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Der Jäger – oder der Gejagte (Nacherzählung, Kommentar)

© 2017 Text: Bhajan Noam - Es war einmal ein Jäger, der war einen ganzen Vormittag auf der Jagd und hatte nichts erlegt. Zur Mittagszeit wurde er hungrig. Da entledigte er sich seiner Waffe, setzte sich gemütlich unter einen Rhododendrenbaum und packte sein mitgebrachtes Lunchpaket aus. Am selben Tag hatte auch ein Tiger in der Umgebung gejagt und nichts erbeutet.
 
Als er den Mann witterte und schließlich arglos da sitzen und futtern sah, dachte er: "Aha, da ist ja meine Beute!“ Vorsichtig schlich er sich an. Aber ein trockener Ast knackte unter seinen Pfoten. Der Jäger schrak hoch, fuhr herum und erblickte das Raubtier. Sein Herz raste, die Nackenhaare sträubten sich und alle Muskeln spannten sich an. Dummerweise hatte er sein Gewehr drei Meter weit entfernt an den Stamm des Baumes gelehnt. Zu weit, ihm blieb nur die Flucht.
 
Im Zickzack und gebückt rannte er rechts und links an den Bäumen vorbei und unter den niedrigen Ästen hindurch
so rasch er nur konnte. Doch es gibt ein uraltes Naturgesetz, welches besagt: Tiger läuft schneller als Mensch. Der Jäger erlebte hautnah, dass es tatsächlich so ist. Fast spürte er den heißen Atem des Raubtiers in seinem Nacken. Da sah er vor sich am Waldrand einen alten Brunnen. Mit langen Sätzen und einem gerade noch rechtzeitigen Sprung entkam er um Haaresbreite dem Tiger.
 
Während des Fallens standen seine Gedanken still und so griff er beherzt nach einer Wurzel, die auf halber Höhe aus der Umfassung ragte, denn er wusste ja noch nicht, wie tief der Brunnen ist und ob er nicht an dessen Grund zerschmettern würde. Als er langsam wieder zu Atem kam – das Grollen des Tigers über sich – und seine Augen das Halbdunkel unter ihm durchdrangen, erblickte er zu seinem Entsetzen eine große Pythonschlange, die sich vom gar nicht fernen Grund des Brunnens ihm entgegenreckte. Fast hätte er vor Schreck die Wurzel wieder losgelassen. Zitternd klammerte er sich an ihr fest und hoffte, seine Kräfte würden nicht schwinden.
 
Doch da machte er eine neue furchtbare Entdeckung. Neben dem knorrigen Holz, an dem er baumelte befand sich ein Loch, aus dem abwechselnd eine weiße und eine schwarze Ratte hervorkamen und an der Wurzel nagten. Sie ließen sich durch nichts stören. Glücklicherweise schien ihm die Wurzel aber recht dick zu sein.
 
Während er nun so da hing, entdeckte er gleich nebenan eine Bienenwabe. Der süße Duft des Honigs stieg ihm in die Nase und es verlangte ihn nach dieser Köstlichkeit. Mit einer Hand griff er danach und schleckte von dem tropfenden Honig, während die wütenden Bienen ihn zugleich zerstachen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, doch es war nur eine kurze Zeit, da hatten die weiße und die schwarze Ratte die Wurzel durchgenagt. Der Jäger fiel in die Tiefe des Brunnens, wo ihn die Pythonschlange fraß.
 
 
Mein Kommentar:
 
Dies ist die Geschichte unseres Lebens. Der Tiger ist die Zeit, die uns jagt. Die Wurzel ist das Leben, an dem wir hängen. Die weiße und die schwarze Ratte sind die Tage und Nächte, die dahineilen. Die Pythonschlange ist der Tod, der auf uns lauert. Die Honigwabe stellt die Sinnesobjekte dar, von denen wir uns Freude und Erfüllung versprechen, obwohl die Stacheln und das Gift der Bienen uns immer wieder eines Besseren belehren sollten.
 
Gibt es einen Hoffnungsschimmer in dieser Geschichte? Aber ja! Von Rabbi Nachman habe ich die folgende positive Sichtweise gelernt: Wer sich in einer solch verzweifelten und ausweglosen Lage der vergänglichen Süße des Honigs, so wie dieser Jäger, hinzugeben versteht, der bringt im nächsten Leben die beste Voraussetzung mit, sich in jeder Situation der unendlichen Süße Gottes preiszugeben. Er wird unausweichlich einem Meister begegnen, der ihn darauf hinweist – indem er ihm vielleicht diese Geschichte erzählt.
 
© 2017 Bhajan Noam
 
Seiten des Lebens: www.bhajan-noam.com
 
 
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Tags: Bhajan_Noam, Geschichte, Kommentar, Nacherzählung

Kommentar von Lupine am 6. August 2017 um 10:00am

Sehr tröstlich;

Kommentar

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