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Zitat aus: Psychologie der Spiritualität? Grenzen, Anwendungen und eine herausfordernde Gratwanderung. Michael Utsch / Berlin
https://www.ezw-berlin.de/downloads/utsch_psychologie_der_spiritual...

Wenn Glaube sich positiv auf die Gesundheit auswirkt, wofür etliche Studien sprechen, stellt sich die Frage, wie das Heilungspotential der Religionen in eine psychologische Behandlung einbezogen werden kann. Die spannende Diskussion um Ausschluss oder Einbeziehung spiritueller Interventionen in Beratung und Psychotherapie hat endlich auch Deutschland erreicht. Bis vor kurzem war es undenkbar, dass in Therapeutenkreisen ernsthaft darüber diskutiert würde, ob etwa in einer Behandlung auf Wunsch des Patienten mit ihm gebetet werden dürfe.

Bekannte Gestalttherapeuten haben sich kürzlich grundsätzlich und vehement gegen eine Einbeziehung spiritueller Interventionen ausgesprochen, weil dabei die Risiken eines ideologischen Machtmissbrauchs viel zu hoch seien: „Spiritualität ist keine Sache wissenschaftlicher Psychotherapie, sondern des persönlichen Glaubens, dem Respekt gebührt.“ Als rechtlich geregelte Dienstleistung des öffentlichen Gesundheitswesens stehe Psychotherapie deshalb unter dem Gebot der weltanschaulich-religiösen Neutralität.
Das moderne Wissenschaftsverständnis hätte ein materialistisches Weltbild zur Grundlage, das auf der kategorialen Trennung von Wissenschaft und Glaube beruhe. Deshalb sei für eine wissenschaftlich begründete Heilkunde „prinzipiell“ nur eine materialistisch-monistische Position vertretbar. Allerdings gibt es inzwischen klare empirische Belege dafür, dass religiöse oder spirituelle Rituale bei gemeinsamen Glaubensüberzeugungen von Therapeut und Klient Ressourcen aktivieren können, die durch herkömmliche Methoden nicht erreichbar sind.

Als Fallbeispiele werden eine christliche kognitive Therapie bei einer depressiven Störung, eine buddhistische Selbst-Schema-Therapie bei einer Suchterkrankung, eine christliche Vergebungstherapie und eine muslimische kognitive Therapie bei einer Angststörung dar gestellt. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass religiös-spirituelle Psychotherapien nachweislich sowohl psychologische als auch spirituelle Wirkungen zeigen. Allerdings weisen sie darauf hin, dass ein einfaches Hinzufügen religiöser bzw. spiritueller Elemente zu einer etablierten säkularen Psychotherapie keine Verbesserungen bewirken würden – die säkularen und spirituellen Maßnahmen müssten aufeinander abgestimmt sein.
Die höchste Wirksamkeit religiöser und spiritueller Interventionen lässt sich bei stark religiös geprägten Patienten nachweisen.

Der klare Trend einer ernsthaften fachlichen Auseinandersetzung mit religiösen und spirituellen Themen beschränkt sich nicht mehr nur auf den amerikanischen Kulturkreis. Das deutsche „Psychotherapeutenjournal“, Hauspostille aller approbierten Psychotherapeuten und damit weit verbreitet und viel gelesen, hat vor einem Jahr das Schwerpunktthema „Psychotherapie und Religion/Spiritualität“ ausführlich behandelt. Die auch im Internet zugänglichen Aufsätze sind vorurteilsfrei und plädieren für einen transparenten und differenzierten Umgang mit dem Glauben der Patienten – von der früheren Religionsfeindlichkeit der Psychotherapie ist fast nichts mehr zu spüren. Der bekannte Religionspsychologe Bernhard Grom belegt dort sogar mit empirischen Studien die Bewältigungskraft positiver Glaubensüberzeugungen.

In Großbritannien ist der Diskussionsstand schon weiter gediehen als hierzulande – vermutlich, weil der amerikanische Trend stärker zum Tragen gekommen ist. Außerdem gibt es dort eine aktive, etwa 3000 Mitglieder starke Arbeitsgruppe „Spiritualität und Psychiatrie“ im „Royal College of Psychiatrists“, die kürzlich ein Konsenspapier zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität vorgelegt hat. Darin verpflichten sich die Mitglieder, den religiösen oder spirituellen Bindungen ihrer Patienten mit einfühlsamer Achtung und mit Respekt zu begegnen. Klinisch Tätige sollen keine religiösen oder spirituellen Rituale als Ersatz für professionelle Behandlungsmethoden anbieten. Es wird aber auch auf die Bewältigungskraft positiver Spiritualität hingewiesen, durch die Hoffnung und Sinn vermittelt werden könnten.

Naturgemäß treffen gerade bei der Einschätzung von Religion unterschiedliche Weltbilder aufeinander. Exemplarisch zeigt sich das an der kontroversen Diskussion um die Einbeziehung von Gebeten in die psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis, die in einer britischen Fachzeitschrift unaufgeregt und sachlich geführt wurde: Der eine Protagonist, ein bekennender Atheist, möchte derartige Praktiken von jeglicher fachärztlichen Behandlung fernhalten, um eine mögliche Rollenkonfusion von Psychotherapeut und Seelsorger zu vermeiden. Sein Kontrahent ist anglikanischer Priester und argumentiert, dass auf Nachfrage des Patienten hin unter bestimmten Bedingungen spirituelle Interventionen sinnvoll sein können.

Ohne Zweifel muss die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren wissenschaftlich erwiesen sein, um bei der Krankenbehandlung eingesetzt werden zu dürfen. Wie soll das bei spirituellen Methoden funktionieren? Heil und Heilung, das haben die interdisziplinären Diskussionen der letzten Jahre ergeben, müssen klar voneinander unterschieden werden. Geht es bei der Heilung um eine reparative Wiederherstellung, die Narben hinterlässt, so zielt die Heilserwartung auf einen gänzlich neuen Menschen. Eine therapeutische Heilbehandlung ist also von einer religiösen oder spirituellen Heilsvermittlung strikt zu trennen.

Angesichts der zahlreichen korrelationsstatistischen Indizien für die heilsamen Funktionen des Glaubens wurde in einer medizinischen Fachzeitschrift tatsächlich darüber diskutiert, ob Ärzte religiöse Tätigkeiten verordnen sollten. Schlussendlich überwog jedoch die Skepsis. Der wichtigste Einwand war der Hinweis auf „eine drohende Trivialisierung der Religion. Religion darf nicht instrumentalisiert und getestet oder verordnet werden wie ein Antibiotikum“.

Wie aber kann der Einsatz religiöser oder spiritueller Verfahren wissenschaftlich begründet werden? Die an der renommierten New Yorker Columbia-Universität tätige Psychotherapeutin Lisa Miller hat hierzu weitreichende Überlegungen angestellt. Seit zehn Jahren bietet sie an ihrer Fakultät den fünfteiligen Trainingskurs „Spirituelle Wahrnehmung“ für angehende Psychotherapeuten an, um gemeinsam Spiritualität experimentell zu erkunden.

„Spirituelle Wahrnehmung meint die Abstimmung mit einem liebenden und wegweisenden Universum, das uns umgibt, in uns lebt und durch uns wirkt“, so beginnt ein programmatischer Übersichtsartikel. Miller berichtet, dass in der religiös extrem vielfältigen Teilnehmerschaft aus allen Ländern, Kulturen und Religionen gegenseitiger Respekt die Voraussetzung bilde, um eine direkte Erfahrung des spirituellen Grundes zu machen. Ihr Credo lautet: „Das Bewusstsein existiert noch in anderen als materiellen Zuständen“.

Spirituelle Psychotherapie ermögliche „spirituelle Wahrnehmung: Wir schaffen einen liebenden Raum, der für geheiligte Arbeit bereitsteht, die unsere Erwartungen und Fantasien übersteigt. Spirituelle Präsenz, die wir wahrnehmen können und schätzen, bewirkt eine tiefgreifende Veränderung.“

Eine stärkere Aufmerksamkeit für religiöse und spirituelle Fragen in Psychologie und Medizin ist zu begrüßen. Für ein besseres Verständnis ihrer Zusammenhänge aber ist die kritische Vernunft – die um ihre Grenzen weiß – unerlässlich.

Nils: Die Vernunft als Basis der Spiritualität und auch der Psychotherapie bejahe ich. Die Vernunft rät uns dazu auch spirituelle Techniken und Wege für die psychische Heilung und Gesunderhaltung zu verwenden, wenn sie sich als hilfreich erwiesen haben. Das gilt nachgewiesener Maßen für die Meditation, den Yoga und die Gedankenarbeit. Es besteht eine Verbindung von Gefühlen und Gedanken, die für den Weg der inneren Heilung genutzt werden kann. Meditation kann inneren Frieden bewirken und Traumata auflösen. Grundsätzlich ist es natürlich wichtig, dass der Heilungsweg mit der allgemeinen philosophischen und religiösen Haltung eines Menschen zusammenpasst.

Ein Atheist wird sich kaum für Gebete und für göttlichen Beistand begeistern können. Aber die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Glücksforschung sind für die meisten Menschen akzeptabel. Für die Erleuchtung interessieren sich nur wenige Menschen. Andererseits ist die Erleuchtung eine Tatsache mit großem Heilpotential. Auf dem Weg der Erleuchtung entstehen Energien, die zur tiefen Heilung eines Menschen führen können. Bei mir verschwanden auf dem Yogaweg im Laufe der Jahre viele Traumata und psychosomatische Krankheiten. In der Gegenwart erleuchteter Meister spürte ich eine starke Energie, die heilend für mich war. Es gibt Menschen, die große Heilkräfte besitzen. Ich habe einen modernen undogmatischen Buddhismus als sehr hilfreich für mich empfunden. Das rein materialistische Weltbild ist falsch. Der spirituelle Weg muss in die moderne Psychologie integriert werden, damit den Menschen wirksam und umfassend geholfen werden kann.

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