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Die Unterweisungen einer Teetasse - eine Geschichte von Sacinandana Swami

Die Unterweisungen einer Teetasse

Von Sacinandana Swami, Oktober 2004

Es war einmal ein junger Mann – noch recht unerfahren im Leben, aber bereitwillig, etwas zu lernen. Er hatte eine große Begeisterung für Antiquitäten und besuchte in allen Ländern Europas, die er in den Ferien besuchte, immer wieder die Antiquitätenläden. Mit der Zeit hatte er eine starke Vorliebe für antike Töpferwaren entwickelt – und insbesondere Teetassen begeisterten ihn – denn sie erzählten ihre eigene Geschichte.

Als er einmal in einer alten Burg in Serbien war, betrat er das dortige Museum und entdeckte auch ein kleines verstaubtes Lädchen. Dort erblickte er mit einem Mal eine ganz außergewöhnliche Teetasse – eindeutig mit türkischem Einfluss! Er richtete folgende Frage an den alten Verkäufer mit einer dicken Brille:

„Dürfte ich dieses Prachtstück von Teetasse dahinten einmal sehen? Mir scheint, sie stammt aus der Türkei...“
Als der Mann ihm die Teetasse reichte, hörte unser junger Reisender plötzlich, wie die Teetasse zu sprechen begann:

„Du verstehst nicht,“ sagte sie, „ich war nicht immer eine Teetasse. Es gab einmal eine Zeit, da hatte ich keine Ahnung davon, was Dienst bedeutet. Ich war einfach nur ein dumpfes Stück rote Tonerde. Aber lass’ mich dir meine Geschichte erzählen, du kannst etwas daraus lernen. Ich lebte seit Tausenden und Abertausenden von Jahren. Ich sah Krieg und Frieden kommen und gehen. Ganze Völker überrannten mich, als ich so da lag und wartete. Auf was? Ich hatte keine Ahnung.

Dann erschien eines Tages mein Meister. Er brachte mich nach Hause und legte mich auf einen Holztisch und begann mich zu kneten. Immer wieder piekste er mich mit seinen Fingern, bis ich schließlich schrie: ‚Aufhören!’ Stell dir doch mal vor, jemand nimmt dich einfach und schlägt auf dich! ‚Lass mich in Ruhe!’sagte ich, aber er antwortete nur mit sanfter Stimme: ‚Noch nicht!’
Die Teetasse wurde immer lebhafter, als sie ihre Geschichte dem verblüfften Mann erzählte:
„Und dann, wommmmmmmmmmm! Ich wurde auf die Töpferscheibe geworfen und wurde gedreht, bis ich jeden Sinn für die Orientierung verloren hatte.‚Aufhören!!! Merkst du nicht, dass mir schlecht wird? Nimm mich sofort von dieser Scheibe herunter!’ Aber der Meister nickte nur verständnisvoll und sagte sanft: ‚Noch nicht.’ Er begann dann, mich einzudrücken und in eine Form zu bringen, die nur er verstand. Und dann...“

„Dann stellte er mich vorsichtig in einen Ofen. Ich hatte noch nie eine solche Hitze verspürt. Ich schrie und klopfte an die Tür. „Hier ist es heißer als in der Hölle! – ich verbrenne zu Asche! Bitte hol’ mich hier raus, bevor es zu spät ist.!’ Ich konnte ihn durch ein winziges Loch sehen. Er schüttelte den Kopf und ich konnte nur noch von seinen Lippen ablesen: ‚Noch nicht.’
Als ich dachte, ich könne die Hitze unmöglich länger aushalten, öffnete sich die Tür. Vorsichtig nahm er mich heraus und stellt mich in ein Regal zum Abkühlen. Es tat so gut, mal in Ruhe gelassen zu werden.

Aber es sollte noch weitergehen. Nachdem ich abgekühlt war, nahm er mich behutsam in die Hand, schaute mich an und wischte etwas Staub weg. Und dann.... kam er mit den Farben! Und etwas Durchsichtigem – der Glasur. Die Dämpfe waren unerträglich! Ich dachte schon, ich müsse mich übergeben! ‚Bitte, hab Erbarmen! Kannst du dir mein Elend nicht vorstellen? Bitte, bitte, lass mich los! BITTE! Hör auf!’

Aber er schüttelte nur den Kopf und sagte: ‚Noch nicht. Du bist noch nicht fertig.’

Dann stellte er mich ganz unvermittelt und rasch wieder in den Ofen zurück. Nur – dieses Mal war die Temperatur ungefähr zwei- oder dreimal so hoch wie beim ersten Mal. Das war am schlimmsten. Von Anfang an dachte ich da, ...das ist mein Tod...ich bat ihn, ich flehte, ich drohte, ich schrie und schließlich weinte ich tränenlose Tränen. Nicht einmal heiße Tränen. Ich war sicher, dass ich es nie schaffen würde. Ich war dabei aufzugeben.

Aber genau in diesem Augenblick – ich war schon dabei, das Bewusstsein zu verlieren, öffnete sich die Tür und er holte mich heraus. Und wieder stellte er mich ins Regal, wo ich abkühlte und wartete und wartete und wartete.

‚Was steht mir wohl als nächstes bevor?’ Aber nachdem etwa eine Stunde vergangen war, kam er zurück und stellte mich vor einen Spiegel und sagte: „Nun schau dich an!’ Und das tat ich.

Was ich dann sah, verblüffte mich. Es ist das, was du nun in Händen hältst. ‚Aber das bin doch gar nicht ich’, hatte ich gesagt, ‚das kann doch nicht wahr sein, das ist einfach zu schön, zu schön...“

Dann sprach mein Meister mit barmherziger Stimme: ‚Dazu bist du da’ und dann erklärte er: ‚Ich wusste, dass es wehtun würde, als ich dich rollte und auf dem Tisch geknetet habe. Aber wenn ich die Luft nicht aus dir herausgepresst hätte, wärst du geplatzt.’“
„Ich wusste, das du deinen Orientierungssinn auf der Scheibe verlieren würdest. Aber ohne diesen Vorgang hätte ich dich nie in diese Form bringen können. Ich wusste, dass die Dämpfe der Glasur unerträglich sind. Aber wenn ich dich nicht damit bemalt hätte, wäre dein Leben farblos und du wärst nicht richtig gehärtet. Und als ich dich ein zweites Mal in den Ofen stellte, wusste ich, dass das die härteste Prüfung war. Aber ohne sie wärst du leicht an der harten Wirklichkeit des Lebens zugrunde gegangen. Glaub mir, es war alles zu deinem Besten. Nun bist du so, wie ich es mir vorgestellt hatte, als ich dich damals am Boden liegen sah. Nun bist du ein fertiges Produkt.“

Hier endete die Teetasse – aber man konnte sehen, wie eine Träne der Dankbarkeit über ihren schönen Rand kullerte.

Der junge Mann erwarb die Teetasse und nutzte sie nur, um Gott etwas zu opfern. Er vergaß nie die Lektion, die er von ihr gelernt hatte. Und wenn Schwierigkeiten in seinem Leben auftauchten und er am liebsten: ‚Aufhören, lass mich in Ruhe!’ ausgerufen hätte, erinnerte er sich der Worte des alten Töpfers: ‚Noch nicht.’ Aber er wurde auch dankbar, denn er wusste, alles war vom Herrn so bestimmt, um ihn zu dem zu machen, wozu er bestimmt war: ein freudvoller Diener.

Und er hatte Vertrauen. Gott weiß, was das Richtige für jeden einzelnen von uns ist. Gott ist der Töpfer und wir sind der Ton. Er wird uns formen und uns bereit machen. Er wird uns genau dem Druck aussetzen, der notwendig ist, uns nach seinem Plan zu vollenden.

DIESER BEITRAG WURDE BISLANG: 473 X ANGESCHAUT

Tags: Weisheiten

Kommentar von cosmodeva am 16. Mai 2013 um 9:29pm
Es ist also unsere Aufgabe, zuerst den Geist zu kennen, um es dann durch Yoga bereitwillig zu machen.
Kommentar von D.Jahnke am 16. Mai 2013 um 11:01pm
Ja, die Funktionsweise des Geistes ( Gemüt ) ist sehr wichtig.

Kommentar

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