Durch Blickrichtung kannst du eine Wirkung auf den Geist erzielen. Das sind Variationen von Shambhavi Mudra. Welche Wirkung dies haben kann, darüber spricht Svatmarama ab dem 39. Vers des 4. Kapitels der Hatha Yoga Pradipika.
- Vers
Blicke mit den Augen zum Licht, indem du die Augenbrauen etwas hochziehst. So nimmst du die Stellung von Shambhavi Mudra ein. Dies führt zu Unmani Avastha, dem Zustand jenseits des Geistes.
Oder ein anderer Kommentar:
Hefte den ruhigen Blick auf den Gesichtssinn, schaue also auf die Nasenspitze, und ziehe dabei die Augenbrauen etwas hoch. Der Geist betrachtet – wie zuvor in der Shambhavi Mudra beschrieben – Brahman im Herzen, während es so aussieht als schaue man nach unten. Dies wird Unmani Avastha erzeugen.
Was heißt das Ganze?
Svatmarama sagt: Tari (die Pupillen, Tara) richtend (samjoja) auf Djuti (das innere Licht).
Was heißt „den Blick auf das Licht zu richten“?
Hierzu gibt es mehrere Kommentare.
Manchmal wird gesagt, dass es heißt, auf die Nasenspitze zu schauen.
Manchmal heißt es, nach oben zum Punkt zwischen den Augenbrauen zu schauen, oder auf die Stirn.
Vielen Menschen geht es so: Wenn sie die Augen schließen und auf die Stirn schauen, dann sehen sie ein inneres Licht. Und so kann man sagen, dass es tatsächlich drei verschiedene Varianten von Shambhavi Mudra gibt.
Mit offenen Augen beständig auf etwas schauen wie im Tratak, sich dabei aber auf ein Chakra konzentrieren.
Auf die Nasenspitze schauen. Hierbei ist es oft gut, sich auf das Anahata Chakra (Herzchakra) zu konzentrieren. So findest du tiefe Ruhe des Geistes.
Auf den Punkt zwischen den Augenbrauen schauen, also die Augen ganz hoch geben, sodass die Pupillen dort verschwinden. Konzentriere dich auf das Ajna Chakra, die Mitte der Stirn.
Zwei Worte zur Vorsicht:
Wenn du Kopfschmerzen verspürst beim Schauen auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, dann mache diese Übung nicht, sondern übe ausreichend Augenübungen.
Wenn du Shambhavi Mudra übst, dann solltest du auch die anderen Yoga-Augenübungen üben, damit du nicht bestimmte Muskeln überlastest – du solltest alle Augenmuskeln benutzen.
Weiter geht es:
Nach der vorher gelehrten Methode (Purva Yoga) konzentriere den Geist (Manas Junja).
Hier gibt es mehrere Interpretationen.
Swami V. sagte gerne: Schaue auf die Nasenspitze oder auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, und dann konzentriere dich auf eines der Chakras. Wenn du zur Nasenspitze schaust, dann konzentriere dich zum Herzchakra, und wenn du zum Punkt zwischen den Augenbrauen schaust, dann konzentriere dich auf das dritte Auge.
Weiter: Und das führt (Karaka), ist der Verursacher für Unmani, für den Zustand jenseits des Geistes, und zwar Kshanath (sofort, augenblicklich).
Wenn du magst, kannst du das jetzt gerne ausprobieren. Sitze oder stehe ruhig, richte den Blick auf die Nasenspitze oder auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, und konzentriere dich dann entweder auf das Herz oder die Stirngegend. Erfahre Ruhe des Geistes.
- Vers
Einige sind den Veden ergeben, andere den Agamas (anderen überlieferten Lehren), während andere in die Logik eingehüllt sind. Aber kaum einer erkennt den Wert dieser Mudra. Mithilfe dieser Mudra können wir das Meer aller Seinszustände überbrücken.
Swami Vishnu sagt:
Viele werden irregeleitet durch die verführerischen Versprechungen der Schriften und der Tantras. Einige werden irregeleitet durch vedische Rituale, andere durch Logik. Aber niemand von ihnen weiß um den Wert von Unmani Avastha, der es einem ermöglicht, den Ozean des Seins zu überqueren.
Es gibt also einige, die haben Blendwerk durch Agama (die überlieferten Lehren, z. B. die Veden). Agama sind auch spätere Lehren. Es gibt eine bestimmte Art von Literatur, die nennt sich Agama. Nigama sind die vedischen Texte. Da gibt es ein großes Gedränge von Schriften (Sankula). Und dann gibt es die, die durch philosophische Spekulation (Tarka) oder durch logische Schlussfolgerungen (Muchjanti) verwirrt werden. Aber sie kennen dann eben nicht Taraka, den wahren Retter.
Es ist hier etwas Ähnliches wie er es im 1. Kapitel der Hatha Yoga Pradipika gesagt hat: Hatha Yoga ist wie eine beschützende Zuflucht für die von den drei Arten des Leidens verbrannten Seelen.
Dann sagt er noch: Hatha Yoga ist wie eine Schildkröte, die die Welt trägt für diejenigen, die verwirrt sind durch die verschiedenen Weltanschauungen.
Svatmarama geht es darum, unabhängig von Weltanschauungen zu einer Erfahrung zu kommen.
Es gibt so viele verschiedene Weisen, wie man Spiritualität sieht, so viele Philosophien und Weltanschauungen, und gerade in Indien gibt es so viele Religionen und innerhalb der Religionen so viele Unterscheidungen. Es gibt auch innerhalb einer bestimmten philosophischen Richtung so viel Untergruppierungen.
Letztlich will er sagen: Es gibt etwas jenseits von all dem, und das ist die lebendige Erfahrung. Und z. B. kann das Shambhavi Mudra helfen, zur Befreiung zu kommen.
- Vers
Mit halb geschlossenen, auf die Nasenspitze fixierten Augen, mit einem beständigen Geist und mit Sonne und Mond in einen Schwebezustand gebracht, erlangt der Yogi den Zustand, in welchem er die Wahrheit in Form eines strahlenden Lichtes erfährt, welches die Quelle aller Dinge ist und welches das allerhöchste der zu erreichenden Objekte ist. Was noch höheres als dies könnte erwartet werden?
Svatmarama lobt diese Meditationstechnik über alle Maßen. Jetzt geht es tatsächlich auf die Nasenspitze, also Ardha Unmilita, halb (Ardha) geschlossen und Milita lotshana (Augen), dabei Manas (den Geist) sthira (beständig) halten. Nasagra (auf die Nasenspitze) datta (gerichtet), und zwar die Augen. Dabei werden Chandra (der Mond) und Arka (die Sonne) in der Ruhe gehalten. Also: Sonne und Mond werden Linata (zur Auflösung) gebracht, und dabei gibt es auch nicht Panda, einen reglosen Zustand von Körper, Sinne und Geist. Dann gilt es zu meditieren auf Djotis Rupa, auf die Form des Lichtes, und dieses ist überaus strahlend. So kommt man zur höchsten Wahrheit.
- Vers
Während des Tages und der Nacht sollte man nicht über den Lingam meditieren. Wenn beide in ihrer Tätigkeit gezähmt sind, dann sollte man ihn verehren und darüber meditieren.
Linga ist ein Symbol für Shiva. Das Wort Linga heißt wörtlich Merkmal oder Kennzeichen, es heißt aber auch strahlend und leuchtend. Manchmal wird gesagt, dass die Hatha Yoga Pradipika aus der Shaiva-Tradition ist, dass also diejenigen, die in dieser Tradition geübt haben, Shiva-Verehrer waren, und die abstrakte Form Shiva war eben Shivalinga. Das sieht in etwas so aus wie ein meditierender Mensch, oben gerade und dann – wie die Oberschenkel – in die Breite gehend. Es ist auch ein Symbol für die Verbindung des Göttlichen in die Welt, und aus der Welt zum Göttlichen kommend. Linga ist aber eben auch strahlend und leuchtend.
Svatmarama sagt: Die wahre Verehrung Gottes ist nicht die äußere Verehrung. Die wahre Verehrung Gottes ist, wenn du Sonne und Mond – also die Emotionen – zur Ruhe bringst, du nicht in Sonne (Aktivität, Ärger, Gier) und nicht in Mond (Depressivität, Ruhe) bist. Es gibt noch vieles andere, was Sonne und Mond ist: aufnehmen und gestalten, Aktivität und Passivität, Tag und Nacht, Winter und Sommer usw. Diese zur Ruhe zu bringen, das ist die wahre Gottesverehrung, dann erfährst du Gott.
Zum Abschluss werde ich eine kurze Meditationsanleitung machen. Du kannst sie mitmachen, entweder im Sitzen oder theoretisch auch im Stehen. Im Sitzen kannst du natürlich tiefer kommen.
Sitze oder stehe ruhig. Atme ein paar mal tief ein und aus. Jetzt öffne die Augen und schaue zur Nasenspitze hin. Halte den Blick ruhig auf der Nasenspitze und spüre dabei in dein Herz hinein. Stelle dir im Herzen ein leuchtendes Licht vor und lasse deinen Geist ganz verschmelzen in der Wonne Brahmans, im Herzen.
Stille.
Om Shanti
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Auszug aus der Transkription der Yoga Vidya Schulung Videoreihe, Begleitvorträge zur Yogalehrer Ausbildung, von und mit Sukadev Bretz.
Mehr zum ganzheitlichen Yoga findest zu z.B. auch in seinen Büchern „Der Pfad zur Gelassenheit“ und „Die Bhagavad Gita für Menschen von heute“.
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