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Ich möchte heute Morgen eine Geschichte aus den Upanishaden erzählen und zwar die Geschichte, wie Brahma dem Indra und dem Virochana gelehrt hat. Es gab zwei große Wesen, nämlich Indra und Virochana. Indra gilt als der König der Engelswesen und Virochana als der König der Dämonen. Die beiden hatten gehört, dass, wenn man sein wahres, sein höheres Selbst erkennt, dann wäre man ewig und dauerhaft glücklich. Das fanden die beiden eine tolle Sache: „Wir wollen beide ewig und dauerhaft glücklich sein, also, dafür müssen wir das höhere Selbst erkennen.“ So sind sie also zu Brahma gegangen, zum Schöpfer, und haben gesagt: „Brahma, könntest du uns bitte lehren?“ Und Brahma schaute sie an und sagte: „Bleibt mal 25 Jahre lang bei mir im Ashram, dient und kümmert euch um alles, danach werde ich euch unterweisen.“ Ich hatte ja den Teilnehmern des Upanishaden-Seminars gesagt, die Schüler in den Upanishaden haben sehr hohe Frage gehabt und die Lehrer hatten sehr hohe Tests gehabt. Jedenfalls, Indra und Virochana ließen sich davon nicht abhalten, sie blieben 25 Jahre lang im Ashram von Brahma und sie halfen dort. Und obgleich sie eigentlich Könige waren, halfen sie im Haushalt und in der Küche und wuschen die Kleider und kümmerten sich um den Garten und alles Mögliche, was halt im Ashram so anfällt. Sie meditierten und sie machten ihre Asanas und Pranayama. Aber Brahma machte keine besonderen Unterweisungen. Nachdem die 25 Jahre vorbei waren, dort rief Brahma die beiden zu sich und sagte: „Jetzt schaut in diesen Spiegel, was ihr dort seht, das ist euer niederes Selbst.“ Dann sagte er: „Ok, jetzt zieht euch wieder die königlichen Gewänder an, die ihr ja vor 25 Jahren abgelegt habt, um hier im Ashram zu dienen. Zieht die an und kommt dann wieder!“ Gut, die beiden zogen wieder ihre königlichen Gewänder an und dann sagte Brahma: „So, hier, schaut in den Spiegel! Was ihr jetzt seht, das ist euer höheres Selbst.“ Die beiden waren zwar ein bisschen erstaunt ob dieser Aussage, aber sie gingen dann auf den Weg nach Hause. Virochana dachte: „Gut, 25 Jahre verschwendet, das habe ich schon vorher gewusst, höheres Selbst ist letztlich der Körper, wenn wir den besonders schmücken und schönmachen und Macht und Ansehen, dann sind wir dauerhaft glücklich.“ Der Indra ging nach Hause und irgendwo dazwischen dachte er: „Da stimmt was nicht.“ Und er dachte: „Irgendwas muss ich falsch verstanden haben, denn ich bin ja deshalb zu Brahma gegangen, weil ich festgestellt habe, jetzt meinen Körper zu schmücken, Geschmeide anzuhängen und irgendwo als wichtige Person zu agieren, das macht ja nicht glücklich. Ich bin ja deshalb dorthin gegangen, weil ich nicht glücklich war.“ So ging er zurück zu Brahma und Brahma sagte: „Warum kommst du zurück?“ Sagte er: „Ich glaube, ich habe etwas falsch verstanden.“ Sagte Brahma: „Was hast du denn verstanden?“ „Ja, ich habe verstanden, wenn der Körper so ein bisschen in einfachen Lumpen gekleidet ist, das ist niederes Selbst, und wenn ich in toller Kleidung gekleidet bin und alle möglichen Geschmeide anziehe, dann ist das mein höheres Selbst.“ Lachte Brahma und sagte: „Nichts hast du verstanden. Was ich meinte ist, das, was gleich bleibt, wenn der Körper toll aussieht oder weniger toll aussieht, ob er gut geschmückt ist oder weniger gut geschmückt, ob er gesund ist oder krank, das, was unabhängig vom Körper bleibt, das ist dein höheres Selbst. Aber bleibe besser noch 25 Jahre im Ashram, danach lehre ich dich mehr.“ Indra blieb wieder 25 Jahre lang im Ashram. Nachdem die 25 Jahre vorbei waren, rief Brahma ihn wieder zu sich und sagte: „Wie fühlst du dich?“ Und Indra berichtete. Dann fragte Brahma: „Und wie war es letzte Nacht? Hast du geträumt?“ Und dann sagte Indra: „Ja, ich habe geträumt, ich war der und der.“ Dann sagte Brahma: „Das ist dein höheres Selbst.“ Gut, Indra ging nach Hause. Auf dem Weg nach Hause überlegte er wieder: „Mein Traum-Ich soll mein höheres Selbst sein? Das heißt mit anderen Worten, wenn ich träume, dann ist das mein höheres Selbst. Aber wie kann das sein? Denn, ich habe ja sowieso jede Nacht geträumt und das hat mich jetzt nicht glücklich gemacht. Und jetzt mir vorzustellen, ich wäre der, der ich im Traum bin und wer? Letzte Nacht habe ich geträumt, ich war ein Schmetterling. Die vorletzte Nacht habe ich geträumt, ich war irgendein Bettler. Vor drei Nächten habe ich geträumt, ich wäre Indra irgendwo im Himmel. Und vor vier Nächten habe ich geträumt, ich wäre irgendwo in einem Ashram so eine einfache Kirchenmaus gewesen. Wer soll ich dort gewesen sein? Was davon ist mein höheres Selbst?“ Er ging zurück zu Brahma und sagte: „Brahma, ich habe wieder was nicht verstanden, bitte erläutere mir.“ Und Brahma fragte: „Was hast du verstanden?“ „Ja, ich habe verstanden, dass das Traum-Ich mein höheres Selbst ist. Aber ich frage mich, welches Traum-Ich?“ Lachte Brahma und sagte: „Wiederum hast du nichts verstanden. Das, was gleich bleibt inmitten aller Veränderungen im Traum, inmitten aller Veränderungen der Psyche, inmitten aller Veränderungen der Identifikationen, das ist dein höheres Selbst. Jetzt, in diesem Wachzustand, identifizierst du dich mit einer Person, mit bestimmten Eigenschaften und Fähigkeiten und Emotionen. Jede Nacht träumst du etwas anderes. Und das, was gleich bleibt, jenseits aller Veränderungen in der Psyche, in den Emotionen, in den Gedanken, sogar in den Persönlichkeiten und Identifikationen, Tat Tvam Asi, Das ist dein höheres Selbst. Aber bleibe besser noch mal 25 Jahre im Ashram, dann sehen wir weiter.“ Gut, Indra diente wieder 25 Jahre. Die Engel leben halt ein bisschen länger als Menschen, deshalb klappt das etwas leichter. Und nach 25 Jahren rief Brahma den Indra wieder zu sich und sagte: „Hast du letzte Nacht geschlafen?“ „Ja.“ „Hast du auch Tiefschlaf gehabt?“ Sagte Indra: „Ja.“ Und dann sagte er: „Tat Tvam Asi. Das, was du im Tiefschlaf erlebst, das ist dein höheres Selbst.“ Gut, Indra ging wieder nach Hause, glücklich, und dachte: „Ja, das macht ja Sinn. Irgendwo im Tiefschlaf bin ich glücklich. Egal, was am Tag passiert ist, im Tiefschlaf ist alles vorbei.“ Als er weiter überlegte, dachte er: „Aber irgendwas kann auch nicht sein. Schon bevor ich zu Brahma hingegangen bin, habe ich jede Nacht tief geschlafen, dennoch war ich nicht dauerhaft glücklich. Und außerdem, das kann es ja jetzt auch nicht gewesen sein, jetzt zu probieren, länger zu schlafen.“ Also kehrte er zurück zu Brahma und erzählte ihm das. Und Brahma sagte wiederum: „Hast du nicht richtig verstanden. Nicht das Tiefschlafen ist das höhere Selbst, sondern das, was gleich bleibt im Wachzustand, Traumzustand und Tiefschlafzustand. Das, was immer gleich bleibt, das ist dein höheres Selbst. Das, was gleich bleibt, ob dein Körper sich verändert oder nicht. Das, was gleicht bleibt, egal, ob deine Lebensenergie, deine Emotionen, deine Gedanken, deine Persönlichkeit und deine Identifikationen sich verändern oder nicht. Das, was sogar dann gleich bleibt, egal, ob du dir stärker oder weniger stark bewusst bist. Das, was hinter all dem gleich bleibt, Tat Tvam Asi, Das bist du. Aber bleibe besser noch mal eine Weile bei mir.“ Nachdem diese Zeit vorbei gewesen war, rief Brahma wieder den Indra. Und diesmal erläuterte er ihm nicht viel, sondern er sagte: „Setze dich jetzt hin zur Meditation! Schließe deine Augen! Beobachte den Körper! Beobachte die Gedanken! Beobachte die Emotionen! Beobachte die verstärkte und weniger starke Bewusstheit, die da ist! Und dann sei dir bewusst, hinter all den Veränderungen von Körper, von Energien, von Emotionen, von Gedanken, von Persönlichkeit, von Identifikation, sogar von stärkerer und weniger starken Bewusstheit, Tat Tvam Asi, Das bist du. Tat Tvam Asi, Das bist du.“ Und Indra schließlich verwirklichte, „Aham Brahmasmi. Ich bin dieses Brahman. Dieses unendliche, ewige Bewusstsein hinter allem. Unabhängig davon, was äußerlich geschieht.“
Hari Om Tat Sat



Transkription eines Kurzvortrages von Sukadev Bretz im Anschluss an die Meditation im Satsang im Haus Yoga Vidya Bad Meinberg. Mehr Yoga Vorträge als mp3

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Tags: Furchtlosigkeit, Philosophie, Vedanta

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