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YOGA IN DER NAZI-ZEIT - Ein ZEIT-Interview mit Mathias Tietke. Mathias Tietke ist Fachjournalist mit den Schwerpunkten Yoga, Indien und Filmkunst. Tietke ist zudem Sachbuchautor und redaktioneller Mitarbeiter der Fachzeitschrift "Deutsches Yoga-Forum". Seit 1998 ist er Yogalehrer BDY/EYU. Tietke lebt in Berlin.

Himmler bezog sich auf den Yoga der Erkenntnis. Yoga und Nazis? Das klingt zunächst unvereinbar. Im Interview sagt der Yoga-Experte Mathias Tietke, wie und welchen Yoga die Nationalsozialisten für sich vereinnahmten.

(Äußerer Anlass für mich, dieses Interview zu veröffentlichen, ist die Erinnerung an die Reichspogromnacht, die sich heute zum 75.mal jährt.)

DAS ZEIT-INTERVIEW:

ZEIT ONLINE: Herr Tietke, in ihrem Buch untersuchen Sie die Rolle, die Yoga im Nationalsozialismus spielte. Zu welchem Ergebnis sind sie gekommen?

Mathias Tietke: Sicher ist, dass im sogenannten Dritten Reich Yoga praktiziert wurde. Neben regimekritischen oder neutralen Yoga-Richtungen gab es den "arischen Yoga". Da man fälschlicherweise annahm, der Yoga stamme aus der vedisch-arischen Kultur, war es vergleichsweise leicht, Yoga als "das geheime Wissen der Arier" zu konstruieren. Begonnen hat diese Verklärung bereits im 19. Jahrhundert, zum Beispiel bei Schopenhauer und den Theosophen. Auffällig ist, dass der im NS-Staat verbreitete Yoga kaum der körperbetonte Hatha-Yoga war, der heute populär ist, sondern vor allem ein rein geistiger Yoga.

ZEIT ONLINE: Inwiefern harmonierte der geistige Yoga mit der NS-Ideologie?

Tietke:Heinrich Himmler bezog sich beispielsweise auf den Jnana-Yoga, der Yoga der Erkenntnis, wie er in der Bhagavad Gita vermittelt wird. Die in diesem Text propagierte Notwendigkeit, mit innerer Gelassenheit zu töten, diente dem Reichsführer der SS dazu, sein eigenes Handeln zu legitimieren. Eine andere zentrale Figur der nationalsozialistischen Yoga-Rezeption war der Indologe und SS-Hauptsturmführer Jakob Wilhelm Hauer. Bei ihm wurde Yoga zu einer indo-arischen Metaphysik des Kampfes und der Tat.

ZEIT ONLINE: Gibt es im Yoga, das heute praktiziert wird, Anknüpfungspunkte zur NS-Ideologie?

Tietke: Eher nicht. Es wird ja zurzeit auch eher der körperliche Yoga, der Hatha-Yoga rezipiert. Wer heute Yoga praktiziert, möchte vor allem gesundheitliche Probleme lösen, sich entspannen oder den Körper optimieren. Mitunter wird dies mit Hindu-Folklore verknüpft, man lässt sich ein OM tätowieren, trägt T-Shirts mit Sanskritversen, bittet um den Segen vedischer Götter und zündet ein Räucherstäbchen an. Das ist zumeist harmlose Peripherie. Sowohl diejenigen, die im Yoga mehr Tiefgang suchen und sich mit den ethischen, historischen und philosophischen Hintergründen befassen, als auch jene, die eine von Reinheit geprägte Erlösungslehre vertreten, sind heute klar in der Minderheit.

ZEIT ONLINE: Steckt nicht in dem – auch im körperlichen Yoga verbreiteten – Meisterkult die Sehnsucht nach einem Führer?

Tietke: Die Sehnsucht nach einer Autorität und jemandem, der führt, Sinn stiftet und Weisheiten vermittelt, ist auch in der Yoga-Szene stark verbreitet. Aber wer westlich sozialisiert ist, stellt auch Fragen und bleibt in der Regel kritisch. Die Yogalehrererin und Yogabuch-Autorin Anna Trökes beklagt diese Einstellung in ihrem Buch Die sieben Schätze des Yoga . Sie plädiert für "Verpflichtung und Hingabe" gegenüber Lehrern und Meistern. Ich habe bereits öfter betont, dass ich diese Form der unkritischen Yoga-Rezeption ablehne. Nicht zuletzt missbrauchen manche Yoga-Meister ihre Autorität. Einige angesehene Yoga-Meister haben Schülerinnen und Schüler missbraucht, sowohl emotional als auch wirtschaftlich oder sexuell. Wer auf diese Missstände hinweist – wie ich dies des Öfteren getan habe – macht sich unbeliebt in Teilen der Yoga-Gemeinde.

ZEIT ONLINE: Von dem Klischee, Yoga sei gleich Friede, Freude, Räucherstäbchen, scheint jetzt nicht mehr viel übrig?

Tietke: Dieser Eindruck stammt aus den Sechzigern, dem Beginn der zweiten Hochphase der Yoga-Rezeption im Westen. Friede und Freude sind sicher Werte, die zum Yoga gehören. Dies ist eine Facette einer vielschichtigen und komplexen und sich wandelnden Methode, die in jeder historischen Etappe eine spezifische Prägung erhält durch den jeweiligen geografischen und kulturellen Rahmen. Wir brauchen eine kritische Yoga-Rezeption, die den Mut hat, sich auch mit den Schattenseiten dieser Tradition auseinanderzusetzen. Mir persönlich geht es um Aufklärung in Bezug auf die Geschichte des Yoga und die gegenwärtige Yoga-Szene.

ZEIT ONLINE: Was die Verstrickung von Yoga und politischer Gewalt angeht – endete die mit dem Fall des Dritten Reichs?

Tietke: Leider nicht. Es gibt aktuelle Beispiele dafür, wie Yoga dazu benutzt wird, Gewalt zu rechtfertigen. Als Reaktion auf 9/11 publizierte der Yogagelehrte Georg Feuerstein einige Texte, die den Krieg im Irak als den Kampf gegen das Böse legitimierten. Auch er argumentierte mit Versen aus der Bhagavad Gita. Zudem bezieht sich Feuerstein seit vierzig Jahren unkritisch auf die Arbeiten des Indologen und SS-Hauptsturmführers Jakob Wilhelm Hauer. Noch eklatanter ist, dass Hindunationalisten während der anti-muslimischen Unruhen im indischen Bundesstaat Gujarat, bei denen mehr als 2.000 Menschen getötet wurden, die Veden rezitierten. Direkt vor dem Blutbad wurden die gleichen Mantren angestimmt, wie sie auch in religiös orientierten Yogaschulen gechantet werden.

 

INTERVIEW VON YS (Yogaservice) MIT MATHIAS TIETKE

 

ys: Mathias, Yoga in der Nazizeit – ein dunkles Kapitel! Was hat dich an diesem Thema gereizt?

In der öffentlichen Wahrnehmung und Auseinandersetzung existiert diese historische Etappe des Yoga bislang nicht. Thematisiert hat es bislang lediglich der Stuttgarter Religionswissenschaftler und Yogalehrer Christian Fuchs, der in seiner 1990 publizierten Dissertation „Yoga in Deutschland“ immerhin drei Seiten zu dieser Phase geschrieben hat. Von ihm kam auch die Anregung, dass sich mal jemand intensiver mit dieser Thematik befassen müsste. Diesen Impuls habe ich aufgegriffen. Yoga-Ratgeber gibt es inzwischen mehr als genug und auch die Nischen sind mittlerweile doppelt und dreifach besetzt. Mich faszinieren eher jene Bereiche, die noch nicht erschlossen und bearbeitet sind. Nach den ersten Recherchen im Bundesarchiv und in der Staatsbibliothek konnte ich schnell feststellen, dass es immens viele Belege und Unterlagen zu Yoga im Nationalsozialismus und der Zeit unmittelbar davor gibt, wo bereits rassistische Perspektiven mit der Vermittlung des Yoga verknüpft wurden. Erstaunlich war und ist, wie viele Berührungspunkte es gab und gibt.


Das Cover des Buches zeigt Hellseher Max Moecke, in der Hochschule der Okkultisten
seine Fähigkeiten vorführte, die er auf die Yogapraxis zurückführte.
Veranstalter war der 1933 gegründete Verein der Okkultisten.
 © Ludwig Verlag

ys: Berührungspunkte zwischen Nazis und Yogis? Die einen stehen für furchtbare Gewalt und Zerstörung, die anderen für Friedfertigkeit. Wie geht das zusammen?

Es gab Yogapraktiker und Yoga-Autoren, die aus dem Raja-Yoga, der damals ganz überwiegend vermittelt wurde, einen speziell „arischen“ Yoga entwickelt haben. Der geistige Yoga galt als der „höchste“ Yoga. Dieser „höchste“ Yoga wurde mit dem Ideal der indo-arischen Rasse verknüpft, der minderwertige Rassen gegenüber gestellt wurden. Das wurde sowohl von indophilen Philosophen wie Schopenhauer und Houston Chamberlain formuliert als auch von den Theosophen vertreten. Helena Blavatzky schreibt in ihrer monumentalen „Geheimlehre“ mehrfach von den „Söhnen des Yoga“, die zur dritten Rasse zu zählen wären. Der Chirologe Ernst Issberner-Haldane propagierte ab Ende der 20er Jahre die Yogalehre der geistigen Aristokratie der weißen Rasse, die den Unwürdigen nicht anvertraut werden sollte. Solche Ausführungen finden sich auch noch in der 6. Auflage seines Buches „Yogha-Schulung für westliche Verhältnisse“, das 1988 unter dem Titel „Kosmische Religion. Yoga-Schulung“ erschien. Der Tübinger Indologe und Yoga-Experte Jakob Wilhelm Hauer, der bis zum SS-Hauptscharführer aufstieg und innerhalb des Sicherheitsdienstes (SD) Veröffentlichungen kontrollierte und sich beispielsweise vehement gegen Rudolf Steiner einsetzte, befasste sich jahrzehntelang mit den wesentlichen Schriften des Yoga und passte Yoga an die nationalsozialistische Ideologie an. Bei ihm wurde Yoga zum „Heilweg“ und zur indo-arischen Metaphysik des Kampfes und der Tat.

ys: Wo sind die Berührungspunkte, wie muss man sich den arischen Yoga vorstellen?

Zum „arischen“ Yoga wurde etwa ein Abschnitt aus dem vierten Kapitel der Bhagavad Gita, in dem es um den Yoga der Erkenntnis (Jnana-Yoga) geht. Heinrich Himmler war fasziniert davon und trug die Gita ab 1941 ständig bei sich. Er gab einzelne Passagen aus dem vierten Kapitel explizit an höhere SS-Offiziere weiter, zum Beispiel in seiner Geheimrede in Posen 1943. Dazu gehörte etwa der Gedanke aus der Bhagavad Gita, dass man seine Pflicht zu erfüllen hat, ganz im Sinne des Dharma, und das man sich von seiner Tat abkoppeln soll. Angesichts des Genozids und des Krieges war es für einen Massenmörder wie Himmler eine Wohltat, in einem „heiligen“ Buch, das die Ethik der Kshatriya-Kaste propagiert, zu lesen, dass es eine erstrebenswerte Lebensaufgabe ist, aus seiner Pflichterfüllung heraus zu kämpfen und zu töten, aber sich dafür nicht verantwortlich zu fühlen, weil es um etwas Höheres, um eine höhere Ordnung geht. Himmler äußerte sich sogar dahingehend, dass es nach dem Krieg Meditationszentren geben sollte, wo die Führungskräfte des Nazireichs sich zum Retreat einzufinden hätten, um bei Schwarzbrot und Buttermilch sich meditierend selbst zu finden. Die SS sollte nicht nur eine eiskalt kämpfende und mordende Sturmstaffel sein, sondern auch ein spiritueller Orden.


Heinrich Himmler ließ in der Wewelsburg in Padersborn eine „Gruft“ mit ewigem Feuer bauen. In die Decke
darüber ist diese Swastika eingelassen. © Mathias Tietke

ys: Und wie muss man sich die Praxis des Yoga vorstellen?

Da der von den Theosophen, später auch von der Neugeistbewegung geschätzte und vermittelte Raja-Yoga dominierte, gab es kaum Körperübungen wie im Hatha-Yoga. Es ging um Konzentrationsübungen und das Visualisieren von Fähigkeiten, es wurde Mantratönen praktiziert und eine gesunde und bewusste Lebensweise empfohlen. Hatha-Yoga-Übungen, die im Westen vor allem aus dem Praktizieren von Asanas bestehen, vermittelte in den 30er und 40er Jahren lediglich der Exilrusse Boris Sacharow, zum einen in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg, zum anderen durch Lehrbriefe, die er in fünfzig Städte Deutschland verschickte. 

ys: Hat neben der Bhagavad Gita auch das Yogasutra von Patanjali eine Rolle gespielt?

Das Yogasutra spielte bei den Theosophen und auch in der Neugeistbewegung durchaus eine Rolle, aber man befasste sich kaum oder gar nicht mit den ersten vier Stufen, also weder mit der Ethik des Yoga noch mit Asana und Pranayama. Dort, wo die Ideologie des Nationalsozialismus direkt mit Yoga in Berührung kam, wie bei Issberner-Haldane, bei Hauer und bei Heinrich Himmler, dort ging es nicht um das Yoga-Sutra oder die Hatha-Pradipika, sondern es gab entweder keinerlei Bezugnahme auf Quellschriften des Yoga, wie bei Issberner-Haldane, oder die Zitate stammten aus der Bhagavad Gita, wie bei Hauer und Himmler.

ys: Die Arier tauchen etwa ab dem 3. vorchristlichen Jahrtausend in Indiens Geschichte auf. Ist diese Kultur auch eine Schnittmenge zu den „Ariern“ der Nazi-Ideologie?

Einige führende Nationalsozialisten haben nach der Ur-Heimat der Arier gesucht, deshalb gab es auch die von der SS finanzierte Expedition von Ernst Schäfer nach Tibet. Und der indische Politiker Tilak nannte als Heimat der Arier das eisfreie Polargebiet, was er aus den Veden herauslas und durch Astrologie. Gemeinsamkeiten beziehungsweise eine Schnittmenge zwischen den historischen arischen Kriegern und dem Arier-Ideal der Nazis, von dem die NS-Führungsriege selbst weit entfernt war, gibt es durchaus. Im Rigveda kommt die vermeintliche Überlegenheit gegenüber den dunkelhäutigen Ureinwohnern deutlich zur Sprache. Nach der Selbstdarstellung in den Veden sind die analphabetischen Reiternomaden eine sich mit Soma berauschende, kriegerische Herrenrasse. Entsprechend und folgerichtig bedeutet der Sanskritbegriff ârya: „edel geboren, ehrenhaft, Herr!“


Filmaufnahmen im Internet wie diese zeigen Eva Braun bei Übungen, die heute auch im Hatha-Yoga
praktiziert werden. Ob sie sie selbst als „Yoga“ bezeichnet hat, lässt sich nicht nachweisen.

 

ys: Haben die Autoren der Nationalsozialisten, die sich mit Yoga auseinandersetzt haben, deiner Meinung nach Yoga verstanden?

Es kommt ganz darauf an, was die oder der Einzelne unter Yoga versteht, welche Präferenzen sie oder er hat. Unter Yoga kann man durchaus auch eine Mischung aus Hinduismus und rein geistigem Yoga verstehen. Yoga der kriegerischen Tat oder strengste Askese und Weltflucht, auch dies kann Yoga sein. So wird es in den alten Schriften  vermittelt. Yoga war zudem eine Geheimlehre, die den gehorsamen Söhnen der Brahmanenkaste vorbehalten blieb. Über den indischen Yogalehrer Swami Ramdev ist seit einigen Jahren zu lesen und zu hören, mit seinem Yoga sowohl Krebs als auch Aids und Homosexualität zu „heilen“. Außerdem behauptet er, dass den Indern die Weltherrschaft zustehe. Er hat Millionen Anhänger und ist täglich im indischen Fernsehen präsent. Auch dies gehört zum Spektrum des Yoga.

ys: Du setzt dich ja auch mit der heutigen Yogaszene intensiv auseinander. Kann man aus den historischen Studien Lehren ziehen, siehst du vielleicht sogar Parallelen?

Bemerkenswert ist, dass mit den gleichen Argumenten wie in den 20er, 30er und 40er Jahren heute vertreten wird, dass es im Sinne des Yoga ist, seinen Dharma zu erfüllen und sich einer spirituellen Autorität ganz hinzugeben. Während meiner Yogalehrerausbildung (Mathias Tietke ist BDY-zertifizierter Yogalehrer, Anm. d. Red) wurde in einem Seminar zur Bhagavad Gita seitens der Referentin vertreten, es wäre das Karma der Juden gewesen, vernichtet zu werden und es stünde uns nicht zu, dies positiv oder negativ zu bewerten. Als ich widersprach, wurde mir nahe gelegt, nicht alles mit dem Kopf zu bewältigen, sondern zu meditieren und dadurch die Weisheit der Bhagavad Gita zu erkennen. Diese Art der Indoktrination, der ich auch nach der Yogalehrer-Ausbildung in Yogaworkshops und -seminaren begegnet bin, war durchaus mit eine Motivation, dieses Buch zu schreiben. Diese Erfahrungen, wie auch die Auseinandersetzung mit dem Thema „Yoga im Nationalsozialismus“, machen deutlich, dass es Momente gibt, wo man die Augen öffnen sollte, wo nicht Hingabe, sondern Widerspruch notwendig wird.  Das Sanskritwort „viveka“ drückt sehr gut aus, was auch im Kontext des Yoga weiter zu kultivieren ist: die Fähigkeit, zwischen Mythen, Konditionierungen und Wahrheitsgehalt zu unterscheiden.

ys: Bietet die körperorientierte Einstellung des Hatha-Yoga eine Art Sicherheit gegen ideologischem Missbrauch?

Aus meiner Sicht schützen auch die im Westen überwiegend verbreiteten Spielarten des Hatha-Yoga nicht davor, dass sich jemand mit einer bestimmten Person, einer Idee oder dem „Wissen“ vollständig identifiziert oder indoktriniert wird. Der Vernunft und der eigenen Erfahrung und Perspektive zu vertrauen, ist ebenso wichtig wie die persönliche Freiheit im Sinne von Unabhängigkeit.

ys: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Seiten des Lebens: www.bhajan-noam.com

 

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Tags: Bhajan_Noam, Nationalsozialismus, Yoga

Kommentar von Bhajan Noam am 10. November 2013 um 2:55pm

Yoga unterm Hakenkreuz

von Mathias Tietke

Der Reichsführer-SS will die Vernichtung der Juden – und beruhigt sein Gewissen mit alten indischen Versen. Heinrich Himmler ist nicht der einzige Nazi, für den 1942 Yoga wichtig wird

Bevor Heinrich Himmler am 9. August 1942, einem Sonntag, zum Essen bei Adolf Hitler aufbrach, empfing er Punkt 9 Uhr im Büro seines Hauptquartiers eine andere wichtige Bezugsperson: den Massagetherapeuten Felix Kersten. Dieser korpulente Mann, zwei Jahre älter als Himmler, galt seit Mitte der 1920er Jahre bei Adligen und Politikern in Deutschland „als magischer Buddha, der durch Massage alles heilt“. Seine Technik hatte Kersten von dem chinesischen Mediziner Dr. Ko erworben, und wenn der Reichsführer-SS mit entblößtem Oberkörper vor ihm lag, waren es vor allem dessen Krämpfe und Bauchschmerzen, die Kersten lindern sollte. Dabei führten sie auch vertrauliche Gespräche, von denen der Masseur manche in seinem Tagebuch niederschrieb und die überraschende, bis heute wenig bekannte Seiten Himmlers dokumentieren – zum Beispiel seine Vorliebe für eine alte indische Schrift.

Allein für das Jahr 1942 finden sich im Dienstkalender Himmlers 70 Behandlungstermine durch Felix Kersten. Oft steht er auf dem Tagesplan an erster Stelle: Für 8.30 Uhr oder 9 Uhr lautet der Eintrag in der Regel schlicht „Kersten“ oder „Herr Kersten“. Himmler räumte den Begegnungen mit dem Therapeuten zumeist auch viel Zeit ein – die nachfolgenden Termine waren dann erst mittags angesetzt.

Bei ihren Treffen hatte Himmler auch die ins Deutsche übersetzte Ausgabe der Bhagavad Gita dabei, eine der grundlegenden Schriften des Hinduismus, die zwischen 400 vor und 400 nach Christus entstand. Himmler trug sie stets bei sich. Da die von ihm benutzte Ausgabe nicht größer als eine Postkarte war und lediglich 142 Seiten umfasste, passte sie in die Jackentasche seiner schwarzen SS-Uniform.

Im Gespräch mit Therapeut Kersten offenbarte der Reichsführer-SS seine Faszination für das vierte Kapitel mit der Überschrift: „Dschnjana Yoga – Das Buch von der religiösen Erkenntnis“. Eine Passage daraus sollte Kersten abschreiben: „Zum Schutz der Guten, aber zum Verderben der Bösen, komm ich mitten unter sie, den Weg zu lehren, der zum Heil führt.“ Und weiter: „Doch kann mein Werk mich nimmer mehr beflecken, ich hege kein Verlangen nach Gewinn.“ Dass sein Werk ihn nicht beflecken kann und er „zum Verderben der Bösen“ seine Pflicht tat, war Balsam für Himmlers Seele. Die in der Bhagavad Gita propagierte Kriegerethik kam ihm, der als einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust und millionenfache Gräueltaten in die Geschichte eingehen wird, sehr gelegen.

Mit den Bodenturnübungen auf den rutschfesten Latexmatten von heute haben die Anfänge des Yoga in Deutschland wenig gemein. Vielmehr standen mit Beginn des 19. Jahrhunderts Yoga-Philosophie und Übersetzungen von 500 bis 2000 Jahre alten Schriften im Fokus des Interesses namhafter deutscher Philosophen wie Friedrich Schelling und Arthur Schopenhauer. Schelling definierte Yoga bereits Mitte des 19. Jahrhunderts klar und zutreffend als Innigkeit, Einheit und Einigkeit. Schopenhauer schwärmte von den indischen Upanishaden, einer Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus, die für ihn die „belohnendeste und erhebendeste Lektüre“ waren und womit „der Geist rein gewaschen wird von allem ihm früh eingeimpften jüdischen Aberglauben“. Zur Wertschätzung für die Weltsicht der Arier in den klassischen indischen Schriften gesellte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Abwertung des semitischen und des christlichen Weltbildes.

Zunächst blieben die Ausführungen und Diskurse zum Yoga den Philosophen und einem Teil des Bildungsbürgertums vorbehalten. Erst durch die massenhaft verbreiteten Schriften der Theosophen um Madam Blavatzky und Franz Hartmann Ende des 19. Jahrhunderts fanden Yoga-Lehrer ein größeres Publikum. Dies geschah vor allem durch die von der Theosophie geprägte Lebensreform- und Neugeistbewegung.

Einen ersten Boom verschiedener Arten von Yoga gab es während der Weimarer Republik. Broschüren und Bücher erschienen in hohen Auflagen, und in Anzeigen wurde für Yoga-Kurse geworben. Solche regelmäßigen Kurse gab es beispielsweise am Dorotheenstädtischen Gymnasium in der Dorotheenstraße in Berlin-Mitte. Unter „Yoga-Praxis“ wurde zu jener Zeit noch das Sitzen in der Stille, das Ausrichten der Gedanken auf positive Werte und das Tönen von Silben verstanden.

Die erste Yoga-Schule in Deutschland etablierte 1937 der aus dem ukrainischen Zhemerinka stammende Boris Sacharow mitten in Berlin – zunächst in der Humboldtstraße, ab Mitte der 30er Jahre in der Treuchlinger Straße. Neben seinen Kursen verschickte er ab Mitte der 30er Jahre Lehrbriefe in 50 deutsche Städte. Sacharow unterrichtete bereits ab Mitte der 20er Jahre in Berlin den Yoga des nordindischen Arztes Sivananda, parallel zu seinem Studium der Elektrotechnik an der TU. Zu seinen damaligen Schülern gehörten unter anderem der Nervenarzt und Begründer des Autogenen Trainings Johannes Schultz sowie Luise Hennig, die Privatsekretärin von Komponist Siegfried Wagner – der, von seiner Sekretärin angeregt, selbst eine zeitlang Yoga übte, bis ihm seine Frau Winifred die Übungen untersagte.

Anders als Sacharow konnte der Tübinger Religionswissenschaftler und Yogaforscher Jakob Wilhelm Hauer mit dem nun auch im Westen zunehmend populären Hatha-Yoga, bei dem Körper- und Atemübungen im Mittelpunkt stehen, nichts anfangen. Sein Bezug zum Yoga war der akademische Diskurs. Möglicherweise war es Jakob Wilhelm Hauer, der Heinrich Himmler für die Bhagavad Gita begeisterte. Der einflussreiche Gelehrte, auf dessen Werke noch heute Bezug genommen wird, machte Yoga mit seinen Schriften und in Vorträgen, unter anderem in der Berliner Lessing-Hochschule in der Keithstraße, kompatibel zur Ideologie des Nationalsozialismus. Seine Veröffentlichung zur Bhagavad Gita aus dem Jahr 1934 nannte er programmatisch „Eine indoarische Metaphysik des Kampfes und der Tat“. Darin führt er etwa aus: „Es ist bezeichnend für indogermanisches Seelentum, daß gerade an dem Widerstreit von Kriegerpflicht und Liebe zum eigenen Blut der Pflichtenkonflikt des Lebens gestaltet wird.“

Hauer war SS-Hauptsturmführer und Mitglied des Sicherheitsdienstes der SS, er verfügte über gute Kontakte zu Himmler, aber auch zu SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich sowie Alfred Rosenberg, dem führenden Ideologen der NSDAP und Leiter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete, der sich ebenfalls durch hinduistische Schriften inspirieren ließ. Diese Kontakte nutzte Hauer stets zu seinem Vorteil, und er denunzierte unliebsame Kollegen wie den Gründer der Anthroposophie Rudolf Steiner. In mehreren Schreiben beschwerte er sich etwa darüber, dass noch immer Werke Steiners in Buchläden im Schaufenster lägen.

Es könnte aber auch der italienische Kulturphilosoph Julius Evola gewesen sein, der Himmler den entscheidenden Impuls gab, sich der Bhagavad Gita anzunehmen. Fakt ist, dass Evola im Juni 1938 in den Räumen der Deutsch-Italienischen Gesellschaft in der Uhlandstraße 171/172 einen Vortrag in Anwesenheit mehrerer SS-Offiziere über die „Arische Lehre des heiligen Kampfes“ hielt. Darin heißt es in Bezug auf die Bhagavad Gita: „Das Mitleid, das den Krieger Arjuna davon abhält, gegen den Feind ins Feld zu ziehen, wird von dem Gott Feigheit, unwürdig eines Edlen und vom Himmel entfernend“ genannt. Die Verheißung lautet: „Getötet, – wirst Du das Paradies haben, siegreich, – wirst Du die Erde haben. Deshalb stehe entschlossen auf zur Schlacht.“ Himmler nahm dies interessiert und wohlwollend zur Kenntnis, wie aus einem Brief vom Persönlichen Stab des Reichsführers-SS an das Ahnenerbe e. V. hervorgeht.

Im besagten vierten Kapitel fand Himmler Verse, die seine Grausamkeiten, seine Befehle zum Massenmord legitimierten. Seine SS-Totenkopfverbände, die er als spirituellen Orden geformt hatte, sollten so „kühl und nüchtern“ und letztlich gewissenlos handeln, wie es der Gott Krishna in der Bhagavad Gita dem am Sinn des Krieges zweifelnden Krieger Arjuna nahelegt. Bereits 1925 hatte Himmler notiert: „Kshatriya-Kaste, das müssen wir sein. Das ist die Rettung.“

Die geistige Ausrichtung der SS im Sinne einer Kriegerkaste lag Himmler sehr am Herzen. In seinen nunmehr bekannten und veröffentlichten „Geheimreden“ kam er immer wieder darauf zu sprechen. Da ist vom „heiligen Feuer und heiliger Pflichterfüllung“ die Rede, von den „höheren menschlichen Werten“ und von der Ausrottung der Juden, „ohne einen Schaden an Geist und Seele erlitten“ zu haben. Mehrfach betont Himmler, dass seine „anständigen SS-Männer (...) in ihrer Anständigkeit bereitwillig und opferwillig ihren Dienst gemacht haben“. Ihm gehe es vor allem um die „weltanschauliche und überzeugungsmäßige Erfüllung der Herzen“. Wie aus den Gesprächsmitschriften des Therapeuten Felix Kersten hervorgeht, plagten Himmler wegen der von ihm erteilten Befehle zuweilen Gewissensbisse. Die Bhagavad Gita half ihm darüber hinweg.

1942 formulierte der Reichsführer-SS auch seine Vorstellung, was nach dem Krieg geschehen solle. Während Kersten seinen Bauch massierte, scherzte Himmler, wie sich die Nazi-Führungselite wohl ausnehmen würde, wenn NS-Männern wie dem NSDAP-Reichsleiter Robert Ley und dem Reichsminister des Auswärtigen Amtes Joachim von Ribbentrop „in der Klausur saure Milch und Schwarzbrot als körperliche und die Bhagavad Gita als seelische Nahrung und Meditationsobjekt vorgelegt würden“.

Bis heute wird unter Historikern über die Aussagen des Therapeuten Kersten nach Kriegsende gestritten, wonach dieser seinen Patienten mehrfach davon überzeugt habe, internierte Juden oder politische Gefangene frei zu lassen. Kritiker sagen, diese Behauptungen seien stark übertrieben.

Gemessen an der 5000 Jahre umfassenden Geschichte des Yoga und selbst im Vergleich zu den 200 Jahren Yoga-Entwicklung in Deutschland, nimmt die Verknüpfung von Teilaspekten des Yoga mit der Ideologie des Nationalsozialismus einen geringen Raum ein. Doch die zwölf Jahre nationalsozialistischer Schreckensherrschaft haben zugleich gezeigt, dass auch der wohltuende und entspannende Yoga nicht gefeit ist vor Indoktrination und Plädoyers für Gewalt. Für diese Schattenseite des äußerst anpassungsfähigen Yoga gibt es Beispiele aus jüngster Vergangenheit.

So gab es noch Ende der 90er Jahre einen Fall, bei dem deutschen Teilnehmern an Ausbildungskursen zum Yoga-Lehrer seitens der Referentin gesagt wurde, man müsste nur lange genug meditieren, um anzuerkennen, dass es das Karma der Juden war, vernichtet zu werden und aus der Perspektive des Yoga könnten wir weder den Holocaust noch die Massaker in Bosnien als gut oder schlecht bewerten.

2002 kam es im indischen Bundesstaat Gujarat, wo in den Schulbüchern Hitler als großartiger Staatslenker gefeiert wird, zu Pogromen gegenüber der muslimischen Bevölkerung. Mehr als 2000 Menschen fielen dem wütenden Mob zum Opfer. Legitimiert wurde dies von spirituellen Führern mit Verweis auf die heiligen Schriften der Hindus.

All dies ändert nichts an der Feststellung, dass Yoga guttut und entspannt. Da aber Yoga aus Indien stammt und im Westen häufig verknüpft wird mit Aspekten indischer Kultur und Religion, ist es alarmierend, dass sechs von zehn indischen Studenten den Namen Adolf Hitler nennen, wenn sie gefragt werden, welchen Menschen sie am meisten bewundern. Das ergab vor kurzem eine Umfrage im St. Stephen’s College in Neu-Delhi, einem der Elite Colleges Indiens.

Kommentar von Ruth Elisabeth Kremer am 13. November 2013 um 2:50pm

Om namah shivaya, ja. Es ist die Vielzahl von Noams...Berichten zu bestätigen.
Dies zum Thema Gedankengut, Aufklärung von Handlungsweisen & Denkweisen.
Dies zur Abgrenzung des Bereich von RechtsRadiKaliTät, bis in die heutige Zeit hinein.
Bedingt durch teilweise deutsche & ausländische Coaching-Akademische
Handlungs-Übungs-Besprechungs-Umkehrungen Aktionen, von einzelnen als
auch Gruppierungen.. von Links-Mitte-Rechts-Mitte-Rechts.Ist zerstreut als auch
flächenweise ein Splitter-Spiegelbild von Rechts-Rechts-RechtsVerhältnis von
Gedankengut und Handlungen in verschiedenen Lebensbereichen zu
beobachten. Eingenommen der Bereich Bewegung Business &
Privates. Als Mitglied vom Ayurveda Berufsverband bei Yoga Vidya
wird eine klare hinduistisch-buddistische Ebene ohne Partei bestätigt.
Om Namah Shivaya

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