1. Vers

प्राणायामस् त्रिधा प्रोक्तो रेचपूरककुम्भकैः
सहितः केवलश् चेति कुम्भको द्विविधो मतः ॥७१॥

prāṇāyāmas tridhā prokto reca-pūraka-kumbhakaiḥ… sahitaḥ kevalaś ceti kumbhako dvividho mata

prāṇa-āyāmaḥ : (die) Atemzügelung; tridhā* : in dreifacher Weise; proktaḥ : wird gelehrt; reca : (in Form von) Ausatmung (Recaka-Prāṇāyāma*, d.h. Atemverhaltung nach erfolgter Ausatmung); pūraka : Einatmung (Pūraka-Prāṇāyāma*, d.h. Atemverhaltung nach erfolgter Einatmung); kumbhakaiḥ : (und) Atemverhaltung (Kumbhaka-Prāṇāyāma*, d.h. Atemverhaltung ohne vorhergehende Aus- oder Einatmung); sahitaḥ : verbunden (mit Aus- bzw. Einatmung, dies entspricht nach Brahmānandas Kommentar Recaka- bzw. Pūraka-Prāṇāyāma); kevalaḥ : isoliert, unabhängig (von Aus- bzw. Einatmung, dies entspricht nach Brahmānandas Kommentar Kumbhaka-Prāṇāyāma); ca : und; iti : so, somit; kumbhakaḥ : (die) Atemverhaltung; dvividhaḥ* : (als) von zweierlei Art; mataḥ : wird erachtet („geschätzt“)

Es wird gesagt, dass es drei Arten von Pranayama (gibt): Ausatmung, Einatmung und Anhalten. | Das Anhalten selbst wird als zweigestalt angenommen: verbunden und isoliert.

 

Svatmarama schreibt:

Es gibt drei Arten von Pranayama: Rechaka Pranayama, Puraka Pranayama und Kumbhaka Pranayama. Und von Kumbhaka gibt es zwei Arten: Sahita und Kevala.

Von diesem Vers gibt es verschiedene Interpretationen. Er ist eine Analogie zum Yoga Sutra, wo Patanjali sagt: Pranayama besteht aus Einatmen, Anhalten und Ausatmen. Mit fortlaufender Praxis wird es verlängert und immer feiner.

Hier sagt Svatmarama:

Pranayama hat drei Arten von Atemzügelungen:

Es gibt Prana-ayamah tridha (die dreifache Weise der Atemzügelung), wie sie gelehrt wird. Es gibt Recha, Puraka und Kumbhaka: beim Pranayama atmet man ein (Puraka), man atmet aus (Rechaka) und man hält die Luft an (Kumbhaka).

Brahmananda (er hat den Kommentar, den Jyotsna, Ende des 19. Jhds. geschrieben) hat gesagt: Es gibt bestimmte Pranayamas, wo Rechaka (ausatmen) wichtig ist. Es gibt solche wo Puraka (das Einatmen) besonders wichtig ist. Es gibt solche, wo Kumbhaka besonders wichtig. Man könnte einfach nach Patanjali sagen: Pranayama (Atemübungen) bestehen aus bewusster Steuerung von Einatmen, Ausatmen und Anhalten.

Dann sagt Svatmarama: Das Anhalten (Kumbhaka) gibt es in zwei Weisen (Dvividha – zweierlei Gestalt). Es gibt Sahita (verbunden mit bestimmter Aus- und Einatmung) und Kevala (etwas, was ohne Ein- und Ausatmung geschieht).

 

  1. Vers

 

यावत् केवलसिद्धिः स्यात् सहितं तावद् अभ्यसेत्
रेचकं पूरकं मुक्त्वा सुखं यद् वायुधारणम् ॥७२॥

yāvat kevala-siddhiḥ syāt sahitaṁ tāvad abhyaset… recakaṁ pūrakaṁ muktvā sukhaṁ yad vāyu-dhāraṇam

yāvat : solange bis; kevala : (in der) isolierten (Atemverhaltung); siddhiḥ : Erfolg, Vervollkommnung; syāt : sich einstellt („ist“); sahitaṁ : (die) verbundene (Form der Atemverhaltung); tāvat : solange; abhyaset : man soll üben, praktizieren; recakaṁ : (vorherige) Ausatmung; pūrakaṁ : (oder) Einatmung; muktvā : ohne („verlassen habend“);sukhaṁ : leicht (erfolgt); yad : wenn; vāyu : (der) Luft („Wind“); dhāraṇam : (das) Anhalten (Fortsetzung in Vers 73)

Bis Perfektion in Kevalakumbhaka erreicht ist, soll der Yogi Sahitakumbhaka üben. | Wenn er einmal Ausatmung (Rechaka) und Einatmung (Puraka) der Luft hinter sich gelassen hat, wird das Anhalten (Dharana) mit Leichtigkeit [sich einstellen].

 

Svatmarama schreibt im folgenden Vers:

Solange der Yogi noch nicht bis zu Kevala Kumbhaka kommt, sollte er Sahita praktizieren.

In Sanskrit: Yavat (solange) Siddhi (Erfolg) noch nicht erreicht ist in Kevala, sollte man Abhyasa (üben) Sahita Kumbhaka (Kumbhaka, welches verbunden ist mit Rechaka, mit der Ausatmung und mit Puraka, der Einatmung. Das Anhalten kommt dann mit einer Leichtigkeit. Man kann auch sagen: Wenn man das Einatmen und Ausatmen verlassen hat (Muktva), folgt ganz leicht (Sukha) die Konzentration (Dharana).

 

Welche Bedeutung steckt hinter dieser Aussage?

Bei Kevala Kumbhaka gibt es zwei Arten:

Es gibt bewusstes Kevala Kumbhaka und automatisches Kevala Kumbhaka.

Angenommen du gehst in die Meditation und der Geist wird ganz ruhig. In diesem Zustand kommt Kevala Kumbhaka von selbst. Das Ein- und Ausatmen hört fast von selbst auf. Du spürst fast nicht mehr. Dein Atem ist ganz ruhig und kaum zu spüren. Manche Anfänger in der Meditation bekommen es dann sogar kurzfristig mit der Angst zu tun. Es können Empfindungen sein, die mit den Aussagen „ich ersticke jetzt und atme gar nicht mehr“, einhergehen.

Du brauchst gar keine Angst zu haben. Wenn Kevala Kumbhaka von selbst kommt, ist das ein wunderschönes Zeichen, dass dein Prana sehr ruhig geworden ist. Du kannst dich jetzt in die Meditation hinein sinken lassen. Wenn du das große Glück hast, dass Kevala Kumbhaka von selbst geschieht, lass dich von der Ruhe des Geistes in tiefe Freude führen, in Ausdehnung und in die Erfahrung der göttlichen Gegenwart.

Die zweite Form von Kevala Kumbhaka ist ein bewusstes Reduzieren von der Ein- und Ausatmung. Du kannst bewusst Kevala Kumbhaka üben. Damit Kevala Kumbhaka sich einstellt, solltest du erst Sahita Kumbhaka üben, die verschiedenen Pranayamas, wo du einatmest, anhältst und ausatmest. Zu diesen Pranayamas gehören Kapalabathi, die Wechselatmung und die Ashta Maha Kumbhakas (Suryabedha, Ujjayi, Sitkari, Sitali, Bhastrika, Bhramari, Murcha, Plavini). Wenn du diese regelmäßig übst, dann wird dein Prana unter Kontrolle gebracht. Dein Prana geht in die Sushumna und es entsteht Kevala Kumbhaka von selbst.

Wann immer du Pranayama übst, solltest du zum Schluss der Pranayama-Sitzung Kevala Kumbhaka üben. Manchmal brauchst du danach nur ein paar Mal tief ein- und auszuatmen. Deine Konzentration ist auf das dritte Auge gerichtet. Der Atem hört fast auf und du fühlst dich in einer anderen Bewusstseinsebene. Konzentration (Dharana) und Meditation (Dhyana) geschehen von selbst.

 

  1. Vers

प्राणायामोऽयम् इत्य् उक्तः वै केवलकुम्भकः
कुम्भके केवले सिद्धे रेचपूरकवर्जिते ॥७३॥

prāṇāyāmo’yam ity uktaḥ sa vai kevala-kumbhakaḥ… kumbhake kevale siddhe reca-pūraka-varjite

prāṇa-āyāmaḥ : (der) Atemzügelung; ayam : diese (Art; iti : so; uktaḥ : wird genannt; saḥ : sie; vai : wahrlich, bekanntlich, gewiss; kevala-kumbhakaḥ : islolierte Atemverhaltung; kumbhake : Atemverhaltung; kevale : (wenn die) isolierte; siddhe : gemeistert ist; reca : Ausatmung; pūraka : (und) Einatmung; varjite : frei von (Fortsetzung in Vers 74)

Dieses Pranayama, das zuvor beschrieben wurde, ist sicherlich Kevala-Kumbhaka. | Wenn Perfektion in dem für sich stehenden Anhalten erlangt wurde, besteht Freiheit von Aus- und Einatmung.

 

Diese Art des Pranayama ist sicherlich Kevala Kumbhaka. Wenn Perfektion in dem für sich stehenden Anhalten erlangt wurde, besteht Freiheit. Diese Freiheit ist zudem die Freiheit von der Aus- und Einatmung.

Den Versen liegen viele Doppeldeutigkeiten zu Grunde. Hier zählt Swami Vishnu nur einen Halbvers zum 73. Vers. Im Gegenzug dazu wird der 74. Vers etwas länger. Ich folge jetzt der Verszählung, wo zwei Halbverse zu diesem 73. Vers gehören.

Im Sanskrit steht: Diese (ayam) Pranayama (Atemzügelung) wird Kevala Kumbhaka genannt. Es ist eine natürliche Atemanhaltung. Kevala heißt sowohl natürlich, wie auch isoliert.

Es ist eine Atemverhaltung (Kumbhaka), die isoliert (Kevala) gemeistert werden kann. Sie ist frei von Rechaka und Puraka (der Aus- und Einatmung). Diese Pranayama ohne Rechaka und Puraka, wo du gar nicht bewusst die Ein- und Ausatmung steuerst und einfach nur in dieser Ruhe bist, ist Kevala Kumbhaka.

 

  1. Vers

तस्य दुर्लभं किंचित् त्रिषु लोकेषु विद्यते
शक्तः केवलकुम्भेन यथेष्टं वायुधारणात् ॥७४॥

na tasya dur-labhaṁ kiñ-cit triṣu lokeṣu vidyate… śaktaḥ kevala-kumbhena yatheṣṭaṁ vāyu-dhāraṇāt

na : nicht; tasya : für einen solchen (Yogi); dur-labhaṁ : (das) schwer zu erlangen (ist); kiñ-cid : irgend etwas; triṣu : in den drei; lokeṣu : Welten; vidyate : es gibt; śaktaḥ : (ein Yogi, der) fähig (ist); kevala-kumbhena : (zur) islolierten Atemverhaltung; yathā-iṣṭaṁ : nach Belieben („wie gewünscht“); vāyu : (der) Luft (“Wind”); dhāraṇāt : aufgrund des Anhaltens (Fortsetzung in Vers 75)

Für diesen ist nichts was in den drei Welten bekannt wäre schwer zu erreichen, | der das Kevala-Kumbhaka, das Anhalten der Luft wie hier beschrieben, beherrscht.

Wenn dieses Kumbhaka ohne irgendein Rechaka oder Puraka gemeistert worden ist, gibt es nichts mehr in den drei Welten, was man nicht erlangen könnte. Man kann seinen Atem durch Kumbhaka anhalten, so lange man möchte.

 

Was ist die Wirkung von Kevala Kumbhaka?

Im Sanskrit: Tasya (für einen solchen Yogi) gibt es na (nicht) kim chid (irgend etwas) in den Trisu Lrokesu (drei Welten), das Durlabha (schwer zu erlangen) wäre.

Ein Yogi, der fähig ist (ein Shakta – jemand, der die Fähigkeit, die Energie hat) zu Kevala Kumbhaka, der kann yatha ishta (ganz nach Belieben, wie gewünscht) die Luft anhalten (Vayu dharana).

Eine weitere Übersetzung ist, dass er ganz nach Belieben in die Konzentration kommen kann. Kevala Kumbhaka führt dazu, dass du in die tiefe Konzentration hineinkommst. Wenn du erst einmal diese tiefe Konzentration hast, brauchst du nichts anderes mehr.

„Durlabha“ könnte ein Hinweis auf andere Schriften sein, wo manches als Durlabha bezeichnet wird. Beispielsweise sagt Shankaracharya im Viveka Chudamani: „Drei Dinge sind Durlabha (schwer zu erlangen) und kommen nur durch die Gnade Gottes und gute Taten in Tausenden von Leben: Das erste ist eine menschenwürdige Geburt, das zweite ist die Sehnsucht nach Befreiung und das dritte ist die liebevolle Führung durch einen guten Meister, durch eine große Seele.“

Hier sagt jetzt Svatmarama „Nichts ist mehr Durlabha, nichts ist mehr schwer zu erlangen, wenn du Kevala Kumbhaka beherrschst.“

Wenn du durch Pranayama, durch die Atemübungen, dein Prana so ruhig gemacht hast, dass du nicht mehr ein- und ausatmen musst und die Ein- und Ausatmung verschmilzt, dann wird dein Geist vollkommen ruhig. Bei einer vollkommenen Ruhe des Geistes besteht eine volle Freude.

Man könnte die Interpretation weiter fortführen. Patanjali spricht im 3. Kapitel des Yoga Sutra von den sogenannten Vibudhis, den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Yogis.

Er sagt dort: „Wenn du Konzentrationsfähigkeit hast, kannst du Samya üben. Wenn du Samya üben kannst, kannst du Jaya (Herrschaft) und Wissen (Prajna) über alles bekommen.“

Übe zunächst Pranayama, dann übe Kevala Kumbhaka und gehe tiefer in die Meditation. Somit wird nichts mehr schwer.

 

  1. Vers

 

राजयोगपदं चापि लभते नात्र संशयः
कुम्भकात् कुण्डलीबोधः कुण्डलीबोधतो भवेत्
अनर्गला सुषुम्णा हठसिद्धिश् जायते ॥७५॥

rāja-yoga-padaṁ cāpi labhate nātra saṁśayaḥ… kumbhakāt kuṇḍalī-bodhaḥ kuṇḍalī-bodhato bhavet… anargalā suṣumṇā ca haṭha-siddhiś ca jāyate

rāja-yoga* : (des) königlichen Yoga; padaṁ : (den) Zustand („Ort“); ca : und; api : auch, sogar; labhate : er erlangt, erreicht; na : nicht; atra : hier (über); saṁśayaḥ : (besteht ein) Zweifel; kumbhakāt : aufgrund der Atemverhaltung; kuṇḍalī : (der) Kundali(ni); bodhaḥ : (erfolgt das) Erwachen; kuṇḍalī : (der) Kuṇḍaliṇī; bodhataḥ : aufgrund des Erwachens; bhavet : wird; an-argalā : frei (an-) von Hindernissen; suṣumṇā : (die) Sushumna ca : und; haṭha : (im) Hatha; siddhiḥ : Erfolg, Vervollkommnung; ca : und; jāyate : es entsteht

Und darüber hinaus erreicht [der Yogi] den Zustand des Raja-Yoga, darüber gibt es keinen Zweifel. Durch Kumbhaka wird die Kundalini erweckt und durch die erweckte Kundalini wird die Sushumna frei von Hindernissen und Vollkomenheit im Hatha-Yoga entsteht.

 

*Anmerkung: Zu einer Definition des Begriffes Rajayoga in diesem Zusammenhang vgl. die Anm. zu Kap. 4 Vers 103.

 

Dann wird die Stufe von Raja Yoga erlangt. Rāja-yoga-padaṁ cāpi labhate nātra saṁśayaḥ. Übersetzt heißt dies: So wird Raja Yoga erlangt. Durch Kumbhaka wird die Kundalini erweckt und durch die erweckte Kundalini wird die Sushumna frei von Hindernissen und Vollkommenheit im Hatha-Yoga entsteht.

Bei diesem Vers, steht manchmal ein Teil als eigenständiger Vers. Es kann zudem sein, dass Teile davon miteinander verbunden sind.

 

Welche Wirkung erzeugt das Üben von Kevala Kumbhaka?

Du erreichst den Zustand der Ruhe des Geistes, die Kundalini erwacht, die Sushumna wird geöffnet und du erreichst den Zustand der Vollkommenheit.

Über die Beziehung zwischen Raja Yoga und Hatha Yoga schreibt Svatmarama in den nächsten Versen.

 

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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