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Die Trauerfeier. Ein großes schwarzes Gebäude auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Es sah aus wie eine Verbrennungshalle. Meine Mutter war schon zu Asche verbrannt und wohnte jetzt in ihrer schönen grünen Urne mit dem Goldrand. Sie hatte gesiegt. Sie hatte es hinter sich. Sie war stark durch die schwere Zeit der Demenz, des Altersheimes, des ewigen Sitzens im Rollstuhl ohne Ansprache, des Sterbens, des Todes und der Auferstehung gegangen. Als Orakelkarte zog ich für sie einen Siegerkranz.

Wir gingen durch die große Tür in die Trauerhalle. Dort stand die Urne meiner Mutter auf einem Podest. Hinter der Urne ein großes Bild von meiner Mutter auf einer Staffelei. Um sie herum karg dekoriert einige trockene Zweige. Auf dem Fußboden viele brennende Teelichter. Rosenblätter um sie herum verstreut. Und vor der Urne ein großer Blumenkranz. Er gab dem Ganzen eine feierliche Note. Zufällig hatten ihn zwei Verwandte gekauft und vor meine Mutter gelegt. Er war eigentlich für das Grab und die Beerdigung geplant. Aber es gab keine Beerdigung. Meine Mutter wollte ein anonymes Begräbnis und das fand irgendwann später und irgendwo auf dem Friedhof statt.

Die Trauerfeier war jetzt. Fünfzehn Angehörige, Verwandete, Freunde und Nachbarn waren gekommen. Der Beerdigungsunternehmer stand in Schwarz gekleidet an der Eingangstür, schüttelte mir die Hand und sprach mir sein Beidleid aus. Nach und nach stömten die Menschen in den Saal und ließen sich auf den Stühlen vor der Urne nieder.

Meine Schwester ging zum Rednerpult neben der Urne und las einen Bericht über das Leben unserer Mutter vor. Sie war schwer traurig. Dunkle Ringe unter den Augen. Tränen im Gesicht. Am Anfang sprach sie sehr leise. Ich bewunderte sie, dass sie es trotz ihrer großen Trauer schaffte hinter dem Rednerpult zu stehen und der versammelten Menge ihren Text vorzulesen. Sie war keine Rednerin.

Ganz anders ich dagegen. Als meine Schwester fertig war, stand ich spontan auf, ging zum Rednerpult und erzählte den Menschen eine Viertelstunde vom Leben meiner Mutter im Altersheim und von den Abenteuern beim Sterben. Das wollten sie hören. Deshalb waren sie gekommen. Gespannt hörten sie mir zu. Ich berichtete den Menschen vom Singen im Altersheim und vom friedlichen Sterben meiner Mutter. Sie waren berührt, dass ich mich von meiner Mutter mit einem Gesang verabschiedet habe und wir beide dabei in eine so starke Glücksenergie gekommen sind.

Nach meiner Erzählung spielte ich zwei christliche Lieder auf dem Harmonium: "Gott hält die ganze Welt in seiner Hand" und "We shall overcome". Diese Lieder halfen den Menschen ihre Trauer zu leben, denn zum Trauern waren sie gekommen. Mein Sohn sang zur Guitarre "Knocking on Heavens Dor." Ich wusste gar nicht, dass er so gut singen und Guitarre spielen kann. Danach kamen fröhlich Wanderlieder dran und zum Abschluß spielte ich auf dem Harmonium "Kein schönrer Land in dieser Zeit". Dieses Lied hatten wir immer im Altersheim gesungen. Es berührte auch jetzt die Menschen, insbesondere mit der letzten Strophe "in Gott wir leben, zu Gott (zur Sonne, zum Licht) wir streben."

Meine Rede gelang gut. Bei meinem Gesang war ich etwas unsicher. Zu oft war ich wegen meiner schiefen Töne kritisiert worden. Dazu rutschte mir das Harmonium ständig vom Schoß, weil der Stuhl so unbequem war. Zweimal verspielte ich mich. Aber egal. Die Leute waren zufrieden. Und unserer Mutter hat ihre Beerdigungsfeier sicherlich gut gefallen. Gerade weil alles etwas chaotisch, aber auch sehr persönlich und authentisch war.

Nach der Trauerfeier gingen wir in das im gleichen Haus gelegene Cafe und unterhielten uns zwei Stunden bei Kaffee und Kuchen. Viele Verwandte hatte ich einige Jahrzehnte nicht gesehen. Es war schön sie wiederzutreffen, obwohl wir uns nicht viel zu sagen hatten. Wir lebten in unterschiedlichen Welten. Spannend war aber die Erfahrung meiner Schwester bei der Trauerfeier. Sie hatte die Anwesenheit eines Geistwesens aus einer höheren Dimension gespürt. Es war wohl unsere Mutter, obwohl es sich für meine Schwester nicht mehr wirklich wie unsere Mutter angefühlt hatte. Unsere Mutter lebt jetzt in einer ganz anderen Welt. Aber sie hat vermutlich ihre Trauerfeier von oben herab beobachtet.

Ich kann dazu nichts sagen. Ich habe nichts gespürt. Ich war weitgehend mit der Organisation und den Menschen beschäftigt. Ich musste ihre Energien verarbeiten, reinigen und heilen. Das begann mit der Trauerfeier und dauerte anschließend noch die halbe Nacht. Bis ich dann zur Ruhe kam und einschlief. Und heute morgen aufwachte und dachte, dass jetzt alles vorbei ist. Das Leben geht weiter. Und irgendwann werden auch wir alle sterben.

Eine kleine Geschichte gibt es aber noch. Am Montag rief mich meine spirituelle Freundin Marita an. Sie ist eine Erwachte, eine Heilerin und hat eine sehr starke spirituelle Energie. Wir sprachen über meine Mutter und sie erzählte mir, dass sie Menschen ins Licht bringen kann. Ich nutzte die Gunst der Stunde und fragte sie, ob sie das auch für meiner Mutter tun kann. Sie versetzte sich in einen meditativen Zustand, visualisierte eine große Lichtsäule in der Mitte des Raumes vom Fußboden bis zu Decke, und rief die Seele meiner Mutter geistig herbei. Meine Mutter kam auch. Marita fragte sie, ob sie bereit sei ins Licht zu gehen. Meine Mutter bejahte das und floss dann stark und aufrecht in die Lichtsäule hinein. So ist meine Mutter ins Licht gelangt und konnte dann bei der Trauerfeier aus dem Licht heraus uns alle beobachten. Sie hat wirklich ein erfolgreiches spirituelles Leben geführt.


Beim Spazierengehen spürte ich dann meine Mutter. Sie lebte in der Einheit. Sie wurde eins mit mir. Und sie war überall. Ihr Bewusstsein war überall. Es gibt keine Trauer mehr. Alles ist richtig so wie es ist. Wer den spirituellen Weg geht, für den entwickelt sich das Leben ins Licht. Eines Tages lebt er im Sat-Chid-Ananda, in der Ruhe (im Sein) - im Einheitsbewusstsein (in Gott, im Licht) - in der Glückseligkeit und in der umfassenden Liebe.

Kein schönrer Land in dieser Zeit,
als hier das unsre weit und breit,
wo wir uns finden
wohl unter Linden
zur Abendzeit, Abendzeit.

Da haben wir so manche Stund'
gesessen wohl in froher Rund'
und taten singen;
die Lieder klingen
im Eichengrund.

Daß wir uns hier in diesem Tal
noch treffen so viel hundertmal,
Gott mag es schenken,
Gott mag es lenken,
er hat die Gnad'.

Nun, Brüder, eine gute Nacht,
der Herr im hohen Himmel wacht!
In seiner Güten
uns zu behüten
ist er bedacht.

Ihr Brüder wißt, was uns vereint,
eine andre Sonne hell uns scheint;
in ihr wir leben,
zu ihr wir streben
als die Gemeind'.

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Kommentar von Trudy am 8. November 2017 um 4:23pm
Danke für deine bewegenden Texte. Ich habe sie fast immer als erstes angeklickt, wenn der Newsletter kam und Hoffe, weiterhin von dir zu lesen.
Om Shanti
Kommentar von Madhava am 10. November 2017 um 8:55am

Vielen Dank Nils für deine Worte.

Ich kann mit dir die Momente der größten Trauer teilen, darf aber immer wieder erfahren wie tief die Verbundenheit in solch schweren Stunden ist. Erst Gestern durfte ich eine 30. jährige auf ihrem letzten Weg begleiten. Die Umstände durch einen Autounfall an einem Sonntag Morgen um 7:20 waren für die Hinterbliebenen mehr als unfassbar.

Bei der Trauerfeier konnten viele die Anwesenheit der Toten spüren und aus dieser Einheit heraus entstand Frieden und die Verbindung mit dem was uns alle verbindet. Das universelle göttliche das keinen Namen braucht um immer anwesend zu sein.

om shanti
Madhava

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