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Heute war wieder Altersheim. Diesmal sang ein anderer Mensch. Eine sehr dicke ältere Frau. Sie wurde von einem etwas jüngeren Mann auf einem Akkordeon begleitet. Der jüngere Mann konnte gut spielen. Die dicke ältere Frau wollte gerne ein Star sein. Ihr Repertoire bestand aus Liedern der 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts. An sich keine schlechte Idee für ein Altersheim. Für meine Mutter waren diese Lieder zu neu. Sie liebte die Songs der 30iger und 40iger Jahre. Mich erinnerten die Lieder an meine frühe Jugend. Für die dicke ältere Frau waren es ihre Lieder, die Lieder ihrer Sturm-und Drang-Zeit. Insofern hatte sie es richtig gemacht. Man sollte das tun, was man selbst liebt.

Leider hatte sie das Problem, dass sie sich selbst zu sehr liebte. Sie wollte bewundert werden. Das erinnerte mich an mich. Nur dass ich gleichzeitig die Fähigkeit habe über mich selbst zu lachen. Die dicke ältere Frau sah auch extrem komisch aus, obwohl sie sich wahrscheinlich todschick fand. Sie hatte sich wie ein Popstar herausgeputzt. Eine grellgelbe Jacke und eine riesige rotschwarze Wollmütze. Dazu die äußere Form eines Zirkusclowns und die Stimme einer Möchtegern-Diva. Wundervoll. Nur leider lachte keiner und sie selbst erst recht nicht. Ich traute mich nicht zu lachen. Über Frauen lacht mann nicht. Das habe ich als oberste Comedian-Regel gelernt.

An sich sang sie nicht schlecht. Man hörte, dass sie eine langwierige und teure Gesangsausbildung gemacht hatte. Ihre Idee mit einem Begleitmusiker in Altersheimen aufzutreten war im Prinzip gut. Nur leider fand sie sich selbst so großartig, dass sie keine Augen für das Publikum hatte. Meine Mutter langweilte sich. Die Senioren klatschen artig nach jedem Lied, aber wirklich gute Laune kam nicht auf.

Damit die dicke ältere Frau den Text genau richtig sang, las sie alles vom Blatt ab. Wie schrecklich. Dann lieber den Mut zur Lücke. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen über sich selbst zu lachen. Dann hätte sie die Alten gehabt. Entweder man ist sehr gut. Dann kann man die Menschen begeistern. Oder man ist mittelmäßig, dann muss man sich etwas einfallen lassen.

Man könnte zum Beispiel Lieder vortragen, bei denen alle mitsingen können. Das tat die Frau nur einmal. Oder man könnte die Senioren zum Händeheben und Mitklatschen bewegen. Auch das geschah nur bei einem Lied. Was die Frau auch tat, es reichte nicht den Saal zum Kochen zu bringen.

Zum Schluß bat sie noch das Publikum der Heimleiterin zu sagen, dass alle von ihr begeistert seien. Damit sie öfter gebucht wird. Da tat sie mir richtig leid. Ein geschickter Künstler hat einen guten Start und eine guten Abgang.

Wie ich. Ich erkläre am Anfang allen, dass ich nicht singen kann. Dann sind sie überrascht, dass doch einige Töne aus mir herauskommen. Dann folge ich genau der Energie der Zuhörer. Und zum Schluss sind alle glücklich und wollen mich nicht gehen lassen. Ich muss eine Zugabe nach der anderen geben, bis ich völlig erschöpft bin. Dann verschwinde ich plötzlich und alle sehnen sich nach dem nächsten Auftritt.

So macht man das. Es ist ein Wunder, dass ich noch nicht zum Star der Altersheim-Szene geworden bin. Reden wir nicht schon wieder über mich, obwohl das insgeheim mein Lieblingsthema ist. Aber das verrate ich keinem. Sonst behaupten die Menschen noch ich hätte ein großes Ego. Und das ist ein "No Go" für einen angehenden Guru. Ein besseres Guru-Outfit sollte ich mir aber noch zulegen. Jogginghosen sind nicht wirklich in bei großen Auftritten. Da könnte ich von der dicken älteren Frau noch viel lernen.

Die kam nach dem Auftritt irgendwie traurig den Gang entlang. Ihr nächster Auftritt war erst in einem halben Jahr. Einige Senioren ermutigten sie bei der Heimleiterin vorbeizusprechen, die gerade in ihrem Büro saß. Ich schob meine Mutter mit ihrem Rollstuhl hinterher, um dem Gespräch zu lauschen. Ich versteckte mich hinter meiner Mutter, wurde aber trotzdem entdeckt und von der dicken Frau als Zeuge angerufen, dass sie gut gewesen war. Sollte ich sie im Regen stehen lassen? Gut ist ein dehnbarer Begriff. Und ich erklärte brav, dass es ein guter Auftritt gewesen war. Da war die dicke ältere Sängerin in ihrer gelben Jacke und der merkwürdigen Wollmütze glücklich. Und ich letztlich auch.

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Kommentar von D.Jahnke am 6. Juli 2016 um 3:11pm
Andere Menschen andere Sitten......
Kommentar von Martin am 6. Juli 2016 um 5:48pm

Hallo Nils
vermutlich würdest Du die Künstlerin gut ergänzen bzw. ausgleichend wirken - wie wärs mit einer Zusammenarbeit zum Trio-Dream-Team ?

Kommentar

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