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3. Sitzung am 2.7.2010:

„Ist viel passiert diese Woche…“, sag ich.
„Hoffentlich komme ich auch dazu, alles zu erzählen“, denke ich. Ich klebe immer noch am ganzen Körper. Ich bin nass. Schweißnass. Heute ist der bisher heißeste Tag des Jahres, 36 Grad. Und natürlich bin ich die paar Kilometer zu Stern wieder mit dem Fahrrad gefahren. Es ist soooo verflucht heiß…. Immer lässt Stern mich erst einmal 10 Minuten im Therapieraum schmoren. Heute im wahrsten Sinne des Wortes. Nein, hier ist es angenehm kühl. Aber der Schweiß schießt mir aus allen Poren.
Da kommt er…nach etlichen Minuten, die ich gedankenverloren aus dem Fenster auf die wild bewachsenen Bäume starre. Rechts neben Feld und Bäumen muss die Landstraße sein. Man sieht sie vom Sessel aus nicht, aber ich weiß, dass sie da ist.

Stern nickt mir zu, sagt: „Willkommen!“ Hm, ich grinse müde. „Ist viel passiert diese Woche“, setze ich neu an. Am Dienstag war ich beim Yoga – zum ersten Mal. Ich wollte immer Yoga machen, hatte aber nie Zeit dafür. Und ich habe mich auch nie auf feste Trainingszeiten eingelassen. Der Job könnte ja dazwischen kommen… Wie immer!!
Job ging immer über alles!! Ich habe keine Zeit! Ich hab nie Zeit! Ich hab ja noch nicht mal Zeit, um mir neue Klamotten zu kaufen… Seit Monaten brauche ich dringend neue schwarze Stiefel – ich habe einfach keine Zeit!!!
Und die Yogastunde war so toll! „Ich glaube, damit hab ich echt etwas für mich gefunden!“, erzähle ich ihm begeistert. Stern grinst mich an und nickt. Macht sich Notizen. „Wo machen Sie Yoga?“, fragt er mich. Ich gebe Auskunft… „Das möchte ich auf jeden Fall weiter machen!“, beharre ich. Und das meine ich ernst!! Yoga ist toll!! Genau mein Ding!! Meine Zukunft! Vielleicht mache ich ja mal eine Yogalehrer-Ausbildung und mache mich selbstständig mit einer eigenen Yogaschule…. Träume!! Das sind Träume!! Zukunftsmusik.

„Mittwoch dann war ich in der Frauenberatungsstelle“, so gehe ich weiter die Woche durch. Stern möchte wissen, was ich denen erzählt hab. Habe dort noch einmal alles aufgelistet, was in meinem Job los ist, wie mich dort der Umgang fertig macht, Überstunden, abends, am Wochenende, ohne Bezahlung, ohne Freizeit. Kein Informationsfluss, ich habe dort keine Lobby. Alle meine Vorschläge werden ohne nachzudenken abgeschmettert! Ich kann nicht mehr schlafen, habe jeden Tag Kopfschmerzen, bin versteift, ich ziehe mich zurück, igel mich ein, habe keine Kraft und keine Energie mehr, um raus zu gehen, mich mit Freunden zu treffen. Früher habe ich mich darauf gefreut! Heute strengt mich das soo an!
„Was hat Ihnen dieses Gespräch gegeben? Was wollten Sie damit erreichen?“, möchte Stern wissen. „Ich habe einfach Angst, dass mich mein Hausarzt nicht ernst nimmt. Und dass er mich stationär unterbringen möchte – und das kommt für mich überhaupt nicht in Frage!“, antworte ich. Allein bei dem Gedanken an eine Klinik irgendwo in Bad Ich-bin-vollkommen-allein bricht bei mir die Panik aus! Das will ich auf gar keinen Fall!!! „Frau Meyenthal hat mir versichert, dass sie mich unterstützen wird, meine Vorstellungen von Therapie zu kommunizieren“, sage ich ihm. Denn ich befürchte, dass mein Hausarzt alles nicht so schlimm sieht. „Das ist auch so eine Sache“, sage ich. Ich glaube, dass das eine ganz andere Geschichte in mir ist, die immer wieder aufbricht: Ich habe Angst nicht ernst genommen zu werden, dass man mir nicht glaubt, dass ich ganz allein mit allem da stehe und niemand stärkt mir den Rücken. Frau Meyenthal hat’s versprochen! Sie kann ich Montag Morgen um 8.30 Uhr anrufen. Ich habe sie von ihrer Schweigepflicht gegenüber Stern und Hülsmann entbunden, so dass sie sich für mich bei all den Ärzten und Therapeuten einsetzen kann!! Wie eine Anwältin! Das ist gut so, das gibt mir Sicherheit!

„Sie sagen ja ganz klar und deutlich und sehr entschlossen, was sie nicht wollen: Nämlich dass sie in keine stationäre Einrichtung wollen“, fasst Stern zusammen. „Und in mir meldet sich keine Stimme, die völlig dagegen spricht“, meint er. „Ich entscheide ja nicht für Sie! Sie sind die Co-Therapeutin und die kennt die Patientin ja schon länger und viel besser ich!“ Mein A-Therapeut sagt: „Wenn Sie sich entscheiden, dass ich der richtige Therapeut bin, dann gehen wir diesen Weg!“

„Welche Ziele sehen Sie für sich in einer Therapie“, möchte er jetzt von mir wissen. „Was möchten Sie erreichen?“
Ich möchte stark sein, mich durchsetzen können. Ich habe einfach viel zu wenig Selbstbewusstsein, um meine Wünsche zu formulieren. Ich trau mich aber auch nicht!! Zum Beispiel mein Schreibtisch im Büro! Seit Jahren sitze ich auf diesem Katzenplatz! Alle sitzen sich gegenüber, nur ich habe nur diese weiße Wand zum Anstarren!! Aber ich trau mich nicht zu sagen, was ich viel lieber hätte! Ich möchte niemandem die Umstände machen! Ich bin es nicht wert, das zu bekommen, was ich möchte!!
Stern holt eine Karteikartenbox aus einem offenen Schubfach im Tischchen zwischen uns hervor und sagt: „Nun nehmen Sie sich mal ein paar leere Zettel heraus, dort sind Stifte und da ist eine Schreibunterlage. Schreiben Sie auf jeden Zettel eines Ihrer Ziel auf!“
Stärke – Durchsetzungsvermögen – Selbstbewusstsein

„Dort am Ende des Zimmers ist das Ziel. Wo stehen Sie jetzt, um das zu erreichen?“, fragt er. Ich verstehe nicht. Mein Kopf ist auf einmal völlig leer. Hä? Was will er? Was soll ich machen? Bin ich zu dumm?
Er muss es mir drei bis vier Mal erklären. Ok, alle drei Zettel lege ich am Ende des Raumes auf das Sideboard an der Wand.
„Was müssen Sie tun, um diese Ziele Stärke, Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen zu erreichen?“ Dafür muss ich vor allem meine inneren Blockaden abbauen, einreißen! „Ich hab immer mehr das Gefühl, dass in mir ganz alte Sachen sind, die mich so hemmen. Und diese Blockaden profiziere ich immer wieder ins Jetzt, auf Menschen, die überhaupt nichts dafür können!“ Ich habe Angst, dass Herr Hülsmann, mein Hausarzt mich nicht ernst nimmt. Alles wiederholt sich! Ich erwarte benachteiligt zu werden, also werde ich benachteiligt und sage: Ist ja wieder klar!! Ich kriege nicht das, was ich will. Und ich habe es auch nicht verdient!

Nun soll ich mir andersfarbige Zettel nehmen und darauf schreiben, was ich bearbeiten möchte: „Alte Sachen auflösen!“ Dieses Kärtchen soll ich irgendwo mitten im Raum unterbringen – auf dem Weg hin zu meinen Zielen.

„Am Donnerstag war mein Mann bei meinen Eltern. Um ihnen zu erzählen, was in letzter Zeit mit mir los ist. Denn ich kann mit meinen Eltern absolut nicht reden. Von all dem, was in den letzten Wochen, Monaten, Jahren gewesen ist, wissen sie überhaupt nichts! Rein gar nichts!“ Ich versuche, auch den letzten Meilenstein aus dieser Woche zu erzählen.
„Ok“, sagt Stern. Dann schreiben Sie auf: Mit Eltern reden!“ Ich gehorche und platziere diese unliebsame Ankündigung schräg über den „Alten Dingen auflösen“.
„Was noch?“, möchte mein Therapeut wissen. Ein dritter Berg, der beackern sein soll. Das erste, was mir in den Sinn kommt: „Ich möchte mein inneres Gefängnis auflösen!“
Scheint gut anzukommen. Die dritte Aufgabe bildet mit den anderen ein Dreieck.

Stern steht von seinem Sessel auf. Ich stehe ja schon bei meinen drei Hürden. „Diese drei Dinge sind sehr schwer“, meint er. „Sie tun sehr weh und dauern lange! Oft ist es so, dass die Bewältigung dieser Dinge aus der Vergangenheit so belasten und weit zurück werfen. Deshalb“, sagt er, „brauchen Sie vorher ganz wichtige Dinge. Zwei davon haben Sie selbst bereits genannt“, sagt er: „Ein sicheres Zuhause, einen Rückzugsort und Yoga!“
Oh, toll! Ich kann zu Hause bleiben und Yoga, meine neue Liebe, darf ich auch behalten!!

„Kraftquellen“ und „Gefühle und Körper beruhigen und stärken können!“ Das scheine ich jetzt zu brauchen, damit ich meine Wut auf meine Mutter näher bezeichnen kann. Damit ich an die Dinge rankomme, die mich vor langer langer Zeit einmal so sehr verletzt haben, und die mich bis heute nicht in Ruhe lassen und mein Leben schwer machen.

„Was tun Sie für Ihre Ruhe?“, fragt er mich. Yoga ist was Tolles zum Entspannen und sich zu spüren! (Wahrscheinlich macht er selbst Yoga…) An allen Tagen, die ich jetzt zuhause und von der Arbeit frei gestellt bin, habe ich alles meinem Fahrrad erzählt. Mein Fahrrad und ich sind die besten Freunde! Jeden Tag bin ich 15, 20, 30 Kilometer gefahren. Und fühle mich gut anschließend. Stern nickt. „Und was noch?“, will er wissen. „Ich lese sehr viel, in jeder freien Minute. Ich liebe Bücher! Allerdings sind sie auch meine Flucht: Mit meinem Lesewahn zieh ich mich von der Außenwelt zurück. Ich habe einfach keine Energie mehr raus zu gehen, mich mit Freunde zu treffen oder irgendwie aktiv zu sein. Nur mein Buch und ich, sonst lasse ich niemanden herein! Das kann nun gut oder schlecht sein“, sage ich. „Beides“, lacht Stern.

„Sie haben einmal von Schlafstörungen gesprochen…“, meint er. Ja! Schlafen ist nicht. Und wenn, nur für zwei Stunden oder vier. „Und was machen Sie dann?“ Lesen natürlich. Oder vorm Computer sitzen. Was bleibt mir auch übrig? Ich soll also mein Schlafproblem in den Griff kriegen. Und wie bitteschön? Wo ist der Knopf zum Ein- und Durchschlafen? Und der Hebel gegen Alpträume? Da hört die Sache nämlich schon auf…. Er will mich erst therapieren, wenn ich schlafen kann?! Vielleicht kann ich ja dann erst schlafen, wenn alle Dämonen der Vergangenheit sich zurück gezogen haben?!

„Ich habe einmal eine geführte Bergwanderung zusammen mit meiner Frau unternommen. Auf dem Himalaya. Und der Bergführer war so langsam, dass ich anfangs dachte: Gleich überrolle ich den!“, erzählt Stern jetzt. „Irgendwann wusste ich warum er so langsam war. Der Bergführer wusste, wann wir Pausen machen müssen und dass Weg erträglich bleibt, wenn wir am Anfang langsam sind…“ Ok, ich habe dieses Gleichnis jetzt verstanden.
Ich will aber – jetzt!

„Das Wort ,Gutachter’ vergessen Sie bitte ganz schnell wieder“, sagt Stern jetzt in seinem kleinen Büro. Wir besprechen den nächsten Termin und wie es weiter gehen soll. Mittwoch, 7. Juli, um 10 Uhr darf ich wiederkommen. Dann besprechen wir die weitere Vorgehensweise. Ich dachte, das machen wir heute schon…. Es klingelt an der Tür. Ach so, die nächste Klientin… Hm, muss ich wohl zurück stecken. Wieder eine halbe Woche warten. Also einen Gutachter schaltet er noch nicht ein. Fragebögen zur Analyse und Diagnostik bekomme ich beim nächsten Mal – hat Stern auf jeden Fall heute versprochen.

Wir wünschen uns ein schönes Wochenende und ich steige wieder auf mein Fahrrad, zünde mir noch schnell eine Zigarette an. Und denke…. Denke pausenlos!
Was ist mit dieser Information, dass dieses Arschloch Erik Samhein doch noch meine Umgebung verpestet. Ich hatte ihn so gern in weiter Ferne vermutet: in Süddeutschland oder sogar in Indien. Nein, er ist in Kempen… 17 Kilometer nur weg. Deshalb fahre ich nie mehr nach Kempen… Und deshalb habe ich seinen Lakeien vor einem Jahr in Krefeld am Bahnhof gesehen – sehen müssen.
Die Sprache kam nie mehr in den letzten zwei Sitzungen auf diesen Schein-Therapeuten, der sich an seiner Freundin zu schaffen macht, während sie schläft. Dieser Psycho, der in seinem Privatleben das auslebt, was ihm seine Klienten in seinen Sitzungen anvertrauen.
Vielleicht überdecke ich das zur Zeit? Vielleicht tut das noch zu sehr weh, dass ich erst mal an die „leichten Sachen“ rangehe… ?!

Zuhause muss ich wieder weinen, fühle mich wie paralysiert. „Und was sagt er zur Therapie?“, fragt Sascha, als ich mich ziemlich platt, müde, erschöpft neben ihn auf die Couch setze. „Stationär hält er auch nicht für nötig. Er sagt, es ist wichtig, dass ich in meiner gewohnten Umgebung bleibe, in der ich mich sicher fühle.“ „Was?“, fragt Sascha halb bei der Sache. „Keine Therapie?“ Und wieder zieht er ein Gesicht, als hätte ich wieder alles falsch gemacht.
„Doch“, was sag ich eigentlich? Keine stationäre Therapie! „Und ambulant?“, hakt Sascha nach. Ja klar – wenn ich will!
Im Fernsehen läuft Fußball. Deshalb ist Sascha irgendwie nur zur Hälfte da. „Ich kann auch ausmachen“, meint er. Nein, ich hab schon vor Tagen gehört, dass ich ihn Freitag Nachmittag bei diesem Spiel Holland:Brasilien nicht stören soll.

In mir glühen schon wieder die Drähte. „Alle wollen mich nur in die Klapse stecken“, zetert sie. „Meine Eltern wollten mich auch schon immer einweisen lassen! Das wäre ihnen am liebsten. Weg mit der Göre! Mit der verkorksten Göre!“
Sarah hasst das!! Sie redet kein Wort mit ihnen. Ihre Eltern hat nie interessiert, wie es ihrem Mädchen wirklich geht. „Stimmt doch gar nicht! Stell dich nicht so an! Selbst schuld!“ Mehr Reaktionen auf ihre Befindlichkeiten gab es nie. Und deshalb geht es ihr immer nur „gut“. Keine unangenehmen Wahrheiten, dann muss sie sich auch diese unsensiblen Sprüche nicht anhören.

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Tags: Depressionen, Durchsetzungsvermögen, Erfahrungen, Selbstbewusstsein, Stärke, Trauma

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