YVS125 Yoga und Sexualität

Was sagen die alten Yogaschriften zum Thema Sexualität? Wie sehen es die modernen Meister und Meisterinnen? Wie kann man Sexualität leben und ein yogisches Leben führen? Was hat es mit der Enthaltsamkeit auf sich?

Aus der Sicht der Yogis gibt es zu diesem Thema fünf Konzepte mit jeweils unterschiedlichen Antworten.

Fünf Konzepte der Sexualität

  1. Kundalini Yoga: Konzept von Prana und Apana Vayu Ojas. Darin beruht Sexualität auf einer sexuellen Energie, die es zu sublimieren und umzuwandeln gilt in Ojas, in spirituelle Energie.
  2. Vier Purusharthas: In diesem Konzept wird die Sexualität als eine der Motivationen des Menschen und letztlich Teil des vollständigen Menschseins betrachtet. Sexualität wird verstanden als ein Aspekt menschlicher Liebe.
  3. Brahmacharya: Konzept der Enthaltsamkeit in einem ganz speziellen Sinne.
  4. Vier Ashramas: Konzept der vier Lebensstadien. Sexualität wird in verschiedenen Lebensaltern unterschiedlich ausgelebt.
  5. Roter Tantra: Konzept der Sexualität als spirituelle Praxis.

 

Kundalini

Im Kundalini gilt Sexualität als Energie, die sich in Form von Prana, von Shakti zeigt. Der kosmischen Energie, die das gesamte Universum geschaffen hat. Diese Energie ist im Menschen wirksam, als Kundalini. Sie treibt den Menschen dazu sich zu fragen:

Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?

Die Kundalini ist die Motivationskraft, die den Menschen dazu bringt sich spirituell zu entwickeln. Die Kundalini ist zudem die schöpferische Energie, die sich u.a. darin ausdrücken will, weiter neues Leben zu zeugen. Insofern ist Kundalini, in der Form von Apana Vayu, die Kraft hinter der Schaffung von neuen Lebewesen.

Prana und Apana Vayu

Prana kann man in fünf Aspekte unterteilen (siehe Vortragsreihe zum Thema Kundalini Yoga). Prana Vayu, ist die Energie hinter dem Überleben. Es gibt Apana Vayu, die Energie hinter Ausscheidungen, Fortpflanzung und damit der Sexualität und allem Schöpferischen.

Es gibt Samana Vayu, die Energie hinter dem Verdauungstrakt. Die Feuerenergie des Menschen zählt dazu. Es gibt Udana Vayu, die Energie hinter Nervensystem, Kommunikation, Sprache usw. Vyana Vayu, die Energie hinter der Bewegung (Blutkreislauf, Muskel und Skelettsystem).

So wirkt Apana Vayu als eine der fünf Pranas. Vom ersten Chakra aus gehend, ist sie die Energie hinter Ausscheidung, Menstruation. Hinter allem was nach unten geht. Apana Vayu vom zweiten Chakra aus wirkend, ist die Energie hinter der Sexualität und letztlich die Energie hinter dem Geburtsvorgang. Sexualität im engeren Sinne ist Apana Vayu und wird ausgelebt vom zweiten Chakra.

Was bedeutet Sublimierung?

Man kann die sexuelle Energie in die höheren Chakras bringen, wo sie sich als kreative Energie manifestiert. Als die Energie hinter dem künstlerischen Schaffen. Es ist die Energie, die sich sammelt als reines Ojas, als spirituelle Energie und dem Menschen in der Meditation verhilft, zur Gottverwirklichung zu kommen.

Kundalini Yoga gibt einige Empfehlungen, um Apana Vayu zu sublimieren. Dazu gibt es die Umkehrstellungen wie Kopfstand, Schulterstand usw. Dazu zählen die ganzen Beckenboden-Mudras wie Mula Banda, Ashwini Mudra und kleines Vajroli Mudra. All das hilft, dass die Kundalini Energie nach oben steigt. Bestimmte Visualisierungen und Meditationen unterstützen diesen Prozess. Beispielsweise die Sushumna Aktivierungs Atmung, mit dem kleinen Kreislauf und dem großen Kreislauf. All diese dienen dazu, dass die Energie durch die Sushumna nach oben kommt, damit auch Apana Vayu, dessen Sitz im unteren Körperbereich zu finden ist, in die Sushumna hineingehen und nach oben strömen kann.

In diesem Kontext kann sich vorübergehend das sexuelle Begehren ändern. Manche Menschen fangen mit Yoga an und haben dann über Tage, Wochen, Monate kaum sexuelle Bedürfnisse mehr und darüber vielleicht etwas verwundert sind. Dann kann es sein, dass Apana Vayu fast vollständig nach oben in die höheren Chakras sublimiert wird.

Umgekehrt gibt es Menschen, die nach Beginn der Yoga Praxis ein stark erhöhtes sexuelles Begehren spüren. Wenn das Apana Vayu in das zweite Chakra kommt und von dort letztlich etwas bewirken will, was sich in einer gesteigerten Sexualität äußern kann. In den indischen Hatha Yogaschriften wird häufig gesagt, dass jemand der Hatha Yoga übt, eine stärkere Sexualkraft hat. Wahrscheinlich war dies im alten Indien eine gewisse Motivation für viele Hatha Yoga zu praktizieren.

Gibt es eine vorübergehende Phase, in der sexuelles Begehren weniger wird oder fast ganz wegfällt? Es ist hilfreich zu wissen, in der Mehrheit der Fälle ist dies nur vorübergehend der Fall. Es dauert zumeist nur ein paar Wochen bis Monate an. Dies kann manchmal zu Missverständnissen führen, beispielsweise wenn ein Partner fälschlicherweise annimmt, er/sie habe jetzt die Sexualität überwunden. Ab jetzt gäbe es sie nicht mehr. Dann kann es sein, wenn z. B. einige Monate später sexuelle Wünsche wieder zurückkehren, dass er/die Partner/in bereits eine andere Weise gefunden hat diese zu befriedigen. Vorteilhafter wäre es, mit dem Partner/in darüber offen zu sprechen und einen guten Weg zu finden, damit umzugehen.

Bei einer Sublimierung bleibt normalerweise die ursprüngliche Funktion einer Energie weiterhin erhalten, obwohl ein Teil von ihr sublimiert wird. Ähnlich wie man Samana Vayu sublimiert, indem man Uddiyana Bandha übt oder Agni Sara, Nauli und Vorwärtsbeugen macht zudem auf eine sattwige Ernährung achtet und vielleicht fastet. Anschließend verdaust du die Nahrung besser, kannst mehr Vergnügen haben beim Essen und dein Gewicht wird sich harmonisieren. In diesem Prozess wird ein Teil von Samana Vayu umgewandelt in Ojas. In diesem Sinne könnte man sagen, Sexualität ist eine Manifestation von Prana. Ein Teil der Sexualität wird sublimentiert und ein anderer Teil der sexuellen Energie ausgelebt. Bedingt durch spirituelle Praxis, durch Psyche und Arbeitsanspannungen und anderes, entstehen auch Fluktuationen im sexuellen Begehren. Denn vom Kundalini Yoga Standpunkt aus, ist sexuelles Begehren Apana Vayu , das vom Svadhishthana Chakra aus wirkt. Je nachdem ob überhaupt die Energie zum Svadhishthana Chakra hochkommen kann oder vielleicht größtenteils weiter nach oben kommt, kann sexuelles Begehren mehr oder weniger sein.

Vier Purusharthas – Dharma, Artha, Kama und Moksha

Das zweite Konzept ist das der vier Purusharthas (ausführlich wird es in der Vortragsreihe „Der spirituelle Weg“ besprochen). Hierbei ist Sexualität zum einen natürlich ein großes Vergnügen des Menschen. Es ist angelegt als eine starke Motivation, sicherlich auch evolutionsbiologisch bedingt. Es ist die Energie vom zweiten Chakra ausgehend, was den Menschen Vergnügen bereitet. Im Sinne der vier Purusharthas wird empfohlen, dass Sexualität Teil einer Zweierbeziehung ist, die durch eine Liebe verbunden ist und sich auf verschiedenen Ebenen zeigt. Sexualität ist hier etwas, was Vergnügen bereitet und welches man dem anderen schenkt. Neben dem Sexualakt gehört dazu Zärtlichkeit, Hingabe usw. Aus einer Zweierbeziehung, in der Sexualität, sinnliche Liebe und Zärtlichkeit wichtig ist, entwickelt sich oft eine Wirtschaftsgemeinschaft. Man wohnt zusammen, unterstützt sich gegenseitig und teilt die Arbeiten im Haus auf. Die Partner unterstützen sich gegenseitig in ihrem beruflichen Alltag, ermutigen und tauschen sich darüber aus.

Eine Partnerschaft kann einem helfen, seine Fähigkeiten zu kultivieren, was die Ebene von Dharma wäre. Man kann einiges tun, um sich im Zusammensein mit einem anderen weiterzuentwickeln. Zum einen gelingt es Partnern, die eine Weile zusammen sind, die „richtigen Knöpfe“ zu drücken, sodass man merkt, wo die eigenen Schwächen liegen und wo man Reizreaktionsketten unterliegt. Zum anderen unterstützen sich die Partner, Partnerinnen hoffentlich beim Entfalten der eigenen Fähigkeiten, ermutigen einander und helfen sich gegenseitig, um aus der Komfortzone herauszukommen und mehr zu machen. Durch die Rückendeckung eines Partners kann sich der/die andere mal etwas weiter hinauswagen und sich mehr engagieren für eine bessere Welt. Aufgrund dessen man zu Hause einen Partner/eine Partnerin hat, der oder die einen so akzeptiert wie man ist, der oder die einem Trost schenken kann, wenn es mal nicht so gut läuft, bekommt man die Kraft das verstärkte Engagement dauerhaft gut durchzuhalten. Häufig entwickelt sich in der Partnerschaft dann auch spirituelle Liebe. Die Partner unterstützen sich gegenseitig in ihrer Spiritualität und ermutigen sich über tiefere Fragen nachzudenken. Insofern kann die sexuelle Liebe eine Grundlage sein für ein gemeinsames Haus, ein schönes Apartment, gewisse Gemeinsamkeiten und generell für schöne Momente in vielerlei Hinsicht.

Liebe hilft einem Menschen sich selbst zu entfalten, zu entwickeln und dem anderen zu helfen sich zu entwickeln und dabei bis zu Moksha zu gehen (Befreiung). Oft entstehen aus der Partnerschaft Kinder. Dann entsteht bei der Kindererziehung wieder Artha, der Wunsch nach finanzieller Absicherung und Erfolg ist wichtig. Sich um die Kinder zu kümmern, bedeutet vom Ego weg zukommen, für andere Menschen Verantwortung zu übernehmen und da zu sein. Dabei entfalten sich weitere eigene Fähigkeiten und Talente. In dem man das Göttliche in den Kindern sieht und lernt, dass auch in den Schwierigkeiten der Kindererziehung spirituelle Lektionen stecken, wird dadurch der Wunsch nach Moksha gestärkt. Beim Konzept der vier Purusharthas würde man sagen, dass Sexualität ein wichtiger Teil des Menschseins ist. Diese stellt eines der Motive dar, die eine gute Grundlage sein kann für Liebe und Entwicklung auf allen Ebenen.

Brahmacharya – sexuelle Enthaltsamkeit

Brahmacharya bedeutet die sexuelle Enthaltsamkeit (weitere Informationen über monastisches Leben in unserer Tradition, Brahmacharya und Sannyasa, finden sich in einem anderen Vortrag). Es gibt das Konzept, dass man für eine gewisse Zeit oder auch dauerhaft sexuell enthaltsam leben will. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Man könnte sagen, es ist gut für eine gewisse Zeit lang Apana Vayu nicht auszugeben auf der Swadisthana Ebene. Sondern zu schauen, was passiert, wenn es vollständig sublimiert wird oder ich mich darum bemühe. Wenn ich zwischendurch sexuell motivierten auftretenden Gedanken und Wünschen nicht folge, entsteht dadurch ein höheres Prana. Dabei wird Apana Vayu in einer größeren Menge sublimiert in Ojas. Spirituelle Erfahrungen fallen dann leichter. Dabei ist wichtig, dass man dann mehr spirituelle Praktiken übt, um sich nicht einfach nur frustriert zu fühlen, sondern stattdessen anstrebt, höhere spirituelle Erfahrungen zu machen.

Enthaltsamkeit und Partnerschaft

Ein weiterer Grund für Brahmacharya kann ganz banaler Natur sein. Dass vielleicht der Partner, die Partnerin für eine Weile keine Lust auf Sexualität verspürt. Anstatt nun deinen Partner, deine Partnerin damit zu überfordern oder zu nerven, kann die Gelegenheit genutzt werden, Erfahrung in der Enthaltsamkeit zu sammeln. Anstatt fremd zu gehen oder komische Videos anzusehen, könntest du sagen, ich nutze die Gelegenheit, um Brahmacharya zu praktizieren. Nehme es als karmische Lektion an. Es kann als „Pause“ zwischen zwei Beziehungen gesehen werden. Angenommen, eine Partnerschaft ist zu Ende gegangen. Anstatt, dass man sich sofort in die nächste Partnerschaft hinein stürzt und eventuell noch belastet ist von der alten, hält man sich eine Weile zurück bevor man wieder Sexualität lebt. Etwa ein halbes Jahr nicht in Beziehung zu leben und Brahmacharya bewusst zu leben, ist vielleicht ein ausreichender Zeitraum. In dieser Zeit wird dann die alte Beziehung losgelassen und verarbeitet. Zusätzlich kann eine Ablösung auf energetischer Ebene geschehen. Erst dann, wenn weder Groll noch Bedauern aktiv sind (hinsichtlich der vergangenen Partnerschaft) und wenn tiefere spirituelle Erfahrungen wieder möglich sind, dann ist die Zeit reif für eine neue Partnerschaft, die dann vielleicht eine intensivere und lang andauerndere ist. Auf diese Weise kommt dieser Art von Enthaltsamkeit eine wichtige Funktion zu.

Bewusste Enthaltsamkeit

Menschen, die sich entscheiden vorübergehend oder andauernd auf Sexualität zu verzichten, entscheiden sich bewusst für Brahmacharya im Sinne von Enthaltsamkeit. Vorherrschender Gedanke ist, keine dauerhafte Beziehung einzugehen. Das kann der Fall sein, wenn man sich insgesamt mehr auf Gottverwirklichung, Selbstverwirklichung ausrichten möchte. In diesem Falle kann eine Zweierbeziehung schnell zu viel werden. Auch wenn es nur darum geht, sexuelle Handlungen auszuführen, kann die Beziehung einseitig und unbefriedigend werden. Unverbindliche Sexualität funktioniert in den meisten Fällen eher nicht. Auf diese Weise Sexualität auszuleben, ohne eine verbindliche Beziehung, die beiden Partner gerecht werden würde, funktioniert in der Mehrzahl der Fälle nicht gut.

Es gibt dazu ein schönes Buch von Swami Sivananda mit dem Titel „Inspiration und Weisheit“. Darin gibt Sivananda einige andere Gründe, weshalb es gut sein könnte, Brahmacharya als sexuelle Enthaltsamkeit zu leben. Ein dauerhafter Entschluss für Brahmacharya ist manchmal schwierig, weil sich die Motivation, die man ursprünglich hatte, irgendwann ändern kann, wenn beispielsweise am Anfang fast keine sexuellen Wünsche vorhanden waren und irgendwann jedoch wieder kommen.

Man schätzt etwa zwischen 0,5 und 2 % Prozent der Menschen sind asexuell. Das heißt, sie haben überhaupt keine sexuellen Wünsche. Zum Teil müssen sie sich mühsam dazu motivieren, die nicht vorhandenen sexuellen Begierden irgendwo zu aktivieren. Weil es gesellschaftlich angesehen ist und erwartet wird. Im Yoga würde man vorschlagen, wenn keine sexuellen Wünsche vorhanden sind, Brahmacharya zu praktizieren. Wenn die Sexualität nur schwach ausgeprägt ist und sie nicht ausreichen würde, um in einer dauerhaften Partnerschaft dem anderen gegenüber gerecht zu werden, kann Brahmacharya gut praktiziert werden.

 

Vier Ashramas

Sexualität im Kontext von Brahmacharya, Garhasthya, Vanaprasthya und Sannyasa

Ein viertes Prinzip ist das der vier Ashramas, der unterschiedlichen Lebensstadien von Brahmacharya, Garhasthya, Vanaprasthya und Sannyasa. Brahmacharya ist hier die Schülerschaft bei einem Lehrer. Garhasthya ist das Berufs- und Familienleben. Vanaprasthya ist das Rentnerdasein und Sannyasa die Entsagung.

Erstes Lebensstadium: In diesem Sinne würde man sagen, Brahmacharya ist die Schülerschaft bei einem Lehrer im Alter von 8/12 – 20/25 Jahren. Als andere Variante kann man sich entscheiden für eine gewisse Zeit in einen Ashram zu gehen und Brahmacharya leben. Dort verbringt man etwa ein halbes oder viertel Jahr, jedoch ohne auf Partnersuche zu sein. Man konzentriert sich ganz auf spirituelle Entwicklung. Das wäre ebenfalls eine Form von Brahmacharya.

Ashramleben und Sexualität

Empfehlenswert ist dies für Personen, die beispielsweise als Sevaka zu Yoga Vidya in den Ashram kommen. Es ist ratsam, in den ersten sechs bis zwölf Monaten Brahmacharya zu leben. Wer ohne einen Partner in den Ashram gekommen ist, für den kann es klug sein, etwa 6–12 Monate ohne sexuelle Beziehung zu leben und sich ganz auszurichten auf den spirituellen Weg.

Natürlich gelingt dies Menschen sehr häufig nicht. Wenn man im Ashram praktiziert, hat man mehr Energie. Irgendwann sieht man einen anderen, man schaut sich in die Augen, es entsteht eine Anziehungskraft und schnell wird daraus eine sexuelle Beziehung. Anders betrachtet könnte man dann sagen, es ist toll, wenn man im Ashram einen spirituellen Partner begegnet. In normalem Alltag außerhalb fällt es spirituellen Menschen häufig nicht leicht ausreichend oft mit anderen spirituell orientierten Menschen zusammen zu sein, um sich ineinander zu verlieben.

Allerdings ist dann oft folgendes zu beobachten. Wenn ein neuer Sevaka eine sexuelle Beziehung eingegangen ist, wächst er ab diesem Moment in der Spiritualität nicht mehr so stark. Es ist dann nicht mehr das Wichtigste sich zu fragen:

Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist Gott? Wie entwickele ich mich spirituell weiter? Wie erreiche ich die Erleuchtung?

Wenn man sich verliebt hat, dies in die Sexualität mündet, steht diese Verbindung, dieses Verliebtsein an erster Stelle. Das Leben im Ashram und das Ziel der Erleuchtung eher auf Platz vier, fünf und sechs. Natürlich kann man sagen, als frisch Verliebte/r kann man das Gefühl bekommen (v.a. wenn man viel praktiziert hat), Gott überall zu sehen. Eine spirituelle Euphorie und Erfahrungen können geschehen. Aber zum Teil schwebt man eher in seiner eigenen Wolke.

Wenn du überlegst in einen Ashram zu ziehen oder gerade in einen gezogen bist, wäre es erst mal hilfreich mindestens die ersten 6 – 12 Monate enthaltsam zu sein. Es sei denn, eine der Hauptmotivationen in den Ashram zu gehen besteht darin, einen neuen Partner, insbesondere einen spirituellen Partner zu finden.

Zweites Lebensstadium: Garhasthya. Es ist die Phase des Weges, in der idealerweise alle vier Purusharthas eine Rolle spielen. Wo Sexualität eine Rolle spielt , Zärtlichkeit und alles was man schönes mit dem Partner erleben kann. Eine Zeit, in der man sich engagiert im Beruf und eine finanzielle Absicherung anstrebt usw. Wo man sich engagiert, um Gutes in der Welt zu bewirken, seine Fähigkeiten entwickelt und nach Moksha strebt.

Ein altes indisches spirituelles Ideal ist, dass man in Garhasthya allen vier Motivationen gerecht wird. Hierbei spielt Sexualität eine Rolle unter vielen. Sie wird idealerweise mit einem festen Partner/Partnerin gelebt. Irgendwann im Alter, zwischen 50 – 60 Jahren, manchmal früher, wird Sexualität oft weniger wichtig.

Mir hat mal jemand gesagt, die beste Weise sein sexuelles Begehren zu reduzieren ist eine gute Partnerschaft, die länger als fünf bis zehn Jahre dauert. Oft ist es der Fall, wenn die Partnerschaft tragend und gut ist, die Sexualität weniger und nicht außerhalb der Partnerschaft gesucht wird. Andere Dinge treten in den Vordergrund. Nach dem Modell der vier Ashramas geschieht das im Alter von etwa 50–60 Jahren. In diesem Alter wird bei den meisten Menschen sexuelles Begehren weniger. Gerade wenn man längere Zeit mit einem Partner, mit einer Partnerin zusammen war, werden andere Dinge wichtiger. Vom Yoga Standpunkt aus würde man sagen, man soll sich darüber freuen, dass das sexuelle Begehren weniger wird, denn es gibt genügend anderes, was eine Beziehung vertiefen kann. Hier sei angemerkt, dass wenig empfehlenswert ist, die schwächer werdende Sexualität mit künstlichen Mitteln anzukurbeln.

Die spirituelle Sehnsucht wird insgesamt stärker. Aus Vanaprastha wird irgendwann Sannyasa. Das bedeutet ein vollständiger Verzicht auf Sexualität. Klassischerweise beginnt dieses Lebensstadium mit etwa 75 Jahren oder beim Tod eines Partners. Dies ist der Zeitpunkt, an dem der übriggebliebene Partner merkt, dass sein letzter Lebensabschnitt begonnen hat. Die Kinder sind aus dem Haus und Partner/Partnerin ist nicht mehr da. Nur noch Gott, die Gottverwirklichung, Erleuchtung steht vor bevor.

 

Roter Tantra – Sexualität als spirituelle Praxis

Das Konzept des Roten Tantra sieht Sexualität als spirituelle Praxis, um Gott zu erfahren. Es gibt darüber eine Reihe von Schriften und Büchern.

Die Theorie des Roten Tantras ist folgende:

Der sexuelle Akt wird in einem rituellen Kontext begannen, indem vorher z. B. Mantras wiederholt werden. Dadurch wird ein heiliger Raum geschaffen, welches den Prozess einleitet mit einer ausdauernden Zärtlichkeit. Werden bei dem sexuellen Akt Mantras wiederholt und bestimmte Mudras integriert, um beim Höhepunkt die Energie vollständig zu sublimieren, könnte man dabei höhere spirituelle Erfahrungen machen. Rein theoretisch wäre es möglich im Orgasmus letztlich Gott zu erfahren.

Roten Tantra gibt es in verschiedenen Weisen. Es gibt ein Training von Mula Bandha und Vajroli Mudra, das so weit geht, dass es beim Mann gar nicht zum Samenerguss kommt, sondern dass bestimmte Muskeln sich vor die Vorsteherdrüse setzen und den Samenerguss verhindern. Bei der Frau gibt es ähnliche Praktiken. Die Aussage ist, dass es durch Sexualität zur Spiritualität gehen kann. In der Sexualität wird die Energie Apana Vayu sublimiert.

Rotes Tantra versucht auszudrücken, dass Sexualität nicht Energie verbrauchen müsse. Wie es in manchen Interpretationen des Kundalini dargestellt ist, dass Sexualität dazu führt, dass man nachher weniger Prana hat. Jedoch sind das nur wenige Menschen, die das letztlich so beschreiben.

Generell gilt, man kann sexuell aktiv sein auch ohne das Rote Tantra. Man kann durch Sexualität und Liebe mehr Energie haben als ohne Sexualität.

Umgekehrt, wenn man eine enthaltsame Phase hat und in der Zeit Apana Vayu vollständig sublimiert, kann dies etwas sehr Schönes sein. Wenn man Sexualität mit viel Liebe macht und dies in einer spirituellen Umgebung geschieht, dass es der Liebesakt Teil einer spirituellen Erfahrung wird. Im Grunde genommen, kann man Sexualität, wie jede andere Handlung, Gott darbringen.

Dem hohen Anspruch des Roten Tantra stehe ich persönlich etwas skeptisch gegenüber. Ich hab die Rote Tantra-Bewegung über die Jahrzehnte etwas verfolgt und diejenigen, die das vor zwanzig, dreißig Jahren so gesagt haben, die sind heute zum Teil in große Skandalgeschichten verwickelt, da es auf ihren Seminaren teilweise gewaltsame Übergriffe gab. Nur bei wenigen Tantrikern hat man den Eindruck, dass sie (die in ihren frühen 30er Jahren Rote Tantra Lehrer waren und heute in ihren 50er und 60er Lebensjahren) große erleuchtete Meister geworden sind. Natürlich kann man bei klassischen spirituellen Menschen beobachten, dass sie nicht alle nach zwanzig, dreißig Jahren erleuchtet sind. Es gibt andere, die sich vielleicht spirituell gut entwickelt haben.

Man könnte sagen, für manche Paare ist es vielleicht eine interessante Weise ihre Sexualität mit rot-tantrischen Praktiken anzureichern. Bestimmte Energieerfahrungen, spirituelle Erfahrungen sind vermutlich dadurch möglich. Schwieriger wird es, wenn dadurch Erleuchtung erwartet wird.

 

Zusammenfassung

Es gibt fünf verschiedene Ansätze für Yoga und Sexualität. Sexualität als Energie, als Manifestation von Apana Vayu und insgesamt, um das Prana zu erhöhen. Zu sublimieren, subtil zu machen, in spirituelle Energie umzuwandeln, kann es hilfreich sein, viele Praktiken zu machen und Apana Vayu nach oben zu bringen. In diesem Prozess kann es Phasen geben, in denen sexuelles Begehren weniger oder mehr wird. Solange man dabei mit der Sexualität nicht künstlich übertreibt, kann man sie als Teil von spirituellen Erfahrungen sehen.

Einem Konzept der Sexualität als Mittel zur Sublimierung oder als Teilsublimieren entgegengesetzt, ist Brahmacharya als System der vorübergehenden oder andauernden Enthaltsamkeit. Die kann ganz natürlich entstehen, wenn Apana Vayu sich nicht über Svadhishthana Chakra manifestieren will. Zudem kann es aus Lebenssituationen entstehen wie beispielsweise einer vorübergehenden Trennung der Partner, aus beruflichen oder anderen Gründen. Wenn einer der Partner selbst bestimmte Gründe hat und zeitweise keine Sexualität haben mag, kann dies eine Ursache sein. Eine Schwangerschaft oder Krankheit und wenn eine Beziehung zu Ende gegangen ist, kann der Auslöser sein. Man kann dabei interessante Erfahrungen machen und schauen, dass man die Apana Vayu Energie vollständiger sublimieren kann.

Man kann Sexualität auch sehen im Kontext der vier Purusharthas, der Hauptziele des Menschen. Als eine Weise, einen Wunsch auf der Karma-Ebene sattwig und besonders wichtig, Sexualität ethisch auszuleben. Dies geschieht mit Respekt, ohne Gewalt und Druck gegenüber dem anderen. Verbunden im Wunsch, sich gegenseitig Vergnügen zu bereiten. Man könnte Sexualität als Teil einer Partnerschaft nehmen, in der Liebe auf allen vier Ebenen funktioniert. Im Kontext der vier Purusharthas ist es möglich zu entscheiden, keine dauerhafte Beziehung zu haben und dennoch auf eine Weise die eigene Sexualität alleine auszuleben, ohne damit jemanden zu schaden. Es wäre eine einfache Weise, die Karma Energie auszuleben.

Im Konzept der vier Ashramas sind die unterschiedlichsten Formen denkbar, die sich miteinander abwechseln. Es können Phasen mit und ohne Beziehung sein. Zeiten, wo Sexualität und Enthaltsamkeit in verschiedene Formen gelebt werden. Alles bewusst und ethisch vertretbar.

Ein wichtiger Aspekt, den es insgesamt zu beachten gilt: Man sollte die Bedeutung der Sexualität für die Spiritualität nicht überbewerten. In einigen Büchern über Sexualität oder über Brahmacharya wird so getan, als ob Sexualität die Hauptmotivation des Menschen sei. Es sei die größte Kraft des Universums und dadurch das ganze Leben kommt.

Im Leben der meisten Menschen spielt Sexualität in einem enger verstandenen Sinn nicht diese ganz große Rolle. Sexualität ist ein Aspekt des Menschseins, den man spiritualisieren und Gott darbringen kann. Den man sattwig leben kann oder überhaupt nicht ausleben kann. Es ist ein Aspekt unter vielen. Man wird voraussichtlich nicht durch Sexualität die Erleuchtung erlangen. Umgekehrt wird man auch nicht über Verzicht auf Sexualität die Erleuchtung erlangen.

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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.

Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.

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