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Die sûtra des vedânta oder die cârîraka-mîmânsâ nebst vollständigen Kommentar des shankara - Übersetzt aus dem samskrit von Dr. Paul Deussen

Erörterung der scheinobjektiven Selbstverkennung des "Ich"
(adhyâsa-vicârah )

Objekt (vishaya) und Subjekt (vishayin),
wie sie als ihren Bereich die Vorstellung des "Du" [Nicht-Ich] und des "Ich" haben, sind so entgegengesetzter Natur wie Finsternis und Licht.
Steht es nun fest, daß das Sein des einen in dem andern nicht zutrifft,
so folgt um so mehr, daß auch die Qualitäten (dharma) des einen bei dem andern nicht statthaben.
Hieraus ergiebt sich, daß die Übertragung (adhyâsa) des als seinen Bereich die Vorstellung des "Du" habenden Objektes und seiner Qualitäten auf das als seinen Bereich die Vorstellung des "Ich" habende, rein geistige Subjekt, und umgekehrt, daß die Übertragung des Subjektes und seiner Qualitäten auf das Objekt folgerichtigerweise falsch ist.  – Und doch ist den Menschen dieses,
auf falscher Erkenntnis beruhende Wahres und Unwahres [d.h. Subjektives und Objektives] paarende Verfahren angeboren naisargika), daß sie die Wesenheit und die Qualitäten des einen auf das andere übertragen, Objekt und Subjekt, obgleich sie absolut verschieden (atyanta-vivikta) sind, nicht von einander unterscheiden
und so z. B. sagen "das bin ich", "das ist mein". 'Aber was ist unter dieser "Übertragung" zu verstehen?' – Wir antworten:
sie ist das auf Erinnerung beruhende Erscheinen eines früher Gesehenen an einem anderen. – manche hingegen definieren sie als die Übertragung der Qualitäten, die der einen Sache zukommen, auf eine andere; – einige wiederum als einen Irrtum, der dadurch bedingt sei,daß man den Unterschied der Sache nicht auffasse, auf welche die Übertragung geschehe; – wieder andere erklären sie
als die Annahme von Qualitäten an dem Gegenstande der Übertragung, welche seinem Wesen entgegengesetzt seien. –
Wie dem auch sei, darin ist Ubereinstimmung, daß sie das Erscheinen der Qualität der einen Sache an einer anderen ist. Und so zeigt sie sich auch in der Wahrnehmung des gemeinen Lebens, wenn z.B. die Perlmutter als Silber, oder der Mond, wiewohl er einer ist, als zwei erscheint. Aber wie ist es möglich, auf das innere Selbst, da es doch nicht Objekt ist, die Qualitäten von Objekten zu übertragen?
Denn ein jeder überträgt doch nur auf ein vor ihm stehendes Objekt
ein anderes Objekt; und du selbst sagtest [oben], daß das der Vorstellung des "Du" entbehrende innere Selbst kein Objekt sei. Wir antworten: dasselbe ist doch nicht in jedem Sinne Nicht-Objekt;
denn es ist das Objekt der Vorstellung des Ich; und nur darum nimmt man ja auch allgemein ein inneres Selbst an, weil es der Wahrnehmung nicht unzugänglich ist. Auch besteht eben keine Notwendigkeit, daß man nur auf ein vor uns stehendes Objekt ein anderes Objekt übertragen könne; indem z. B. auf den Weltraum (âkâsha), wiewohl er nicht wahrnehmbar ist, Unerfahrene die dunkle Farbe des Grundes und dergleichen übertragen. Ebenso ist es nicht ausgeschlossen, daß man auch auf das innere Selbst überträgt, was nicht das Selbst ist. Diese so beschaffene Übertragung erklären die Philosophen für ein Nichtwissen (avidyâ) und bezeichnen im Gegensatze dazu die genaue Bestimmung der Natur eines Dinges als das Wissen (vidyâ). Ist dem aber so, dann folgt, daß der Gegenstand, auf welchen eine [derartige, falsche] Ubertragung stattfindet,
durch eine in ihr begründete Fehlerhaftigkeit oder Beschaffenheit nicht im mindesten betroffen wird. Diese, "Nichtwissen" genannte, das Selbst und das Nicht-Selbst miteinander verwechselnde Übertragung
bildet nun die Voraussetzung, unter welcher alle Beschäftigung mit Beweisen oder zu Beweisendem, und zwar auf weltlichem wie auf vedischem Gebiete, stattfindet; und ebenso beruhen auf ihr alle Lehrbücher, mögen sie nun Gebote und Verbote oder auch die Erlösung betreffen. –'Aber wie ist es möglich, daß die Erkenntnismittel, wie Wahrnehmung u.s.w., und auch die Lehrbücher sich auf den Bereich des im Nichtwissen Beruhenden beziehen?' Antwort:
weil man ohne den Wahn, daß in Leib, Sinnesorganen u.s.w. das "Ich" und das "Mein" bestehe, kein Erkennender sein kann,
und folglich eine Bethätigung der Erkenntnismittel nicht möglich ist.
Denn ohne die Sinnesorgane zur Hülfe zu nehmen, findet eineThätigkeit des Wahrnehmens u.s.w. nicht statt die Verrichtung der Sinnesorgane aber wiederum ist nicht möglich ohne einen Standort [den Leib]; keinerlei Aktion des Leibes aber ist möglich,
ohne daß man auf ihn das Sein des Selbstes (der Seele, âtman) übertrüge; und ohne daß dieses alles stattfindet, d.h. bei der [von der Leiblichkeit] unabhängigen Seele ist eine Erkenntnisthätigkeit gar nicht möglich.Ohne Erkenntnisthätigkeit aber geht das Erkennen nicht vor sich.Folglich beziehen sich die Erkenntnismittel, Wahrnehmung u.s.w. sowie die [erwähnten] Lehrbücher auf den Bereich des im Nichtwissen Beruhenden. Ferner auch deswegen [gehört die weltliche und die vedische Erkenntnis in den Bereich des Nichtwissens], weil [dabei] ein Unterschied von den Tieren nicht stattfindet. Denn sowie die Tiere, wenn z.B. ein Ton ihr Ohr berührt, falls die Erkenntnis durch diesen Ton u.s.w. für sie von unangenehmer Art ist, sich davon wegwenden, und, falls sie angenehm ist, sich hinzuwenden, – wie sie z.B., wenn sie einen Menschen mit einem aufgehobenen Stocke in der Hand vor sich sehen, in der Meinung: "der will mich schlagen", zu fliehen suchen, und wenn sie ihn mit einer Hand voll frischen Grases sehen, sich zu ihm hinwenden: – ebenso pflegen auch die Menschen, wiewohl ihre Erkenntnis entwickelter ist (vyutpanna-cittâh), wenn sie Starke von grausigem Ansehen schreiend und mit gezückten Schwertern in den Händen wahrnehmen, sich von ihnen abzuwenden
und zu den Entgegengesetzten sich hinzuwenden. –
Sonach ist, in Bezug auf Mittel und Gegenstände des Erkennens,
das Verfahren bei Menschen und Tieren das gleiche. Allerdings geht bei den Tieren die auf das Wahrnehmen u.s.w. folgende Thätigkeit ohne vorheriges Urteilen (viveka) vor sich;

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Kommentar von D.Jahnke am 16. August 2016 um 9:04am

Die ganze Welt ist nur ein Blendwerk (Maya), welches Brahman als Zauberer (Mayavin) aus sich heraussetzt (Prasurayati), und von dem er, wie dieser von dem durch ihn geschaffenen Zauber, nicht berührt wird; oder, mit anderer Wendung des Bildes, Brahman wird durch das Nichtwissen, so wie der Zauberer durch das Blendwerk, als nicht einheitlich erscheinen gemacht (Chibavyate); er ist die Ursache des Bestehens (Sthiti-Karanam) der Welt, wie der Zauberer des aus ihm herausgesetzten Zaubers, und Ursache der Zurückziehung der Welt in sein eigenes Selbst (Sva-Atmani Eva Upasamhara-Karanam), ähnlich wie die Erde die Wesen in sich zurückzieht; das Vielheitstreiben (Bheda-Vyavahara) während des Bestehens der Welt und die Vielheitskraft (Bheda-Shakti) vor und nach ihrem Bestehen beruhen beide auf dem Nichtwissen oder der falschen Erkenntnis. An diesem Begriffe der Avidya, des Mithyajnanam, prallt nun jede weitere Untersuchung ab; woher dieses Nichtwissen, welches uns allen angeboren wird, entspringt, erfahren wir nicht; am tiefsten führt noch das mehrfach gebrauchte Bild von dem Augenkranken, der zwei Monde sieht, wo in Wahrheit nur einer ist. Übrigens ist das Nichtsein der Welt nur ein relatives: die Vielheit der Erscheinungen, die Namen und Gestalten, die Maya sind Tattva-Anyatvabhyam Anirvacaniya, d. h. „man kann nicht sagen, dass sie Brahman (Tat) sind, und auch nicht, dass sie von ihm verschieden sind". Sie sind, wie die Gestalten des Traumes, wahr (Satya), solange der Traum dauert, und sind es nicht mehr, nachdem das Erwachen (Prabodha) eingetreten ist.

Kommentar von D.Jahnke am 17. August 2016 um 8:23am

Diesen Idealismus, den wir in den Upanishaden erst aufdämmern sehen, sucht der Vedanta mit der vedischen Schöpfungslehre dadurch in Einklang zu bringen, dass er behauptet, jene Schöpfung bedeute nur die Identität (Ananyatvam, Tadatmyam) der Welt mit Brahman; die Welt sei die Wirkung, Brahman die Ursache, Wirkung und Ursache aber seien identisch, ein Satz, zu dessen Beweis als Hauptargument das Beharren der Substanz beim Wechsel der Zustände dient. >>>> E N D E

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