen im Stehen 3–5 Runden. Dann auch in die Asanas integrieren, insbesondere bei den ruhiger gehaltenen Asanas nach dem Ausatmen. Und dann auch ins Pranayama integrieren. So kannst du deine Energie erhöhen. Oft üben Menschen sehr viel Agni Sara. Auch Agni Sara ist wichtig, denn Agni Sara erhöht Agni. Aber im Grunde genommen, auch wenn wir zum Beispiel beim morgendlichen Pranayama bei Yoga Vidya Bad Meinberg gerne erst Uddiyana Bandha üben und dann Agni Sara, und auch viele Menschen bei Kapalabhati lieber Agni Sara als Uddiyana Bandha nach dem festen Ausatmen üben. Uddiyana ist machtvoller als Agni Sara. Auf eine gewisse Weise ist Agni Sara eine Vorübung zu Uddiyana Bandha. Die beiden sind nicht ganz gleich. Uddiyana hat mehr etwas mit etwas Vogelhaftem zu tun, fliegen. Agni Sara hat mehr das Agni erhöhen, damit auch Feuer erhöhen. Obgleich Svatmarama ja gerade gesagt hat, dass Uddiyana Bandha auch Agni erhöht. Aber Agni Sara mehr. Uddiyana ist mehr das nach oben fliegen lassen. Also beschränke dich nicht auf Agni Sara. Übe jeden Tag Uddiyana Bandha. Svatmarama schlägt vor: Mach‘ das mal sechs Monate lang besonders intensiv.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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