Kommentar zum 3. Kapitel, Verse 25-29
Im 3. Kapitel geht es um die Mudras, die kombinierten Energieerweckungs- und -lenkungsübungen. In der Hatha Yoga Pradipika sind die Mudras nicht wie im indischen Tanz die Fingerhandbewegungen, sondern es sind kombinierte Energielenkungsübungen. Mudras kombinieren Körperhaltung, Atmung, Bewusstseinslenkung und verschiedene kleinere Mudras, bei denen man etwas mit den Beckenbodenmuskeln, der Zunge und vielen anderen Körperteilen macht.
Mahavedha gehört zu den 10 wichtigsten Mudras, die die Hatha Yoga Pradipika im 3. Kapitel beschreibt.
Vers 25 in Sanskrit Rezitation: „Rupa Lavanya Sampanna, yad hast tripura shamvina, mahamudra mahabandhau, nishphalau vedha vajitau.“ Genau wie eine Frau voll Schönheit und Charme ohne Mann keine Kinder bekommen kann, so ist auch Mahamudra und Mahabandha fruchtlos ohne Mahavedha.“
Hier gebraucht er ein etwas anderes Beispiel. Svatmarama hat ja keine Hemmungen öfters durchaus mal eine vulgäre Sprache zu gebrauchen. Hier heißt es wörtlich: so wie eine schöne und anmutige Frau ohne Frucht bleibt, letztlich also kein Kind bekommen kann, so ähnlich werden auch Mahabandha und Mahamudra nicht fruchtbringend sein, also nicht die volle Wirkung haben, ohne Mahavedha. Man könnte sagen: Mahamudra bringt Schönheit, Mahabandha bringt Anmut, Liebreiz und dann mit Mahavedha bekommt man die eigentliche Frucht, weshalb man diese Mudras eigentlich übt.
Vers 26: „Nun Mahavedha. Der Yogi, der in Mahabandha sitzt und mit konzentriertem Geist eine Einatmung vollzogen hat, soll die Bewegung des Lebenshauches (Vayu) anhalten und den Kehlverschluss (Kantha Mudra – also Jalandhara Mudra) setzen.
Vers 27: „Mit beiden Händen parallel zueinander auf dem Boden soll er den Po langsam aufsetzen, sodass er die Energie (Vayu), die durch zwei Energiekanäle fließt, durchbricht und in den mittleren Energiekanal geht.“
Abgrenzung von Mahavedha und Shakti Chalini
Dieser Vers wird öfters anders beschrieben. Es gibt auch verschiedene Variationen. An einer späteren Stelle spricht er auch über Shakti Chalini. Gemeinhin wird Mahavedha so ausgeführt, dass man zunächst in den vollen Lotus geht, wenn dies irgendwie möglich ist. Dann gibt man die Handflächen auf den Boden, hebt dann das Becken leicht und macht alle drei Bandhas. Es wird aber eigentlich nicht das Becken gehoben, sondern der Brustkorb und so wird das Becken nicht mehr ganz den Boden berühren. Das Gesäß, der Po berührt den Boden ganz leicht. Dadurch wird die Wirbelsäule auseinandergezogen. Letztlich zieht das Gewicht des Beckens die Wirbelsäule lang, so wird diese gerade gerichtet und dann kann das Prana durch die Sushumna nach oben fließen.
Gemeinhin praktiziert man erst die Mahamudra: Man streckt ein Bein aus. Als Nächstes übt man Mahabandha, darauf folgt Mahavedha. Und, wenn man will, kann man anschließend Shakti Chalini Mudra üben d.h. das Becken heben und senken und mehrmals hintereinander auf den Boden kommen lassen.
Variationen von Mahavedha
Manchmal wird als Mahavedha auch Shakti Chalini beschrieben. Wir kommen öfters gerade bei den Mudras darauf, dass die gleiche Übung zwei Namen hat und manchmal der gleiche Name zwei Übungen bezeichnet. Es gibt also zwei Mudras, die als Mahavedha bezeichnet werden können: Das eine wäre das Becken mit den Handflächen leicht heben, oder vielen fällt es auch mit den Fäusten leichter. Oder auch das Becken ganz heben und die Ellbogen fast durchdrücken. Dabei kann man den Kopf gerade halten oder auch großes Khechari machen. Dies sind also die verschiedenen
Variationen von Mahavedha Nr. 1.
Manchmal wird als Mahavedha das Heben und Senken des Beckens bezeichnet, was wir bei Yoga Vidya eher als Shakti Chalini Mudra bezeichnen.
Schauen wir, wie Svatmarama auch noch Mahvedha in einer anderen Übersetzung beschreibt. Santadayet (schlage auf den Boden) Shanaye (langsam). So würde man durchaus sagen, dass in der Hatha Yoga Pradipika das Heben und Senken als Shakti Chalani Mudra bezeichnet wird. In der Yoga Vidya Tradition ist dies nur das Becken heben. Das Becken heben und senken bezeichnen wir als Shakti Chalani Mudra.
Dadurch verlässt das Prana Ida und Pingala und fließt durch die Sushumna. Indem man gleichzeitig Mahabandha (alle drei Bandhas) übt und das Becken hebt, öffnet sich die Sushumna und das Prana fließt von Ida und Pingala im Muladhara Chakra in die Sushumna.
Aktivierung des Kanda
Übt man Shakti Chalani, die Variation von Mahavedha, in der man das Becken hebt und senkt, aktiviert dies Kanda (die Wurzelknolle) über die er an einer anderen Stelle spricht, der Bereich zwischen Geschlechtsorganen und Anus, also Perineum bzw. der hintere Bereich der Scheide. Im Kanda Punkt beginnen alle Nadis und das Heben und Senken des Beckens sollte so sein, dass man es am Kanda Punkt besonders spürt. Es ist nicht so sehr das Gesäß, das erheblich ist oder die Pobacken, sondern die sanfte Massage des Kanda Punktes, wenn man die mittleren Beckenbodenmuskeln anspannt und dann das Becken hebt und senkt. Die Aktivierung des Kanda Punktes hilft noch mehr, dass die Energie vom Muladhara Chakra durch die Sushumna noch oben fließt.
Vers 28: „Damit erfolgt die Vereinigung von Sonne, Mond und Feuer und der Nektar der Unsterblichkeit tritt hervor. Und ein Zustand ähnlich dem Tod stellt sich ein. Danach sollte der Yogi langsam ausatmen.“
Sonne (Pingala), Mond (Ida) und Feuer (Sushumna) sind natürlich die Bezeichnungen für die drei Nadis. Indem sich die drei Nadis im Muladhara Chakra vereinen und dann die Energie durch die Sushumna nach oben strömt, kommt man über die Dualität hinaus. Solange das Prana durch Ida und Pingala geht, sind wir in der Dualität: Tag und Nacht, Hitze und Kälte, Mögen und Nicht-Mögen, Gut und Böse usw.
Ist aber das Prana in der Sushumna sind wir jenseits aller Dualität, jenseits von Zeit und Raum. Dieser letzte Zustand ist jener der Unsterblichkeit. Dies kannst du durchaus spüren, wenn du intensives Pranayama übst, anschließend die Mudras übst, insbesondere mit großer Konzentration und Achtsamkeit Mahavedha und Shakti Chalini. Dann wirst du einen Zustand der absoluten Ruhe des Geistes erreichen, das Gefühl der Einheit und der vollkommenen Verbundenheit.
Die Atmung während Mahavedha
Was er dann noch zum Schluss sagt: Man solle die Luft nur solange anhalten, wie man anschließend langsam ausatmen kann. Dies ist natürlich auch körperlich anstrengend, deshalb kann man den Atem auch nicht zu lange anhalten. Es gibt ein paar Sekunden, in denen man diese unglaubliche Erfahrung hat, anschließend atmet man aus.
Manche Menschen machen es auch so: sie üben Mahavedha und bleiben danach ein paar Minuten ruhig sitzen und genießen diesen Zustand sehr tiefer Meditation.
Vers 29: „Dies ist Mahavedha und verleiht, wenn ausgeübt, große Siddhis. Das bringt auch die Falten und grauen Haare, die als Folgen des Alterns auftreten zum Verschwinden. Deshalb wird diese Übung sehr geschätzt.“ Es gibt auch noch eine andere Übersetzung. „Die Praxis von Mahavedha verleiht großartige Kräfte, Siddhis. Es löscht Falten, graues Haar und Greisenzittern aus und wird von den besten der Yogis praktiziert.“
Ziel von Mahavedha
So will uns Svatmarama diese Übungen schmackhaft machen. Es geht letztlich darum, die Unsterblichkeit zu erreichen, Gott zu verwirklichen und die Erleuchtung zu erlangen. Aber Hatha Yoga wirkt eben auch auf anderen Ebenen. Vielen Menschen üben Hatha Yoga hauptsächlich wegen der Gesundheit, dem Wohlbefinden, der geistigen Ruhe und für mehr Energie. Hatha Yoga will uns aber über die Dualität hinausführen.
Hatha Yoga selbst, gerade wenn es um Pranayamas, Mudras und Bandhas geht, will uns zum höchsten Bewusstseinszustand führen. Ob jetzt tatsächlich alle Falten verschwinden ist eine andere Sache. Interessanterweise sehen die Yogameister, die viel Hatha Yoga üben, mit 70 und 80 Jahren sehr viel jünger aus als andere. Menschen, die viel Hatha Yoga üben werden im Alter nicht so sehr unter Demenz leiden, haben weniger neurologische Probleme. Hatha Yoga hilft tatsächlich bis ins hohe Alter gesund und voller Energie zu sein. Aber vom Standpunkt des Yoga ist die Bewusstseinserweiterung wichtiger. Große Siddhis heißt verschiedene große Kräfte und Fähigkeiten.
Mahavedha als fortgeschrittene Technik
Natürlich ist Mahavedha keine Übung, die du einfach so für dich übst. Bei Yoga Vidya üben wir Mahavedha als Teil der Bhastrika Mudra Reihe. Man beginnt mit 3 Runden Kapalabhati, 20 bis 40 Minuten Wechselatmung und danach übt man die Bhastrika Mudra Reihe. Sie beginnt mit Mahamudra, dann folgt Mahavedha, dann folgt Shakti Chalini, dann folgt Lola Mudra dann Bhujangini Mudra. Dies sind die fünf Mudras, die wir bei Yoga Vidya im Rahmen der fortgeschrittenen Kundalini Yoga Seminare und auch im fortgeschrittenen Pranayama üben. Nicht für Anfänger, sondern eben für Fortgeschrittene.
Man kann natürlich alle 10 Mudras der Hatha Yoga Pradipika in dessen Reihenfolge praktizieren. Damit sie die Wirkung haben, braucht es schon eine große Konzentration des Geistes. Allein die mechanische Übung reicht nicht aus. Zum Abschluss nochmal, wie Mahaveda geht:
Schritte des Mahavedha
Du atmest erst vollständig ein, dann übst du Mahabandha (Mulabandha, Uddhyana Bandha und Jalandharabandha), dann gibst du die Handflächen oder Fäuste auf den Boden, hebst das Becken leicht und konzentrierst dich auf den Punkt zwischen den Augenbrauen.
Oder Mahavedha Variation Nr. 2: Du hebst und senkst das Becken. Auch hier gibt es wieder verschiedene Möglichkeiten: eine so, dass nur der Kanda Punkt berührt wird, die zweite, dass das ganze Becken gehoben und gesenkt wird, und die dritte wäre, Mahavedha bzw. Shakti Chalini ohne die Zuhilfenahme der Hände zu üben. Manchmal ergibt sich die letzte Variante ganz von selbst, wenn man Bhastrika übt.
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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