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Wintersonnenwende, Jesus, Weihnachten, Christentum & Yoga

Dezember ist der dunkelste Monat im Jahr – und gleichzeitig der glitzerndste: Die Einkaufsstraßen in den Städten sind hell erleuchtet, überall locken Weihnachtsmärkte mit Düften, allerlei Köstlichkeiten für Zunge, Ohren, Augen und Nase.
Manche Yoga Übende lassen sich ein auf dieses Getümmel, lassen sich von den Weihnachtsliedern und der ganzen Stimmung anstecken. Manche Yoga Übende sehen das ganze Getümmel als ein Zeichen des Verfalls der Zeit, für den Materialismus der Gegenwart.
Weihnachten steht in Verbindung mit menschlichen Emotionen und Sehnsüchten, mit dem Wunsch nach Liebe, Harmonie, Frieden. Für manche ist die Advents- und Weihnachtszeit die schönste Zeit im Jahr. Für andere kommen gerade vor Weihnachten diverse Konflikte zum Vorschein, frühere leidhafte Erfahrungen zurück ins Bewusstsein.
Ich möchte in diesem Artikel einige Gedanken zur Wintersonnenwende darlegen und vielleicht einen Beitrag zu einer tieferen Betrachtungsweise leisten. Dieser Beitrag steht unter dem Motto „Einheit in Verschiedenheit“, welches ja das Motto vieler indischer Yoga-Meister (z.B. Swami Sivananda) und auch vieler deutscher Yoga Kongresse (z.B. Potsdam 2009) war und ist.

Wintersonnenwende

Die Zeit um die Wintersonnenwende galt zu allen Zeiten in den meisten Kulturen, am meisten natürlich in den nördlichen Regionen, als besonders heilige Zeit. Versetzen wir uns in eine Zeit ohne Zentralheizung, ohne künstliches Licht. Und vergegenwärtigen wir uns, dass es damals weniger gute Kleidung und unzureichende Vorratshaltung gab, und dass kleine Klimaschwankungen im Winter Hunger bedeuten konnten – dann verstehen wir, dass die Menschen sich darüber freuten, wenn die Tage wieder länger wurden, es absehbar wurde, dass es wieder wärmer werden würde. Die kürzesten Tage im Jahr waren so etwas ganz Besonderes. Auch heute können wir uns daran erinnern: Wenn es am dunkelsten ist, kommt bald wieder Licht. Leben ist Rhythmus. Auf Zeiten der Dunkelheit und der Verluste folgen Zeiten des Lichtes und der Freude. Es gibt Zeiten, um nach außen zu gehen, aktiv zu werden. Und es gibt Zeiten, nach innen zu gehen und von innen neue Kraft zu bekommen.
So feiert man in den meisten Kulturen auf der nördlichen Erdhalbkugel besondere Feste. Ich möchte diese Feste hier kurz nennen zusammen mit einer möglichen Bedeutung vom Yoga Standpunkt aus:

  • Bei den alten Römern fanden um die Wintersonnenwerde die Saturnalien statt. Es war - der Jahreszeit entsprechend - ein Opferfest des Heroskönigs, der in die Unterwelt gesandt wurde, um dort mit seinem göttlichen Ebenbild eins zu werden. Yoga Deutung: Dies steht für das tiefe Eintauchen mittels der Meditation in unseren Geist, um jenseits aller unterbewussten Eindrücke unser wahres göttliches Selbst zu erkennen und mit diesem Göttlichen Kern zu verschmelzen.
    Der Saturn gilt in der griechischen Mythologie und auch in der westlichen und indischen Astrologie als der Hüter der Schwelle. Er ist der Einschränkende. Vor der Erleuchtung kommen oft Schicksalsschläge, manchmal ist Entsagung notwendig. Beides steht unter dem Saturn-Prinzip
  • Bei den Juden wird das Chanukkah-Fest gefeiert (dieses Jahr 11.-20. Dezember 2009). Dieses zelebriert den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem durch die Makkabaeer. Israel stand unter der Fremdherrschaft der Antiochiden. Die Juden haben unter der Führung einer Familie, der Makkabaeer, das Joch der Fremdherrschaft abgeschüttelt. Nach der Befreiung von Jerusalem entzündeten sie das Tempellicht. Dabei geschah ein Wunder, nämlich dass eine kleine Menge Öl 8 Tage lang Licht gab. Yoga Deutung: Manchmal stehen wir unter der Fremdherrschaft von Gier, Süchten, Ego, fühlen uns fremdbestimmt. Da bedarf es einiger Mühen, sich davon zu befreien. Wir können im Inneren unseren Tempel des Herzens immer wieder zum Leuchten bringen. Wenn wir uns darum bemühen, aus unserem Herzen einen Tempel zu machen, wird Gott unser Herz mit Licht füllen. Und manchmal, wenn es unmöglich erscheint, vollbringt Gott ein Wunder in uns.
  • In Indien findet Dipavali, das Lichterfest, zwar ca. 2 Monate vorher statt, hat aber eine ähnliche Bedeutung. Dipavali feiert die Rückkehr der Gottinkarnation Rama in die Hauptstadt Ayodhya nach 14 Jahren Exil. 14 Jahre lang hatten die Bewohner von Ayodhya auf Feuer und Licht verzichtet. Als Rama wieder zurückkehrte, wurden überall Freudenfeuer entzündet. Yoga Deutung: So kann es sein, dass wir Gott, die Liebe, aus unserem Leben verbannt haben. Und auch wenn wir materiell vieles haben, fehlt das Entscheidende im Leben. Wenn so Gott, das göttliche Licht, die Liebe oder wie auch immer wir es ausdrücken wollen, in unser Herz einzieht, können wir wirkliche Freude empfinden. Nach Meinung mancher Ayurveda Lehrer ist die Zeit der Wintersonnenwende der Übergang von der Vata zur Kapha-Zeit und hat als solches eine wichtige Bedeutung.
  • In China gibt es 1-2 Monate nach der Wintersonnenwende das chinesische Neujahrsfest. Nach der Legende kam jährlich ein menschenfressendes Monster aus den Bergen, um seinen Hunger nach dem Tiefschlaf zu stillen. Um sich vor dem Jahresmonster zu schützen, machten die Menschen Lärm und Feuer und färbten alles rot. Yoga Deutung: Ego und Gier können wie ein Monster werden – gerade wenn man eine Weile einfach gelebt hat, können diese wieder zum Vorschein kommen. Es gilt die innere Leere zu füllen mit Licht, Liebe und Enthusiasmus. Dann können die inneren „Monster“ transformiert werden.
  • Weihnachten ist bei uns in Europa sicherlich als christliches Fest am bekanntesten. Es feiert die Geburt von Jesus Christus, des Gottessohnes als Erlöser der Menschheit. Es ist übrigens nicht belegt, dass Jesus tatsächlich am 24.12. geboren wurde. In der Frühkirche waren verschiedene Daten, einige davon im Frühjahr, in Gebrauch. Und bis heute wird in der Ostkirche Jesu Geburt am 6. Januar gefeiert. Aber von der Symbolik her passt es sicherlich am besten, die Geburt des Heilands auf die Mitte der Nacht in die Mitte des Winters sowie auf die Zeit der Saturnalien zu verlegen. Weihnachten gilt als eines der 3 Hauptfeste des Christentums (Weihnachten, Ostern, Pfingsten). Über die eigentliche christliche Bedeutung kannst Du sicherlich in Gottesdiensten, in christlicher Literatur und von anderen Christen am meisten erfahren und erleben. Und wer durch Yoga-Praxis und Meditation seinen Geist und sein Herz geöffnet hat, bekommt manchmal im christlichen Gottesdienst wieder einen neuen Bezug zur christlichen Religion.

Weihnachten und Adventszeit in einer Kundalini Yoga Interpretation

Zusätzlich zur historischen und religiösen christlichen Dimension kann man Weihnachten auch als Sinnbild des spirituellen Weges, der Geburt des Christusbewusstseins in uns interpretieren. Interessanterweise haben sich ja in den letzten Jahrhunderten im Westen Weihnachtsbräuche entwickelt, die eigentlich mit den historischen Gegebenheiten vor 2000 Jahren in Israel wenig zu tun haben, dafür aber germanisch-keltische Elemente integrieren, die sehr stark an Kundalini Yoga Symbolik erinnern: In der Adventszeit werden vier Kerzen nacheinander angezündet. Dies kann man sehen als Symbol für die schrittweise Öffnung der ersten 4 Chakras, Bewusstseinszentren:

  • Muladhara Chakra, das Erdzentrum, die Verankerung in der Natur
  • Swadhisthana Chakra, das Wasserzentrum, der Zugang zur Quelle der Kreativität, die Verbindung mit anderen Menschen
  • Manipura Chakra, das Feuerzentrum, der Enthusiasmus, das Gestalten der Lebenswelt.
  • Anahata Chakra, das Luftzentrum, ist das Herz-Chakra, der Sitz der Liebe, der Schau Gottes und der Freude.

Wenn das Anahata Chakra, das Herz-Chakra, geöffnet ist, kann das Jesus-Kind, also die Liebe Gottes, das Christus-Bewusstsein, in uns geboren werden.
Wenn dann die Gottesliebe in uns erwacht, wird es schön, hell, warm. Das wird symbolisiert durch den Weihnachtsbaum, der mit vielen Lichtern und reichem Schmuck erstrahlt. Man kann de Weihnachtsbaum sogar als Allegorie für das Nadi-Chakra-System sehen: Der Stamm ist wie die feinstoffliche Wirbelsäule (Sushumna Nadi). Die Stellen, an denen die Äste aus dem Stamm kommen, sind wie die Chakras (Energiezentren). Wenn Gott in uns geboren wird, ist das die Erweckung der Kundalini, welches zu allen möglichen Lichterfahrungen, Wonneerfahrungen, Segenserfahrungen führt, was durch die vielen Lichter und den Schmuck symbolisiert wird.
Das Herzchakra, das mit Weihnachten so viel zu tun hat, steht für Liebe und Freude. Die ganze Symbolik des Schenkens, des Feierns in der Familie, steht so für dieses Anahata Chakra. Auch wenn vieles heutzutage veräußerlicht scheint, kannst du doch hinter allem Materialismus tiefe spirituelle Symbolik erkennen.

Die Umstände der Geburt von Jesus Christus als Symbol für Raja und Jnana Yoga

Jesus wurde inmitten der Nacht geboren. Interessanterweise wurden auch Buddha und Krishna der Legende nach genau um Mitternacht geboren. Jesus wurde darüber hinaus dann geboren, wenn die Tage am kürzesten sind. Und wenn es am dunkelsten ist, dann wird Gott geboren. Jesus wurde in einer Krippe, in einem Viehstall, also in ärmsten Verhältnissen geboren. Um diese Symbolik noch zu verstärken, wurde in früheren Jahrhunderten von den Strenggläubigen während der ganzen Adventszeit gefastet, bzw. mindestens kein Fleisch gegessen. Die Älteren (oder Mittelalten J ) unter den Lesern werden sich vielleicht erinnern, dass früher außer am Nikolaustag während der Adventszeit keine Plätzchen etc. gegessen wurde, sondern erst nach dem Gottesdienst an Heiligabend. Und für gläubige Christen ist oft der Mitternachtsgottesdienst, die Christmette, eine besondere spirituelle Erfahrung. Die Christmette ist typischerweise von sehr meditativer Stimmung.

Im Jnana Yoga, dem Yoga der Erkenntnis, gibt es die „Sadhana Chatushthaya“, die vier Eigenschaften eines Aspiranten. Die erste ist „Vairagya“, das Loslassen von Verhaftungen und Wünschen. Dies entspricht auch der ersten Seligpreisung Jesu: „Selig sind die da arm sind im Geiste, denn ihren gehört das Himmelsreich“ (Matth. 5,3). Wenn unser Geist sich von Verhaftungen löst, wofür Mitternacht und die dunkelste Zeit im Jahr steht, kann Jesus in uns geboren werden.
Vairagya entsteht manchmal auch durch schwere Schicksalsschläge. Viele Menschen sind durch schwere Krankheit, durch Verluste und persönliche Krisen auf den spirituellen Weg gekommen. Manchmal braucht es „tiefste innere Nacht“, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, um sich auf tiefere Wahrheiten zu besinnen. Wie ein altes Sprichwort sagt: „Immer wenn du meinst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“

Im Yoga Sutra von Patanjali, der wichtigsten Schrift des Raja Yoga, heißt es: „Yogash Chitta-Vrtti-Nirodha. Tada Drashtu Svarupe ‘vasthnam“ (Yoga Sutra I 2-3): „Yoga ist das zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist. Dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen“. Die Mitte der längsten Nacht im Jahr symbolisiert die tiefe Meditation. Wenn der Geist in der Meditation zur Ruhe gekommen ist, erfährt der Meditierende seine wahre Natur. Und die Erfahrung der wahren Natur ist wie die Geburt Gottes im Menschen.
Wenn die Tage am kürzesten sind inmitten der Nacht ("Weih-Nacht"), wenn unser Geist sich zurückzieht von den äußeren Ablenkungen, alles (unsere Sinne und Gedanken) schläft, dann kann das "Hochheilige Paar" Unterscheidungskraft (Joseph) und Intuition (Maria) wachen, und die Geburt des Gottesbewusstseins (Jesuskind) erleben.

Einheit in Verschiedenheit

Vereinzelt wird ja Yoga Übenden der Vorwurf gemacht, dass man als Westler besser keinen asiatischen Weg gehen sollte, sondern besser bei der Spiritualität des eigenen Kulturkreises bleiben sollte. Darauf kann man zum einen antworten, dass das für Europa so charakteristische Christentum ja nicht aus Germanien, sondern aus Palästina stammt. Zum anderen predigen christliche Missionare seit vielen Jahrhunderten auf allen Kontinenten. Schließlich ist es geradezu das Schöne an der heutigen Zeit, dass Elemente verschiedener Kulturen uns bereichern: Fast jeder isst gerne beim Italiener, Griechen, Türken, Chinesen. Menschen hören gerne Musik, die aus Amerika kommt und afrikanisch beeinflusst ist. Vieles was wir essen, stammt aus Amerika, Asien oder Afrika. Unser Öl stammt aus dem Nahen Osten, die Kleidung aus China, die Internet Technik aus Amerika und die Internet Programmierer aus Indien. Und wir sind alle Kinder des einen Gottes. Die Welt ist zum „Globalen Dorf“ zusammengewachsen. Die heutige Zeit ist wie die Zeit um Christi Geburt eine Zeit der Verschmelzung bzw. Befruchtung der Kulturen.
Dann wird manchmal gesagt, dass man die Traditionen nicht miteinander vermischen dürfe. Es wird vereinzelt von christlicher Seite beklagt, dass der moderne Mensch sich aus verschiedenen Traditionen wie in einer Art spiritueller Supermarkt bediene und so seine eigene „Patchwork-Religion“ zusammen bastelt.
So war es jedoch auch bei den Frühchristen der ersten Jahrhunderte. Jesus war Jude und so fest verankert in der jüdischen Tradition. Seine Eltern sind mit Jesus nach Ägypten geflohen, wo sie mit ägyptischem und hellenistischem Gedankengut in Kontakt kamen. Israel stand unter römischer Fremdherrschaft. Die Zeit von Jesus Christus war geradezu eine Zeit der Verschmelzung der Kulturen. Persische, griechische, mesopotamische, römische, keltische Kulturen verbanden sich im Römischen Reich. Durch Handelsbeziehungen gab es Austausch zum indischen und chinesischen Kulturkreis.
So kann man im sich im in den ersten Jahrhunderten herauskristallisierenden Christentum Elemente verschiedener spiritueller Traditionen sehen:

  • Natürlich steht das Christentum auf der Basis des Judentums
  • Griechisches Gedankengut wurde besonders durch das Wirken von Paulus integriert
  • Manche sehen im Ideal der Entsagung, welches weder im Judentum noch bei den Griechen existierte, Elemente aus dem Buddhismus: „“Verkaufe was du hast und folge mir nach“ (Mk 10,21). „Ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen“ (Mk 10, 29).
  • Die starke Betonung des drohenden Endes der Welt kam wahrscheinlich über den Manichäismus ins Christentum
  • Und die römisch-katholische Kirche hat natürlich viele römische Formen, die lateinische Sprache und über Augustinus und andere Kirchenlehrer viele Elemente griechisch-römischer Philosophie übernommen

So ist das Christentum selbst ein Beispiel, wie sich verschiedene spirituelle Traditionen miteinander verbinden können. Dabei zeigten die ersten Jahrhunderte des Christentums eine sehr große Bandbreite christlichen Glaubens. Da waren die Unterschiede von Gemeinde zu Gemeinde, aber auch von Gläubigem zu Gläubigem riesengroß. Nicht umsonst sagte Jesus: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ (Joh 14,2). Ich verstehe darunter, dass es viele Weisen gibt, zu Gott zu kommen, viele Weisen, Spiritualität zu leben. Jesus als Gottessohn betonte geradezu die Überlegenheit der Gottes- und Nächstenliebe über Tradition und Ritus.

So sind wir heute wieder in einer Zeit der Verschmelzung und der Befruchtung der Kulturen. Die Beschäftigung mit verschiedenen spirituellen Traditionen kann das Herz öffnen und zur Völkerverständigung beitragen. Und ein Yoga Aspirant kann von den Lehren Jesu Christi profitieren, und ein Christ von den verschiedenen Praktiken des Yoga.

Yoga und Christentum

Wenn ich über „Yoga und Christentum“ schreibe, ergeben sich drei Fragen:

  • Vertragen sich Yoga und Christentum?
  • Gibt es Elemente von Yoga und Christentum, die sich nicht vertragen?
  • Was hat ein Christ von der Yoga Praxis?
  • Kann ein nicht-christlich geprägter Yoga Aspirant von den Lehren Jesu Christi Inspiration bekommen?

Ich will auf diese Fragen kurz eingehen:

  • Vertragen sich Yoga und Christentum: Da gibt es viele Meinungen, auch und gerade in den christlichen Kirchen. Außerhalb der großen Kirchen gibt es solche, die alles Yoga (und Autogenes Training und Homöopathie) für Teufelswerk halten. Auf der anderen Seite gibt es viele christliche Pfarrer, Priester und Mönche, die selbst Yoga üben. Ich selbst lese gerne in der Bibel, gehe ab und zu in den Gottesdienst – für mich selbst stellt sich da nicht die Frage nicht. Für mich ist das selbstverständlich eins. Jesus sagte: „Ich und mein Vater sind eins“ (Johannes 10,30). „Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt 5,48). „Das Königreich Gottes ist inwendig in euch (bzw. mitten unter euch)“ (Lk 17,21). All diese Aussprüche Jesu sind sehr ähnlich wie die Aussprüche der Upanishaden: „Aham Brahmasmi – Ich und Gott sind eins“. „Tat Twam Asi – das bist du“. „Sarvam Khalvidam Brahma – alles ist wahrhaftig Gott“. Von christlicher Seite wird manchmal argumentiert mit dem Ausspruch „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh. 14,6). Ich sehe da aber keinen Widerspruch. Letztlich heißt das für mich: Wir kommen zu Gott nur durch Gott bzw. durch Gottes Gnade. Wir kommen nicht durch irgendwelche äußeren Heldentaten zu Gott, sondern letztlich durch Öffnung zu Gott. Wie Swami Krishnananda, ein Schüler Swami Sivanandas, sagte: In Wahrheit bemüht sich nicht das Individuum, zu Gott zu kommen. In Wahrheit ist es Gott selbst, der im Menschen sich als spirituelle Praxis und als Gotteserfahrung manifestiert. Im 1. Buch Mose heißt es: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“. Das interpretiere ich so, dass wir aus dem Materiellen, aus Geld und Vergnügen, keine Götter machen sollen. Vielmehr sollen wir erkennen, dass letztlich alles Schöpfung und Manifestation des einen Gottes ist. Ich glaube, dass z.B. die Unterschiede innerhalb des Christentums und innerhalb des Buddhismus bzw. innerhalb des Hinduismus größer sind als die zwischen Christentum und Buddhismus bzw. Christentum und Hinduismus. Und so bin ich der festen Überzeugung, dass Yoga als religionsungebundene Spiritualität sehr gut einhergehen kann mit christlichem Glauben und Praxis
  • Gibt es Elemente von Yoga und Christentum, die sich nicht vertragen? Da kann man sicherlich einiges finden, was sich nicht verträgt. Ich will nur zwei herausgreifen
    • Manche Christen haben einen Ausschließlichkeitsanspruch. Sie glauben, dass man nur durch einen Glauben, nämlich ihre Interpretation des Christentums zum Heil kommen könne und dass alles andere in die Hölle führe und Teufelswerk sei. Das verträgt sich natürlich nicht mit einer tolerant ausgerichteten Yoga-Lehre, die von Einheit in Verschiedenheit ausgeht
    • Für die traditionellen Kirchen verträgt sich Glaube an Reinkarnation nicht mit der Lehre von Jesus. Ich selbst sehe da zwar keinen Widerspruch, meine sogar, dass sich in einigen Versen des neuen Testaments Ansätze von Reinkarnationsglaube zeigt. Und es gibt auch im Christentum viele Vertreter, die von Reinkarnation ausgehen. Dennoch ist der Glaube an Reinkarnation für die Vertreter großen Kirchen der größte „Knackpunkt“.
    • Manche Yoga Übende zitieren gerne aus Holger Kerstens Buch „Jesus lebte in Indien“, in welchem der Autor zu beweisen sucht, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sondern nur scheintot war, nach Indien gewandert und dort gestorben ist. Dies ist für die Kirchen gänzlich unakzeptabel. Denn die christliche Heilslehre basiert darauf, dass Jesus für die Vergebung der Sünden am Kreuz gestorben ist.
    • Manche Yoga Übende haben mit manchen Konzepten traditioneller christlicher Theologie ihre Probleme, wie Ursünde, Unfehlbarkeit des Papstes und der Erlösung allein durch den Kreuzestod Christi

Ich meine allerdings, dass diese Widersprüche mit Demut zu lösen sind. Letztlich bleibt das Göttliche für den Menschen ein Mysterium. Und auch wenn man in Meditation und Samadhi in höhere Ebenen des Bewusstseins geht, kann man das Erlebte nicht in Worte fassen. Wenn wir uns bewusst sind, dass alle Konzepte nicht die Wirklichkeit abbilden, können wir als Suchende den spirituellen Weg mit Demut gehen.

  • Was hat ein gläubiger Christ von der Yoga Praxis? Hier will ich nur ein paar Beispiele nennen:
    • Auch ein gläubiger Christ hat in der heutigen Zeit manchmal Verspannungen und diverse psychosomatische Probleme. Da kann die Hatha Yoga Praxis mit Körperübungen, Atemübungen, Tiefenentspannung entscheidende Hilfen geben
    • Vielen Christen fehlt in ihrer religiösen Praxis etwas: Manche wünschen sich die Einbeziehung des Körpers – hier kann Hatha Yoga wie Ganzkörpergebet zur Verehrung Gottes geübt werden. Manche wünschen sich, im Gebet ihren Geist zur Ruhe zu bringen und für Gott zu öffnen. Hier können die Pranayama Übungen, die Meditationstechniken sowie die Raja Yoga Techniken zur Geisteskontrolle von entscheidender Bedeutung sein. Manche Christen empfinden Christentum als etwas kopflastig oder auch sehr stark als Sozialarbeit. Sie wünschen sich als Ergänzung mehr authentische Erfahrung. Hier können die Yoga Übungen von großem Nutzen sein
    • Manche Christen wissen intuitiv, dass in der heutigen Zeit weniger das Trennende sondern vielmehr das Verbindende von Bedeutung ist. Hier bietet das religionsübergreifende Yoga einen Bezugsrahmen auch für den Dialog der Weltreligionen untereinander
  • Kann ein nicht-christlich geprägter Yoga Aspirant von den Lehren Jesu Christi Inspiration bekommen? Ja, das meine ich sehr wohl.
    • Das Ideal der Nächstenliebe wird von Jesus sehr viel stärker in den Mittelpunkt gerückt als in den Yoga Schriften. Zwar ist im Yoga Sutra immer wieder von „Maitri Bhavana“ (Mitgefühl, Nächstenliebe) und „Ahimsa“ (Nichtverletzen) die Rede. Aber die Worte Jesu gehen auch heute noch in besonderem Maße zum Herzen. Nicht umsonst haben viele Yoga Meister (z.B. Swami Sivananda und Mahatma Gandhi) regelmäßig in der Bergpredigt gelesen und zur Richtschnur ihres Handelns gemacht. Nicht umsonst fehlen im heutigen Indien in keinem größeren Ashram soziale Werke (Hospital, Waisenheim, Leprastation, Tuberkulose-Betreuung etc.). Mehr als vielen bewusst ist, hatte das Christentum Einfluss auf die Entwicklung des Yoga seit dem 19. Jahrhundert.
    • Jesus hat gelehrt, dass es nicht um Buchstabentreue sondern um die Liebe geht. Auch daran sollte man als Yoga Aspirant denken – denn auch unter Yoga Aspiranten gibt es manchmal große Streitigkeiten um die korrekte „Technik“ der Übungen. Da ist es immer wieder hilfreich, an die beiden wichtigsten Grundsätze zu denken, die Jesus immer wieder betont hat: (1) Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. (2) Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Nach Mat. 22, 34-40).
    • Gerade die vom Christentum Enttäuschten, die vielleicht sogar eine Anti-Haltung zum Christentum entwickelt haben, können durch die Beschäftigung mit yogischen Interpretationen der Lehren Jesu eine leidvolle Erfahrung auflösen, einen Schritt weiter zum inneren Frieden kommen.

Das waren nur einige Gedanken zu Weihnachten, Advent, Wintersonnenwende, Christentum und Yoga. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich die religiösen Gefühle von jemandem verletzt habe oder bestimmte christliche oder andere Lehren unvollständig oder unkorrekt dargestellt habe. Da die Interpretationen von Christentum so unterschiedlich sind, ist es nahezu unmöglich, über christliche Glaubensinhalte und Jesus zu schreiben, ohne dass jemand fühlt, dass ich etwas ganz falsch geschrieben habe. Ich möchte hier betonen, dass es mir fern liegt, jemanden verletzen oder schlecht über etwas schreiben zu wollen. Vielmehr war es mein Anliegen, mit diesem Artikel einen sicherlich unvollkommenen Beitrag zur Verständigung zwischen Religionen und Kulturen zu leisten, gemäß dem Motto: „Einheit in Verschiedenheit“.
Auch möchte ich betonen, dass man Yoga auch praktizieren kann, ohne an einen „persönlichen Gott“ zu glauben. Wer also alles oben Gesagte als zu „religiös“ empfindet, kann die Yoga Praxis mit einem anderen Bezug angehen. Yoga kann als religionsübergreifendes und religionstranszendierendes Übungssystem, das auf Erfahrungswissen beruht und empirischer Forschung zugänglich ist, mit verschiedensten weltanschaulichen, religiösen und nicht theistischen Überzeugungen einhergehen bzw. auch ohne eine konkret feste Überzeugung geübt werden.

Wenn du jetzt dieser Tage durch die hell strahlenden Einkaufsstraßen gehst, erinnerst du dich vielleicht daran, dass dies symbolhaft für innere Erleuchtung steht. Wenn du siehst, wie die Menschen nach Geschenken rennen, denke vielleicht daran, dass dies Ausdruck von Liebe und Mitgefühl ist. Und vielleicht findest du in der Adventszeit Momente der Besinnung, an denen du über tiefere Fragen nachdenken kannst. Wenn es irgendwie geht, meditiere am 24.12. um Mitternacht. Fühle dich verbunden mit Suchenden auf der ganzen Welt. Schaue, ob das Christusbewusstsein oder wie auch immer du es nenne willst zu dieser Stunde in dir neu geboren wird.
In diesem Sinne wünsche ich dir Frohe Adventszeit und Gesegnete Weihnachten.

Sukadev Bretz, Gründer und Leiter von Yoga Vidya.


Mehr Infos:


Alle Seminare bei Yoga Vidya:

http://yoga-vidya.de/seminar

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Tags: Jesus, Sicht, Weihnachten, Yogische

Kommentar von Susanne am 15. Dezember 2009 um 10:03am
Namsté Sukadev,

ich möchte wieder einmal was fragen und zwar wie verhällt es sich dann wenn ein Yogi oder Yogini zwar Christ ist und aber auch gleichzeitig die 3 Hauptgötter im Hinduismus anbeten möchte. Ich selbst bin zwar kein Christ mehr weil ich aus der Kirche vor recht langer Zeit ausgetreten bin und mich auch von allen andern christlich orientierten Einrichtungen fernhalte aus dem einfachen Grund weil ich da bis jetzt nichts gutes erlebt habe sonder nur sehr viel Leid an meinem eigenen Menschssein erfahren durfte aber ich glaube dennoch an Gott aber ich weis einfach nicht wie ich Gott anbeten soll, wie man im Hinduismus Gott bzw die 3 Hauptgötter anbetet und wie sich das im Falle eines Christusl Gläubigen vertäügt wenn er den Gott der Christen wie auch die Götter des Hinduismus anbeten möchte. Ich selbst habe wie gesagt so meine schwierigkeiten weil ich ja aus einem sehr stark geprägten christlichen Hintergrund kommen und ich mich immer noch nicht von dieser Art von Gehirnwäsche erholt habe die besagt "du sollst keine anderen Götter neben mir haben" und der zusatze von manch einem könnte in diesm Fall noch latuten "ausser den einen wahren Gott Jesus Christus" sie verstehen also Jesus als Gott und nicht Gott als eben das was er ist. Und das ist das was mich immer wieder durcheinander birngt. Andererseits denke ich mir dann das es nur EINEN Gott gibt und die 3 Hauptgötter im Hinduismus eben auch nur einer ist aber eben Gott angebetet wird was er eben ausserdem noch ist und ihm dann zugleich noch verschidene Namen gegeben werden zur leichteren anbetungsform. Wie im Christentum es eigentlich auch so ist dor hätte wenn sich die Christen im laufe der Jahrunderte nicht so dagegen gestellt hätten und sie es ja förmlich abgeschaft haben Gott auch total verschiedene Namensbezeichnung für das was er eben noch ist. Aber wie gesagt diese Namen gigeng in vergessenheit.
Ich denke das was erstmal von meiner Seite ich was das Tema angeht ziemlich verwirrt, aber ich hoffe ich bekomme Antwort wie man betet wie man im Hinduismus betet und wie ich meinen Glauben zu dem ganzen ausleben kann und vertieven kann.

Liebe verwirrte namstétisch Grüße, Susanne.

hamster2882@web.de
Kommentar von S.Müller am 16. Dezember 2009 um 5:18pm
I'm glad that I read this from you. The last several weeks I've been shaking my head at all of the meaningless materialism and consumerism. One can learn to see all of these "festivities" in a new light, one with a deepness and powerful meaning. Your thoughts here were like a very nice Christmas present for me....thank you very much!!:) "Einheit in Verschiedenheit", it can really be so simple.....
Kommentar von Ute K. am 18. Dezember 2009 um 8:25pm
Lieber Sukadev,
auf diese wunderbaren Worte habe ich gewartet - sie sprechen genau das an, was mich - als Christ - seit Beginn meiner Yogalehrerausbildung umtreibt und beschäftigt. Der Bezug zum Christentum ist sehr wichtig für meine eigene Praxis - ich bin durch die Ausbildung Gott näher gekommen.
Vielleicht können wir uns Anfang Januar persönlich unterhalten - da bin ich in Bad Meinberg.
Kommentar von Radha Boros am 21. Dezember 2009 um 4:05pm
Mein geliebter Guruji, lieber Sukadev,
vielen herzlichen Dank für Deinen, wie immer inspirirenden Kommentar über die Weihnachtszeit bzw. Wintersonnenwende. Auch hieraus werde ich wieder Vortragsmaterial für meine Schüler entwenden, natürlich werde ich Dich als Autor betont erwähnen.
Ich wünsche Dir, Deiner lieben Gattin und dem gesamten Yoga Vidya Team ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes, glückliches 2010.
Radha vom Yoga Vidya Zentrum Schwabmünchen
Kommentar von Sylvia Neuer am 22. Dezember 2009 um 5:13pm
danke dir, liebster Sukadev. war sehr aufschlussreich und inspirierend.
dir deiner gattin und dem yoga vidya team ein wundervolles besinnliches weihnachtsfest
und glück, gesundheit für 2010
namaste, sylvia neuer

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