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"Wenn du zu einem Yoga-Meister gehst, wird er dir sagen, welche Stellung dir zur Stille verhelfen wird, wie du atmen sollst, welcher Rhythmus am ehesten zu Stille führt, ob du beim Atmen die Augen schließen oder deinen Blick nur auf die Nasenspitze richten sollst … Er wird dir Anweisungen, Hinweise geben, er wird dir eine Wanderkarte in die Hand drücken."

"Die Taoisten haben keine Wanderkarten. Sie sagen, dass du dir zwar, wenn du eine bestimmte Stellung ausprobierst und z.B. auf die Nase schaust und in einem bestimmten Rhythmus atmest, eine gewisse Stille aufzwingen kannst, diese dann aber nicht echt sein wird. Sie ist künstlich, sie ist etwas Aufgesetztes, sie ist unecht. Die echte Stille hat nichts mit irgendwelchen Übungen zu tun. Die echte Stille kommt nicht durch Übungen zustande. Zur echten Stille kommt es nur aus Erkenntnis – der Erkenntnis nämlich, dass alles Begehren nichts bringt."

"Versucht dies zu verstehen: Im Tao gibt es keine Übungen. Die Taoisten haben nichts zu bieten, was sich mit den Yoga-Sutras des Patanjali vergleichen ließe, haben keine “Acht Wege des Yoga”. Sie verraten dir nicht, welche Stellung, welche Disziplin, was für eine Moral – was du essen oder nicht essen darfst, wann du zu Bett gehen und wann du morgens aufstehen sollst. Sie schreiben dir gar nichts vor, denn sie sagen, dass euch all diese Dinge nur eine falsche, weil erzwungene Erfahrung von Stille vermitteln."

(aus: Osho, “The Pathless Path”)

 

 

Mein Kommentar 

© 2015 Text: Bhajan Noam

Es gibt mittlerweile ein kaum noch überschaubares Angebot auf dem sogenannten "Spirituellen Markt". Seit den späten neunzehnhundertsechziger Jahren wogten die vielfältigen Weisheitslehren des Ostens in den Westen hinüber und hatten sogleich zahlreiche Menschen (nach den grauen Nachkriegsjahren) mit der Buntheit der Götterwelten und der Vielfalt der Philosophien begeistert. Immer häufiger aber waren und sind sie verwirrt von den widersprüchlichen Lehren der Meister und Meisterinnen Indiens, Japans, Chinas oder Tibets. Besonders schwierig wird diese Situation durch viele Lehrer, die begonnen haben Methoden nach Gutdünken zu mischen, mit ihrem Namen zu versehen und dieses bunte Allerlei unter ihre Schüler zu streuen. 

Ich möchte hier auf einfache und gelegentlich humorvolle Weise zum Verständnis aller Suchenden an den Beispielen von Yogalehre und Taoismus etwas Ordnung in die Geschichte bringen, wobei ich zwischen den Zeilen und am Ende allen Raum lasse für eigenes Denken, Spüren und Entscheiden. Alle Systeme, die wir uns heute mittels Bücher oder des Internets scheinbar in Lichtgeschwindigkeit anlesen können, sind über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende gewachsen. Sie haben einen langen geschichtlichen, ethnischen und auch politischen Hintergrund. Was der Katholizismus an Entwicklungen durchlaufen hat, blieb z. B. auch einem Buddhismus, einem Taoismus oder einem Sufismus nicht erspart.  

Eine Lehre, die zunächst aus totem Papier, aus toten Worten besteht, muss in jedem Schüler stets neu zu etwas Lebendigem erweckt werden. Dazu bedarf es des Meisters und natürlicherweise einer langen Wegstrecke des eifrigen Lernens – wie auch des Verlernens jahre- oder generationslanger Gewohnheiten. Das Ziel aller Weisheitslehren ist zwar gleich, die Wege aber können oft unterschiedlicher nicht sein. Ein Erwachter, ein Meister, der ans Ziel gelangt ist, kann quasi vom Berggipfel aus die vielen geschlängelten Pfade, ihre Herkunft, ihre Stationen und ihr letztliches Zusammenfließen überschauen. In der Wahrnehmung eines Schüler jedoch, der sich noch im Tal befindet, käme die gleiche Ansicht einem verworrenen Labyrinth gleich. Hüpfte er von einem Pfad zum anderen, wäre er bald hoffnungslos verloren.

 

 

YOGA

 

Alleine Yoga, eine Methode der bewussten Anstrengung, der persönlichen Willensbildung zur Erweiterung des Bewusstseins,  teilt sich in viele kleine eigenständige und doch mit einander verflochtene Pfade.

 

So gibt es zunächst den körperbezogenen Weg des Hatha Yoga. Viele Menschen sind noch nicht wirklich in diesen ihren Körper und in das Leben auf unserem derzeitigen Heimatplaneten Erde inkarniert. Sie haben ihre Geburt zwar irgendwie körperlich, jedoch nicht geistig und energetisch vollzogen. Das zeigt sich nicht zuletzt im derzeitigen Erziehungssystem, wo fast ausschließlich und in einem Übermaß der Verstand gefordert und gefördert wird, nicht aber das Leibliche. Früher oder später erzeugt diese Einseitigkeit somatische Probleme und Erkrankungen. Hatha Yoga kann den Körper – oft zum ersten Mal – als irdische Basis unseres Hierseins bewusst machen. Asanas fördern die organischen Funktionen, die muskuläre Flexibilität und die energetische Inbesitznahme. Pranayama-Übungen erzeugen, übertragen gesehen, das Ausprägen eines kraftvollen Wurzelwerks, das dringende Voraussetzung geistiger Blüten und Früchte ist. Hatha Yoga gibt die Kraft, die Aufgaben einer aktuellen Inkarnation zu erfüllen und darüber hinaus noch einige selbstlose Taten zu vollbringen. – Zögere nicht, gehe mit einem erfahrenen Lehrer diesen zu Beginn oft nicht leichten aber gnadenreichen Weg.

 

Bhakti Yoga ist der Weg des vertrauensvollen Kindes in dir. „Lasst die Kinder zu mir kommen, wehret ihnen nicht“,  rief Jesus. Kinder singen, tanzen, beten, spielen unbefangen und frei. In ihrem Leben ist nichts ernst außer dem Spiel. Sie sind rückhaltlos hingegeben an die Existenz, an einen freundlichen Gott, an den immer spannenden, sie vollends vereinnahmenden Augenblick. Die Kunst des erwachsenen Bhakti-Yogis ist es, nicht ein Kind zu spielen, es nachzuahmen, sondern bewusst ins Vertrauen zu gehen, sich zu erinnern an die Zeit, als er nichts anderes als Vertrauen kannte. Bhakti Yoga ist nicht der Weg der zahllosen Menschen, deren Vertrauen in der Kindheit missbraucht und zerstört wurde. Es wäre ein zu zaghaft beschrittener Weg, der mehr vom Verstand als vom Herzen gelenkt ist. Bhakti Yoga ist für Menschen, denen es trotz des Soges der Welt gelungen ist, kindlich und unschuldig zu bleiben, für die es nur ein kleiner Sprung zurück in die Hingabe ist an ein Sein voller Wunder, voller Staunen, voller Lachen, voller Tanz und Gesang. Der wahre Bhakti-Schüler bedarf keines Lehrers, er ruht bereits selig und geborgen in Gottes Schoß.

 

Beim Karma Yoga, dem selbstlosen Dienen, besteht leicht die Gefahr einem Egotrip zu verfallen. Einem spirituellen Egotrip. Man kann sich als „Heiliger“ fühlen, weil man ja konträr zu einer geldsüchtigen Dienstleistungs- und Profitmaximierungsgesellschaft agiert. Aber das Geld des „Heiligen“ sind seine spirituellen Verdienste, mit denen er sogar bei Gott zu schachern und zu feilschen versucht. Vergiss am besten den ganzen Karma-Gedanken, er erinnert zu sehr an den Ablasshandel im Mittelalter. Sei auf Augenhöhe ein Mensch mit Herz unter Mitmenschen und tue, was notwendig ist. Helfen ist etwas natürliches, man könnte sagen biologisches. Auch Tiere helfen sich unter einander. Neuen Forschungen zufolge fand man heraus, dass sogar Bäume Rücksicht auf einander nehmen, dem jungen Nachwuchs genügend Lichteinfall durch ihr Kronendach lassen,  geschwächte Exemplare über ihr Wurzelsystem und dem weitverzweigten System von Pilzen miternähren. Man bemerkte, dass selbst Stümpfe von Bäumen, die teils vor Jahrhunderten gefällt wurden, nicht tot sind, sondern über diesen langen Zeitraum von den Bäumen des Umfeldes weiter mitversorgt werden. Was ist dagegen deine bescheidene Idee von Karma-Dienst?

 

Eine beliebte Methode innerhalb des Yoga ist Kundalini-Yoga. Der Schüler hat dabei die Hoffnung, mittels sogenannter Erweckung der Kundalinikraft die Erleuchtung zu verwirklichen. Hierbei braucht er einen sehr erfahrenen Lehrer oder Meister. Was ist diese mysteriöse Schlangenkraft? Beschrieben wird sie als eine im Schlummerzustand dreieinhalbfach zusammengerollte Schlange in Höhe des Kreuzbeins. Wird sie „geweckt“, also mittels verschiedener Atem- und Körperübungen, Mantras und Visualisierungen angeregt, steigt sie im zentralen Wirbelkanal (Sushumna) auf, bis sie Sahasrara (das Kronenchakra) erreicht. Da sie von unten nach oben aufsteigt, können auf ihrem Weg tiefste Schichten der Psyche, also das tiefste Unbewusste oder lange Verdrängtes, zuerst aufgewühlt werden und an die Oberfläche gelangen. Deswegen wird zu besonderer Vorsicht beim Umgang mit dieser Energie geraten. Wenn wir es jedoch einmal unbefangen von außen betrachten, eröffnet sich uns ein bedeutsamer Teil der Lebensgeschichte eines Menschen. Ein kleines Kind, das noch fast unbeeinflusst durch die Erwachsenenwelt ist, sehen wir voller Energie spielen, hüpfen, singen, vor sich hinplappern, kreativ mit anderen Kindern, Tieren, Dingen und Farben umgehen. Alle seine Bewegungen, seine ungezähmte Kraft, seine Lebenslust sind Ausdruck einer vollkommen intakt fließenden Kundalinienergie. Was passiert etwas später? Das Kind kommt zunächst in den Kindergarten und dann in die Schule. Nach und nach wird es in seinem bis dahin freier Bewegungsdrang gehindert. Es muss stillsitzen, es darf nicht mehr laut plappern, singen, lachen, seine Kreativität wird gedämpft und gesteuert und fast von heute auf morgen wird er vom Körper weg zum Kopf hin erzogen. Buchstaben werden wichtiger als das Klettern auf Bäume. Zahlen und Zäune umgeben jetzt seine immer kleiner werdende Welt. Der Himmel darf nicht einmal mehr durchs Fenster betrachtet werden. Die neuen Fenster sind zweidimensionale Lehrbücher und später Falchbildschirme. Sein Leben wird nicht mehr von Neugierde, von Spieltrieb und unbändiger Freude sondern von alles erdrückenden Pflichten bestimmt. Und die eingeschüchterte Kundalinischlange beginnt sich tiefer und tiefer zu verkriechen. Später dann bekommt der junge Mann oder die junge Frau Rückenschmerzen, leidet an Lustlosigkeit, Übermüdung, Kopfschmerzen und Langeweile. Andere Leiden folgen, die kein Arzt hinreichend zu erklären vermag. Dieser Mensch sucht verzweifelt Hilfe in allen Richtungen und stößt rein zufällig auf Yoga. Ihm wird verraten, dass es im Menschen eine Kraft gibt, die fast alles wieder zu regenerieren vermag, die ihm neben Gesundheit wieder neuen Lebensmut und kreative Freude schenkt. Ist nun dieser Mensch durch die erlittenen schulischen Zwangsmaßnahmen nicht völlig verdummt, denkt er sich, das alles hatte ich doch schon mal. Früher, lange ist es her, war ich ein lebensfrohes Kind. – Aber genau so ist es immer wieder. Das Kind ist in seiner vollen Kraft, doch es ist ihm nicht bewusst. Dann verliert es all das und muss von vorne beginnen, sich die Kräfte – dieses Mal mit Bewusstheit – zurückzuerobern. Der Mensch besucht jetzt teure Seminare, um das verschleuderte Gut zurückzukaufen. So läuft das Geschäft!

 

Jnana Yoga ist der Pfad der geistigen Eroberung der höchsten Erkenntnisse. Dieser Pfad verläuft über einen äußerst schmalen und steilen Grat in eisigen Höhen. Wer ihn ohne Gefährten und ohne Meister geht, stürzt früher oder später ab und landet entweder in einer Irrenanstalt oder versucht sich als Coach oder Satsanglehrer durchs Leben zu schlagen. Ich weiß, dass dies ein sehr böser Satz ist. Die Wahrheit sieht nur selten wie eine Schönheitskönigin aus. Advaita Vedanta, die Lehre von der Nondualität, kann sich jeder Zehntklässler in einer viertel Stunde reinziehen. Nur sie nutzt niemandem. Sie bleibt eine kalte Formel, wenn sie nicht aus dem eigenen Erblühen heraus gänzlich neu in dir bestätigt wird. Als totes Wissen macht die Lehre dich zum geistlosen Überflieger, zu einem Nihilisten, zu einem Menschen- und Lebensverächter,  zu einem sehr traurigen und einsamen Geschöpf, das nur aus dem Überheben über all die „Unwissenden“ seine Energie bezieht. – Jnana Yoga und Bhakti Yoga müssen in dir eine untrennbare Ehe eingehen. Dann entdeckt dein liebendes Herz nach und nach die Blüten am Wegesrand und deinem demütigen Geist eröffnet sich der weite Himmel. Du wirst zum Dichter, der die Wahrheit in immer neue verliebte Reime kleidet. Du tanzt behänd auf einem Seil aus blühenden Lianen über den Fluss Glückseligkeit. Und die Lauscher deiner verzaubernden Lieder werden des Zuhörens niemals satt.

 

Meditation ist ein einfaches waches Sein. Eigentlich ist sie frei von Name, Benennung, Begriff. Sie ist, was wir ursprünglich sind: Meditation ist Bewusstheit. – Wir aber nennen gewöhnlich Methoden Meditation, Methoden, die uns hinführen wollen in Meditation, die aber selbst nicht Meditation sind, sondern immer nur Wege. Wege sind nicht das Ziel, auch wenn ein bekannter Ausspruch das Gegenteil besagt. Methoden können uns auf den Weg bringen, können uns ein Stück begleiten, können eine Zeitlang sehr kostbar und hilfreich für uns sein, doch die letzten Schritte sind weglos, für sie haben wir keinen Plan, keinen Führer mehr. Auf diesem weglosen Weg gleiten wir plötzlich schwerelos und bar aller Verhaftungen in eine lichtvolle Leere, in eine süße Stille. Dann geschieht es, dass sich Meditation sanft oder machtvoll in uns ergießt und ein bisher geglaubtes „Ich“ sich auflöst wie ein Traum, wie ein Dunst in der Sonne. – Das Land der Meditation können wir mit keinem Heer und mit keiner Technik erobern, es erobert, sobald wir bereit dafür sind, immer uns. So gibt es die vielen Techniken einzig dafür, uns zu öffnen, weit zu machen, empfänglich zu machen für das, was zu uns kommen will, was in uns eindringen und uns überwältigen will, was uns zunächst vollkommen hilflos macht – und am Ende größer und stärker als ein Gott.

 

 

 

TAO

 

„Meister Güng aus dem Südland unterhielt sich einst mit Meister Fao Dan aus dem Eibenland. Von diesem Gespräch kehrt er beglückt nach Hause zurück und behielt die Worte zeit seines Lebens für sich.“ – Ein Schüler, der diese Geschichte vernommen hatte, fragte seinen Lehrer, ob sie wahr sei oder ein bedeutsames Gleichnis. Sie sei, ob wahr oder ein Gleichnis, völlig unbedeutend, antwortete der Lehrer, er solle sie vergessen. Darauf lachte der Schüler und unternahm einen Spaziergang zum Fluss Ming Ho.

Mehr gibt es nicht zu sagen. Und das ist das schöne am Tao.

- Bhajan Noam -

 

Literatur:

Yoga: Alpha und Omega. Über Patanjalis Sutras. Band 1; Osho

SHASTRAS - Meistertexte; Bhajan Noam; BNV

Yoga Vidya Asana-Buch; Sukadev Bretz; Yoga Vidya Verlag

Die Yogaweisheit des Patanjali für Menschen von heute; Sukadev Bretz; Verlag Via nova 

Die Wissenschaft des Pranayama; Swami Sivananda; Yoga Vidya Verlag

Lao-Tse; Tao Te King; Ansata Verlag

Dschuang Dsi; Das wahre Buch vom südlichen Blütenland; Diederichs Verlag

Das Buch des Mirdad; Mikhail Naimy; Rosenkreuz Verlag

Narada's Bhakti Sutras; Mangalam Books

Sadhana; Swami Sivananda; Mangalam Books

Göttliche Erkenntnis; Swami Sivananda; Mangalam Books

 

 

Seiten des Lebens: bhajan-noam.com

 

 

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Tags: Bhajan_Noam, Kommentar, Tao, Taoismus, Yoga

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