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Tagebuch eines Yogis – Von Knetkugeln und Erleuchtung

Mit der Mala in der Hand setzte ich mich auf das Meditationskissen vor dem kleinen Altar in meiner neuen Wohnung. Links ein Ganesha-Murti, rechts ein Krishna-Bildnis, in der Mitte eine Kerze und ein Foto von Swami Sivananda. Ich bin diesmal nicht getrieben von einem reißenden Gefühl der inneren Leere oder der Absicht, einem selbstzerstörerischen Drang etwas entgegenzusetzen auf die Yogamatte gekommen. Ich bin völlig ruhig und friedvoll, folge keiner besonderen Absicht. Ich schließe die Augen und lasse los.

Die Erfahrung um mich herum einstürzender Mauern lässt meinen Körper wohlig erschaudern. Ich denke nichts. Ich spüre. Jetzt denke ich doch. Fühlt sich so die beschriebene Ausdehnung des Geistes an, das Einswerden mit allem. Ich chante laut dreimal OM. Warum habe ich, wenn ich allein chante scheinbar immer weniger Luft dafür als in einer Gruppe? Ich singe sehr langsam dreimal Krishna Krishna Mahayogin. Gedanken steigen auf. Wer war wohl der Mensch, der diese Zeilen als erstes rezitiert hat, an welchem Ort und zu welcher Zeit? Ich denke an Pyramiden und Atlantis und lasse die Gedanken wieder verschwinden. Ich beginne die Guru-Stotram zu rezitieren.

Sollte ich mich selbst verpflichten, sie 108 mal zu wiederholen? Ein Durchlauf dauert zwei bis drei Minuten, oh Gott, da sitze ich ja 5 Stunden hier, naja, ich fange einfach mal an. Ich merke, dass der innere Raum in dem ich die Verse wahrnehme größer wird, und die Worte leiser.

Ich hatte als Kind die Angewohnheit, der Welt, wenn ich sie mit einem Wunsch behelligte, durch ein kleines Opfer zu beweisen, wie wichtig mir das angefragte Ergebnis war. Je größer der Wunsch, desto größer war die selbst auferlegte Entbehrung. Es war eine Art Kuhhandel. Ich gab etwas, meist den Verzicht auf etwas mir sehr angenehmes, und bekam dafür sehr oft vom Leben das was ich wollte. Überaus wohlwollend scheint das Schicksal seine Hand schon mein ganzes Leben über mich zu halten, auch wenn die „Tauschhandel“ nach dem Abitur ausebbten.

Folge ich diesem alten Muster etwa gerade wieder? Ich sollte inzwischen doch schlauer sein. Ich weiß, das alles verursachende und allem innewohnende Selbst will nicht, warum sollte es dann (kuh-) handeln? Weder beurteilt es, noch bewertet es.

Wen versuche ich mit einer 108-fachen Rezitation zu beeindrucken? Wen will ich überzeugen und wovon? Dass ich besser bin, spirituell? Ich lege die Mala langsam aus der Hand. Während diese Gedanken in Sekundenschnelle durch meinen Kopf rasen, wird der Gesang immer leiser, und ich nehme unbeteiligt war, wie er allmählich verstummt.

Das Selbst will nichts. Warum will dann der Mensch? Wir kommen in die Welt und lernen sie über unsere Sinne kennen. Wir sammeln Erfahrungen und entwickeln eine individuelle, einzigartige Persönlichkeit mit einem individuellen Willen. Aber wessen Werk ist diese Persönlichkeit? Ist sie das Resultat eigener, freier Entscheidung? Wer hat diese Persönlichkeit geschaffen?

Ich denke an das Knetkugelmodell, das ich als Mitte 20-jähriger bei der rückwirkenden Betrachtung einer ersten und langjährigen Liebesbeziehung aufstellte.

Das Knetkugelmodell

Der Mensch käme demnach als formbare Knetkugel, mehr oder weniger perfekt rund, weicher oder härterer Konsistenz auf die Welt, in diesem Fall auf einen Berggipfel. Dort freigelassen, beginnt die Kugel getrieben durch die Erdanziehungskraft seine Reise durchs Leben. Auf dem Weg sammelt sie Erfahrungen, „Eindrücke“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Jede Berührung mit der Welt hinterlässt eine Spur an seiner Oberfläche, verformt sie. Diese Veränderungen der Form beeinflussen neben dem Ausgangspunkt der Reise und der Beschaffenheit der Wegstrecke ebenfalls den weiteren Kurs der Kugel. Ein schwerer Treffer an einer scharfen Kante des Weges etwa kann die Kugel gravierend aus der Bahn werfen und ins Schlingern geraten lassen. Die Reise kann über schroffe, kantige Felsen gehen oder sanft über weiches Gras. Auf dem Weg kommt es zu zahlreichen Kollisionen mit anderen Kugeln. Einige von ihnen begleiten sich die ganze Wegstrecke entlang. Je länger die Kugel unterwegs ist, desto einzigartiger wird seine Form.

Auch der Mensch bekommt eine Prägung durch die von ihm wahrgenommenen Ereignisse auf seiner Reise durch die sich wandelnde Welt. Auch er wird dabei angetrieben von den Kräften, die in dieser Welt wirken, seinen Wünschen, Vorlieben, Abneigungen und Ängsten. Der Mensch weiß, er lebt in einer Welt in der jede Aktion eine entsprechende Reaktion verursacht. Er will, dass seine Handlungen für ihn positive Ergebnisse hervorbringen, weshalb er ständig Dinge wiederholt, mit denen er in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen gute Erfahrungen gemacht hat. Er vermeidet es, Dinge zu tun, die ihm „schlechte“ Erfahrungen beschert haben. Am Ende seiner Existenz verfügt er dann über einen ganz einzigartigen Charakter, den Speicher aller Eindrücke seines Lebens.

Das Knetkugelmodell eröffnete mir damals einen lähmenden und desillusionierenden Blick auf mein Leben. Sowenig wie die Knetkugel seinen Weg und seine Form am Ende seines Weges selbst bestimmt, so wenig hätte ich selbst die Kontrolle über meinen Weg und mein Handeln im Leben. Würde man zwei identische Knetkugeln an exakt derselben Stelle auf dem Berg auf die Reise schicken und alle Außenbedingungen auf der Talfahrt wären zu 100% dieselben – sie hätten unten im Tal angekommen dieselbe Form. Die Kugel hat keine Wahl, wie sie den Berg hinabrollt. Das wird bestimmt durch seine sich verändernde Form, die Wegstrecke und andere äußere Faktoren.

Was auch immer ich als Mensch täte, ich würde immer auf Grundlage früher gemachter Erfahrungen handeln. In Wahrheit entscheide also nicht ICH, sondern meine Erfahrungen, meine „Programmierung“. Und die ergeben sich einzig und allein aus den „Antworten“ des Universums auf die Impulse, die ich oder andere Wesen in der Vergangenheit die Welt gegeben haben. Diese Antworten sind nichts anderes als die Erfahrungen, die ich im Laufe des Lebens mache und diese formen meinen Charakter, meine Vorlieben und Abneigungen. Die Welt programmierte mich also nach seinen Gesetzen. Freier Wille wäre demnach eine Illusion.

Dank Vedanta, der Wissenschaft und dem Wissen über die menschliche Natur, die Welt und beider Ursache, habe ich heute einen anderen Blick auf dieses Thema. Vedanta bestätigt das Knetkugelmodell. Aber es fügt dem Puzzle ein entscheidendes, vielleicht das entscheidende und befreiende Stück hinzu:

ICH BIN NICHT DIE KNETKUGEL!

Ich bin nicht die Knetkugel bedeutet, ich bin auch nicht (ausschließlich) mein Charakter. Ich bin nicht (ausschließlich) die sich verändernde Form meiner Persönlichkeit oder die Persönlichkeit selbst. Diese sind Ausdrucksformen einer mir innewohnenden Kraft und der Ursache von allem, was wir in der Welt wahrnehmen können. Ich bin die Ursache für die Knetkugel und schaue durch die Knetkugel auf die sich um sie herum ständig wandelnde Welt und die sich wandelnde Form der Knetkugel selbst. Ich schaue durch sich ständig ändernde Blickwinkeln, durch die Brille sich verändernder Einstellungen, Meinungen, Überzeugungen in die Welt. Ich bin eins mit der Knetkugel aber ich bin auch vieles mehr. Wir sind Menschen, aber wir sind auch vieles mehr, pures, einfaches und unbegrenztes Bewusstsein.

Heute weiß ich, ja es ist so - jede Aktion bringt eine bestimmte Reaktion hervor. Diese Reaktion (unsere Erfahrungen) hängt von Ort und Zeit ab, in der meine Handlung geschieht. Je komplexer ein Sachverhalt wird, desto mehr für uns kaum zu überschauende Faktoren sind bei der Reaktion der „Welt“ darauf verknüpft und zu berücksichtigen. Kein Wunder, dass wir nicht immer das erhoffte Ergebnis für unsere Taten bekommen. Aber auch wenn ein Ergebnis auf unsere Handlungen nicht dem von uns gewünschten entspricht, es folgt immer der Ordnung des Ganzen. Wir können uns darüber aufregen, aber wir haben als Mensch macht, das zu ändern. Wir leben in einer Welt, die einer Ordnung und festen Gesetzen folgt. Wir können uns in Harmonie dazu bewegen, oder dagegen ankämpfen. Freude und Leid sind die Indikatoren dafür, wofür wir uns entschieden haben. Und auch Nichthandeln ist Handeln. Solange wir auf der Welt sind, können wir aus diesem Spiel nicht aussteigen, wir haben keine Wahl. Als Mensch können wir niemals nicht handeln. Wir bezeugen den ständigen Wandel des Außen und des Inneren. Wir bezeugen die Beständigkeit des Wandels, Entstehung, Existenz, Auflösung aller Dinge und der Person, durch die wir in die Welt schauen selbst.

Beständig ist einzig der jetzige Moment. Die Zeit ist immer jetzt, aber der Ort verändert sich mit jeder Sekunde. Kein Objekt in der Welt bleibt für immer gleich, und auch nicht die Konstellation der uns umgebenden Objekte zueinander ändert sich ständig. Das führt dazu, dass derselbe Impuls, den ich mit einer spezifischen Handlung in die Welt gebe, nicht immer die gleiche Reaktion des Universums hervorbringen wird. Was für den einen funktioniert, muss noch lange nicht für jeden funktionieren. Da die Menschen sich an unterschiedlichen Orten und innerhalb unterschiedlicher Objektkonstellationen befinden, macht jedes Individuum unterschiedliche Erfahrungen selbst mit denselben Handlungen, und so entsteht das komplexe System der unterschiedlich programmierten Persönlichkeiten, welches wir wahrnehmen können. Doch diese Vielfalt ist nur eine scheinbare Vielfalt.

Die Hardware und das Betriebssystem aller Menschen sind ein und dasselbe.

Alle Menschen sind in ihrem „Aufbau“ und ihren Funktionen absolut identisch. Sie verfügen über dieselben Sinne, dieselben Sinnesorgane, denselben Verstand. Es sind nicht die unterschiedlichen Charaktere der Menschen, die jedes Individuum ausmachen. Was jedes Individuum ausmacht ist sein pures Bewusstsein, der Lebensgeist, der in jedem Menschen derselbe ist. Würden wir uns mit ihm und nicht mit unseren unterschiedlichen Erfahrungen identifizieren, gäbe es keinen Grund mehr für Zorn, Gier, Neid, Hass, Bewertung oder Abwertung anderer. Bei Auseinandersetzungen mit anderen verteidigen und kämpfen wir nie für uns, sondern immer nur für meine Erfahrungen, Meinungen und Überzeugungen, welche jedoch begrenzt sind. Öffnen wir uns für die Erkenntnis, dass wir nicht unsere Erfahrungen sind, gibt es keinen Grund zu kämpfen.

Die Vielfalt aller Persönlichkeiten enthüllt einen Schatz und ein Geheimnis. Die Summe der unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen offenbart die Gesetzmäßigkeiten, die in der Welt wirken. Wir können uns selbst in jedem Menschen, in jedem Wesen wiedererkennen und die individuellen Erfahrungen der anderen als Bereicherung und Erweiterung unserer eigenen Erfahrungen schätzen. Wir können immer wieder erkennen, dass Trennung eine Illusion ist, dass wir alle eins sind, nämlich der Urgrund und die Ursache allen Lebens und aller Objekte in dieser Welt.

Es braucht keine Kuhhandel mehr mit der Welt. Es gibt das Streben danach, als Mensch verantwortungsvolle und mit dem Ganzen in Harmonie befindliche Impulse in die Welt zu senden, mit Gedanken, Worten und Taten. Und es gibt die Offenheit, jegliche Antwort darauf auch anzunehmen, ob sie den Erwartungen entspricht oder nicht, genährt durch das tiefe Vertrauen in die eigene Kraft, die alles in der Welt in Harmonie hält. Das ist Karma-Yoga.

Es ist nicht immer leicht, sich in Harmonie mit der Welt zu bewegen. Sehr stark und manchmal übermächtig erscheinen die Kräfte, die in den Menschen wirken und sie immer wieder in eine egoistische Perspektive ziehen, Wollen, Abneigungen, Verneinung, Abgrenzung. Keine dieser Kräfte ist schlecht und zu verteufeln. Aber wir sollten die Kräfte kennen, wahrnehmen und uns nicht von ihnen mitreißen lassen, oder wenn schon, dann wenigstens bewusst. Es gibt viele Wege, die uns helfen können, die Kräfte in uns und in der Welt zu erkennen, besser zu verstehen und uns in Harmonie mit ihnen, glücklich durchs Leben zu bewegen. Eines, dass seit tausenden Jahren funktioniert ist Yoga. Yoga bedeutet Verbindung, Vereinigung, Einssein. Es transformierte meinen Blick auf mich selbst und die Welt, ohne den bisherigen als falsch darzustellen.

Jede Erfahrung, die wir machen, ist ein Geschenk an uns. Ich habe ein großartiges Geschenk erhalten. Ich konnte einen begrenzten Blick auf meine eigene Identität überwinden. Augenblicklich lösten sich Verzweiflung und Ohnmacht ob der eigenen Existenz auf. Ich habe einen anderen Blick auf das Bild des Lebens werfen dürfen und spüre immer noch auf meiner Yogamatte sitzend eine tiefe Dankbarkeit in mir aufsteigen.

Meine Augen sind noch geschlossen, meine Hände liegen aneinander, die Zeigefinger und Mittelfinger berühren meine gesenkte Stirn. Ich spüre wie eine kleine Träne mein geschlossenes Augenlid durchbricht. Ich bin tief dankbar für diese befreiende Erfahrung, das Kennenlernen dieser verbindenden Perspektive auf meine eigene Existenz, die ich immer intensiver auch körperlich wahrnehmen kann. Ich spüre die Gewissheit, dass ich niemandem etwas beweisen muss, dass ich als Person so bin wie ich bin, weil die Welt mich so braucht wie ich bin und weil sie mich so gemacht hat.

Ich fühle mich als wäre ich leichter geworden, ich öffne die Augen und mein Blick fällt auf das mich liebevoll anlächelnde Bildnis des Meisters der Yogatradition in der ich zum Yogalehrer ausgebildet werde, Swami Sivananda. Ich fühle mich eins mit ihm und muss ebenfalls lächeln. Ich hatte bisher nie einen besonderen Draht zu dieser Person aus einer anderen Zeit und einer anderen Kultur. Aber ich spüre jetzt eine tiefe Verbundenheit und Dankbarkeit. Mir wird bewusst, dass sein Wirken mein Leben beeinflusst hat und mich zu dem befreienden Wissen geführt hat, das in mir zu einer erlebbaren Erfahrung wird.

Ich lache zusammen mit dem Swami, ich spüre Erleichterung und mehr Tränen, die sich ihren Weg über mein Gesicht bahnen. Tränen der Freude, des Glücks, der Erleichterung. Ich lache und weine gleichzeitig. Ich verneige mich mit geschlossenen Augen vor dem Meister, den ich in diesem Moment nicht als höher, weiser, besser oder anders empfinde als mich selbst, es ist vielmehr als würde ich mit einem alten Freund über Dummheiten und Streiche aus der Vergangenheit lachen. Ich bin erstaunt über diese Erfahrung versuche aber nicht zu bewerten sondern wahrzunehmen was grad passiert.

Das Lachen verschwindet plötzlich aus meinem Gesicht, und der Strom der Tränen wird nun durch tiefe Scham genährt, Scham darüber, wie ich mit dem mir anvertrauten Geschenk in der Vergangenheit umgegangen bin. Meine Hände sind gefaltet und mein Körper bebt während ich mich ganz dem Gefühl des Loslassens hingebe. Ich vergebe mir selbst meine Unzulänglichkeiten, ich lasse los. Ich bin glücklich.

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Tags: Bhakti-Yoga, Erfahrungsbericht, Innenschau, Jnana-Yoga, Selbsterforschung, Shivananda, Swami, Tagebuch, Vedanta

Kommentar von Nicole am 25. August 2014 um 12:32pm
Danke das du mich ( ich kann ja jetzt nur von mir sprechen ) so an deinen Gedanken teilhaben lässt sehr schöne Worte und Gedanken Danke
Kommentar von Sat Chid Ananda am 6. September 2014 um 9:28am

Danke Dir :)

Kommentar

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